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Full text of "Archiv für Naturgeschichte"

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NATURGESCHICHTE. 



IN V-ERBCSDUNG MIT MEHREREN GELEHRTEN 



HERADSCEGEBES 



Dn- AR. FR. AUG. WZEGMANX, 

ADSSEROBD. PROFESSOR AN DER FRIEDRICH- WILHELMS -UNIVERSITÄT 
ZV BERLIN. 




DRITTER JAHRGANG. 
Erster Band. 

MIT ZEHN KÜPFERTAFELK 



BERLIN, 1837. 

IN DER NICOLAl'sCIfEN BUCHHANDLUNG. 



Inhalt des ersten Bandes. 



I. Zoologie. 

1) Originalaufsätze. 

Sci'le 
I . Ucber die Byssus der Acephalen, nebst einigen Beracrlcnngen zur 
Anatomie von Tichogonia Chemnitzü JXo^sm. {Mytilus poly- 
morphus Pall) von A. Müller, Dr. med. (Hierzu Taf. I u. II.) 1 

2. Ueber neue Arten der Gattung Tichogonia Rofsm. vom Her- 
ausgeber 47 

3. Ueber die Sexualität der Muscbeltliierc. Notiz von Dr. v. Sie- 
bold 51 

4. Helmintbölogische Beiträge von H. Nathusius. Erster Beitrag. 
Ueber einige Eingeweidewürmer des schwarzen Storches. Fi- 
laria lahiata Crepl. und Strongylu» trachea/is. {Syngamits 

V. Sieb.) 52 

5. Zusatz zum vorhergehenden Aufsalze von v. Siebold. . , , 66 

6. Omithologlsche Reise nach und durch Ungarn von Job. Fr. 
Naumann 69 

7. Ucber die Gattung PterolüVia von Dr. Ericlison 119 

8. Hcrpetologlschc Notizen v. Herausgeber. ( 1) Amtjstes =: OphiopS. 
2) Scincus Fitz. 3) Diplogossus. 4) Euprepes. 5) Xeno- 
dermun.) , 123 

9. Ueber die gestielten Eier der Schlupfwespen vom Prof. Tli. 
Bärtig. (Hierzu T.if. IV.) . '. 151 

10. Beobachtungen über den Dachs von S. C. v. S I c m u s z o w a - 
Pictruski 160 

11. Steganotoma nov. gen. vom Dr. F. H. Troschel. (Taf. 111. 

Fig. 12—13.) 163 

12. Neue Süfswasscrconcliylien des Ganges von demselben. . . 166 

13. Ueber südaracrikanisciie Baupen, besonders über die dortigen Brenn- 

und Giftraupen von Moritz 183 



Seile 

14. Ucber die mit Asterias auraniiaca verwandten und verwech- 
selten Asterien der sicilianischen Küste von Dr. PhilippI, , . 193 

15. Einige Bemerkungen über Guilding's Peripatus vom Heraus- 
geber 195 

16. Berichtigung einer Stelle des Isis vom Prof. v, d. Hoeven. . . 229 

17. Beschreibung zweier mifsgebildeter Seeigel nebst Bemerkungen 
über die Echiniden überhaupt von Dr. P h i 1 i p p i in Kassel. 
(Taf. V.) 241 

18. Ueber GoTgonia paradoxa von demselben 247 

19. Diagnosen einiger neuen Conchyllen - Arten von Anton. . . . 281 

20. Ueber die Fortpflanzung des Pleroptus Vespertilionis Dufour 

von Chr. L. Nitzsch. (Hierzu Taf. Vlll. Fig. 1—3.) . . 327 

21. Neues Genus von Wasserschlangen, von Joh. Jakob Tschudi. 
(Hierzu T.if. Vlil. Fig. 1 — 7.) 331 

22. Filaria? im Gehirn eines Eidechsen -Fötus von Prof. Ralhke. 335 

23. Ueber die Gattung Procyon vom Herausgeber. 353 

24. Ehrenberg*s neuere Entdeckungen über die Bacillarien. . . . 377 

25. Notiz über das Gebifs des Movo vom Herausgeber 378 

26. Familien unter den Kamm -Muscheln von A. Roemer. . . . 379 

27. Podode&mus, ein neues Genus der Accphalen von Dr. Philipp!. 
(Hierzu Taf. IX. Fig. 1.) 385 

28. Zur EntvnckcIuDgsgcschichte der Mollusken und Zoophvtea von 

M. Sars in Korwegen ., .,.,;.' >. iüt' mV \n\\-\ 402 

29. Auszüge aus den Schreiben des Hm. Moritz- in Südamertka, 
mitgetheilt von Herrn v. Brcdow^ auf WageniU. , , . , , , 408 

30. Ucber den Unterschied der Schalenbildung bei den niäaulichen 

und w^eiblichen iVnodootcn von Dr. v. Siebold 415 

2) Auszüge. 

1. Iclilliyologische Beiträge zur Fauna Grönlands vom Professor 
Reinhard. (I.) ., . 235 

2. Ueber eine neue Ordnung der MjTiapodon von J, F. Brandt. 238 

3. Ueber die Benennung des Tapir von Roulin 240 

4. Ueber die Entstehungsweiso der Schwimmblase ohne Ausfiih- 
rungsgang. Notiz von v. Bär 248 

5. Beiträge zur Kenntnifs der Gattungen Campanularia und Sy/i- 
coryna von S. K. Lowcn. (Hierzu Taf. VI.) 

l ) Campanularia 249 

2) Syncuryna 321 



r 

Seite 

6. Ichthyolog Ische Beitrüge zur Fauna Grönlands vom Professor 
Reinhardt. (II.) ' . . 263 

7. Gebier über Perdia altaica. Noilz 267 

8. Ueber dt^n Ziibr oder Auerocliscn des Kaukasus von v. Bär. . 268 

9. Bemerkungen über das Tliier der Argonauta \oxi Rang. . . 286 

10. Elfktrisclic Erscheinungen am Zitterrochen 377 

11. Zur Verbreitung von Cyjjriiuis farenus. Notiz, von Kröyer. . 393 

12. Ueber die Gattungen der Plaglostomen von J. Müller und 
Henle 394u.434 

13. Pflegrautterschaft bei Katzen. Notiz 401 

14. Eligjnodontia^ neues NagethJcr- Genus von F. Cuvicr. . 407 

II. ß o t a n i k. / 

Oi'igiiialaursäfzc. 

1. Die Meinungen von Kämpfer, Thunberg, Linn<5 und Anderen 
über die INluHerpflanze de-i Sternanises, vcrllieidigt gegen Dr. Ph. 

F. V. Siebold u. Prof. G. Zuccarlni von yW . II. de Vriese. III 

2. Bemerkungen über das Vorkommen von Pflanzen in bcifsen Quel- 
len und in ungewöhnlich warmem Boden von H. R. Göppert, 201 

3. Ueber die Epidermis der Pflanzzen von Meyen 211 

4. Einige botanische Bemerkungen von C. S. Kunth 231 

5. Notiz über die Einwirkung freier Kohlens.'iure auf die Ernährung 

der Pflanzen von Dr. M. J. Schieiden 279 

6. Einige Blicke auf die Entwicklungsgeschichte des vegetabilischen 
Organismus bei den Phanerogaraen von Dr M. J. Schlei den. 289u.414 

7. Beweis, dafs die Nulliporen Pflanzen sind, von Dr. Phillppi. 
(Hierzu Taf IX. Flg. 2-6.) 387 

8. Beitr.-ige zur Pflanzcnphysloingle von Meyen. (Hierzu Taf. X.) 419 

(1) Entwlckclung des Gctruldebrandes. 2) Einige Elgentliiim- 
lichkelten der Epidermis verscliiedener Orchideen, 3) Brut- 
knospen bei Laubmoosen. 4) Auflallcnde Bewegung in 
verschiedenen Pflanzentlicilen.) 

III. Petrefaktenkunde. 

1) OrigiDalaufsätze. 

1. Die Slylollthcn sind anorganische Absonderungen, von A. Quen- 

»tcdt. (Taf. III.) 137 



TI 

Seite 

2. Beiträge zur Petrefattenkunde von Demselben 42 

3. Beiträge zur KenDtnlfs der Trilobiien, mit besonderer Rücksicht 

auf ihre bestimmte Gliederzahl, vod Demselben 337 

2) Auszüge. 

1. Ueber die fossilen Gattungen Xarjfiidium und Peridinium von 

C. G. Ehrenberg 273 

2. Ueber fossile Infusorien von Demselben 275 

3. Fossile Quadrumanen ^ 373 



Druckfehler. 

S. 271 Z. 10 von oben in der Diagnose von Procyon cancrivorug ist 
genit vor fuiceicenti-ciiiereis eiDZUSchallen. 



Ueher die Byssus dei' Acephalen, 

nebst einigen Bemerkungen 

zur Anatomie der Tic/iogonia Chemnitzii Rofsm. 

(Mytilus polymorphu» Pall.) 

von 
A. M ü 1 1 e r, Dr. M. 



Hierzu Taf. I. und 11. 

Uie Byssus ist eines von den Mit lein, deren sich die Naiur zur 
Aufhebung der Locomolivitäl bedient, was in den niederen Thier- 
klasscn eine nicht seltene Erscheinung ist. Die hier genannte 
Befesligungsart hat das Merkwürdige, dafs sie durch einen will- 
kührlichen Akt des Thicres herbeigeführt wird, dafs dann aber 
der Willkühr sogleich die Nothwendigkeit folgt, und das Thicr 
für das ganze Leben an eine Stelle gebunden bleibt. Sie ist 
nicht orgaiiisirt, sondern das crhiirtete Sekret einer Drüse, wel- 
ches die (nicht wesentliche) Form von den muskulösen Weich- 
tbeilen des Thicres erhält. Meines Wissens findet sie sich nur 
hei den zweischaligcn Muscheln, an deren Bauchmuskeln sie 
sich anheftet, indem ein zweites Sekret die Verbindung ver- 
mittelt. 

I. Geschichte. 
Die Byssus der Allen wurde aus der Faser verschiedener 
Pflanzen verfertigt, und ist nicht Gegenstand dieser Untersu- 
chung '). Die Byssus der Acephalen findet man in den klas- 
sischen Schriften der Griechen und Römer kaum genannt ; Ari- 



1) Vergl. liierüber: G. W. Wedelli programma de purpura et 
bytto. Jenae ITOtJ. -i. — J. R. Förster de hysao antiqnorum. I^unditii 
1776. 8. — iM. Uns.'i delfe porpttre e delte materie vcatiarie presso gli 
anllrhi. Mudena 17S6. 8. 

Ill.Jalirg. 1. Eanil. 1 



stoteles ') und Plinlus reden nicht davon. Indessen erregte die 
Byssus der phma, die aus langen, feinen Fäden von schön ka- 
stanienbrauner Farbe besteht, schoa früh die Aufmerksamkeit der 
Beobachter, und wnrdc aucli schon früh za Zeugen vcrarbeilel, 
denen man (wohl erst später) wegen einiger Aehiilichlieit mit der 
altenByssus unpassend denselbenNamcn gab. Bocliartus ') glaubt 
sogar, dafs das "'3' kalcb, der Hebräer aus den Fäden der pi7tna 
bereitet sei, was mir sehr gewagt scheint. Die älteste mir be- 
kannte Nachricht von der Verarbeitung der Musclielbyssus ist 
aus dem zweiten Jalirhundert nach Christus von Tertullian *): 
iiec fuil saiis, tunicam pangere et severe, ni etiam piscari vesti- 
tum conllgisset : tiam et de mari vellera, quo (quihusj mu- 
cosae lanosUalis plauliores conchae comanl. Aus dem vierten 
Jahrhundert findet sich eine Stelle in den Predigten des Ba- 
silius *), Erzbischof zu Caesarea, wo er sagt, wie wohl die 
Steckmuscheln die goldene Wolle erzeugten, die noch kein Fär- 
ber habe nachahmen können. Auch Procopius °) gedenkt im 
sechsten Jahrhundert einer cMamys, aus Wolle verfertigt, aber 
nicht aus solcher, die von den Schaafen kommt, sondern die aus 



2) Hiergegen scheint eine Stelle des Aristoteles zu sprechen, küt. 
animal. Hb. V. c. 13 ed. Schneid., wo es heifst: «t 3i ilwui oQ&nl 
(fjVoi'Tfu ly. zov ßvaaoK if xoiq fin(ntiStai xut ßnQßnQwdaoi. Dies ist je- 
doch sicherlich eine falsche Lesart, und li,inn nicht auf das Gespinnst 
der pinna bezogen werden. Denn das Wort fii'tjnoc dient gar nicht zur 
Bezeichnung des Musclielgespinn.sttfS, sondern man Gndet dafür ittwinov 
und nü't'ii'fii' Iqiov. Feiner pafst der Artikel toT' gar nicht zu ßiiaoo<; io 
der Bedeuluug von Gespionst oder Lein^vanJ, denn alsdann ist es geti. 
fem. Man niiif£le es also mit verändertem Accent in der Bedeutung 
von „Tiefe" nehmen, wo es gcii. imisc. ist. Hiergegen spricht aber, 
dafs Aristoteles für diese Bedeutung immer o ßr&oi ^ nie o ßvoim^ ge- 
braucht, weslialh die Leseart des Allienaeus, ix toD ßi'i>ni gewil's die 
richtige ist. Endlich giebt es keinen vernünftigen Sinn, wenn man über- 
setzen wollte : Die Stecicmuscheln entstehen aulVccIit an sandigen und 
sumpfigen Orten aus der Bjssus. Man lese also lieber: „aus der Tiefe," 
wie denn auch Oppian sagt, dafs sie in der Tiefe leben. 

3) Hierozoicoii J. Üb. II c. 45. 

4) TertiiUiaiii über de pallio recens. C. Salmasius. Lugd. Bat. 
1656. 8. p. 45 et 218. 

5) Hexaemeron, homilia VII. 

6) De Jualiniani fabricis. l. III. 



dem Meere genommen ; pinnae sollen d!e Thiere heifsen, welche 
diese Wolle erzeugen. Eiullich sagt Phile '), die pinna zeuge 
ein bcNTunderungswerthes Büschel Haare, als ob sie es aus den 
Eingeweiden der Spinne entnehme, dessen glänzende und zarte 
Feinheit, in die gelben Locken der Jungfrauen gebunden, lustige 
Freier anziehe. — Der Vergleich mit den Spinnen ist trefflich. 

Es schien nicht der Mühe werlh, mehrere dergleichen Stel- 
len aufzusuchen. — Den Naturforschern des 16ten Jahrhunderts 
fehlten noch die physiologischen Kenntnisse, um mit Bestimmt- 
heit eine Ansicht über die Natur der Byssus aussprechen zu kön- 
nen. Man findet bei ihnen sonderbare Vermulhungen oder höch- 
stens eine oberlliichliclie Beschreibung von der Byssus der ^inna. 
So glaubt Bellonius '), die pinna ziehe durch ihre Byssusfä- 
den Nahrung an. G. Rondelet '), Professor zu Montpellier, 
sucht diese Ansicht zu widerlegen. Er sagt auch, dafs die myiuU 
Byssus erzeugen, die sich aber gegen die weiche und zarle Wolle 
der pinna wie Uauf verhalle. Von der Byssus der Allen redet 
er ebenfalls und nennet sie hyssus ierrenus zum Unterschiede vom 
marinus und glaubt, dafs beide in den kostbaren Zeugen ver- 
mischt gewesen seien. U. Aldrovandi '") untersucht, ob 
Aristoteles Recht habe, wenn er sagt, dafs die pinna aus der 
Byssus entstehe, und giebt die Ansichten des Rondelet wieder, 
die überhaupt sehr oft nachgesprochen sind. S. Bochartus ' ') 
ist wichtig für die älteste Oesehichte dieser Byssus. Er scheint 
übrigens der irrigen Meinung zu sein, als wachse die Byssus auf 
der Schale der pinna. und citirt deshalb p. 488. mehrere Stellen 
der allen Schriften, die von der Rauhheit der Schale reden, also 
nicht auf die Byssus zu beziehen sind. 

Noch im 17lcn Jahrhundert erschien eine ausgezeichnete 
Beobachtung über die Byssus des mylilus edulis Linn. von Anton 



7) De animalium proprietale. c. 88. 

8) C. Gesneri hitt. animal. Hb. IV. Tiguri 1558. fol. p. 863. , 

9) Vniterme aqualilium hittoriae pars altera etc. Liigd. 1555. /o?. 
p. 50. »y</. 

10) De reliquis animalibu» exsanguibu» etc. Fruncof. 163.3. ful 
I. m. c. 77. 

11) HieroZ'iicon. Francof. 1675. fol. P. 1.1. II. c. 45. — Vergl. auch 
hierüber: A. Libavius Hingularium P. II. Bombyciorum l.II.c.l. 

1 * 



I 



V. Heide "). Wer die Besdiaffenheit der Tlieile kennt, wel- 
che auf die EntsieLung und Formung der Byssus Bezug haben, 
der wird in v. Heide's Beschreibung Vieles wieder crl<ennen. 
Da aber v. Heide selbst diese Organe weder genau beschrieben, 
noch ihre Bedeutung erkannt hat, so ist es sehr natürlich, dafs 
sie von den folgenden Arbeitern in seinem Werkeben wieder 
übersehen wurden. Er beschreibt den zungenförmigen Muskel 
(Fufs), seine beiden Schenkel, die zur Schale gehen, sowie den 
musc. retractor ganz richtig, hat die grofse Beweglichkeit des 
erstem beobachtet, und beweist, dafs er nicht das Herz sei, da 
er ihn oft ganz fehlend oder verstümmelt gesehen habe, und doch 
kein Thier ohne Herz leben könne. Auch ist ihm die Längs- 
furche des zungenförmigen Muskels (F. 5. ^) bekannt, und er 
bemerkt sogar, dafs sie durch Aneinaudcricgen der Ränder in 
einen Kanal verwandelt werden könne. Er hat ferner im Inne- 
ren des zungenförmigen Muskels das Parenchym der Byssusdrüsc 
gesellen, indem er die äufscrliche caro musculosa von der inne- 
ren pulpa unterscheidet. Er beschreibt auch die Arterie, welche 
an der oberen Seite des Muskels in der Mittellinie verläuft, und 
sagt, sie communicire mit den Gefalsen der Leber, des Eierslok- 
kcs (plnguedo) und der Spitze des Muskels. Die erweiterte, et- 
was vertiefte Stelle am oberen Ende der Längsfurclie, wo (F. 6.) 
die ihm unbekannten feinen Mündungen der Byssusdrüse liegen, 
sah er aber für ein Loch an, und hielt dieses für einen offenen 
Zugang des eben beschriebenen Blutgefäfses, durch welches er 
die Gcfäfse der Leber, des Eierstockes und der Spitze des zun- 
genförmigen Muskels mit Luft und Flüssigkeiten injicirt haben 
will, was nur durch eine gewaltsame Zcrrcifsung geschehen sein 
könnte. Aufscr diesem Gefäfsc redet er noch von zwei seitli- 
chen, die mit ihm communiciren. Dabei hat v. Heide den äu- 
fseren Vorgan('' beim Spinnen der Byssusfädcu richtig beobachtet, 
und wcifs, dafs diese in der Längsfurche geformt werden. Sein 
eben beschricbeues Blutgefäfs bringt er aber hiermit nicht im 
Zusammenhang, denn er sagt p. 33 : »ich war erst zweifelhaft, 
wober der Stoff für die Fäden komme, und weifs kciccu beque- 

12) Aiiatume Mytuli, Beigice Motsel etc. Amitelod. 1683. 8. titin. 
mit Kupfern, p. 25. »qq. 



mer und passender anzanehmen, als die klebrige Materie, wel- 
che aus der OberllSche des zungenförmigen Muskels ausschwitzt 
(gluten e liniguae super/tcie exsiidatis, was nurScIileira ist). Denn 
dies ist ein Kleber, der sich in Fäden ziehen läfst, und iu'der 
Längsfnrche (sinus) unter vielseitigem Drucke seiner Lippen die 
lÜDEliche und runde Form leicht annimmt. Endlich erstreckt 
sich die Furche bis zum Stamme der Byssus (stmneji), den sie 
umgeht, weshalb sich der Kleber leicht mit ihm verbinden kann, 
wenn dieser nicht zum Theil aus den benachl)arten und tiefer 
gelegenen Thcilen hervortritt.« Seine Ansicht über das Wachs- 
thuni der Byssus ist folgende: »Diese Fäden übertrclVen den Fa- 
den einer Spinne niclit an Dicke (der gewaltige Unterschied ist 
wohl ohne Mikrometer zu finden), demungcachtet scheint doch 
der Stamm der Byssus, der viel dicker ist, und vielleicht täglich 
zuwächst, aus einem solchen Faden entstanden zu sein (was ganz 
unrichtig ist). Es ist daher die Frage, wie die gesponnenen Fä- 
den wachsen. Wahrscheinlich setzt sich der Kleber an, der aus 
den Theilen, die an der Basis des Stammes liegen, herausquillt, 
und bewirkt so ilir Wachsthum. Ferner .scheint er wie eine 
Pflanze zu wachsen und verlängert zu werden. Es ist auch 
nicht abgeschmackt, zu sagen, dafs die Fäden sicli durch Anzie- 
liung von Tlieilchen aus dem Seewasser vergröfsern. " Endlich 
liat V.Heide die sonderbare Idee, dafs der mijiitus sich vermit- 
telst dieser Fäden bewegen könne, indem er sich durch Zusam- 
menzichuDg der Muskeln, die sich an der Basis der Byssus in- 
scrircn, erheben und seine Lage nach Gefallen verändern könne, 
und dann entfernter hin einen Faden anlegen. Hierbei bleibt 
V. Heide zu erklären schuldig, wie der Tmjlilns die alten Fä- 
den, die ihn zurückhalten müssen, ablöst, v. Heide kennt also 
die Quelle der Byssusmaterie nicht, und hat noch keinen be- 
stimmten Begriff von organisirten und nicht organisirten Theilen. 

Nicht gar lange hierauf machte Rcaumur '^) ähnliche Be- 
obachtungen, und wie es scheint, ganz unabhängig von Heide. 
Beide haben den mylilus edutis beim Spinnen der Fäden in 



13) Det dißerentes manirres dunt pliisicuri especes d'Animaux de 
Mer M'allac/ieiit etc. In der llintuire de lAcademie rogale des Sciencet. 
Aiinee 1711. l'arin 1730. 4. y. 114. 



eiaem Gefäfse mit Seewasser beobachtet, Beide haben ziemlich 
gleicliviel gesehen, allein Reaumur's BegrilTe sind weit geläu- 
terter und seine Arbeit hat nicht mehr die Farbe der früheren 
Jahrhundertc. Er hat den zungenförniigen Muskel mit seiner 
Längsfurche richtig beschrieben, und bemerkt, dafs in dieser 
Furche die Fäden aus einer klebrigen Materie geformt werden. 
Auch hat er beobachtet, dafs frisch gesponnene Fäden wclfser, 
durchscheinender und glänzender seien als die altern, und dafs 
sie sich immer zu unterst an dem Byssusstamme inseriren. Die 
Byssusdrüse war ihm unbekannt, und er will die ßyssusmaterie 
aus der Wurzel des zungenförniigen Muskels gedrückt haben, wo 
die Ausführungsgänge der Drüse gar nicht liegen. Ueber die 
Natur des Byssusslammcs, an welchem sich die Fäden inseriren. 
und der der Substanz der Fäden sehr ähnlich sei, ist er zvTei- 
felhaft. Die Beobachtung aber, dafs die frischen Fäden immer 
der Basis des Stammes zunächst sitzen, dafs man aber auch an 
den oberen Thcilen des Stammes ältere Fäden findet, neigen ihu 
zu der Ansicht, als wachse der Stamm aus dem Körper nach 
Art eines dicken Haares hervor, an dessen Basis die aus einer 
kleberigen Materie geformten Byssusfäden angeheftet würden. 
Diese Ansicht ist jedoch unrichtig. Reaumur bildet einen beim 
Spinnen beschäftigten myl. edulis ab, und berichtet, dafs er nach 
abgelöster Byssus auf seinem zungcnförraigcn Muskel kriechen 
könne. Auch einen durch Byssus angehefteten pecien bildet er ab. 

D. V. Argenville ") sagt, die Hauptbeschäftigung der 
Weiber in Suiii iia, Messina und Palermo sei, die Seide der Steck- 
muschcl, die dort sehr gemein wäre, zu Handschuhen, Strümpfen 
u.dgl. zu verarbeiten. Uebrigens folgt er der Ansicht Reau- 
mur's und besteht darauf, dafs die mxjtili die Spinnen des Mee- 
res heifsen sollen. 

Pastor F. C. Lesser ") spricht viel über Byssus, und hat 
darüber fleifsig nachgelesen, hat aber keine eigenen Beobachtun- 
gen angestellt. Sein College, Hr. Pastor Chemnitz ' '), nimmt 
es übel, dafs Lesser so dreist rede, wie die Muscheln ihre Fä- 



14) Conchiologie. Wien 1772. fol. p. 77. u. 250. 

15) TestaccotbeolngiK. Leip. 1744. 8. p. 577. scjq. p. 845. u 919. 

16) Der K.-iturforsclicr, lOles Stück. Halle 1777. 8. 



den nmchen, »als ob er von dieser verborgenen Sache durch 
einen geheimen Kanal die richligsten und zuverlässigsfeu Kennt- 
nisse erlangt habe.« Er will sich also »kein so unerweisliches 
Zeug auf den Ermel heften lassen, " sondern lieber mit David 
sagen: »solche Erkenntnifs sei ihm zu wunderlich und za hoch.« 
Besonders reizt es seinen Zorn, dafs Lesscr mit dem Abt Plu- 
che ' ') glaubt, die Muscheln hätten einen auflösenden Saft, um 
die ges[)onneneu Faden wieder zu lösen, der wirklich nicht exi- 
ütirt. Denn es sei mit den Muscheln nicht wie mit einer Haus- 
apotheke, wo man allerhand klebende und auflösende Wässer 
finde. — Ilr. Pastor Chemnitz halte hesser gethan, hei David's 
Spruch stehen zu bleiben, als dafs er ohne Sachkenntnifs gera- 
dezu abspricht, und dann selbst Thcorieen aufstellt, die die ein- 
fachste Bcobaclitung widerlegt, und die hier zu wiederholen zu 
unfruchtbar scheint. 

Poli ") kam in der Kenntnifs der Byssus nicht weiter als 
Reauniur, vielmehr entfernt sich seine Ansicht noch weiter 
von der Wahrheit. Er sagt bei dem mytilus edulis, die Fäden 
seien organisirt wie die Haare der Thiere, und wüchsen auch 
60, (was sich schon aus der äufsercn Form widerlegen läfst). 
Denn die Byssus habe eine organische Form wie ein Baumstamm 
mit seineu Ae.-^leu, und steige lief zwischen die Muskeln des 
Thieres hinab. Ueaumur^s Beobachtung, die ihm hierin wi- 
derspricht, konnte er jedoch nicht leugnen, und half sich also 
durch die Annahme von Fäden zweierlei Art: 1) die organischen, 
die mit dem Tliiere geschaffen sind, und mit ihm wachsen; 2) 
die aus Kleber mittelst des zungenförmigcn Muskels geformten, 
durch welche die in Fleifs und Hülfsmilteln unerschöpfliche Na- 
tur den Mangel der organischen ersetze. Diese seien, wie Re- 
auniur selbst s.igc, an Farbe und Dicke von den organischen 
verschieden. — Frisch gesponnene Fäden der tichogonia sind iu 
der Thal weifs, die älteren schwärzlich. Hieraus schlicfsen wir 
aber nur, dafs auch die schwärzlichen einst weifs waren. Der 
Unterschied in der Dicke ist etwas Zufälliges, worin auch die 
älteren riie gefärbten Fäden unter einander abweichen. Oft mö- 
gen die Fäden deshalb dünner geraihen, weil das Thier nach 



17) Le Hpeclacle de la Xatiire T. I. Entret. 9. 

lö) Teilacea ulriuKj. Skiline, l'arma 1791. ful. pari II. p. 196. 



8 

Zerstörung eines grofsen Theiles oder aller alten Fäden in kurzer 
Zeit viele neu& zum Ersatz des Verlustes hervorbringen niufs, 
wobei Mangel an Stoff eintreten mag. Dies ist besonders zu be- 
rücksichtigen, wenn die abgelösten Thiere sich in Gefüfsen wie- 
der anspinnen. Poli bildet die äufsere Form der Byssus von 
vielen Muscheln ab. 

G. Cuvier ") beschreibt die Bildung der Fäden aus einer 
kleberigeu Materie, die von einer conglonierirten Drüse abgeson- 
dert werde, welche unter der Basis des beweglichen Fufses liege. 
Hier liegt sie wenigstens bei mytitus nicht, und Cuvier scheint 
hierin blofs dem Kcaumur zu folgen. H. M. D. de Blain- 
ville ^°) sagt, es sei eine grofse Merkwürdigkeit, dafs sich bei 
einigen Accphalen die Muskelfasern der Schliefsmuskeln mit ih- 
rem verdickten Eude an äufsere Körper anheften und festkleben 
könnten, und so das Thier fixiren. Dies mache bei der pinna, 
tridacna, mytiliis, arca u. s. w. die Byssus aus. Diese sei also 
gar nicht aus dem Sekrete einer Drüse u. s. w. gesponnen, wie 
CS einige Scliriflslcllcr beschrieben, sondern es sei ein Bündel 
Muskelfasern, die oben vertrocknet, unten an ihrem Ursprünge 
aber lebend und contractu seien, was sie zur Zeil, da sie sich 
anhefteten, in ihrer ganzen Ausdehnung gewesen wären. — Das 
hat Blainville gcvvifs nicht gesehen. Es ist aucli gar nicht 
zu begreifen, wie der vertrocknete Thcil eines Muskels mit dem 
lebenden in Zusammenhang bleiben kann, ohne dafs Eiterung und 
Abstofsung erfolgt. 

Man sieht aus diesem kurzen Abrifs der Grischichte, dafs 
die einzigen genauen Beobachtungen die von v. Heide und Uc- 
aumur sind. Diese geben aber noch kein genügendes Resultat, 
denn es bleiben bei ihnen vcescnlliche Punkte uncrörtcrt: 

1) Die Nachweisung der Quelle der Byssusmalerie. 

2) Die Erklärung, welcher Art die Verbindung der offenbar 

nicht orgauisirten Byssusfäden mit den Muskelfasern sei, 
woran sie sich befestigen. 

3) Die anatomische Untersuchung mehrerer äufserllch verschie- 

dener Arten von Byssus, und der Weicbtheile die darauf 
Bezug haben, um die Analogie der Theilc aufzufmdcn. 



19) Le^oiis ri'nnalotnic comparee. Paris 1805. Bd. V. p. tßi. 

20) Manuel de Malacologie etc. Paris 1825. 8. p. 115. 



und um eine allgemeine Ansicht über die Natur der Bys- 
sus darauf gründen zu künneii, wie denn die Aualoaiic 
immer der Physiologie forhergelicn mufs. 

Der zweite Punkt hat namentlich Poli und Blainvillc 
veranlai'st, die Byssus für organisirt zu Iiallen, was Poli nur 
zvieideulig ausspricht, indem er sie mit Pflanzen und niil Haaren 
verglciclit. Sie glaubten an dem untereu Theile der Byssus eine 
ionige Verbindung mit den Muskelfasern zu sehen, hielten also 
diesen Tbeil für organisirt, oder glaubten ihn wenigstens da ab- 
gesondert, wo er mit den organisirten Theilen in Verbindung 
steht, wie ein Uaar oder Nagel in der malrix steckt. Da sie 
imn aufwärts gehend die Materie der Byssusfäden unverändert 
nud ununterbrochen fanden, mufsicn sie dasselbe vom oberen 
Theilc gelten lassen, also die älteren Beobachtungen, die dem 
geradezu widersprechen, Icugneu. Dies war um so leichter, als 
das Sekretionsorgaa der Byssusmaterie noch nicht nachgewiesen 
war. Aus diesem Grunde sind auch die Meinungen der Physio- 
logen und Anatomen unserer Zeit so getlieilt, die sich der An- 
sicht des Keaumur, Poli oder Blainvillc mehr nähern. 

In der vorliegenden Untersuchung *) habe ich die Beobach- 
tung von jeder Theoiie und subjectiven Ansicht zu trennen ge- 
sucht; das liest sich zwar weniger gefällig, erleichtert aber spä- 
teren Arbeitern die Benutzung und Kritik. Nur zu den musku- 
lösen Organen mochte ich nicht wieder zurückgehen. 

Dafs ich gleich die Byssus einer Beihe von Gatlungeu aus 
verschiedenen Familien untersuchen konnte, verdanke ich der 
grofscn Gef.Tlligkeit der llcrrcn Professoren Lichtenstein, 
J. Müller und \Vieguiann, die mir die Untersuchung des 
belreflenden Materials, welches sich in den hiesigen ftluseen vor- 
findet, so bereitwillig erlaubten, wofür ich ihnen meiuen Dank 
wiederhole. 

II. Beobachtung. 

A. Ucber die Byssus und die darauf Bezug habenden 

Organe im Allgemeinen. 

Das Muskclsystem der Byssiferen raufs vorzüglich aus zwei 
Gründea von dem der byssuslosen Muscheln abweichen: 

•) Die schon ISrzer in meiner Inaugural- Dissertation: De bijuo 
acephaloruin. Berolini 18.36. 4. erecliitatn ist. 



10 

1) haftet die Byssus in den Muskeln des Tliicies, und an ilini 
ist das ganze Tliier aufgehangen. Daher ist eine Vorrichtung zur 
Aufnahme der Byssus uöthig, so wie auch die Ausbildung kräf- 
tiger Muskeln, die von der Byssus zur Schale gehend das ganze 
Gewicht des Thieres tragen können; 

2) bedurfte es zur Formung der Byssus eines beweglichen 
rauskulöscn Organes, von dem sich zwar das Analogon bei den 
byssuslosen Muscheln findet, dem aber hier der Zweck das be- 
stimmte Gepräge gegeben hat. 

Man kann die anodonia als Repräsentanten der gewöhnlich- 
sten Form des Muskcisystems bei den byssuslosen Bivalven an- 
nehmen. Wir finden hier eine muskulöse Decke über den gan- 
zen Bauch (Fufs) ausgebreitet, welche in der Mittellinie eine 
dicke fleischige Carina bildet, und sich mit vier Muskelfascikcln 
dicht bei den Schliefsmuskeln an die Schale heftet. Man pflegt 
diesen ganzen Muskel reiracfor zu nennen, weil er das Thier in 
die Schale zurückzieht. Bei der mya arenaria hat sich auf der 
muskulösen Carina, wo diese am oberen Theile plötzlich zurück- 
tretend eine Ecke bildet, schon ein Muskelstück durch einen 
Einschnitt melir isolirt, so dafs es eine freiere Beweglichkeit er- 
langt ; auch findet man vor ihm in dem geschlossenen Mantel 
eine Oeilnung, durch welche dieses Miiskelslück im ausgedehn- 
ten Zustande hervorgestreekt werden kann. 

Bei den B^ssiferen scliritt diese Isoliiung noch weiter fort. 
Sie haben hier einen sehr bewegliclien Muskel (den zungenför- 
migen Muskel F. 5. l.) der mit seiner etwas breiteren Basis auf- 
sitzt, dessen Körper und Spitze aber freier sind als die einer 
menschlichen Zunge. In der Ruhe liegt er gegen das Mundende 
zu an dem Leibe des Thieres, so dafs seine untere Fläche sicht- 
bar ist. — Zur Aufnahme der Byssus findet sich dicht unter 
diesem Muskel eine Höhle (F. 5. c), von welcher zwei Muskel- 
bündel nach vorn («. ) und zwei nach hinten (r.) wie Radien 
vom Mittelpunkte auslaufen, ohne zugleich den Bauch des Thie- 
res vollkommen zu bedecken; sie inscriren sich gleichfalls dicht 
an den beiden Schliefsmuskeln der Schale. Es hat sich also die 
allgemeine muskulöse Decke der anodonia in die 4 Anheftungs- 
fascikel und den zungenförmigen Muskel geschiedeu. Die Zahl 
dieser Muskelbüudcl ist nicht immer 4, wie bei der iichogonia. 



11 

Beim mylilus eM!s bilden die Muskelfasern, die von der Schale 
kommend zum ziingepföimigeu Muskel gehen, ein besonderes 
Bündel, so dafs bei ihm dieser Muskel mit seinen beiden Schen- 
keln auf dem Vcrcinigungspunklc der vordcni und hintern Bün- 
del des rcltactor reitet. Aufscrdem kommt i/Ocli ein besonderes - 
Bündel zwischen den hinlersleu und den Schenkeln des zungen- 
föruiigen Muskels hinzu, so dafs sich hier jcderseits 4 Bündel 
finden. Bei tichogonia liegen die den 3 hinteren dieser Bündel 
entsprechenden Fasern als hinterer Sclienkel des redactor zu- 
sammen (F. 5. r. ), doch lassen sich nocli deutlich 2 Lagen in 
ihm unterscheiden. Die obersten seiner Fasern kreuzen sich, 
sobald sie, seitlich von den Schalen kommend, sich vor dem 
Herzen vereinigen. Wo sich jederseils nur zwei Bündel des re- 
traclor finden, wie bei licliogonla. sind die vorderen immer vreit 
schwächer als die hinteren, da diese vorzüglich die Byssus auf- 
nehmen, und das Thier tragen müssen. Am aullallendslcn ist 
dieser Unterschied hei der phma, wo die hinteren Bündel Dau- 
mensdicke haben, wahrend die vorderen nicht stärker sind als 
ein Strohhalm. 

Noch herrscht ein merkwürdiger Unterschied in der Lage 
der Muskeln. Gewohnlich liegen sie wie beim mytilus edulis 
und bei mioilonia ganz oberfliichlich; bei der iic/wgonia aber 
werden die hinleren Bündel vom ovar'mtn und dem Darm be- 
deckt, und zwischen ihnen und der Schale liegt nach dem Rü- 
cken zu nur das Herz und der Mastdarm. Deshalb kann sich 
auch die räihselliafle Höhle bei tichogonia nicht linden, die beim 
mytilits eilnlis zwischen den hinteren Muskelbündeln und dem 
Eierstock mit weiter Ocfl'nung anfangend bis zur Mille des Kör- 
pers hinaulliiufl. — Bei der tichogonia kann also der retracfor 
nicht die Funklion haben, die Eier bei der Gcbuit ans dem Eier- 
gange zu drücken, deren v. Biir ') bei der anodonta scharfsin- 
nig erwähnt. 

Da ilic beiden stärkern hinlern Schenkel des relraclor von 
den Schalen her sich vereinigen, und dann die Byssus aufneh- 
men, so haben sie mit der Byssns die Form eines y, an wel- 
chem die Byssus den Schweif darslelll, und die Funktion einer 



*) Meckel's Archiv. Jabri;. 1830. U.fl 4. 



12 

Sehne versiebt. Bei der Kontraktion des Muskels wird dalicr 
das Thier dem äufseren Anhcflungspunkte genähert, wobei sieb 
zugleich die Schalen schlicfsen müssen. Die vorderen Bündel 
des relractor verhüten hierbei, dafs die Byssus mit den hinteren 
zurückgleite. — Die Scbliefemuskcln der Schale scheinen durch 
das Hinzukommen der Byssus keine Veränderungen zu erleiden. 

Der zungenförmigc Muskel zeigt bei allen flluschcln, deren 
Byssus Fäden enthält, auf der unlcien Fläche in seiner Mitte 
eine Längsfurche (F. 5. <.), die nahe an der Spitze mit einer sehr 
kurzen Quecrspalte aufzuhören pflegt. Sie ist sehr tief, und in 
der Tiefe ausgehöhlt, so dafs sie im Queerdurcbschnilt die Con- 
tour einer Flasche mit sehr weitem Halse zeigt, und durch An- 
einandcrlegen der Ränder einen Kanal bilden kann. An der 
Wurzel der Zunge verläuft diese Furche in eine Höhle (die Bys- 
sushöhle, cavuni byssiferum F. 5. c. ), welche sich im muscuhis 
refraclor befindet, da wo seine verschiedenen Fascikcl radicn- 
förmig auseinander laufen. Diese Höhle ninmit die Byssus auf, 
um welche sie sich eng anschliefst; ihr Eingang ist etwas eng 
und enthält Cirkelfasern. Auf dem Boden der Höhle sind ge- 
wöhnlich zwei seitliche Vertiefungen, deren jede in einen von 
den dicken hintern Fascikeln hinabsteigt. Aufserdcra ist der 
ganze Boden uneben, denn er zeigt gewöhnlich tiefe, schmale 
Furchen, bisweilen auch rundliche blinde Löcher. Diese sind iu 
die Muskelsubslanz eingedrückt, und so wie die ganze Höhle mit 
einer feinen Membran ausgekleidet. — Auf dem zungcnförmigcn 
Muskel sieht man bei der iichogonia ■i.n beiden Seilen der Längs- 
furche einen weifsen undurchsichtigen Streifen, der von der Höhle 
anfangend mit wachsender Gröfse hinansteigt, und an der Spitze 
der Zunge noch die kleine Queerfuiche umkreist (die ßyssus- 
drüse, glaiidula byssipara F. 5. g-.). Unter dem Rlikroskope sieht 
man, dafs die parenchymatöse Masse, die diesen Streifen bildet, 
aus rundlichen acini besteht. Bei den meisten andern Muscheln 
ist dieser Streif wenig oder gar nicht bemerkbar, weil die Haut, 
die ihn bedeckt, undurchsichtig oder gefärbt ist, während der 
ganze zungenfürmige Muskel der iichogoiiia sehr hell, fast durch- 
sichtig ist. Zieht man bei dem miililus edulis den oberen Theil 
der Längsfurche und die Quecrspalte auseinander, so sieht man 
an dieser, wie auch bei der tichogonia eine halbmondförmige 



13 

Platte, die mit der Convexilät nach der Spitze der Zunge sieht. 
Am concaven Rande hemeikt man beim myl. eduUs mit Hülfe 
einer Lupe 7 OelTnungen, deren 3 mittlcie giöfser sind (die Aus- 
führungsgänge der Byssusdriisc F. 6.). Es ist schwierig, sie zu 
finden, da sie in der Tiefe der Querfurche liegen, die man durch 
eingesteckte Nadeln auf einer eonvexcn Unterlage stark ausdeh- 
nen mufs, wobei die feine Membran, welche sie überzieht, leicht 
zerreifst, und die OelTnungen vcrLüllt. Kennt man erst den Ort 
genau, so sieht man sie unter günstigen Umsliinden mit blofsen 
Augen. Bei der iic/iogonia konnte ich diese Ocünungen, die hier 
gewifs in ähnlicher Form cxistiren, da die ganzen zungenförmi- 
gcn Muskeln bei beiden Tbieren so ähnlich sind, wegen zu gro- 
fser Kleinheit und Laxilät des Gewebes nicht auffinden. Eben 
80 wenig gelang mir dies bei den übrigen Gattungen, die gröfs- 
ientbeils durch langes Liegen in Weingeist sehr stark zusam- 
mengezogen waren. 

Der zungenförmige Muskel bekommt die meisten Zweige 
eines Ganglion (^g. MagniliJ, das dicht unter seiner Wurzel liegt, 
und die ganze Bjssusspinnerei dirigirt. Es schickt, wie bei der 
anodonla, zvvei an der Speiseröhre hinaufgehcude Verbindungs- 
iweige zu den beiden Ganglien am Sclilunde. Da dieses Gan- 
glion tiefer als die vorderen Schenkel des retractor liegt, die 
Schlundganglien aber ganz obernächlich, so durcbbolircn diese 
Verbindungszweige bei der iichogoitia jene Schenkel an ihrem 
oberen Drittheil. Der Nervenknoten ist durch einen mittleren 
Eindruck tief zweifheilig, und schicltt bei der iichogonia zwei 
Paar Ilauptnerven zum zungenförmigen Muskel, deren einer zur 
vorderen, der andere zur hinteren Seite geht. Diese beiden Ner- 
ven entspringen bei dem myt. edidis als ein gciiieinschaftlichcr 
Stamm, der nach seinem Ursprünge noch an Slärke zunimmt. 
Ein viertes Nervenpaar geht zum liintAn Tlieile des m. relra- 
clor, und theill sich bald in zwei Aesic, die ich bei iichogonia 
auch getrennt entspringen sah. — Bei myt. edtdis gehl auf der 
Miltc des zimgenfürniigcn Muskels, seiner oberen an dem Körper 
anliegenden Fläcbe sehr nahe, eine starke Arterie, die sich da, 
wo au der vorderen Fläche die Längsfurchc aufhört, iu mehrere 
Zweige thcilt. Diese schlagen sich an der Spitze nach der un- 
teren Fläche um, vervielfälligen sich sehr, und bilden eine Menge 
parallel hcrablaufeudcr Zweige. 



14 

Der zungenförmigc Muskel ist ein überaus vrichligcs Organ 
für die Byssifeien. Er dient zum Spinnen der Byssus ; bei der 
fehlenden LoUomolivität als Tastorgan, bei einigen selbst als Be- 
wegungsorgan nach Zerstörung der Byssus (lichog); bei anderen 
scheint dies wegen der relativen Kleinheit zum Körper uDoiög- 
lich (pinna). Zu allen diesen Funktionen wird er durch eine 
äufserst mannigfaltige Beweglichkeit geschickt, denn er kann sich 
wie ein Elcpliaiitenrnssel weit ausdehnen und sehr zusammen- 
ziehen, auch jede seitliche Bewegung ausführen. 

Die Byssus zeigt im getrockneten Zustande eine hornartigc, 
feste Substanz. Mit Wasser befeuchtet nimmt sie schnell an Vo- 
lumen zu, wird biegsamer, und die Fäden den Ilaaren ähnlich. 
Sie nimmt dadurch indessen nicht immer ihre ursprüngliche Ge- 
stalt genau wieder an, da man bei einigen Arten (Iridacna) die 
Figuren der Durchschnitte weniger deutlich und etwas verändert 
siebt. Man bewahrt sie daher am besten in schwachem Wein- 
geist auf. 

An der Byssus mufs man zwei Thcile unterscheiden. Der 
obere, der die Verbindung mit den äufsercn Körpern eingeht, 
und in dch meisten Fällen aus Fäden besieht (F. 1./), enthält 
eine einfache Malerin, die man vorzugsweise Byssusmateric nen- 
nen kann. Der untere Thcil, der die Verbindung mit dem Kör- 
per des Thieres eingeht, und gewöhnlich einen Stamm bildet, 
von dem jene Fäden ausgeben (F. 1. r. a. ), enthält aufscr der 
Byssusmateric noch eine \'erbindungsmaterie. Von dieser ist 
schon oben gesagt, dafs sie die Verbindung mit dem Körper des 
Thieres vermittele. Sie verbindet sich auf zweifache Weise mit 
der Byssusmateric; entweder hüllt sie diese ein, oder sie wird 
von ihr eingeschlossen. Im letzteren Falle herrscht bei der Bys- 
susmateric die Ausdehnung in die Fläche vor, sie schlägt sich 
um die Verbindungsma^B-ie herum und bildet eine Art Rinde, 
die ein Gemisch von Byssus- und Verbindungsmaterie einschliefst. 
Seltener ist die Rinde auf einer Seile sehr verdickt, oder fehlt 
dann wohl an dem übrigen Umfange ganz. Im ersten Falle 
herrscht in der Byssusmaterie die Fadenform vor, die Vcrbin- 
dungsmalerie dringt zwischen und um sie und hüllt sie ein. 
Hiernach zerfällt alle Byssus iu zwei Klassen, in solche mit einer 
Byssusrindc und in Byssus ohne diese. — Der unterste Theil des 



13 

Stammes, der in der ByssusLölile steckt, und gewöhnlich in La- 
mellen oder Fasern gespalten ist, heifst die Wurzel. Der Stamm 
selbst tritt zwischen den Schalen des Thieres hervor, um seine 
Fäden mit irgend einem äufsern Körper zu Tcrblnden. In den 
Schalen befindet sich deshalb ein besonderer Ausschnitt, der aber 
oft sehr flach ist. 

B. üeber Byssus und die betreffenden Organe bei 

einzelnen Arten. 

a) Byssus mit einer Byssusrinde und 

(i) mit Fäden. 

1) Tichogonia Chemnilzil Rofsra. In der Byssus- 
höhlc (F. 5. c.) treten die beiden seitlichen Vertiefaugen wenig 
zurück, sie siud fast nicht tiefer als der railtlere Theil. Der 
ganze Boden der Höhle ist von Furchen uneben, in denen die 
Richtung nach der Längsachse des Thieres vorherrscht, die aber 
doch nach dem vorderen Theile der Höhle convcrgiren. Nach 
hinten siebt man oft eine oder zwei, die sich durch ihre Breite 
auszeichnen. Am vordem Theile des Bodens, wo die Furchen 
convergiren , ist eine ebene Fläche, die seitlich noch von den 
Furchen umzogen ist, und auf welcher die Längsfurche des zun- 
genförmigen Muskels endet. Dieser ist schon oben beschrieben. 
Er ist io seinem ganzen Umfange so ausdehnbar, dafs ich einst 
seine Wurzel mit der ganzen Byssus aus der Schale hervorge- 
streckt fand. 

Die Byssus hat einen .3 — 4"' langen Stamm, der nach oben 
schnell an Dicke abnimmt. Seine Spitze ist besonders bei älte- 
ren Individuen immer wie abgenagt. An der dem zungenförmi- 
gen Muskel zugekehrten Seite entspringen eine grofse Menge 
Fäden von ihm, sobald er aus dem Körper des Thieres hervor- 
getreten ist. Die der Basis zunächst enlsprlngeuden sind die 
stärksten und längsten, so dafs sie nach der Spitze zu mit der 
Dicke des Stammes selbst abnehmen. Seine Basis ist bisweilen 
ziemlich rund, gewöhnlich aber länglich, an der Seite, wo sich 
die Fäden iuscrircn, breiter und abgeplattet, also fast herzförmig 
(F. 4.). 

In den Furchen der beschriebenen Höhle steckt die Wurzel 
der Byssus, die aus zicuilich dicken, der Form der Furchen ent- 



sprechenden und senkrecht neben einander gestellten Lamellen 
von weifser Farbe besieht. Die Wurzel löst sich durch Mace- 
ration in "Wasser oder Weingeist von selbst, aber aus dem fri- 
schen Thiere gerissen nimmt sie die Wandungen der Höhle zum 
Theil mit sich fort. Diese Lamellen steigen senkrecht aus den 
Furchen empor, und verbinden sich noch innerhalb der Höhle 
mit ihren breiten Flächen zu dem Stamm der Byssus. Da die 
Lamellen senkrecht aus den Furchen emporsteigen, bleibt an 
der vorderen Seite, wo sich auf dem Boden der liyssushöhle 
statt der Furchen jene ebene Fläche befindet, eine Lücke oder 
Aushöhlung im Stamme. Sie nimmt nach oben ab, und ist da, 
wo die untersten Fäden abgehen, schon ganz ausgefüllt. Die 
Masse, welche sie ausfüllt, besteht aus dünnen übereinander ge- 
legten Schichten, die schräg gegen die Achse des Stammes ein- 
fallen, und mit dieser nach oben einen sehr spitzen Winkel 
bilden. Die nntcrc Schicht mufs also die obere decken, und 
reicht bis ganz nahe an ihren oberen Rand. Sic liegen also wie 
Dachziegel oder Schuppen, nur dafs sie weiter über einander 
greifen. Dies ist die oben erwähnte Byssusrinde, die hier nur 
an eirjcr Seite des St.innnes in die Verliefung gelegt ist. Im 
Quecrdurcliscbniltc (F. 4.) zeigen sicli die Lamellen, welche aus 
der Byssushöhlc aufsteigen, als breite Längsstreifen; in ihnen 
bemerkt man dunklere schmälere Streifen (die Verhindungsma- 
terie r), die bisweilen darmähnliche Windungen machen, und 
von lielleren Einfassungen (i) umgeben sind. Oft lassen sich in 
der Blitte einige gröfscre Ablhcilungen erkennen, die den hin- 
tern breiten Furchen entsprechen. Die beiden Substanzen (r, i) 
sind immer geschieden, gehen nie in einander über. Die eben 
beschriebenen Schichten zeigen sich als sehr feine Qucersireifen 
(c) und füllen am obern breiten Theile der Figur den Raum, 
welcher weiter unten an der Wurzel als die bcscliricbenc Lücke 
leer stand. Sie schmiegen und fügen sich um die dicken Längs- 
streifen, bilden Bögen um ihre kouve:iien Umrisse, und schicken 
spitzige Winkel in ihre Zuischenräume. Auch wird man nie 
finden, dafs eine Queerlinie, die nach der Mitte zu zwei, nach 
oben drei Bögen macht, bei diesen Bögen absetze, sondern sie 
zieht sich ununtcrbiochcn aus den Winkeln wieder hervor. Zu 
beiden Seiten aber verlieren sich die Bögen ia den bcllcrn Strei- 
fen 



fen (i), von welchen sie sich nicht abscheiden lassen. Es ist 
also zwischen den Schichten (c) und dem helleren Theile der 
Laraellen (i) ein entgegengesetzles Verhältnifs, als unter -den 
beiden Substanzen der Lamellen (r, i). Dasselbe zeigt sieh sehr 
aulTallend in dem Längendurcbschniltc qucer durch die Lamellen, 
also von rechts nach links durch F. 4. Die Schichten (c) wel- 
che hierbei mehr von einander gespalten als geschnitten werden, 
zeigen sich als breite Streifen, die sich nach der Wurzel zu un- 
merklich in die hellere Materie der Lamellen (i) verlieren, um 
ihren dunklem Theil (r) aber wegziehen wie llicfsendes Wasser 
um einen Brückenpfeiler. Der andere Längendarchschnilt, wel- 
cher qucer durch die Schichten geht, die Lamellen aber nur von 
einander spaltet, stellt die Schichten (c) als Linien dar, welche 
von oben und aufsen nach unten und innen verlaufen, sich also 
der Achse des Stammes nach unten nähern. liier sieht man 
sehr deutlich, dafs die Fäden der Byssus nur Fortsetzungen der 
Schichten sind, denn jede Schicht läuft nach oben ohne Aendc- 
rung der Substanz oder Unterbrechung der Form in einen Faden 
aus. Oft sind mehrere Fäden an ihrem Ursprünge zu einem 
dickeren Aste verschmolzen. — Da sich die Schicbteu, wie 
gesagt, nur in der dem zungenförmigen Muskel zugekehrten 
Lücke finden, so müssen sich natürlich auch alle Fäden von 
dieser Seile dem Stamme inseriren. 

Mit dem beschriebenen Zusammenhange der verschiedenen 
Materien der Byssus, wie sie die mikroskopische Untersuchung 
gelehrt hat, stimmt auch seine Spaltbarkeit genau übercin. Er- 
greift man einen der untersten Fäden, der also nicht durch über- 
gelegte Schichten fest gehalten wird, so kann man ihn wie einen 
Zweig vom Stamme abspalten; er reifst nicht nur seine Schicht 
mit sich fort, sondern geht zur Wurzel bis in die helle Substanz 
der noch gelrennicn Lamellen hinunter, die ihm dann in Form 
von Frauzen anhängt. Das Mikroskop zeigt alsdann die voll- 
kommenste Coiitinuitäl von den Franzen durch die Schicht zum 
Faden, ebenso als bei allen übrigen Arten der Byssus. — Die 
Verbindungsnialerie bildet also senkrecht steljcude Platten, an 
deren vordere Seile sich die Schichten anlegen, \vclche nach 
oben in die Fäden auslaufen, nach nuten aber dünner werdend 
zwischen und um jene Platten dringen und dieselben einhüllen. 

tu. Jahrg. t.Band. 2 



18 

Die Fäden sind wie die geschicLtetc Masse schwarzbraun, 
unter dem Mikroskope hellbraun. Neu entstandene Fäden und 
ihre Schichten sind aber weifs; sie färben sich erst nach einigen 
Tagen, lassen sich aber nicht wieder weifs waschen, weil die 
Färbung durch die ganze Masse gebt. Die Fäden sind eyliu- 
drisch mit feinen Quecrrunzeln, bei einem giofscn Exemplare 
22.000, bei einem jungem 14.000 Par. Lin. dick. An dem Finde, 
welches an dem äufseren Gegenstande geheftet ist, gehen sie in 
eine kleine rundliche Platte über, wodurch die adbärircnde Flä- 
che, vergrüfsert wird. Auf ähnliche Art befestigen die spinnen- 
den Insekten ihre Fäden. 

2) Tridacna elongata Lam. Die ganze Byssns ist F. 1 
in natürlicher Gröfse abgebildet, weil die äufsere Ansicht sehr 
instruktiv ist. Das aus der Schale genommene Thier war etwa 
9" lang. Die Byssusfäden inseriren sich dem Stamme alle von 
einer Seite, wie bei der vorigen Art. Der Stamm nimmt nach 
oben an Dicke ab, ist zurückgekrümmt, und seine Spitze war 
auch hier zerstört. Die Byssns ist sehr schlaff und biegsam, von 
schmutzig -gelber Farbe. In wie weit sie durcli das Aufbewah- 
ren in Weingeist verändert ist, kann ich nicht bestimmen. 

Der zuugcnförmige Muskel ist kurz uud dick, und enthält 
eine starke Längsfurche, die an ihren Lefzen mehrere erhabene 
Linien zeigt. An seiner Spitze liegt eine dunkele parenchyma- 
töse Masse, vermuthlich die Byssusdrüse, deren Ausgänge aber 
nach dem langen Aufbewahren in Weingeist nicht mehr aufzu- 
finden waren. Wo die Furche in die Byssushühle hinabsteigt, 
wird sie breiter, und schliefst iu ihrer Mitte eine V- förmige Er- 
habenheit ein, dann geht sie zu beiden Seiten in die beiden 
Hauptvertiefungen der Höhle hinab. Diese haben auf ihrem Bo- 
den kleinere Vertiefungen, in welchen wieder kleinere blinde 
Löcher sind u. s. w., dafs der ganze Boden, selbst die Erhaben- 
heit, welche die beiden seitlichen Hauptvertiefungen treunt, ganz 
uneben wird. 

Die Wurzel besieht, wie Fig. zeigt, aus Fasern, die sich zu 
kleinen Fascikclu verbinden; diese vereinigen sich zu gröfsern, 
und bilden zuletzt zwei Hauptbündcl, zwischen denen noch 
einige schwächere stehen. Diese gröfsern und kleinern Fascikel, 
und endlich die Fasern werden von den Vertiefungen auf dem 



19 

Boden der Byssushöhle aufgenommen, und entsprechen ihnen 
genau der Form nach. Die Ilauptbündel bilden endlich zusani- 
raenlrelend den Stamm (r o). Dieser wird Ton Scheiden um- 
schlossen, von denen die untere immer die obere so weit umfafst, 
dafs nur der Rand der oberen frei bleibt. Es Terhält sich also 
wie bei iichogonia, wenn man sich die Schichten zu vollständi- 
gen Ringen um den Stamm ergänzt denkt. So erhält der Stamm 
eine Rinde, und es entsteht das Ansehn, als wenn man viele 
Becher gleicher Gröfse in einander setzt, was an der von den 
Fäden freien Seite der Byssus gut zu sehen ist. Jede Scheide 
geht an ihrem oberen freien Rande in einen Faden über, wie 
eine nach antikem Muster geformte Kaffeetasse in ihren geschweif- 
ten Henkel ausläuft. Au der Seite, wo die Fäden sitzen, sind 
die Scheiden und folglich die ganze Rinde dicker als an der ent- 
gegengesetzten. Nach unten laufen die untersten Scheiden an 
der Wurzel hinab, zerästeln sich mit ihr, und hüllen, dünner 
und zarter werdend, die Bündel, zuletzt jedes feinste Fäserchen 
besonders ein, und hören nahe an seinem unteren Ende auf. Sie 
umschliefsen also oberwärts den ganzen Stamm, wie ein Hand- 
scbnh die Handwurzel, dann die einzelnen Bündel, wie dieser 
die einzelnen Finger u. s. iv.. jedoch so, dafs die letzten Enden 
offene Röhrchen bilden, aus denen die Fasern hervorblicken. 
Hiervon kann man sich überzeugen, wenn man die ganze Scheide 
bei ihrem Faden ergreift und abzieht; dies gelingt jedoch nicht 
ohne Spaltung, weil das unterste Ende der Wurzel dicker ist. 
Ganz ebenso, wie es von den untersten Scheiden an der Wurzel 
dcmonstrirt ist, verzweigen sich auch die übrigen, wie dies un- 
ten seine Erklärung finden wird. 

Im Queerdurchschnitt erscheint die Rinde als breiter Ring 
(F. 3. A.), der aus conccntrischen Schichten gebildet ist. Sie 
entsteht aus dem Durchschnitte der in einander geschobenen 
Scheiden. Der Ring schliefst zwei Hauptfelder ein, die bei 
Dnrchschnitten, die der Wurzel näher geführt werden, noch 
stärker getrennt sind. Jedes der Hauptfelder hat wieder seine 
besondere Rinde, und schliefst wieder 2 — 4 Felder zweiten 
Ranges ein, die ebenfalls ihren besoodern, aus concentrischeu 
.Schichten bestehenden Rahmen haben, und so geht es fort, bis 
man auf die Fasern der feinsten Bündelchen konmit, die nur 

2* 



20 

noch kaum sichtbare Streifchen zwischen sich Iiabcn. Fig. 3. 
A. X 1. a. lt. zeigt Schichten der Rinde, die Felder verschie- 
denen Ranges cinschliefscn. Jede Schiclit der Rinde ist vorn 
breiter als hinten und bleibt zur Gröfse des Feldes in proportio- 
nirter Breite. Auf diese Weise entsteht der Schein einer schö- 
nen Ramißcation. Die Abiheilungen in Felder slimmcn mit den 
Thcilungen der Wurzel in Fascikcl übercin. 

Alle Rahmen, welche den ganzen Durchschnitt oder ein- 
zelne Felder einfassen, entsprechen bei der tlcliogonia den Schich- 
ten (F. 4. c.) und ihren Fortsetzungen (j) (Byssusmateric). Die 
von diesen umschlosseneu Fasern aber (F. 1. r) den dunkeln 
Streifen des tich. (F. 4. r) ( Verbindungsmaleric). Die Byssus- 
raalerie erscheint bei halbem Lichte unter dem Mikroskope weifs, 
während die Felder durchsichtig bleiben, und hat die Eigenschaft, 
unter einem gewissen Einfallswinkel des Lichtes prachtvoll violet 
zu opalisircn, was mau durch Drehung des Spiegels herbeiführen 
kann. Auch mit hlofsen Augen kann man dies bemerken. Die 
Durchschnitte der Byssusfäden haben dieselbe Eigenschaft, nie 
aber opalisirt das Innere eines kleinen Feldes. Im Längendurch- 
schnitt sieht man Streifen von sehr verschiedener Breite, welche 
von den Durchschnitten der breitern oder schmälern Rahme der 
Felder gebildet werden. Auch hier zeigt sich nie ein Uehcrgang 
der Byssusmatcrie in die Vcrhindungsniateric. 

Die Fäden sind unten, wo sie in die Scheiden übergehen, 
sehr breit, und schliefscn hier mit einem verdickten Saume (F. 1. 
m.) den mittlem sehr durchsichtigen Theil ein. Weiler oben 
werden die Fäden schmäler, haben aber in ihrem Dnrchschuitte 
viele Buchten und Hervorragungen (F. 2.). Am Ende, wo sie 
sich an dem äufscrn Körper befestigen, sind sie ebenfalls verdickt, 
haben aber nicht eine so zierliche Anhcftungsplatlc, als die Bys- 
su8 der /i'c/iogo/iia. 

3) Malleus vulsellatus Lam. Das Thier ist mir unbe- 
kannt, indessen kann man aus der Form der Wurzel der Byssus 
schliefscn, dafs die Byssushöhlc zwei seitliche Vertiefungen hat, 
die mit feineu Furciicn bezogen sind. Die Byssus, deren Länge 
etwa 9'" ist, hat das Eigenthümliche, dafs der Stamm sich über 
der Wurzel wohl 4'" mit gleichmäfsiger Stärke erhebt, ohne 
Fäden abzuschicken , was bei anderer Byssus schon dicht über 



21 

der Wurzel gcscliieht. Wo die Fäden aofaogea abzugeben, 
nimmt er schnell an Dicke ab und ist rückwärts gebogen; seine 
Farbe ist dunkel olivcngriiu, die der Fäden etwas heller. Diese 
inserircn sich alle von einer Seile, sind an ihrer Basis unterein- 
ander verklebt, und heften sich ebenfalls durch eine kleine Platte 
an die äufeereii Gegenstände. 

Die Wurzel besteht aus Lamellen, die in der Mitte eine 
hellere Masse (die Verbiudungsmaterie) eiuschliefsen. Sie steigen 
in dem Stamme auf, und zeigen sich beim Quecrdurchschuitt in 
Form ciucs Hufeisens (F. 8. >■), was indefs nicht gauz constant 
ist, denn der eine Schenkel ist bisweilen sehr klein oder fehlt 
ganz. Das Innere des Hufeisens ist durch eine geschieh tele Masse 
ausgefüllt, welche sich am ollcnen Tlieile des Hufeisens nach 
anisen fortsetzt, und eine ringförmige Rinde bildet (c). Im Län- 
gendurchschuitt (F. 9.), der in dem abgebildeten Falle das Huf- 
eisen zweimal traf (r. «), dessen einer Schenkel (s) aber ver- 
wittert ist, sieht man, wie sich aus der geschichteten grünen 
Masse (c) nudulirte schmale Linien in den weifsen von den La- 
mellen gebildeten Streifen (r) fortsetzen, und eben den dunklern 
Tbcil der Lamellen bilden. Nach obeu laufen die Schichten (c) 
in Fäden (f) aus. Man sieht leicht, dafs diese geschichtete Ma- 
terie ebenfalls Scheiden bildet wie bei der iridacna. ludessen 
Ia^sen sie sich nicht so abzieheuj weil diese Byssus viel fester 
und härter ist. 

4) Mijlilus edulis Linn. Der zungenförmige Muskel mit 
der Byssusdrüsc uud deren Ausführungsgängen ist schon oben 
beschrieben. Die Byssushöhle findet sich an der analogen Stelle 
im musciilus reiractor, wo dessen verschiedene Büudel radicn- 
fiiruiig zusammenstofsch. Sie enlliält sehr schmale und tiefe 
Furchen, die ziemlich nach der Längenachse des Thieres verlau- 
fen, und iu eine gelbe parenchymatöse Masse eingedrückt schei- 
ncu. Von dieser lassen sich die anstofsenden Muskelfasern bei 
Individuen, die lange in Weingeist aufbewahrt sind, leicht und 
8charf trennen. Das Parenchym ist aber nichts dem mr/t. edulis 
eigcnthümlichcs, sondern entsteht bei der Schmalheit und Tiefe 
der Furchen durch die Faltung der Membran, welche .die Bys- 
suAühle auskleidet. In diese Furchen greift die lamellüse Bys- 
guswurzel ein. 



22 

Die Byssiis hat einen schlanken, fast cyiindrischen, langen 
Stamm, der an der Spitze immer mangelhaft ist. Die Fäden 
inseiircn sich gewöhnlich von einer Seite, seltener abwechselnd 
oder ohne bestimmte Ordnung. Sie sind lang, (juccrgerunzelt, 
und heften sich mit einer grofscn elegant geformten Platte aufsen 
fest. An seiner breitem Basis mafs einer 80.000 unter dem 
Plättchen 50.000 Par. Lin. Die Byssus ist überhaupt schön ge- 
formt und glänzend, ihre Farbe gelb bis bräunlich. 

la den Lamellen konnte ich ihrer Feinheit wegen nicht die 
beiden Substanzen unterscheiden, doch existiren sie ohne Zweifel 
auch hier. Die Lamellen erheben sich in grofser Anzahl neben 
einander, und bilden das Innere des Stammes. Achnlich als bei 
der tridacna in einander geschobene Scheiden bilden eine Art 
Rinde um den Stamm. Ihr freier oberer Rand läuft in einen 
Faden aus; nach unten kommen sie zu den Lamellen, und setzen 
sich in diese fort wie die Schichten der iicliogonia und des 
malleiis. Zieht man den untersten Faden rückwärtSj so nimmt 
er seine Scheide mit, die sich dabei umkehrt wie ein Handschub- 
Unger, und sich von den Lamellen in Form von Franzen ab- 
spaltet. Setzt man diese Arbeit an den folgenden Scheiden fort, 
so wird der Stamm zuletzt nach unten spindelförmig zugespitzt. 
Im Längendurchschnitt stellen sich die Scheiden als Linien dar, 
die oben und aufsen anfangend im Herabsteigen der Achse des 
Stammes näher kommen, nnd endlich in die Lamellen übergehen. 
Im Queerdurchscbnitt des Stammes zeigt sich die Rinde (F. 7. c.) 
ringförmig und aus concentrischen Kreisen bestehend; sie schliefst 
zarte weifse Linien ein, die Durchschnitte der Lamellen. Diese 
geheu in mannigfaltig gewundenen Linien, wie die Blätter in 
einem Pack Papier, welches man am Schnitt zusammendrückt, 
dafs es sich in Bögen und Falten legt, die einzelnen Blätter aber 
doch ziemlich parallel bleiben. In den Fächern der Byssushöhle 
liegen sie mehr gerade ausgestreckt. Bei dünn geralhenen Durch- 
schnitten weicbeu diese Linien oft auseinander, dafs man dazwi- 
schen durchsehen kann; auch von den Scheiden, welche die 
Schichten der Rinde bilden, lösen sich nicht selten einige ab 
(F. 7. d.). Auch sieht man hier, wie die äufsersten in die Fäden 
(f) auslaufen, die sich in dem abgebildeten Falle an beiden Sei- 
ten des Stammes inserireo, was seltener ist. Einigemal sah ich 



23 

auch einen Faden, der durch einen error loci mit seiner Scheide 
einen andern Faden umfalste, anstatt sich am Stamme zu inse- 
riren. 

5) Myiilus exustusLinn. Die Byssus ist viel lileincr als 
die vorlicrgehendc, übrigens ganz, analog gebildet. Die Farbe ist 
fucbsbraun, un,d der einzige Unterschied möchte sein, dafs die 
Lamellen im Stamme ziemlich gerade neben einander liegen. 

6) Pecten varius Lam. Die beiden Schenkel des zun- 
gcnförmigen Muskels, die bei dem m. edulis ganz getrennt von 
den Schalen entspringen und sieb dann über dem jimsc. retractor 
vereinigen, liegen hier verschmolzen zusammen, und entspringen 
beide von der rechten Schale dicht über dem dicken addticior; 
sie fassen die Byssushühle zwischen sich. Der zungenförmige 
Muskel und die Byssushühle erhalten hierdurch eine schiefe Lage 
zum Tliicre, so dafs der Muskel der linken Schale näher liegt, 
und mit der Furche gegen die rechte sieht. Die Byssus geht 
aus dem gröfseren Ohre heraus. Der zungenförmige Muskel hat 
eine tiefe Furche, die aus der Byssushölile heraufsteigt, die aber 
in der Tiefe nicht erweitert und ausgehöhlt ist, sondern einem 
einfachen, mit dem Messer gemachten Einschnitte gleicht. Sie 
läuft nicht hoch nach der Spitze des Muskels hinauf, sondern 
endet schon früh ganz einfach. Kurz über ihrem Ende hat der 
Muskel eine Einschnürung, auf die noch ein kugeliger Anhang 
folgt (wie eine Hcrmessäule). Dieser hat ebenfalls einen kurzen 
liefen Längeneinschnitt, der eben so wenig als die untere Furche 
io der Tiefe ausgehöhlt ist. Er zieht sich vorn tiefer hinunter 
und scheiut in einen kleinen Kanal (Ausfübrungsgang der Bys- 
susdrüse?) auszulaufen, was ich bei dem sehr kleinen Exemplare, 
was mir zu Gebote stand, nicht deutlich erkennen konnte. Die 
Lippen dieser Furche haben sehr feine, aber scharf ausgeprägte 
Längsstreifen. Die Byssushühle hat schmale tiefe Furchen und 
und erstreckt sich weit zwischen den Schenkeln des zuogenför- 
migen Muskels hinunter. 

Die Wurzel der Byssus besteht aus feinen, parallel neben 
einander liegenden Lamellen, die auch diese Lage im Stamme 
behalten. Der Stamm ist kurz, pyramidal, und wird von Schei- 
den umfafsf, die nachgiebig, lax und leicht abzuziehen, übrigens 
sich wie beim m. edulis verhalten. Die Fäden, in welche die 



24 

Scbeidcn oben auslaufen, sind platt und bandaillg, mit feinen 
Längsstreifen vcrscbcn, und licfteu sieb mit einem verdickten 
Ende aufscn an, wobei oft mehrere verklebt sind. Die Lamellen 
sind weifs, Fäden und Rinde scbinutzig gelb. 
jl. Bjssus ohne Fäden. 

7) Area barhuta Linn. Der zungenförmige Muskel ist 
etvras breit und dick. Er ist der Länge nach zusatnniengefallet, 
wie der Fufs der Gasteropoden, enthält aucb in der IVlitle eine 
der Länge nach gebende Vertiefung, aber die scharfe tiefe Längs- 
furcbe fehlt ihm. Die Byssushöhle bat einen sehr weiteu Zu- 
gang; auf ihrem Boden ist in der Mitte eine fleischige Erhöhung, 
von welcher ringsum Furchen nach der elliptischen Peripherie 
LerahlaufcD. 

Die Byssus hat eine paradoxe Form. Sie bildet einen Stamm 
ohne alle Fäden, der nach oben an Dicke zunimmt. Er ist von 
den Seilen zusammengedrückt und hat vorn und hinten einen 
Kiel. Um seine Slruktur zu beschreiben, mufs ich mit der Gc- 
slalt der Verbiudungsniaterie anfangen. Diese ist ein dünnes 
Blällchen, welches eine Pyramide (F. 10. a »•) mit ovaler Basis 
bildet. Die vordere Hälfte der Pyramide (c) ist convex, die 
hintere (a) concav, so dafs ihre Spitze (wie bei der Schale der 
palellaj zurückgebdgen ist. Die Wände der Pyramide sind aber 
nicht cbcu, sondern das Blättchen bildet Fallen wie ein Fächer, 
die au der Spitze klein entstehen, und an Gröfse wie an Zahl 
zunehmend zur Basis herabsteigen. Die Falten (F. 11. r.) sind 
tief und eng, ihr Zugang von aufsen (c.) etwas erweitert. Ihre 
Hichtung ist beinahe die der Radien des Üvales, doch sind die 
äulVcren Zugäuge etwas mehr nach vorn gekehrt. Da der Schnitt 
(F. 11.) parallel mit der Basis (F. 10. r.) geführt ist, so sind die 
Fallen von ungleicher Gröfse. Mit ihrem unteren eonvc.\cn Rande 
(F. 10. r.) greifen sie in die Furchen der Byssushöhle, deren (Ici- 
scliigc Erhabenheit ein wenig in den inneren Raum der Pyramide 
aufsteigt, denn diese ist hohl und F. 10. zeigt ihre innere Fläche. 
Von ihrem äufsercu Zugange aus werden aber die Fallen mit 
einer schichtweise abgescizicn Materie erfüllt (F. 10. 11. c). Sind 
sie fast angefüllt, so folgen Schichten, die beinahe das ganze Oval 
umziehen nnd nur noch einen kleinen Schwuug in den Eingang 
der Falte Lineiumachcu (F. 11.). Die Anordnung der Schichten, 



25 

welche die Pyramide cinbiillcn, ist so (F. 10.): ßie innersten 
Scliiclilcn haben, wie die innersten Jaliresringe des IIolz.es den 
kleinsleu Uml'ang, und fa'len auf die Spitze der Pyramide ein; 
die folgijiiden unii^eben die inuerslen, und fallen etwas tiefer an 
der Pyramide ciu; die äufscrstcn geben bis zu ihrer ]5asis her- 
unter. Ferner sind alle Schiebten an der vordem Seite der Py- 
ramide dicker, und verliereu sich meistens schon ganz, che sie 
die hintere Fläche (a ) erreichen. Also bilden sie auf der cou- 
veseu Fläche der Pyramide eine dicke Rinde, während die con- 
cave kaum durch einige Schicblen bedeckt ist. Nach oben be- 
festigen sich die Schichten an dem äufseren Körper, woran die 
arca hängt. In dem abgebildeten Falle war dies ciu Kalkstück, 
in dessen Erhaheubeitcü nud Verliefungen sieb die Schiebten 
genau fiigtcn. Die geschichtete Masse zeigt unter dem Mikro- 
skope eine gelbbraune Farbe, mit dunklem Grenzlinien, dem blo- 
fseu Auge erscheint sie streifenweise sehr dunkel, dann wieder 
bläulich -bornfarben, und zeigt im Quecrdurchscbuillc oft einen 
griiulichcu Schein. Die Verbiudungsmatcrie (Pyramide) ist weifs. 

b) Bjssus ohne B^ssasrinde. 
«. Wurzel lamcllüs. 

8, 9) Lima squatnosa Lani. und glacialis Lam. Au 
den Thieren, die eingetrocknet waren, konnte ich niclit viel 
mehr erkennen. Beide sind sehr ähnlich ; der zuugenförmige 
i^Iuskel inscrirt sich mit zwei Schenkeln an den Schalen dicht 
bei dem adduclor: er ist an seiner Basis verdickt und hat eine 
gewohidich geformte Längsfurcbc. Auch bat der m. retraclor 
xwei vordere Schenkel. 

Die Byssus der equamosa ist der des pecien varius sehr 
almlich. Die Wurzel besteht ebenfalls aus Lamellen, die ctsvas 
wiuklich gebogen sind. Die Fäden aber sind cylindriscb, heften 
sieb oben wie immer mit einer kleineu Platte an, werden unten, 
wo sie an dem Slanmie sitzen, breiter, umfassen jedoch den 
Stamm nicht mit einer Scheide, weshalb diesem die Kinde fehlt. 
Zieht man einen Faden ab, so spaltet er sich von dcu Lamellen 
und hat unten eiueu eleganten Strahlenkranz von Franzen, ähn- 
lich als es F. L3. abgebildet ist, uur dafs der untere Theil des 
Fadens, wo die Franzen entstehen, sehr verdickt ist. Die Fäden 



26 

werden also nur dadurch verbunden, dafs sie nach unten in die 
Lamellen übergehen, die man sieb aus den übereinander geschich- 
teten Franzen entstanden denken kann, ähnlich als es von der 
meleagrina beschrieben werden wird. Daher zerfällt auch die 
Byssus sehr leicht in ihre Fäden. Bei der glacialis geschieht 
dies noch viel leichter, so dafs ich hier die Lamellen gar nicht 
in ihrem Zusammenhange untersuchen konnte. Die Farbe beider 
ist schmutzig gelb. 

10) Meleagrina margaritifera Lani. An dem Thiere 
konnte ich nur noch erkennen, dafs der obere Tlieil des zungen- 
förmigen Muskels wie gewöhnlich eine liefe Furche enthält. 

Die Wurzel wird gröfstenthcils durch die Verbindungsma- 
terie gebildet, welche sehr durchsichtig, farblos, in gröfseren 
Stücken weifs, und ziemlich nachgiebig ist. Sie hat die Form 
von Lamellen, die beinahe in der Längsachse des Thicres gestellt 
nach vorn convergiren, und wie gewöhulich in den Stamm auf- 
steigen. Die lebhaft grünen Fäden sind, so weit sie aus der 
Schale heraushangen, oft ins Gelbliche verschossen, und lassen 
sich leicht und ohne Beschädigung vom Stamme abziebeu. Oben 
haben sie eine ziemlich starke Auheflungsplatte, unicn schicken 
sie (F. 13. y.) zu jeder Seite eine Reihe Franzen oder W'ürzel- 
chen (c.) aus, wie ein Federschaft die Fahne. Die Würzelchen 
sind an ihrem Ursprünge ebenfalls grün, nehmen dann mit der 
Dicke auch an Farbe ab, und eischeiuen endlich durchsichtig 
und farblos. Auch der Schaft selbst theilt sich am Ende in 
solche Würzelchen. 

Die Fäden liegen nun ziemlich regelmäfsig an einander ge- 
schichtet, dafs Schaft auf Schaft und Fahne auf Fahne fällt und 
jeder Schaft in jede Lamelle ein Würzelchen schickt. Die dem 
zungenformigen^Muskel zugekehrten Fäden stehen liefer und sind 
länger als die hintern. Dabei steigen die Faden schräg von vorn 
nach unten und hinten in die Byssushöble hinab, weshalb denn 
die Schafte (F. 12. /.) auch mehr vorn angehäuft sind, wo die 
Lamellen convergiren, und nur die feinen Würzclchen (F. 12. c.) 
den hintern Theil erreichen. Hier sind daher auch die Lamellen 
regelmäfsig, während sie vorn von den gröfsern Körpern (f.) 
gestört werden uud sich wie ein Bach zwischen Felsslücke um 
sie hinziehen. Die kleincu Körper (c.) sind bald kürzer bald 



27 

länger, je nachdem der Sclinitt mehr gerade oder schief durch 
ihre Längenachse fiel. Man sieht an ihnen auch deutlich, dafs 
sie zwar nehcn einander geschichtet, aber nicht wirklich unter 
einander zu einer Lamelle verschmolzen sind, sondern nur durch 
die einhüllende Verbindungsmaterie zusammengehalten werden. 
ß. Wurzel nicht lamellös. 

11) Byssus von einer unhekanntcn Muschel (pemat). Sie 
macht den Uebergang zur folgenden. Die Fäden sind sehr stark, 
dunkler grün, und haben oben eine ovale Anheftungsplatte. Sie 
schicken unten auf ganz ähnliche Art ihre Würzelchen ab, die 
aber cjlindrisch sind. Die Verbindungsmaterie ist noch durch- 
sichtiger und vpeicher als bei der meleagrina, und hat gar keine 
selbstsländige Form mehr, sondern füllt nur die Räume aus, die 
zwischen den Fäden und VN'ürzelchen übrig bleiben. 

12) Pinna nobitis Poli. Der zungenförmige Muskel ist 
zur Gröfse des Thieres sehr zierlich und schmal, doch ziemlich 
lang. Er zeigt wie gewöhnlich die Längsfurche, welche an der 
Spitze mit einer kleinen Queerspalte endet. Die Läugsfurche 
steigt in die ßyssushöhle hinab, und theilt sich an ihrem Ein- 
gange in 4 Zweige, die durch 3 spitzwinklige Erhabenheiten 
von einander gelrennt werden. Die parenchymatösen Streifen 
(Byssusdrüse) welche die Furche auf dem zungenförmigen Muskel 
begleiten, zerästeln sich mit ihr, und fassen jede der 4 kleinen 
Furchen von beiden Seiten ein. Die Byssushöhlc, die sich a^ 
der analogen Stelle findet, hat 4 tiefe schmale Gruben, deren 
je zwei in den sehr dicken hintern Schenkeln des m. retractor 
bis fast zur Schale hinabgehen. Auf dem Grunde dieser 4 Gru- 
ben setzen sich die 4 Zweige der gethcilten Längsfurche fort, 
werden immer feiner und entsprechen den gleich zn beschrei- 
benden Fäden an Dicke. Bei einem mehrere Jahre in Spiritus 
aufbewahrten Individuum konnte icli sie noch über einen Zoll 
weit nach der Theilung in die Gruben verfolgen. Der Eingang 
zur Byssushöhle zieht sich zuerst unter einer dünnen muskulösen 
Decke fort, wird hier von den heraustretenden Fäden angefüllt 
und geht dann in die Tiefe zu den 4 Gruben. 

Die Byssus ist ohne Stamm. In den beschriebenen Gruben 
sieht man ein Fascikel sehr feiner Fäden, die in Wellenlinien 
(bei einem in Weingeist aufbewahrten Exemplare) vom tiefsten 



28 

Ende der Grube, die dadurch ausgefüllt wird, Leraufstelgeii. 
Diese Fäden sind in ciuer sehr durchsichtigen Masse eingeschlos- 
sen, der Vcibiudungsmatcric, welche alle Räume zwischen ihuen 
genau ausfüllt, und das ganze IJüudel etwas zusammenLält, die 
aber noch weniger eine selbstständige Form hat als bei der vori- 
gen Art. Die Fäden sind ganz nnten farblos, zirkehuud in ihrem 
Durcbschnilt und werden von der Verbiudungsnialeric, die hier 
verbällnifsmäfsig reicblieber und daber auch leicbler zu bemer- 
ken ist, feslgehallen. Sie heften sich eben so wenig au den 
Boden, als dies bei den yoiigen Arten der Fall sein konnte. Sie 
.steigen mit wachsender Grüfse herauf, werden röthlicb und iu 
ihrem Durchschnille zusanimengediückt. Wo die Fächer der Bys- 
sushühle zusaninicu kommen, vereinigen sich je 4 zu einem stär- 
keren einfachen Faden, der unter dem Mikroskope schön gelb 
erscheint. Es war mir nicht möglich, die 4 Wurzeln eines Fa- 
dens bei ilirer Feinheit einzeln durch das Gewirre zu verfolgen. 
Deshalb machle ich folgendes Experiuieul, um zu sehen, ob jede 
Wurzel in eine andere Grube gelie. Ich zog einen Fadea aus, 
stutzte die Wurzeln ab, und legte ihn in Wasser, wo die vier 
Wurzeln ihre natürliche Kichlung annehmen konnten, liier di- 
vergirlen sie stets und zeigten also die Kichtung nach den ver- 
schiedenen Fächern der IJyssushöhle. 

Die Fäden, welche aus der Vereinigung der 4 Wurzeln eul- 
stehen, machen eben den aus dem Tbiere hervortretenden Theil 
der Byssus aus, sind fein, glänzend, von schön kastanienbrauner 
Farbe, und malseu 2^ Par. Zoll bei einer piima, deren Schale 
16" lang war. Im Queerdurchschnilt erscheinen sie von den 
Seiten zusammengedrückt, vorn und hinten winklich. Das obere 
Ende heftet sich mit einer zierlicheu Platte au äufsere Körper 
fest. Ein Faden mafs nach der grölscren Qucerdinicusiuu dicht 
unter der Auhellungsplatte 18.000, in der Mitte 14.000, an der 
Verciuigungsslelle der vier Wurzeln 29.0C0. Eine Wurzel nahe 

ganz unten 2.000 Par. Lin. 

C. Beobachtung der tichogonia beim Spinnen 

der Byssus. 
Diesem Geschäfte habe ich einigemal zugesehen. Sic span- 
nen am besten v(ährcud der Nacht, besonders jüngere ludividucu. 



29 

die überhaupt mobiler sind. Zuerst strecken sie ihren zungen- 
fiirmigcu Muskel weit aus der Schale hervor, und suchen tastend 
einen bequemen Ort. Finden sie diesen nicht in ihrer Umge- 
bung, so kriechen sie langsam nnd beschwerlicli auf demselben 
Organe weiter, wohl über ilires Gleichen hiuiibcr nnd an dem 
Rande des Gcfafscs hinauf, doch können sie auf dem Trocknen 
nicht kriechen. Haben sie einen passenden Ort gefunden, so 
ziehen sie den Muskel in die Schale zurück, strecken ihn nach 
einiger Zeit wieder hervor, legen dessen Spitze auf den Ort, wo 
sie den Faden bcfcsligen wollen, und lassen sie unter einer leich- 
ten seitlichen Bewegung ein wenig liegen. Sie ziehen hierauf 
deu Muskel langsam zurück, und es erscheint der Faden weifs 
nud gläuzend, und nimmt stets den tiefsten Platz am Stamme 
der Byssus ein. 

III. Reflexion. 
A. Ueber die Natur und Entstehung der Byssus. 

Nach den obigen Andculungcn besteht die Byssus aus zwei 
TLeilcn, der cigcnllichcn Byssusmaterie und der Verbindungs- 
matcric. An der Existenz zweier verschiedener Malarien kann 
man nicht zweifeln, wenn man die scharf begrenzten Fiidcn der 
pinna oder meleas^ina mit der sie umhüllenden weiclien Masse 
vergleicht, oder die opalisiremlcn Einfassungen der triilacna mit 
den Fibern, welche sie cinschliefsen, oder die dunkele Substanz 
in deu Lamellen der licJiogotiia mit der heilem, die jeue um- 
zieht, ohne sich je mit ihr zu vermischen. Ks bleibt also übrig, 
die Gleichheit alles dessen zu erweisen, was wir mit dem Namen 
Byssusmaterie belegt haben. Die Byssusfäden, welche eigentlich 
aus der Materie bestehen, die Jedermann Byssus nennt, setzen 
sich bei der ersten Klasse in die Schichten oder Scheiden fort, 
welche die Rinde des Stammes bilden, und diese wieder in die 
Lamellen der Wurzel, von denen sie beim Abspalten dicFranzen 
mitnehmen, oder bei der Iridacna in die feinen Rübren, welche 
die Bündel und zuletzt die einzelnen Fibern der Vcrbindungs- 
niaterie einkleiden. In der zweiten Klasse setzen sich die Fäden 
Ulileu in den ScI.iaft fort, der die Würzelcheu abgicbt, und zu- 
letzt sich selbst in solche Iheilt. Die Franzcn der ersten Klasse 
sind deu VVürzelchen der zweiten aualog, und bei beiden zeigt 



30 

das Mikroskop deu vollkommensten ganz allmäligcn Uebergang, 
so düfs man hier an kein Ancinanderklebeu Terschiedeuer Sub- 
stanzen denken kann. Die Farbe aber scheint den Tbeil der 
Byssusmatei'ie, welcher sich von den Lamellen in Form der Fran- 
zen abspallcn läfst, von dem die Faden und Schichlen bildenden 
zu unterscheiden, wie denn auch in der zweiten Klasse die Wür- 
zelchcn am Ende farblos werden. Allein dieser Thcil der Byssus- 
matcrie hat entweder keine abweichende Farbe (wie bei iri- 
dacna, wo Alles gelblich, oder hei malleus, wo Alles grün und 
dunkler ist als die Verbiudungsmaterie) oder er ist farblos, und 
der Uebergang ist dann so allmülig, dafs sich keine Grenze be- 
stimmen läfst. Der Unterschied der Farbe hat zwei Gründe : 

1) Die zunehmende Dünuhcit und Zartheit der Franzen und 
Würzelchen. Jeder gefiirbte durchscheinende Körper er- 
scheint hei zunehmender Feinheit zuletzt farblos. 

2) Es ist oben hei der tichogonia bemerkt worden, dafs deren 
frisch gesponnene Fäden weifs sind, und erst dunkel wer- 
den, nachdem sie mehrere Tage dem Wasser und dem 
Lichte ausgesetzt waren. Der unterste an den Lamellen 
befindliche Theil ist aber diesen Einflüssen nicht ausgesetzt, 
kann also seine weifse Farbe conserviren. 

Hier mufs ich noch eines Irrthums erwähnen, in dem ich 
mich während der Untersuchung dieses Gegenstandes selbst län- 
gere Zeit befand. Bei Betrachtung eines Queerdurchschnittes 
(F. 7- oder 8.) wo sich die Rinde nach innen so scharf von den 
Lamellen abzugrenzen scheint, kann man leicht auf den Gedan- 
ken kommen, dafs das ganze innere Feld der Lamellen der Ver- 
bindungsmaterie angehöre, so dafs diese etwa nach Reaumnr's 
Meinung wie ein dickes Haar aus dem Körper hervorwachse, um 
welches die Byssusmaterie von aufsen gelegt werde. Allein man 
sieht den immittelbaren Uebergang der Fäden in die Lamellen 
bei der tneleagrina so sonnenklar, dafs man die analogen Theile 
der andern Byssusarten nur hiermit zu vergleichen braucht, um 
diese Meinung für immer fahren zu lassen. 

a) Byssusmaterie. 
Alle Byssusmaterie ist das Sekret der oben beschriebenen 
Byssusdrüse. Ist das wahr, so mufs sie einst flüssig gewesen 

/ 



31 

sein, oder plasMscli wie der Kleber, aus welchem die Insekten 
ihr Gespinnst machen. Dafs sie ^virlvlich so war, folgt 

1) weil die Beobachtung lehrt, dafs das Thicr den Faden in 
kurzer Zeit bereitet. Er kann also nicht wie ein llaar, Sehneu- 
faser u. s. w. wachsen; 

2) trägt der Faden das unverkennbare Gepräge an sich, dafs 
er, wie eine Gypsligur, seine Gestalt in einer Form erhalten 
habe, indem er manchen Weichtheilen des Thieres ganz genau 
entspricht. So passen die Fäden jedes Thieres in die Längsfur- 
che des zungcuförmigen Muskels; die Anhcfluugsplatte iu den 
oberen erweiterten Theil derselben, wo sie mit der Queerspalte 
aufhört. Die Fäden des mijtit. edulis sind am unteren Theile queer 
gerunzelt, wie die Furche des Thieres; die Fäden der iridacna 
haben Längsvertiefungen , die Furche Längserhabenheiten ; ihr 
unterer breiler Theil palst genau in den breiten Theil der Fur- 
che, so dafs der verdickte Saum (F. 1. m.) in die seitlichen Ver- 
tiefungen, der mittlere durchsichtige Theil auf die V- förmige 
Erhabenheit der Furche fällt. Der arca, die keine Fäden spinnt, 
fehlt auch die Furche am zungenförmlgen Muskel. Sie legt nur 
die Schichten mit ihrem kurzen Muskel um den Byssusstanim, 
den sie seiner Dicke wegen nicht völlig umfassen kann, weshalb 
die Schichten seine hinlere Fläche unbedeckt lassen. Die pinna 
spinnt, ihrer Gröfse ungeachtet, mit ihrem langen dünnen Muskel 
doch feine lange Fäden, die sich nach unten wie die Furche iu 
vier Theile theilen. Leider kann ich dies nicht auch von den 
Fäden der Perlmutter nachweisen, deren Weichtheile zu sehr 
zerstört waren. So sind auch die Scheiden, in welche die Fäden 
übergehen, an der vordem dem zungenförmlgen Muskel zugekehr- 
ten Seile dicker als an der hintern, weil sie der Byssusquellc 
näher sind, und bisweilen fehlt das hintere Stück ganz, wie 
oben von der areo gesagt, und wie es bei der tichogonia der 
Fall ist. Bei dieser mag der Grund darin liegen, dafs die Rinne 
vorn am Slanimc die Byssusmaleric auffängt. So wird bei dem 
malleus zuerst das Innere des Hufeisens (F. 8.) ausgefüllt, und 
nachher umziehen dann die Scheiden den ganzen Slanim. 

3) Die Lage der Byssusdrüse ist eine für die genannte Funktion 
höchst zweckmäfsige. Dafs ein Organ eine Drüse sei, ist wohl 
nicht zu bezweifeln, wenn mau die Ausführungsgäuge nachge- 



32 

wiesen, und die rundlichen acini unter dem Mikroskope gesehen 
hat. Den Byssuskleber herauszudrücken und selbst Byssus zu 
spinnen, gelang mir übrigens nicht. Reaumur rühmt sich zwar 
dieser Kunst, allein ich hege einen beschcideuen Zweifel gegen 
seine Angabe, da er das Sekret bei dem tn. eihilis aus einem 
ganz andern Orte gedrückt haben will, als wo die OelTnungen 
der Byssusdrüse liegen. Das Kunststück mag auch wolil bei 
andern Drüsen nicht so leicht gelingen, deren Sekret weniger 
dick ist. Man drücke doch die Galle aus der Leber dieses Tbie- 
res! — Die Zwcckniflfsigkeit der Lage folgt aus dem Vorgange 
beim Spinneu der Byssus. Das Thier legt zuerst den zungen- 
förmigen Muskel mit den OelTnungen der Byssusdrüse an den 
Stamm der Byssus, überzieht ibn mit dem Kleber, der dann 
durch die ringfönnigcu Muskelfasern bis unleu zwischen die 
Wurzel getrieben werden mag. Durch Zurückz.icben des zun- 
gcnförmigcn Muskels wird der Kleber in eiuen Faden ausgedehnt, 
der der Furche des ausgestreckten Muskels an Länge gleicht. 
(Man hat also an dem Faden ein Maafs für die Länge des zun- 
genförmigen Muskels.) Der Faden wird von der F^irche aufge- 
nommen, weil diese gerade zwischen den beiden Anhcflungs- 
puokten des Fadens, dem Stamme nämlich und den Oelfnungen 
der Byssusdrüse, liegt. Er wird in ihr geformt, und endlich sein 
oberes Ende an einen äufscren Körper zur Befestigung übertra- 
gen. Hierbei fallen wieder die Oell'nungen der Byssusdrüse ge- 
rade auf das Ende des Fadens; aus ihnen fliefst das Sekret un- 
mittelbar darauf, und bildet die Platte zu seiner Befestigung. 

Die Fui die am zungenformigen Muskel des peden ist unter- 
brochen, wovon ich den Zweck nicht klar einsehe. Durch Zu- 
sammeuziehung im isihmus kann wahrscheinlich Conliguilät der 
beideu Furchen hergestellt werden. Der Faden enispricbt ihrer 
Form, indem er platt und breit ist wie ein Bandsirtifen, und 
trägt dieSkuIplur des oberen kleinereu Stückes der Furche, denn 
er enibält feine Längsstrcifeo. Demnach ist es wahrscheinlich, 
dafs das Thier, sobald es den Kleber an den Byssusslamra gehef- 
tet hat, und durch Abziehen der Spitze des Muskels den Faden 
zu bilden anfingt, diesen mit dem oberen Theilc der Furche so- 
gleich aufnimmt, und die Längsstreifen ihm eindrückt. Dabei 
mufs der Muskel in dem isllimut gebogen sein, so dafs das obere 

Stück 



33 

Stück zuerst allein an dem Byssusslamnie liegt, und bei Verlän- 
gerung des Fadens nach und nach das untere Stück der Furche 
zn Hülfe genommen wird. 

b) Verbindungsmaterie. 

Schon a priori mufs der Physiolog das Dasein einer solchen 
Materie vermuthcn, denn es wird kein organisirter Theil mit 
einem unorganisirlen in Verbindung treten, ohne dafs jener den 
letztern mit seinem Sekrete einhüllt, sich dadurch vor Reizung 
schützt, und die Verbindung befestigt ; es sei denn, dafs der or- 
ganisirte selbst die matrix- des unorganisirten wäre. Dies ist 
auch der Punkt, der Viele bei der Untersuchung der Byssus 
irre geführt hat. Man erklärte die Byssusböhle selbst für die 
matrix der ganzen Byssus, oder man hielt diese oder ihre Wurzel 
für organisirt, weil man eine scheinbar so enge Verbindung zwi- 
schen lebenden und unorganisirlen Tbeilen anzunehmen für sehr 
gewagt hielt. Bei einigen Arten der Byssus, z. B. bei der des 
m. edutis , sind nämlich die feinen Lamellen der Wurzel von 
Muskelfasern umgeben, die fast in derselben Richtung als die 
Lamellen fortlaufen. Bei der Untersuchung von frischen Exem- 
plaren kann es dann leicht den Anschein haben, als liefen diese 
Lamellen unmittelbar zwischen die Muskelfasern, und als inse- 
rirten sich diese an ihnen. Deshalb hat man sie wohl für 
Sehnenfasern gehalten. Allein die Byssusböhle ist überall von 
der amliegenden Muskelsubstanz scharf abgegrenzt, und ist mit 
ihrer besondern Membran ausgekleidet, die vom Bauche kommend 
sich durch den Eingang zur Byssusböhle hineinschlägt. Es ist 
kein anderes Organ, dem man die Sekretion der Verbindungsma- 
terie beimessen könnte, als diese Membran. Im frischen Zustande 
hängt auch die Wurzel der Byssus an manchen Stellen so fest 
an, dafs sie, herausgerissen, einen Theil der Wandungen der 
Höhle mit sich nimmt. Durch Maceralion aber löst sie sich 
binnen kurzer Zeit eben so leicht und vollkommen, als die Epi- 
dermis oder ein Nagel von seiner matrix. 

Die Verbindungsmateric ist also ebenfalls unorganisirt, und 
Sekret der Byssusböhle, welches die Byssusmafcrie in dieser 
Höhle cinbüill, und ihr zum festen Ansatzpunkte dient. Der 
letzlere Zweck herrscht in der ersten Klasse der Byssus vor, 
der crstere in der zweilen. 

Il(. Jahr;. 1. Cand. 3 



3t 

Die Byssus stellt also physiologisch dem Gespinnste der In- 
sekten am naclisten. und es ist nnr der Unlerschicd, dafs das 
Insekten -Gespinnst nicht mit dem Körper in steter Berührung 
bleibt, also bei ihm keine Vcrbindungsmaterie Statt haben kann. 
Sie ist auch ebensoweit der Materie zu vergleichen , womit die 
Rossia palpebrosa, ein Cepbalopod, nach Rofs's Beschreibung*) 
ihre Eier aneinanderheftet, welche ebenfalls Sekret einer Drüse ist. 

B. Erklärung der Formen der Byssus. 

Wenn die im Torigen Abschnitte vorgetragene Meinung, dafs 
die Byssus aus unorganisirtcr Materie bestehe, richtig ist, so mufs 
sie durch Juxtaposition wachsen, und alle ihre Formen sich aus 
der Form und Thaligkeit der organisirten Theile erklären lassen, 
was ich, soweit ich es vermag, hier thun weide. 

Zunächst ist der Grund aufzusuchen, der den Typus der bei- 
den Klassen von Byssus bedingt; woher es also komme, dafs im 
einen Falle die Byssusmaterie ilächenbaft ausgedehnt ist, und die 
Verbindungsmaterie, in der mehr die Längen- Dimension vor- 
herrscht, ciuschliefst ; im andern Falle die ausgedehnte Verbin- 
dungsmaterie die fadenförmige Byssus einhüllt. Die Form der 
Byssusraatciie hängt hauptsächlich von der Gestalt der Furche 
des zungenförmigen Muskels ab; die Form der Verbindungsma- 
terie von der Gestalt des Thelles der Byssnshöhle, welcher sie 
absondert, und von ihrer Consistenz. 

Bei der ersten Klasse der Byssus breitet sieh die Furche 
des zungeuformigen Muskels beim Eintritt in die Byssushühle 
aus, indem sie weit und flach wird. Die cinlliefsende Byssus- 
materie gelangt hier zwischen Byssusstamm und die Wände 
der Höhle, und wird wohl mit Hülfe der cirkelfurmigcn Muskel- 
fasern als eine dünne Schicht nach der Wurzel zu hinunter ge- 
trieben. Auf dem Boden der Byssushühle wird die Verbindungs- 
materie abgesondert, und wächst aus einer Furche lamellenför- 
mig (lichogonia) aus einem blinden Loche fadenförmig (iridacna) 
hervor. Die Byssusmaterie dringt zwischen sie ein mid umhüllt 
sie. In dieser Klasse muTs also nothwendig ein Byssusstamm 



*) Appendix lo Ihe narrative of a second voyage in search of a 
north-weil pasaage etc. by Sir J. Rofa. London 1835. fol. p. 93. 



eutstehen, weil die festen Byssusschichten immer das ganze Con- 
tentum der Byssushöhle umfassen und verbinden. 

In der zweiten Klasse, wo ich nur von der pinna bestimmt 
reden kann, da mir nur von dieser die Weichtheile zur Unter- 
suchung zu Gebote standen, theilt sich die Furche des zungen- 
förmigen Muskels in der Byssushöhle in kleinere Furchen, bei 
pinna in 4, bei meleagrina in so viele als man F. 13. Würzel- 
chen sieht. Meine Ansicht ist nun, dafs die Byssusmaterie diese 
Furche in allen ihren Verzweigungen anfüllt. Dabei ist es nicht 
uölbig, dafs sie ganz von der Spitze des zungenförmigen Muskels 
in der zu einem Kanal geschlossenen Furche hiriablaufe, denn 
die weifscn Streifen, die sich von der Byssusdrüse an den klei- 
nen Furchen herunter fortsetzen, mögen ebenfalls von dieser 
Materie seccrniren, und durch feine OelTnungen in die Furche 
ergiefsen. Es ist überhaupt nicht wahrscheinlich, dafs die oben 
von mir angegebenen Oeöimngen der Byssusdrüse die einzigen 
seien, weil sich diese auch bei der ersten Klasse so weit an der 
Furche hinunter zieht. — Ist nun in der Furche der Faden ge- 
formt, so wird er ausgeschlossen und kommt dadurch in die 
Byssushöhle. So gut also in jedes Fach der Höhle ein Zweig 
der Furche läuft, mufs auch ein jedes Fach ein VVürzelchen 
des Fadens erhallen. Nun kommt das weichere Sekret der Bys- 
sushöhle darauf, hüllt die Fäden ein und hält sie fest. Die 
Stammbilduug hängt in dieser Klasse davon ab, ob die Verbin- 
dungsmaterie Consistenz genug besitzt, das Ganze zu einem 
Stamme zu vereinigen und zusammenzuhalten. 

Sowohl -durch die Sekretion der Byssushöhle, als durch die 
auf dem Boden der Höhle einQiefsende Byssusmalerie erhält der 
Stamm immer nur von unten den Zuwachs, so dafs die neu an- 
gelegten Schichten die älteren nach und nach aus der Höhle er- 
heben. Die an der Wurzel noch getrennten Theile werden dann 
durch die neu angesetzte Materie verklebt, sobald sie sich über 
die Scheidewände erheben, welche die Verlicfungen der Höhle 
trennen. Zu dieser Verbindung mag auch ^vohl die Wirkung 
des aphijicler am Eingange der Byssushöhle beitragen. Denn 
bei dem mi/l. edulls liegen die Lamellen in der Wurzel ziemlich 
gerade, im Stamme aber so verworren, als ob sie gewaltsam 
zusanioicngedrUckt wären. Besonders sind die seitlich in die 

3* 



36 

Sehnen vom Kreise der Byssusrinde fallenden Lamellen sehr 
zusammengefaltet, während die im Durchmesser liegenden mehr 
gerade verlaufen (F. 7.)- Nach der Vereinigung der getrennten, 
Theile der Wurzel, mufs natürlich der Theil der Byssusmaterie, 
welcher die Oberflächen der Lamellen oder Fibern überzog, in 
das Innere des Stammes eingeschlossen werden. Daher sieht 
man den ganzen Stamm der iridacna mit dem feinen Geäder 
der Byssusmaterie durchzogen, und wird nun nach der obigen 
Beschreibung von der untersten Scheide des Stammes leicht ver- 
stehen, wie diese beim Wachsthum in den Stamm erhoben wird, 
und wie jedes feinste Aderchen die Fortsetzung einer den Stamm 
umfassenden Scheide und dadurch eines Fadens ist, mit dem es 
auch die Eigenschaft zu opalisiren gemein hat. Aus eben der 
Ursach zieht sich bei der tichogonia (F. 4.) die helle Materie (i.) 
zwischen die dunklern Streifen (r.). 

Für das Wachsthum des Stammes in der angegebenen Art, 
kann man noch folgende Gründe anführen: 

1) Ergänzt mau an einem alten Byssusstamme das obere feh- 
lende Stück, 80 ist sein oberer Theil dem ganzen Stamme eines 
Jüngern Thieres gleich, was sich auch auf die Länge und Dicke 
der von ihnen abgehenden Fäden bezieht. Es ist also hier das- 
selbe Verhältnifs als zwischen der Spitze der Schale einer alten 
Schnecke und zwischen der ganzen einer jungen. 

2) Die Queerdurchschnilte durch den obern und untern Theil 
des Stammes zeigen dieselben wesentlichen Theile, so dafs hier- 
nach die jetzige Spitze einst Basis gewesen sein kann. 

3) Nach Reaumur's Beobachtung am m. cdulis und der mei- 
nigen an der lichogonia ist der ueueste Faden immer der unter- 
ste d. h. der nächste an der Wurzel. Da wir aber auch am 
oberen und obersten Theile des Stammes Fäden sehen, so schlie- 
fsen wir, dafs auch dieser Theil einst die Basis war. 

4) Die Thiere selbst können die Byssus nicht lösen, denn oft 
Labe ich den m. edulis und die tichogonia bei niedrigem Wasser- 
stande an den Pfäblen im Trocknen hangen und sterben sehen; 
kein Thicr stirbt aber, wo es sich retten kann. Da nun die 
während der Jugend gesponnenen Fäden kürzer sind, und also 
das Thier dichter an den äufseren Gegenstand anheften, so würde 
es, nachdem es gröfser geworden, straff gegen den äufseren Kör- 



37 

per angezogen werden, und die Fäden müfsten endlich gewalt- 
sam zersprengt werden. Dies würde um so mil'slicher für dal 
Thier sein, je stärker die Fäden sind. Dagegen wird nach .un- 
serer Bebaiipliing durch das Anspinnen neuer Fäden der Stamm, 
und durcli ihn zugleich die älteren Fäden verlängert. 

Die Spitze des Stammes ist also der älteste Theil, und ist 
deshalb auch fast immer verwittert, wie die Spitze der Schale 
des bulimus decollaius Brug. Nur bei der arca zeigt sich die 
Pyramide ziemlich vollständig, weil sie durch dicke Schichten 
fast ganz eingehüllt ist, denn nur nach hinten stufst die Spitze 
ein wenig an die Oberlläche. 

Die Form des Stammes ist immer die einer Pyramide mit 
verschiedenem Vcrliältnifs der Basis zur Höhe. Denn mit dem 
Waehslbura des Thieres vergröfsert sich auch die Byssushöhle 
und formt zuerst einen dünnen, dann einen dickern Stamm. 
Das Gröfsenverhälfnifs der Basis zur Höhe mufs also von der 
Schnelligkeit des Wachsthnuics des Byssusstammes abhangen. 
Denn vergröfstrt sich ein Stamm von i'" Dicke und V" Länge 
binnen einem Jahre um \"' im Durchmesser und um 2"' in der 
Länge, so wird die Pyramide bei einer Basis von '\"' nur 3'" 
Höhe haben, was eine sehr merkliche Pyramidenforra giebt, (z. B. 
iichogonia. iridacna). Wächst aber der Stamm unter denselben 
Bedingungen 1 Zoll in die Länge, so verhält sich die Basis zur 
Hübe wie J : 1-3, was sich schon der Cylinderform sehr nähert 
(m. eduUs). Es läfst sich also aus der Form des Stammes auf 
die Schnelligkeit seines Wachsthums schliefsen. Bei dem m. edulis 
mag der Grund des schnellen Wachsthums in der Tiefe und 
SchmaJheit der Furchen der Byssushöhle liegen, wodurch die 
Fläche, welche die Verbindungsmatcrie secernirt, vergröfsert wird 
nnd daher mehr schafft, und in einer starken Absonderung der 
Byssusmaterie. 

Hiermit ist auch die Pyramide im Stamme der arca erklärt 
Nach oben ist sie zwar von Schichten so dick umgeben, dals der 
ganze Stamm im Gegentheil an Dicke zunimmt. Allein sein 
obererTheil ist den Fäden analog, die mit dem äufscren Körper 
in Verbindung stehen, und so würde denn wohl jeder Stamm 
au Dicke zunehmen, wenn man sich die Fäden an ihm Linaof- 
gelegt und mit ihm versclunolzen denkt. 



38 

Zugleich mit der ByssusLühle wächst aber auch der zungcu- 
förmige Muskel; die Fäden, die er formt, werden also längerund 
dicker. Daher steht die Gröfse eines Fadens immer mit der 
Dicke des Stammes an dem Thcile im Verhältnifs, wo sich der 
Faden iuserirt. Oben sind die kleinsten und ältesicn. So inse- 
riren sich auch, die ältesten (innersten) Schichten der arca an 
der Spitze der Pyramide, die neuesten an ihrer Basis. 

Ferner ist jeder Stamm zuriickgekrümmt, so dafs die Fäden 
sich an der convexen Seite iuscriren. Dies rührt eben nur von 
der mechanischen Ausdehnung dieser Seite her. So geht die 
Krümmung des Stammes bei m. edulls bisweilen nach der ent- 
gegengesetzten Seile über, wenn die Fäden anfangen, sich auf 
der andern Seite zu inseriren, (was durch eine gewaltsame Um- 
drehung des Tuieres um die Achse der Byssus geschehen mag). 
Auch bei der arca inseriren sich die Schichten auf der couves«n 
Seite; die concave ist fast unbedeckt. 

Bei der pinna bildet sich gar kein Stamm. — Die Vcrbin- 
dungsmalcrie liat bei der meleagihia noch so viel Festigkeit, dafs 
durch die neue Absonderung von unten der obere Thcil gehoben 
■v^3^d. und »hervorwächst, wobei das Contenlum jedes Faches der 
Byssushöhle cioe Lamelle bildet. Die Byssus der unbekannten 
Muschel Nro. 11. hat eine weicbere Vcrbiudungsmaterie, so dafs 
die Laraeilcnform ganz verschmolzen ist, und die Fäden kaum 
zu einem Stamme zusammengehalten werden. Die Weichheit 
der Vcrbiudungsmaterie hat nun bei der pinna so zugenommen, 
dafs der ganze Inhalt der 4 Fächer der Byssushöhle durch den 
Zuwachs der Verbindungsmaterie, der hier auch sehr gering sein 
mag, nicht mehr regclmäfsig vorgeschoben wird. l>ie älteren 
Fäden gelangen nach dem entgegengesetzten Ende der Byssus- 
höhle, da von der dem zungenformigen Muskel zugeUcbrten Seite 
immer neue hinzukommen. So erklärt sich die .Ausnahme, wel- 
che die pinna darin maclil, dafs bei iiir die ältesten Fäden am 
wenigsten weit aus dem Körper hervorragen. Sie zerreifsen aus 
dem unter Nro. 4. beim VVachslhum des Stammes angeführten 
Grunde, mögen sich auch zum Theil herausziehen, und so findet 
man denn an der vom zungenformigen Muskel abgewandten Seite 
einen Büschel abgekürzter Fäden. Hätte die Verbindungsmaterie 
Consistenz genug, und wäre ihre Sekretion reichlicher, so wür- 



39 

den wir hier ciueu Byssusstamm erbalteu, der aus vier grofscn 
dicken Lamellen bestände, übrigens wie der der meleagrina ge- 
bildet wäre. 

Die Form der Fäden ist schon im vorigen Abschnille aus 
der Form der Furche des zungcnförmigen Muskels hergeleitet. 

Nachtrag. 

Kürzlich erhielt ich einen Aufsatz des Prof. Lavini*) über 
die chemischen Bestandlheile der Byssus von pinna nobilis, den 
ich hier kurz mitlheilen will : 

Byssus sei iu Piemont unter dem Namen gnaccara bekannt, 
und finde sich häufig hei Sardinien, woher er die Scinige er- 
halten habe. 

Blciprotosyd in Kalkwasser färbte die Byssus nicht schwarz 
wie die Haare, daher sie keinen freien Schwefel enthalte. Ver- 
dünnte Schwefelsäure äudcrle die Farbe nicht meiklich, ebenso 
Salzsäure. Salpetersäure färbie sie gelbroth. Kalkwasser scheint 
sie ein wenig bleicher zu machen. Kaustisches Kali verwandelt 
sie in einen Brei. Dem siedenden Wasser theilt sie eine anima- 
lische Materie von der Natur der Gallerte mit, die einen Ekel 
erregenden Geruch hat. Alkohol zieht ein stinkendes Oel aus; 
dies läfst beim Verbrennen eine Kohle nach, die schwierig aber 
ohne Rückstand verbrennt. Ammoniak lange damit digerirt giebt 
eine seifenarlige stinkende Materie, ohne das Gewebe der Byssus 
zu zerstören. 

Durch Glühen mit kohlensaurem Kali erhielt Lavini ähn- 
liche Körper als bei der Hornsubslanz, nämlich unterkohlensaures 
Ammoniak, thierisches stinkendes Oel und eine kohligc Substanz, 
welche eisen- blausaures Kali enthält. 3-3 Byssus gaben 4 Kohle, 
die 2 Asche hintcriicfsen. Die 2 Asche enthielten li in Wasser 
lösliche Substanz: Jod und Brom, die Natron zur Basis hatten, 
salzsaures Natron und eine Spur von Magnesia. Der unlösliche 
Tlieil der Asche bestand aus Kiesel-, Thonerde, Phosphorsäure, 
Mangan und Eisenoxyd. 



*) Memorie della reale Accademia dcUe Scienze di Torino. Xottio 3S. 
Torino 183.1. 4. p. 111. 



40 

Zur Anatomie der tichogonia Chemnüzü Rofsm. 



Dr. Vanbeneden hat kürzlich die Anatomie dieses Thieres 
untersacht, welches er nach einem Pharmazeuten, der ihm Exem- 
plare davon geschickt habe, Dreissena nennt *). Seine Beob- 
achtungen weichen in mehreren wesentlichen Punkten von den 
meinigen ab^ die ich hier herausheben will. 

So redet er in der Beschreibung des Nervensystems von 5 
Nervenknoten, und will dabei doch noch das gnnglion Magnili 
vermifst haben. An seiner Stelle beschreibt er ein Paar von 
Ganglien, welches durch einen Faden mit dem hinteren, auF dem 
adduclor inferior gelegenen einfachen Nervenknoten verbunden 
sein soll. — Das Nervensystem der tichogonia ist aber dem der 
unodonta ganz ähnlich. Am Schlünde liegen zwei Knoten, die 
durch eine starke hinter dem Schlünde durchgehende Anastomose 
verbunden sind. Von ihnen kommen mehrere Nerven, die in 
den vorderen Thcil des Mantels gehen. Ferner kommt von den 
Schluudganglien jcderseits ein Verbindungszweig, welcher den 
vorderen Schenkel des musc. retracior an seinem oberen Drit- 
theil durchbohrt und dann unter diesem Muskel seiner Seite 
längs der Speiseröhre zu dem einfachen ganglion Magnili geht, 
welches unter der Wurzel des zungenförmigen Muskels liegt, und 
mit seineu Verzweigungen schon oben p. 13. beschrieben ist. 
So bilden also die beiden Knoten am Schlünde mit ihrer Ana- 
stomose und ihren Comraunicatiouszweigen zum gl. Magnili eine 
weite Nervenschlinge, welche die Speiserülire umfafst. Ein zwei- 
ter Verbindungszweig (F. 5. u. ) geht von den Ganglien des 
Schlundes jcderseits uuter dem Eierstock durch die Leber, dann 
an der inneren Seite des Oviductes und durch das Bojanus'sche 
Organ zu dem vierten Nervenknoten (F. 5. x.), der einfach ist 
wie das gl. Magnili, und über dem unteren Schliefsmuskel (A.) 
ziemlich frei liegt. Bei dem mytilua edulis findet man statt 
dieses einfachen Ganglion ein Paar, das durch einen starken 
Faden verbunden ist. — Von dem vierten Nervenknoten geht 
ein Paar Zweige seitlich zu den Kiemen («.), und scheint an 
diesen abwärts zu laufen. Ein anderes Paar geht zum hinteren 

*) Aimalet des Sciences naturelles. T. III. Avril 1835. 



41 

Rande des Scliliefsmuskcls, wo es sich in zwei Zweige tlieilt. 
Der äufsere (w.) verliert sicli in dem Mantel und seinen beiden 
Röhren, der innere (y.) schlägt sich um den Rand des Scliliefs- 
maskels nacli dem Rücken zu, und Terlicrt sich im Manlcl, wo 
dieser den Mastdarm bedeckt. Aufscr diesen drei Ilaiiplpaarcu 
sielil man noch mehrere sehr feine Fäden, deren Verlauf nicht 
constaiit ist. Gewöhnlich bilden sie einen Bogen, der von dem 
einen Kicmcnnerven über dem Ganglion zum anderen läuft, uud 
zwei Fädclien gegen das Ovarium scliickt, die icli nicht weiter 
verfolgen konnte, ab sie hier abgebildet sind. Diese entspringen 
auch bisweilen aus dem Verbindungszweige zu dem Sclilund- 
knoten, zumal wenn dieser, wie ich es in einem Falle fand, an 
seiner Wuizel eine Anschwellung hat. Ein solcher Nerv mag 
es sein, den Vanbeneden als den siebenten von diesem Gan- 
glion entspringenden bezeichnet, der in der Mittellinie verlaufe; 
ich fand ihn nie unpaarig. 

Auch die Nerven der mya arenaria haben eine ganz ähnli- 
che Disposition. Nur der Comniunicationszwcig zwischen dem 
Schlundganglion und dem vierten oder liintersteu Knoten ent- 
springt von diesem mit einer doppelten Wurzel, deren äui'screr 
Tbeil mit dem Kieraennerven verbunden ist. 

Muskeln und Darmkanal liat Vanbeneden sehr gut be- 
schrieben, nur ist er in Zweifel, ob der blinde Anhang des Ma. 
gens einen Krystallstiel enlhalle, den ich oft gefunden habe. 

Der Darm des mytilus ediiUs ist viel länger als der der ti- 
cAog-oiim, und bei ihm fand ich den blinden Anhang nicht. Poli 
bildet ihn gerade so ab, wie ich ihn gesehen habe. Bei der 
mya arenaria entsteht der Blinddarm mit einer gröfscren Oclf- 
nung aus dem Magen als der Darm selbst, und enthielt im Som- 
mer einen dicken Krystallsliel. £r verläuft in einem Bogen in 
der Carina des Fufses und liegt der linken Seite etwas näher. 
Der Daim entsteht ein wenig höher ans dem Magen, ist durch 
eine Falle (Klappe) geschlossen, macht einige kurze Windungen, 
und läuft dann in der Carina des Fufses der rechten Seite näher 
wieder nach dem Magen zu, wendet sich um zum Rücken und 
geht wie gewöhnlich durch das Herz zum After. 

DieOelfnnng des Oviducles (F. 5. o.) konnte Vanbeneden 
nicht auffinden. Sie liegt im inneren Kiemengange, etwa mit 



42 

der Byssnshöhle in gleicher Höhe, und bildet eine kleine Längs- 
spalte mit einem Rande umgeben. Von hier verzweigt sich der 
Eierleitcr aufwärts im Ovarium, und an ihm liangen die Eier- 
säcke wie die Beeren an einer Traube. Unter dem Mikroskope 
zeigten sich bei einem in Weingeist aufbevrahrlcn Exemplare 
die Eierleiter silbcr- oder pcrlmutterweifs, und die Eiersäckchen 
wie scbneeweil'se Cocons. Bei einigen Exemplaren konnte ich 
diese Struktur nicht wiederfinden. 

Des Bojanus'schcn Organes (F. 5. B.) erwähnt Vanbe- 
neden niclit. Es ist ein häutiger Sack, der sich nach oben (in 
der Gegend B) in zwei Schenkel Iheilt. Der Körper des Sackes, 
der auf dem unteren Schliefsmuskel (A) liegt, hängt mit dem 
der anderen Seite zusammen, so dafs man die gelbe Materie, die 
er zu enthalten pllegt, aus dem einen in den anderen hinüber 
drücken kann. Der innere Schenkel liegt in den Kiemengängen 
unter dem seplum, welches beide Kiemengänge scheidet, steigt 
gegen die Oell'nung des Oviducts auf und verengert sich hier ein 
wenig, dann wird er wieder etwas weiter, und öffnet sith nahe 
am Oviduct mit einer kleinen Spalte (J.), die ganz an seinem 
äufseren Rande, liegt, so dafs es bisweilen den Anschein hat, 
als wäre die Oefi'rmng in dem äufseren dicht daneben liegenden 
Schenkel. Das Ende von diesem ist in der Abbildung noch 
nicht sichlbar. Denn er scliieu mir noch zwischen dem Mantel 
und dem Rande des musc. relraclor nach dem Rücken fortzu- 
gehen, und am Mastdarme mit demselben Schenkel der anderen 
Seite zusammcnzutrellcn. Er würde hierdurch, wenn ich nicht 
geirrt habe, in die Nähe des Herzens gelangen. Ob ein sinus 
venosus am Organe existirc, weifs ich nicht. Von dem Gewebe 
dieses Organes bei der anodonta ist das der iichogonia sehr ver- 
schieden, denn es zeigt nichts von dem dunkelen Parenchymc, 
und ist ganz dünnhäutig, dafs sein Conlentum durchscheint. Die 
Formverschiedenheil in diesen beiden Thieren mag d.irin seinen 
Grund haben, dafs der musc. retraclor bei der iichogonia einen 
Theil des Raumes einnimmt, der bei der anodonta durch das 
Boj. Organ erfüllt wird, denn bei dieser ist der Muskel nicht so 
stark ausgebildet und iuserirt sich weiter nach unten. Das Organ 
hat übrigens in beiden Thieren gemein, dafs es an der Bauch- 
seite des unteren Schliefsmuskels liegt, in die Nähe des Herzeus 



43 

gelangt, und im inneren Kiemengange sich öffnet. — Be! der 
mya arenaria ist (ias Boj. Organ auch hellfarbig, und liegt ein 
wenig iscehr nacli hinicn als bei der anodonia, so dafs das'IIerz 
nur an seinen obersten Tlieile grenzt. Die Oeffnnng ist eine 
kleine cinforbc Spalle, und liegt nahe am O^iducl, der sidi, wie 
bei dem myl. erhilis, auf einer kleinen Papille ül'inet. Das Boj. 
Organ lälst sicli duicli seine Oelfnung leiclit aufblasen. 

Bei diesen Muscheln liegt also die OeffuuDg des Eierleiters 
und die des Boj. Organes dicht beisammen, und immer verläuft 
der iS'eiv, der das vierte imd das Schlund -Ganglion verbindet, 
nahe an ibrem inneren Rande, was als Wegweiser dienen kann. 
Bei der mya aren. liegen die Oell'nungcn der Eierleiter am un- 
teren Ende des Fufscs sehr nahe an einander, und hier berühren 
sicIi jene Nerven fast, die nach diesem Gesetze noch zwischen 
ihucD durch müssen. 

Von den Kiemen sagt Vanbeneden, ihr hinterer Theil 
sei frei und floltirend, was bei seiner Untersuchung an in Wein- 
geist autbewaluten Exemplaren wohl zu entschuldigen ist, denn 
da lö^eu sicii diese Verbindungen der Kiemen sehr leicht ; es 
sind folgende; auf jeder Seite liegen zwei Kiemen, deren jede 
aus zwei durch Qucrscheidevvände verbundenen Blättern be- 
steht. Die sich berührenden Blätter beider Kiemen sind an ihrer 
Basis zusammcngewacbsen ganz wie bei anoilunta. Von der ge- 
uiciuscliaftlicbeu Basis dieser beiden Kiernenblättcr geht eine 
Scheidewand zum Boj. Organe, welche den inneren Kieniengang 
vom äufscren scheidet, und sich nach unten bis zu dem Nerven 
erstreckt, der vom vierten Nervenknolen zu eben diesen beiden 
Kienienblätleru übergeht. Der Nerv bildet also den unleren 
freien Band der Scheidewand. Unterhalb des Nerven commnni- 
ciren daher beide Kiemeugänge derselben Seite. Der äufscre 
wird durch Verwachsung des äufscrsten Kicnienblaltes mit dem 
Mantel, der innere dur(jh Verwachsung des innersten Kiemen- 
blatlcs mit dem Ovarium gänzlich gesclilossen. Der rechte und 
linke innere Kieniengang sind also durch das dazwischen liegende 
Ovarium getrennt ; wo dieses aber nach unten spitz auslaufend 
cudigl, treten die innersten Kienienbläller der rcchjlen und linken 
Seite zusammen, und verwachsen unter sieh, liier communici- 
ren also beide inneren Kiemeugänge, ja die Vereinigung erfolgt 



44 

noch etwas früher, weil die Spitze des Ovarianis nach hinten 
nicht verwachsen ist, sondern frei auf dem Boj. Organe und über 
dem hinteren Schliefsmuskel liegt, also der Raum zwischen Boj. 
Organ und Eierstoclt beide vereinigt. Diese Vereinigung geschieht 
früher als die der beiden Kiemengiinge derselben Seite. Endlich 
kommen aber alle vier Kieniengänge zusammen und bilden die 
Kloakenhöhle, die hinten voniManlcl und vom von den Kiemen 
begrenzt ist. Die Kiemen sind unter sich und mit dem Mantel 
bis zu ihrer äufserstcn Spitze verwachsen, gestatten also gar 
keine Communication mit der Kiemenhöhle. In der vom Mantel 
gebildeten Wand ist eine Oeffnung nach aufsen, die mit der klei- 
neren Röhre verseben ist. Die gröfsere Röhre führt in die Kie- 
menhöhle, welche durch den Mantel bis auf eine zweite kleine 
Oeffnung geschlossen wird, durch welche die Byssus und der 
zungcnförmige Muskel austreten. Ungeachtet hiernach gar keine 
Communication zwischen der Kiemenhöhle und Kloake Statt 
findet, schien mir doch das Wasser in beständigem Zuge durch 
die gröfsere Röhre in die Kieraenhöhle ein, und aus der Kloaken- 
röhre wieder auszuströmen. AufsCrdem spritzt das Thicr das 
Wasser oft gewaltsam aus beiden Röhren zugleich hervor, indem 
es die Schalen adducirt. 

Bei der anodonta, deren Mantel bekanntlich ganz gespalten 
ist, kann man auch die Andeutungen der Röhren auffmden; denn 
an den entsprechenden Orten zeigt der Mantel kleine Verlänge- 
rungen, die etwas biicblig ausgeschnitten sind, und deren vor- 
dere, die der Röhre der Kiemenhölile entspricht, mit kleinen 
Fibrillen besetzt ist, wie es bei dieser gewöhnlich ist. DasTbier 
legt bei der Respiration die Ränder des Mantels aneinander und 
läfst an beiden den Röhren entsprechenden Stellen Räume übrig, 
aus denen das Wasser wie aus den Röhren der mi/a und ticho- 
gonia ein- und ausströmt. Hieraus scheint mir hervorzugehen, 
dafs der Unterschied, den die Spaltung des Mantels giebt, ein 
unerheblicher sei. 

Da also der untere Theil des grofsen Mantelschlitzes den 
Röhren entspricht, so folgt, dafs der sogenannte Rückenschlitz, 
der sich bei anodonta und nnjt. edulis findet, nicht mit der Röhre 
der Kloake verglichen werden kann. Sein Zweck ist mir ganz 
unbekannt ; die Exkremente kommen nicht aus ihm hervor 



45 

vielleicht nimmt das Wasser aber durch ihn seinen Weg, wel- 
ches sich -zwischen dem Mantel und der Schale findet. 



Erklärung der Kupfer. 

NB. Das Secret der Byssusliöhle oder die Verbindangsmaterie 
ist in alleQ Darchschnitten mit r bezeicliuet. 

Fig. 1. Die Byssus der /rirfacna elongata Lam. in natürlicher 
Gröfse. r die Wurzel des Stammes, die von der Byssushöhle 
aufgenommen wird, a die Spitze des Stammes, v die oberen 
freien Ränder der Scheiden, welche den Stamm nmlileiden. 
m der verdickte Kan.l an der Basis des Fadens, der den mitt- 
leru sehr dünnen Tlieil säumt. J" ein Faden, Fortsetzung der 
Scheide, der an den aufseren Körpern befestigt war. 

Fig. 2. Querschnitt durch einen Faden von Fig. 1., um die 
Längs -Vertiefungen und Erhabenheiten zu zeigen, llOmal ver- 
gröfsert. 

Fig. 3. Ein Tlieil des Querdurchschnilfes von derselben Byssus, 
nahe der Spilze F. 1. a geführt. Etwa der 5tc Tlieil ist ab- 
gebildet und 45mal verf;iöl'scrt. A die Rinde, welche den 
ganzen Stauiiu umschlielst. 2( o a « verschiedene Lagen von 
Rinde, welche immer kleinere Felder einschliersen. r die Fa- 
sern, welche durch die Rinde zu Bündeln vereinigt werden. 

Fig. 4. Querdurchschnitt des Byssus-Stammes von tichogonia 
CAfnimVzi'i Rofsm. llOmal vergiöfsert. c die Schichlcn, welche 
nach oben in die Fäden auslaufen, i die hellere Masse der 
Lamellen, iu welche sich die Schichten nach nuten fortsetzen. 
r die dunklere Masse der Lamellen. 

Fig. 5. Tichogonia Cliemn. Rofsm. Der vordere Theil des Kör- 
pers, Mantel. Kiemen und Eierstock sind abgetragen, die Oeff- 
nuiig des Ovidiicts aber stehen gelassen; 2Jnial vergröfsert. 
A der unlere Schliel'sniuskel. r die unteren Schenkel des 
musc. retractor, s dessen obere Schenkel, l der zungenför- 
mige Muskel, t dessen Langsfuiche, die nach oben mit einer 
kleinen Qurrspalle enuct. und nach unten in die Byssushöhle 
hinabgeht, g die Byssusdrüse, welche sich längs dieser Furche 
erstreckt, c die Byssushöhle, die oben aufgespalten und mit 
Nadeln aus einander gehallen ist, damit der mit Furclien be- 
zogene Grund derselben erscheine, o die Ocflnung des Eier- 
leitcrs. B das Bojanns'sche Organ, welches sich nach vorn 
in zwei Schenkel Ihcill; i seine Oeffnung. x das vierte Gan- 
glion, u Verbindungsnerv zu den Ganglien am Schlünde, v Nerv 



46 

der Kiemen. Beide werden durch eine sehr feine Nerren- 
scliliiigc vcibundcii, von der wieder zwei feine Nerven auf- 
wSrls gehen, y ein Zweig der sich um den unteren Schliefs- 
mu>kel herunisc.lilögt, und zum Rücken geht, w Zweig zu 
den Röhren des Mautcls. a After. 

Fig. 6. Spitze des zungeuförmigen Muskels von mytilus edutls 
Linn., 5mal vcrgröi'sert. Der obere Theil der Läiigsfurchc ist 
durch Nadeln aus einander gezogen, um die Oellnungcn der 
Byssusdrüse zu zeigen. 

Fig. 7. Querschnitt durch den Byssusslamm des mylibis edulis 
Linn., llOmai vcrgröfsert. f J" Fäden, welche iu diesem Falle 
auf zwei Seilen vom Stamme abgehen, c die Rinde, in welche 
die Fäden übergeheu. d einige abgelöste Schichten der Rinde. 
In der Milte die gewundenen Lamellen. 

Fig. 8. Qucrschnilt durch den Byssusstamm des malleus vul- 
seltaius Lam. und 

Fig. 9. Längsschnitt durch denselben. Beide llOmal vergröfserl. 
c die geschichtete Mas^^e, welche sich nach oben in die Fäden 
y fortsetzt, r dieljamellen, zwischen welche die gesrhiclitete 
Masse als schmale Streifen eindringt. « Stelle, wo Lamellen 
waren, die verwittert sind. 

Fig. 10. Längendurchschnitt der Byssus von arca harijatahinu., 
durch seine beiden Kiele geführt, 2imal vcrgröfsert. r a die 
von der Verbiniluugsmalerie gebildete Pyramide mit gefalteten 
Seiten, a ihre zurückgebogene Spitze, c die Schichten, wel- 
clie die Pyramide besonders an ihrer convexen Seile cinechlie- 
fsen und sich oben au irgend einen Korper anheften. 

Fig. 11. Querdurchnilt von F. 10. parallel mit deren Basis r 
geführt und Tönial vcrgröfsert. r die Vcrbiudungsmalcrie, wel- 
che die Pyramide mit gefalletcp. S.eiten bildet, c die Schich- 
ten, welche die Fallen erfüllen. 

Fig. 12. Qucrschnilt durch den Byssusstamm der meleagrina 
margarilifera \A\m. zur Hälfte abgebildet und 75mal vergrö- 
fserl. f Durchschnitte der Fäden, c ihrer VVürzclchen. r die 
Lamellen, welche dies alles einschliefsen. 

Fig. 1-3. Der unlcre Theil eines Fadens von derselben Byssus 
und in derselben Vergrüfserung. f der Faden, der sich end- 
lich selbst spaltcl. c die Würzclchcn. 



Ueber 
neue Arten der Gattung Tichogonia Rofsm. 

(Dreissena Vanben.) 

nach den Exemplaren des Berliner Museums 

vom 
Herausgeber. 



Jjci Gelpgenljcit der Arbeiten des Hrn. Dr. Müller über My- 
lilus polymorphus theilte ich demselben die Diagnosen zweier 
dem Myiilus bitociilaris L. ähnlichen Arten des hiesigen Museums 
mit, um sie einer Monographie des Myt. polymorphus f Ticho- 
gonia Rofsm.) einzuverleiben. Da diese Arbeit indessen später von 
ihm nicht zur Inauguralschrift benutzt worden ist, so mögen die 
Diagnosen hier einen Platz finden. Es ist leicht möglich , dafs 
diese Arten hin und vrieder mit Ulytibis hilocularis L. verwech- 
selt worden sind, obwohl ihre specifische Verschiedenheit keinem 
aufmerksamen Beobachter bei genauerer Ansicht entgehen kann. 

Die generische Verschiedenheit des Myiilus polymor- 
phus Pall. (Tichogonia Chemnitzii Rofsm.) von HI. etlulis scheint 
mir hinreichend durch die Abweichung des Thieres in iiufserer 
Gestalt und anatomischen Einzelheiten gerechtfertigt*); von den 

*) Hr. Deshaycs (Lamarek Bist. nat. des anim. s. verf. 2 edit. 
Tom. 7. p. 51.) wendet ges;en den von der Wirbelplalte enlnommeDeu 
Charakter ein, dafs der erste Anfang einer solchen Plalteubiidung bereits 
bei einigen marinen Arten wahrzunehmen sei, in andern stufenweise zu- 
nehme und im Myiilus bituciiltiris sein Alaximum erreiche. Ich kenne 
indessen keine ganz älinlicl]c Bildung. Bei einigen Arten legt sicli freilich 
der Vordertheil des L'nterrandes gegen den Wirbel und bildet .so einen 
receuus unter dem Wirbel ; es ist dies aber, so viel ich deren Beispiele 
kenne, nie eine vom vordem Unterrande getrennte, den vorderen Scliliefs- 
uiuskel aufnehmende Platte. Vielmehr setzt sich dieser an der bei My- 
iilus gewüLnlicben Stelle an. 



48 

das Meer bewoliiienden Arten, welche sich sämratlicli durch 
ihre Skulptur, d. h. durch strahlenförmig von den Wirbeln zum 
Rande verlaufende Rippen auszeichnen, kennen wir aber leider 
das Thier bis jetzt niclit; und nur aus dem Vorhandensein der 
Wirbelplatle schliefsen wir auf eine Uebereinslimmung der Thierc. 
Die Zukunft mufs lehren, wie weit diese Uebereinslimmung geht. 
Indem ich hinsichtlich der Gattung und der gewalilten Be- 
nennung auf das im Jahresberichte des vorigen Jahrganges (Bd. 
II. p. 210 *) ) Gesagte verweise, Iheile ich hier nur die vollstän- 
dige Charakteristik der Gattung und ihrer Arien mit. 

Tichogonia Rofsmäfslcr. 
(Dreissena Vanbenedcn.) 

Testa longiludinalis, aequivalvis, trilatera ; latus ventrale 
pro hysso plerumque Lians : latus anticum cum vcntrali confu- 
sum, hinc nates terminales anticae; margo posticus in dorsalem 
arcuatim transiens. Valvae carinatae, intus sub umbonibus lamiiia 
perpendiculari, musc. adduclorem anteriorem excipienle iustru- 
ctae. Cardo varlus, his dentes intern! minimi, illis dens exter- 
nus alterius valvae solitarius vel obsoletus. Ligamentum subin- 
ternum, fovca longiludinali marginis dorsalis exceptum. Impressio 
musculi posterioris lateralis, subdidyma ; anterioris in lamella 
sub apicali. 

Animalis pallium clausum, aperturis tribus perforalum, 
vcntrali byssum cmitlenle, posterioribus in tubulos prolongalis. 

A. Extus Costa to - striatae, margine interno 
crenulato: (Marinae) 

a) Dentibus cardinalibus internis parvis sub utroque 
api cc. 

1) Tichogonia bilocularis. 
T. testa ovato-trigona autice valde angulala, longiludinaliter 
striata; striis confertis, inferue furcatis; epidernüde viridi; lamina 
subapicali valvarum integerrinia ; dentibus cardinalibus parvis 
inleinis, sub utroque apice binis. 
. My- 

*) ich mufs bifir einen Fehler des Jahresberichts verbessern, der 
Hm. Rofsiniifsler zu nahe tritt. Dieser kannte freilich das Thier selbst 
nicht aus eig;ener Ansieht; \\o\)\ aber war ihm t. Baer's Beschreibung 
desselben bekannt, was ich au jenem Orte irrig verneint habe. 



49 

Mytilus lilocularis Liii. S. nat.— Gmel. p. 3352. n.8. — 
Schröter Eiiil. t. 3. p. 431. *) — Chemu. Concli. 8. t. 82. L 736 
a, b. et 737. — Lamarck Ilist. nat. d. Anim. s. vert. 2 edil. 7. p. 
39. etc. 

Länge 20'". Dicke 9J"'. Breite 11'". — Nach Abreibung 
der Epidermis erscheint sie bläulich -violett. Die Vorderseite 
flach, wie abgeschnitten, bildet mit den Seiteulhcilen einen schar- 
fen, fast rechten Winkel. Im indischen ücean. 

2) Tichogonia excisa n. sp. ") 

T. testa oblongo - trigona ; angulo lateris antici rotundafo, 
obsolete; dense striata; striis emineotibus, confertis, mature fur- 
catis; epidermide flavicanlc; lamina valvaruni subapicali sinuato- 
cxcisa ; dcnticulis cardinalibus internis, sub ntroque apicc pluri- 
bus, minimis. 

Länge 19i"', Dicke 11'", gröfste Breite 10'". Bei einem 
kürzereu und dickeren Exemplare: Länge 15"', Dicke lOj"', 
Breite 8y"'. — Die erhabene Kante der vorigen Arl, durch wel- 
che sich die Bauchseite gegen die Seitenflächen in jener so scharf 
absetzt, fehlt hier fast ganz, ist wenigstens so stark zugerundet 
und abgestumpft, dafs sie kaum merklich bleibt. Der gezähnelte 
Vorderrand setzt sich über der Platte zunächst unter den Wir- 
beln jeder Schalcnhälfte in eine kleine Leiste fori, welche 5 — 7 
kleine in einer Reihe stehende Zäbncben trägt. Die erhabenen 
Linien theilen sich schon früh. Die Farbe ist constant aus dem 
Wachsgelbeu ins Bräunliche fallend. Der wichtigste Charakter 
ist der tiefe Ausschnilt am freien Rande der Wirbelplatte. Die 
Art ist mit keiner zu verwechseln. Wir erhielten sie durch 
Hrn. Lamare-Piquo t aus dem iadischen Ocean. 

b) Dente cardinali solitarlo externe, sinura alterius 
val vae esplente : 

3) Tichogonia virgafa n. sp. 
T. testa oblongo -Irigüua, costis inferius 3 — 4 partitis, mar- 
gincm versus subevanescentibus ; extus alropurpurea, intns vio- 
lacea. 



•) Schröter bat doch wohl nur diese Art gemeint, obwohl er 
die Anwesenheit zweier Zähne leugnet. 

") Laniarck's Variiliit d. extus ferruginea, intus alliida (Bora. 
III. Jilirg. l.Dand. 4 



50 

Mytilua hilocularis var. c. testa extns intusque fusca 
Lam. 1. c? 

Länge 20"', Dicke 9'", gröfste Breite 10"'. — Die Art ist 
hinreichend durch ihren äufserlichen horizontalen Sclilofszahn 
ausgezeichnet, welcher aufsen am Rande der linken Schale ent- 
springt, nach einwärts gekrümmt ist und in eine Bucht der 
rechten Schale eingreift. Durch diese Schlofsbildung macht diese 
Art einen Uehcrgang zur zweiten Ablhcilung, bei welcher kein 
deutlicher äufserer Zahn vorhanden ist, denn nur hin und wie- 
der findet sich bei T. Chemnitzii Rufsni. (Mytilus polyn^or- 
phus Pall. ) ein schwacher Vorsprung, der das Rudiment eines 
solchen Zahnes ist. — Wir erhielten diese Art aus dem stilleu 
Meere durch Hrn. Dr. v. Besser. 

B. Margiue interno integerrimo, deute carclinali 
obsoleto nullove: (Fluvialiles) 

4) Tichogonia Chemnitzii Rofsm. *) 

T. testa oblongo-trigona, hiante, laevi, striis iDcrementi ez- 
arata, natibus acutis. 

Mytilus polymorphiisViiü. Desh. Lamarck. .(4nim. «. «erf. 
iedit. — M. Wolgae Cbemn. — M. Chemnitzii Fer. — 
M. Hagenii de Baer. — M. lineatus Wardenb. — M. arca 
Kickx. — M. cochlealus Kickx. — Tichogonia Chemnitzii 
Rofsm. Iconogr. Fase. I. p. 11.3. — Dreissena polymorpha 
Vanbeneden Ann. d. Sc. nat. 1835. 3. p. 210., Sehr ausfUhi-lich 
beschrieben von Rofsmäfsler. In hiesiger Gegend ist sie erst 
seit wenigen Jahren so ungemein zahlreich geworden, vielleicht 
durch das Flöfsholz aus Üstpreufsen eingeschleppt. Findet sich 
aufserdem im caspischen und schwarzen Meere, in der Ostsee, 
der Donau, Wolga, im Rheine, in Belgien, Holland, England, 



Mus. 7. f. 5.) kenne ich nicht, doch scheint sie nur Varietät der T. bi- 
tocularis ; wenigstens ist sie keinesweges die von mir unterschiedene, 
da die Wirbclplatten nicht ausgeschnitten dargestellt sind. Dieser Aus- 
schnitt ist aber ein constanter Charakter. 

*) Eigentlich hätte der Trivialname den Vorzog verdient, und tun so 
mehr, als er der am meisten angenommene ist; doch mochte ich die S^o- 
nymie nicht vergrölsern. 



51 

vielleicht nach manchen Orten, wo sie früher nicht gekannt war, 
durch preufsische Schiffe verschleppt. 

5) Tichogonia africana. 

T. testa oblonga, apice rotundata, margine ventrali recto, 
integro, latere csterno regubriter lamelloso, cristis duabus lon- 
gitudinalibus ornala. 

Dreissena africana Vanben. l. c.p. 211. t. 8./. 12 u. 13. 
Ist mir nur aus Vaubeneden's Beschreibung und Abbildung 
bekannt, auf welche ich schliefslich verweise. 



Ueber die Sexualität der Muschelthiere. 
Notiz vom Dr. v. Siebold. 

In Bezog auf den Zusatz, welchen der Herausgeber dies. Arch. 
za dem Auszuge aus Silliman's Journal (Kirtland über die 
sexuellen Charaktere der Najaden) gegeben hat, sehe ich mich 
veranlafst, die Ergebnisse meiner seit längerer Zeit an Bivalven 
des süfsen Wassers und der Ostsee angestellten Uütersuchungen 
hier vorweg bekannt zu machen. Ich bin nämlich zu dem be- 
stimmten Resultate gelangt, dafs einige Bivalven Hermaphroditen, 
andere dagegen getrennten Geschlechtes sind. So sind z. B. bei 
Unio piciorum (ganz in Uebereinstimmung mit Prevost's und 
Wagner 's Beobachtungen) bei Unio Inmida, Mytilus polymoi-phus 
und edulis die münnlicben und weiblichen Geschlechtsorgane 
constant auf verschiedene Individuen verlheilt, einen sexuellen 
in die Augen springenden Uulerschied der Schalen der Männ- 
chen und Weibchen habe ich hier nie auffinden können. Cyclas 
Cornea, lacuslris und rivicola sind entschieden Hermaphroditen, 
und zwar besitzen diese Muscheln nicht, wie manche Gastero- 
poden (llelix, l'lanorbis, Lymnaeus u. s. w.) für Hoden und Eier- 
stock ein gemeinschaftliches Organ, sondern männliche und weib- 
liche Zcugungsthcile befiuden sich in jedem einzelnen Thiere von 
einander getrennt. Sehr auffallend war es mir, bei Mytüus edulis 
die Zeugungsorgaue im Mantel suchen zu müssen. 



4* 



Helminthologische Beiträge 

von 

Hermann Nathusius 
in Handisbarg. 



Erster Beitrag. 

lieber einige Eingeweidewürmer des schwarzen Storchs. 

Filaria lahiata Crcpl. u. Strongylus trachealis N. 
(Syngamui trachealis t. Sieb.) 



VV enn man bei dem Studium der Eingeweidewürmer oft eine 
grofse Anzahl von Thieren öffnet, nnd, aller angewandten Mühe 
und Vorsicht ungeachtet, keine Spur solcher Geschöpfe auffindet, 
so geschieht es zuweilen, dafs ein Individuum dem Beobachter 
eine so reiche kleine Welt darbietet, dafs es unmöglich ist, allen 
die gebührende Aufmerksamkeil in gleichem Grade zu "schenken. 
In wenigen Stunden nach dem Tode beginnt eine Veränderung 
der Würmer, besonders in warmen Sommertagen, und man ist 
gezwungen, sie in Spiritus oder andere Conservationsmittel zu 
bringen, um wenigstens die äufsere Form möglichst zu erhalten. 
Eine Untersuchung der gröfseren Nematoden mit dem Messer, 
üne genauere Betrachtung der kleinern, durchsicbtigcn Trema- 
toden unter dem Mikroskope ist nur in ganz frischem Zustande 
möglich. 

Am 23. Mai dieses Jahres erhielt ich eineu al'eu männlichen 
schwarzen Storch — Ciconia nigra, Bcchstein — welcher 
Tags zuvor von meinem Jäger in hiesiger Gegend geschossen 
war. Das äufsere Ansehn des Thicres war nicht krankhaft, die 
Muskeln waren von gesunder Farbe, und die Flugkraft durchaus 
nicht gelähmt. Im Innern fand sich eine seifen grofse Anzahl 
von Entozoen, welche zwar sämmtlich noch ganz frisch waren, 
aber nur noch geringe Zeichen von Leben gaben: 



53 

1. Filaria lahiafa Creplin, in den Lungen und Lnftzcllen 

24 Individuen. 

2. Strongytus trachealis M., 16 Exemplare in der Luft- 

röhre. 

3. Spiroptera alata Rudolphi, zwischen den Magenhäuten 

über 100. 

4. Uolostomum excavatum Nitzseh, viele Ilunderte im 

Dünndarm. 
6. Distoma ferox Rudolph!, gegen hundert Individuen im 
Darm. 

6. Disloma hiatis Rudolph!, 22 Exempl. in der Speiseröhre. 

7. Distoma (hiatis Rud.?), 5 Exempl. zwischen den Magen- 

häuteu. 

8. Disioma echinatum Zeder, 1 Individuum im Dünndarm. 

Die grofse, schöne Filaria, und das Thier, auf welches 
die Aufmerksamkeit gewifs aller Helmiuthologen durch Herrn 
V. Siebold's Abhandlung in diesem Archiv (II. 105.) gerichtet 
ist, nahmen meine Aufmerksamkeit ganz besonders in An,<:pruch, 
und die Untersuchung nahm so viel Zeit hinweg, dafs die andern 
Arten nicht mehr ebenso frisch untersucht werden konnten. 

1. Filaria lahiaia Creplin. 

Ueber den Innern Bau der zu der Gattung Filaria gerech- 
Delcn Thiere ist im Ganzen noch zu wenig bekannt, so viel auch 
über manche Arien geschricbeu ist. Es scheinen mir nach mei- 
nen, in dieser Galtung wenig zahlreichen Beobachtungen, ver- 
schiedene Formen darunter vereinigt zu sein ; ich bin aber nicht 
im Stande, etwas Allgemeines über diese Galtung zu sagen, und 
will daher das, was ich an der vorliegenden Art beobachtete, 
riofach und isolirt milthcilen. 

Rcdi erwähnt einer, unter der Haut und in der Bauclt- 
faöhle des Storches gefundenen Filaria, welche wahrscheinlich 
die vorliegende i-'^t, obgleich er die Länge des Körpers viel ge- 
ringer aiigicbt, als Creplin's und meine Exemplare sie zeigen 
(vcrgl. Rudolph! entoz. hial. IL p.ll. no. 23.). Hr. Creplin 
brschrieb im Jahre 1825 (Observat. de enlozois. Gryph. 1825. /. 
p. 1.) diese Art unter dem Namen F. labiata, nach einigen 
Exemplaren, welche Barko in der Brusthöhle der Ciconta ni^a 



54 

gefunden hatte, wo sie jedoch nicht, wie im vorliegenden Falle, 
in der Substanz der Lungen gelegen haben sollen, obgleich diese 
auf der linken Seite nicht unversehrt gewesen ist. Hr. Creplin 
sah nur wenige weibliche Exemplare, und theilt uns über die 
Anatomie nichts mit. 

Fundort. Die rechte Lunge des schwarzen Storchs 
war beinah gänzlich, die linke nicht viel weniger zerstört; nur 
wenige und kleine Theile der Lungensubstanz waren noch in 
normalem Zustande, übrigens bestanden dieselben aus einem 
grünlich -braunen, weichen Stoff, in welchem nur hier und da 
noch einzelne Zellenfasern deutlich und fest waren ; einzelne 
linscngrofse, verhärtete Eitercoocremente lagen darin. In diesen 
krankhaften Theilen der Lunge lagen die Würmer in der Sub- 
stanz selbst, so dafs sie an vielen Stellen von den noch erhal- 
tenen Zellenfasern und Gefäfsen umfafsl waren (also nicht frei, 
wie z. B. Ascarls nigrovenosa Zed. in den Lungen der Batrachier 
liegt). Von den Lungen aus erstreckten sich die Wurmknäule 
in den Luftzellcn bis ins Becken hinein, und nur ein Exemplar 
war mit dem Kopfende 5 Zoll weit in die Luftröhre gerathen. 
Auf beiden Seiten lagen die Würmer iu dichten Knäulen, man- 
nigfach unter einander verschlungen, jedoch eigentliche Spiralen 
nicht bildend. Im Ganzen fand ich 24 Individuen; 12 männ- 
liche und eben so viel weibliche. 

Beschreibung. Die Länge aller aufgefundenen Weibchen 
ist ziemlich flcichmäfslg 2 Fufs und 10 Zoll bei einem Durch- 
messer von beinah 1 Linie. Die Länge der Männchen beträgt 
zwischen 4^ bis 5y Zoll und ihr Durchmesser ist ungefähr dem 
einer mittlem Violinsaite gleich. Die Farbe gelblich-weifs, am 
Kopfende auf einer Strecke von 1 bis ly Zoll rein weifs, sehr 
aussezeichnet durch die durchscheinende zinnobcrrolhe Farbe 
des Nahrungskanals, welcher bei dem Weibchen etwas mehr 
gewunden, bei dem Männchen beinah ohne Windungen veiläuft. 
Der elastische, langgestreckte, drehrundc, feingeringcltc Körper 
ist überall gleich dick, nur am Schwanzende etwas verschmäcli- 
tigt, und zwar bei dem Männchen etwas mehr, als beim Weib- 
chen, bei diesem gerade, bei jenem am Schwanzende eingekrümmt, 
die Schwanzspitze von einer Flügelhaut umgeben, welche fast 
oval und jederseils mit fünf knieförmig gebogenen Rippen ver- 



55, 

Beben ist, so dafs der mänolicbe Schwanztbeil bauchwärts concav 
gebogen ist, und daher löffelförmig erscheint. Die auf der Län- 
gcnaxe des Körpers stehende Muudüll'nung ist kreisrund, zuwei- 
len ein wenig oval, und liegt zwischen zwei lippenarligen klei- 
nen Hervorragungen, welche parallel neben einander liegen, auf 
deren Bogen und an jedem Ende ein kleines coniscbes, mit einem 
abgesondcrteu Küpfchcn versehenes Knötchen steht, so dafs also 
solcher Knötchen im Ganzen sechs vorhanden sind. 

Anatomie des Weibchens. Was zuvörderst die Ilaut 
betrifft, so ist eine äufsere Schicht von Queer- oder Kreisfasem 
sehr deutlich, welche eine ganz äbolicbe Anordnung zeigen, wie 
dieselbe von Ascaris lumbrlcoides bekannt, und namentlich von 
Bojanus ahgebiidet ist (Isis 1821. Taf. .3. Flg. 48.). Eben so 
verhält es sich mit den vier Muskelbündeln von Längsfasero, 
welche unter den Kielsfasern liegen, und sich vom Kopf bis 
zum Schwanz erstrecken, deren Fasern eben wie bei den Kreis- 
muskeln vielfach unter einander verbunden sind, und daher, aus- 
einander gezogen , ein raaschcnartlges Gewebe darstellen. Die 
beiden Seitenlinien sind etwas breiter, als bei den von mir im- 
lersuchlcn Ascariden (z. B. A. depressa%tA., lumlricoides h. etc.) 
ungefähr halb so breit, als eine Lage der Längenmuskeln, be- 
steben jede aus zwei nebeneinander liegenden opaken Bändern, 
in deren Mitte eine durchscheinende, sehr wenig geschlängelte 
Linie verläuft. Ueber die Natur dieses Organes vermochte ich 
nichts auszuniltteln, was die bisherige Kenntnlfs davon wesent- 
lich zu vermehren im Stande wäre, und ich enthalte mich daher 
gern, die bisher darüber vorgebrachten Ansichten hier zu wie- 
derholen. Sehr deutlich sind auf diesen opaken Bäuderu war- 
zenförmige Ilervorragungen mit einem dunklem Punkt im Cen- 
trum. Zwischen je zwei Bändern der'Längenmuskeln liegen die 
Rücken- und Baucblinlen, welche sehr deutlich unter dem Mi- 
kroskope sich von den daneben liegenden Muskelfasern durch 
andere Brechung des I/ichtes unterscheiden, so dafs es mir im 
vorliegenden Falle wiederum sehr wahrscheinlich geworden ist, 
dafs sie Gefäfse sind, obgleich kein directer Beweis dafür anzu- 
führen ist. Das Verhalten an den Körpcrendeu ist mir nicht 
deutlich geworden. Diese beiden gcfäfsartigen Stamme sind dicht 
mit jenen Organen besetzt, welche von einigen Beobachtern 



56 

fölschlich mit den Tracheeubläsclien der Insekten Ter£;lichcn sind; 
sie verbinden dieselben mit dem Darmkanal und den Geschlechts- 
organen (wie ich weiter unten näher angeben werde), zeigen 
aber nicht jene blasenartigen Erweiterungen, wie sie von 
Bojanus, Cloquct u. A. von ^«c. /u»iiricoif/es abgebildet sind, 
sondern nur gleich weite Acste, welche zum Tlieil blind zu 
sein, zum Theil mit den nebcnslehenden Fasern zu anastoraosircn 
scheinen. Am ganz frischen Präparat sieht man neben den 
beiden Stämmen, zvpischen den Muskelbündeln, gröfsere Poren, 
welche im Spiritus ulsbald unkenntlich werden. 

Es geht also hieraus hervor, dafs die Auordnuug der Mus- 
keln, der Organe der Seitenlinien und der gefäfsartigeu Stämme 
an der Bauch- und Rückenseite, im Wesentlichen bei dieser 
Filaria dieselbe ist, wie sie von audern Nematoden -Gattungen 
schon bekannt war *). 

Die oben erwähnte kreisrunde oder ein wenig ovale Mund- 
öffnung führt in einen sehr kurzen, engen, nach liiuten ein 
wenig erweiterten Schlund, welcher plötzlich in den viel wei- 
teren Magen übergeht: dieser ist cyliudrisch, an beiden Enden 
stumpf zugerundet, ungefähr 1 Zoll 8 Linien lang, weifs und 
ganz undurchsichtig. Er besteht im Innern aus einer flockigen 
Substanz und wahrscheinlich aus mehreren Häuten, welche dar- 
zustellen mir jedoch nicht gelungen ist. In demselben fanden 
sich weifse, uuregclmäfsig gestaltete, rundliche Körnchen. Am 
untern Ende geht der Magen in den Darm über, von welchem 
er durch eine Einschnürung geschieden ist. Nach einer nicht 
bedeutenden Anschwellung hinter dem Magen verläuft der Darm 
gleich weit durch den ganzen Körper, verschmächtigt sich plötz- 
lich kurz vor seinem Ende sehr bedeutend, und ölTuel sich in 
den After, welcher an der Spitze des Schwanzes, dem Munde 
gerade gegenüber, liegt. lu den ersten zwei Driltheilen der 



*) Wenn der genaue Beobachter, Hr. A. Relzius bei Beschreibung 
der Ascaria mit vicrlheilifjem Uterus aus Vylhun bivittatns von 
den andern Beobachtern darin abweicht, dais er die fadenförmigen Ge- 
fäfse des Darms au die Scilenlinicn treten läfsl, so entstanii dieser Irr- 
thum \YoId nur dadurch, dafs ihm bei dieser Untersuchung kein passen- 
des Mikroskop zu Gebote stand, wie er selbst berichtet. (Vetenskaps- 
Acaderaieos Handlingar Oir ar 1829. p. 104 u. 107.) 



57 

Körpcrlänpc tnacbt der Darm nur seichte WinduDgen, in dem 
Ictzien Drittbcil dagegen höliere und häufigere Bogen, jedoch 
nirgends eigentliche Schlingen. Die Farbe des ganzen Dann?, 
vom Magen bis zum Afler, ist schön und lebhaft zinnoberrotb. 
Im; Innern liegen von oben bis uulcn theils regelmäfsig kreis- 
runde, thcils unregclmäfsig gestaltelc zinnoberrothe Körnchen. 
Die Darmhant ist besonders zart und dünn, zeigt keine Andeu- 
tung von Zottcubildung (wie sie nun schon bei einigen Nema- 
toden gefunden ist); die Körnchen sind auf ihr jedoch in iusel- 
artigc Häufchen vertbcilt. vyodurch die innere Darmwand einige 
Aehnlicbkcit mit einem Gefäfsnetz erhält; — vielleicht ist diese 
regelmäfsige Verlheilung der Körnchen des Darminbalts auf eigen- 
thümliche Strukturvcrhüllnisse der Darmhaut gegründet ; diese 
aufzufinden gelang mir aber nicht. 

Sehr eigentbümlich sind in mehrfacher Beziehung die weib- 
lichen Genitalien. Zuerst schon die Lage der Geschlechls- 
öffuuDg. Am Kopfe, dicht neben der Mundöffnung, eine halbe 
Linie von dieser entfernt, ist eine kleine OelTnung (vxilva), wel- 
che in eine enge, kurze, eine Linie lange Röhre (vaginaj führt, 
an welcher eine obere, aus verzweigten, anaslomosirendcn Fa- 
sern, und eine untere, minder deullichc, aus Ringfasern beste- 
hende Schicht zu erkennen ist. Die vagina geht über in den, 
zunächst über derselben kolbenartig angeschwollenen Uterus, der 
weiter nach unten cylindrisch verläuft und zwischen 5 und 6 
Linien lang ist. Der angeschwollene Theil des Uterus besteht 
aus verzweigten, sich durchkreuzeuden Fasern, deren Richtung 
schief auf die Längenaxe des Uterus ist, und der daher wie ein 
gewickeltes Zwirnknaul aussieht ; in dem cylindriscben Theil 
des Uterus herrscht eine queere Richtung der (Ring)fasern vor, 
jedoch mit mannigfachen Durchkreuzungen. — Plötzlich theilt 
sich der Uterus bandförmig in fünf Ilörner; jedes dieser llör- 
ner verläuft in mannigfachen Windungen, oftmals um den Darm 
geschlungeu, durch den ganzen Körper, ist gegen 4 Fufs laug, 
schwillt ganz alhnälilig, gegen das Ende zu etwas mehr, an, 
endet zugespitzt, und geht hier in das 5 bis 6 Zoll lange Ova- 
rium über; dieses ist zuerst sehr dünn, wird ein wenig weiter, 
uud verläuft dann ziemlich gleich dick, bis es sich in einer 
geschlossenen Kugel endet. Die an dem Uterus sehr deut- 



58 

liehe muskulöse Struktur wird im Verlaufe der Hörner immer 
undeutlicher, iudem nur noch einzelne, zum Theil gabelig ge- 
theilte, Längsfascrn zu erkennen sind, und geht in eine häutige 
über. Der unlere Theil der (Jterusliörner ist ungefähr so dick 
wie der Darm; der dünnste Theil der Ovarien hat dagegen nur 
0,0013 Par. Zoll im Durchmesser, und der Durchmesser der Ku- 
gel, in welche die Ovarien enden, beträgt 0,0025 Par. Zoll. Den 
Inhalt dieser Kugeln und des untern Theiles der Ovarien bildet 
eine homogene Masse von Kügelchen, deren Durchmesser ich = 
0,0002 Par. Zoll fand^ weiter nach dem Uterus zu treten in den 
Ovarien mehrere solcher Körnchen zu abgesonderten Haufen zu- 
sammen, welche schon von einer äufserst zarten Hülle umgeben 
zu sein scheinen, wenigstens sind sie auch da bestimmt begräuzt, 
wo sie sich dicht aneinander drängen, und deshalb eckig er- 
scheinen. Gleich in dem untern Theil der Hüruer des Uterus 
haben die Eier i)lötzlich eine beslimmt elliptische Gestalt, und 
erleiden bis zu ihrem Austritt aus der vagina keine sichtbare 
Veränderung mehr, indem alle Tbeile des Uterus überall mit 
gleich gebildeten Eiern erfüllt sind. Die Längenaxe der Eier 
beträgt im Duicbschnilt mehrerer Messungen 0,002 Par. Zoll 
(Maximum 0.00205. Minimum 0,00194). Zwei Eihüllen sind 
deutlich zu erkennen; der Dotter ninmit fast die ganze .Höhlung 
ein (an mehreren Eiern erkannte ich an dem einen Eude einen 
anscheinend leeren Raum, ähnlich dem Luftraum der Hühnereier), 
besteht aus mchrern rundlichen Häufchen, in denen man eineu 
Keimfleck zu erkennen glaubt. 

Die fünf Hüruer des Uterus erfüllen den ganzen Raum des 
Körpers, indem sie überall neben dem Darm, zum Theil ihn 
umschlingend, verlaufen. Zwei von ihnen biegen sieh, ungefähr 
in der Milte des Körpers, um, und verlaufen wieder nach dem 
Kopfe zu ; die Ovarien dieser beiden Hörner liegeu dicht neben 
einander, kurz vor dem Schlund, auf dem Magen mit kleinen 
Schlingen, und richten sich von hier aus iu ihrem fernem Ver- 
lauf wieder nach dem Schwanzthcil; sie umlassen mit sehr kur- 



♦) Da die fünf Iliirnpr des Uterus zusamnx-n gegen 20 Fufs lang 
und so dick sind, Jafs überall eine Menge von Eiern neben und über 
einander liegen, so enthält eine Filaria über eine Million Eier 
auf einmal! — 



59 

len und zahlreichen Windungen, dicht zusammengedrängt die 
ihnen entsprechenden Uörner. — Zwei andere verlaufen bis in 
das Scliwanzcndc des Wurmes, hier biegen sich die Ovarien um, 
und Tcilanfen ebcnlalls in kurzen, sehr zahlreichen Windungen 
nach dem Kopfe zu. — Das fünfte Hörn des Uterus endlich ver- 
läuft nicht ganz bis zum Schvranzende, biegt sich nach dem 
Kopfe zu uui, und das dazu gehörige Ovarium endet ungefähr 
in der Mitte des Körpers. 

Die Hörner des Uterus und die Ovarien sind überall dicht 
mit jenen cilienartigen Organen besetzt, welche auch am Darm- 
kanal sich finden ; sie verbinden diese Theile mit dem oben be- 
schriebenen gefalsartigen Stämmen der Bauch- und Rückeulinie. 
An der Vagina uud dem Uterus selbst konnte ich dieselben nicht 
deutlich erkennen; wenn sie hier auch nicht ganz fehlen, sind 
sie doch gewifs nur in sehr geringer Menge vorhanden. Am 
zahlreichsten sieht man sie an den Ovarien nur ganz besonders 
an den kugeligen Endungen derselben. Sie sind bei geringerer 
als 200nialiger Linearvergröfserung nicht überall deutlich zu er- 
kennen ; zeigen aber selbst bei lOOOmaliger Linearvergröfserung 
und dem günstigsten Licht (mit einem grofsen, vortrefilichen 
Mikroskop von Schick) keine deutliche Organisation. Sic sind 
so zart, düfs sie sogleich zerreifsen, wenn die elastische Haut des 
Wurmes im Wasser aufplatzt, oder mit der Nadel und Scheere 
aufgeschnitten wird, und es ist daher nicht leicht, ihren Zusam- 
menhang mit dem Bauch - und Rückengefäfs direct zu beobach- 
ten ; er ist jedoch unbezwcifclt vorhanden — und die Fäden 
selbst können wohl nichts anders als Gefäfse sein. 

Bei dem männlichen Geschlecht verhält sich das Ver- 
dauungssyslem ganz wie bei dem weiblichen, nur ist der Darm- 
kaual, indem er etwas weniger und seichtere Windungen macht, 
etwas kursier im Verhältnil's zur Körperlänge hei dem Männchen; 
und der After liegt nicht dem Munde gegenüber auf der hier 
gedügelten Schwanzspitze, sondern an' der Bauchseite zwischen 
den Flügeln, dicht vor der Schwanzspitzc. Die Haut des Wur- 
mes ist nicht so durchsichtig, dafs man die Geschlechtstheile in 
ihrem ganzen Verlauf deutlich erkennen könnte, und da das 
Thicr 80 dünn ist, gelang es mir nicht, mit Instrumenten die 
männlichen Genitalien so vollkommeu darzulegen, wie es mir 



60 

mit den weiblichen zu wiederliollcn Malen glückte. Ein wcifscs, 
vielfach gewundenes SameBgefiifs erfüllt den gröfsten Tüeil des 
Körpers, und enthält eine homogene Masse von weifsen Körn- 
chen, welche an einigen Stellen uiasseuweis zusammen treten. 
Von Spermatozoen konnte ich keine Spur in keinem Theile der 
Samengelafse aufQnden *). 

Der Penis, welcher bei einigen Individuen dicht neben 
dem After vorgeschoben war, ist lang, hornartig, braun, wie 
gewöhnlich bauchwärts sensenartig gebogen, indefs in geringe- 
rem Grade, als bei den meisten Ascaiiden. Er besteht deutlich 
aus zwei Blättern, von denen das eine ein weuig länger ist, als 
das andere, wodurch der Penis ungewöhnlich spitz erscheint. 
Eine Scheide scheint nicht vorhanden. Bei einigen Individuen 
sah ich am Schwanzlhcil Spuren solcher Hafipapillcn, wie sie 
bei mehreren Ascariden vorkommen; jedoch nur undeutlich. Bei 
mehreren Nematoden hat sich mir die Acul'serung des verehrten 
Nitzsch bestätigt, dafs diese Ilaltknötchen nur zu gewissen 
Zeiten vorkommen, indem ihr periodisches Vorhandensein wahr- 
scheinlich mit den Geschlechts - Functionen in Zusammenhang 
steht "). 

2. Strongylus tracheal'is N. 
(Sijngamus trachealis v. Sieb.) 

Vor Kurzem hat Hr. v. Siebold in diesem Archiv (11.106. 
Taf. 3.) eine Arbeit über diese Art mifgetheill, welche gewifs 

*) Die feinen, vou den innern Organen zu den Gefäfsstänimen der 
Eauch- und Rüclienseile t|;el)enden GeHifse, von denen oben die Rede 
V?ar, haben, wenn sie sicli isolirl dein Auge darbieten, zuweilen das 
Ansehen der hüarförmigen Spermatozoen der wirbellosen Tliiere, wie 
sie Hr. V. Siebold uns vor Kurzem durch seine vorlrefilichen Unlcr- 
sucbungen bekannt machte. Bei einiger Aufmerksamkeit wird mau aber 
einem solchen IiTtlium leicht entgehen. 

*•) Spatere Beobachter will ich noch auf zwei äufserst kleine drö- 
senartigc Organe aufmerksam niaclieu, welche im Innern des Körpers, 
kurz vor dem After, neben dem Darm des Männchens liegen, und mit 
den Genitalien nicht in Verbindung zu stehen scheinen. Ich sah sie 
uor an einem Präparat ganz deutlich, ■vermochte sie an andern nicht 
aufzoGnden. 



61 

jeden Helmlnlhologcn mit dem Wunsche erlullle, selbst dieses 
wunderbare Thicr aufzuflnden. Der schwarze Storch, wel- 
cher uns hier beschäl'tigl, lieferte mir zu meiner Freude 16 Exem- 
plare, von denen einige selbst dreimal so grols, als die von 
Hrn. V. Siebold beobachteten Individuen waren. 

Die innere Wand der Luftröhre war, wohl iu Folge der 
Lurgenkrankheit, mit einem sehr zähen, schmutzig- rotbbraunen 
Schleim überzogen, in welchem die Würmer lagen, und wegen 
ihrer rotben Farbe schwer darin aufzufinden waren. Als ich die 
Luftröhre geöffnet hatte, erkannte ich zuerst ein solches doppel- 
leibiges Thier, auf welches Hrn. von Siebold's Abhandlung, 
welche ich vor einigen Tagen erhalten hatte, mich so begierig 
gemacht hatte ; ich betrachtete es sogleich mit der Loupe und 
unter dem Mikroskop, uud zweifelte keinen Augenblick an der 
Richtigkeit der Beobachtung: ich sah keinen After, weil ich ihn 
nicht suchte, und glaubte wirklich ein doppelleibiges Thier vor 
mir zu haben. Sehr grofs war daher meine Verwunderung, als 
ich bei genauer Untersuchung der Luftröhre einige solcher Thic- 
re, aber ohne die zweite Hälfte fand, nun verdoppeile ich 
meine Aufmerksamkeit, nnd es gelang mir, eine gröfsere Anzahl 
gröfferer und kleinerer, tlieils doppelter, theils einfacher Würmer 
zu finden. Bei der Betrachtung unter dem Mikroskop sah ich an 
einem der kleinsten Individuen, von denen sich mehrere durch 
ein abgestutztes Schwanzende sogleich auszeichneten, einen 
Schwanzbeutel, uud nachdem ich nun ganz ohne Vorurlheil 
an die Untersuchung ging, erkannte ich alsbald, dafs wir zuerst 
einen Sirongylus in der Begattung beobachtet hatten; Hr. 
V. Siebold war zufällig nicht so glücklich gewesen, auch grö- 
fsere und nicht begattete Individuen zu sehen; der Irrthum, der 
daraus hervorging, ist sehr leicht zu erklären, wie aus der Be- 
schreibung des männlichen Schwanzes erhellen wird. 

Ich fand im Ganzen 9 Weibchen von 6 bis zu 20 Linien, 
und 7 Männchen von 3i bis 4 Linien Länge; zwei der gröfsern 
Weibchen waren in der Begattung begriffen, und die Männchen 
hafteten so fest au ihnen, dafs sie selbst im Spiritus noch un- 
verändert in dieser Stellung beharren, wie dies bei mehreren 
Strongylusarten schon früher beobachtet, und überhaupt keine 
seltene Erscheinung ist. 



62 

Der Körper Terschmäclifigt sich nach Kopf und Schwanz zu 
allmälig, und endet beim Weibchen in eine feine Schwanzspilze, 
beim Männchen ist er hinten abgestutzt. Eine Hingelung der 
Körperhant ist nicht deutlich, aber dennoch angedeutet, und auch 
ein, wenn auch geringer Grad von Elaslicilät der Haut zeigt sicli 
bei der Vericlzung des Thicrcs. besonders wenn es einige Zeit 
im Wasser gelegen hat. Der Kopf ist nach vorn gerade abge- 
stutzt ; eine krci.'^runde, sehr weile MundülYuung füiirt in eine 
napfformige Aushohhing. welche aus einer festen, horuartigen 
Substanz besteht; der Theil des Kopfes, welcher diesen Napf 
enihäll, ist etwas, aber wenig von dem übrigen Körper abge- 
schnürt, und neben dieser Einschnürung sieht man zuweilen, be- 
sonders bei Biegung des Kopfes, ein oder zwei Uautfalten auf 
einer Uälfte des Körpers. Der Rand der MundötVnuiig ist etwas 
eingekerbt, jedoch nicht so, dafs ich dies eine regelnu^fsige, sechs- 
malige Einkerbung nennen möchte, sie scheint Tieluichr durch 
Umschlagen des äufserstcn Randes nach Innen zu entstehen; aber 
auf dem Grunde des Napfes sah ich einigemal eine regchnäfsige 
Gestaltung, konnte es mir jedoch nicht klar machen, ob diese 
Ton llakcheu oder Knötchen gebildet wird, weil die Substanz 
des Napfes wenig durchsichtig, und eine Beleuchtung des Innern 
schwierig ist. Unter dem Napf beginnen der Schlund und Ma- 
gen, der eine birn- oder ilaschciirörmigc Gestalt mit langem Halse 
hat, und beim Männchen ein wenig gedrungener zu sein scheint; 
er geht in den, durch eine Abschnürung deutlich geschiedenen 
Darm über, welcher sich in selchten Windungen durch den gan- 
zen Körper bis zum After erstreckt. Dieser liegt beim $ kurz 
Tor der Spitze des Schwanzes, und ist durch eine kleine Haut- 
falte ein wenig verdeckt, — beim ^ dagegen an dem abgestutz- 
ten Körperendc zwischen dem Schwanzbeulel. Am hinlern Ende 
des vordem Drittheils des Weibchen liegt die Vulva, eine 
qneer auf der Längenaxe des Körpers stehende, lünglicbe, etwas 
halbmondförmige Spalte mit wulstigen Rändern. Zugleich ist 
der Körper an dieser Stelle etwas ausgeschweift. — Der Be- 
schreibung der weiblichen Genitalien, welche Hr. v. Sicbold 
giebt. kann ich nichts hinzufiigen und finde sie ganz naturgetreu; 
die Windungsn und Schlingen sind sehr zahlreich, besonders in 
der Nähe der Vulva. Eben so sah ich die Eier ganz wie sie 



Hr. V. Sicbnid bcsclircilil , und füßC nur liin/.ii, tlnfs sie eine 
clli|istiiilisclic (fV'sliiU li;ib<'ii und nach nu'liieren IMosüiingoit der 
Diiicluncssri' ilcr Lan^ciiaxc 0,0030 l'ai'. Zoll, um drr Oiirciaxe 
0.0015 l'ar. 7^i)ll bciriif;!. In den jinif^cu Wciliilicn von niwli 
nirlil (i Linien Ij.'iiipc 7.<'if;l sich dassolh« (^cwniidcnc (icliils, doch 
scheint CS im Vcihüllnils y.iu' K(ir|)cilänf;ii noch iiichl pari/, so 
Innf; 7-n sein, ulc lici den nill icilVn Kicin anf;('ITillr('n Thieien; 
es ist dies aller nnr eine Vciinulhniij;, indem es mir nicht ge- 
lang, das (icl^irs vullkummcn zu entwickeln. Ka ist hei diesen 
jnngfi'äuliehi'n Wüimeiii duichglingig mit einer körnigen Masse 
ohne innere Coagnlirnngen angeliilll. 

Im Männehen ist das gewtUHJene Samen^efüls im Allgcnieincii 
sehr donilich; dus Vcrhilllnifs des AusITihrinigsgangcs znni l'enig, 
und die Muskeln und }ieheiden desselben sind hier jedoch, wie 
hei so vieh'n kleineren Nem.iloilen nicht vullkomincn denllieh 
7-n sehen; der Körper i.<l in dieser (Jegend /.iendieh undnrchsich- 
lig, und ih'r ihinkelbiami« l'enis seihst verdeekt 7,u viel; dieser 
bestellt, nach der allgemein hekannten, d(m meisten NcmatudcD 
geincinscliari liehen Art, uns /. wci hnrnartigcn, ulwns scnscnnrtig 
gebogenen liliillern von gleicher L.'inge, war hei einigen Indi- 
viduen vorgescholien, bei andern durch einen selir gelinden Druck 
liervorainsebieben. Kr tritt nni aligestnt/,len Knde des Kiir|iera 
heraus, uumitlelhar neben dem Alter, mit wclebcm er vielleiclil 
nur eine gemeiiischartliche OelViiung hat. Der Schwan/, ist mit 
einem llentel umgehen, welcher allen Slroiigylns.Mlen /.ukommt, 
bei dieser geraile ahgestiil/.l, am ISaiich tiei, bis aiil' den Köiper- 
rand, gcspallcu, übrigens ganzrandig ist, und durch flinrGru|i|icn 
von l{i|i|ien gestützt ^vird, deren Anordnung durch eine dem- 
■ificlisl an einem anilerii Orte bekannt zu machende Ablilldnng 
leichter aiisehanlieb zu ninelicn ist, als eine, wenn auch wort- 
reiche Iteschieibiiiig, zu thun vermag. DI« M i 1 1 elri|i|ic (die 
der olTenen Seite des Beutels enigegengeselztc) ist zweifach ga- 
bclig getbcilt, und endet, über den Itanrh des lienlels hinaus, 
in eine leine .S|iilze, welche hei der Itegaliiing etwas vom Körper 
des $ abstellt, und nach dem weiblichen Kiijir sieht, so ilafs 
also der Penis nach dem weiblichen .Sclivtanz g(M'icblet ist. Die 
Membran des ücutels zwisclien den, chenralls sehr zarten, Ri|i|ien 
ist aurscrordcntlich durchsiciitig, in so liolii'ni (naile, dal's man 



64 

bei begatteten Exemplaren durch sie hindurch alle innern Thcilc 
des Weibchen sieht, indem der Beutel den vreiblichen Körjier 
bei der Vulva so umfafst, dafs er mit der Fläche und den Run- 
dem ganz fest aufliegt. 

Hieraus wird allein schon der Irrthum des Entdeckers dieses 
Thieres erklärlich. Noch mehr aber mag vielleicht eine eigen- 
thümliche Erscheinung dazu beigetragen haben, welche an den 
hier besprochenen reifen weiblichen Exemplaren sich zum Theil 
in hohem Grade zeigte. Um die Vulva herum findet sich näm- 
lich zuweilen eine braune Kruste, welche von einem oder beiden 
Geschlechtern vor oder während der BegattUDg abgesondert zu 
sein scheint, und wahrscheinlich zur stärkern Befestigung au 
einander dient. Bekannt sind Cloquet's und besonders des 
trefflicheu Mehlis Beobachtungen über diese Erscheinung; auch 
ich habe sie an mehreren Ascaris- und Strougylus- Arten wie- 
derholt beobachtet, und mein verehrter Gönner ISitzsch war 
so gütig, als ich das Vergnügen hatte, ihm diese Untersuchun- 
gen vorzulegen, mir mehrere Individuen des Echinorhyjichus 
(Slrigis Aluconis) globicaudaius Zed. mitzutheilen, au denen 
diese braune Kruste ganz besonders reichlich vorhanden ist. Ln 
vorliegeudeu Falle, und um so mehr, da die Farbe des Körpers 
zum Theil roth und braun ist, macht diese Kruste den männli- 
chen Schwanzbcutel bei begatteten Exemplaren, und überhaupt 
die ganze Verciuiguugsstelle sehr undeutlich. 

Im Uebiigen beziehe ich mich auf die Beschreibung des 
ürn. V.Sie hold, welche in allen, hier nicht berührten Punkten 
mit meinen Beobachtungen vollkommen iibereinstiuuntc ; auch 
giebt die Abbildung ein klares Bild des Tliicres, nur erschien 
mir die Farbe bei dem frischen Tliiere weniger ziegelroth, als 
vielmehr hell blulroth; diese verändert sich jedoch sehr schnell. 
Im frischen Zustande aber ist der Wurm von allen ilclininthen 
der schönste, indem die weifsen, zierlich gewundenen Genitalien 
von dem schönen Roth, welches den Körper färbt, auf das Sau- 
berste abstechen. Das weibliche Schwanzende des abgebildeten 
Exemplar war wahrscheinlich verletzt, denn die unversehrten 
Individuen zeigen nicht jene Abselmürung mit einem kleinen 
Köpfchen; sondern es geht der Schwanz allmählig in eine feine 
Spitze über. 

Aus 



65 

Aas dieser Besclirclbung wird es klar werden, dafs wir 
gezwungen sind, dieses Thier in der Gattung Strongylus, wie 
sie bis jetzt besiebt, unterzubringen, aud Diptozoon para- 
doxum bleibt aucb ferner das einzige bel<aunte Doppellhier! 

Ob aber wirklich jene von Montagu bescliriebene Ja«c/o?a, 
welche Rudolphi zu seinem Distoma lineare zieht, unser 
vorliegender Strongylus ist, darüber müssen wir wohl vor 
der Entscheidung fernere Beobachtungen erwarten. — 



Von den andern Eutozoen des schwarzen Storchs will 
ieh hier nur noch des oben unter No. 7. aufgeführten Distoui's 
erwähnen, weil sein Fundort, so viel ich weifs, für die Gattung 
nen ist. — Zwischen den Magenhäuten, unter den Hunderten 
von Exemplaren der Spiroptera alata Rud., lagen 5 Indivi- 
duen, deren ausgedehnter Körper genau in eine, durch ihn 
gebildete Höhlung, zwischen der innern und äufsern Lage der 
Magenhäute, hinein pafste, so dafs dem Tliiere keine Bewegung 
von der Stelle möglich zu sein scheint. Sie lagen alle einzeln, 
getrennt von einander. Im Tode haben diese Thiere genau die 
Gestalt Ati Distoma hians Rud., aus dem Schlünde, sind aber 
1 — 2 Linien kleiner, und namentlich schmäler, und ihre Farbe 
ist ein inlens!vere.s nnd reineres Blutroth, als die der Scblund- 
bewohner; die Genitalien wurden mir, da ich die Thiere nicht 
ganz frisch untersuchen konnte, sondern nur, nachdem sie schon 
entfärbt waren, nicht deutlich. Im Uebrigen zeigt sich zwischen 
beiden Thieren in den wesentlichen Punkten eine zu grofse Ue- 
bereinstimmung, als dafs ich nicht beide vorläufig als zu einer 
Art gehörig betrachten niüfste, obgleich der Habitus auiTallend 
verschieden ist, indem J). hians des Schlundes im Leben immer 
zusammengerollt vorkommt, diese Würmer aber alle flach aus- 
gebreitet dalagen, was aber eine natürliche Folge der Lebensart 
sein mag. — So wollte ich denn hier nur auf den Fundort auf- . 
merksam machen, und die Entscheidung über diese Art denen 
überlassen, welche frische und lebende Individuen dereinst wer- 
den beobachten können. 



III. Jihrg. I. Bind. 



Zusatz zum vorhergehenden Aufsalze 



Dr. V. S i e b o 1 d. 



Xlerr Nathnsius hat mir die Aufmerksamkeit erzeigt, diesen 
Torstehenden Aufsatz vor dem Drucke mir mitzutlieilen, und zu 
erlauben, meine Bemerkungen darüber beifügen zu dürfen; ich 
bin ihm dafür um so mehr mit Dank verpflichtet, weil es mich 
in den Stand setzt, einem von mir begangenen Irrlhumc viel- 
leicht noch zeitig genug entgegen zu arbeiten. Die Sache geht 
nämlich, wie man leicht errathen wird, den von mir als Syn- 
gamus irachealU (in dies. Archive, Jahrg. 18.36. 1. p. 105 *) ) be- 
schriebenen doppelleibigen Eingeweidewurm an. Schon im Laufe 
des Sommers erhielt ich von Hrn. Nathusius ein Schreiben, 
worin er mir einen Angriff auf meinen Syngamus ankündigte, da 
derselbe kein doppclleibiges Thier, sondern ein in der Begattung 
begriffenes Paar eines Sirongylui wäre; auch von Hrn. Dr. Die- 
sing zu Wien erhielt ich brieflich eine ähnliche Andeutung. 
Ich gab mir seitdem alle miigliche Mühe, mir neue Exemplare 
dieses Thieres zu verschaffen, allein vergebens, die ganze Aus- 
beute bestand nur aus einem sehr beschädigten Individuum, wel- 
ches in der Luftröhre eines Siumus vulgaris gesessen hatte. Als 
mir später Hr. Nathusius ein Paar Individuen seines Stron- 
gylus irachealis (ein altes und ein junges Weibchen) mitzuthei- 
len die Güte hatte, so schöpfte ich Hoffnung, mich nicht geirrt 
zu haben, indem ich nämlich diese Schmarotzer mit meinem 
Wurme nicht für identisch halten konnte; auch Hr. Nathusius, 



*) Ich habe an demselben Orte p. 116. das von Hrn. Prof. Nitzsch 
aufgestellte genu» Hedruris durch einen Gedäclitnifsletiler in Heterura 
Terwaudelt, weshalb ich hiermit Hm. Prof. Nitzsch und die Leser die- 
ses Archivs um Verzeihung bitte. 



67 

dem ich meinen noch einzigen unversehrten Syngamus zur Ver- 
gleicbung überschickt hatte, konnte sich von der Identität dieser 
Thiere nicht überzeugen. Die Unterschiede sind (so gut sich 
solche an in Spiritus aufbewahrten Entozoen aufCndcn iiefsen), 
folgende : Das Schwanzende des Weibchens von Slrongylua tra- 
chealis läuft ullmäblig in eine Spitze aus, bei dem Weibchca 
meines Wurmes dagegen ist immer das Schwänzende mit den 
hinteren zwei Drittel des Leibes in Stärke gleich, endigt stumpf 
und besitzt an diesem stumpfen Ende nur eine kleine, gleichsam 
abgeschnürte Spitze. Bei Slrongylua (roch, befindet sich hinter 
dem Kopf keine Einschnürung des Halses, wie bei meinem Wur- 
me. Ferner ist der ganze Körper des Slra7igylus Irach. sehr in 
die Länge gezogen, und selbst das junge W'eibchen, welches ich 
Ton Hrn. Nathusius besitze, ven-äth, trotz seiner Kleinheit, 
schon seiue künftige Schlankheit ; bei meinem Wurme dagegen 
ist der ganze Körper mehr gedrungeo. Sehr aufl'allend ist au 
meinem weiblichen Wurme die plötzliche Zunahme des Durch- 
messer des Körpers von der Stelle an, wo sich die Vulva findet, 
so dafs der Leib vor der Vulva durch seine Schmalheit von dem 
hinter der Vulva gelegenen Theile desselben stark absticht, etwas 
Aehnliches konnte ich an den mir vorliegenden beiden weibli- 
chen Individuen des Slrongylns trachealis nicht erkennen und 
auch nicht aus der Beschreibung des Herrn Nathusius ent- 
nehmen. 

Doch was half es mir nun auch, dafs ich mich von der 
Verschiedenheit dieser beiden Schmarotzer überzeugte, der Zwei- 
fel über die Doppelleibigkeit meines Syngamus war einmal in 
mir angeregt, ich konnte mich nicht eher beruhigen, als bis die 
Sache in's Reine gebracht war. Ich nahm also meinen einzigen 
Wurm noch einmal vor, untersuchte die Verbindungsstelle des 
Weibchens mit dem Männchen noch einmal. Letzterer liefs aber 
nicht los; ich brauchte zuletzt Gewalt, und nun brach das Männ- 
chen ab; das Weibchen zeigte eine deutliche Hervorraguug, auf 
der das Männchen aufgesessen hatte. Betrachtete ich das Schwanz- 
ende des abgebrochenen Männchens, so erschien es unregelmäfsig 
abgerissen, aber genauer zugesehen schien mir wirklich eine ge- 
spaltene einfache Blase, wie bei manchen •Sfrong^/»«- Arten, vor- 
handen zu sein, welche nur von einer durchsichtigen wachsar- 

5* 



68 

tisen Masse versteckt wurde und in der ich die Kruste in er- 
kennen glaubte, welcher Hr. Nathusius vorhin erwähnte, und 
mittelst welcher die Schwaniblase des Männchens so fest mit der 
Vulva des Weibchens verbunden war, dafs ich früher beide Ge- 
schlechter statt für mechanisch verkittet für organisch verwach- 
sen hielt. Syngamus irachealis ist demnach wohl nur ein ge- 
paarter Slrongylus. Ich besitze in meiner Sammlung noch zwei 
Arten von Slrongylus, von denen ich die eine Art in der Irachea 
eines jungen Haushuhns, und die andere in der cella infraorhi- 
talia eines Larus fuscits gefunden habe. Sie waren uugepaart, 
hatten aber mit den vorigen Slrongylus - Krlta die schöne blut- 
rothe Farbe, die zarie Leibeshaut, aus der die Eingeweide auf 
das deutlichste hervorschimmerten, das weite Maul und den 
Muudnapf gemein ; die erste Art scheint mir, obgleich die Kör- 
perlänge nur 4 — 7 Lin. beträgt, dem Slrongylus trachealis nahe 
zu stehen, die andere Art aber ist aufserordentlich gedrungen, 
besitzt keine Abschnürung hinter dem Kopfe und eiue alimälig 
zulaufende Schwanzspitze des Weibchens, ist 5 Lin. lang, -J- — -j 
Lin. brcil, das Männchen nur 3 — 4 Lin. lang, aber noch einmal 
so schmal als das Weibchen, seine Schwanzbla.'ie einfach. In 
Creplin's novae observationes de entozois, p. 36. findet man das 
Weibchen dieses Wurmes unter JVematoidea quoad genus dubia 
beschrieben, es war dasselbe von Schilling in der Nasenhöhle 
eines Larus ridibundus entdeckt worden. Diese Slrmigylus- 
Arten scheinen eine besondere Gruppe zu bilden, nur mufs erst 
eine gröfsere Zahl dieser Thierc verglichen werden, ehe die spe- 
ciiischen Unterschiede derselben festgeslellt werden können. 

Ich gestehe das obige, von mir begangene Versehen um so 
lieber ein, da es mir bei Erforschung der Natur und ihrer Ge- 
heimnisse ja nur um Wahrheit zu thuu ist, und da ich für den 
guten Fortgang unseres wissenschaftlichen üestcebens keinen grö- 
fseren Nachtheil kenne, als aus Hartnäckigkeit, Eigensinn u. dgl. 
seinen Irrthum nicht einseben zu wollen, ihm vielmehr nur noch 
fester anzuhangen und durch ihn in neue Irrlhümer zu verfallen. 
Mir soll dies Grund genug sein, noch mifstrauischcr gegen mich 
selbst zu sein, als ich es bis. jetzt gewesen bin, und noch vor- 
sichtiger bei meinen Untersuchungen zu Werke zu gehen, als ich 
es bisher gethan habe. 



1 



Ornilhologische Reise nach und durch Ungarn 



von 



Johann Friedrich Naumann. 



Jjei Bearbeitung meines Werkes: Naturgeschichte der 
Vögel Deutschlands etc., wovon bereits der 8te Band die 
Presse verlassen, niufste ich nur zu oft schmerzlich eropflnden, 
viele südliche Vögel, die ich doch nicht übergehen durfte, nie- 
mals im Freien beobachtet zu haben. Da ich mein vorgesteck- 
tes Ziel, in jenem Werke nur praktische Beobachtungen nieder- 
zulegeu, stets unverwandt im Auge behielt, daher fremde, wenn 
sie die strengste Prüfung nicht aushiellen, niemals aufnahm, sol- 
che aber seltener sind, als mancher glauben möchte, so mufste 
natürlich der Wunsch in mir rege werden, auch die südlichen 
Vögel, ebenso wie iui Jahre 1819 die nördlichen, an ihren Wohn- 
orten, wo sie in Menge vorkommen, zu beobachten und ihre 
Lebensweise zu erforschen. Längst stand daher mein Sinn nach 
Ungarn, weil ich dort ebenso reichliche Ausbeute hinsichtlich 
der südlicbcn Vögel erwarten durfte, als ich sie in dem genann- 
ten Jahre an- den westlichen Küsten Dänemarks hinsichtlich der 
nordischen fand. Ein Freund von mir, Hr. Apotheker Neubert 
aus Leipzig, welcher im vorigen Jahre eine Geschäftsreise nach 
Pesth unternahm, und als Jagdliebhaber von dort ans einige 
kleine Excursioucn mit der Flinte in mehrere grofse Sümpfe 
machte, schilderte mir diese so vortheithaft, dafs ich den Einla- 
dungen meiner dortigen Correspondenten und seinem gütigen An- 
erbieten, mich im nächsten Jahre dahin mitzunehmen, nicbt wi- 
derstehen konnte. Leider erlaubte ihm jedoch sein Geschäft nicht, 
in der Brutezeit der Vögel nach Ungarn zu reisen, und auch ich 
mufste mich dem fügen; wenn ich deshalb auch mein Glück nicht 
vollkommen nennen konnte, so mufste dennoch eine solche Reise 
auch im August und September meiner Lieblinggwissenschaft 



70 

einen unbereehenbaren Gewinn bringen. Was icb demnach durch 
diese Reise an Erfahrungen reicher geworden bin, habe ich ledig- 
lich diesem Freunde zu verdanken, welcher auf allen meinen 
sehr ausgedehnten Excursionen mich nicht nur als brüderlicher 
Freund, sondern auch als thätigct' Jngdgenosse begleitete, als sehr 
geübter Schütze mir treulich beistand, und dabei nicht allein ge- 
wandter Jäger, sondern auch sogar Beobachter rvar. 

Durch Sachsen, Böhmen und Oestreich reisten wir schnell, 
mit Extrapostpferden ; doch ich will unsere Reiseroute etwas 
genauer bezeichnen. Am 8. August Abends 9 Uhr reisten wir 
von Leipzig ab, über Dresden, Peterswalde, Teplitz, nach Prag, 
wo wir einen halben Tag und eine Nacht verweilten; dann am 
11. August weiter; über Tabor, Budweis, Freistadt nach Linz, 
hier abermals eine Nacht und einen halben Tag uns aufhielten, 
beiläufig einen Thcil der herrlichen Gegend besahen, und Mit- 
tags den 13len über Enns, St. Polten u. s. w. nach Wien gingen, 
wo wir den 14ten Nachmittags 3^ Uhr ankamen und bis zum 
19. verblieben, dann über Schwächat, Fischamend, Megelsbrunn, 
Hainburg, die Grenze Ungarns überschritten und Nachmittags 
34- Uhr in Prefsburg anlangten, von wo wir den 20sten in der 
Frühe das Pesther DampfschilT Panonia bestiegen, die Donau 
hinabschifften und an demselben Tage Abends 8 Uhr in Pesth 
anlangten. Diese Stadt war gleichsam der Centralpunkt unserer 
Ausflüchte ins Land hinein, und wir mufsten uns sehr glücklich 
schätzen, au Hrn. Salomon Petenyi, Procustos am Köuigl. 
Zoolog. Museum zu Pesth, überallhin einen treuen Begleiter und 
Führer zu haben. Nur unter Leiluug dieses würdigen Freundes, 
eines eifrigen Naturforschers, in Ungarn geboren, der Hauptspra- 
chen (Magyarisch und Slovakiscb) ganz mächtig, mit den übri- 
gen nicht ganz unbekannt, das Land, seine Bewohner und ihre 
Sitten genau kenneud ; nur in solcher Gesellschaft waren wir 
vor tausend Unannehmlichkeiten gesichert, die dem Fremden, 
unter jenen rohen Völkern, deren Sprachen er nicht kennt, über- 
all anfstofsen würden. 

Schon am 22sten unternahmen wir eine Excursion, östlich 
von Pesth, über Peteri, wo wir bei Hrn. Nie. v. Földrary 
die freundschaftlichste Aufnahme fanden, und mit ihm nach dem 
Tapjo, einem Flülscbeo, das in die obere Theifs mündet, reisten. 



71 

Wir streiften an den Orten Tapjo Söllo, Gyrgyc,Tapjo-Szent Marton 
bis in die Nähe dieses Flusses, nnd kamen den 265ten wieder 
nach Peiilh zurück, um den 27. mit dem DampfschiiTe Franz I. 
die Donau bis au die türkische Grenze hinabzureisen, wo wir 
Semlin vorerst zu einem längern Aufenthalte bestimmt hatten. 
Den 29. Aug. Abends laugten wir dort an, verblieben hier bis 
zum S. September, während wir £.\cursioucn nach Belgrail, auf 
die Donauiuscln, ins Banat in die Gegend von Pancsova, und 
in Syrmicn (Beczania und Szurosin) in die grofsen Sümpfe längs 
der Save hinauf u. s. w. machten. Von hier reisten wir durch 
die Banater Militärgrenze über Porcsa, Glogon, Opova, Szaccola 
u. s. w. nach Nagy Becskerek (Grofs Bedschkerck), wo wir über- 
pachteten und am 9. Mittags nach Szent Gyrgye (im Banat, To- 
rontaler Comital) weiter reisten, hier 2 Tage verweilten und Ex- 
cursionen in die dortigen, viele Meilen langen, grofsen Sümpfe 
unlernalimcn. Von hier ans begann die eigentliche Rückreise 
nach Pesth, die nur dann unterbrochen werden sollte, wenn wir 
unterwegs auf interessante Sachen stiefsen. Da jedoch nichts 
vorfiel, was wir nicht schon früher gesehen und erlegt hatten, 
80 reisten wir schnell weiter, über Bassahegy, Nagy Kikinda, 
Zirnebära, Oras -Lamos, Szegedin, Dorozsma, Kis-Teiek, Felegy- 
häza, Kecskemet, Orkeny, Ocsa, Csorocsa, also zu Lande durch 
das Banat, Klein-Kumanien u. s. w. nach Pesth zurück, wo wir 
den 14 Sept. Mittags ankamen. Die Reise von Semlin zu Lande 
hieber halten wir im eignen Wagen mit Bauervorspannpferden, 
eine Art Posteinriclitung, gemacht. Den 18. u. 19. Sept. machten 
wir abermals eine Ausflucht und zwar auf das rechte Ufer der 
Donau, und reisten deshalb über Ofen, Sachsenfeld, Promontori, 
Hanschabeg nach Ercsi, von wo aus wir in den grofsen Sümpfen 
gegen den Velenzer-See hin jagten, aber diesen so wenig wie 
den gar nicht weit mehr entfernten Plattensee besuchten, weil 
die vorgerückte Jahreszeit nichts mehr bot, das eine Reise dahin 
hätte vergütigen können. Erst am 3. October Nachmittags 4 Uhr 
yerliefscn wir Pesth zum letzten Male, die Heimreise antretend, 
die ganz zu Lande. mit Extrapostpferden gemacht, und Tag wie 
Nacht fortgesetzt wurde. Unser Weg ging über Ofen, Raab, Wie- 
gclburg und ungar. Allenburg nach Prefsburg, wo uns eine kleine 
Beschädigung unseres Wagens nüthlgte, zu übernachten. Am 



•72 

5. Oct. früh 6 Uhr seUtea wir unsere Reise fort, über Neadorf, 
wo wir in die Grenze Deutsclilands eintraten, indem wir die 
Brücke über die Marcli passirtcn, dann über Scblofs-Hof, Kres- 
seabrann, Leopoldsdorf, das herrliche Marchfeld passirten, über 
Breitenlee endlich Langen -Engersdorf erreichten, und nun die 
sogenannte Kaiscrstrafsc durch Mälircn einschlügen, über Ober- 
HoUabrünn, Znayni, Iglau, Böhmen wieder erreichten, dann über 
Deutschbrod, Ccaslau, Kolin, Böhmischbrod u. s. w. nach Prag 
kamen, sogleich weiter reisten, auf der Slrafse über Tschcrdokluk, 
Slan, Jungfertcinilz, Laun, Kommotau, den 8. Oct. mit Sonnen- 
aufgang, mit 6 Pferden vor dem Wagen, das hohe Grenzgebirge 
über Sebasliansbcrg passirten, und dann über Marienberg, Zscho- 
pau, Chemnilz, Penig, Borna, den 9. früh ^3 Uhr in Leipzig 
wieder eintrafen, von wo ich erst am 11. Oct. Mittags in mei- 
nem Wohnorte Ziebigk einzog, nachdem ich seit den 6. August, 
also in Allem 9 Wochen und 4 Tage, abwesend war und in 
dieser Zeit ohngefähr 420 Meilen zurückgelegt hatte. 

Da der Hauptzweck dieser Reise Erweiterung meiner Kennt- 
nisse in der Ornithologie war, so nahm natürlich dieser Zweig 
der Naturgeschichte fast alle meine Zeit in Anspruch, und alle 
übrigen mufsten zurück treten. Ich habe jedoch nicht unterlas- 
sen können, auch die Pflanzenwelt eines Blickes zu würdigen, 
da in jenem merkwürdigen Lande ganz andere unbekannte Floren 
auftraten, die mich gewaltsam zu sich hinzogen, habe auch bei- 
läuCg noch Mancherlei, zur Länder- und Völkerkunde gehörig, 
gesammelt, was Alles ich nicht abgeneigt hin, zu seiner Zeit 
meinen Freunden in einem geordneten Reiseberichte milzuthcilcn. 
Gegenwärtiger Aufsatz soll jedoch rein naturgeschichtlich bleiben. 

Auf meiner Reise durch Böhmen drang sich mir die Bemer- 
kung auf, dafs die schönen Fluren dieses Landes durchgängig von 
einer weit geringern Zahl von Feldlerchen (Alauda arvensisj 
bewohnt werden, als die von Sachsen, Anhalt und andern nord- 
deutschen Landen; auch das gesegnete Oeslreich hatte wenigere, 
und ihre Zahl nahm immer mehr ab, je näher ich der Mitle von 
Ungarn kam, und die südlichen Theile dieses Landes werden 
endlich im Sommer wirklich nur noch sehr einzeln von ihnen 
bewohnt. Wir saheu schon am 13. Sept. auf den sogenannten 
Uaiden bei Felegyhdza kleine Gesellschaften als Zugvögel ankom- 



73 

nien, späterhin alle Tage dergleichen, auf der Rückreise dnrch 
BüLmcn immer mehr, der Uauptzug ging jedoch bei uns wie 
gewöhnlich erst in der Mitte des October durch. Dagegen ist 
die Haubenlerche (Alauda cristata) durch den ganzen von 
mir durchreislen Lündcrstiich an allen Wegen und Strafsen anzu- 
trelTen, am häufigsten jedoch in Ungarn, wo sie bei jedem Dürfe 
in bedeutender Anzahl wohnt und längs den Wegen, auch durch 
die weitläufigsten Felder entlang, überall häufig gesehen wird, 
und zwar dort überall in einer so grofsen Anzahl, wie sie Deutsch- 
land kaum bei einzelnen Ortschaften aufzuweisen hat *). — Von 
einem noch gemeinern Vogel, dem Haussperling, bemerkte 
ich, dafe er gegen Sudosten allmählig an Anzahl abnahm, in 
Ungarn aulTallend einzelner, und in dessen südlichen Theilen 
nicitt nur noch inSlädlcn vorkam, so gut es ihm auch in jenem 
Lande geboten wird, wo man keine Scheuern hat, sondern das 
Geircidc in grofsen Haufen frei hinstellt, wo so uuendlich viel, 
leckerhafle Samen tragendes, sogenanntes Unkraut wuchert, und 
darunter der Hanf (Cannahis satwaj überall in Menge wild 
wächst, wo der Atlich (Samhmms EbuliisJ, dessen Beeren oder 
Samen er bei uns so gern nascht, nirgends fehlt und in grofser 
Menge beisammen wuchert, wo manche ihm sehr schmackhafte 
Samen im Grofsen gebaut werden, z. B. Mohrhirse (ungar. Szirok, 
JIolcus Sorgimm) und Muhar (Panicum germaniciim) , Hirse, 
Hanf u. a. m., wo, wie namentlich im Banat, seine Licblingsge- 
treidearlen, Waizcn und Gerste in so vorzüglicher Güte und so 
grofsem Ueberllusse gewonnen werden. Ist es nun das Klima, 
was ihm das platle Land nicht angenehm macht? oder ist es 
nicht vielleicht der Mangel an Heckstätten, in diesen Döifern? 
Das Letzte ist mir das Wahrscheinlichste, weil in vielen Dörfern 
Ungarns kein zweistöckiges Haus vorköniuit, die Bauernhäuser sehr 
niedrig sind, Vichställe bei den Bauern kaum dem Namen nach 
und Scheuern, wie gesagt, gar nicht gekannt sind, auch die Edel- 



*) Ich glaube bemerken zu müssen, dafs die Haubenlerche jetzt 
in vielen Gegenden liäafigcr ist, als sonst; so lange ich zurückdenken 
kann, ist dies bei meinem Wohnorte wirklich so aoHallend, dafs diese 
Bemerkung schon Leute gegen mich geäufsert haben, die sonst auf sol- 
che Uinge nicht zu achten pflegen. Sind ihrer Erhaltung vielleicht eine 
Keilie sclmeeanner und gelinder Winter so günstig gewesen? 



74 

höfe aufser den einstöckigen Wohnhäusern wenig andere, auch 
nur niedrige Gebäude haben , und da endlich noch die Kirchen 
überall so aierlich aussehen und so gut abgeputzt sind , dafs er 
auch da weuig Stellen findet, sein Nest anzubringen. So ist ihm 
vielleicht die zu grofse Entfernung der Orkchaflen von einander, 
namentlich der Mangel an Bäumen, als Zuiluchsorte, in diesen 
weiten Gelilden zuwider. Er fehlt zwar keinem Dürfe ganz, 
nur seine geringe Anzahl ist auifalleud, und in Städten ist er 
gemein genug. Eine klimatische Farbenabweichung bemerkt 
man nicht an ihm, wenigstens ist sie durchaus nicht aulfallend, 
die Sperlinge inSemlin und Heigrad sehen wie die uusrigen aus; 
die alten Männchen haben alle noch deu grauen Scheitel, aber 
nur ganz schmal, und die Seiten des Kopfes scheinen etwas leb- 
hafter roth, was sich freilich so bestimmt nicht vergleichen liefs, 
weil sie, als ich dort war, eben das lierbstkleid angelegt hatten 
oder doch in der Mauser standen. 

Durch Böhmen reisend sähe ich mich lange vergeblich nach 
Krähen um, die in diesem Lande doch nicht fehlen konnten, da 
es dort Waldungen von jeder Beschaffenheit in Ueberllufs giebt. 
Es mochte daher nui*Zufall gewesen sein; denn ich sähe später- 
hin sehr viele, doch nur vereinzelt oder in Familien, sich her- 
umtreiben. Ihr Wesen verrietb, dafs sie dort heimisch und aus- 
gebrütet waren. Alle, welche ich nahe genug hatte, um es 
unterscheiden zu können, waren graue (Corvus ComiicJ ; eine 
schwarze (C. corone) habe ich bestimmt darunter nicht gesehen. 
Sehr aull'allend war es mir, dasselbe von Ungarn zu bemerken. 
Auf der Uinabfahrt von Prcfsburg nach Pesth zeigten sich au 
beiderseitigen Ufern der Donau gar viele, eben so herumschwär- 
mend, aber keine andere als graue; weniger häiiHg waren sie 
von Pesth abwärts, östlich und südlich, am öftersten noch an 
den Donauufern, aber ebenfalls, so weit es möglich war sie zu 
erkennen, nur graue. Die Sammler in Ungarn versicherten 
auch, dafs der sogenannte Corvus Corone dort äufserst selten vor- 
komme. — Corv. Jrugilegus war übrigens an der obern Donau 
und weiter hin auf den grofsen Halden, wo Vieh geweidet hatte, 
scharenweis zu sehen, im August und September wohl also schon 
auf dem Zuge, da in der Nähe keine brüten sollen. 

Das südliche Grcuzgebirge Böhmens, indem man von ihm 



75 

in das aoscbliefscnde Ocslrcich hinabsteigt, hat eine sehr inter- 
essante Flora, die immer schöner wird, jemchr man auf derLiuzer 
Strafse sich dem Donautliale nähert ; uiehreie schöne Cytisus- 
Artcn, darunter C. austrlacus, C. sessilifolius u. a. ni. sehr schöne 
Glocitenblumen u. dgl., sogar Ruscus aculealits wächst dort wild; 
Clemalis vitalba, sehr gemein, rankte auf hoiie Bäume hinauf und 
bildete oft sehr malerische natürliche Lauben. Auf den Bergen 
war die schöne Carlina acautis sehr gemein. Dafs daneben die 
Insekten -Fauna auch sehr reich sein nml'ste, zeigten viele dort 
vorkommende Arten, zumal Schmellcrlinge. Die Vogelwelt hatte 
jedoch uichts Besonderes. 

Die grofse Kaisersfadt Wien mit ihren reichen Naturalien- 
Sammlungen konnte Tor der Hand nur der Letztem wegen für 
mich ein hohes Interesse haben, weil die Zeit zu kurz war, um 
alle andern Herrlichkeiten zu schauen, deren dort so viele sind, 
und die wohl durchschnittlich alle den grofsartigstcn Charakter 
tragen. Es war mir nur vergönnt, die wichtigsten zu sehen, 
weil ich die Vormillage alle auf dem K. K. Naturalienkabinet 
zubrachte, und namentlich die ungeheure Vogelsammlung genauer 
durclimusterle. Die lebend unterhaltenen Säugethiere und Vögel, 
hier und in Schönbrunn, wurden nicht vergessen, so auch der 
Wiener Vögelmarkt beiläufig täglich durchgesehen, wo lebende 
Blau- und Stcindrosseln (Turdus cyanus u. T. saxatilisj, 
Sprosser und andere Sänger von den zartesten Arten, selbst 
auch Miucicapa parva, in mebrem Exemplaren, zu hohen Preisen 
feil geboten wurden. Auf einer Ausflucht über Hietzingen in 
eine romantisch herrliche Gegend besah ich den Park und die 
Fasanerie eines ösfreichischen Grofscu *), worin viele Gold- und 
Silberfasanen gezogen waren. Hier im Park überraschte mich 
der wispernde, feinlöuige Gesang eines kleinen Vogels, der sich 
durch das oft vorkommende etwas lautere Hitzli hitzli so- 
gleich als dem Girlitz (Fringilla seiinus, hier Uirngrillerl genannt) 
angehörig, erkennen liefs; das Pärchen, von dessen Männchen er 
kam, safs auf dem trocknen Wipfel einer Fichte, flog aber weg 
ehe eine Windbüchse herbeigeholt wurde, und verschwand in 



*) Fürsten, ich weifs nicht mehr ob Schwarzenbergs, oderLichten- 
Bteins oder noch eines andern. 



76 

den dichten KasianienbSumen eines langen Ganges. Das Vögel- 
chen kömmt hier oft vor und ist auch iu der Gegend von Pesth 
nichts Seltenes; allein Fringilla cUrinella ist dort niemals ge- 
sehen worden. 

Auf dem Wege von Wien nach Prefsburg gewährten uns die 
vielen Ziesel (Arctomys citillusj eine angenehme Unterhaltung. 
Wir sahen die ersten auf abgeernteten Feldern, jenseits Markt- 
Patronelle, dicht an derStrafse, gegen Hainburg zu noch mehrere, 
aber unglaublich viele, sobald wir die Grenze Ungarns über- 
Echritlen hatten. Jene grofsc ebene Fläche, Viehweide, aber in 
diesem Jahr ganz dürr, welche sich dem Auge des Reisenden 
öffnet, sobald er die Grenzmauth im Rücken hat, oder durch die 
ersten Berge des hier anfangenden Carpalhengebirges hindurch 
ist, von der Sliafse zum Theil durchschnitten, wimmelt so von 
ihnen, dafs man bei warmen Wetter und Sonnenschein wohl 6 
bis 8 mit einem Male erblickt, die sich sonnen und bei Annähe- 
rung des Wagens theils schnell in ihre Höhlen rennen, theils 
sich vor derselben noch ein Mal auf die Hinterfüfse setzen (ein 
Männchen machen) und erst in die Höhlen stürzen, wenn der 
Wagen schon ganz nahe gekommen ist. Man könnte ihrer viele 
schiefsen, würde aber stets wenige bekommen, weil sie meistens 
dicht vor ihren Höhlen sitzen und nach dem Schasse, selbst 
schon halb todt, sich stets in diese hineinstürzen. Ich habe sie 
nirgends häufiger als auf dieser Ebene angetrolTen, wie sich auch 
auf der Rückreise bewies, wo wir diese Gegend, auf der Strafse 
von Wicsciburg nach Prefsburg, durchscbnittca und auf jener 
Seite eben so viele sahen. Aufser dieser sähe ich ich sie, jedoch 
minder häufig, auf eiuer mehr welleniorniigen Flüche, eine kleine 
Meile oberhalb Ercsin ; sie sind aber auch in der Gegend von 
Pesth und anderwärts häufig, doch nur in trocknen Gegenden. 
Sie wohnen viel weniger auf Getreidefeldern als auf trocknen 
Viehweiden, und mögen weit mehr von Wurzeln als von Kör- 
nern leben, obgleich sie allenthalben als schädliche Thiere ver- 
schrieen sind. — In Ungarn lebt indessen ein noch weit inter- 
essanteres Thier, der Bliodmoll (Spalax Typhlug), doch aber 
lange nicht so häufig und nur in einzelnen Gegenden, deren es 
in Ober-, Mittel- und Unter - Ungarn giebt. Ich habe viele 



77 

todte '), aber leider keins lebend gesehen. Das Tbier grSbt 
Höbleii und Gäu^e in die Eide wie ein Maulwurf, lebt aber nur 
von Wurzeln, namentlich der Rüben- und Knollengewächse, der 
jungen Obstbäume und Weinstücke, thut daher sehr viel empfind- 
lichen Schaden und wird deshalb von Garten- und Weiubergs- 
freunden fleifsig ausgegraben und getödtct. 

Die obere Donau, etwa bis Gran hinab, war sehr belebt 
und Tausende von Zugvögeln oder zum Zuge sich anschickender 
eilten an ihren Ufern und auf ihren vielen Inseln. Die Mehr- 
zahl bildeten freilich wohl gern eine Kibitze, deren schwarze 
Schaaren oft den Wassenaiid zum Theil bedeckten, aber auch 
kleine Flüge von Totanus Gloliis und Actilis hypoleucus waren 
sehr häuQg zwischen ihnen und überall standen Reiber, aber 
nur Ardea cinerea, keine andere Art, da aufser dieser keine das 
freie Flufswasser zu lieben scheint. Von Enten zeigten sich 
nicht viele, ihre Zugzeit war noch fern; allein einige Heerden 
Corraoranc (Halieus Carlo, s. Carho CormoranusJ waren mir 
desto interessanter, sie standen entweder im seichten Wasser 
nahe am Ufer oder schwammen sehr tief im Wasser, waren sehr 
scheu und zeichneten sich im Fluge aus, welcher allerdings etwas 
rabenartiges bat und nebst der schwarzen Farbe den Namen 
Wasserrahe sehr wohl entschuldigt. Von Seeschwalben 
zeigten sich nur wenige (sie schienen zu SIerna hirundo zu ge- 
hören), aber Möven mehrere Heerden, alles Laras ridibuniius. 
Hin und wieder sah man auch einen Seeadler ^fo/co a/AiciWo^. 

Das Ofener Gebirge, i . seiner ganzen Ausdehnung an allen 
dazu geeigneten Stellen prächtig mit Reben bepflanzt, gewährt 
an jeder sehroH'en Felseiiwand uud jedem kahlen Bergsturze der 
Steindrossel (Turdus saxatilis) einen Aufenthalt und ihrer 
viele werden dort aus den Nestern geholt, aufgezogen und in 
Pesth als beliebte Stuben vügel verkauft. Die Blaudrossel 
(Turdus c^jfmeus) soll aber in jenem schönen Gebirge nie vor- 

*) Hr. Salomon Pett-n^i, Procnstos am Königl. Bluseum zu Pestli, 
sammelt sie fleifsig auf und wird den JJluseen und andern Liebhabern in 
der Feme auf portofreie UebersPndung von 5 Fl. C. M. pro Stück gern 
so viele in Weingeist ablassen, als man wünscht, uud auf 10 Stück ein 
Utes gratis geben. 



78 

kommen. Auch Muscicapa parva ist in der Gegend um Ofen 
und Pcslli kein seltener Vogel. 

Die Gegend von PesUi aus nach Osten zu, meist ein wellen- 
förmiges Terrain mit grofsen ebenen Flächen abwechselnd, ein 
zum Theil sandiger, aber niclit unfruchtbarer, in vielen Strichen 
auch sehr guter Boden, ist hin und nieder mit einigen Buumpar- 
tieen und kleinen Wäldchen von Eichen, aber nicht unsern 
prächtigen nordischen Eichen, sondern Quercus austriaca, pube- 
scen* und Cerris, in nicht besonderer Grölse, mit Haseln, meh- 
reren Weifsdornartcn, Lonicera, Cylisiis und dergleichen Gebüsch 
vermischt. Einige crhuhete Ufer und unbedeutende liohlvrege 
dienten dem Merops Apiaster sich Höhlen zu graben, um darin 
zu brüten. Man zeigte mir eine Menge solcher Löcher, aber 
leider waren die Vögel schon alle (d. 22. Aug.) aus dieser Gegend 
verschwunden. Der Bienenfresser hält sich immer gesellig 
beisammen, beträgt sich ganz schwalbenartig, fliegt fast bestän- 
dig, bald hoch, bald niedrig, und ruht öfters in Gesellschaft auf 
dürren Aesten und Gipfeln nicht sehr hoher Bäume aus. Baum- 
gruppen und kleine Wäldchen will er immer in der Nähe haben, 
und wir kamen später durch eine andere Gegend, mehrere Mei- 
len südlich von Pcsth nach unterhalb des Dorfes Ocsa, eine Ge- 
gend mit vielen Eschenwäldchen, Wiesen und Viehweiden, ab- 
wechselnd mit Teichen und andern Gewässern, die ihm auch nicht 
fehlen dürfen, wo er alle Jahr sehr häufig sein soll, aber auch 
ISngst weggezogen war. Er ist also auch Tür Ungarn noch ein 
achter Sommervogel, verläfst dies Land schon in der ersten 
Hälfte des Augusts und kehrt erst im Mai wieder dahin zurück. 

Die rosenfarbige Staaramsel f'iMieruia roseo^ kömmt im 
mittlem Ungarn gar nicht selten vor und man trißt sie in den 
ebnern Gegenden gewöhnlich unter den Staaren oder hei den 
Viehheerden. Dafs sie sich indessen dort auch fortpflanzen, will 
wenigstens Niemand beobachtet haben. 

Die Gegenden am Flüfschen Tapjo sind für den Ornilholo- 
gen von vielem Interesse. Ueber unabsehbare Flächen besserer 
oder schlechterer Viehweiden reihen sich Sümpfe an Sümpfe, die 
dem Flüfschen ihr überflüssiges Wasser geben, in welchen Sumpf- 
vögel ohne Zahl ungestört ihr Wesen treiben. Die Düne dieses 
Sommers halte vielen derselben, auch dem Flüfschen, grolsentheils 



79 

das Wasser geraubt und leider hallen ancli die V5gel ihre Heck- 
stätten bcieils verlassen und sich zum Tlicil schon auf den Zug 
begeben. Leider war dies auch mit Limosa melanura der Fall. 
Wir V9urden an die Orte geführt, wo diese Art sieb in Menge 
fortpflanzt ; aber diese sumpfigen Wiesen waren so ausgetrock- 
net, dafs die Gräser ganz Terbr.innt aussahen und nur nocb man- 
che Pflanzen z. B. Ptantago sxihulata, JLacluca sagiilaia (!) und 
die herrliche in grofsen Gruppen vorkommende Staiice Chne- 
lini, die noch in voller Bliithe standen, einiges Leben, aber ancli 
nebst andern Salzpflanzen, einen mit Erdsalzen geschwängerten 
Boden verrietheu, welcher also auc.b der seh warzschwänzi- 
gen Limose zuzusagen scheint. — Wir streiften in die Nähe 
der obern Tbcifs, -fanden aber überall wenig Wasser. Ardea 
cinerea war in diesen Sümpfen nur einzeln, desto gemeiner aber 
Ardea purpurea. Aus allen Schilf- und Kohrdtckicbteu, in wel- 
chen es, wenn auch nur kleine, doch etwas freiere Stellen giebt, 
stürzte dieser Vogel hervor, welcher sich, ganz gegen die Ge- 
wohnheit des gemeinen grauen Reihers, am Tage fast nie 
am freien Wasser sehen läfst. sondern sich immer zwischen den 
Wasserpflanzen ungesehen aufhält und bei Ucbeiraschung oft 
erst herauspoltert, wenn man ibm schufsmäfsig beigekommen ist. 
Er lebt so ziemlich versteckt, hält aber sein Versteck doch lange 
nicht so fest, wie Rohrdommeln (Ardea siellaria u. A. minuta) 
oder Nacht reiher (Ardea nyclicoraxj, die sich bekanntlich nur 
mit Gewalt auftreiben lassen. Das Geschrei der Letztern citünte 
in den Lüften, sobald es Dämmerung geworden vyar^ wir erleg- 
ten sie auch anderwärts nur auf dem Anstände, wo sie an den 
freiem Stellen der Sümpfe herumschwärmen, am Tage aber sich 
meistens in mit Gebüschen und Bäumen besetzten Sumpfdickich- 
ten sehr verborgen halten. Schwarze und weifse Störche 
(Ciconia nigra et alba) sahen wir in dieser Gegend mehrere. 
An manchen Stellen wimmclle es von Wasser- und Strand- 
läufern, To/ani« g/areo/a in Schareu ; Toiatins glollis, T. ocliro- 
pus, Aclilis /typoleucus, Tringa s)iliarijuata, 1'ringa mimtta, Cha- 
radrius hialicula wurden erlegt, auch Jringa atpina schon auf 
dem Zuge angetrolfen. Eine Sielle, wo sich dci- T;ipjo in einem 
sehr grofsen, ganz flachen Teich ausdehnte, hatte so viele von 
jenen Arten, nebst einer Menge Secschwalben {Sterna nigra) 



80 

und einigen Enten {Anas sirepera u. A. quergnedula) u. Lach- 
möven, dafs der ein/.elne Sielzenläufcr {Hypsibates himantopxia) 
und eine Sterna leucoplera sich kaum herausfinden liefsen. 

Höchst, anziclicnd war mir die Beobachtung des in diesen 
Gegenden sehr IiäiiCgen llalsbandgiarols {G'lareola torquatu), 
der mir aufser hier nur noch in Syrmien wieder vorkam; als ich 
aber durch die Gegenden des Platten- u. Neusiedler-See's (Ende 
September und Anfang October) reisctc, wo er sonst in vielen 
Strichen vorkommt, bereits ebenralls fortgezogen war. Ein wun- 
derbarer Vogel, in Ungarn Urachsehwalbe genannt, von sei- 
nem schwalbenartigcn Aussehen und Fluge, und seinem öflem 
Aufenthalt auf fciicbtcn Bracliäckern, ein Vogel, welcher dem 
Systemmacher stets viel zu schallen gemacht hat. In freudiger 
Verwunderung sah ich seinem Treiben zu, ich wufste nicht ob 
ich meinen Sinnen trauen sollte. Man weifs nicht, wenn mau 
seinem Treiben zusieht, ob man ihn für einen Feld-, oder für 
einen Wasser-, oder für einen Luflvogel halten soll, und doch 
zeigt er von jedem Etwas, und zwar das sonderbarste Gemisch 
von allen, ohne dafs Eines besonders hervorsticht. Im Fluge 
ganz einer Seeschwalbc ähnlich, in der Stimme ebenso, sieht mau 
ihn nicht, wie diese, über dem VVasser hin und her streichen, 
sondern über dem Trocknen, über ausgetrockneten Pfützen, bald 
auf den geborstenen Schlammboden oder auf Aeckcrn, wo vor- 
dem Wasser gestanden hatte, sich niederlassen, wenig aber be- 
hcnd herumlaufen, öfters mit dem Schwänze wippen (ganz fremd- 
artig die einzelnen Schläge gegen den Boden gerichtet), bald sich 
wieder erheben, niedrig hinstreichen, oder hoch aafslcigtn und 
schöne Schwenkungen machen ; dies Alles, vorzüglich ihn sowol 
laufende, als. fliegende Insekten fangen zu sehen, namentlich Heu- 
schrecken und grofse Käfer, sieht so wunderbar aus, dafs maa 
ihn lieber unter die schwalbenartigcn, als unter die Sumpfvögel 
zählen möchte, am allerwenigsten aber, wenn auch noch so ent- 
fernt, etwas Hühnerartiges finden kann. Wer ihn zum ersten 
Male im Freien sieht, würde an das Letztere gar nicht denken, 
wenn nicht geschrieben stände, „sein Schnabel sähe einem lliili- 
nerschnabel ähnlich," was ich indessen auch vordem nie habe 
finden können. Der tief gespaltene breite Rachen ist offenbar 
ganz schwalbenartig. Und nun diese Füfse, deren Gestaltung 



61 

allein schon hinreicht, den Vogel als einzig in seiner Stellung 
zu allen übrigen zu betrachten! Man möchte sie für Sceschwal- 
benfüfse halten, denen blofs die Schwimmhäute fehlen. — Sein 
Aufenthalt sind nicht die Ufer der Flüsse, oder groCsen Sümpfe 
and Seen, sondern grüne Weideplätze und tiefliegende Aecker, 
wo es Wasserpfützen giebt, in der Nähe seichter Wasserlachen 
und freier ganz llach auslaufender Teiche, an deren Rändern er 
sich öfters uiederläfst, wovon damals die allermeisten ausgetrock- 
net, aber doch nicht von ihm verlassen waren. Ohne grofsen 
Hang zum Wasser zu verrathen, lebt er aber doch nur in Ge- 
genden, wo es nicht daran fehlt, und nistet auch in der Nähe 
desselben im kurzen Grase oder auf Aeckern hinter oder «wi. 
sehen Erdschollen. Sehade dafs ich nicht auch' seine Fortpflan- 
zung beobachten konnte. Es scheint, dafs er mehr als 3 und 4 
Eier legt, wenigstens ist so viel gewifs, dafs diese mehr rund- 
lich als länglich sind, sehr hlafs grünlich aussehen und niit brau- 
nen Punkten und Tüpfeln bezeichnet sind *), Die Jungen waren 
am 23. Aug. so üugbar wie die Alten, diese standen in voller 
Mauser, dicTheile des alten Gefieders verbleicht, abgerieben und 
zerbrechen, die neuen Federn viel Junkler und grünlicher ge- 
färbt, und das Halsband nur aus unzusammenbangendeu Fleckchen 
bestehend, weil hier namentlich noch viele Federn fehlten. Ist 
diese Mauser ganz vollendet, so sieht, wie mir. am. 7. Sept. er, 
haltene Stücke bewiesen, der Vogel blofs dunkler aus als im 
Frühjahr, und scheint bei ihm keine Doppelmauser stattzufinden, 
oder diese höchstens nur tlieilweise zu sein und sich gewifs nicht 
auch über die Federn des Mantels und ganzen Rumpfes zu er- 
strecken. 

lu diesen Gegenden des mittlem Ungarn ist noch eine, in 
Deutschland sehr seltene, Vogelart wirklich gemein, nämlich der 
Rothfnfsfalke (Falco rujipes). Man sieht ihn dort überall so 
häufig über den Feldern herumfliegen, als im Mannsfcldschen den . 
Thurmfalken. Er horstet dort auch in allen Wäldchen und 
Baumgruppen und macht seine Brut meistens in Elsterneslern, 



*) Hr. Petenyi erhielt ein Jahr früher ein Weibulien, welches ein 
zum Legen ganz reiles Ei bei sieb trog, an welchem Farbe und Zeich- 
nung deutlich zu erLenDeu waren. 

III. Jihrg. 1. Band. 6 



82 

da die Elster {Conms Pica) dort ebenfalls onter die gemeinsten 
Vögel gehört. Ob er auch frei auf Bäumen in selbstcrbauten 
Nestern brüte, habe ich nicht ermitteln können ; wahrscheinli- 
cher ist, dafs er es aufserJem in hohlen Bäumen thue, die hier 
freilich selten sind, und darum die Elstern aus ihVen Nestern ver- 
treibe, um mit seiner Brut wenigstens in Etwas unter Bedachung 
zu sein. Er nährt sich fast einzig von gröfseru Käfern, Netz- 
flüglern, grillenartigen Insekten und deren Larven, ist im Fluge 
an seiner geringern Gröfse und dem etwas kürzern Schwänze 
leicht vom Thurmfalken zu unterscheiden, obgleich er völlig 
ebenso fliegt, und oft auch so über einem ins Auge gcfafsten 
Gegenstände rüttelt, selbst in der Stimme viele Aebnlichkeit vcr- 
räth, obwohl der Kenner diese auch bald uulerscbeiden wird. 
Er ist ziemlich scheu, neckt sich gern mit andern Raubvögeln, 
ist besonders gegen Abend und am frühen Morgen sehr beweg- 
lich, und ruht am Tage auf freiem Felde, am liebsten an erha- 
benen Orten, auf Heu- oder Getreidehaufen, Erdschollen und 
sonst vorkommenden Erhabenheiten. Er ist Zugvogel und ver- 
läfst das Land im September und October. 

Auf der Fahrt von Pesth die herrliche Donau abwärts sähe 
man w^enige und nur gemeine Vögel, jedoch boten die bewalde- 
ten Donauinseln hin und wieder einen Raubvogel zur Ansicht. 
Diese Inseln sind zuweilen recht malerisch, jedoch nur hohe 
Weiden und Pappeln, vorzüglich Silberpappeln, darauf Tor- 
herrschend, das linke Donauufer immerwährend flach und eben, 
das rechte hügelicht und viel abwechselnder. Einzeln zeigten 
sich über den Wäldern schwebende Adler von kleinern Arten, 
die der Entfernung und der Schnelle des Laufs des Dampfschif- 
fes wegen, sich nicht immer mit Bestimmtheit erkennen liefeen. 
Zuverläfsig gehörte ein solcher gesehener Vogel zu Falco brachy- 
daciylus, welcher allerdings dort am linken Donauufer alle Jabr 
und brütend öfter vorkömmt, wo auch Falco fennaivs aber un- 
gleich seltener wohnt und einzeln bis ins obere Ungarn hinaof 
streift. Ich glaube ebenfalls einige dieser kleinen interessanten 
Adlerarten gesehen zu haben; in den Sammlungen dieses Landes, 
auch in Wien, waren sie in allen Uebergängen, von Brehms 
A^ila minuia au bis zum ausgefärbten alten Falco pennatus. — 
Weiter hinab ward die Donaufahrt immer interessanter, der Fluls 



83 

von Vögeln belebter nnd die Ufer von Slavonien und Sjrrmien 
reizender. Unterhalb Vukovar zeigte sich allenthalben der See- 
adler (Falco albicilla), nicht mehr so einzeln als Tags Torher, 
und zu meiner grofseu Freude auch Geier, einzeln und paar- 
weis, VtiUur fulvus und auch ^'. cinereus. Sic sind leicht vom 
Seeadler an ihrer enormen Gröfse und den läugcrn Flügeln, 
die sie noch langsamer und weniger tief schlagen, auch in grofser 
Ferne zu unterscheiden. Einer stellte sich auf einen abgestorbe- 
nenBaum und licf^ sich mit dem Fernrohr deutlich erkennen. — 
An mehrern Stellen schwärnilen Schaarcn von Seeschvvalben, 
meist Stenia nigra, doch hatten sich unter die vielen Hunderle 
dieser, auch einzelne der nächstverwandten Arten, Stema leueo' 
ptera, nnd SIerna leucopareia, gemischt. Slerna Hirundo zeigte 
sich auf der ganzen Donau, so weit ich sie befahlen, iiilr ^ehr 
einzeln, Sleitia minula nur auf der untern Donau, bei Belgrad 
u. s. w. Hier war aber Sierra leucopareia unsäglich häuüg, und 
bei weitem die gemeinste Seeschwalbe, jedoch weniger auf den 
Donauinselu, als an den Sümpfen in Syrmieu und dem Banat, 
Slema nigra viel einzelner und Slerna leucoptera noch seltener. 
Die Letztere scheint mehr im mittlem Ungarn am Neusiedler- 
nnd Plattensee und in der Umgegend zu wohnen. Von Mevea 
bemerkte ich in den Sümpfen nur einzelne, an der Donau aber 
Schaaren, meist junger, von Laras ridibundits, an der untern 
Donau, namentlich in Serbien, hin und wieder eine einzelne von 
einer grofsen Art, die ich für Laras argeniatus im Jugendklcidc 
hielt, welche dort auch schon ölter erlegt worden ist und wahr- 
scheinlich vom schwarzen Meere den Flufs heraufkömmt. 

Nichts Oruilhologisches von Wichtigkeit, aber desto mehr 
Wunderbares, Unglaubliches, völlig Aufsereuropäisches, liefs sich 
bei unsrer ersten AusQucht von Semlia nach Belgrad hinüber, 
in dieser alten berühmten Türkenstadt schauen ; kein Reisender 
aus dem civilisirlen Euro|>a, welcher jemals diese Gegenden be- 
sacht, sollte versäumen, diese bewohnten Ruinen, dieses Versin- 
ken ehemaliger türkischer Herrlichkeit in schmutzige Armuth 
Dud Erbärmlichkeit zu selten. Keine Beschreibnng wird ihm 
vergiunlichen können, was er dort mit eigenen Augen zu sehen 
bekömmt; er wird nicht wissen, ob er wache oder träume; vor- 

6* 



94 

ausgesetzt, dafs er nicht schon im Orient war und vernachläs- 
sigte türkische Städte sähe und türkische Wirlbschaft kennt. 

Die zweite Ausflucht am 1. Sept. ging ins ßanat hinüber, 
oder Tielmchr in das Banaler (irenzland. Bei der Ueberfahrt 
wurde eine kleinere Donaainsel bestiegen, auf welcher viele 
Alten von Slerna leucopareia ihre Jungen hatten und dort füt- 
terten, welche aber nicht hier, sondern in den nächsten Süm- 
pfen ausgebrütet waren. Sie wurden in Menge erlegt, die Alten 
standen aber alle in der Mauser und boten interessante Ueber- 
gangsklcider dar. Im niedrigen Weidengebüsch der Insel steck- 
ten auch einige Purpur- und Rallenreiher, welche an an- 
dern Orten dieser Gegenden aber ungleich häufiger vorkommen. 
Das Banaler Grenzland bietet eine unabsehbare, viele Meilen 
ausgedehnte, ebene, grüne Fläche dar, wenn man es von Ferne 
und aus der Höhe betrachtet, wie von mir Tags vorher von der 
Festung Belgrad herab geschehen war; betritt man es aber nur 
wenige hundert Schritt über der gewöhnlichen Ueberfahrlslelle, 
80 findet man längs dem Flusse hinauf und tief ins Land hinein, 
weiter^ als das Auge reicht und Meilen weit, nichts als eine un- 
geheure Widnifs, an den trocknern Stellen aus Gestrüpp von 4 
bis 5 Fufs hohen Sunipfeuphorbicn mit Brombeerrauken und an- 
dern hohen Pilanzen durcbflocbten , grofsen Gruppen von üppig 
vegetirender Geifsraute (Galega officinalis) welche so wenig 
wie die Euphorbien von Vieh genossen werden, hohe Gräser und 
dergleichen; an den nassen Stellen über 10 Fufs hohes, undurch- 
dringliches Rohr, Schilf und zwischen diesen freie Stellen, das 
Wasser aber mit Nymphäen und Wassernüssen (Trapa naians) 
oder mit der niedlichen Salvinia naians bedeckt. Uebcrall stür- 
zen hier Purpurreiher, Rallcnreiher, Rohrdommeln, 
grofse und kleine {^rdea purpurea^ A. ralloides. A. stellaris 
und A. minula) hervor, auch Ardea cinerea fehlte nicht an ganz 
freien Gewässern, und die herrlichen dort sogenannten Schwarz- 
schnepfen (Ibis Falcinellus) treiben sich in Hccrden herum; 
das Gestrüpp wimmelte nicht nur von Rohrammern u. Rohr- 
sängern aller Arten, sondern auch Grasmücken und Flie- 
genfängern (ich schofs eine iMiwcicopa parva), selbst Würger 
feblteu darunter nicht, die wahrscheinlich meistens schon auf 
dem Zuge waren. Die sonderbare kreischende Stimme der Slerna 



95 

leucopareia licfs sich unablässig vernehmen und die Alten fingen 
hier und andenvärts auf etwas freiem Grasplätzchen kleine 
Fröschchen (alles Rana esculenia in unsäglicher Menge), denen 
sie oft zu Fufs nachsetzen und nachher ihre Jungen fütterten, 
welche sie ihnen oft im Fluge abnahmen. Des höchst anstren- 
genden Heruxntrelbens in diesen fürchterlichen Wildnissen müde, 
und beladen mit Bente, setzten wir mit unserm Nachen (Schi- 
nakel) auf die gröfste unter den dorligeu Donaninscln, die Kriegs- 
iusel über, die zwar gröfstenlheils bebaut ist und einen Boden 
hat, welcher die üppigste Vegetation hervorbringt, auf welcher 
es aber auch nicht au Rohrdickichten fehlt, wodurch man sich 
mühsam hindurcli bricht, ehe man zu einem grofsen Sumpfe in 
einem Theilc der Insel gelangen kann, wo viele Enten, nament- 
lich Anas leucopluhalmos, und einige A. Boschas vorkamen. Die 
nahe Reiherinscl betraten wir leider nicht, weil dort jetzt alles 
still und leer war. Sie ist mit Wald und Gebüsch dich besetzt, 
in welchem alljährlich viele Tausende von Reihern, namentlich 
Ardea Garzetia in ctstauulicber Menge nisten, die man oft zu Hun- 
derten au einem Tage dort erlegt, wo auch Ardea Egreita häufig 
brütet, aufserdem aber noch A. purpurea und A. comata aus 
jedem Gebüsch hervorstürzen. Wie sehr war hier zu bedauern, 
dafs es nicht mehr Frühling war! Welch reichen Zuwachs würde 
durch mich die Ornithologie auf diesem einzigen Purkte gewon- 
nen haben, wenn ich im Frühjahr alle hierwohncnde Arten bei 
ihren Nestern, Eiern und Jungen halle beobachten können!! — 

Es zeigten sich an diesem Tage noch Tausende von Ibis 
Falcinellus, wie es schien, auf dem Zuge begriffen, wo eine sol- 
che Schaar eine einzige geschlossene, aber nicht gerade, sondern 
gcschlängcllc Reihe bildete, und so nicht ein Vogel hinter, son- 
dern neben dem andern, hoch durch die Luft fortstrich. Eine 
solche lange Kcilic dieser grofsen schwarzen Schnepfengestaltcn 
mit gemächlichen Flügelschlägen sich fortbewegen zu sehen, mit 
allen den abwechselnden schlangenarligen oder wellenförmigen 
Bewegungen, welche in einer solchen Linie vorgehen, ist ein 
ganz eigenthümliches Schauspiel und mir sonst noch von keiner 
Vogelarl vorgekommen. Der Vogel fliegt überhaupt schön, ähnelt 
in der Gestalt fliegend zwar entfernt den Brachvögeln (iVu- 
metuui), hat aber viel breitere, abgerundetere Flügel, die er lang- 



96 

samer schwingt als irgend ein schnepfenartiger Vogel, auch öfters 
schwebt und schwebend wohl gar Kreise in der Lult beschreibt. 
Hals und Schnabel streckt er, wie die langen Küfse, in gerader 
Linie von sieb, wie ein Schnepfen vogcl, die Schwingungen der 
Flügel verralhen aber auch viel Keihcrartigcs, und so steht der 
Vogel und wahrscheinlich seihe ganze Gattung, sehr genau auf 
der Grenze zwischen Schnepfen und Reihern, sowol im Betragen, 
wie in der Lebensart. Ich sähe sie oft zwischen Tansenden an- 
dertr Vögel aus den Gattungen Ardea, Toiamis, Tringa. Uypsi- 
hatea u. a. im seichten Wasser oder Schlamm, wie jene, herum- 
waden und sich wie diese nähren; fand aber auch ihre zahlrei- 
chen Fährten an kleinen, ziemlich ausgelrockneleu Pfützeu, in 
welchen sie noch mit dem Tode ringende kleine Fischchen iu 
ungeheurer Menge gefunden hatten, und fand auch kleine Frösch- 
chen in ihren Mägen. Ihre Fährte ist leicht von der der klei- 
nen Reiberarteu an der kürzern und schwachem Hinlcrzeh und 
im Gegenthcil, an der Länge dieser, von denen der Gattungen 
Numenius utiA Limosa zu unterschcideu. Ihre Stimme ist mehr 
reiher- als schncpfenarlig. Uebrigens ist es ein geselliger Vogel 
und vereinzelte suchen immer wieder die Gesellschaft mehrerer 
ihrer Art. So soll er auch dort in den Sümpfen in Menge bei- 
sammen nisten . in fast unzugänglichem Moraste auf umgeknick- 
tem Rohr u.id Schilf sein Nest bauen und 2 bis 3 grünliche Eier 
legen, und an den nämlichen Orten, oft zwischen ihnen sich aoch 
die kleine Scharbe (Ilalleus s. Carba pygmaetis) häufig dort 
fortpflanzen. Die Nachrichten über die Fortpflanzung dieser bei- 
den Arten sind von einem dortigen Jagtiliebhaber, welcher uns 
oft Führer und Gebülfe war, die Vögel seines Landes sehr gut 
kannte, und der uns niemals Gelegenheit gab, über seine Unzu- 
verlässigkeit Kl.ige führen zu können. Die letzte Vogclart habe ich 
dort nicht mehr gesehen; sie hatte die lirüteoite längst verlassen, 
und ich bekam nur ein schon früher in der Türkei erlegtes Ex- 
emplar dci-selben. 

Höchst interessa'ut und reich an Ausbeule waren unsere fer- 
nem Excursionen von Senilin aus in Syrmien längs der Savc 
hinauf, wo es uncrnicfsliche, vielfach verzweigte, und sehr ver- 
schicden.'^rtige Sümpfe giebt, von denen uns nur die mit vielem 
freien Wasser gestatteten, mit iliren Bewohnern bekannter zn 



97 

werden, daneben die filrchteilichen ßohrwälder, in die selbst 
der verwegene Raitze (Raalzc, Serbler), nie einzudringen wagt, 
es sei denn im Winter und in Masse, um die vielen darin hau- 
senden Wölfe aufzustöbern und den Schützen zuzutreiben, vro 
denn, beiläußg gesagt, das £rgcbnifs einer solchen Treibjagd, an 
einem glücklichen Tage, zuvreilen wohl mehr als 20 Wölfe, 12 
bis 15 Füchse, aber nur wenige Hasen ist, dabei auch wobl ein 
ans den fernen Gebirgwäldern Jiierher verirrter Luchs oder wil- 
derl Kater vorkömmt. So weit sich auch das weidende Vieh, 
Hörn- u. ßorsteuvieh, zuweilen in die Sümpfe hinein vet-kriechf. 
80 wissen sorgliche Hirten es jedoch vom allzutiefcn Eindringen 
abzuhalten, weil dort oft vorkömmt, dafs einzelne Stücke sich 
verirren und verloren geben. Von angerichtetem Unfuge der 
Wölfe unter den Schaafbeerden hört man im untern Ungarn gar 
oft und viel sprechen. 

In einer Gegend beim raatzischen Dorfe Becsania (Bedschania) 
an einem freien Wasser, war der Abendanstand sehr ergiebig. 
Ardea nycticorax kam hier zum Vorschein, es wurden einige 
^unge Vögel geschossen, wie denn überhaupt die Reiherarten auf 
der ganzen Reise meistens nur in den Jugendkleidern erlegt wur- 
den, weil die allen Vögel die Nistplätze verlassen, und fast alle 
schon weggezogen waren. Der weifse Löffler (Platalea leu- 
cerodia) , früher im Jahr hier sehr gemein, jetzt nur nocli hin 
nnd wieder in kleinen Gesellschaften oder einzeln gesehen, wurde 
ebenfalls hier erlegt, aber auch nur junge Vögel. Er wird als 
LöHel-Gans dort gern gegessen und schmeckt auch nicht übel. 
Die allerbelcbtcste Gegend auf meiner ganzen Reise, und in Hin- 
sicht der Menge der Vögel wohl mit irgend einer an der Nordsee 
zu vergleichen, fing etwa eine halbe Meile oberhalb jenem Dorfe 
an und zog sich an dem Dorfe Zsurcsin (Surdschin) vorbei, und 
eine sehr weite Strecke noch , über dasselbe hinaus. Ein freies 
Wasser, eine Art Teich, von etwa einer halben Meile Länge, 
abwechselnd 100 und mehrere, Schritte Breite, worüber einige 
Brücken gingen, voller Schlamm und meistens nur mit einer 
(^ucerhaud hoch Wasser über demselbeu, so dafs die meisten dort 
»ich aufballeuden Sumpfvögel nicht blofs an den, übrigens ganz 
kahlen, Rändern, sondern aucii in der Mitte es durchwaten konn- 
ten und keiner sich verstecken konnte, war so angefüllt, dals 



98 

auf der ganzen langen Fläche Vogel an Vogel stand, sogar ganz 
nahe bei mehreren Syrmierinncn, welche neben der einen Brücke 
Wäsche reinigten, nicht ausgenommen. Es wimmelte hier buch- 
stäblich von dert kleinern Arten der Gattungen Totarms u. Tringa, 
nntcr denen auch Totanus Olotiis in Menge, Tot. yiescus aber nur 
einzeln, so Limosa metanura und Jlypsibales himanlopus, aber 
die eigentliche Zierde dieses Gewässers waren die allenthalben, 
und so weit das Auge reichte, wie Stöcke oder Pfähle da- 
zwischen hingestellten Rallenreiher {Ardea ralloides), die in 
possierlicher Einfalt die fremden Jäger anglotzten und nichts 
weniger als scheu waren. Zwischen ihnen standen herrlich 
glänzend und kaum weniger zahlreich eine Menge von kleinen 
Silberreihern (Ardea Garzetta), welche nur wenig vorsichti- 
ger waren als jene. Einige grofse Silberreiher {Ard. Egret- 
ta) u. Löffler (Plaialea lettcerodia) entfernten sich jedoch nach 
den ersten an diesem allgemeinen Sammelplatze gefallenen Schüs- 
sen; nicht so Jone, die dadurch wohl auf eine Strecke hin auf- 
gescheucht wurden, aber auch sogleich wieder einfielen. Auf 
jeder Seite des Wassers ein Schütze gehend, licfsen sie sich auf 
Haufen zusamincnirciben, so dafs ich ein Mal angeregt ward, die 
etwa 60 bis 100 Schritt vor uns stehenden blendendweii'sen und 
angenehm hellgelben Vögel zu zählen, wo denn auf einem in 
der That sehr kleinen Kaume allein 27 Stück kleine Silber- 
reiher und mehr als noch ein Mal so viel Rallenreiher standen. 
Fiel ein Sehuls, so erfüllte für den Augenblick das bunteste Ge- 
wimmel von den verschiedensten Vögelarten die Luft, welches 
zahllose Seeschwalbcn, meistens Sterna leticopareia, weniger 
St. nigfa, nebst einzelnen Lachmöven, noch vermehren halfen, 
während kleine Gesellschaften Sichelschnäbler (Ibis Fal- 
cinellus), in der Ferne schwarz wie Raben glänzend, den schön- 
sten Abstich gegen das weifseste Weifs der Silberreiher mach- 
ten. Ohne grofse Mühe wurden von allen Arten Stücke erlegt; 
aber man hätte ein Blutbad anrichten können, wenn damit ein 
nützlicher Zweck zu verbinden gewesen wäre. — An beiden 
Enden verlief diese Wasserfläche in schilfichlen Sumpf, worin 
wieder audere Arten steckten und überall Purpurreiher und 
Uecassinen (Scolopax gallinago et Sc. major) hervorstürzten, 
wo es von Rohrsängern, bei einem Weidengebüsch und hohem 



i99 

Rohr aiicli von Waldsängern der verscbiedcnsten Arten belebt 
war u. s. w. Viele Vögel aus den Gattungen Sylvia, Muscicupa, 
Lan'ms. Sajicola waren in dem Allicbgestiiiucli {Sambucus Ehu- 
lus) auf etwas trorkucrn Plälzeu auzutreflen, besonders häufig 
war hier, wie dies in Ungarn in vielen Gegenden, Saxicola ru- 
bicola; das kecke Vögelcheu zeigte sich übeiall auf den Spitzen 
des Altichs, der Disteln, des Hanfes und andrer wilden hohen 
Pflanzen, so wie weiter an der Save hinauf, auf grolsen Wiesen- 
fläcben Coracias Gm-rula einzelne Heuhaufen besetzt hielt, 'Und 
alle BüscbchcQ, aus Dornen und wild wachsenden Wciureben, 
voll kleiner Waldvogel steckten, worunter sich auch Sylvia ni- 
soria 7.eigte ; alles auf dem Zuge befindliche Arten. — Dieser 
höchst angenehme und für mich aufterordentlich belehrende Jqgd- 
tag, der 5te Sept., wurde mit einem Abendanstande beschlosseo, 
wo jedoch nur Enten, -^nas Strepera und A. Qucrqitedula, erlegt 
wurden. — Corvus Cornix sahen wir in dieser Gei;cud auch und 
eben I nicht einzeln. Ucbciall, namentlich auf den hcrrlichcw 
Wiesen, zeigte sich eine höchst interessante südliche Flora, njeh- 
rere Artfen aus den Gattungen Paeonia, Clematis, Scabiosa, Cy- 
iisus^ unter andeiri Paeonia tenuij'olia, Cytisus purpureum Und 
viele andere waren hier mit andern Diadelphistcn etc. als Ueu- 
fuller gemäbct, die ich sonst nur, in norddeutschen Gärten als 
Zierpflanzen gepflegt, zu sehen gewohnt war. 

Obgleich ArJea ratloides der Gestalt nach ein ächter Rohr- 
dommel (dickhalsiger Reiber) ist, so weicht er doch im Betra- 
gen sehr von den übrigen ab, nämlich von Ardea stellaris, A. 
minuta und A. nyclicorax. Es ist mir immer vorgekommen, als 
Lätlen er und Ardea purpurea ihre Rollen vertauscht. Denn 
wer den Purpurreiher in einer oruithologiscben Sanuntung 
sieht und mit Ardea cinerea vergleicht, mufs unbedingt grofse 
Aehnlichkeit in der Gestalt beider nach allen Theilen finden, 
ond würde daraus auf gleiche Lebensart und Betragen scbliefsen. 
Dafs dies aber durchaus nicht so sei, ist schon erwähnt. Er 
ähnelt, im Betragen viel mehr den Rohrdommeln als den dünn- 
häUlgcn Reihern, und ich glaube kaum, dafs er jemals auf Bäu- 
men nistet; mau wollte wenigstens in Ungarn nichts davon wis- 
sen. Sicht man dagegen den Rallenreihcr zwischen Rohr- 
dommeln aufgestellt, so würde man schwerlich ahnden, dats 



100 

er meistens, auch am Tage, auf dem Freien lebt, seiner Nahrung 
öffentlich nachschleicht, sich nur selten versteckt und dieses 
Versteck kaum so fest hält, als der Purpurreiher das seine. Vom 
Hunde an einer freien Stelle in einem Rolirwalde aufgejagt, läfst 
er sich sehr häufig aufserhalh des Sumpfes ganz auf dem Freien 
nieder, oft zwischen dem weidenden Vieh, was ich von Purpur- 
reihern nie gesehen habe. Er hält sich übrigens auch ohne an- 
dere Veranlassung, besonders gern zwischen Schweinen auf. Der 
Purpurreiher drückt sich auch, in einzelnen Fällen, wo ich 
dies beobachten konufe, auf die Fersen nieder, wobei er R'umpf^ 
Hals und Schnabel in gerader Linie, aber schräg aufwärts streckt, 
so sfockstill sitzt und in solcher Stellung, einem schief hinge- 
stellten Pfahle ähnlich sieht, und zuweilen erst nahe vor dem 
Schützen herauspoltert. Selbst in niedrigem Schilfe und zwi- 
schen dünnstehenden Binsen bemerkt man ihn daher oft aus der 
Ferne nicht. Er steckt mitten in den dichtesten Rohrwäldern, 
aber stets an etwas freiem Plätzen, was auch der Rallenrei- 
her zuweilen thut, aber keiner von beiden, und am allerwenig- 
steu der Letztere, verbirgt sich jemals: in so dichtstehendem 
Rohr, als der grofse oder der kleine Rohrdommel, und ich 
habe ihn auch nie so an Rohrstengclu hinaufsteigen sehen, wie 
diese Beiden. — Die Silberreiher, grofse und kleine, äh- 
neln im Betragen dem gemeinen grauen Reiher; Ardea 
Egreita is-t auch eben so scheu, A. Garzetia dies aber viel we- 
niger und daher leicht zu erlegen. Er ist in Ungarn' sehr ge- 
mein und man siebt ihn hin und wieder im gezäliniten Zustande, 
wo er ein niedliclier Vogel ist und sich sehr reinlich hält. Dafs 
Ardea Egreita viel einzelner und so selir scheu ist, mag llieil- 
weise wohl den vielen Nachstellungen zuzuschreiben sein, wel- 
che er seiner herrlichen Rückenfedern wegen überall ausgesetzt 
ist, indem diese als Federhüsche einen Hauptschmuck desNational- 
Costums der ungarischen Magnaten ausmachen, und von einem 
einzigen schonen Exemplar im Frühjahr, wo sie nur schön vor- 
kommen, aus der ersten Hand, d. h. dem Schützen, mit 8 big 10 
Gulden CM. bezahlt werden, nachher in den Putz- und Modc- 
waarcnhandlungen, aber zuweilen noch zwei bis vier Mal theurer 
und. Die von Ardea Oarzetta stehen im Preise verhältnifsmälsig 
unter der Hälfle niedriger, weil sie nur kurze Büsche geben, die 



' IDl 

Vögel sind daher auch wenigeren Nachstellungen ausgesetzt als 
die grofse Art. Die dortigen Schützen sind so hegicrig auf den 
Gewinn von den Federn dieser Letztern, dafs Sammler, die nicht 
selbst Jä^cr sind, grofse Silberreiher mit den vollständigen Rüi 
cken federn nur für ein hohes Schufsgeld von diesen erstehen 
können. Gewöhnlich rupfen sie dem erlegten Vogel auf der 
Stelle die schönen Federn aus und werfen ihn dann weg. Im 
Hcrbft kümmert man sich um keinen Silberreiher, weil die Alten 
in der Mauser jene Schmuckfedern verlieren, dann meistens ohne 
diese vorkommen oder die einzelnen schlecht, schmutzig und ab- 
gescheuert aussehen, und die .luiigen nocb gar keine haben, in- 
dem sie bei allen erst im Frühjahr hervorkeimen und sich aus- 
bilden, gerade wo die Vögel bei den Nestern am leichtesten zu 
erlegen sind und wo dann mit dem Wcgschiefsen der Alten 
leider auch ihre Brut zu Grunde geht. In jeder Galanterlewaa- 
renhandlung Ungarns, in Peslh, Temeswar, Prefsburg und allen 
andern gröfseru Städten, sieht man diese Reiherbüsche, grofse 
und kleine, zum Verkauf feilgeboten, meistens in sehr werth- 
voUe Kapseln vereint, welche den Stiel eines solchen Busches 
bilden, und sie sind in der That eine prächtige Zierde des Kal- 
pak's, d. i. der ungarischen Nationalmütze, die bei festlichen Ge- 
legenheiten der Haupischmuck des edleu Ungars ausmacht. Den 
schönen weifsen Nackenfedern des Nachtreihers (A. nyciico- 
rax), von denen freilich viele Vögel erst einen mäfsigen Busch 
geben, scheint der Ungar weniger Wcrth beizulegen, als sie bei 
den Türken haben sollen, so auch den flatternden schwarzen 
Nackenfedern der alten grauen Reiher und der Purpur- 
reiher, leb habe wenigstens bei Männern keine zu diesem 
Zvrecke verwendet gesehen, obgleich der Ungar vaterländischen 
Fedcr.schmuck sehr liebt und neben seinen Reiherbusch v^'ohl 
noch eine oder einige von den gekräuselten Federn des Hinter- 
flügels vom gemeinen Kranich, oder eben so eine einzelne 
Adicrfedcr aufsteckt ; sogar grofse und schön geformte Ober- 
tchwanzdcckfedern des Haushahnes sind davor nicht sicher. 

Eine Ausflucht nach Pancsova, in dessen Nähe, wie über- 
haopt in ganz Unter-Ungarn, der grofse Pelekan (Pelecanus 
OnoiTolabia) keine Seltenheit ist und auch der noch gröfsere 
Pelecanus crispus vorkömmt, brachte nicht viel mehr als leider 



102 

blofs den Obersclinabel eines solchen Riesenvogels, welcher kurz 
vor unsrer Ankunft dort erlegt war, wie der frische Schnabel 
bewies, den wir als Trophäe mitnahmen. Die dortigen Jagdlieb- 
habcr benutzen beiläufig solche Schnäbel (den obern Thcil, wel- 
cher hohl ist) als Scheiden für grofse Messer. Ueberall sagte 
man uns, dafs wir hinsichtlich dieser Vögel nicht zur rechten 
Zeit gekommen wären, und nannte uns als solche hauptsächlich 
das Frühjahr, wo sie in den grofsen Sümpfen von Syrmien, dem 
Militärgreuzlande und dem Banat sich hin und wieder fortpflan- 
zen, und gar nicht selten sind, so dafs Bauernknaben und Hirten 
oft Junge einfaugcn und lebend in die Städte zu Markte brin- 
gen, sogar Alte nicht selten, wenn sie mausern und schlecht 
oder gar nicht fliegen können, in ihren Verstecken (kleinen freien 
Plätzchen zwischen hohem Rohr und Schilfe, aber im tiefsted' 
Sumpfe) überrumpeln und mit Knilteln erschlagen. Man sprach 
auch noch von einem Herbstzuge, wo sich diese Vögel manch- 
mal hccrdenweise zeigen sollten, von einer Zeil, die später im 
Jahre erst komme, doch konnte ich etwas Gewisses darüber nicht 
erfahren. Mit ornithologisehen Reich thümern umgeben, mulste 
ich dennoch stets in die Klage veifallen, nicht in der Brütezeit 
der Vögel diese unvergleichlichen Gegenden bereist zu haben, 
und das Aufdämmern des Wunsches, dort zur rcehlen Zeit eine 
reiche Nachlese halten zu können, obwohl schwerlich zu reali- 
siren, war nicht zu unterdrücken. 

Da die Zugzeit der meisten Sumpfvögel sich ihrem Ende 
nabele, reiscten wir schnell durch das Banatcr Grenzland und 
passirten zur Nachtzeit die Gegend des weifsen Sumpfes, eine 
früher ungemein wilde Sumpfgegend, von der Farbe des Wassers 
oder vielmehr des mit vielen Salztheilen geschwängerten Bodens 
ED genannt, die jetzt durch Abzugskanäle viel an ihrem sonst 
ungeheuren Umfange verloren, aber immer noch Sumpfvögel in 
grofser Menge hat, und das Städtchen Nagy Bccskerek (Grofs 
Betschkerek) am Begaflusse, in welchem sich hier in der Nähe 
der Stadt eine mit hohen Weiden dicht besetzte Insel befindet, 
auf welcher sich in der Zugzeit manchmal so viele Turtel- 
tauben {Columhii Turtur) sammeln sollen, dafs gute Schützen 
sie dort zu mehren Hunderten an einem Tage erlegen. Beiläufig 
sahen wir (im Anfange des Septembers) nicht allein hier, sondern 



103 

auch an der Savc und Teines überall Turteltauben in enge- 
wöbulich grofser Anzahl. 

Der schwarze Sumpf, durch den Begakanal in neuerer Zeit 
auch etwas abgezapft, doch immer nocli eine ungeheure, auf meh- 
rere Meilen ausgedehnte, fürchterlich wilde Gegend, mag in einer 
andern Jahreszeit ein Sammelplatz zahlloser Vögel sein. Auch 
hier nisten Pclekane. Alle diese Sümpfe sind nämlich unge- 
mein schilfreich und die Fischereien in denselben zum Tbeil sehr 
wichtig. Gewöhnlich fängt man hier die Fische auf eine sinn- 
reicht einfache, indessen auch anderwärts bekannte Weise, indem 
man Zäune von Rohrstcngeln anlegt, in denen sich Labyrinthe 
befinden, in welche die Fische, durch Vcrspcrrung ihres gewöhn- 
lichen Ganges, verleitet werden, sich zu verirren und den Rück- 
weg meistens nicht wieder finden. Slerna leucopareia war noch 
in Menge mit den Jungen hier, sonst keine andere Sceschwalbe; 
einzeln Ardea Egretia, viele Totun't, auch ein kleiner Flug To- 
iomus stagiiatilis, diese Art aber sehr scheu. Sie soll in Ungarn 
an vielen Orten vorkommen; aber leider war sie bei meiner 
Anwesenheit fast allenthalben schon weggezogen. Enten gab 
es hier viele, doch Anas Boschas nur einzeln, dagegen aber war 
Ana^ leucophlhalmos die gemeinste Art. Sie flog dort in grofsen 
Schwärmen und lag zu Hunderlen beisammen, auf den von Rohr 
und Schilf freien, meistens aber mit den Blättern der Nymphäen 
und Wassernüsse bedeckten Flächen. An Wasser- und Rohr- 
hühuern schien hier ebenfalls ein grofser Ueberflufs zu sein. 
Unter der Menge vielartiger Rohrsänger zeigte sich auch eine 
besondere Art, auifallcnd durch ihre geringere Gröfse, Agilität, 
und ihren besondern Aufenthalt, dicht am freien Wasser, wo sie 
sich oft auf Nymphäenblätter setzte, Insekten fing, und dabei 
einzeln mit dem Schwänze wippte, überhaupt sehr munter war. 
Nicht ohne viele Mühe wurde ein solches Vögclchen erlegt, und 
es zeigte sich, dafs wir uns nicht getäuscht hallen; es war SjZ- 
via melanopogon (UecheliH). Das Vögelchen sieht der Sylvia 
phragmitis ähnlich, ist aber bedeutend kleiner, die Uauplfarbe 
mehr in rötblichcra Braun als in Olivengrün gehalten, die Kopf- 
zeichnung sehr aull'allcnd schwärzer, Rücken und Flügel aber^iel 
weniger dunkel gefleckt, auf eine ganz andere Weise und nicht 
80 iiart als bei den jungen Vögeln von Sylvia pliragmilis. Der 



104 

gelb weifte Augenstrich ist sehr breit, im grellen Abstich von 
dem tief braunscUwaraen Oberkopfe; ein tief schwarzer sehr iti 
die Augen fallender Streif geht von der Scbuabelwurzel zum 
Auge' und ist hilller diesem noch fortgesbl/.t, nimmt also Zügel 
und Schläfe ein; ein Streifclien aus schwarzen Flecken bestehend, 
begrenzt vom Mundwinkel abwärts die braunen Wangen und die 
rein weifse Kelile. Unser Exemplar war leider so vom Schusse 
zerrissen, dafs es für die Sammlung nicht zu couserviren war, 
und ein zweiles war aller Miibe ungeachtet nicht zu erhalten, 
indem wir in Allem nur drei Stücke von der Art bemerkt hat- 
ten. VVahrscbeinlicIi nistet sie auch in diesen Wildnissen. — Die 
Bartmeise (Pants hiarmicus) war hier, wie auch anderwärts 
in Ungarn, gemein, auch Parus penduUnus liefs sich überall hören 
und sehen. Dafs auch der Singscli Wan {Cygnvs melanorhyn- 
chus) im Winter bis in diese Gegenden streift, beweist ein 
schönes Stück, welches wir bei einem Hrn. v. Kis (Kisch) le- 
bend sahen, wo es flügellahm gescbossea, schon seit lüuger als 
einem Jabr in Gefangenscbaft war. 

Vom schwarzen Sumpf bis in die Nabe der Tbeis, die wir 
bei Szegedin passirten, gicbt es wenig Wasser, die Gegend war 
daher für meine Absiebten ohne Interesse. Nicht weit von der 
eben genannten Stadt fehlt es dagegen nicht an Sümpfen und 
Teicbcn, die alle sehr fischreich sind, und oft mit der Theis, die 
für den fisclucicbsten Flul's in ganz Europa gcballen wird, zu- 
sanimenflietsen, wenn Letzterer anschwillt und aus seinen Ufern 
tritt, was gar oft geschiebt, da er sehr langsam und in zahllosen 
Krümmungen sich durch eine ganz ebene und tief liegende Län- 
derstrecke zur Donau hinabscblüugelt. Die ungebeureu Sümpfe, 
durch welche sich die Tbeis ihrer gröfslen Länge nach bindurch- 
wiudet, sind ein Aufenthalt zahlloser Scbaaren von Sumpf- und 
Wasservögeln ; wir hatten jedoch triftige Gründe dies Mai hier 
nicht zu verweilen, obgleich die Erzählungen der Jagdliebhaber 
von diesen Herrlichkeiten sehr lockend waren. Ich erfuhr spä- 
ter in Pesth von sicherer Hand, dafs jene Gegenden, wegen der 
vielen Fische, oft vonPclekanen besucht würden, dafs sie sich 
da sogar in Scbaaren, aus mehreren Hunderten zusammengesetzt 
zeigten, und wo solche einfielen, ganze Fischteiche, begreiflicher- 
weise in sehr kurzer Zeit, von ihnen rein ausgefischt würden, 



105 

wobei ihnen gewöhnlich die Scharben (Halieus s. Carba Cor' 
moramis oder gar U. pygmaeus?) behUIHich wären, indem sie, 
auch schaarenweis, beständig untertauchten und das Wasser trübe 
machten, wodurch jenen der Fang der gröfsern Fische erleich- 
tert würde. Wenn diese Nachrichten auch übertrieben scheinen 
möchten, so sind sie doch keineswegs grundlos, da man Pele- 
kane und Scharben dort oft genug geschossen hat. — Die 
grofsen Sümpfe in Klein Cnmauien lielsen wir zur Linken unsres 
Weges, ohne dort zu jagen, und setzten so die Reise, nach 
Pesth zurück, ohne weitern Aufenthalt fort. 

Eine Ausflucht am IS. u. 19. Sept., auf dem rechten Donau- 
Ufer hin, nach Ercsi, wo wir in den grofsen Sümpfen von hier 
aus gegen den Velenzer-See hin jagten, brachte wenig Erheb- 
liches. Allenthalben wurde der lUaogel an Sumpfvögeln nuu 
bemerkbar, da bereits die meisten auch diese Gegenden schon 
verlassen halten und weggezogen waren, welches von allen 
echnepfenartigen Vögeln, sogar auch von den Becassinen galt, 
an welchen es bisher noch nirgends gefehlt hatte, und welche 
wir in manchen Gegenden Ungarns beiläufig in bedeutender An- 
zahl angetroffen und erlegt hatten. Ueberall zeigte sich Ardea 
purpurea als eine in Ungarn sehr häufige Art. Die in dieseu 
Gegenden im Vorsommer häufig wohnende Glareola iorcpiata war 
bereits gänzlich verschwunden; auch Rohrsänger wurdeu ein- 
zelner; dagegen zeigten sich viele Rohrmeisen. Er lenz ei- 
sige (Frmgilla Spinus) kamen als Zugvögel schaarenweis im 
Lande an und lielsen sich in Ermangelung der Räume, wunder- 
lich genug, in den Rohrwäldern nieder. Eiuige Tage später 
zeigten sich auch ans dem Norden vorkommende Schaaren von 
Kranichen {Grus cinerea) in der Gegend von Pesth. 

Der Koh rammer (Emberiza Schoeniclus) ist im ganzen 
Königreich ein allenthalben vorkommender Vogel; aber ich habe 
unter der grofsen Menge derselben keine andere Art aufgefunden. 
Emberiza miliaria ist jedoch nicht minder gemein, namentlich 
in den Wiesen und neben Sümpfen. 

In den Naturalien - Sammlungen zu Pesth fand ich viele 
interessante Sachen, besonders vaterländische Seltenheiten, na- 
mentlich im National- Museum, mit welchem ich mich in dieser 
Zeit vertraut machen konnte. Unter zahlreichen Bekannten und 



fOfi 

Freunden nützte ich die Zeit auf das Angenehmste mit Be- 
schauen, Untersuchen, Zeiclinen, Beschreihcn u. s. w. Von den 
ehrenvollsten Bekanntschaften unter den dortigen Naturforschern 
nenne ich danl<har nur die Namen: Reil'siug, Szadicr, Sche- 
dius und Fri vaidszlty, weil ich mich diesen ganz hesondcrs 
verpflichtet fühle; wollte ich alle nennen, welche mir mit Güte 
und Liebe entgegen kamen, so würde eine lange Namcnsliste 
entstehen. Der Letztere, nämlich Hr. Dr. v. Frivaldszky, ist 
im Besitz einer ganz aufscrordentlichen Insekten-Sammlung, und 
als ausgezeichneter Entomolog auch unter uns in Norddeutsch» 
land bekannt. Sein Augenmerk ist besonders auf südeuropäische 
Insekten gerichtet; er sammelt deshalb bis in die Türkei hinein, 
und hat Leute bis in das Balkangebirge gesendet, von wolier er 
die köstlichsten Sachen und (wie natürlich) fast lauter Neue.« 
bekömmt. Sie sammeln nicht allein Gegenstände der Entomolo- 
gie, sondern auch der Botanik und lierpetologie. Leider sind 
aber seine Agenten (einer derselben war damals von Räubern 
ermordet) keine Ornithologen und Jäger, doch halten sie neben- 
bei einiges gesendet, was mir Hr. Dr. v. F. zu mustern erlaubte, 
auch mir davon das zukommen licfs, was ich wünschte. Unter 
diesen befand sich auch eine Taube (Columba), welche iu der 
Türkei in vielen Gegenden, namentlich am Balkan, bäulig vor- 
kommen soll, dort völlig wild lebt und im Winter aus den 
rauhern Gegenden meistens wegzieht, in andern bleibt. Sic ähnelt 
unsrer Lachtaube (Cotumba risoria), ist aber bedeutend gröfser, 
das Gefieder viel dunkler und unterscheidet sich schon durch 
diese beiden Merkmale aull'allend genug von jener Art, die wir 
hier freilich blols iui gezähmten Zustande besitzen, welcher schon 
Jahrhunderte gedauert haben mag, wodurch sie in jenen Punkten 
verzärtelt sein kaun. Ohne auf eine weitläufige Untersuchung 
dieses Umstandes einzugchen, kann ich mich blols auf das Zcug- 
nifs des Hrn. Geheimeraths Lichtenstein beziehen, welcher 
nach Ansicht und genauem Vergleichen der drei von mir ihm 
zugesendeten Exemplare dieser in der Türkei vorkommenden 
Taube mit denen im Königl. zoologischen Museum zu Herliu be- 
findlichen, aus Nubicn. überhaupt aus Afrika und Asien erhal- 
tenen wilden Lachlauben keineu crlielilichen Unterschied 
zwischen die^en und jenen gefunden hat. Auffallend ist jedoch, 

dafs 



107 

dafs sehr abweichende Umstände im Leben dieser sogenannten 
wilden Lachtauben vorkommen sollen, die sich mit denen 
der zahmen Art nicht vereinigen lassen wollen. Hr. Dr. v. F. 
schreibt mir hierüber nachträglich, was ihm einer seiner Samm- 
ler, Namens C. Hinke, aus der Türkei darüber schriftlich mit- 
theilte und ich gebe es mit dessen eigenen Worten wieder. 

„Diese Taube lebt in den gröfsern Städten der innern euro- 
päischen Türkei wild, gleich den Dohlen, gehet aber nie in 
die Häuser, nistet indessen auf Balken unter den Däcliern, in 
alten Mauerlöcbern, Felsenritzen, auch häulig iu kleinen Körben, 
die man in bedeckten Gängen über oder neben den Strafsen auf- 
hängt. Mit Eintritt des Frühlings, im Februar, läfst sie ihren Ruf: 
gurr! gurr, gurr! hören, welchen sie mit einem andern Rufe: 
Deca-octo! häufig wechselt. Ueber letzter/i ist folgende Sage 
unter den hiesigen Einwohnern. „„Ein armes Mädchen diente 
einer sehr hartherzigen Frau, welche ihr jährlich nur aclitzehn 
Para Lohn gab. Das Mädchen flehete die Götter an, dafs sie 
doch der Welt kundthuu möchten, wie jämmerlich sie von ihrer 
Herrin gelohnt würde. Darauf schuf Zeus diese Taube, welche 
ein vernehmliches Deca-octo noch bis heute iu alle Welt aus- 
ruft."" — Während des Schreiens sitzt sie gern auf Bäumen. 
Sie ist munter und sehr kampflustig, hadert besonders häufig 
mit deu Dohlen, mit welchen sie übrigens in beständiger Ge- 
sellschaft lebt; begattet sich wie andere Tauben, legt ihre zwei 
weifsen Eier auf ein kunstloses Nest und brütet 14 Tage. Die 
Jungen begatten sich bereits, wenn sie erst 3 Monate alt sind. 
Man findet vom Februar bis September Eier und Junge in den 
Nestern. Wenn die Erndte, besonders die Reiserndte vorüber 
ist, ziehen diese Tauben in grofsen Schaaren nach den Dresch- 
und Treteplätzen, besonders gern nach solchen, wo Bäume in der 
Nähe sind, auf deren Aesten sie, besonders früh Morgens, gern 
sitzen. Kömmt der Winter, so suchen sie bei ihren Nestern 
Schutz gegen die Kälte und leben einsam *). Sie nützen durch 
ihr Sufserst zartes Fleisch, und vergnügen durch ihre angenehm 
gurreaden Töne. Sie werden im Herbst geschossen, doch nur 



*) Viele sollin auch \Tegzielien und den Bosphorus zwei Mal im 
Jahre passiren. N. 

III. J;>lir;. 1. Ban.l. 7 



108 

von wenigen Türken; die meisten schonen sie, noch mehr die 
Christen, welche sie gar für heih'g halten, und ihnen nie etwas 
zu Leide thun. Es zog mir daher viel Verdrufs zu, als ich bei 
Fülle diese Tauben schofs , nicht sowol von Türken als vielmehr 
von Christen. So sehr sie in der Nähe des Menschen und mensch- 
lichen Verkehrs leben, so sollen sie doch nach allgemeiner Be- 
hauptung nicht zähmbar sein oder in der Gefangenschaft sich 
doch nie begatten. Ihrer uDgeniein zarten Haut wegen sind sie 
schwer auszubälgen. Ich sähe diese Tauben zu vielen Hunder- 
ten, und erlegte deren selbst eine grofse Menge, konnte aber 
darunter nicht eine einzige entdecken, welche durch auUallendc 
Farbenverschiedenheit oder sonst von den übrigen merklich ab- 
gewichen wäre, ausgenommen, dafs die Weibchen ein wenig 
kleioer oder schwächlicher als die Männchen sind, und im All- 
gemeinen eine schmutzigere Färbung, und einen kleinern schwar- 
zen HalsQeck haben ; sie gehörteu demnach alle einer selbststän- 
digen, vielleicht neuen Art an. " 

Ob sie das letztere sei, bleibt vor der Hand noch unent- 
schieden, jedoch ist sie in der Liste der europäischen Vögel ganz 
bestimmt als neu aufzuführen. Wir sehen denn durch diese Ent- 
decknng die europäische Ornithologie um eine Art bereichert, 
da eine wilde Taube dieser Art, als im freien Zustande unsern 
Erdtheil bewohnend, vorher nicht bekannt war. Dafs sie jedoch 
die Urra^e unsrer Lachtaube sein oder diese von ihr abstam- 
men solle, ist namentlich darum nicht zu behaupten, weil sie 
eine ganz verschiedene Stimme hat, und jener Berichterstatter 
einer Aehnlichkeit mit der in Ungarn allgemein bekannten Lach- 
taube mit keiner Sylbe erwähnt. Läge etwas Bekanntes im 
Betragen, der Stimme u. s. w., so würde er es gewifs erwähnt 
haben. Eine genaue Beschreibung und naturgetreue Abbildung 
dieser iutcressanten Taubenart holTe ich vielleicht au einem an- 
deren Orte zu geben. 

Sehr schätzbar war mir, von Hrn. Dr. v. F. auch eine weib- 
liche Olis Teirax zu erhalten, die von jenem Sammler in der 
Türkei, und zwar auf dem Neste und über ihren 3 Eiern sitzend, 
getödtet war, so dafs auch ein zuverlässig achtes Ei derselben 
in meinem Besitz kam. Das Ei ist sehr schön, von der Gröfse 
eines etwas kleinen Hühnereies, schön eiförmig gestaltet, und 



109 

hat eine starke Schale, auf welcher die Poren sehr sichtbar sind, 
obgleich seine Oberdäche so starl«en Glanz hat, dafs es aussieht, 
ab wäre es künstlich polirt. Seine Grundfarbe ist, genau be- 
sehen, ein scliünes Grün, dieses jedoch mit Braun gewölkt und 
dadurch düster gemacht, und dieses Braun tritt noch überdem 
auf der ganzen Fläche in meist länglichen, gröfsern und kleinern 
Flecken vor, deren Umrisse sich aber nur aus der Nähe betrach- 
tet deutlicher zeigen. Obgleich viel schöner gefärbt, viel glän- 
zender und um Vieles kleiner als das der O. Tarda, ist der Cha- 
rakter der Gattung daran doch so stark ausgeprägt, dafs man es 
augenblicklich für ein Trappeuei erkennen mufs. — Olis Tetrax 
ist übrigens auch in Ungarn auf allen sogenannten Haidcn (rich- 
tiger Steppen, denn Haidekraut — Erica — wächst dort nirgends) 
anzutreffen; man kenut die Art hin und wieder unter dem Na- 
men: Haidehühner. Sie pflanzt sich dort auch fort, wird 
jedoch selten erlegt, weil nur der Zufall einen Jäger auf jene 
grünen EinOden fuhrt, über welche sich theil weise ungeheure 
Viehheerden ausbreiten, deren Hirten aber nie Scbiefsgewchre 
mit sich führen. Es ist sogar gefahrlich, auf den Wegen, welche 
über diese Steppen führen, sich weit von seinem Wagen zu ent- 
fernen, indem es den Hirten oft nicht möglich ist, zu verhin- 
dern, dafs ihre fürchterlichen Hunde (sehr grofse, starke, zottige, 
weifse Wolfshunde, in ganz Ungarn von derselben Ra^e u. Farbe), 
oder gar ein böser Stier, über den Jäger herfallen, so dafs harm- 
lose Fufsreisendc beim Passiren solcher Heerden oft in Lebens- 
gefahr gerathen, und Beispiele von auf diese Weise zu Tode ge- 
kommenen Reisenden gar nicht selten sind. Auch hat mau in 
solchen einsamen Gegenden alle Ursache, sich vor Zigeunerban- 
den und andern Raubgesindel zu fürchten. Es ist daher dem, 
der als Naturforscher Ungarn durchreisen will, dringend anzu- 
ratben, dies nicht ohne einen zuverlässigen, der Sprachen und 
Landessitten kueidigen Begleiter zu unternehmen. Er niufs sich 
vor langen Fufsrciscn hüten, wenigstens nie andeis als am hellen 
Tage reisen; sein Nachtquartier wo möglich in Städten nehmen, 
oder bei einem Landedelmann einkehren, wo er dort gute Wirths- 
häuscr (mit deu Ischen Wirlhen und Aufvväilcrn) und hier stets 
eine gastliche .Vrifnahmc findet, u. s. w. In den südlichen Tliei- 
lea des Landes sieht das gemeine Volk der Raalzeu, Wlachen 



110 

I 
u. a. m. annoch auf einer gar niedrigen Stufe der Kultur; Prüge- 
leien bis auf den Tod, Blutrache und andere Verbrechen kom- 
men häufig unter ihnen , und gegen Fremde Mord , Strafsenraub, 
Diebereien u. dcrgl. vor. Die sonst so humane Regierung sabe 
sich daher gezwungen, erst vor wenigen Jahren, jene rohen Völ- 
ker mit mehr Strenge zu behandeln und ein Standrecht für auf 
der That ertappte Verbrecher einzuführen. Die gute Wirkung 
machte sich auch bald bemerklich, nnd seitdem Galgen und 
Richtstätten allenthalben ihre Opfer zur Schau fragen, steht es 
auch um die Sicherheit der Reisenden dort besser. Trotz aller 
Widerwärtigkeiten, welche in jenen Tbeilen von Ungarn den 
Reisenden Schritt vor Schritt aufstofsen, haben gerade diese un- 
wirthlichen Gegenden für den Naturforscher ein so hohes Inter- 
esse, dafs ich zu einer zweiten Reise bis an die türkische Grenze 
mich mit Freuden entschliefsen würde; eine günstige Gelegenheit 
dazu werde ich gewifs nicht unbenutzt lassen ; aber dann mufs 
ich dieses Land im Frühlinge, in der Fortpflanzungsperiode der 
Vögel sehen. 



Die 

Meinungen von Kämpfer, Tbunberg, Linne' u. Anderen, 
über 

die Mutterpflanze des Sternanises des Handels, 

vertheidigt gegen 
Dr. Ph. F. V. Siebold uod Prof. J. G. Zuccarini; 

von 

Prof. W. H. <1 e Vriese, 
ID Amsterdam. 



„Qitoitsi Sims quisqiie obserpationes protu- 
terit, spes est aUqitnndo furCy tit ex utnnibiis 
opus unuin absuliiliim perßciatiir." 
Gesnerus, 

V or zwei Jahren habe ich einige Beiträge zur näheren Kennt- 
nifs und Unterscheidung der Pllauzenart niilgciheilt, welche, so 
vple ich damals meinte und noch glaube, den Sternanis des Han- 
dels liefert '). Ich bin weit entfernt darauf grofsen Werth zu 
legen, oder das daselbst von mir Vorgetragene als ganz neu zu 
betrachten. Blofs in der Absicht, etwas beitragen zu können, 
um der in den Gärten so allgemeinen Verwechselung der Mutter- 
pflanze des Sicrnanises, mit den andern Arten des Geschlechtes 
Illicium, ein Ziel zu setzen, gab ich Beschreibungen von allen 
bekannten Arten, und wiederholte dabei, was man nach dem 
Zcuguifs von Kämpfer, Tbunberg, Linne, Willdenow, 
DeLamarck, DeCaudolle und so vielen andern Botanikern, 
allgemein angenommen und erkannt hat. 

Ilr. Dr. V. Sie hold bat neulich behauptet, dafs die Pflan- 
zeoarl, welche man bisher als die Mutterpflanze des Sternanises 
des Handels betrachtet bat, denselben nicht verschafft, und von 



*) S. meinen Aufsatz: Oner den Siernanijs (Hl. anii. Linn.) in hei 
TijdicIiTift roor Saluurlijke Geschiedenis dum J. van der Hoeten cn 
W. H. de t'rieie. I. Bi. .'31. Amst. lH3t. Dasselbe ist daraus eatlelint 
Vuii l'rof. ^Viegnlann, ia dess. Arch. 1. Nalurg. I. Jahrg. 5s Hft. S. 233. 



112 

rlieser Pflanze speclfisch verschieden ist *). Der Mitarbeiter der 
Flora Japonica, der in unsere Wissenschaft so verdienstliche 
Zuccarini, Professor an der Universität in iVlünchen, hat diese 
Meinung im erwähnten Werke ausführlich dargelegt, und ist über- 
dies späterhin **), noch anderswo darauf zurückgekommen. 

Ich hege gleichwohl hierüber stets dieselbe Meinung wie 
früher, und mau wird es mir daher nicht verargen, wenn ich, 
mit der Bescheidenheit, welche man gegen Gelehrte von aner- 
kannten Verdiensten zu beobachten hat, bezweifle, ob durch 
Zuccarini's Gründe bewiesen ist, was nach seiner und v. Sie- 
bold's Meinung, bewiesen werden mufste. Ich holTe, diese beiden 
Herren werden sich wohl überzeugt halten, dafs die meisten 
Stimmhaber in Gegenständen wie der unsrige, Reisenden mehr 
Befugnifs zuerkennen, als anderen, doch bleibt mir nicht destowe- 
niger die Ucbcrzeugung, dafs die Wissenschaften keine abgegrenzte 
Eigenthumsrechte kennen, welche der eine oder der andere sich 
ausschliefslich zueignen kann, um darüber ein unhestimnites oder 
willkührliches Urtheil zu fällen, sondern dafs im Gegentheil zu 
alleu ihren Theilcn einem Jeden der Zutritt und die Freiheit zum 
Untersuchen gestattet ist, wenn man sich damit zu beschäftigen 
wünscht. 

In der That glaube ich, wird man mir zugeben, dafs, unge- 
achtet der grölsten Anstrengung von Reisenden, viele ihrer Un- 
tersuchungen nicht immer zu völlig genügenden Resultaten ge- 
bracht werden können, und dafs auch dadurch oft ein Unterschied 
von Meinungen zwischen früheren und späteren Reisenden ent- 
steht, welche an denselben Orten dieselben Sachen zu Gegen- 
ständen ihrer Untersuchungen machten, ohne dafs man darum 



*) Dr. Ph. Frid. de Sicbold, Flora Japonica Sect. 1. plantas 
urnatui vel usiii imervienles continens Digessit Dr. J. G. Zuccarini 
I. Fase. Lugd. Bat. 1835. p. 5 sqq. 

**) Wiegmann's Archiv II. Jahrg. 2s Heft S. 204, wo man findet: 
Berichtigung der Angaben des Hrn. Prof de Vriese über 
die Mutterpflanze des Sternanises, vom Prof Zuccarini. In- 
dem Zucc. mir diese Angaben zuschreibt, giebt er mir eine Ehre, 
worauf ich gar Leinen Anspruch ZD machen begehre, und die ich also 
auch weit entfernt bin anzunehmen. Der Hr. Verf wird mir eingestehen 
müssen, dafs alle Botaniker, nach Kämpfer, Thunberg and Linne, 
dieselben Angaben angeführt haben. 



113 

immer Ursache habe, dem Urtheil der Letztern beiznpflichten. 
Bierza kömmt noch, dafs ein Jeder, der Gegenstände auf seine 
Weise zu betrachten pflegt, leicht eine verschiedene Meinung 
annimmt. Daher rührt es, dafs nicht selten eine unangenehme 
Unbestimmtheit über wichtige Punkte, in der Kenntnil's so oft 
höclist nöthiger und nützlicher naturhistorischer Gegenstände 
entsteht; daher dafs man eine ganze Reihe, von verschiedenen 
Naturforschern zu verschiedenen Zeilen angestellter Beobachtun- 
gen bedarf, um endlich zu bestimmten und unzweifelhaften Re- 
sultaten zu gelangen. Ohne andere Ursachen zu erwähnen, warum 
man nach meiner Einsicht, in dem unbedingten Annehmen der 
Angaben von Reisenden in entfernten Ländern, mit einiger Be- 
hutsamkeit zu Werke gehen mufs, erinnere ich blofs (weil ieh 
dieses einzige treffende Beispiel für hinreichend halte), an die 
Geschichte der Cinchonen und deren Rinden, worin man nicht 
nur einen Ruiz und Pavon, nicht nur einen Mutis oder den 
verdienstvollen de la Condamine, sondern auch viele Jahre 
nachher einen Alexander v. Humboldt bedurfte, um durch 
dessen ausführliche Untersuchungen an Ort und Stelle in dieser 
äufserst wichtigen Angelegenheit zu einer etwas genauem Kennt- 
nifs zu gelangen. 

Der Steruanis des Handels bietet ebenfalls ein merkwürdi- 
ges Beispiel dessen, was wir so eben behaupteten. Man war seit 
dem Jahre 1712 der Meinung, die Pflanze, die denselben hervor- 
bringt, zu kennen, und auf einmal sehen wir durch einem spä- 
tem Schriftsteller das, was man nach der Behauptung von Käm- 
pfer und Thunberg n. s. w. in derselben erkannt und als eine 
längst ausgemachte Sache belrachtet hat, und noch als solche 
liefrachtcn kann, bei Seite gestellt. Wir wollen daher dasjenige, 
was die Herren v. Siebold und Zuccarini neulich über diese 
Sache zur allgemeinen Kunde gebracht haben, kurz aber genau 
auseinander setzen, um auf dessen Erwägung und Prüfung aus den 
früheren Angaben und aus unseren eigenen jetzt wiederholten 
Untersuchungen, die Folgerungen herzuleiten, welche daraus her- 
vorgehen müssen. 

Die Pflanzenart, welche von den botanischen Schriftstellern 
unter dem Namen Illicium anisatum angeführt ist, wird von 
V. Siebold und Zuccarini {Fl. Jap. p. 5.) III. religiosum ge- 



114 

nannt. Dieselbe ist baumartig, immer grün, gänzlich unbehaart, 
und hat länglich-runde, völlig gleichrandige, an beiden Seifen 
schmal zulaufende spitzige, lederarlige Blätter, 18 — 20 Staub- 
fäden, und flciscliigc Samenkapseln. Der Japanische Name ist 
sA-imi, der Chinesische ao-woo-soo. Bei Kämpfer kömmt der- 
selbe in dessen Amoenitutes Exolieae p. 880 unter dem Naniea 
somo, auch wohl skimi, oder Tajina skimi vor, wo er auch ab- 
gebildet ist. Es ist das III. anis. von Thunbcrg's nora Jap. 
p. 235 und von den übrigen Schriftstellern, mit Ausualime von 
Lourciro Fl. Coch. p. 432, u. von Gärtner's C'arpol. I. p. 338 
— 369. (v. Sieb. u. Z. haben dieAusgabe der Fl. Coch., von Wili- 
denow besorgt, gebraucht. Die ursprüngliche ist erschienen in 
Lissabon, 1790. 4.) 

Die Besihreibung, welche die Schriftsteller von diesem iZ^. re/. 
gegeben haben, ist in allen Tbeilen sehr ausführlich. Dasselbe 
wächst in dem Japanischen Kaiserreiche ; es wird meistens in 
den Gärten und Wäldern, welche die Tempel umringen, gezogen 
und erscheint hier und da selten verwildert, es blühet im 
Monat April. (Man liesct bei den Verfassern „hie inde effe- 
ratum. " Ich hoffe, die Worte wohl verstanden zu haben, glaube 
aber nicht, dafs die zwei ersten Wörter in dem gewöhnlichen 
lateinischen Style verbunden vorkommen.) 

Das Illicium anis. wird von den Schriftstellern mit dieser 
Art verwechselt, diese kann aus der davon in Lourei ro'si^/ora 
S. 353. vorkommenden [verwirrten] Beschreibung, auf folgende 
Weise bestimmt werden: .,111. frutescens , foliis ovatis, oblusis 
parvis, slamitiiius circHer Iriginla.''' (Loureiro erwähutyb/ia 
svLovalia lurbinuio - ovala.) 

Die skimi, d. h. Jll. rel. v. S. u. Z., ist eine der in den älte- 
sten Zeiten, durch die Buddhistischen Priester, aus China oder 
Korai, in das Kaiserreich Japan eingeführten Pflanzen. Darum 
wird sie noch heute als heilig betrachtet, und sehr häufig um 
die Tempel gepflanit u. s. w. (Man sehe Kämpfer l.l.) Die 
gelbe Kinde der jungem Zweige hat einen gewürzhaften Ge- 
schmack. Die Blume ist gelb, hat 12 — 15 Kronenblättcr und 
10 — 20 Staubfäden. Die Frucht reifet im Herbste, und besteht 
aus 8 fleischigen , in der Gestalt eines Sterns gebildeten Samen- 
kapseln, welche in eine kurze Spitze endigen. Dieselbe gleicht 



115 

vollkommen dem walircn Sternanis, ohne jedoch dessen gewürz- 
haften Geschmack zu haben. Dessenungeachtet hielt man diesen 
Baum bis jetzt allgemein für die Pflanze, «eiche dieses Gewürz 
hervorbringt, vrclches man in Japan wohl gebraucht, aber aus 
China eingeführt wird. Nach der Mittheilung von Lourciro 
(das einzige Zeugnifs, welches von Zuccarini und v. Siebold 
gegen Kämpfer, Thunberg, Linne u. A. angeführt werden 
kann) wächst der wahre Sternanisbauni in den Chinesischen Pro- 
vinzen, westlich von Canton, und unterscheidet sich dadurch 
von dem Illicium relig., dais der Stengel niedriger (d. i. ungefähr 
8 Fufs hoch) ist, die Blätter eirund, kleiner und zugleich an bei- 
deu Enden abgciundet sind, und endlich durch die Staubfäden, 
welche in jeder Blume bis an drcifsig betragen. Der Irrthum 
der Schriftsteller vor v. Sieb. u. Zucc. entstand besonders da- 
her, dafs die europäischen Botaniker, verleitet durch die Aehn- 
licbkcit der Früchte *), die Skimi oder Somo von Kämpfer, für 
die wahre Siernanispflanze hielten, ohne zu bedenken (sans Jaire 
atteniioH ä la remarque de l'exacte observaleurüj dafs nur die 
liinde der Japanischen Pflanze einen gewürzhaften Geschmack 
hat, während die Frucht einen schalen und uuaugeuehmen Ge- 
schmack hat, liber saporis mm exigiia adstricl ione aromatici, 
fructus saporis vapidi. Durch Thunberg ist der Irrthum noch 
vcrgröfsert, weil er erklärte, dafs die Früchte der Japanischen 
Pflanze nur weniger gewürzreich seien, als die aus China, ohne 
dafs er einigen Zweifel an die Identität der Art angab. Durch 
ihn Manien auch getrocknete Exemplare der Pflanze nach Eu- 
ropa. .Spätere Sciiriftsteller haben sich an seinen Ausspruch 
gehallen, und so dauerte der Irrthum bis auf unsere Zeiten fort. 
V. Siebold u. Zuccarini endigen diese Phrase mit den Wor- 
ten : „DeCandolle en les considerant n'osa point ecar- 
ter lea conirarieles dans la description de Loureiro 
et c'est ainsi que Verreur coniinua jusqn'a ce jour 
meme, par les tableaux de Fr. Nees v. Esenbeck, de 
Vriete et Heyne'." 

Ich glaube, die Meinung der Herren Verfasser getreu dar- 



*) ,,Täuschpnd älinlichen Anselicn der Jap.inisclicn und Chinesischen 
Früchte" sagt Zuccarini in \Vie5;mann's Archiv 1. 1. 



116 

gelegt zn haben. Wir würden also durch Hinzufügung der jetzt 
behandelten Art, nach v. S. u. Z. vier Arten von Jllicium haben, 
nämlich 1) III. ßoridanum Ellis, welches in Florida wächst; 
2) lU. parviflorum Michx, aus dem westlichen Florida; 3) ///. 
religiosum v. Sieb. u. Zncc; 4) lU. anisatum Lour., welches 
den Sternanis liefert, und nur noch allein von Loureiro be- 
schrieben sein würde. Ich bemerke noch, dafs das III. japoni- 
cum, eine früher durch v. Siebold angezeigte Art (siebe die 
Synopsis pl. oec. Vn. regni Jap. auctore de Siebold in Vertr. 
van het Balaviaasch Gen. XII. deel ßl. 50.) , wahrscheinlich die- 
selbe als sein nun bekannt gemachtes ///. relig. sein wird, ob- 
gleich sie in der Synonymik nicht genannt wird. 

Sobald die Zurechtweisungen der genannten Herren Verfas- 
ser nur bekannt geworden sind, habe ich mich entschlossen, die 
Sache aufs neue zu untersuchen. Bevor ich nun das Resultat 
dieser Untersuchungen mittheile, habe ich mir in Betreff der 
Meinungen der zwei Gelehrten, welchen vorzüglich durch v.Sieb. 
u. Zucc. mit mir die Schuld der vermeinten Verwirrung zuer- 
kannt wird, die erforderliche Gewifshcit zu verschaffen gesucht. 
Ob ich nun gleich zur Vertheidigung dessen , was ich für wahr 
halte, nicht der Namen berühmter Gelehrten bedarf, um den 
meinigen zu beschützen, so gereicht es mir doch zum Vergnügen, 
anzeigen zu können, dafs diese Gelehrten auf ihre frühere Aeufse- 
rung bestehen. 

Dem Professor T. F, L. Nees v. Esenbeck in Bonn, hat 
der Hr, v. Sieb, früher aus Japan ein Exemplar von lll. anisa- 
tum zugesandt, nach welchem, unter diesem Namen, zufolge 
V. Siebold's eigner Angabe, die 23ste Abbildung der XVIten 
Lieferung in der Sammlung officineller Pflanzen von er- 
wähntem Hrn. Professor, verfertigt worden ist. Bei diesem Ex- 
emplar befand sieh eine dem Sternanis des Handels vollkommen 
ähnliche Frucht; diese stimmte auch an Geruch, der zwar etwas 
schwächer war, mit der Capsula anisi slellati überein. Prof. N. 
V. Esenbeck hat mir dies sogar zweimal (in seinen Briefen vom 
29. Febr. und 29. Juli d. J.) gütigst mitgetheilt, und zugleich ver- 
sichert, dafs er nicht zweifle, dafs die von ihm durch v. Siebold 
erhaltene und abgebildete Pflanzenart, die wahre Mutterpflanze 
des Sternaoises des Handels sei. 



117 

Als vor einigen Jahren nnsere Wissenschaft durch den Tod 
des TerdienslvoUcn Professor Hayne,' einen Verlust erlitt, der 
gevvifs den schmerzlichsten, welche sie erleiden konnte, beige- 
zählt werden mufste, wurde unter andern eine Arbeit unvollen- 
det nachgelassen, welche von ihm nach einem grofscn Mafsslabe 
begonnen, meistens beendigt war, und den höchsten Beifall aller 
Sachkundigen erhalten hatte *). 

Es mufste den Besitzern dieses schönen und kostbaren Wer- 
kes zum Vergnügen gereichen, dafs die Herren Brandt und 
Katzeburg, bekannt durch viele genaue und ausführliche For- 
schungen, die Kenntnifs der Pflanzen und Thiere betreffend, die 
Vollendung dieses Werks auf sich nehmen würden. Man hat 
wirklich von diesen Gelehrten schon einige Fortsetzungen des- 
sen, was Hayne früher geleistet hatte. Die 29. Abbildung des 
Xn. Theils ist vou Dr. Brandt, Director des Museums zu St. 
Petersburg, besorgt und stellt dies Ulicium anisatum Auctorum 
vor **). / 

Diese von Brandt beschriebene und abgebildete Pflanze ist 
indessen nicht die Japanische, sondern die Chinesische. 
V. Siebold und Zuccarini irrten sich also in dieser Hinsicht, 
welches keinem Zweifel unterliegt, denn wir lesen in der Er- 
klärung des Kupferstiche» von Brandt die folgenden Worte: 
„ein Zweig mit Früchten und Blumeuknospen nach 
einem aus China stammenden Exemplar des Herba- 
riums des Hrn. Kaufmann Prescott in St. Petersburg." 
Zur fernem Erklärung dieser Figur kann ich noch hinzufügen, 
wie Dr. Brandt *") mir versichert hat, dafs die Analyse der 
Blumentheile von Fig. 2 — 1-3, nach dem, von dem berühmten 
Hooker, als aus China stammend, an Prescott geschenkten, 



*) Gelrene Darstellung u. Beschreibung der Arzneigewächse n. s. w. 
von Dr. F. G. Hayne. Berlin. 1805, 4. 

"*) Wenn v. Siebold und Zuccarini von Heyne (Hayne) 
spreclien, wird man wohl Brandt und ßatzeburg darunter ver- 
st«^h<-n müssen. Es ist mir nicht bekannt, dais Hayne selbst jemals et- 
was über diese Pflanzenart bekannt gemacht hat. Die Abtheilung dieses 
Werke«, worin diese Pflanze vorkommt, ist nacli dem Titel in Deutsch- 
land, im J. 1833 erschienen. Mir kam es erst im Juli 1834 zur Ansicht. 

***) In einem mir aos St. Petersburg zugesandtenBriefe v. 10. Juli 1836. 



118 

ursprünglich Chinesischen Exemplar, von ihm beschrieben und ge- 
zeichnet wurden ist. — Mich dünkt, dafs wir hiermit die Sache 
schon nöthigenfalls als ausgemacht betrachten könnten, und dafs 
aller Zwiespalt dadurch gänzlich gehoben sei. Ich will deni- 
ungeachlet den einmal eingeschlagenen Weg verfolgen. Gerne 
gebe ich zu, dafs die Beschreibungen einiger Schriftsteller nicht 
immer in kleinen oder weniger wichtigen Punkten übereinstim- 
men; ich glaube, dafs es sogar welche giebf, die etwas zu wün- 
schen übrig lassen; aber ich bin doch auch der Meinung, dafs 
eine genaue Betrachtung und unpartheiische Erwägung uns dazu 
führen müssen, um als bestimmt anzunehmen, dafs das von Käm- 
pfer, Thunberg, Linne, Loureiro, Gacrtner, De Can- 
dolle, Nees v. Esenbcck, Brandt, und auch von mir be- 
schriebene III. anis., dieselbe Art ist, als das Hl. rel. von v. Sieb, 
und Zuccarini. 

Schon auf den ersten Blick zeigt sich zwischen der ersten 
Abbildung der Flora Japonica eine so grofse .Heimlichkeit mit 
der Chinesischen von Brandt und der Japanischen von Nees 
V. Esenbcck, wie auch mit der von mir abgebildeten Pflanze, 
dafs es nicht möglich ist, beide nicht für die nämliche zu halten. 
Die Vcrgleicbung der getrockneten Pflanze, sowohl von Käm- 
pfer und Thunberg, als von v. Siebold und Bürger, die 
sich alle in dem Reichs -Herbarium zu Leiden befinden, zeigen 
eine vollkomnicne Uebereinstimniung in der äufsern Perm an, 
und stimmen überdies mit allen Abbildungen, besonders aber mit 
der von Brandt, überein. Beide, nämlich die Chinesische und 
die Japanische, sind bauniarlig, und in Ansehung der Eigenschaf- 
ten des Stammes, der Gestalt und der Zweige sich beinahe voll- 
kommen gleich. Was die Kennzeichen der Blätter bctriffl, wel- 
che die Herren Verfasser von ihrem Hl. rel. (nämlich dcrSlern- 
anispflanze, die auf Japan wächst), augegeben haben, so sind diese 
nicht in jedem Exemplare, so vollkommen dieselben, als sie uns 
hier vorgezeigt werden. Die von Kämpfer und Thunberg 
zum Beispiel, obgleich aus Japau stammend, nähern sich mehr 
der Form, welche jene Herren uns später (Flora Jap. p. 7 .) ans 
der von der Chinesischen Pflanze entlehnten ungenauen Beschrei- 
bung des Loureiro, gezeigt haben. Dies gilt auch unter andern 
voD den Exemplaren derselben früher erwähnten ßeisenden in 



119 

dem Herbarium von Banks, wie Ilerr Robort Brown mir 
neulicb vcrsicbert hat. Hieraus ergiebt sich also wieder, dafs 
man in dem Geschlecht Illicium grofse Behutsamkeit nötliig hat, 
wenn man die Keunzeiclien von den Blättern nehmen will. 
Darin darf keine Ungewifsheit obwalten, wenn nicht die gröfste 
Verwirrung entstehen soll, und wer ist der Botaniker, der nicht 
die mannigfaltigen Uebergangsforjnen, ovaler, eirunder und läng- 
lich-eirunder Blätter in einer und derselben, als unverkennbar, 
auf andere Kennzeichen gegründeten Art, eingesteht? Ich glaube 
daher, dafs die Botaniker mit Recht in diesem Geschlecht Illicium, 
die Kennzeichen von andern Theilen, zur Gründung der drei all- 
gemein angenommenen und bestehenden Arten entnommen haben. 

Die Abbildung von Brandt zeigt schon, dafs die Blätter 
der Chinesischen Pflanze sich nicht von denen der Japanischen 
unterscheiden. Brandt hat überdies die Blätter der Pflanze mit 
den Ueberblcibseln derjenigen, %velche im Sternanis des Handels 
vorkommen, verglichen, und die Uebcreinkunft gescheu *). 

Ich habe im Anfang dieses Jahres und später durch die lo- 
benswerthe Bereitwilligkeit, womit Matcrialienhändler zu Amster- 
dam dergleichen Forschungen zu unterstützen pflegen, eine grofee 
Menge Sternanis untersucht, und Blätter und Stücke derselben 
dergestalt gefunden, dafs ich, meinerseits, wenn ich auch keine 
anderen Gründe zur Vertbeidigung der Meinungen Kämpfcr's 
uudThunberg'g hätte, hierin schon hinlängliche Ursache finden 
würde, um die Berichtigungen von v. Sieb, und Zucc. zu ver- 
werfen. Ich hatte das Vergnügen, diese Blätter neulich meinem 
hochgeschätzten Lehrer, Prof. Reinwardt, zu zeigen, der mit 
mir darin vollkommen die Form und die Eigenschaften der Blät- 
ter des HUcinm anisatum von Brandt, und des relig. v. Sieb, 
und Zucc. erkannte, und mit mir übereinstimmte, dafs auch 
hierin (so wie in den Abbildungen) durchaus die entgegengesetz- 
ten Merkmale, welche von v. Sieb. u. Zoec. aus der mehrmals 
erwähnten Beschreibung von Loureiro entnommen sind, an- 
sichtig waren. 



*) Ep Bclireibt mir: „Ich habe die Blätterresto, wie sie sich Sfhr 
selten unter dem Slemani.i befinden, ebenso wie Stengelreste mit ihm 
verglichen, and die Identitiit anerkennen zu müssen geglaubt." 



120 

Dafs es nun die Blätter des Slcrnanises sind, unterliegt kei- 
nem Zweifel mehr. Sie Laben einen schwachen, von den capsulae 
anisi stetlati, angenommenen Geruch, welchen sie jedoch bald 
verlieren, wenn sie schon von dieser getrennt werden. Im Ge- 
schmack aber spürt man das Gewürihafte des Anises sehr deut- 
lich. Da nun dieser Geschmack erst nach langer Zeit und sehr 
feinem Zermalmen zwischen den Zähnen, entsteht, so zeigt sich, 
dafs auch dieser nicht von aufsen herrührt, gondern als ein Er- 
zeugnifs der inncrn Theile angesehen werden mufs. Es ist daher 
gar nicht mehr zu bezweifeln, dafs diese die Blätter des Chine- 
sischen Itt. an. sind. Dafs diese Blätter bei dem Eincriileu der 
Früchte leiclil unter die capsulae anisi slellali gcrathen und da- 
mit vermischt werden können, ist leicht zu hegreifen, weil so- 
wohl das Vaterland der Art, wovon DeCandolIe sagt: „folia 
anisum redoleniia vii conirita runi " als auch die Gestalt ihrer 
Blätter, mit demjenigen, was mir vorgekommen, zu sehr ver- 
schieden ist, hinlänglich verbieten, diese Blätter oder Stücke von 
Blättern zu einer andern Art, als dem Ilt. anis. zu bringen. 

Wir sehen also in diesen angeführten Gründen einen neuen 
Beweis gegen die vermeinte Blätterform, und ich glaube also in 
dieser Hinsicht die obgenanntcn Schriftsteller widerlegt zu haben. 
Ich wende alle Eigenschaften der Blätter, die in dem Itt. relig. 
y. Sieb, und Zucc. vorkommen, auch auf die Chinesische Pflan- 
ze, und die von mir gefundenen Blälterüherreste an. 

Die Zahl der Staubladen hat mir, bei näherer Untersuchung 
in einigen Blumen von Japanischen Exemplaren, noch gröfser 
geschienen, als früher, ja, ich habe deren sogar bis auf 24 darin 
bemerkt, besonders beim Untersuchen der in den letzten Jahren 
von Hrn. Bürger gesammelten Pflanzen. Die Herten v. Sieb, 
und Zucc. behaupten dagegen nach Loureiro, dafs sich in der 
Chinesischen Pflanze ungefähr dreifsig befinden. 

Es ist unumgänglich nöthig, dafs, wenn man zur Unterschei- 
dung der Geschlechter oder Arten die Anzahl der Theile anwen- 
den will, man hierin bestimmt und fest, keinesvveges schwan- 
kend verfahren mufs. Da nun in der Anzahl der Blumentheile 
bei der Familie der Magnoliaceae eine solche Unbestimmtheit 
und Unregelmäfsigkeit herrscht, dafs unter denselben kaum ein 
Geschlecht angegeben werden kann, worin man über diesen Punkt 



bmläogliche Gemifsheit liat, da auch in den Arfen des IlUcium, 
in dieser Hinsicht, andere Schriftsteller einen so grofsen Spiel- 
raum lassen (De Cand. Syst. I. 439. Prodr. I. 77. Blume Fl. 
Javae Fase. 19 — 20. Liudley Intr.26.), und da endlich aufser 
obgcnannlen Herren Verf. Niemand hierauf einigen Werth gelegt 
hat, so scheint es mir, dafs die Gründung einer neuen Art, auf 
diesen Grund allein (denn der andere, nämlich die Verschieden- 
heit in den Blättern ist schon verschwunden) wenigstens als un- 
vorsichtig zu betrachten ist, und dafs solche Arten in dieser Fa- 
milie gewifs verworfen werden müssen. 

Es ist überdies ganz unmöglich, dafs diese Anzahl StaubHideu 
fest bestimmt und auch stets gröfser in einer Pllanzeiiart sein 
kann, worin die Carpellen und die Kronen - und Kelchlheile so 
sehr in Anzahl abwechseln, dafs sie in Ansehung der Letzteren 
kaum mit einiger Genauigkeit festgesetzt werden kann und man 
in Betreff der erstereo, bei genauer Beobachtung vieler capsulae 
des Handels, deren mittlere Zahl vielleicht, wie in der Japani- 
schen Pflanze von V.Sieb, und Zucc. und deren Vorgänger ge- 
schehen ist, etwa auf acht angeben könnte. Ich sah in dem 
Steruanis des Handels 3 — 13 Carpella vereinigt, aber meistens 
waren deren 8, so dafs man auch in der Chinesischen Pflanze, 
die Zahl 8 als die mittlere der in einem Stern vereinigten 
Carpellen, annehmen kann. In den Exemplaren von v. Sieb, 
und Bürger beträgt dieselbe ebenfalls 8 oder weniger, nie mehr, 
die natürliche Folge einer weniger starken Entwickelung der 
Nahrung der Fruchtlheile in der aus ihrem natürlichen Klima 
nach Japan versetzten Pflanze. 

Wenn nun die Anzahl anderer Theile eine so grofse Ab- 
wechselung zeigt, so frage ich jeden Unpartheiischen, ob die 
Staubfäden den einzigen Kranz in der Blume, in welcher mau 
kein Fehlschlagen wahrnehmen wird, bilden werden, flicinerseils 
glaube ich es, hauptsächlich in den Magnoliaceue nicht, und ich 
bchc daher keine Schwierigkeit, auch diesen ausLoureiro ent- 
nommenen Grund von v. Sieb, und Zucc. für unhaltbar zu er- 
klären, der überdies gewifs schon dadurch viel von seinem Wer- 
the verliert, weil in der genauen Abbildung und Besclircibung 
von Brandt durchaus keine Erwähnung davon gescliicht. 

Eine aufmerksame Erwägung der durch v. Siebold und 



122 

Zuccarini gegen meine Meinung angeführlen Gründe, maclit 
mich also stets geneigt, deren Wcrtli in Zweifel zu ziehen. So 
ist es z.B. gleich auU'allend, dafs die Pflaoze, welche v. Sieb, 
und Zucc. als eine neue Art anbieten, ursprünglich aus China, 
und in Japan von da eingeführt ist, und nur selten hier und da 
verwildert (hie inde efferatum) erscheint, aber übrigens nur an 
heiligen Orten gezogen wird. 

Ist also die neue Pflanzenart eine Kulturpflanze? In der 
That würden wir es kaum für Ernst halten, wenn die Angabe 
nichtaus der Feder des berühmten Zuccarini geflossen wäre. 
Streitet die auf kleine Verschiedenheiten gegründete Feststellung 
neuer Arien, nicht mit allen Regeln der Taxonouiie? Ich be- 
zweifle dies nicht, sondern überlasse es gern den Herren VerlF., 
wenn sie eine dergleichen Ansicht verlheidigen wollen, sie mit 
den von Jedermann anerkannten Gründen unserer Wissenschaft 
in Einklang zu bringen. Kurz, von Kulturpflanzen, die ins Un- 
endliche abwechseln, bildet man keine neue Arten, so lange man 
dieselbe zu einer oder anderen verwandten Pflanzenart zurück- 
führen kann. 

Endlich mufs ich noch bemerken, dafs. im Fall die Angabc 
von V. Siebüld und Zuccarini richtig ist, dafs nämlich diese 
Pflanze auf Japan zwar gezogen wird, aber da nicht ursprüng- 
lich einheimisch ist, welches Niemand bezweifeln kann, diese Her- 
ren keine reine, sondern eine Flora mixia von Japan darbieten. 

Ich bin der Meinung, dafs durchaus kein botauischcr Unter- 
schied zwischen den capsulae anis. stellati des Handels und der 
Früchte der Japanischen Pflanze, besteht. Wenn also die Ver- 
fasser von einer parfaite ressembtance sprechen, so lese ich lieber 
vollkommene Gleichheit. Verschiedenheit aber waltet hier 
nicht ob, und wenn ich die Beschreibung ufld Abbildung Gärl- 
ner's oder die von anderen Schriftstellern, oder die der erwähnten 
Herren Verfasser der Flora Japonica betrachte, so kann ich kei- 
nen Unterschied in wesentlichen Eigeuschaflen bemerken. Zur 
Vermeidung aller Weitschweifigkeit, überlasse ich es daher 
einem Jeden, der mit diesen Herren nur auf diesen Gegenstand 
einigen Werth legt, diese Vergleichung fortzusetzen. Den Ge- 
schmack haben die Japanischen Früchte zwar nicht so ausge- 
zeichnet, Thunberg schrieb also mit Recht: ,,non eo gradu 



123 

gapore aromatico,^^ aber er ist doch eben so charakteristisch; das 
Feine, Wohlriechende, Süfse, finden vrir bei der Japanischen 
Frucht nicht so vorherrschend, und es fehlt daran, was wir bei 
dem Weine das Bouquet zu nennen pflegen; den cigenlliümlichen 
Charakter des Sternanises des Handels finden wir jedoch wie- 
der, so dafs man in der That nicht die Identität beider bezwei- 
feln darf. — Es sind jedoch zwischen den Früchten, die zu ver- 
schiedenen Zeiten aus Japan eingeführt worden sind, wie ich 
oben erwähnte, sehr geringe Modificalionen, hinsichtlich des Ge- 
schmackes, zu bemerken. So hat der Hr. v. Siebold, mit wel- 
chem ich das Vergnügen hatte, mich über diesen Gegenstand 
mehr als einmal mündlich zu besprechen, mir eine Japanische 
Frucht gezeigt, worin das Süfse, welches ebenfalls das Aroma 
des Siernaniscs bezeichnet, fehlte. Ich habe dagegen jetzt eine 
Japanische Frucht von Herrn Bürger, aus dem Reichs-ller- 
barinm, vor mir liegen, worin ich keinen Unterschied des Ge- 
schmackes und der Eigenschaften, als in der Stärke unterschei- 
den kann. Dasselbe schrieb mir Prof. Nees v. Esenbeck über 
die Früchte des ihm aus Japan von seinem Freunde v. Sie- 
bold, vfährend dessen Aufenthall in dieser Gegend, geworde- 
nen "Exemplares. 

Führt uns nun die genaue Vergleichung der hier erwähnten 
Früchte nicht zur Annahme der geringsten Verschiedenheit, so 
bringt uns überdies die Betrachtung der capsulae anUi stellaii 
so wie dieselben im Handel gefunden werden, von selbst zu dem 
Schlüsse, dafs der kleine Unterschied im Geschmack (denn der 
Geruch ist der nämliche), den v. Siebold und Zuccarini zur 
Bekräfliguug ihrer Meinung anführen, nicht das mindeste Gewicht 
als specifischcs Kennzeichen der Chinesischen und Japanischen 
Sternanisfrüchic abgicbt, und also auch nicht der ganzen Pflanze. 
Man kann wohl annehmen, dafs mehr als einem Drittel der er- 
wühnlen capsulae des Handels das feine und wohliiechende 
Aroma fehlt, was man darin verlangt, wenn der Stcruanis für 
den Gebrauch gut sein soll. Es wäre in diesem Punkte nicht 
unwichtig, diesen Handelsartikel etwas genauer zu betrachten. 
Doch, dem sei, wie ihm wolle, und so sehr wir in dem Chine- 
sigchco Sternanis des Handels sehr oft dieselbe Verschiedenheit 
im Geschmack erkennen, welche obgenaante Herren in dem Ja- 

III. Jilirg. 1. Dind. 8 



114 

panlsclien beständig zu sein meinen, so glaube ich dessenunge- 
achtet nicht berechtigt zu sein, einen botanischen Unterschied 
der Arten zu machen, wenn wir nicht gegen die ersten Regeln 
der Taxonomle süudigcn wollen. 

Die Chinesische Sternanispllanze bat also durch vieljäbrigc 
Kultur auf Japan, etwas von ihrem Arom verloren; allein sie ist 
als Art geblieben, was sie war: Sollen die Arten in der Natur- 
geschichte sich auf solche unbesländige Eigcnscliaflcn, weiche 
Niemand als wesentliche Charaktere betrachtet hat, stützen, so 
frage ich, welches Schicksal steht den Wissenschaften bevor?*) 
Ich kann daher nicht glauben, dafs v. Siebold u. Zuccarini 
diesem Charakter einen wesentlichen Werth haben beilegen 
wollen. 

Ergiebt sich nun aus dem oben Behaupteten hinlänglich, 
dafs die Frucht des Japanischen Sternanises, nicht so, wie jene 
Herren sagen, fade et rebutant ist, und dafs, wäre dies auch so, 
es doch nie zur Trennung einer Art in niclirere Arten, berech- 
tigen kann, so glaube ich deullich und aufser allem Zweifel, 
auch diesen Grund von v. Sieb. u. Zucc. entkräftet und bewie- 
sen zu haben, dafs nicht nur die Rinde, sondern auch die Früchte 
und Blatter aromatisch sind, und dafs nicht blofs ein täuschend 
ähnliches Ansehen der Japanischen und Chinesischen Früchte, 
sondern eine vollkommene Uebereinkunft besteht, und dafs also 
die Slernanispflanzc aus Japan von der aus China nicht ver- 
schiedenartig sein kann. Um indessen solche Sachen zu beur- 
theilen oder zu begreifen, braucht man weder Botaniker zu sein, 
noch Beispiele von ausländischen Gewächsen anzuführen. Wenn 



*) Dr. Brandt schreibt mir über diesen Punkt, in demselben oben 
erwähnten Briefe: „Ich glaube nicht, dafs der Aromgehalt der Chine- 
„sisclien, und der Mangel an Arom beim Japanischen Sternanis, worauf 
„Z. ein besonderes Gewicht legt, zur Trennung berechtigen kann. Das 
„angebliche ///. rfligioaiim ist ja aus China eingeführt, und kann in dem 
„kältern Japan sehr wohl sein Arom verloren haben, auch kann eine 
„Kultur von vielen Jahrhunderten gewifs Resultate herbei füiiren, wovon 
„wir keine Vorstellungen haben. Man erinnere sich nur an die Zwerg- 
„bäume der Chinesen etc. Wie verschiedenartig ist nicht das Arom 
„vieler Varietäten unserer Knlturpflanzen? Soll gar Geruch n. Geschmack 
„die Existenz der Arten entscheiden, dann stehen wir am Ziel aller opli- 
„schen Beobachtung. " 



115 

man nur eine sehr allgemeine Saclikcnntnifs besitzt, weifs man, 
dafs die Produkte der einen Gegend sich oft von denen einer 
andern wegen Verschiedenheit des Klima, der Temperatur u.s.w. 
unterscheiden. Um nur bei dem von Brand angeführicn, wirk- 
lich populären Beispiel, stehen zu bfeibcn, so wüide man Inder 
Tliat nicht bezweifeln. Jemanden für parthciisch zu halten, der 
der Meinung wäre, dafs der Apfelsincnbaum (Cilnis sinejuiaUisso) 
eine andere Art geworden wäre, weil dieFrüclile in Geschmack, 
das heilst, in den minder wesentlichen Eigenschaften vcriinderl 
sind. 

In dem Texte der Flora Japonica kommen, wo ich nicht 
irre, Worte von Kämpfer vor, welche über die Meinung der 
Herren Vcrf, wegen der Eigenschaften der Japanischen Früchte, 
näheren Aufschlufs geben sollen. Ich halte es der Mühe werth, 
auf diese, schon oben von mir erwähnten Worte, die Aufmerk- 
samkeit dieser Herren zurückzuführen. Sie schreiben: „Über sa- 
poris cum exigua adsiricl ione aromalici, Jrucitts saporis vapicli.^' 
— Es sei mir vergönnt zu bemerken, dafs diese Worte hier sehr 
nnzusanimcnbäugend erscheinen, und zwischen den Worten ad- 
siriclione aromalici (die sich nicht auf die Frucht, sondern auf 
die Rinde beziehen), und den Worten sapnris vapidi (denn fru- 
ctns saporis vapidi sieht nicht dabei), fünf ganze Sätze bei 
Kämpfer vorkommen, welche über das Holz, die Sprossen, Blu- 
men, Blumenstiele und Früchtchen handeln, und ungefähr eine 
ganze Quartoseite einnehmen. — Hiergegen nun würde man ver- 
nünftigcrsveise nichts einwenden können, wenn einiger Zusam- 
menhang zwischen den angeführten Worten wäre, und wenn in 
den letzten die .Sachen erwähnt würden, zu deren Bestätigung 
v. Siebold und Zucearini sich derselben bedienen; aber im 
Gegenthcil, weder das eine noch das andere findet hier Statt. 

Die letzten Worte indessen saporis vapidi deuten 

nicht auf die Frucht, nämlich die pericarpia (in welcher das 
Arom des Sternanises des Handels allein und aussehliefslich sich 
befindet, was dagegen nicht im geringsten in dem Samen selbst 
angetroffen wird), sondern sie belrelfm bei Kämpfer den Kern 
de« Samens. Zur mehreren Deulllchung der jäininerlicli ausein- 
ander gerissenen, und unrichtig angeführten Stelle des vorlrelV- 
liehen Kämpfer, werde icli dieselbe, in soweit es hier nöthig 

S * 



116 

sein wird, abschreiben. Wir lesen Seite 880. der AmoenUales 
Exoticae : 

„Arhor sylvestris caudice recto ramoso ad Cerasi ollitudi- 
nem consurgil, cortice ohvoluta obscvro vel pullo, libero viridi 
camoso nonnihil mucoso, saporis cum exigua adstrictione aro- 

maiici und 22 Zeilen weiter, auf Seite 882: ,,Ejr his 

saepenumero capsulae aliae contahescunt et cassae sicut. reliquae 
membranä valldd arcte involuia claudunt semina singula, grani 
pomi Jigura, et Ricini semini non disparia, in palUdo splen- 
dentia; quae Jracta, qua teguntur, corlicula durivscula, nucle- 
um exhibent album carnosum möllern, non dividuum, saporis 
vapidi."' — Diese beiden letzten Worte sind die durch v. Sie- 
bold und Zuccarini angeführten und auf die ganz-e Frucht 
angewandten, während Kämpfer sie nur auf einen Theil des Sa- 
mens bezieht. Es findet sich also in diesem Theile des Textes ein 
Verstofe, welchen genannte Herren Verf. leicht mit mir bemerken 
werden *). 

Ich könnte hier endigen, aber ich niufs noch eine einzige j 
Anmerkung hier beifügen. ■ 

Die Herren v. Siebold u. Zuccarini haben für die Mei- 
nung, die sie behaupteten, nur das Zcugnifs des unglaubwürdigen 
Loureiro, das heilst kein Zeugnifs; sie sahen seine Pflanze nicbl. 
sie salicn auch nicht die Pflanze, von welcher sie behaupteten, dafs 
sie von der von jeher und von allen Botanikern erkannten Art, 
specilisch verschieden sei. Sie entschieden dessenungeachtet über 
einen wissenschaflllchen Gegenstand auf eine leichtfertige Weise, 



*) Im Vorbeigehen erinnere ich liier an einen andern, für das hol- 
ländische Gefühl sehr ouslöfsigen Fehler, welchen man jedoch einem 
Aasländer leicht verzeihen kann. Wir lesen S. 22: Le geiire Dentzia 
fut nommc ainsi par Thunberg, en Vhonneur du Senateur van der 
Deutz a Amsterdam etc. Dieser Herr hiefs Johann Deatz van 
Assendelft, und war nicht allein Schöffe von Amsterdam, sondern 
auch Director (Bewindhehber) der ostindischen Compaonie, und einer 
der angeselieuslen Einwohner unserer Stadt, dem die Wissenschaft zu 
verdanken hat, was Thunberg durch seinen EinQnfs und Eifer zur Be- 
förderung der Wissenschaften in fremden Ländern hat verrichten kön- 
nen. Die Namen solcher Männer verdienen eher mit goldenen Buchsta- 
ben in unseren Geschichtrollen geschrieben, als der {Nachkommenschaft 
nnrichlig übertragen za werden. 



117 

wälircnd sie gai-, ohue allen Grund, das Zeugnifs derjenigen um- 
sliefsen, welchen man die ei'sle Kcnntnifs der Flora Japonica zu 
Terdankcn hat. Ein Jeder fragt nun von selbst, beim Lesen des 
Textes der Flora, welche ist doch nun die echte Sternanispflan- 
26? Giebt es denn vier Arten JlUcium! Und warum haben 
V. Siebold und Zuccarini diese Sache, und ihre behauptete 
Meinung, nicht durch die Beschreibung der Chinesischen Pflanze, 
die ihnen, aus dem Herbarium von Lambert zu Gebote stand, 
aufser allen Zweifel gesetzt? *) 

Ich würde auf diese und ähnliche Fragen in wenig Worten 
antworten, was ich oben ansführlich auseinander gesetzt habe. 
Man brauchte den wahren Sternanis nicht mehr zu beschreiben 
oder abzubilden, dies ist schon ganz genügend geschehen. Es 
giebt nicht vier, sondern drei Arten JlUcium. Die Japanische 
Pllauze ist als Art der Chinesischen gleich, obgleich die Frucht 
nicht in den Handel kömmt. Man hatte ganz unmöglich eine 
andere Pflanze abbilden können; denn diese würde eine aus dem 
menschlichen Gehirn entsprossene Mifsgestalt gewesen sein; man 
würde endlich, um das Zeugnils eines, in anderen Rücksichten 
vielleicht mehr erfahrenen, aber als Botaniker durchaus unkundi- 
gen, ungenauen portugiesischen Mönches (der selbst die Behaup- 
tung Kam pfer's nicht bezweifelt hat '*)), welchem nie ein Bota- 
niker (VVilldcnow *") vielleicht allein ausgenommen), die in 
wisseiiscliafllichen Angelegenheiten so unumgänglich nöthige Glaub- 
würdigkeit, in der Botanik zuerkannt hat, zu handhaben, Dinge 
haben vortragen müssen , die mit der Wahrheit durchaus streiten. 
Männer, die in unserer Wissenschaft erfahrner sind als ich, haben 

*) S. df II ProspectDs Her Fl. Japonica, u. De Cand. Sj(8<. /. 441. 

*•) Es ist oribpgrciUich, wie man auf den Gedanken geratben ist, 
gerade- da.s Ziugnifs Loureiro's zu gebrauchen, um dadurch allein an- 
zuzeigen, d.'ifs Kämpfer und Tbunberg sieh geirrt haben. Loureiro 
bat dorli ^ar niclit daran üjezwellelt, dals die von diesen Botanikern be- 
Bcbriebene Pflanze eine andere als seinCliinesisciies III. an. sein würde. Er 
seihst bezog sich we^en dieses Arlikelä auf ihre Schriften. Er hielt die 
Pflanzen also für identisch. S. Flora Codi. Lissabon, I. S 353. 

**") \V'i!ldeno\v hat Loureiro's Werk zwar herausgegeben, aber 
es scheint riiclit mit (je^vir>lieif, dafs er ihn l'iir glaubwürdig hält; er sagt 
unter andern von ihm in der Praefatio der /'7. f'oc/t. Berolini. 179.3. 8. : 
„planta» lun:(e direnat aih nomine planlaniin kluropaearum dfscripsit,** 
und anderswo: ,,in formandi» generiOut uuclor nimis facilis, et in ler- 
minii pattint vacillani videtur.'' 



118 

mit mii' die Meinungen frülicier Botaniker Iiocligcachtet, ich 
vcrtheidige sie auch jetzt gegen v. Siebold u. Zuccarini. 

Durch das oben Angeführte halte ich mich nun berechtigt, 
das Illicium rel. v. Sieb, und Zucc, als Art zu verwerfen, die 
durch diese Gelehrten dargestellte Synonymik verändern zu dür- 
fen, und also den Namen von IlUc'mm anisatum Auclorum (der 
bleiben mufste, wäre diese auch nicht die Mutterpflanze des 
Sternanises) wieder an die Stelle des III. relig. v. Sieb, und 
Zucc. zu setzen. 

Gern überlasse ich andern Botanikern, welche diesen Ge- 
genstand in den letzten Jalireu bebandelt haben, ihre eigenen 
Mittheilungeu über diese Pflanzenart, an den von diesen Gelehr- 
ten gegebenen Nachrichten, zu prüfen, oder wenn sie es wün- 
schen, dieselben dagegen zu vertbeidigen, oder mit ihnen darin 
übercinzustiniincn. 

Ich kann also diese Vertheidigung von dem, was einmal ein 
Kämpfer, ein Thunberg und ein Linne geschrieben haben, 
endigen. Wohl glaube ich, dafs Einige dafür halten werden, 
dafs ich Unrecht gclhan habe, so lang entschiedene und ausge- 
machte Sachen so ausführlich auseinander zu setzen. Indessen 
lasse ich diesen Tadlern ihre Meinung, aber ich meinte den zwei 
bcrühuifen Schriftstellern, mit welchen ich mir dicFreibcit nehme, 
nicht übereinzustimmen, schuldig zu sein, nicht mit wenigen 
Gründen oder kurzen Worten ihre Meinung zu bestreiten. Ich 
hege auf der andern Seite zu viel Achtung und Ehrfurcht für 
den Ruhm unserer Vorfahren in dem Gebiete der Wissenschaften, 
als dafs ich die Mühe zu grofs achten würde, um Schritt für 
Schritt ihre auf unsicheren Gründen angegrilTcue und ver%Torfenc 
Behauptung zu vertbeidigen. Ich hoffe indessen, dafs die Herren 
V. Siebold und Zuccarini meine Ansicht hierin vollkommen 
gutheifsen werden, und mit mir die Wahrheit der Worte des vor- 
trefflichen Gesncrs erkennen werden, die an der Spitze dieses 
Aufsatzes stehen, und womit ich denselben sclilicfse : 

,,Quorfs( sitas quisque observationes protuleril, spes est aliquando 
fore ut ex omnihits opus imum ahsoluium petjicialur. " 

Amsterdam, September 1836. 



Ueber die Gattung Pteroloma 



von 

Dr. W. F. Erichson. 



Üis ist wohl ziemlich allgemein bekannt, dafs die Gattungen 
PterolomaGyW. (Ins. Suec. IV. p. 418.), Adolus Esch. (Fisch. 
Entomogr. Imp. Ross. III. p. 242.) und Holocnemis Schilling 
(Beitr. z. Entomolog., bes. in Bezug a. d. schlcsiscbe Fauna I. p.9.3.) 
nicht nur, sondern auch die zugleich als Ty])us beschriebenen, 
zuerst in Lappland, dann von Eschscholtz auf Kamtschatka, und 
zuletzt von Schilling in dem schlesischeu Gebirge aufgefun- 
deoea Arten Pteroloma (früher Harpalus) Forslrömii, Adolus 
brunneus, und Holocnemis GTaienhorstii identisch sind. Aull'al- 
lend aber ist dabei, dafs alle diese crwähulen Scbririsleller, fer- 
ner ein Paar so einsichtsvoller Entomologen, wie Eschscboltz 
und Dejean, welche gleichfalls die Gattung nach eigener An- 
sicht beschreiben, dieselbe zu den Caraben stellen. Oll'cnbar 
räumt man heutiges Tages in der Systematik dem Habitus zu 
viel ein, und zwar um so mehr, je weniger gründliche Unter- 
suchungen und Analysen bei der Aufstellung von Gattungen für 
unumgänglich nolbwendig geachtet werden. 

In Rücksicht auf die einfachen, an der Innenseite nicht ans- 
geschnitlcnen Vorderschienen wird Pteroloma überall in die Nähe 
von JKehria gestellt, mit der es freilich auch, besonders in der 
Form des Ilalsschildes, einige Aehulichkeit hat. Gyllenhal ist 
IQ diesem Punkte so sicher, dafs er a. a. O. sagt : „Labium. *) 

*) So soll es oITpiibar beifsen statt Lahruju: denn einmal ist in dem 
zn verglt'i<:lii-mlcii Gattungscliarakter von Sehria (t. II. p. 37.) nur vom 
tahium A\v. Ut;de, und zweitens ist das Lahrnin so deutlich zu seilen, 
dafs G. dasselbe bei beiden Gattungen ohne Schwierigkeit vergleichen, 
und unmü^'lich iilierselicn konnte, dafs es bei Sehria vorn gerade abge- 
schnitten, bei I'leroluma ausgerandet ist. 



120 

et ligula ut in Nebria forte.'''' Genauer, und, soweit er sie be- 
obaclitet, riclitig beschreibt Esclischolz (Zool. Atl. p. 6. ) die 
Mundibeile, iiulcsseii beschränkt er sich auf die Taster, die Lefie 
und das Kiun, bemerkt die von der den Caraben zukomnieudeu 
abweichende Bildung des letzten, ohne darin jedoch mehr als 
Eigentbümlichkeit der Gattung zu erkennen. Graf D e j e a n (Spec. 
gen. d. Col. V. p. 570.) erwähnt aufserdem noch der Mandibeln, 
uuricblig aber als ungezähnt. Vielleicht mag man wegen der 
Seltenheit des Thieres eine Analyse vermieden haben, ich glaube 
aber eher, dafs in der ziemlich allgemeia befolgten Methode des 
Grafen Dejean, die äufserlich nicht leicht sichtbaren Mundtheile 
unberücksicblij^t zu lasseu, der Grund zu suchen ist. 

Diesem Mangel einer vollständigen Beohacblung der Theilc 
des Mundes ist durch die Darstellung, die Ur. Schilling a.a.O. 
giebt, nicht abgeholfen worden: auf der diesem Käfer eingeräum- 
ten Tafel B. nämlich sind unter den Delails Fig. a. die Maxilla 
mit ihren Ta.slern, Fig. b. der Kopf mit den Mundtheilen von 
oben, und Fig. c. die Unterlippe mit ihren Tastern in Umrissen 
abgebildet, jedoch sind alle diese Figuren so wenig richtig, dafs 
Jemand, der nur ciuigc Kenntnifs von den Mundtheilen der In- 
sekten sich erworben hat, dadurch nicht irre geleitet werden 
kann. Die Maxille mit ihrer carabenartig tasterfürmigen äufsereu 
Lade (die hier, abculheuerlich genug, aus dem ersten Gliede der 
eigentlichen Taster herauskommt) ist offenbar rein erfunden, 
denn i;u Texte wird nur auf die Taster hingewiesen. Dasselbe 
scheint mit der Unlerlippc der Fall zu sein, denn auch hier ist 
nur von den Tastern die Rede: was diese letzteren helrifft, so 
zeigen sie nur die beiden letzten Glieder, und diese sind sowohl 
in Umrifs als Verhältnifs nicht ganz richtig, von der Unterlippe 
selbst aber läfst sich nichts sagen. Hecht ist es wohl nicht, sol- 
che Abbildungen zu geben. Die Mandibeln sind auch hier als 
ungezähnt gezeichnet. 

Bei aller äufscrea Achnlichkeit, dieP/ei'o/oma unleugbar mit 
einem Laufkäfer hat, entfremdet sie doch von diesem Manches. 
Es fällt zunäi'list die Form der Fühler auf, die nach der Spitze 
zu leicht verdickt sind, etwas in der Abtheilung der Caraben, 
in der Pterolama seine Stelle einnehmen niüfste, ganz Ungewöhn- 
liches. Ferner die Gestalt der Taster und selbst der Beine ist 



121 

fremd: es fehlt ihnen, so schlank sie sind, das Leichte, Zierliche und 
zugleich Feste, Kräftige derselben bei einem Laufkäfer. Dazu 
UoMimt die Form des Kinnes, wclclies liier iiacli vorn verengt, 
und an der Spitze gerade abgeschnitten, bei den Caraben aber 
immer nach vorn erweitert und an der Spitze ausgebncbict ist. 
Bei weitcrem Vergleiche findet sieb, dafs die Ausrandung, mit 
welcher bei den Caraben beständig das ßlesostcrnum die zwi- 
schen den Miltdhüftcn vorspringende vSpitzc des Melasternum 
aufnimmt, hier nicht zu bemerken isl; dafs ferner der Hinterleib, 
zwar aus sechs Segmenten, wie bei den Caraben besteht, dafs 
hier aber alle Segmente frei sind, während, ohne alle Ausnahme 
bei jenen die drei ersten Segmente fest mit einander verwachsen 
sind; und endlich, dafs die Trochantcren der Iliuterbeine, deren 
eigenthümlichc Form die Caraben so sehr auszeichnet, indem sie 
zapfenlörmig verl.ingert neben ihrem Schenkel liegen, hier ganz 
einfach sind, und dafs sich der Schenkel nicht, wie dort, zur 
Seite, sondern an der Spitze derselben anheftet. 

Ich glaube, die Berücksichtigung aller dieser Eigenthümlich- 
kciten würde hinreichen, Pieroloma von den Caraben zu entfer- 
neu, und eine andere Familie zu seiner Aufnahme zu ermitteln. 
Ein Uinlcrlcib mit sechs Segmenten, nach der Spitze zu ver- 
dickte Fühler, bei fünfgliedrigen Fül'sen, sind Merkmale, die der 
Fam. der Silphen angehören, und, um den Habitus nicht ganz aufser 
Augen zu lassen, möchte dieser wohl nicht in irgend einer Be- 
ziehung mehr an Leislus und Netria, als an Necrop/iilus und 
Ag'jrtes auf der einen, und an Catops auf der anderen Seite er- 
ioDern. Diese Ansicht, die ich der Betrachtung des allgemeinen 
Körperbaues abgewonnen halte, wurde dann durch die Uuler- 
suchung der Mundlheile durchaus bestätigt. 

F'olgende Beschreibung habe ich vou den letzteren entworfen: 
Pteroloma. 
J^abrum corneum, Iransversnm, apice eni.Trginatum. 
Maudil/ulae acquales, brevcs, validiusculae, subfalcatac, aculac, 

intus pluries acute dentalae. 
Maxillae corneae, malis coriaceis subaequalihus, exteriore pa- 
rallclopipeda, apice barhala, interiore oblique truncata, mar- 
gine i)l)li{|uo barbato. apice unco corneo miiiuto armalo. 
l'alpi muxillares arliculo |)rJmo minuto, secundo tertioque tere- 
tibus, apiceni veisus serisim leviter incrassalis, illo paulo lon- 
giorc: quarto lertio aequali, oblongo-ovato, apice acuminalo. 



122 

Menlum transversum, apicem versus sensim angustatum, apice 
truncatum. Ligtila porrecta, basi coiiacca, apice menibraüacea, 
acute emargiiiata, lobis rolundatis. 

Palpi labiales articulo primo niinulo, secundo longiore, apice in- 
crassato, tertio minore, subovato. 

Man sieht hieraus die gröfste Uebereinslimmung mit Silpha, 
Necrophihis, Agyries, und besonders mit Cutops. Mit Silpha und 
Catops hat Pleroloma das hornige Häkchen an der Spitze der 
inneren Maxillarlade gemein, es ist aber hier nur sehr klein, und 
ich habe es nur unter dem Compositum bemerkt : bei Agyrtes 
stehen an der Stelle einige eingelenkte Dörnchen, und bei JSfe- 
crophihis ist die Spitze der inneren Lade ganz unbewchrt. Die 
eiförmige Gestalt des letzten Gliedes der Maxillartaster bringt 
Pleroloma in die Nähe von Agyrtes, bei Silpha und Necrophi- 
lus ist dasselbe cylindrisch, bei Catops kegelförmig zugespitzt. 
Die gestreckteren schlanken Beine endlich entfernen Pleroloma 
etwas von Silpha, Nea'ophilus und Agijrtes, und lassen es sich 
eng an Cafo/js anschliefsen: so dafs, wenn man alle diese Puuktc 
berücksichtigt, Pleroloma in der Familie der Silphen 
am natürlichsten seine Stelle zwischen Agyrtes und 
Catops einnehmen würde. 

Eine Erweiterung der Fufsglieder beim Männchen ist in die- 
ser Familie sehr allgemein, und sie fehlt auch bei P/«o/omo nicht. 
Zwar werden bei Pt. Forströmii die Fufsglieder überall als ein- 
fach angegeben, und Fischer sagt ausdrücklich, dafs sie es bei 
beiden Geschlechtern seien. Hr. Schilling, der mehrere Ex- 
emplare vor sich hatte, schweigt darüber: das einzelne Exemplar, 
welches das Museum der Mittheilung des verst. Prof. Esch- 
gcholtz verdankt, hat auch durchaus einfache Tarsen. Eine 
zweite Art aber, die von Hrn. Deppe auf dem Orizaba in Me- 
xiko gefunden worden, zeigt im männlichen Geschlechte stark 
erweiterte Fufsglieder an den vier vorderen Beinen, nnd zwar 
der Art, dafs an den Vorderfüfsen die drei, an den Mittelfüfsen 
die beiden ersten Glieder erweitert sind. Ein anderer Geschlechls- 
unlerschied findet sich hei dieser noch unbeschriebenen, kleine- 
ren Art auch darin, dafs beim Männchen die Oberfläche glatt und 
glänzend, beim Weibchen durch einen seidenartigen Anflug matt 
erscheint. 



123 

Aufser diesen beiden giebt es nocli eine lirifle, in Kamt- 
sclialka einheimische Art, mir nur durch die Beschreibung be- 
kannt: PteToloma pallidum Esch. Zool. Atlas, I. p.l. 



Herpetologische Notizen 

vom 

Herausgeber. 



1. Amystes Wicgm. :=: Ophiops Mcuctr. 

IIjS scheint fast, als ob dies Archiv ein Archiv für Irrthümer 
und deren Berichtigungen werden sollte, denn an die Seite von 
Syngamus tritt auch mein Amystes, und ich mufs von Glücke 
sagen, dafs ich selbst diesen meinen Irrthura berichtigen kann 
und dafs er weniger mir zur Last fällt, als demjenigen, welcher 
dies Tliier mit unvollständiger Beschreibung in die Wissenschaft 
einführte. 

Als eben der Druck meiner Ilerpetologla mexlcana begonnen 
hatte, und bereits die synoptische Tabelle Aer Brev'ding^ies in der 
Druckerei gesetzt war, erhielt ich von Hrn. Menelries dessen 
Calalnguc raisonnt! des ohjets de Zoologie recueillls dans uii ?io- 
yage au C'aucase elc. (Pelerslourg 18.32. 4.), um diese Schrift der 
hiesigen naturforsehenden Gesellschaft zu überreichen. Unier vie- 
len sehr ungenügend bezeichneten Amphibien fand ich auch ein 
neues Genus der Eidechsen mit folgenden Worten (p. 63.) auf- 
gestellt. 

Opliitopt (091; Eerpens et uif facies). 
Nares in apice canihi rosfralis; palpebra inferior nulla; su- 
perioris tantummodo rudimcnta; palatum (!) nullum (vielleicht 
dcntes palatini uulli'.'); squamac supra carinatae, sublus imbri- 
calae; collare nullum; pori sub fcmoribus; cauda Tcrticillata. 



124 

Ich war in einiger Verlegcubelt, was ich hieraus macheu 
sollte. Die canda verticitlata pafsle nicht auf die Scinke und 
Gymnophthalmen und licfs mich eist vermuthen, dafs das neue 
Genus zu meiner Familie der Plychopleuren gehöre; aber der 
Verf. erwähnte keiner Seilenfalle und die squamae imbricatae der 
Bauchseite pafsteu hierauf eben so wenig. Da nun der Verf. am 
Schlüsse der Arlbeschreibung, die nur eine Farbcubeschrcibuug 
gicbt, hinzufügt: Ce genre doit elre place dans la Jatnille des Scin- 
coides — so zweifelte ich niclit, dafs dies neue Genus Ophiops 
(denn so miifs der Name richtig gebildet lauten) zu meiner Fa- 
milie der Gijrmiophthalmi gehöre, wohin ich es frageweise in 
meiner Ilcrpetulogia mexicana stellte. Ich beruhigte mich über 
die Cauda verliciltata damit, dafs der Verf., sowie er palaium 
nulluni für dentes palatini mtlli gebraucht, sich in dein gewähl- 
ten terminus vergrillen habe, wie denn auch seine geringere Be- 
kanntschaft mit der Ilerpetologie schon zur Genüge daraus her- 
vorging, djfs er zweifelt, ob sein Thicr nicht vielleicht mit dem 
Gyimiüducliiltis caspius Eichw. (einem Gecko) identisch sei. Wie 
erstaunte icli aber, als ich neulich von Hrn. Prüf. Eichwald 
erfuhr, dafs Rlcnelrics's O/jAio/j« e/fg«ns ein den Lacertcn ähn- 
liches Thier sei. Ich verfiel nun gleich auf meinen Amysies 
JEhrenbergii *), der denn auch sogleich von Hrn. Prof. Eich- 
wald als dasselbe Thier erkannt wurde. So habe ich denn wie- 
der in aller Unschuld die Zahl der Synonyme vermehrt, und 
nehme meinen Namen zurück, erlaube mir aber, hinsichtlich der 
von Hrn. Menctries erwähnten Charactere, noch einige Bemer- 
kungen. Wenn derselbe seinem Ophiops ein Rudimeut des obe- 
ren Angenliedes zuschreibt, so irrt er; denn dasTiiicr hat wirk- 
lich keine Augcnlicder, sondern sein Ange ist gleich dem der 
Schlangen gebildet, d. h. es liegt hinter einer durchsichtigen 
Kapsel und bewegt sich hinter derselben, und, wie dort, so be- 
steht auch hier diese Kapsel aus drei Schichten, die von der 
Epidermis, Culis und Conjuncliva gebildet werden. Indem aber die 
beiden erstgenannten, der Cornea gegenüber dünner und durchsich- 
tig werdend, sich vor der Vorderiläche des Augapfels hinziehen, 
bilden sie rings um ihre durchsichtige Area, eine ringförmige, 



*) S. dieses Archiv I 2. p. 1. 



125 

mit Schuppen bekleidete Falte, so düfs das Äuge wie von einem 
Schuppenringe umgeben erscheint. Das Ansehen von Augenliedern 
erhält diese ringfürmige Falte, wenn die durchsichtige Area 
( Aiigenkapspl), in welche sich ihre Händer fortselzen, bei Be- 
M'liädigung des Auges herausgerissen ist, wie dies leicht geschieht, 
wenn man, nach Augenliedern suchend, jene Falten mit der Pin- 
ccUe''hervoraieht. In diesen Irrlhum bin auch ich verfallen, 
iiidcm ich dem Ablepharus Augenlieder zuschrieb *). Auch 
liier ist von mir als Rudimente der Augenliedcr die eben er- 
wähnte Falte genommen. Augenliedcr fehlen überall, wo 
die Haut, ohne eine Spalte zu bilden, über die Vorderfläche 
ilpü Augapfels hingeht, und eine Augenkapsel (capsiila ocu- 
/iiris), ein durchsichtiges, ungespallcnes Augcnlicd bildet, also 
auch bei den Geckonen, denen sie deshalb Piof. J. Müller 
richtig absprach '*). Eine Andeutung zu einer Kapsclbildung 
bei vorhandener Augenliedspalte treffen wir bei einigen 
Scinken, namentlich bei Sphenops Wagl. und vielen Arten der 
Gattung Euprepes Wagl., wo das obere Augenlied rudimentär, 
das untere dagegen sehr entwickelt ist, und mitten in einer 
ovalen oder runden Area (gleichsam einer Staubbrille) dünn und 
durchsichtig wird, so dafs diese Thicre bei geschlossenem Auge 
sehen können, indem die Staubbrille des unteren Augcnliciles 
gerade vor ihrer Sehe sich befindet, eine Einrichtung, die mit 
dem Aufenthalte dieser Arien in Flugsand -reichen Wüsten wahr- 
scheinlich in enger Beziehung steht. — 

Die Bedeckung des Bauches ist bei Ophiops ähnlieh der 
der übrigen Lacerten, wie ich es auch in meiner Gattungs-Dia- 
goose des Amijsles angegeben. Dafs der Schwanz, wie bei allen 
Lacerten eine cauda verlicillala ist, versteht sich von selbst. Im 
Uebrigcn verweise ich auf die von mir a. a. 0. gegebene Gat- 
tungs-Diagnose, mufs aber bcmeiken, dafs es in derselben durch 
einen mir unbegreiflichen Fehler fälschlich: pori fcmorales nulli 
heifst. Es sind sehr deutliche pori femorales vurhauden ; auch 
finde ich so in meinem MS., von dem die gedruckte Abhandlung 
ein AiLszug ist. Ich bitte also scblicfslich, diesen Schreibfehler 
gütigst zu entschuldigen. 



*) Herpel. Meiic. I. p. 12, not. .3. u. Jalirisber. im Aicli. I. 2. p. 287 
•*) Amioon's Zcit«rlirift für Ophthalmologir- IJil. 1. 1111.2. p. Ifjl. 



126 

2. Seinen« Fitz. 

Als Herr Fitzinger den Scincns officinalis L. mit 
Reclit von den übrigen Arien generiscli trennte, kannte er nur 
diese eine Art. Zur Bcruliigmig derjenigen Nalurforsclier, wel- 
che an einem neu begründeten Genus so lange Ansfofs nehmen, 
als CS nur noch in einer Art besteht, gehe ich hier eine mono- 
graphische Arbeit über die drei Arien dieser Galtung, welche 
durch die reichlialtigen Sammlungen der Herreu Hcmprich und 
Ehrenberg in dem hiesigen zoologischen Museum vorhanden 
sind. Abbildungen von diesen drei Arien in natürlicher Grofso 
habe ich bereits für Ehrenbergs: Symbolae p/iysicae seit län- 
gerer Zeit anfertigen lassen. 

Scincus Fitz. (Srinciis Daud. Merr. ex parte. ) 
Caput ovato-tetraedrum , pyramidatum, lateribns obliquis, 
niaxilla superiori in roslrum obtusum, depressum, cuncatum, fos- 
sorium elongata. Scutella capitis regularia. Internasalia duo con- 
tigua, obliqiia. Frontale anterius unicum, latum, regulariter he- 
xagonum, posteriora duo trapczoideo-penla-vel hexagona. Verti- 
cale anterius subspalhulato - hcxagonum, retrorsum angustatum, 
laleribus modice sinualis. Vcrticalia posteriora (occipilalia alior.) 
5 (2-(-3). Scutella occipilis nuchaeque latissima, brevia, hcxagona, 
transversa, paria 4 — 5. Nares oblongae, laterales, ad apicem 
rostri, superne scutello triangulär! accessorio niunitae. Lorum 
scutellis lernis tectum, anlcriori parvo, intermcdio multo maiori, 
posteriori anleorbitali, maxinio. Oculi palpebrosi. Palpebra 
superior brevis, inferior pcrfccia, scutellata, pellucida. Au res 
plus minusvc occultac. Lingua basi lata, cordato - sagittala, 
medio utrinque constricta, antrorsum angustata, subtriangularis, 
papillis brevibus squaraulosa, apice inciso. obtuse brevissimeqin; 
bicuspide. Dentes maxillares simplices, obtusi, palalini breves 
conici utrinque 4. Truncus modicus, dorso convexo, abdomiiie 
piano, utrinque acute angulato. Cauda trucco brcvior, initio 
lata, depressa, subito attenuata, apicem versus e tereti plus mi- 
nusve compressa, subtus squamarum lafiorum sorie scutellata. 
Pori anales nulli. Pedcs robiisti, penladactj'li. Digiti bre- 
ves, supra subtusque scutellali, squamis acutis utrinque denticu- 
latim fimbriali, squauia rhizonychium obtcgcntc ovali, magna. 



127 

Digitus scelidum teHius qninlusquc snbaequales, quartiis iis pa- 
rum longior. Uugues validi, oblusi, sublus canalieulati. 

* Caput pyramidatum, cantho rostrali dislincto obtu- 
80, loro introrsum Iracto, subpcrpendiculaii, labiis demum cs- 
trorsum obliquis. Aurcs conspicuac. Meatus auditorii esterni 
rima angusla, obliqua, denticulis iucuuibentibus operta, pone oris 
angulum. Nares oblongae, angustae, sursum patulae. 
Snuamae dorsi laevissimae. Cauda prope apiccm pcrquam com- 
pressa. 

1. Sc. officinalis L. Seine, sciitellis supraciliaribus 6, 
sqaamis doisi per series 18 longitudinales dispositis, fascialim 
fusco alboquc guttulatis; lateribus immaculatis. 

Scutelloriim verticalium par primura conliguura, postice 
angulo obtuso divergens. Seulcllorum verticalium postcriorum 
intermedium rotundato - subpeufagonum. Seutellorum paria 4 
in oceipite et nucba. Laminarum supraciliarium scutclla 6. 
Scutclla labii superioris 8; sextum cum scptimo sub oeulo 
iacens. Squamae dorsi laevissimae, per series longitudinales 
18 dispositae; abdominalium series 8, quarum una utrinque in 
ipso angulo laterali. — Color flavcscenti-griseus, fusco albo- 
quc fransvcrse nebulosus; squamae scilicet guttulis fuscis albi- 
disquc passim ad marginem poslicum notaiac, ut taeniae trans- 
vcrsae irreguläres iudc orianlur. Long, capitis fere 9'", trunci 
3", caudae 2f' . — Ilabitat in Aegypto. 

2. Sc. meccensis Hempr. et Ehr. Sc. scutellis supraci- 
liaribus 5, squamis dorsi per series 16 dispositis, omnibus albido 
fuscoque gullatis; maculis suprascapularibus binis ternisve rufo- 
fuscis. 

Sc. verticalium posteriorura intermedium oblongo - rhom- 
beum, poslice subiruncatum, cuspidiforme. Seutellorum paria 
4 in ocoipilc et nucba. Scutclla labii superioris 7, quiulum 
et sextum sub oculo. Squauiarum dorsaliura series 16, abdo- 
minalium ut in officinali 8 (externa utriusque lateris in ipso 
angulo). Color capitis dorsiquc rufesccnti-gviseus, abdomiue 
laterumquc albidus. Squamae dorsi omnes in niargine posti- 
00 gutlulis rufo • fuscis albidisquc variegatae. Maculae duae 



128 

tresve rufo - fuscac in pectoris utroque latcre. Long, capitis 
fere 7'", colli 5'", trunci 22^'", caudae 2Vj"'. — Habitat in 
Arabia. 

** Caput ovatum, subpyramidatum, cantho rostrali nul- 
lo, laleribus rostrl dcorsum valde obliquis, loro rotundalo. 
Aures occultae. Na res ovales, exirorsum palulae. 
Squamac dorsi impresso- Stria tae. Cauda apicc vix coniprcssa. 

3. Sc. Ilemprichii. Sc. supra olivacco - fuscus, taeniis 
transversis albidis variegatus, in capilc menibrisque griseus; gula, 
abdomine candaqiie subtus albidis. 

Scutella vcriicalia paris primi haud conligua, scutello 
verticalium posleriorum (occipitalium) internicdio niaximo, 
obloDgo-rliombeo diremta. Scutcllorum transvcrsorum paria 5 
in occipite et nucha. Squamarum dorsalluni lineae tredccim, 
omnes striis imprcssis binis ternisvc longittidlnalibiis noiatae; 
sIriis laleraliurn magis obsoletis. Abdominales lacvcs scries 9 
longitudinales conslituunt. Cauda basi crassa, depressa, deinde 
teres, subito attenuata, acuta, apice vix compressa. Longil. 
cap. 11'", truiici 3" 5'", caudae 2^". Hab. iu Abyssinia. 



Anm. Die letztgenannte Art unterscheidet sich mithin sehr 
von den beiden anderen, so dafs vielleicht mancher Herpelolog ein 
eigenes Genus daraus bilden würde. Indessen mochte bei der son- 
stigen Ucbcreinstinimung eine s-olclie Zersplitterung eher dazu die- 
nen, das natürliche Band, welches Beide so innig vereinigt, zu 
lösen. Ich lasse milhin einstweilen beide Formen in einer Gattung 
neben einander; behalte aber der letzten abweichenden Art dun 
Namen Pedorychus für den Fall vor, dafs der von mir bereits in 
der synoptischen Tabelle der Brevilingues (Herp. mexic. p. 11.) 
für die unteren Genera der Scinke nachgewiesene Parallclismus in 
den Formen mit und ohne äufsere Ohröffnung sich auch als 
in den oberen Generilms der Scinke beS'tehend durch spätere Ent- 
deckungen nachweisen sollte. 



129 

3. Diploglossvs Wiegm. (Herp. Mcsic. p. 36.) 
Schon in meiner Uerpetologia mexicana habe ich auf die 
gencrischc Verschiedenheit dieser den Euprepes -A.Hen verwand- 
ten Scinkc aufmerksam gemacht. Die Kopfbedeckung unterschei- 
det sie schon äufserlich von diesen, auch die Beschuppuug des 
Rumpfes. Am ausgezeichneisten ist aber die Bildung der Zunge, 
wodurch sie sich von allen Scinken entfernen und den Lacerten 
nähern. Die Zunge ist nämlich wie hei diesen, vorn tief in zwei 
scharfe Spitzen gespalten. Andrerseits ist aber das Warzengewebe 
derselbcti 'so stark entwickelt, dafs dieses, da es vorn ausgerandet 
ist der Zunge einer Agama gleicht, unter welcher die Zunge einer 
Lacerte hervortritt. Aehnliches findet sich bei Gerrhonotus ru- 
dicoUis. Es veranlafste mich dieses auch, den Namen Diploglos- 
sus zu wählen. Als Arten gehören hierher die Tilitpia fasciata 
Gray (^Euprepea fasciatus Reufs) und Sc'mcus Monotropia Kühl, 
erstere mit uiigekiellen, letztere mit stumpf gekielten Schuppen. 
Beide Arten stimmen in der queergebänderten Färbung überein; 
wie denn überhaupt gar oft die Zeichnung in kleinen natürli- 
chen Gruppen etwas Charakteristisches darbietet. Ich halle es für 
augemessen, die Charaktere liier umständlicher zu entwickeln: 

Caput ovato - pyramidatura, letraedrum, suhdepressum, scu- 
tcUatum, scutis internasalibus conliguis 2, fronlalibus 7 (2-3-2), 
intermedio rhombeo-subhexagono, paribus 3 cincto, verticali pri- 
mo maximo lato hesagono ; pnsterioribus 5, intermedio paribus 
binis incluso; scuto occipitali subpenfagono, solitario vel dnobns 
trapczoidcis, uno ntrinque, adicciis. Oculi palpebris praediti, sn- 
pcriuri brevissima, inferiori scutellala, infra scutellorum infraorbi- 
talium semicirculo inclusi. Nares laterales, ovales, prope sculelli 
nasalis finem, pnne scutellis accessoriis binis inclusae. Lori scu- 
tella duo, anterius parvum, posterius duplo malus. Lingua sub- 
didyma, parle basall crassa, ovalo-cordata, papillis densis Clifor- 
mibus villüsa, parle apicali tenui, sublineari, profunde excisa, 
apicibus aculissimis bicuspidc, papillis adprcssis squaniulosa, snb 
parle basali, Agamarum linguani forma rcfercnti, quasi emergente. 
Denles priniorcs 9 couici, niaxillares 16 — 18, quorum anterio- 
res 4 oblusi couici, ccleri hreviorcs, latiores, coronide oblnsa, 
compressa, obsolete triluba; palatini parvi obtusi, vis emergeu- 

in. Jahrg. 1. Band. 9 



130 

tes*). Aurcs couspicuac, meatus auditorü margo anterior squamis 
spiiiiformibus destitutus. Tiuncus elougulus, obsolete tetragouus, 
squamis dorsi lateiumque latis hexagonis, longitudiiialiter stria- 
tis, slriis confcrtis emiueutibus. Artus modici, pentadaclyli. 
Palmae plantacque subtus vcrrucosae. Digiti breves leretiusculi, 
nudi, subtus scutcllali; scelidura quartus teitio vix longior. Un- 
gues brcvissimi, obtusi. Cauda elongata, c tereti parum cora- 
prcssa. Pori femorales desunt. — Dorsum cognitarum specie- 
rum taeniis transTcrsis pictum. 

A. Squaijiis non carinatis, antipcdum digj^li^i tertio 
quartoque subaequalibus : 

1. D. fascialus. Griseus, fasciis 8 fusco-cinereis nigro 
marginatis, cauda fusco annulata; squamis nou carinatis. 

Syn. Euprepes fasciaia Reufs. Mus. Scuckenb. I, 1. 
Caput magis quam in sequente depressum. Sculuni lo- 
reum haud in frontis superficiem adccndil. Scutella labii 'j", 
superioris qiiinque priora angusta; 7, 8, 9 sub oculo iaccnt; 
scutella suborbitalia 8, parva, intcrmedium prae cclcris niagni- 
tudine excellit. ScutcUorum frontalium par alteruni oblongo- 
pentagonum , in lorcam rcgioirem vix desccndit; scutella fron- 
talia paris tcriii subhexagona. Sculellum vcrticale anterius 
(frontale proprium) oblonge • hexagonum latissimum, angulo 
antico et postico oblusatis. Occipitalc solitarium polygonura 
squamarum semicirculo cinctum. Truncus gracilis. Longit. cap. 
10'", trunci.3", caudae5|^". — Color vivi animalis (secundum 
illustr. Olfers) pulchre griseus, infra pallide ruber; fasciae splen- 
dide cuprcae. Ilabitat iu Brasilia. 

B. Squamis carinatis, digilo antipedum tcrtio ceteris 
longiore. 

2. J). monolropis. Supra rufus, fasciis dorsalibus albis fusco 
marginatis, subtus albidus; squamis mcdio obtuse carinatis. 

Syn. Scincus Monolropis Kulil. Bcitr. p. 128. 

Caput minus quam in praeccdente depressum; capitis sa- 
pcrficie a verlice scnsim declivi. — Sculellum loreum secundum 
in frontem adscendit, spatium iutcr scutella frontalia secundi ac 



*) Dentes Dipl. monotropidis descripsi ; in fasciatn luaxlllarcs 
pauciores conicos, siinplices 12 — 16, palatinos prorsns nullos inveui. 



131 

tcrtii paris explens. Scutclla labii f, 5, 6, 7 labii superioris ocnio 
subiacciit. Scutella suborbilalia 4, secunduai celeris duplo loa, 
gius, supra sexfo et seplimo scutcllomm labialium s!tam. Scu- 
tclla froutalia paris secundi trapczoideo-penlagona, in regionem 
loream alte desceodunt; scutella froutalia paris tertii subqua- 
drala. Verticale maximum, lalissimum, oblongo-hexagonum, 
antici posticique anguli cruribus profunde sinuatis. Scutella verti- 
calia postica 5; quorum duo antcriora irrcgularitcr pentagona, 
posteriora maiora trapezoidcohexagona, interniedio rhombeo 
utrinqae adiaccntia. Occipitalia tria, scntello intermedio pen- 
tagono, lateralibus trapezoideis. Truncus crassus, subtetragonus. 
Squamarum dorsalium cariua solitaria, mediana, crassa, obtosa, 
undc liueae undecim eminentes continuac in dorso. Carinae 
laleralium obsoletissiuiae, Striae minus conspicuae ; equamae 
gulae abdominisque ovali-hexagonae, transversae, laevigatae. 
Anlipcdes pedesque breves. — Color flavescens, dorso rufe 
fasciis angiistis albis fusco marginatJs picto, lateribus transverse 
fusco maculatis. Caput flavicans maculis rußs hinc illinc ad- 
spersum, macula oblonga rufa sub oculis in tempora porrecta. 
Labia alba rufo varia. Gastraeum flavicans, immaculatuin. 
Artus supra rufi, subtus es albido flavicantes. Habitat — ? 

4. E u p T e p e s. 

In meiner Herpelologia mexicana p. 36. habe ich mich be- 
reits dabin ausgesprochen, dafs der Unterschied der von W agier 
unter fc'ongT//«» gelrennten Arten zu unerheblich sei, um sie gc- 
nerisch von den übrigen Euprepes - Arien zu trennen. Die Zahl 
und Anordnung der Kopfschilder, welche den vorzüglichsten Un- 
terschied darbietet, zeigt nämlich in der Gattung Gerrhonotus, 
welche den Euprepes in der Familie der Plychopleuren entspriclit, 
eine ähnliche Difl'erenz, so dafs man, wenn man auf dergleichen 
Unterschiede fufsen wollte, auch dieses Genus in mehrere zer- 
splittern müfste. Ich habe a. a. O. drei Untcrablheilungen der 
Gattung Euprepes vorgeschlagen, nämlich Euprepes s. slr., Gon- 
gylus u. Eumeces, welche letztere insofern zwischen jenen beiden 
die Mitte hielte, als sie das Gebii's von Gongylus, die Kopfbede- 
ckung von Euprepes zeigt, d. h. wie jene 7 Vorderzähnc im Zwi- 
scbeukiefer, wie dieser 3 Stirnschilder und 5 hintere Schcitel- 

9* 



132 

Schilder besitzt. Die lypisclie Art dieser Abtlieilung ist der 
schöne Scincus pavimentatus GcolTr. , der sich auch durch 
die Form seiner Zunge, und durch die zahlreichen cylindrischen 
in schiefer Linie stehenden Gaumenzähne, etwas von den übri- 
gen Euprepes - Arten Unterscheidet. Indessen sind diese Unter- 
schiede zu unerheblich, um eine generische Trennung zu recht- 
fertigen. Die Zahl der Vorderzähne ist unsicher, da man oft 
Exemplare von Euprepes s. slr. mit unvollstündigern Gebisse an- 
trifft, die dann gleichfalls nur 7 Vorderzähnc zeigen; Gaumen- 
zähne finden sich ebenfalls bei vielen Euprepes, wenn auch in 
geringerer Anzahl und von geringerer Gröfse. Ich glaube daher, 
dafs man besser thut, wie ich es a. a. O. vorschlug, alle drei 
Abtheilungen in eiuem Genus Euprepes vereinigt zu lassen. 
Wie ich schon früher (Jahresber. 1835. 2. p. 288.) bemerkte, sind 
von mir falschlich der Sc. rufescens und punctatus zu 
Eumeces geslellt. Beide gehören zu Euprepes s. sir. Der Halb- 
kreis kleiner scuiella, welcher bei jenem den Infraorbilalrand, 
wie bei Sc. pavimentatus, bekleidet, während er bei den übrigen 
Euprepes-Avlea nicht vorhanden, verleitete mich dazu; allein in 
den übrigen Charakteren stimmt er mit den ächten Euprepes- 
Arten völlig übercin. Bei Smicits punctatus glaubte ich die Na- 
senlöcher, wie bei Sc. pavimentatus in der Mitte eines Nasen- 
schildchcns liegend gefunden zu haben, allein auch hier liegen 
sie, wie bei den übrigen Euprepes, auf der Gräuze zweier. Die- 
ser Charakter ist überhaupt nicht immer leicht zu cntscbeidca, 
auch giebt es Arten ächter Euprepes, bei denen das hialerc Na- 
salschildchen klein und kaum von dem vorderen getrennt ist. 
Noch mifslicher wäre es, nach dem Vorhandensein oder Mangel 
der Carinulae auf den Rückenschuppcu generische Abiheilungen 
machen zu wollen. Sie sind bald deutlicher, bald schwächer in 
in derselben .'irt, so dafs man zuweilen in Uugewifsheit ist, ob 
man die Schuppen glatt oder carinirt nennen soll. Indem 
ich auf Ehrenberg's Symholae physicae verweise, in denen ich 
das gesammle Genus in seineu Besonderheiten ausführlicli ge- 
schildert habe, will ich hier nur zwei neue Arten hervorheben, 
um bei der verzögerten Publikation des genannten Werkes auf 
den schon vor zwei Jahren gedruckten Tafeln die gegebenen 
Benennungen, wo möglich, gültig zu erhalten. 



133 

♦Palpebra iuferior perspicillata; sqnamis dorsi carinafis: 

E. pyrrhocephalus. E. sopra olivaceo-griscas, immacnla- 
tus; vitia latcrali ulrinquc obsolcta, pallida, alleraque inferiori ni- 
gricaote; capite unicolore rufescente; squaraulis mealus audilorü 
binis, obtusis; squamis dorsi cariiiatis; occipitis scutellis duobus. 
Caput pyramidatum, oblongo -ovaliim. rostro porrecto cum 
fronte parum declivi. Scutclla intcruasalia angusta, obliqua. 
ScutuDi froulalc aiiterius latum subilionibcum, anlice rotunda- 
lum. Sc. verlicale prius (fioiilule proprium) spatbulato-pen- 
tagonam, poiie valde angustalum; verticalium posteriorum par 
primuiQ contiguuni, trapezoideuin; postrema tria, iDtermedium 
parvum pone angustatum cuneiformc, lateralia masima trapc- 
zoidpa; occipilalia angusta duo; occipitis roliqua pars squamosa. 
Supercilia scutellis 4. Scutuni loreum primum subquadratum, 
allerum lougius, praeorbitalis locum teuens; scutclla postorbi- 
talia 4 squamiformia, inaequalia, infcriora duo minima, tertium 
iis dnplo malus. Scutclla infraorbitalia nulla. Squamae dorsales 
hexagonae. latae, intervittas latcrum nigricantes 12, in lateribus 
ipsis quateruas series longitudiuales coustituunt : dorsales di- 
stincte carlnalae, laterum abdominisque laeves. Cauda sensim 
attenuata, basi sublelragona, dcinde tcres, apicem versus levi- 
ter compressa, squamis imbricalis superis ad basin tantum ca- 
rinatis, ceteris laevibus. Squamae infcrae. iu regenerata caiidae 
parte latissiuiae, scutellilormcs. Deutes palatini parvi, parum 
conspicui, decidui ; unuin tantum iu altero laterc inveui. — 
Color: Caput ocliraceo-rufum, unicolor; lorum cineraceo lin- 
ctum; dorsum medium olivaceo-cincreum latera versus pallide 
griscum, vitta cinereo - nigricans ab oculis supra aurem iu 
trunci laterc excurril. Labium superius et colli latera in adullo 
spccimine guttulis albido - flavicantibus adspcrsa. Gastraeum 
albicat. Cauda trunci colorem ostendit. In iunioribus dorsi 
color magis in cincreum vergil. — Mensurae adulti: Longi- 
tudo capitis 1", colli 11"', trunci reiiqui ad anum 3j", caudae 
regencralae 5}". Mensurae iunioris: capitis 10'", colli 8"', 
trunci rcliqni ad auum usque 2" 10'", caudae integrae 4" 8'". 
— In Äscbik, iusula uiaris rubri, a Cel. Uemprich et Eli- 
reubcrg dcleclus. 

E. brevicollis, E. supra olivaceo - griseus , striis dorsi 
luscis iotcrruplis; vitta lalerali pallide grisea, vitta fnscescenti 
marginata ; capite brevi ; rostro brevi obtusissimo, scutellis pilei 
fiiDCu marginatis; squamis carinalis. 

Caput breve, ovatum, rostro brevi obtusissimo, declivi, 
capitis toliusquc corporis pbolidosis eadcm quac in pyrrboce- 
pbalo. Squauiac mealus auilitorii ternae. Icnups, oblusae. Squa- 
iiiarnni dorsaliiiin carinac Irrnac; disliiirliorcs qnain in prac- 
cedcntc, al intcnuedia sacpiug magis obsolcta. Color doi'si 



13« 

plus minusve iatease olivaceus, maculig fasci's lineas plurcs in- 
. tciTMptas constilueiitibus, quarum exteriori utrinque vilta pal- 
lida subiacet, tres squamarum scries occupans, infia Titla ci- 
nerea maculis fuscis adspersa marf;inata. Labia palllda. Ga- 
stiaeum albicat. Stria fusca haud procul ab oris angulo iu- 
cipiens, sub meata auditorio piocedit, in medio collo desinit. 
Altcrum huius anioialis cxeniplum colorem doisi satuiatioreni, 
intcuse olivaceum, maculis pluribus maioribusqiie conspersum, 
vittam lateralem infimam maculis crebrioribus fuscis conspcr- 
sain osteiidil, ut fuscum primarium colorem putes, latera iusuper 
giitlulis albidis crcbris variegata. — Diirert potissimum capitis 
collique brevitate a pyrrhocephalo, quocum praelerquam in 
pictura, in omnibus convenit. Longitudo capitis |" (in pyr- 
rhocephalo 1"), colli I" (in pyrrhoc. IV"), trunci rcliqui a 
basi colli ad anum usque 3y" (in illo eadem), caudae regene- 
rafae 4|". Uabitat in Abyssinia. 

Schliefslich will ich noch zweier Euprepes-Aiien gedenken, 
welche von Schneider (Z/(S<. ^»ipA. Pasc. //.) nach Exemplaren 
der Sammlungen von Bloch und Meyer angeführt werden und 
aus diesen in die hiesige Sammlung übergegangen sind. Schnei- 
der erwähnt hei Scincus auratus zuerst dreier Bloch'schea 
Exemplare (p. 181.). Das erste ist Sc. tristattis Daud. (Sc. 
auratus Merr.), das zweite, wie Merrem richtig bemerkte, des- 
sen Scincus rufescens, das dritte, am Ende der Seite erwähnt, 
scheint eine unbeschriebene Art, dem Seinen« agilis Raddi nahe 
stehend, und wurde im hiesigen Museum Scincus iaeniatus be- 
nannt. Wegen ihrer Zeichnung möchte man sie lieber semitae- 
niatiis nennen. Ohne mich hier in eine weitere Auseinander- 
setzung einzulassen, bemerke ich nur,'dafs der brasilische Scin- 
cus (Euprepes) agilis sich vom iristalus Daud. sehr leicht durch 
die Form des Kopfes unterscheidet. Bei letzterem setzt sich die 
Schnauze gar nicht ab, Augendecken u. Schläfengegend sind flach, 
die obere Fläche des Kopfes stellt demnach in ihrem Umrisse ein ge- 
radlinig gleichschenkliges Dreieck mit abgestumpfter Spitze dar. 
Beim agilis ist der Kopf vor den'convcseren Augendecken ein 
wenig eingezogen, daher setzt sich die Schnauze mehr ab, und 
die Oberfläche des Kopfes giebt eine länglich -eiförmige, vor den 
Augenhöhlen sanft ausgeschweifte Figur. Die Stirn fällt zur 
Schnauze deutlich ab, während sie bei jenem einen kaum merk- 
lichen Abfall zeigt. Die Seiten der Schnauze sind bei trisla- 
tus eben, Lippen und Zügclgegend liegen in einer Ebene, bei 



135 

agilis ist die Zügelgegcud unten vertieft, und dieLippeu treten mit 
einiger Wölbung stärker Lersor. Ferner möcLle bei letzterem 
das 6te Lippenschild, welches mit dem 7lcu unter dem Auge 
liegt, einen Charakter abgeben, sofern es nach oben und vorn 
einen zapfenlbrmigenFortsalz ausschickt, der das untere der beiden 
gleich grofsen vorderen Augenschildchen aufnimmt u. s. w. Dem 
brasilischen E. agilis sieht nun der semifasciatus am näch- 
sten. Der Kopf ist bei ihm kurz, vor den Augenhöhlen etwas 
eingezogen, die Schläfengegend convcs, daher die obere Fläche 
längliub -eiförmig. Die Schnauze ist deutlicher abgesetzt als bei 
Iristatus und von der Stirn ab allmühlig abfallend. Die Zügel- 
gegend niclit vertieft, sondern in einer Ebene mit den flachen 
Lippen. Von den Lippenschildern liegt das 5te und 6te unter 
dem Auge, das 5te gränzt an das untere der vorderen Augen- 
schildchen ohne jenen Fortsatz zu bilden. Die Schuppen des 
Körpers sind glatt. Hierzu gesellt sich noch die bereits von 
Schneider erwähnte abweichende Zeichnung, nach welcher 
sich folgende Diagnose stellen liefse: 

E. semiiaeniaius. E. flavescenti-griseus, vittis cervicali- 
lius 3 albidis in rostro oriundis, cum vittis 4 latioribus rufo-fuscis 
alternanlibus, ulrisque* in dorsi initio latcscentibus. 

Long. corp. tot. 2"3i"', caudae 3" 7'", capitis 5|"', colli 
i{"', trunci 1" 6^"', lalitudo capiti in regione tcmporuui 3\"', 
latitudo fronlis ante orbitas If". 

Der Kopf ist auch kürzer als bei agilis, wo er bei etwa 
gleicher Körpergröfse 6'" mifst. 

Das Exemplum Musei Meyeriani Stetlitiensis (p. 182.) bildet 
eine dem Scincus iristatus ähnliche, aber ebenfa-lls ver- 
schiedene Art, die ich Eupr. spilonolus nenne. Ein zweites, 
angeblich aus Westindien stammendes Exemplar sah ich in der 
Sammlung meines Freundes Nathusius. 

E. epilonolus. E. olivaceo-griseus, vitta laterali lala ci- 
nereo-fusca, altera angusliore subtus marginata, vittis cervicali- 
bus 4, in dorso medio desinentibus, exleruis albidis, internis an- 
gasUoribus fuscis, tergo puuclis fuscis adsperso; squamis sublae- 
vibuj, capite obtuse trigooo, rostro subhorizontali, acutiusculo. 

Caput deprcssuui, pilco oblongo- (riangulari, anio (iciilos band 
coarrlatu, piano, supcrciliis appLirjalis, iVoiilc loslioipie liaud dc- 
clivibus, fere in cadein planilie cum vcilice silis. Kosirum acu- 



136 

tius quam in Sc. iristato, longius qnam in Sc. agili, neqne nt 
in eodem declive, neque ante orbitas coarctatum, sed canthus 
rostralis rcctus, cum frontali continuus. Tempora convexiuscula, 
nee ut in Sc. tristato complanata. Pilei color olivaccus, Titta 
pailida a rostro incipientc iuque dorsalem continuata utriuque 
marginalus. Longit. capitis 6 — 7j"', colli 5 — 6"', trunci 1| — 
2", caudae 4"7i"' — 4"4"' (mutil.). 

5. Xenodermus Reinb. 

Bei meinem Aufenthalte in Kopenhagen zeigte mir Hr. Pror. 
Reinhard eine merkwürdige Schlange, welche sich durch die 
Schuppenbedeckung ihres Rückens sehr auszeichnet, und abge- 
sehen TOD der Bauchbedeckung, an Acrochordtis in Kopfbildung 
und Gebisse anschliefst. Mit gütiger Erlaubnifs des Hrn. Prof. 
Reinhard theile ich hier Torläufig mit, was ich mir bei ge- 
nauerer Untersuchung dieser aus dem Hochgebirge von Java stam- 
menden Schlange notirle. 

Kopf eiförmig, gegen den dünnen Hals stark abgesetzt, wie 
der einer Giftschlange, oberhalb auf Stirn. Scheilcl und Hinter- 
haupt mit kleinen Schuppen bekleidet. Kinu und Kehle ganz' 
mit Schuppen bekleidet. Die Kinofurche undeutlich, nicht von 
Kinnschildern eingefal'st. Ein sctäum labiale intermedhim und 
zwei kleine accessorisclie. Die Lippen mit Schildern, doch liegen 
diese mehr auf dem Lippenrande nach innen, als sie nach aufsen 
sichtbar sind, daher scheint es fast, als seien die Lippen nur mit 
Schuppen bekleidet. Die Gegend zwischen dem Auge und Lip- 
penrande ist ganz mit kleinen Schuppen bedeckt. Vordere und 
hintere Augeuschilder fehlen gänzlich. Nur Schnauzcnschilder 
sind da; ein scutum rostrale, penlagon, unterhalb ausgehöhlt. An 
dieses lehnt sich jederseits ein Nasenschild mit seiner Spitze, 
welches hinten eingeschnitten , last zwcilappig ist. Nasenlöcher 
nierenförmig, zur Seite der Schnauze in Mitte jener Schilder. 
Vorn auf der Schnauze 2 Paar Schnauzeuschilder, das erste sehr 
schmal, das hintere kurz, fast viereckig. Augen klein, vorquel- 
lend, mit kleiner runder nach vorn gerichteter Pupille. Zähne 
solide, im Oberkiefer, Gaumen und Unterkicter. Zunge der 
Colubrinen. Körper seitlich zusammengedrückt ; Rückenfirste 
stumpf dreikantig. Bauch abgerundet. Schwanz lang, allmäblig 
verdünnt, spitzig. Die Schuppen der Rückenmitle körnig, un- 
gleich, klein; die der Seiten oval, gekielt, in schiefen Keihea 
stehend. Auf der Rückenfirste .3 Längsreiben grofser Kielschup- 
pen, die mittlere aus .3 im Quincunx alternirenden Reihen auf 
der Mitte der stumpf dreikantigen Rückenfirste. eine einfache 
jederseits an deren Kanten. Bauchseite mit breiten Schildern. 
Unterseite des Schwanzes mit einfacher Schilderrcike. 



Die 
Slylolilhen sind anorganische Absonderungen. 

Von 

A. Quenstedt. 



(Hierzu Tof. III.) 

JDic vonKlöden sogenannten Stylolithen des Rüdersdorfer Mu- 
schelkalkes gehören unstreitig mit zu den interessantesten geo- 
gnostischen Ersclieinungeu unserer Gegend. Da sie fast täglich 
■vor unsern Thüren abgeladen werden, so kam natürlich die Frage 
über die Natur dieser merkwürdigen Gebilde hier wiederholt zur 
Sprache. Noch immer sind die Meinungen über ihren Ursprung 
mit Recht getheilt. Ob uns nun gleich in Klöden's flcifsigem 
Werke: „Die Versteinerungen der Mark Brandenburg " schon 
eine umständliche Beschreibung gegeben ist, so will ich doch 
noch einiges Wesentliche hier liervorhebcn. 

Im Allgemeinen trennen sie sich in bestimmte und un 
bestimmte Formen, die zwar unter sich die mannigfachsten 
Uebergänge zeigen, aber in ihren Extremen festgehalten werden 
können. Ihre seitlichen Grenzüächen sind mit den verschieden- 
artigsten Längsstreifen versehen, die mit der Faser gespaltenen 
TauueuhoUes verglichen werden, mit welcher sie allerdings ent- 
fernte Aehulichkeit darbieten, wenn man sie nicht lieber mit 
der Bruchfläche fasriger oder feinstcnglichcr Gesteine vergleichen 
will. Wie alle Klüfte dieser Muscbelkalkschicht, so ist auch ihre 
Aufsenfläche mit einer schmutzig gelben Eiseuoxydhydratfärbung 
überzogen, wodurch sie sich leicht von dem umgebenden Gestein 
unterscheiden lassen. 

Wären die Stylolithen Reste organischer Geschöpfe, so wür- 
den die Strcifea der Abdruck der iimeru Schalenzcicliuuug des 
Thicres sein müssen: denn dieselben liabeu durchaus keine Dicke, 



138 

sondern bilden «»emcinscliaftUch eine matlieniatische Grenzniiclie, 
welche den Slylolithcnkcrn von dem umgebenden Gesleioe ab- 
somlert. Die Masse des Kernes selbst ist von der porösen Ge- 
birgsrnas?e ununterschcidbar; vom inncrn Gefüge, oder von änfsc- 
rer Schale ist noch nicht die Spur gefunden. In der physikali. 
sehen Beschaffenheit der Streifen, ein organisches Gesetz zu ent- 
decken, habe ich mich stets vergebens bemüht; kleine, grol'sere, 
stumpfere und schärfere Streifen sind gesetzlos durch entspre- 
chende Furchen von einander gelrennt ; einige gehen die ganze 
Länge hinab, andere hören plötzlich auf, und geben wieder neuen 
sich eiiisefzendeu Furchen oder Streifen Platz : aber alle zeigen 
unverkennbar das Bestreben, in mathematisch geraden Linien, 
gleich der Faser krystalliuiscber Gesteine, parallel mit einander 
fortzulaufen. Dieser bestimmte Parallelismus der Streifen setzt vor- 
aus, ilal's die Form, von der die Streifen ein Abdruck sind . aus 
fester Älasse bestand. Denn wollten wir hypolhelisch einen flei- 
schigen Mantel oder feine Rankenfüfse annehmen, so wäre es bei 
aller Nachgiebigkeit derselben durchaus nicht denkbar, dafs der 
frei bewegliche Organismus stets in mathematisch parallelen Li- 
nien erstarrt wäre. Diese Voraussetzung raufs als undenkbare 
Hypothese gleich von vornhcrMn verworfen werden. Wir dür- 
fen demnach nur eine Schale von merklicher Dicke vcrmnthen. 
Aber obgleich alle anderen Steinkerne dieser Schicht stets durch 
einen hohlen oder mit Kalkspath gefüllten Raum von dem um- 
gebenden Gestein getrennt sind, so Gndcn sich bei den meisten 
Stylolithen doch nur solche Räume, die höchstens der Schale die 
Dicke eines starken Papierblattcs gestatten. Ja, zuweilen ist 
nicht der geringste Zwischenraum zwischen Kern und Bcrgmittcl 
beobachtbar. Wohl aber findet sich aufs Strengste bestätigt, dafs 
jeder Streifung des Kernes genau eine ähnliche Vertiefung in der 
umgebenden Gebirgsmasse entspricht. Es mufste demnach an 
der .Schale jeder inncrn Erhöhung äufserlich eine Vertiefung, und 
umgekehrt, entsprechen. (Und gerade hierin spricht sich das 
Wesen der anorganischen Absonderung aus!) Da oftmals starke, 
gleich Leisten hervorstehende, Streifen plötzlich aufhören, an 
ihre Stelle wohl gar ähnlich grofse Vertiefungen treten, so sollte 
man wenigstens eine zerbrechliche Schale vermuthen; aber trotz 
dem ist nie eine zerbrochen. Ja, mau findet selbst die geboge- 



139 

nen Exemplare !n keinem Theile verletzt, den Parallclismus der 
Streifen aber immer streng bewahrt. Wollen wir demnach un- 
befangen nrtheilen, so Laben wir wohl Grund, die Sireifen für 
Absonderungen, aber auf keine Weise für organischen Ursprungs 
zu halten. 

Eine zweite Entscheidung der Frage ist aus den Formen 
zu entnehmen. Die eine Art derselben, welche mehr unbestimmt 
zu nennen sind, durchsetzen entweder die Schichten gleich quee- 
ren Gebirgsspalten, oder erheben sich senkrecht aus deu Schich- 
ten, am liebsten da, wo eine Kluftlläche sich eingesetzt hat. 
Ihre Anfänge erinnern selir an Duteumergelbildung, sie zeigen 
aber an der Aufseufläche. nur parallele Längenstreifen, nie wel- 
lenartige Queerstreifen. Man wird nicht leicht eine Spalte fin- 
den, an der nicht deutliche Anfange dieser Streifung zu sehen 
wären. Oft sind die Streuen noch mit fasrigem Kalkspalh über- 
zogen, der sich über dieselben parallel hinweggelegt hat. Durch 
die unbestimmte Mannigfaltigkeit dieser Formen \vird man am 
wenigsten an organische Ueberreste erinnert. 

Bei weitem mehr ziehen die bestimmten Formen unsere 
Aufmerksamkeit auf sich (Fig. 1 — 6). Sie gleichen mehr oder 
weniger gerundeten Säulen , die selten 3 — 4 Zoll Länge über- 
steigen. Da sich diese unter einander ähnlichen Gestalten unge- 
mein häufig wiederholen, so könuen sie nicht in zufälliger Ab- 
sonderung ihren gemeinsamen Grund haben. Ueberraschend ist 
es aber, dafs die gröfste Anzahl derselben genau den Umrifs des 
kleinen glatten Peclen discites Schi, zeigt, der so häufig in die- 
sen Gehirgsschichten zerstreut liegt. Näher untersucht finden 
sich wirklich noch viele Exemplare, welche von diesem Peclen 
an einem Eudc wie von einem rings passenden Deckel bedeckt 
werden ( Fig. 2. ). In den meisten Fällen liegt die Muschel so 
darauf, dafs ihre convexc Fläche nach Aufsen gekehrt ist, nur 
ein umgekehrter Fall ist mir bekannt (Fig. 5.). Die parallelen 
Streifen des Stylolilhen fallen genau mit dem Rande des Peclen 
zusammen, so dafs jede Unebenheit und jede Verletzung dessel- 
ben sich auf der Säule wiederholt. Exemplare mit gut erhalte- 
nen Schalen sind nicht ganz häufig, gewöhnlich ist die Schalen- 
tubslanz weggeführl, und an ihre Stelle eine schnmtzig gelbe 
Kalkmasse getreten : aber der Umrifs der Säule, so wie einige 



140 

AnTvacIissIreifen der Entlfläclic beweisen noch deutlich, dafs ein 
Peclen darauf safs. Fehlen äcm Pecten die Ülirenj so fehlen sie 
aucli der Säule. Kurz jede zufällige Verbrecbung der Schale 
pllanzf sicli mit mathemalischer Bestimmtheit auf die Säule fort. 
Es ist d;ilier unleugbar, dafs die Muschel mit der Bildung des 
Stylolilhen in engem Zusammenhange stand. Ja diese Behauptung 
trillt nicht blofs den kleinen Pecten, sondcru ich habe auch meh- 
rere Säulen von 1 — li Zoll Durchmesser, dessen Endlläche deut- 
liche Uebcrrcsle des gröfsern P. laevigahi« Schi, bedecken. Fer- 
ner finden sich Säulen von der Gestalt und mit dem Deckel einer 
Trigonia vulgaris, Terebratula vulgaris, Mijlilus facialis, kurz 
es kommt keine Muschel in der Schicht vor, welche nicht zu 
solchen Säulen Gelegenheit gegeben hätte, ja selbst die kleinen 
Trochilcn des Encriniles vulgaris (Fig. 4.), welche in unendli- 
cher Auzalil in einigen Slylolithenscbichten liegen, niacbcn keine 
Ausnahme. Am aulTullendsten war mir aber eine kurze Säule, 
die von einer Plagiosloma lineaium (Fig. 3.) bedeckt ist, 
deren grülster Durchmesser 3 Zoll beträgt. Die Sireifen der Säule 
sind genau so breit, wie die der Muschel am Rande, ciu Beweis, 
dafs ersterc von letztern abhängen. 

Durch diese Thatsachen i.-it es naturhislorisch erwiesen, dafs 
die Form der Stylolilhen von den sie bedeckenden Muscheln ab- 
hängt. Da die Absonderungeu in einer sich einsetzenden Discon- 
tinuität der Masse ihren Grund haben, so ist es auch wohl denk- 
bar, dafs eine Muschel dazu den ersten Impuls geben konnte. 
Gehen wir nemlicb auf die Entstehung der Muschelkalkschichlen 
zurück, wie sie im Urmeere als kalkige Schlammmassen nieder, 
geschlagen wurden: so war natürlich die hohle Fläche der festen 
Kalkschalen, welche in der weichen Schlaminschicht zerstreut 
lagen, sehr dazu geeignet, bei der Erhärtung der Schichten die 
in sich aufgenommene Kalkmasse rings vou der übrigen loszu- 
roifsen. Dafs diese Absonderungen in so grofser llegelmäfsigkeil 
vor sich gegangen, kann uns zwar Wunder nehmen, aber durch- 
aus keinen Einwurf gegen die Erklärung abgeben. 

Die regelmäfsigcn Säulen erheben sich gewöhnlich senkrecht 
aus der Schichtungsebene (Fig. 1.). In den meisten Fällen bildet 
die Muschel ihre obere Grenze da, wo ein hohler mit Thoolet- 
teu gefüllter Raum die Individuen von dem Bergmiltel trennt. 



141 

Nur wenige Beispiele kenne icli. wo das ümgclcelirle der Fall 
war, aber dann fand sich aiicli bestimmt auf dei' Untcrscile der 
hohle Raum. Die zweite Gränzfläcbe ist nicht immer bestimmt. 
Bald hüngl der Slvlolilh hier mit der homogenen (j'cblrgsniasse 
zusammen, bald setzt er auf <lcr Leltcnschiclit ah. oder geht auch 
wohl dnrch dieselbe hindurch, und verliert sich dann erst in der 
darunter liegenden Kallibank. Zuweilen scheinen sie auch eine 
den Schichten parallel gehende Absonderungsfliiche gemein zu 
haben, die mehr oder weniger von Zulälligkeiten abliüngt. Wäli- 
rcnd die kleinen unbestimmten Formen meistens die Milte der 
Bünke parallel mit der Schichtung durchziehen, stehen diese grö- 
fsern beslimmlera fast ausscbüefslich in der liegend der Ablö- 
gungsüächen , wo eine feine Lettenschicht die einzelucn Bänke 
von einander trennt. 

Der Erklärungsgruiid für den hohlen Raum in der Gegend 
des Muecheldeckels ist jetzt leicht zu finden. Da der Slylolilli 
nur an dem einen Ende mit der Gehirgsmassc zusammenhing, 
so konnte er sich beim Austrocknen der Schichten nur narh die- 
ser Richtung zusammenziehen. Er mufste demnach der Zusara- 
nienziehung der Gchirgsmasse etwas vorauseilen, weil letztere 
vermöge ihrer Scbichtuug sich nach beiden Richtnngen gleich- 
mäfsig zusammenzog. Dafs der hohle Kaum über der Muschel 
sieb mit Lcllcn füllte, ist weniger Scbwicrigkcilen unlerwoifen, 
da ihm durch die seilliche, wenn auch unbedeulendere Znsam- 
nicnziehung des Stylolithen, ein natürlicher Weg geüH'nel war. 
Man sieht daher auch nicht selten längs des Slylolilhen noch 
Letten abgesetzt. Erklärlieh ist es ferner, wenn der Slvlolilh 
kleinere Muscheln nicht nur durchsetzt, sondern auch zerbricht 
und verwirft: eiue Erscheinung, woraus v. Dechcn schon liitigst 
den anorganischen Ursprung desselben zu hekräftigcu suchle. 

Wenn es aber erwiesen ist, dafs eine Muschel zu solchen 
bestimmteu Absonderungen Gelegenheit gab, und zwar auf ganz 
mechanische Weise durch ihr blofses Dasein : so ist es nicht ab- 
zusehen, warum es nicht jede andere vom Kalksehlamme ver- 
schiedene Masse gethan haben sollte. Auf diese Weise sind au- 
genblicklich die vielen verschiedenartigen Gestalten erklärt, die 
noch dadutch vermehrt werde«, dafs die zwischeu den gedrängt 
itebcuden Individuen liegende Gebirgsmasse ebenfalls bestimmte 



142 

Formen zu Laben scheint. Doch soll damit nicht gesagt sein, 
dafs jedesmal zur Erregung ein fremdartiger Körper nolhwcndig 
wäre. 

Die Slylalillien finden sich nicht nur ausschlicfslich in den 
milllern Schichten des Muschelkalkes (dem Kalkstein ron Frie- 
drichshall), sondern sie sind schon längst aus dem Zechstein vou 
Grund am Harze und von Mausfeld hekannt. Die Beobachtung, 
dafs sie die räihselhaften Oolithen des bunten Sandstein durch- 
setzen, kann ich ebenfalls beslätigen. Selbst aus dem Juragebirge 
sind mir deutliche Spuren vorgekommen. Fieilich sind sie in 
allen diesen nicht so schön, als in unserm Rüdcrsdorfer Muschel- 
kalke. Doch glaube ich, werden auch andere Gegenden bald 
mit Rüdcrsdorf welteifern. Denn eine flüchtige Durchsuchung 
eines kleinen Steinbruches im Muschclkalke anilluy bei Schwane- 
bcck brachte mir sogleich mehrere Exemplare zu Iländcn, wie 
ich sie nach langem Suclicn kaum bei Rüdersdorf gefunden habe. 
Es bedarf daher nur der Aufmerksamkeit, um diese Thatsachc 
auch in andern Gegendeu bosläligt zu sehen. 

Die Stylolithen sind also, durch organische Körper 
geleitete Absonderungen, wie sich lir. Prof. Weifs kurz 
aber 'bezeicluiend ausdrückt. Wenigstens gilt dies von den be- 
stimmtem Formen, die zu geregelt waren, als dafs ein geübtes 
mineralogisches Auge sie hatte für zufallig erklären sollen. 



Beiträge zur Petrefakten künde. 
Von Demselben. 

öeildcro durch L. v. Buch's gründliche Untersuchungen die 
Bracliiopoden zu den ersten Leilmuscheln der Formationen er- 
hoben sind, verdienen sie vor allen andern die sorgfältigste 
Beachtung. Sowohl ihre grofsc Anzahl, als auch ihr vielfacher 
Formcnreichlhum ziehen sogleich beim ersten Auftreten der or- 
ganischen .Schöpfung unsre ganze Aufmerksamkeit auf sich. Denn 
bekanntlich halten wir das horizonlalgeschichtete Uebcrgangsge- 
birge des Norden bis jetzt mit Recht für die älteste Formation. 



143 

Ein liöclist feinkörniger Sandstein, licht gefärbt und oft denea 
des s|)atcrn Krcidegebiigcs auflallend ähnlich, lagert sich entwe- 
der UDmiUcIbar auf dem krystallinischen Urgebirge ab (Schweden), 
oder es liegt xwisclien beiden noch eine wenig mächtige Thon- 
schicfei'scliicht (Finnischer Meerbusen); darauf folgt in Schweden 
und Livland ein Kalkslein mit Trilobiten und Orlhoceratiirn über- 
füllt. Doch noch che diese auflrelen, sieht mau au der ganzen 
Küste des Finnischen Meerbusens von Reval bis Petersburg unter 
dem Triloliitenkalk eine kleine, kaum 6 Linien erreichende, 
zwcischalige Muschel in so gewaltiger Anzahl entwickelt, dafs 
sie ganze Schichten bildet, die theils in den Sandstein selbst 
noch hineingreifen, theils unmittelbar darüber liefen. Ihre genaue 
Symmetrie stellt sie ohne Zweifel zu den Ürachiopodeu, und 
Pandcr in seinen lieiträgeu zur Gcognosie des Russi- 
schen Ueiclics hat sie schon längst in vielen Arten abgebil- 
det, und mit dem bezeichnenden Geschlcchtsnamen 

Ungulites benannt. Da sie als zu den ersten Bewohnern 
der Erde gehörig ganz besonders Interesse haben, und sie über 
dies deu meisten Pctrefakteiikennern Deutschlands noch gänzlich 
anbckannl sein möchten, so dürfte eine kurze Besclireibung und 
Zeichnung besonders der innero Organe, die selbst dem Ent- 
decker noch unbekannt geblieben sind, nicht unwiUkuuimen sein. 
Wie Fig. 8. zeigt, so stechen auf der convexen Seite der 
einen Schale die feinen concenirischen Anwachsstreileu sehr 
deutlich hervor, ebenso feine Streifen, mehrmals sieh in ihrem 
Verlaufe Iheileud, strahlen von dem Wirbel nach den Kändern. 
Im jugendlichen Zustande hat die Schale grofse Aehulichkeit mit 
der Gestalt eines Fingernagels, allein später breitet sich der un- 
tere Kand schnell nach Aufscn aus, der Wirbeltheil bleibt viel 
I schmaler. Wichtiger ist die Innenseite. Der gleichschenkliche 
i stumpfwinklich-drcieckigcRaum der Schlofsgegcnd ist dem einer 
' Auster nicht uuähnlich. Die deutliche Streifung, welche von 
den einzelnen Lamellen der Schale herrührt, geht der Basis pa- 
rallel. Eine tiefe Furche trennt das Dreieck in zwei congruente 
Theilc. In dieser lag, wie bei Linguta, ein Band, womit das 
Tliicr «ich an äufscrc Gegenstände befestigte. Unter derSchlofs- 
I fläche %vnd die roncave Seile des lamellösen Schalentheilcs von 
einem llach ausgebreiteten glaltcu Kalkvvulst überzogen, der, wie 



1^44 

bei allen Bracliiopoden, verschiedene sich symmetrisch wieder- 
holende Zeichnungen zeigt. Hart unter der Schlofsfurche erhebt 
sich uiimllcli ein kleines länglich-rundes Roslellum, darunter folgt 
eine tiefe hcrzfürniigc Grube, die den herzförmigen Zeichnungen 
unserer Karlenblätter ganz gleichkommt; ihre Spitze ist, vom 
Rostellum weg, dem untern Muschelrande zugekehrt. Zu jeder 
Seite der herzförmigen Grube liegt ein länglicher Mnskeleindruck; 
diese Einrlriieke entspringen dicht an der Spitze des Herzens, 
und laufen, etwas breiter werdend, an den Seiten entlang. Un- 
ten werden sie von einer sich queer vor das Herz legenden 
schmalen Fläche begränzt, die fein puuktirt geneigt der lamel- 
losen äufsern Schale zu fällt, und so die unlere Gränze des In- 
nern Kalkwulstes bildet. Zu beiden Seilen dieser Fläche beginnt 
eine Furche, mit verhältnifsniäfsig grofseu vertieften Punkten 
überdeckt; diese beiden Furchen convergiren bis zu den Seiten 
des Rostcllums, welches dieselben von einander trennt, lieber 
den Furchen nach Aufscn und oben sitzt zu jeder Seite ein 
schmaler langer Muskeleindruck, der mit der Furche seiner Seite 
parallel läuft. Darüber wird die Fläche horizontal, glatt und 
verliert sich im Schlofsrande. Durch diese zierlich gezeichnete 
Kalkraasse ist die Schale in der Milte sehr verdickt, rings am 
untern Rande wird sie dünner, weil sie hier allein aus der äu- 
fsern lamcllösen Schicht besteht, die meistens verbrochen ist. Da 
die Schalen stets vereinzelt liegen, und nur mit grofscr Mühe 
aus dem Muschclkonglonierat heraus präparirt werden konnten, 
so müssen wir über die Gestalt der zweiten zugehörigen Valve 
in Zweifel bleiben. Jedenfalls ist sie äufserlich mit der erstea 
gleich gezeichnet, und auch ungefähr gleich gestaltet. Doch 
kommen Formen vor, die innerlich nicht eine gleich deutlich 
ausgeprägte Schlofsfurche zeigen, denen Roslellum und Herzgrube 
fehlt, und dessen unterer Rand, wie bei der Crania, bandförmig 
gezeichnet ist. Fast möchte ich lieber diese für eigene Species 
als für die andere zugehörige Schale halten. Doch ohne uns zu 
entscheiden, heben wir als Resullat hervor: dafs schon in 
den ersten Erdschichten Brachiopodeu in unzählba- 
rer Menge sich finden, deren vier Muskeleindrücke 
sammt dem Rostellum und der übrigen Zeichnung an 
Crania, deren Befestigung aber an Lingula erinnert. 

Kei- 



145 

Keiner von beiden angehörend, sind sie ein neuer Beweis, dafs 
die Geschöpfe, besonders der Uebergangsperiode nur selten in das 
System der lebenden passen, sondern meist verbindende Mittel- 
glieder bilden. 

Verlassen wir jetzt unsere Ungulitenschichten, in der nocli 
eine andere sonderbare, bis jetzt aber nicht gekannte Brachiopo- 
denart sich findet, und verweilen wir kurz bei der schönen li 
Zoll langen, und über l Zoll breiten 

Lingula (Fig. 9.), welche so ausgezeichnet in den über- 
liegenden Trilobitenkalken von Ehstlaiid bei Orrenhofen südlich 
von Reval vorkommt. Leider ist wenig von ihrer aufsein Schale 
übrig geblieben, aber selbst die Steinkernc behielten ihre cha- 
rakteristische zungenförmige Gestalt noch bei, und die sirahligen 
und concentrischen Streifen derselben deuten eine ähnliche der 
äufsern Schale an. Die strahlenden Streifen der äufsern Schale 
bestehen aus einer Reihe feiner Punkte, zu welchen sich die 
concentrischen Auwachsstreifen periodiscli erheben. Obgleich 
einige Strahlen unter ihnen sich durch ihre Gröfse vor den übri- 
gen auszeichnen, so scheint doch darin kein bcslimuites Gesetz 
zu sein. In der Mitte dem Schlofsrande näher zeigen liic Kerne 
i gewöhnlich beulenartige Verliefungen, weil hier die iunern Kalk- 
wülste durch die Steinkernbildung hinweggenommen siud ; von 
der Mitte aus fallen aber beide Schalen nach dem unteru graden 
Slirnrandc gleichniäfsig ab, so dafs dieser Theil mit der Schneide 
eines Mcifsels passend verglichen werden kann. Ausgezeichnet 
ist auf der einen Schale (Bauchschale) des Steiukernes eine 
tiefe .Spalte, welche schmal im Wirbel beginnt, und in der Mitle 
der Schalenlänge bei einigen Abänderungen bedeutend breit wird. 
Beim ersten Anblick wird man hier an Orbicula erinnert, allein 
da wir es mit Steinkernen zu thun haben, so befand sich hier 
Dothwendig eine eben so gestaltete Leiste, die bekanntlich allen 
Lingulen zugehört, und ein Analogon des innern Kalkgerüstes 
der Terebratcln oder des Rostellums dcrCranien ist. Sie erweist 
sich dadurch bestimmt als Lingtda. 

Die Lingula ist demnach eins der wenigen Geschlechler, 
welche von der ersten Formation an bis in die lebende Welt 
»Ich forlpflanztcn, ohne dafs man wesentliche Veränderungen in 
ihren Organen nachweisen könnic. Diesdbe innere Leiste, die- 

III. Jlhrg. I.Bind. 10 



146 

selbe Einfachheit der Gestalt findet sich bei unserer lebenden, 
wie bei jener der Urwelt. Vielleicht mochten die Thiere ver- 
schiedener sein, doch konnte dieselben diese Verschieden- 
heiten ihrer Schale nicht aufdrücken. Wenn nun schon die 
Formen dieser extremen Zeitalter sich berühren, so thun es noch 
vielmehr die der verschiedenen Formationen unter sich. In ei- 
nem deutlichen Grauwackenschicfer, den Sellow in Rio Grande 
Brasiliens sammelte, findet sich oftmals eine kleine Lingula ein- 
gestreut , die der JJngxila Beanii Phill. aus dem Dogger (Infer. 
Ool) von Yorkshire und den entsprechenden Schichten bei Gun- 
dershofcn (Elsafs) auflallcnd gleicht. Kaum dafs der Umrifs beider 
einen feinen Unterschied vermuthen läfst. Eine ganz ähnliche 
findet sich in den Geschieben der Mark mit PatellUes antiifuua 
Schi., Productus latus v. B. und Knochenresten (Fische?) zu- 
sammen. Eine Lingula exungxtis führt Eichwald ans dem 
Uebergangskalk von Petersburg an. Aufserdcm werden Lingulen 
aus dem Schieferthon des Kohlengebirges von Werdun (West- 
phalen), aus dem Muschelkalk und Keuper angeführt. Im Krei- 
degebirge ist sie bis jetit noch nicht bekauut geworden, doch 
soll sie sich im London Clay wieder finden. Alle diese Arten 
zeigen nur leichte Unterscheidungscharaktere, die hauptsächlich 
auf der modificirtcn Form der Schale und Leiste beruhen. Sie 
sind daher weniger l>eilmoscheln, haben mehr zoologisches In- 
teresse, da sie sich unmittelbar an die lebende L. anaiina des 
Indischen Oceans anschliefsen. 

Nicht weniger zoologisch-wichtig ist das Vorkommen einer 
Orbicula Cuv. im Muschelkalke vom Lohberge bei Tonna 
(TliUi'iugen). So ausgezeichnet die lange Spalte der flachen 
Schale bei der im nordischen Meere sich findenden Palella ano- 
mala Müll, ist, die später Cuvier zu einem eigenen Geschlecht 
erhob: eben so selten kann man diesen Charakter bei den petri- 
ficirten Schalen erkennen. Nur ein glücklicher Zufall zeigt uns 
die flache Schale, welche das Thier in seinen natürlichen Lagen 
gegen äufserc Gegenstände drückt, um sich mit seinem kurzen 
Muskel festheften zu können. So werby 's Zeichnung von Or6i- 
cula re/lexa Iah. 506. Jtg. 1. aus dem Lias von Whitby ist viel- 
leicht die einzige, welche diesen Charakter deutlich zeigt. Er 
fügte zwar dieser noch zwei andere Species aus den Oolithen 



147 

hinzn, beobnchtete aber an ihnen die Spalte niclit, sondern er- 
schlofs das Geschlecht nur aus der tellerförmigen Oberschale. 
Leopold' T. Buch vries ganz analoge Oberschalen selbst ans dem 
Rotheisensteinlager der Grube Martenberg im Waldeckschen ohn- 
weit Stadtberge nach, und legte auf diese Weise ihre allgemeine 
Verbreitung dar, denn auch in der englischen KrcideforraatioD 
finden sich einige Arten. Die Zeichnung beider Schalen in 
unserer T. III. Fig. 10 u. 11. wird beweisen, dafs sie sich auch im 
Muschelkalk findet, und zwar ist diese der O. re/Iexa so ähnlich, 
dafs man sie nur mit Mühe unterscheidet *). Die flache, sehr 
wenig nach Aufsen convexe Unterschale hat eine Längcnaxe, un- 
merklich gröfser als die gröfste durch den Mittelpuukt gehende 
Breitenaxe, nach dem Schlofs hin vrird sie etwas schneller schmä- 
ler, als nach der Stirn. Die Anwachsstreifen, welche fast ma- 
thematisch genau im Mittelpunkte beginnen , gehen dem änfscrn 
Rande parallel. Am Ende einer kleinen Leiste,' kaum 1 Linie 
lang, welche wie ein Durchmesser die ersten Kreise der Anwachs- 
Btreifen halbirt, beginnt die grofse Spalte, welche sich plötzlich 
Erweitert, und sich in der Schlofsgegend nicht wieder zu schlie- 
f»en scheint. In der Spaitengegend ist die Schale etwas stark 
MGh Aufsen gedrängt. Von der Mitte ausstrahlende Linien 
kann man nicht entdecken. Ueber dieser flachen Schale erhebt 
sieh die patellenförmige gewölbte obere. Ihr stumpfer Wirbel 
steht genau in der Halbirungsebene, und um ihn herum laufen 
concentrisch die Anwachsstreifen. Er ist dem Schlofsrande zuge- 
kehrt, und seine Entfernung von demselben mehr als um dab 
Doppelte kürzer, wie die von dem Slirnrande. Vom Wirbel zum 
Stirnrande erhebt sich die Schale zu einem sehr schwachen Kiele. 
Nach heiligender Etikette: „Käthselhafte, noch unbestimmte Ver- 
ateinemng, aus der merkwürdigen Schichte des Musfhelkalkflötz- 
steins mit eingewachsenen kleinen Berg- und Quarnkryslallen am 
Ijohberg bei Tonna. Von einigen wird diese Ver.stcinening für 
eine Patelle gehalten, von andern zu den Gryphiten gerechnet. 
Am wahrscheinlichsten keins von Beiden." hatte Schlot heim 



*) Nach V. Alberli's MltthellaDg soll dieselbe mit Capulua mitra- 
tu» Goldf. (bei Dechcn) aus dem Oluscbelkalt: von V'illingen ühorein- 
•timmen. 

10* 



148 

das Exemplar wohl gekannt, aber es weder benannt, noch in 
seiner Petrefaktenkunde aufgeführt. 

Dieses zweite deutlich erkennbare Beispiel von einer Orbi- 
cula mnfs uns vorsichtig machen, nicht jede pafellenförmige 
Schale sogleich für eine wirkliche Patella zu erklären. Denn 
beide Formen gehen so unmerklich in einander über, dafs es 
schwerlich gelingen möchte, falls die flache Schale fehlt, einen 
bestimmten Unterschied ausfindig zu machen. Sobald der Wirbel 
stumpf und dem Schlofsrande genähert ist, kann man wohl im- 
merhin geneigter sein, die Schalen für Orbioulen zu halten. Des- 
halb dürfte auch der PatellUes discoides Schi, aus Weimar hier- 
hergehören, den schon Schröter Einl. Tom. IV. tab. i.Jig. 9. 
abgebildet hat. Ja es kommen ganz ähnliche Schalen im schwar- 
zen Uebergangsthonschiefer mit Orthis jenseits der Alpen bei 
Sabbia unfern Brescia vor. Im systematischen Verzeichnifs der 
Petrefaktensammlung des Frh. v. Schlotheim ist sie aXsPateüa 
palellaria aufgeführt. Dafs sich Orbiculen wirklich im Ueber- 
gangsthonschiefer finden, kann uns derselbe Brasilianische Gran- 
wackenschiefer, worin wir die Lingula auszeichneten, beweisen. 
Denn hierauf liegt dicht neben einer Orthis eine fast kreisrunde 
flache Schale mit einer Spalte, die im Mittelpunkte beginnt, und 
sich wieder schlielst, ehe sie die Schlofskante erreicht. Die Schale 
ist in der Spaltengcgeud ebenfalls etwas nach Aul'scn gedrückt 
Ueberhaupt bedürfen die Palellilen des altern Gebirges noch einer 
genauem Sichtung. Der Schlotheim'sche P.coslatus aus dem 
Kalkstein von Histerich ist offenbar nur ein an beiden Seiten 
concaver Fisch- oder Saurierwirbel. Der P. primigenus Schi, aus 
dem Uebergangskalk von Gladbach zu unvollständig, als dafs ich 
mich darül)er entscheiden möchte, doch wäre es wohl möglich, 
dafs die vorhandenen Exemplare sich eher an Wirbelknochen, als 
an Patellen anschlössen. Vor allen ausgezeichnet ist der kleine 
elliptische P. anlitiuus Schi., den Schlotheim abbildet. Er 
hat sich bis jetzt nur iu der Mark als Geschiebe gefunden. Trotz 
seiner Häufigkeit habe ich doch nie eine flache Unterschale an 
ihm entdecken können. Er steht bis jetzt noch ganz allein da, 
und möchte wohl nicht zu den Orbiculen gehören. Mit ihm 
kommt der PatellUes cingtilatus Schi, vor, der laut der Petrefak- 
tenkunde p. 115. auf einem Kalksteingeschiebe mit Cranioliten 



^ 149 

ans der Sandsteingrabe bei Kopenhagen aufliegen soll. Dem 
Ganzen liegt eine Betrügerei zum Grunde. Erstens ist das Ge- 
stein, zwar im Allgemeinen ähnlich, doch näher betrachtet, von 
den Geschieben (aus der Kreideformation) der Kopenhagener Grube 
ganz verschieden. Es finden sich darin weder die sogenannten 
Brattenburger Pfennige (Crania Bralleiiburgensis Schi.) noch die 
Dentalien, sondern Versteinerungen, welche die Märkischen Ge- 
schiebe auszeichnen. Alsdaun ist der vermeintliche Patellit nichts 
anderes, als eine künstlich umgearbeitete gelblich übertünchte 
Muschel, die, nachdem sie gewaschen war, sich deutlich als ein 
kleiner gestreifter Productus zu erkennen gab, an dem der Grif- 
fel auf der einen Seite nachgeholfen hatte. In dem Pat. cortiu- 
copiaeformis Schi, auf einem Hornsteingescliiebe von Aachen er- 
kannte L. V. Buch sogleich eine Arcacee, die feinen nach den 
Rändern strahlenden Streifen dienten ihm als Beweis. 

Ans Vorbesagtem sehen wir, dafs die Orbicula ebenfalls sehr 
allgemein verbreitet ist. Von ihren Schalen zeigt die obere we- 
nig ausgezeichnete Merkmale, so dafs sie nicht nur schwer von 
Palella, sondern eben so schwer, wie bei Lingida der Fall war, 
unter sich zu unterscheiden sind. So lange das Hauptinteresse 
noch auf die generellen Kennzeichen gerichtet sein mufs, ver- 
meiden wir geflissentlich die speciellen Unterscheidungsnamen. 

Schon L. V. Buch macht iu seinem klassischen Werke über 
Terebrateln p. 72. darauf aufmerksam, wie ähnlich die leitende 
Ter prlsca Schi, des Ucbergangsgebirges der in der Magellani- 
schen Meerenge lebenden Ter. dorsula sei. Und in derThat ist 
es oft auffallend, wie gerade die Geschöpfe des ältesten Gebirges 
den noch lebenden gleichen, von denen man es am Wenigsten 
erwarten würde. Vor allen gehört hier hin Madreporites slel- 
/a<u« Schi, der in der Silurischen Formation Englands sich an 
vielen Orten findet. Aus der Eifel uud von Bensberg hat ihn 
Goldfufs ah Aslraea porosa beschrieben, und die schwedischen 
Forscher nennen die Exemplare von der Insel Gothland Madre- 
porn irUerslincla. Wegen ihrer zwölfslrahligen Zelle stellte sie 
Ehrenberg zu den Millcporinen. Zwischen diesen gröfsern 
stehen kleine sechsseitige, beide, die grofsen und kleinen Zellen 
sind eigentlich lange Röhren, welche vom Mittelpunkte nach der 
übcrllächc des Korallcnstockes ausstrahlen, und durch Queer- 



150 

Lamellen in Fächer getheilt sind. Die gröfsern Zellen treten 
näher oder entfernen sich Ton einander, je nach der Anzahl der 
kleineu sechsseitigen dazwischen liegenden Zellen. Ja die Koralle 
geht unmittelbar zu den Favositen (Calamoporen) über, sobald 
die Zwischenzellen ganz fehlen, Uebergänge, die man vielfach 
nachweisen kann. Ganz denselben Bau zeigt die noch im Indi- 
schen Meere lebende Mitlepora caerulea Linn., die so wesentli- 
chen Antbeil an dem Bau der Korallenioseln nimmt, nur haben 
bei der fossilen die meisten Abänderungen gröfsere Zellen. Nicht 
minder auHallend ist die Aehnlichkeit des glatten HelicUes heli- 
ciHaeyormis Sclil. Ton Pfaffrath mit dem Trochus vesiiarius Linn. 
(fiotella Lam.) aus dem Indischen Ocean. Dächte man sich die 
lebende um das Doppelte gröfser, so würde es uns schwer werden, 
sie von der fossilen bestimmt zu unterscheiden. 



Erklärung der KapfertafeL 

Fig. 1. Stylolitben, wie sie im Gestein sitzen, mit oben auflie- 
geuden Muscheldeckeln, der obere hohle Raum zwi- 
schen Schale und Bergmasse sichtbar. 

Fig. 2. Slylolith in geneigter Stellung mit aufsitzendem Pecten 
disciles Schi., die Muschel von der Schlofskante ge- 
sehen. 

Fig. .3. Kurze Stylolithcnsäule mit aufsitzendem Plagiostotna li- 
neatiim Schi., die Streifen der Säule entsprechen den 
Streifen der Schale. 

Fig. 4. Trochit Ton EncrinUes lUiformis, unter dem sich eine 
kleine Slylolilhensäule gebildet hat. 

Fig. 5. Stylolith mit einem Schalcndeckel, dessen concave Seite 
nach .4ufsen gekehrt ist. 

Fig. 6. Stylolith mit einem Muschelbruchstück. 

Fi^. 7. Ungiilites Pand. innere Ansicht, die 4 schmalen Mns- 
keleindrücke, die herzförmige Grube, das Kostellum 
und die Ligamentfurchc des Schlosses deutlich. 

Fig. 8. Aeulsere Ansicht desselben Ungulileu. 

Fig. 9. Ling^äa aus dem Uehcrgangskalke bei Reval. Steinkern 
der Bauchscliale. auf dem die Leiste einen tiefen Ein- 
druck zurückgelassen. 

Fig. 10. Oberschalen einer OrhictUa aus dem Mnschelkalke bei 
Tonua. 

Fig. 11. Die Unterschale derselben mit der deutlichen Spalte. 



Üeber die gestielten Eier der Schlupfwespen 

VOD 

Prof. Dr. Th. H a r t i g. *) 



(Hierra Ta£ IV.) 

l_)ie weiblichen Geschlcchtätheilc der Aderflügler enden ohne 
Ausnahme in einem, iwbchen zwei hornigen Scheideklappen 
(Fig. 3. o.) liegenden Hülfsorgan zum Ablegen und Versenken der 
Eier io das Innere der Pflanzen oder thierischer Körper. Dies 
letztere, der eigentliche Legstachel, ist in den verschiedenen 
Gruppen der wespenartigen Insekten sehr verschieden gebildet, 
er tritt als Säge, Messer, Raspel, Harpune. Bohr, Stachel geformt 
auf, stimmt aber bei Allen darin überein, dals er aus zwei Haupt- 
glücken , einem oberen und einem unteren zusammengesetzt ist 
(Fig. 10. a. 6.), von denen das obere meist die Form einer nach 
unten geöffneten Röhre hat (Fig. 8.) und als Eileiter dient, wäh- 
rend das untere Stück, das eigentliche Organ zum Sägen, Ste- 
chen etc. stets seiner ganzen Lange nach gespalten und nur au 
der Basis verbunden ist. Daher theilt sich der Legstachel unter 
dem Prefsschieber meist in drei Borsten, von denen die dickere 
ausgehöhlte der Eileiter, die schmalen, plattenförmigen, an der 
Spitze gezähnten Borsten hingegen die beiden symmetrischeu 
Uäinen des unteren TLeils sind, welche ich mit dem Ausdruck 
Grälen bezeichne. Bei mehreren Blattwespen ist auch der Ei- 
leiter der ganzen Länge nach bis zur Basig gespalten, wo dann 



*J Als AoLündi<;un° meines zu Ostern 1S.37 im Vrrlage der Haude- 
Spener'scliea Bacliliaadtuug erscbeinemlen Werts über: die Aderflüg- 
ler Deuts clilands, mit besonderer Berüctsichliguni; ihres Larveo- 
Ktandes an<l ihres Wirkens in Wäldern und Gärten, liir Entomologen, 
W»ld. nnJ Gartenbesitzer bearbeitet, lle Abtheilnng: Blattwespen and 
llultnespen. ÜUt H Steindrucktafebi. 



152 

(luicli Druck zwischen Glasplatten eine Trennung in vier Theile 
bewirkt weiden kann; da aber die Gräten mit dem Eileiter stets 
dui'cli eine Nalh an der oberen Seite der Grälen nnd eine hakig 
gebogene Läugsleiste am Unlerraude des Eileiters verbunden sind 
(S. Fig. 9 a. b. Legstachel youTt-yphon rulllatar im Durchschnitt), 
so zertheilt sich der Legstachel z. B bei Clntbex bei gelindem 
Druck zwischen den Fingern nicht in vier Theile, sondern in 
zwei seitlich auseinander weichende symmetrische Hälften, jede 
aus dem halben Eileiter und der entsprechenden Gräte bestehend, 
welche beide nur mit Gewalt aus ihrer innigen Verbindung ge- 
rissen werden können. Vermöge dieser Verbindung der Gräten 
mit dem Eileiter können erstere, ohne sich von letzterem zu 
trennen, hin- und hergeschoben werden, worauf besonders das 
fellenartige Wirken des Apparats beruht. Beim Versenken des 
Legstachels werden nämlich die Spitzen der Gräten über die des 
Eileiters hinausgeschoben, und der letztere in die gewonnene 
OelTnung versenkt, worauf durch wiederholtes liin- und herschie- 
ben der Gräten am ruhenden aber eingedrückten Eileiter, die 
Oeffnung bis zu der Stelle verlieft wird, an welcher ein zum Ab- 
legen des Eis geeigneter Gegenstand sich darbietet. Das abzu- 
legende Ei wird schon vor Beginn der Arbeit des Versenkens in 
den Eileiter gebracht und ruht während derselben an einer oft 
etwas erweiterten Stelle vor der Spitze des Eileiters. Ist der Ort 
zum Ablegen des Eies gefunden und bereitet, so wird es aus dem 
Eileiler zwischen den Gräten herausgedrückt, und bleibt, beim 
Zurückziehen des Legorgans in der Wunde zurück. 

Bei den parasitischen Hymenoptcren werden die Eier auf 
diese Weise in andere lebende Insekten versenkt; die ausgekom- 
mene Larve nährt sich bis zu ihrer Ausbildung vom Fettkörper 
der Raupe, unbeschadet deren weilcrer Enlwickelnng bis zum 
Puppeustande hin; oder sie lebt pscudoparasilisch in Eiern oder 
Puppen, gröfstentheils püanzenfresscnder Insekten, mitunter sogar 
äufserlich an ihren Feinden schmarotzend, wie ich dies bei Bra- 
conen an Ilolzkäferlarvcn, bei Pteromalinen an Gallwespenlarven 
direkt und hanfig beobachtet habe. 

Etwas Aehnliches wie bei jenen Letzteren findet bei vielen 
Schlupfwespen der Gattung Tryphoti Grhst. statt, deren Weibchen 
die gestielten Eier nicht in die Raupen ablegen, sondern nur mit 



« 



^ 



153 

dem knopfartig erweiterten Ende des Stiels in der Ranpeahaut 
befestigen, worauf die ausgekommene Larve, mit der geplatzten 
Eischale in Verbindung bleibend, aufserlich die Säfte der Ranpe 
saugt. 

Die ersten und einzigen Naclirichten über gestielte Sclilupf- 
wespen-Eier verdanken wir Albin, Bonnei, Goedart und 
Degeer, von denen jedoch Degeer allein eine genauere 
Beschreibung und Abbildungen des Gegenstandes liefert. Nach 
Degeer versenkt das Weibchen, angeblich von Ophion luteus, 
seine schwarzen gestielten Eier, %vie ich solche Fig. 7. nachge- 
bildet habe, zu 6 — 8, mit dem kuopfförmig erweiterten Ende 
des Stiels in die Haut der Raupe von Harpyia vimäa, und zwar 
auf die vorderen Segmente des Leibes. Beim Auskommen der 
Larve soll die obere Hälfte der Eischale wegfallen, die Larve 
selbst aber mit dem Afterende so fest in dem napfTörmigen Ue- 
berrest der Eischale hängen bleiben, dafs sie sich von ihm nur 
unter Zerreifsen der Haut absondern läfst. Auf diese Weise durch 
das Ei am Körper der Raupe befestigt, soll sich die Larve in 
die Raupenhaut einbeifsen, und bis zur nahenden Verwandelung 
die Säfte derselben aussaugen. Die Larve, mit dem Afterende 
in der gestielten Eischale hängend, habe ich Fig. 16. derDegeer- 
scben Abbildung nachgezeichnet. Nach dem Einspinnen der Raupe 
sollen sich die Larven ebenfalls, innerhalb des Raupencoccons, 
eigene, y Zoll lange und 2 Linien dicke feste Gespinnste fertigen, 
aus welchen im folgenden Jahre die Wespen erscheinen. Die 
Eier sollen der Raupenliaut so fest angeheftet sein, dafs sie nur 
durch Zerreifsen von ihr getrennt, auch bei den Häutungen der 
Raupe nicht abgestreift werden. 

Die Beschreibung, welche Degeer von der gezogenen Wespe 
giebt, stimmt sowohl mit Ophion luteus, als mit Paniacus iesta- 
ceus uud Mesoleptus ieslaceits, mit letiterera besonders in Rück- 
sicht der Fühlcrfärbnng überein. Die Zähnung der Klauen kann 
nicht entscheiden, da sie bei allen drei genannten Arten vor- 
handen ist, eben so wenig Degeer's Bestimmung des Insekts 
als Ophion luteus, da zu jener Zeit die feineren Unterscheidungs- 
merkmale im Verlauf des Flügelgeäders und der Bildung desStiel- 
scgmcnts noch nicht beachtet wurden. Vergleicht man die ge- 
gebenen Abbildungen, so lüfst sich aus der Bildung des Sticiseg- 



154 

ments mit Bestimmtheit entnehmea, dafs Ophion Mens das ge- 
zogene Insekt nicht ist. Hierzu kommt, dafs alle neueren Beob- 
achter, Bechsteiuj Bouche, Drewsen und Boie, Graven- 
horst, ich selbst, den wirklichen Ophion luleus nie aus B. vinula 
sondern stets aus Eulenraupen gezogen haben. Die Länge des 
Legstachels und die Bildung des Stielsegmenis spricht für Panis- 
eus testaceu»; die aul^erdem nur bei Trypbonen wiedergefunde- 
nen gestielten Eier hingegen fiir Mesoleptus. 

Was Degeer und seine Vorfahren an Paniscus iesiaceus 
beobachteten, ist bei den ächten Tryphonen eine nicht ungewöhn- 
liche Erscheinung, doch ist Hr. Gravenhorst der einzige, wel- 
cher ihrer gedenkt. Ichneumonologia Europaea 7'. II. p. 151. heifst 
es in einer Note zu Tryphon pinguis: „2 venlri ante anum cor- 
puscula mulla elUpticopyriformia, siraminea, apice nigra, racemose 
juncla, adhaerent. Oua esse videntur, ab animati mortis angore par- 
ia, quemadmodum muttorum hombijcum feminae , acu perforatae, 
ova purere, et ad anum coadcervare solent. " 

Aufserdem hat Hr. Gravenhorst solche Eiertrauben noch 
bei "Pryphon albovinctus und varitarsus seiner Beschreibung ge- 
funden. 

Im hiesigen entomologischeu Kabinet befindet sich ein Weib- 
chen von Tr. pinguis mit siebzehnbeeriger, zwei von Tr. vari- 
tarsus mit sechs- u. zehnbeeriger, ein anderes noch unbeschrie- 
benes, Tr. varitctrsas nahe verwandtes Tryphonen -Weibchen mit 
zwölfbeeriger Eiertraube. 

Die gröfsle Zahl der Eier, in sechs u. dreifsigbeeriger Traube 
(Fig. l.) trägt ein unbeschriebenes Weibchen meiner Sammlung 
(Tryph. Cancer n.) Tr. varitarsus besitze ich mit ncunbeerigcr, 
Tr. aibovinctus mit funfzebobeeriger Eiertraube. Einzelne Eier 
im verlängerten Legstachel, wie dies Fig. 3. darstellt, fand ich 
unter den Tryphonen meiner Sammlung bei Tr. elongalor Grhst., 
Tutilaior Grhst., caudatus n. , mergator n. und Sphinctus seroli- 
nus Grhst. In Folgendem werde ich die Resultate meiner mi- 
kroskopischen Untersuchungen dieses Gegenstandes im Auszuge 
mittheilen. 

Das eben gelegte, mit dem Knopf im Eileiter hängende Ei 
der weiblichen Schlupfwespe ist vollkommen geschlossen, derb- 
häutig, keulenförmig, an der Spitze abgerundet, an der Basis in 



155 

einen längeren oder kürzeren Stiel auslaurend, dessen Substanz 
die der Eiscbale selbst ist (Fig. 4 — 7). Giebt man dem Objecte 
halbes Licht, so gewahrt man deutlich, dafs die Membiam der 
Eischale nicht einfach, sondern panzerähnlich gebildet ist (Fig. 
11. 12.). In dem erweiterten Theile liegt ein, denselben fast ganz 
ausfüllendes, eiförmiges Ei (Fig. 4 — 6.) im Innern mit Bläschen- 
haufeo, schwimmend in klarer Flüssigkeit, erfüllt. Die IMembran 
dieses inneren Eies wird später zur Larvenhaut, und schon vor 
dem Zerplatzen der Eischale gewahrt man am oberen abgerun- 
deten Ende die allmählige Entwickeluug der hornigen Kopfhaut 
(Fig. 4.). Das Ende des Stiels ist knopfartig erweitert, wie dies 
aus den Abbildungen zu ersehen, der Knopf meist von derselben 
derbhäutigen Masse wie der Stiel selbst, bei Tryphon mtilalor 
besonders grofs^ hornig, schwarz, spindelförmig, an einem Ende 
gabelförmig gespalten, am vorderen gekrümmt und vor der stum- 
pfen Spitze verdickt. 

Bei Sphiiiclus serotintis ist der kurze Stiel der Eischale seit- 
lich inserirt (Fig. 5.), wie dies, nach Degeer's Abbildung auch 
bei Paniscus der Fall ist (Fig. 7.). Die Lage des Knopfes im 
Eileiter ist aus den Figuren 8 (der isolirte Eileiter von Tr. ruli- 
lator VCD unten gesehen) und 9 (der ganze Legstachcl im Durch- 
Bchnitt) zu entnehmen. 

Bei denTryphonen mit Banchas- ähnlichem Hinterleibe (Tr. 
[Monoblashis n.] caudaius Fig. 3. mergator, ruiitalor, elongator) 
kommt stets nur ein meist gelbliches Ei im Legstachel vor und 
ich habe sie hier nie anders als ungeöffnet gefunden. Basselbe 
ist bei Sphinctus der Fall. Bei den Tryphonen mit Ichneumonen- 
Sbnlichem Hinterleibe hingegen (bei Tr. [Polijblastus n.] Cancer 
Fig. 1., varilarsus, aliovinclus, pinguis) finden sich deren meh- 
rere, und zwar in verschiedenen Entwickelungs -Stadien. Die 
äufsersteo Eier sind die zuerst gelegten, die Eischale ist bereits 
geplatzt, und die Larve sieht mit dem grofsen schwarzen horni- 
gen Kopfe aus der Spalte hervor. Die mittleren Eier sind zwar 
nicht geplatzt, aber die schwarze Hirnschale scheint an der Spitze 
durch, und dunkelt diese. Die hintersten jüngst gelegten Eier 
»ind ganz und einfarbig weifs oder gelb — letzteres nur bei Tr. 
pinguis. Hier hat man also die engste Entwickelung der geleg- 
ten Eier in fortlaufender Veränderung vor Augen, die darin he- 



156 

ruht, dafs die Spitze der Eischale der Länge nach spaltet (Dafs 
dies auch bei der von Degeer beobachteten Larve der Fall ist, 
leigt seine Abbildung, Fig. 16. unserer Tafel, und es ist wohl 
ein Irrthum, wenn Degeer sagt, dafs die obere Hälfte der Ei- 
schale abfalle), worauf mit dem allmähligen Wachsen der Larve, 
diese immer weiter mit dem Körper aus dem Kelche hervortritt. 
Bis jetzt ist es mir nicht geglückt, die weitere Entwickelong 
und Lebensweise der Larven zu erforschen, doch können hier 
Degeer's Beobachtungen mit ziemlicher Sicherheit als ergän- 
zend angenommen werden. Fig. 17. habe ich den Kopf und die 
ersten Segmente einer Selandrien-Raupe meiner Sammlung, mit 
dem, genau zwischen Kopf und Prolhorax abgelegten gestielten 
Ei einer Schlapfwespe abgebildet. 

Bei einiger Behutsamkeit gelingt es ganz gut, die lebende 
Larve zwischen Glasplatten aus ihrer Schale herauszudrücken, 
ohne dafs dabei der Körper verletzt wird, der demnach mit der 
Schale selbst in keiner Verbindung steht. Fig. H. habe ich die 
in der Eischale steckende Larve mit hervorstehendem Kopf von 
der Seite, Fig. 12. von unten, Fig. 1.3. die Larve aufser der Ei- 
guhale abgebildet. Die Kopfbildung der Larven ist so eigen- 
thümlicb, dais sie sich in dieser Hinsicht mit keiner anderen 
Aderllüglcrlarve auch nur entfernt vergleichen lasson*). Der Kopf 



*) Eine Kenntnifs der parasitisch lebenden Wespen -Larven habe ich 
mir auf eigentliütnlicbe Weise, und zwar d.idurcb zu verschalTen gewufst, 
dafs ich aus Raupen, Puppen oder Coccons, welche inir ParasiU-n gelie- 
fert halten, die letzte abgestreifte Larvenhaut derselben hervorsncbte, 
aufweichte, und deren Hlundtheile, deun dies ist ohnetilD das einzige Cha- 
rakteristische derselben, mikroskopisch untersuchte. Bei einer Auswahl 
onter 4 — 500 von mir selbst gezogener Parasiten ist es mir geglückt, 
den Larvenstand dieser Thiere wenigstens in allgemeinen Umrissen nach 
Gattungs- Charakteren zu bezeiclincn. Art -Charaktere werden sich, mei- 
ner Ueberzeugung geniiifs, bei den Larven dieser Insekten -Gruppe nie, 
ivenigstens nur fiir sehr einzelne Fälle aufstellen lassen. So gilt auch 
hier, was irh von den Larven der Tryphoiieu berichte, nur fiir die ge- 
nannten Arten, fiir sie aber altgemein, wohingegen andere Tryphonen- 
Larven, z. B. die der Gattung Exenterus n (Tryphon Grhst. tibiia po- 
gticis spinis apicalihui nullis, mediii unispinoiis e. gr. Tr. marginü' 
lorius Grhst.), die von Tryphon auliciis, die der Scolohaten, Sletopier 
und ächten Mesoleptcn, bei weitem weniger von der allgemeinen Bildung 
abweichen. 



157 

bildet, in den mir allein bekannten früheren Entwickeluagssla- 
dien über -} der ganzen Körperlänge. Seine Längenachse ist 
nicht parallel der des übrigen Körpers, sondern durchschneidet 
diese in einem Winkel von circa 140 Graden, so dafs der ganze 
Kopf unbeweglich nach der Brust gekrümrat erscheint. Der ganze 
obere Theil des Kopfes wird von zwei Hirnsclialen (Fig. 15. o.a.) 
und einem langgedehnten hornigen Kopfscbildchcu (Fig. 15. J.) 
Bwigchea denselben beschützt. Schon darin liegt ein wesentli- 
cher Unterschied Ton allen übrigen mir bekannten Aderllügler- 
Larven, dafs das Kopfsehild, welches sonst stets nur bis zur Mitte 
des Kopfes hinaufsteigt (Fig. 17.), hier bis zum IJinterrande der 
Hirnschale sich erstreckt, und letztere vollständig trennt. Der 
Hirnschädel selbst ist von einer derben hornigen Substanz und 
glänzend schwarz. Etwas unter der Gesichlsmitle, dicht neben 
dem KopfscLildcheu steht jederscits ein aufsergewöhnlich kleiner 
FühlcrQeck. Augen fehlen wie bei allen Aderüüglerlarven, 
mit Ausnahme der Blallwespen, gänzlich. Dem vorderen Rande 
der- hornigen Kopfschale ist eine hautige ungefärbte Oberlippe 
angehängt (Fig. 12. 14. 15. c), welche die Maudibcln bedeckt, in 
der Mitte zwei kleine dunkle Hornflecke trägt. Die Maudibeln 
sind lang, ungezähnt, scharf zugespitzt, gewöhulich gebildet, aber 
In der Mitte so stark gebogen , dafs sie mit den Spitzen in den 
Mund hinein stehen, also wahre Haken. Ihrer Basis ist der ge- 
wöhnliche Kauknochen angehängt. Die Unterlippe (d.) ist weich, 
häutig, warzig; die gewöhnlichen Tasterwärzchen habe ich nicht 
auigefundeu. Dieser ganze Theil ragt bedeutend, fast sackähn- 
lich hervor, und ist beim lebenden Insekt in einer steten Bewe- 
gung, indem die Membran abwechselnd cingciogen und aufge- 
bläht wird, eine Verrichtung, die mit dem Geschäft des Saugens 
in Verbindung zu stehen scheint. Die Basis der Unterlippe wird 
durch das gewöhnliche Zungenbein, dessen unterer Theil breit, 
hornig, dreispilzig ist (Fig. 11. 12. c), gestützt; die Spinnöffnung 
hat eine bornige Einfassung ; den gewöhnlichen Spinnknochen 
an den Seiten des Zungenbeins vermisse ich hingegen. Fig. 14. 
habe ich zur bessern Versinnlichung den Kopf der Larve etwas 
von der Seite und schräg von vorn gesehen, Fig. 15. von oben 
und schräg von hinten gesehen in Umrissen dargestellt. 

Ungewöhnlich ist ferner die Stellung der Hrothorax-Stigmen, 



158 

■welche, wie dies die Figuren 13 und 15. nachweisen auf dem 
Rücken des Piolhorax, dicht hinter der Hirnschale nahe bei ein- 
ander stehen. Der übrige, madenfarbige, mitunter gelbe/ zwölf- 
ringige walzige Körper hat nichts weiter Auszeichnendes, und 
mag die nnter No. 13. gegebene Abbildung für das Weitere ge- 
nügen. 

Nur die eicrlragenden Tryphonen mit viclbcerigcr Traube 
lassen sich mit Bestimmtheit von Tryphon Grhst. trennen, indem 
die Klauen beider Geschlechter, wie bei den Ophionen bis zur 
Spitze stark kammzähnig sind (Fig. 18. von Tr. Cancer «.), ein 
Charakter, den schon das einfach geschärfte Auge herausfindet. 
Ich würde daher für diese, schon wegen ihres, sowohl in Form 
als Wesen so sehr abweichenden Larvenstandes, bestimmt von 
Tryphon zu trennende Gruppe den Gattungsnamen Polylilasttis 
vorschlagen. Die Klauen der Tryphonen mit einfachem Ei im 
Legstachel sind, wie die aller übrigen Tryphonen nur an der 
Basis mit einige» zugespitzten Zähnen besetzt, die gleich so 
tief stehen, dafs sie ohne Zergliederung selten wahrnehmbar sind 
(Fig. 19.). Will man diese von Tryphon Grhfit. trennen, so ist 
die Banchus- ähnliche Forip des Hinterleibes und der hervor- 
stehende Legstachel, der einzige beachtenswerthe Charakter der- 
selben. Man könnte die Gruppe als Moooblasten bezeichnen. 

Schlierslich erlaube ich mir noch die Bemerkung in Bezie- 
hung auf das oben angekündigte Werk, dafs dasselbe nach fol- 
gendem von mir entworfenen System der Aderllüglcr 



r abdomiiic coii 



libiis anticis „ , ,, j „„ 
spinis apicalibas /bi'''^ "/""S 
nuaLius ^ r ' 



/ aoaomuic coii- \ .. ,. 

( nali^ 1 titlllS antlClS rr r i 

irochanteribus \ "''" / spinis apicalilms ,^, y"^''"^? 

blarticulalis l ( simpliciLs (Hollwespen) 



e 



I H. dilroclia i „ varasilica 

i abdomine vcl sessili vel petiolato /c,,?i„_f „ QM. 

Wespen) 
Sl' / trochantcribus ( '»«is basi simplicibus H. rapientia 

'inarticulalis (Staubwespen) 

H. monutrocha ^ tarsis basi pleramque dilatatis ff. anlJiopfiila 

(Bluraenwespen) 

entworfen und geordnet ist. Die erste Abtheilung wird die Ein- 
leitung zur Geschichte der Aderflügler und, nebst meinen Erfah- 



159 

rangen über den Larvenstand der Blatt- und Holzwespen, 
eine vollständige Uebersicht sämmilicher bisher bekannt gewor- 
denen, deutseben Aderflügler dieser Gruppen und zwar 381 Blatt- 
wespen-Arten, worunter über 96 Arten nea enldeclit oder noch 
unbeschrieben sind, und 20 Holzwespen-Arten, gewähren. Die 
bereits beschriebenen, im Larvenstande noch nicht beobachteten, 
oder ökonomisch unwichtigen Arten sind nur mit der Diagnose 
bezeichnet, während alle von mir neu aufgefundenen oder bisher 
unbeschriebenen, so wie die schon früher bekannt gewordenen, 
ökonomisch wichtigem Insekten speciell beschrieben sind. 

Die beiden nächstfolgenden Abtheilungen, von denen die 
erste, Ichneumonides genuini Grhst., bereits grofstentheils bear- 
beitet ist, werden in gleicher Art und Weise die parasitischen 
Aderflügler umfassen. Für diese Theile ist meine Sammlung be- 
sonders reich an unbeschriebenen Arten. Indem ich vorzugs- 
weise in den ausgedehnten Kiefer-Waldungen der Marken und 
Pommerns sammelte und Kiefer-Insekten in Zwingern erzog, 
mufsten, bei der Bestimmtheit, mit welcher die Schlupfwespen 
innerhalb gewiss'er Grenzen auf gewisse Ernährer angewiesen 
sind, viel nubckannte Parasiten in meine Hände fallen, da gröfsere 
Kieferwaldungcn , wenigstens bisher, seltener von sammelnden 
Entomologen besucht wurden, als die an Insekten -Arten reiche- 
ren Lauhholzwälder, Gärten und Wiesen. So wird z. B. die Zahl 
der von Hrn. Gravenhorst beschriebenen Arten der Gattung 
Pimpla, allein aus meiner Sammlung von 30 auf 49 gesteigert. 
Die Zahl der von mir selbst gezogenen Parasiten beläuft sich 
weit über 400, von denen mindestens | unbeschrieben sind. Mit 
Hinzuziehung der früheren Beobachtungen ergiebt sich hieraus 
schon eine recht hübsche Uebersicht des Wirkens dieser Insek- 
tengrnppe, die um Vieles noch gewinnen würde, wenn es neue- 
ren Beobachtern gefallen wollte, mir ihre Beobachtungen mitzu- 
theilen, die ich, mit dem gröfsten Danke, aufzunehmen bereit bin. 



Beobachtungen über den Dachs. 

Von 

Stanisl. Const. v. Sicmuszowa-Pietruski, 

mcbrercr gclelirten Gesellichaftcn Milgliede. 



Im Mai des Jahres 1833 bekam ich zwei junge Dachse, ein 
Mäunchen nnd ein Weibchen, welche hüchstens 4 Wochen alt 
waren. Während der ersten Tage ihrer Gefangenscliaft waren 
diese Thierchcn ziemlich scheu, indem sie aus Furcht Tag nnd 
Nacht iu einen Ballen zusammengerollt zu schlafen schienen. In 
5 Tagen verging jedoch ihre Furchtsamkeit gänzlich, so dafs sie 
das ihnen vorgehaltene Futter aus den Händen nahmen. Sic 
frafsen Alles, Brod, Früchte, Milch, am liebsten jedoch rohes 
Fleisch. Anfangs hielt ich sie in meinem Wohnzimmer, nnd sie 
waren so zahm und zutraulich, dafs sie auf den ihnen gegebenen 
Namen, wie kleine Hunde nachliefen. Ich erhielt sie auf diese 
Art in meinem Zimmer 3 volle Wochen, bis sie mir endlich 
durch ihre Unruhe hei der Nacht und durch die immerwährende 
Lust zum Graben lästig wurden. Dieses hewog mich, für sie 
einen grofscn Kälig von Eiscnstäbeu machen zu lassen, nach Art 
der Thierbchällcr der Menagerie -Inhaber. Dieses Bcliällnifs war 
draufsen an der Wand meines Hauses angebracht. In diesem 
Käfig behielt ich meine Dachse den ganzen Sommer hindurch. 
Das Reinhalten wurde jedoch pünktlich beobachtet. Erst mit 
Annäherung des Herbstes fühlte ich die Unmöglichkeit meine 
Thierchen hier länger halten zu können. Starke Frösle verhin- 
derten das Reinhalten, und ihr Fell wurde schon Anfangs Oclo- 
bers sehr schmutzig. Ich beschlofs daher, sie ganz naturgeniäfs 
zu hallen und dieser Versuch glückte mir fulgcndermafsen voUens. 
Ich liefs zu diesem Zwecke über einen ummauerten Graben, wel- 
cher 20 Ellen im Durchmesser hatte, noch einen onicullichen 
Zaun ziehen. Im Zaune befand sich eine Eingangslhür, durch 

wel- 



161 

welche man mittelsh Treppen in den Graben eingehen konnte. 
Im Graben inwendig Ilefs ich ein 6 Schnh langes, 6 Schuh brei- 
tes und 4 Schuh hohes Häuschen bauen, mit einer kleinen Ein- 
gangsthür. In diesen Graben nun wurden meine Dachse einge- 
lassen , die sich bald gewöhnten. In ungefähr 10 Tagen fingen 
sie schon an, eine naturgemäfse Höhle zu hauen. Bewunderungs- 
würdig war dabei ihre uuermiidete Thätigkeit. Sie gruben im- 
mer mit ihren Vorderpfoten; der Hinterfüfse bedienten sie sich, 
um die herausgegrabene Erde aus dem Loclie hinauszuwerfen. 
Das Weibchen war bei diesem Geschäfte viel thätiger, als das 
viel schönere und gröfscre Männchen. Innerhalb 2 Wochen war 
schon die Höhle 5 Schuh lief, aber noch immer innerhalb des 
für sie gemachten Häuschens. Jetzt wurde alle mögliche Thä- 
tigkeit angewendet, um sich diese Höhle zu erweitern, damit 
die zwei Thiere bequem darin schlafen könnten. Es mangelte 
ihnen noch an eiuem guten Lager, und als ich bemerkte, dafs 
sie das in ihrem Bezirke beßndlichc Gras pflückten und ihrer 
Höhle zutrugen, liefs ich ihnen frisches Heu holen, welches sie 
sehr gut zu benutzen wafsten. Es gewährte einen sehr anzie- 
henden Anblick, wie sie die ihnen vorgeworfenen Heubündel 
nach Art der Affen zwischen ihre Vorderpfoten nahmen, und so 
ihrer Wohnung zutrugen. Das fortwährende Graben dauerte 
doch noch immer, und ich hatte das Vergnügen zu bemerken, 
daCs meine Thiere neben der ersten Höhle, welche zur Schlaf- 
kammcr bestimmt war, noch eine andere gruben; diese wurde 
zur Vorralhskammer bestimmt. Bald darauf machten sie noch 
eine dritte kleinere Höhle, wo sie sich ihrer Excremenfe entle- 
digten. Es war aber noch immer nur ein Ausgang und zwar immer 
noch innerhalb des für sie gemachten Häuschens vorhanden; aber 
nun wurde alle mögliche I\Iühc verwendet, um sich einen zwei- 
ten Ausgang aufserhalb des Häuschcus zu macheu. Als sie die- 
ses bezweckt hallen, waren sie vollkommen frei, indem sie, 
obgleich die Thür des Häuschens zugcmaclit war, aus- und ein- 
gehen konnten, und wenn sie einmal in dem Graben waren, 
konnten sie durch Zaunlöcher, welche grofs geimg waren, auch 
in den Garten gelangen. Sehr schön war es, zuzusehen, wie sie 
II. schönen hellen Nächten im Garten zusammen spielten. Sie 
Ijilltcn, wie kleine Hunde, murmelten wie Murnielthicrc, um- 

Ill.Jihrg. I.Band. 11 



162 

armten einander zärtlich wie Äflen, und trieben tausenderlei lu- 
stige Possen. Wenn ein Schaaf oder Kalb in der Gegend kre- 
pirte, so waren die Dachse immer bei dem Aase die ersten. 
Unglaublich fast war es zu sehen, was sie für grofse Stücke 
Fleisch Viertelmeile weit in ihre Höhle schleppten. Das Männ- 
chen entfernte sich selten von seiner Wohnung, aufser wenn es 
der Dünger trieb. Das Weibchen folgte mir aber auf allen mei- 
nen Spaziergängen bis in die benachbarten Dörfer, wie eine Hün- 
din nach. Die Monate December und Januar verschliefen sie 
in der Höhle; im Februar wurden sie lebhafter. In diesem Mo- 
nate wurde das zweijährige Weibchen läufisch. Die Begattung 
ging den 30. Februar von Statten, und zwar Abends. Das Weib- 
chen legte sich auf den Rücken und empfing umarmend das 
Männchen. Die Brnnstzeit dauerte bis zum 15. März, also zwei 
Wochen, wo mich ein Unglück der Freude beraubte, meine Be- 
obachtungen weiter fortsetzen zu können. Das trächtige Weib- 
chen wurde den 1. April in einem benachbarten Walde in Eisen, 
die man auf Füchse gestellt hatte, gefangen, und von unkundi- 
gen Jägern erschlagen. 



Steganotoma*) not, gen, 

von 

Dr. F. H. T r o s c h e I. 
(Hierza Taf. III. Fig. 12-1.3.) 



Unter den Conchylien des franiösischen Reisenden Lamare 
Picquot, dessen Sammlung, meist aus ostindischen Arten be- 
stehend, auf Befehl Sr. Maj. des Königs für die zoologischen 
Maseen derPieufsischen UniTcrsitäten angekauft ist, befindet sich 
eine Art, welche, obgleich der Gattung Cyclosloma nahes lebend, 
doch unbedingt eine eigene Gattung bilden mufs. Sie zeichnet 
sich durch eine ganz eigentbümliche Bildung der Apertur aus, 
was ofTenbar mit den Organen des Thieres in genauem Zusara- 
menhaoge steht. Um so mehr ist es zu bedauern, dafs nur die 
Schalen vorhanden sind, da doch gewifs eine Untersuchung des 
Thieres interessante Resultate geben würde. 

Das Charakteristische der Gattung besteht in einem tiefen 
Einschnitt am Labrum, der oben dicht an der Torhergehenden 
Windung sich findet. Er krümmt sich ein wenig der frühern 
Windung zu und ist unten abgerundet, wie Taf. III. Fig. 1.3 zeigt. 
Schon das Vorhandensein dieses Einschnittes würde die Trennung 
von der Gattung Cyclosloma veranlassen, wenn auch keine an- 
dere Kennzeichen hinzukämen, und es würde dann diese neue 
Gattung Sleganoloma zu Cijclosioma Lam. etwa in dem Verhält- 
nisse stehen, wie Pleurotoma zu Fusus, welche sich im Wesent- 
lichen nur durch das Vorhandenseiu oder Fehlen eines ähnlichen 
Einschnittes im Lairum unterscheiden. Es i!.t jedoch die Bil- 
dung der Apertur der vorliegenden Schalen nicht so einfach, und 

*) von axfyavöi; bedeckt, mit einem Däche Versalien, und xofuj der 
Einschnitt. 

II * 



164 

etwas Analoges ist mir in der Conchyliologie nicht bekannt. Es 
scheint nämlich , als wenu das Gehäuse aus zwei iueiuanderste- 
ckenden gewundeneu Röhren bestände, deren jede einen beson- 
dern Mundsaum hätte. Der innere ist ziemlich scharf, nicht um- 
gelegt, steht etwas vor dem äufsern vor, und er ist es, in dem 
allein der charakteristische Einschnitt sich befindet. Der äufscre 
Rand dagegen ist etwas umgelegt, daher etwas kürzer und bildet 
so fast in dem ganzen Umfange der Apertur aufsen eine scharfe 
Wulst. An der Stelle, welche dem Einschnilt des inuern Mund- 
saumes entspricht, erhebt sich der äufserc in eine starke Wöl- 
bung, und bildet so gleichsam ein Dach über dem Einschnilt, so 
dafs die entsprechenden Theile des Thieres, die wir leider nicht 
kennen, durch die Spalte treten können, ohne deshalb einer fe- 
sten schützenden Hülle zu entbehren (Taf III. Fig. 12.). 

üebrigens hat die Schale ganz das Ausehn eines Cyclostama. 
Sie ist sehr niedergedrückt, fast scheibenförmig. Die Umgänge 
sind cylindrisch, allmählig weiter werdend, durch tiefe Nähte 
getrennt, und lassen einen weiten olTeuen Nabel. Die Mündung 
ist kreisrund. Ob alle etwa noch zu entdeckenden Arten dieser 
neuen Gattung ebenfalls ein niedergedrücktes und weit genabel- 
tes Gehäuse haben, ist sehr ungcwifs, und sogar unwahrschein- 
lich, wenn man au die Verschiedenheit, welche sich in dieser 
Hinsicht in der Gattung Cyclosloma zeigt, denkt. Daher können 
diese Merkmale noch nicht in den Gattungscharakter aufgenom- 
men werden. 

Ein Deckel ist vorhanden, und zwar ist er von einer eben- 
falls ganz besondern Bildung. Seine äufscre Fläche ist stark 
concav, die innere dagegen stark convex, weshalb der Deckel 
tief in die Schale hineinragt. Sollte vielleicht der Einschnitt in 
der Apertur dazu dienen, die Communication der Luft mit dem 
Thiere bei geschlossenem Deckel zu erhalten? Dann würde 
wohl eiu solcher Deckel bei allen Arten vorkommen, und somit 
in den Gattuugscharakter aufgenommen werden müssen. Ob diese 
Bildung aber der Gattung zukommt oder nur der Art, kann nicht 
entschieden werden, bevor mehrere Arten dieser interessanten 
Gattung bekannt sind. Die Bildung des Deckeis kann also auch 
noch nicht in den Gattungscharakter aufgenommen werden, da 
doch ohne Zweifel eine Art mit dem Einschnitt und dem Dache 



165 

darüber in 'ditee Gattung geliören würde, wenn sie auch einen 
Deckel ganz anderer Art hätte. Deshalb bleibt auch die Beschrei- 
bung des Deckels bis zu der Beschreibung der Art vorbehalten. 

Nach allem diesem würde sich der Gattungscharakter etwa 
so stellen lassen : 

S t e g a 71 o t o VI a. 

Testa — , anfractibus cylindraceis, aperfura rotunda, labro 
prope anlVactum praecedentem incisura profunda praedito, incisura 
lamina distante extus tecta. Operculum. 

Hierher als einzige bis jetzt bekaunte Art: 
St e g anot oma pict a. 

St. testa depressa, suborbiculari, solida, albida, fascia fusca 
cincta, maculis striisque fuscis fulgurantibus radialis picia; supra 
snbplana, spira prominula, infra late umbilicata; anfractibus sub- 
senis, cylindraceis; suturis profundis; operculo acetabuliformi. 

Das Gehiiusc ist niedergedrückt, fast kreisförmig, fest, we- 
nig durchscheiuend , wenig glänzend. Auf dem schmutzig wci- 
fsen Grunde finden sich aufser einer braunen Binde, welche auf 
der Mitte der \Vindungcn verläuft, Flecke und blitzähnlich ge- 
schlängelte Linien von derselben Farbe, die strahlenförmig vom 
Mittelpuukte auslaufen, doch so, dafs sie auf der obern Fläche 
breiter und dunkler, auf der untern dagegen schmaler und heller 
sind. Die obere Fläche ist fast eben, und die Spira springt nur 
wenig hervor; die untere stark cono^v, und bildet einen offenen 
weiten Nabel, in dem man fast alle Windungen verfolgen kann. 
Die Windungen sind genau cylindrisch, nehmen allmählig an 
Weite zu, und legen sich nur in einer sehr schmalen Fläche an- 
einander, so dais die runde Gestalt der Mündung durchaus nicht 
durch die vorhergehende Windung verändert wird, und dafs so- 
wohl auf der obcrn als unteru Fläche tiefe Nähte entstehen. Die 
Müudung ist schon im vorigen genau beschrieben worden. 

Thier — ? 

Durchmesser der Schale 8'" (Par. M.); Höhe der Schale 3i"'; 
Durchmesser des Deckels 2f "', Höhe des Deckels 1^"'. 

Der Deckel (Taf. Hl. Fig. a, b, c.) zeichnet sich durch eine 
«augnapfahnlichc Gestalt aus. Die äuTsere concave Fläche ist glatt, 
glänzend, braun. Auf der Innern convexen Fläche windet sich 
eine Lamelle in sieben bis acht ziemlich engen Windungen schrau- 



166 

beaförmig nach dem Gipfel oder Mittelpunkt hin, und läfsl oben 
einen mehr oder weniger grofsen runden, braunen, etwas glän- 
zenden Fleck frei, der durclischeinend ist. 

Fundort: Beiigalep, gesammelt von Lamare Picquot. 



Neue Süfswasser-Conchylien aus dem Ganges 
von Demselben. 



In der Lamare Picquotschen Sammlung beßnden sich überdiefs 
besonders scliönc Land- und Süfswasser-Conchylien, auf deren 
Bestimmung ich viel Zeit und Mühe verwendet habe. Alle zu- 
gänglichen Hülfsmittel der Berliner Königlichen Bibliothek sind 
SQrgfältig benutzt worden, und obgleich leider derselben einige der 
neuesten kostbaren Reisewerke noch fehlen , so halte ich mich 
doch für Cberzcngt, dafs die nicht zu bestimmenden hierher ge- 
hörigen Conchylien der Wissenschaft neu sind. Denn sollten 
dieselben bereits in gröfsern hier fehlenden Werken beschrieben 
sein, so würde deren doch ohne Zweifel schon in Zeitschriften 
Erwähnung gcthaa sein. — : Wenn gleich die Aufstellung und Be- 
schreibung neuer Arten nicht das Erste und Wesentlichste in der 
Wissenschaft ist, so kann ich doch unmöglich mit denen über- 
einstimmen, welche mit Unwillen auf dieselben als auf einen 
unnützen Ballast der Wissenschaft herabblicken. Besonders ist 
die Betrachtung der Formen einer gewissen Lokalität gewifs nicht 
ohne Interesse, und aus dem Gesichtspunkte, dafs die folgenden 
Beschreibungen einen Beitrag zu der Fauna von Bengalen liefern, 
glaube ich dem Tadel der Artengegner zn entgehen. Wohl hätte 
ich gewünscht, dafs dieser Aufsatz von Abbildungen begleitet 
würde, indessen liefs dies die Einrichtung des Journals nicht zu. 
Die Abbildung bleibt daher für einen andern Ort vorbehalten. 
Für jetzt beschränke ich mich auf die Süfswasser-Conchylien; 
die Land -Conchylien werden in einem der nächsten Hefte folgen. 



167 

Liimnaeus Lani. 
1) Limnaeus paiulus nov. ap. 

L. testa impcrforata vel vix rimala, ovato- acuta,' tenuissima, 
pellucidissima; spira medlocri, acuta; ultimo anfractu ventricoso, 
i testae longo, maiginc esteiiore patulo. Anfr. 5 — 6. 

Das Gehäuse ist ungcnabelt, länglicl. eiförmig, mit ziemlich 
ausgezogenem sehr spilzeni Gewinde, hell gelblich hornfarbig, 
mit einem Stich ins Rolhe, sehr leicht und zerbrechlich, seiden- 
artig glänzend, rcgelmäfsig und nett der Länge nach fein gestreift. 
Vop den 5 — 6 Umgängen ist der letzte bei weitem der gröfseste, 
so dafs er f der ganzen Schale ausmacht; er ist nie mit einer 
stampfen Kante, wie dies bei L. stagnalis gewöhnlich ist, ver- 
sehen, sondern wölbt sich flach vou der Spira zur Basis hin. 
Die Spira, deren Windungen etwas gewölbt, uud in merklichen 
Nähten vereinigt sind, ist kegelförmig und geht in eiue sehr 
feine Spitze aus, die meist dunkelbraun und glänzend ist. Die 
Mündung ist länglich eirund, bei ganz ausgewachsenen Exempla- 
ren halbkreisförmig, immer vorn breit gerundet, hinten einen 
spitzen Winkel bildend. Die Columella verhält sich ganz ähn- 
lich wie bei X. stagnalis, und ihr Rand ragt etwas in die Mün- 
dung hinein. Die Columellarplatte liegt fest an der vorletzten 
Windung an, uud läfst nur selten die Spur einer Nabelrilze. Der 
Aufsenraiid ist sehr weit vorgezogen, besonders nach vorn zu. 

Länge des Gehäuses 20"' *); Breite der letzten Windung 11'"; 
Höhe der letzten Windung 6'"; Länge der Mündung 15'". 

Thier: — ? 
Anm. Diese Art, welche sich durch besondere Nettigkeit auszeich- 
net, ist yiii meisten dem L. stagnalis verwandt, unterscheidet sich jedoch 
wcsenlüch von ihm durch den vorgezogenen Aufsenrand bei erwachse- 
nen Exeni|ilareo, durch die kürzere Spira, und durch die geringe Wöl- 
bung des letzten Umganges. 

2) Limnaeus sulcatulus nov. sp, 
L. testa rimata, ovata, acuta, tenui, lougitudinaliter sulcata; 

spira mediocri, acuta; ultimo anfractu \ testae longo; apertura 

oval^, plica columcllari profunda. Anfr. 5 — 6. 

Das Gehäuse ist eiförmig mit ausgezogenem spitzen Gewinde, 



*) Die tliiafse sind in Pariser Linien angegeben. 



168 

Lellgelb hornfarbig, und geht durch Ausbleichen gern in eine 
milchweifse Farbe über, wobei es jedoch seinen Glanz ziemlich 
behält; es ist zerbrechlich, aber doch in geringerem Grade, wie 
Jj. patulus, auch bei weitem weniger durchsiclxlig, zumal in dem 
so eben erwähnten niilchwcifsen Zustande, in dem sich die mei- 
sten vorhandenen Exemplare befinden, und zu dem selbst die 
frischesten scbon hiuneigeu. Die letzte Windung ist bauchig, 
wölbt sich ziemlich flacb von der Spira zur Basis hin, und ist der 
Länge nach regelmäfsig und seicht gefurcht. Diese Furchen ma- 
chen eineu Bogeu nach dem Aulsenrande der Apertur hin, was 
darauf hindeutet, dafs sie durch das fortschreitende Wachsthum 
der Sehale entstauden sind ; parallel mit diesen Furchen ist die 
Schale, wenn man sie durch die Loupe betrachtet, fein gestreift. 
Die Spira, welche aufser der letzten noch aus 4 — 5 Windungen 
besteht, die durch eine benicrklicbc Naht verbunden werden, ist 
kegelförmig, und geht in eine feine Spitze aus, die mit einem 
dunkelbraunen hellglänzenden durchsichlif en Punkte, der ersten 
Windung, endigt. An der Spira bemerkt man ebenfalls, wenig- 
stens an den spälern Windungen derselben, die Furchen. Die 
Mündung ist länglich eirund, vorn ausgerundet, hinten spitz. Die 
Columellarfalte ist sehr tief, und in ibr schliefst sich die Colu- 
mellarplalte nicht genau au die Münduug an, sondern läfst einen 
sehr deutlichen Nabelritz offen. Der Aufsenrand ist nie vorge- 
zogen, sondern im Gcgentlieil häufig in der Mitte etwas ange- 
drückt, scharf und schneidend. 

Länge des Gehäuses 15'"; Breite der letzten Windung 8'"^ 
Höbe der letzten Windung 7'"; Länge der Mündung 10"'. 

Thier: — ? 

3) Linmaeus amygdalum nov. sp, 

L. testa imperforala vel vix rirnata, colore stramineo vel 
cycaceo, nitida, ovata; spira mediocri, acuta; ultimo anfractu a 
tcstae longo, margine exteriore plus minus adpresso. Anfr. 5, 
rarissime 6. 

Das Gehäuse ist gewöhnlich ungciiabelt, eiförmig, mit aus- 
gezogenem spilzigen Gewinde, strohgelb oder sagofarbig fcyca- 
ceusj, mit Wachsglanz. In der Festigkeit steht es dem L. sul- 
calulus kaum nach, doch ist es um etwas mehr durchscheinend. 
Die letzte Windung ist bauchig, wölbt sich nicht eben stark 



169 

von der Spira zur Basis hin, und ist der Länge nach meist ziem- 
lich rcgclmäfsig und seicht gefurcht, worin es mit L. sulcaUdus 
übereinstimmt. Die Furchen sind besonders nach def Naht, die 
die letzlc Windung mit der vorhcigcheudcn maclit, deullich und 
von grofscr Hegelmäfsigkcit und Zierliclikcil. Cliarakterislisch ist 
für diese Art die iS'eigung ein gegillertes Ansehn zu gewinnen. 
Dies geschieht jedoch nicht durch Qucrslreifen oder Furchen, 
sondern es bilden sich vielmehr gern in den Längsfurchen kleine 
erhabene Querleisten, die jedoch nicht so regelmäfsig vorkom- 
men, dafs die benachbarten ancinandcrslofscnd Querleisten biU 
den sollten. Häufig bemerkt man aber Querstreifen, welche, 
ohne erhaben zu sein, nur ihren Grund in der abwechselnd grö- 
fscrn oder geringem Durchsichtigkeit haben. Die Spira ist aus- 
gezogen und endet mit einem dunkelbraunen glänzenden Knöpf- 
chen in eine scharfe Spitze. Die letzte Windung schliefst sich 
so an die Spira an, dal's dadurch kein bedeutender Winkel, son- 
dern nur eine leise Ausschweifung hervorgebra^lit wird, und 
die Schalen sind daher in Gröfse und Gestalt den Mandeln nicht 
unähulich. Die Mündung ist länglich eiförmig, vorn ausgeruiidet, 
hinten spitz. Die Columellarfultc ist bei weitem weniger tief 
als bei L. sulcalulu^, und die Columcllarplatle, welche oft kaum 
beraerklich, oft auch, besonders bei der var. cycacea sehr be- 
trächtlich ist, läfjt keinen oder doch nur einen sehr unbedeu- 
tenden Nabcirilz. Der Aufsenrand ist nicht vorgezogen, sondern 
mehr oder weniger angedrückt, wodurch zuweilen ein fast birn- 
oder flaschenförniiges Anschn der Mündung hervorgebracht wird. 

Länge des Gehäuses 1.3"'; Breite der letzten Windung 8'"; 
Höhe der letzten Windung 6'"; Länge der Müudung 9|"'. 

Thier: — ? 

Anm. Diese Art ist, wie aus der Besclireibnng liervorgelit, eine 
gat unterschiedene. Es tieliiideo sich unter den vorhandenen Exempla- 
ren zwei verschiedene Fürbunj^en, so dafs man geneigt sein könnte, sie 
als verscliiedenc Arten zu Letracliten, da sich kaum ein Uebergang 
von einer Farlje in die andere findet. Da jedoch dies der einzige Un- 
terscliied ist, der sicli bei genauerer Untersucliung ergiebt, so scheint 
<s, dafa sie als Varietäten zu einer Specles gestellt werden müssen. Es 
kann ja auch eine Lolalverscbiedenheit leicht auf die Färbung der Schale 
einwirken. Wir uutersclieidea also 
a) Var. colore »tramineo die sicIi durch ihre strohgelbe Farbe leicht 



170 

kenntlich macht, und bei der die Columellarplatte meist nar sehr schwach 
angedeutet ist; 

/?) vor. cycacea wegen der dem getrockneten Sago so sehr ähnlichen 
Farbe. Bei ihr ist die Columellarplatte stärker, und schon wegen der 
Farbe schärfer begrenzt nnd kenntlicher. 

4) JLimnacus prunum nov. sp. 

L. testa ovata, rimata, subglabra, subtilitcr striata; spira 
globoso-acula, anfractibus convexis, suturis profundis; ultimo an- 
fractu testae dimidium superante; apertura ovato-aciita. Anfr.6. 

Das Gehäuse ist verlängert eifurmig, etwas bauchig, dünn, 
fein und dicht der Länge und Quere nach gestreift, sehr hell 
Lorngelb, seidenglänzend, durchscheinend. Von den sechs durch 
eine tiefe Naht vereinigten Windungen ist die letzte gröfser als 
die Spira und gleichmäfsig gewölbt, ohne eingedrückt zu sein. 
Das Gewinde, dessen Umgänge sehr gewölbt erscheinen, endigt 
in eine stumpfe Spitze. Die Mündung ist länglich, immer schma- 
ler als bei den beiden folgenden Arten, vorn ausgerundet, hinten 
spitz. Die Colinuella springt wenig in die Mündung hinein, son- 
dern geht in der Richtung der Ase ziemlich gerade nach vorn 
und ist sehr wenig bogig, so dafs man sie auch nicht, wie bei 
den meisten andern Arten, weit mit dem Gesichte nach dem In- 
nern der Schale verfolgen kann. Die Coluniellaiplatte legt sich 
sehr breit auf die vorletzte Windung, und läfst einen unbedeu- 
tenden Nabelritz offen. Die Coluaiellarfalte ist nicht sehr lief. 
Der Aufscnrand ist scharf und schneidend ; er macht mit der 
Spira keinen bedeutenden Winkel. 

Länge des Gehäuses 12'"; Breite der letzten Windung 7'". 
Höhe der letzten Windung 6"'; Länge der Mündung 8'". 

5) Limnaeus cerasum nov. sp. 

an Lymnea liileola Lara? 

L. testa subglobosa, rimata; spira prominula, acuta; ultimo 
anfractu ventiicoso a testae longo; apertura ovalo- acuta. Anfr. 6. 

Das Gehäuse nähert sich schon sehr der Kugelgestalt, was 
durch die stärkere Wiilbung der letzten Windung und durch die 
weniger ausgezogene Spira hervorgebracht wird. Obgleich in 
vielen Beziehungen eine Verwandtschaft dieser Art mit der vor- 
hergehenden nicht zu läugnen ist, so berechtigt doch schon die 
Verschiedenheit der Gestalt, abgesehen von andern kleinen lln- 



171 

terschiedca, sie als verschiedene Species anzusehen, nnd da sich 
beide in der Form etwa verhalten, wie die Pflaume zur Kirsche, 
so haben wir daher Gelegenheit genommen, sie mit diesen Namen 
zu belegen. Die folgende Art ist ihnen auch verwandt, und 
bildet in Hinsicht auf den IJau der Schale ein Mittelglied zwischen 
beiden, doch ist sie mit keiner von beiden zu verwechseln. Das 
Gehäuse ist ferner dünn, zerbrechlich, hell hornbraun, glänzend, 
durchscheinend, meist der Länge nach mit gebogenen, glatten, 
seichten Furchen versehen, die durch häuQge kleine Querhervor- 
ragungen gern ein gegittertes Ansehii gewinnen. Von den sechs 
Windungen ist die letzte bei weitem die gröfseste, und wölbt 
sich ziemlich stark von der Spira zur Basis hin. Die Spira ist 
kur* und ziemlich spitz. Die Windungen derselben sind weni- 
ger gewölbt, als bei der vorigen 'Art, und deshalb die Nähte 
weniger, obgleich immer noch merklich, vertieft. Auch in der 
Gestalt weicht die Spira von der der vorigen Art ab, indem bei 
L. prunum die Wölbung derselben von der letzten Windung zur 
Spitze convcx, bei L. cerasum dagegen concav ist. Die Mündung 
ist eiförmig, vorn breit ausgeruiidel, hinten spitz. Die Colu- 
mcUarplaltc ist breit umgelegt und dunkler als die Schale, und 
läfst in der nicht eben tiefen Columellai falte einen sehr geringen 
Nabeli'itz offen. 

I^änge des Gehäuses 10'"; Breite der letzten Windung 7y"'; 
llöhe der letzten Windung 6'"; Länge der Mündung 8"'. 

Thier: — ? 

6) Limnaeus nucleus 7iov. sp. 

L. testa ovata, vix riuiata, Cornea; anfractu ullimo f testae 
longo, impresso; apertura ovata, margine exteriorc impresso suh- 
cordala; margine columcllari reflcxo. Anfr. 6. 

Das Gehäuse ist eiförmig, und erhält durch den Eindruck in 
die letzte Windung ein fast flaschep- oder birnförmiges Ansehn. 
Es ist im Verhältnifs zu den übrigen Limnaeen fest, matt glän- 
zend, und etwas durchsichtig an der letzten Windung, nicht aber 
an der Spira, welche fast immer mit einem leichten schwärzli- 
chen Ueberzuge, der sich auch häufig bis auf die Hälfte der letz- 
ten Windung erstreckt, bekleidet ist. Von den 6 Windungen ist 
die letzte die gröfseste, und nimmt etwa ^ der Länge des Ge- 
häuses ein. Sie ist rundum nicht gleichmäfsig von der Spira 



172 ' 

zur Basis gewölbt, sondern etwas eingedrückt, wodurch, da in 
den Nähten der Ansatz zu einer bedeutenden Wölbung genom- 
men wird, die Andeutung zu zwei stumpfen Kanten entsteht, 
von denen die nach der Spira zu gelegene die bemerklichere ist. 
Die Spira hat etwas gewölbte Umgänge, und vertiefte Nähte, 
doch nicht so stark, als bei L. pereger, mit dem man die in 
Rede stehende Art noch am ersten vergleichen könnte; sie endet 
spitz. Die Mündung ist länglich, am Aufscnrande seicht herz- 
förmig ausgeschnitten; der Columeliarrand legt sich um; die Co- 
lumellarplatte ist weit ausgebreitet, dick, von hellerer Farbe als 
das Gehäuse, und läfst keinen oder doch kaum einen Nabelrits in 
der vertieften Columellarfalle. 

Länge des Gehäuses 10'"; Breite der letzten Windung 7'"; 
Höhe derselben 6'"; Länge der Mündung 7"'. 

Thicr: — ? 

7) I^imnaeus impurus nov. sp. 

L. testa ovato-oblonga, rimata, tenui, sublililer striata, fusca, 
subolivacea; spira mediocri, acuta, suturis satis cxcavatis; ultimo 
anfractu subventricoso, testae diniidium supcrante, apertura ovata, 
plica columellari nulla vel exigua. Anfr. 5. 

Das Gehäuse ist länglich eiförmig, fein gestreift, etwas durch- 
scheinend, malt glänzend, von brauner ins Grüne spielender Far- 
be, zerbrechlich. Alle Exemplare sind innen etwas schmutzig. 
Von den fünf Umgängen ist der letzte gröfser als die Spira, et- 
was bauchig. Die Spira ist mäl'sig ausgezogen, kegelförmig, zu- 
gespitzt. Die Windungen derselben sind mäfsig gewölbt und 
vereinigen sieb in ziemlich verliefleu Nähten. Die Mündung ist 
oval, vorn stark ausgerundet,' hinten spitz. Die Columellarplatlc 
ist schmal umgeschlagen aber sehr deutlich; die Columellarfalle 
ist so gering, dal's der etwas umgeschlagene Columeliarrand mit 
der vorletzten Windung continuirlich zusammenhängt, und eine 
nur wenig gebogene Linie bildet. Der Nabciritz ist gering, der 
Anfsenrand scharf, schneidend. ' 

Länge des Gehäuses 7'"; Breite der letzten Windung 4"'; 
Höhe derselben .3'"; Länge der Mündung 4'". 

Thier: — ? 

Anm. Diese Art bat die meiste Verwandtschaft mit L./««ck« PfeifT. 
und L. cinctus Nob. , unterscheidet sich jedoch wesentlicli von beiden 



173 

durch die mehr bauchige letzte Windang, die schwächere Columellar- 
Oilte uud dLe braungrüne Farbe. 

P a l u d i n a Lara. 
1) Paludina ohtusa nov. sp. 

P. tcsta perforata, ventricosa, solida, subglabra, corneo-vi- 
rente ; spira exserta, aplce obluso; anfractibus quinis, inflatis, 
suturis profundis. 

Das Gehäuse ist genabelt, bauchig mit sehr stanipfem Apex, 
fest, wenig durchscheinend, hellhorngrün , fast glatt, durch die 
Loupe gesehen äufserst fein gegittert. Die fünf Umgänge nehmeu 
schnell an Weite zu, sind stark gewölbt, und lassen daher sehr 
tiefe Nähte zwischen sich. Auf der letzten Windung bemerkt 
man bei ganz alten Exemplaren durch schwärzliche Linien be- 
merkliche Absätze, welche durch unterbrochenes Wachsthum ent- 
standen sind. Ein Kiel fehlt, doch ist die letzte Windung nach 
der Basis zu ein wenig gedrückt, so dafs ganz dicht um den 
Nabel herum ein Winkel entsteht. Die Spira ist ausgezogen, 
hat aber eine sehr stumpfe Spitze. Mündung eiförmig, schräg, 
innen weifs, hinten ziemlich deutlich, vorn undeutlich gewin- 
kelt. Der schwärzliche Mundsaum ist wegen der sehr dicken 
ColumeHarplatte voUsläudig. Der Deckel ist leider au keinem 
Exemplare vorhanden. 

Lauge des Gehäuses bis 10|"'; Durchmesser der letzten Win- 
dung bis 9"'; Länge der Mündung 5'". Diese Maafse sind nach 
den gröfsten vorhandenen Exemplaren genommen, die übrigen 
sind meist nur 6"' lang, die andern Maafse im Verhältnifs. 

Thier: — ? 

Anni. Diese Art künnte nur allenfalls mit P. vnicolor Lam. und 
P. earinala Swaius. verglirliea werden, unterscheidet sich aber sehr gut 
von ersterer durch die vollkommen gerundeten Windungen der Spira, die 
mehr vertieften Nähte, uud den btuniplen Apex; von letzterer durch das 
Fehlen des Kiels, die stärkere Wölbung der Windungen, die bei weitem 
liefern Nähte, den stumfileu Apex, durch die beträchtliche Coluuiellar- 
plattc und das Vorhandenseiu des Nabels. 

2) Paludina conica nov. sp. 
P. testa conico. acuta, sublaevi, subpcllucida, pallide Cornea, 
fasciis quatcrnis fuscis cincta; spirae anfractibus planis, suturis 
parum cxcavatis; ultimo aufractn subvcntricoso. Anfr. 8. 



174 

Die Schale dieser niedlichen 'Paludine ist spitz kegelförmig, 
an der Basis abgerundet. Sie ist fast glatt, mit ganz feinen 
Längsstreifen versehen, etwas glänzend und hellhorngelb, etwas 
durckscheinend. Die Spira, welche aufser der letzten noch aus 
7 wenig convexen Windungen besteht, ist sehr spitz; die letzte 
Windung ist etwas bauchig und mit 4 braunen schmalen Binden, 
die aber oft bis zum Verschwinden matt werden, umgeben. Die 
Mündung ist fast eirund mit kaum verdickten Rändern. Die 
Columcllarplalte tritt kaum so weit vor, wie die Ränder der 
Mündung, so dafs ein ganz kleiner Nabel vor ihrer Mitte ollen 
bleibt. 

Länge 4y"'; Durchmesser der letzten Windung bis .3'"; 
Länge der Apertur l*"'. 

Thier: — 1 

Anm. Eine Varietät mit einer scharfbegrenzien welfsen Binde auf 
der Mitte der letzten Windung scheint nicht selten zu sein. 

M e l a n i a Lam. 
1) Melania varicosa not), sp. 

M. testa lurrila, olivacca; anfractibus subcarinatis, parle su- 
periore iongltudinaliler costalis, parte inferiore transversim sul- 
catis, ultimo subventricoso, varices irreguläres formante. Aufr. 13. 

Das Gehäuse ist thurnifürmig und bei älteren Exemplareo 
ist die Spitze meist etwas abgebrochen; es ist etwas durchschei- 
nend, von olivenbrauner Farbe, und von gröfserer oder geringe- 
rer Dunkelheit; gewöhnlich sind die älteren Exemplare die dubk- 
leren. Die Windungen sind in der Mitte stumpf gekielt, und 
werden dadurch in zwei Hälften gelheill, die sich in Ansehung 
ihrer Oberfläche sehr von einander unterscheiden. Die der Spira 
anliegende Hälfte ist nämlich regehnäfsig der Länge nach gerippt, 
die der Basis anliegende Hallte ist (|ucr gefurcht. Die Windun- 
gen legen sich so aneinander an. dal's der Kiel nalie an der Naht 
einer jeden Windung frei heraussieht; daher denn die ganze Spira 
längsgerippt mit wenig gewölbten Windungen aber sehr vertief- 
ten Nähten erscheint. Die Nähte sind nicht bei allen Exempla- 
ren gleich tief, zuweilen jedoch so, dafs die Schale das Änsclin 
einer Menge in einander geschobener Kegel gewährt. Die letzte j i 
Windung ist fast bauchig und zeichnet sich in der Regel durch 



175 

einige stark hervorstehende unregelmäfsige Varices aus; die vor- 
letzte Winduug theilt diese Eigenschaft zwar zuweilen mit der 
letzten, doch ist dies nicht häufig; daher denn auch fungen Ex- 
emplaren die Varices fehlen. Die Mündung ist innen weifs, ei- 
rund; die Columcllarplatle dünn, aber deutlich vorhanden; der 
Aulsenraud ist scharf, schneidend, und nach der Basis zu sehr 
weit vorgezogen. 

Länge der Schale his 30'"; Durchmesser der letzten Win- 
dung 10'"; Länge der Mundung 9'". 

Thier: — ? 
An in. Als Varietät sehe ich ein Exemplar an, welches sich durch 
lebhafte Färbung, durch das gänzliche Fehlen der Varices und dadurch 
aaszeiclioet, d-Aa die Läiigsrippen auf den WiiiduDgen nicht bis zur Naht 
mit der vorlierj^ebenden Windunii reichen, sondern früiier in stark voi- 
Iretendeu spitzen Hüctern aufljöien, und so noch eine glatte Vertiefung 
bis zur Naht lajsen, in deren Mitte eine schwache Querleiste verläuft. 

2) Melania adspersa nov. sp. 

M. testa turrita, apice truncata, suhpellucida, transversini 
gulcata, sulcis superiorihus anfractus ultimi creheriime obsoletis, 
loDgitudinaliter striata, fusco-viiidi, maculis fuscis longiludinali- 
bus raris adspersa; anfractibus convexis, denis, suturis excavalis. 

Das Gehäuse ist thurmförmig mit abgebrochener Spitze; es 
ist etwas durchscheinend, was jedocli häufig durch einen roth- 
brannen Ueberzug wegfällt; es ist quergefurcht, etwa 10 Furchen 
auf jeder Windung der Spira. Die Furchen der letzten Windung 
sind oft nach hinten zu sehr gering, so dafs der Tiieil der letz- 
ten Windung, welcher der Spira zunächst liegt, fast glatt wird; 
es ist der Länge nach unregelmäfsig gestreift. Die Farbe ist ein 
etwas ins Braune übergehendes Grün, mit seltenen länglichen 
braunen Flecken bestreut Dicht um die Columclla herum win- 
det sich eine f" breite braune Binde, die, wenn gleich hei meh- 
rern Melanien vorbanden, doch bei der vorliegenden besonders in 
die Augen fällt. Die Spira ist sehr weit ausgezogen, und besteht 
aufser der letzten noch aus 9 gewölbten Windungen, die durch 
vertiefte Nähte vereinigt werden. Die Mündung ist eiförmig, 
innen weifs ; die braune Binde in der Nähe der Columella ist 
innen sichtbar. Die Columellarplatte ist als dünner Anflug vor- 
handen. 



176 

Länge der Schale 15"'; Durchmesser der letzten Windung 
5"'i Liinge der Mündung 5'". 

Thier: — ? 

3) Melanin lineata nov. sp. 

M. testa conica, exscrta, tenui, subdiaphaaa, anfractibus ap- 
planatis, lincis clevatis spiralibus 7 — 8, quarlTni superioies ple- 
ruraqiie tuberculatae sunt, cinctis; aperlura ovalo-acuta. Anfr.lO. 

Das kegelförmige Gehäuse zeichnet sich durch grofse Nettig- 
keit aus. Es ist dünn, etwas durchscheinend, malt, hell grün- 
lich braun, mit ganz dunkelbraunen schmalen scharf begrenzten 
Linien spiralförmig umgeben, die auf der Mitte von ziemlich star- 
ken Erhabenheiten liegen, so dafs zwischen ihnen sich tiefe Fur- 
chen befinden. Diese Vertiefungen sind bei ziemlich gleicher 
Breite doch sehr verschieden tief. Im Allgemeinen werden sie 
nach der Basis zu flacher und sind näher derSpira, wo. die Er- 
habenheiten, auf deneu die Linien verlaufen, zu kleineu Höcker- 
reihen werden, am tiefsten. Es finden sich jedoch auch Exem- 
plare, an denen die Ilöcker fast ganz fehlen, und an denen zwi- 
schen den Linien sehr geringe Vertiefungen liegen. Solcher er- 
habenen Linien finden sich auf der letzten Windung 6 — 9, auf 
jeder der vorigeu Windungen 3. Die 2 — 5 hintersten Linien 
sind solche, die aus Höckerreihen bestehen, daher denn auch die 
Spira meist ganz mit Höckern besetzt ist. Die ersten 4 — 5 Win- 
dungen sind dadurch, dafs die Höcker der benachbarten Linien 
verschmelzen, mit tiefen Längsfurchen versehen. Die letzte Win- 
dung ist etwas bauchig und kürzer als die Hälfte der Spira. Die 
Spira ist weit ausgezogen, spitz und terrassenartig, da die Win- 
dungen von der obersten Linie an, sich fast im rechten Winkel 
mit der vorigen Windung vereinigen, besonders an den Exem- 
plaren mit den stärksten Höckern. Die Mündung ist eiförmig, 
vorn ausgerundet, hinten spitz, innen gUiuzend und weifslich. 
Die Columellarplatle ist sehr dünn, nicht sehr breit anigcschJa. 
gen, aber bei unbeschädigten Schalen scharf begrenzt. Sic ist 
ganz durchsichtig, glänzend. Der Aufsenrand ist nach vorn zu 
stark vorgezogen und daher bogig ausgeschweift, durch die Li- 
nien kaum etwas gczähnclt, scharf, schucidend. 

Länge des Gehäuses 10'"; Durchmesser der letzten Windung 
4'"; Länge der Mündung 4i"'. Thicr: — ? 

JVe- 



m 

Nerilina Lara. 'ü!' 

I) Neritina hamuligera nov. sp. 

N. testa globoso-oblonga, crassa, alba, fasciis et lineis fle- 
zuosis longitudinalibus picta, sub cpidcrmide pellucida, viridi- 
fusca; spira inediocri; apciluia alba; fauce callo hamuliformi in- 
gignito; margioe coluniellari denliculato, fulve maculato ; opler- 
cali dente ialcrali bipartilo. Anfr. 5. 

Das Gehäuse ist dick, fast kugelig, etwas länglich, nicht 
zerbrechlich, sehr fein gestreift, wachsgtänzend, mit einer durch- 
sichtigen grüulichbraunen Epidermis überzogen. Unter dieser ist 
es weifs mit breiten schwarzen Längsbinden, die mehr oder we- 
niger nahe aneinander stehen; zvvischeii diesen finden sich zahl- 
reiche, sehr zierliche, feine, gerade oder geschliingelte, ebenfalls 
schwarze Längslinicn. Die letzte Windung ist baucliig und nahe 
der Spira stark eingedrückt, so dafs dem Ganzen ein fast flaschen- 
oder birnfürmiges Ansehn entsteht. Die Spira ist etwas ausge- 
zogen, mit wenig gewölbten Windungen, und schwachen Nähten. 
Die Mündung ist halbkreisförmig, weifs, glänzend. Die Colu- 
mella ist an der scharfen Kaute fein gezähnt, und es sind an 
ihr immer zwei seichte Einkerbungen bemerklich: die eine dicht 
am Aufsenrandc, die zweite fast in der Mitte, wodurch denn 
zwei Hervorragungen entstehen, die zwar nicht sehr bedeutend, 
aber sehr conslant sind, und von denen die eine, welche dem 
Aofsenrande näher liegt, besonders nach dem Innern der Schale 
zu, sehr bemerklich ist. Die Colurocllarplalte legt sich dick und 
breit auf die vorletzte Windung, ist weifs und mit einem gel- 
ben Flecke versehen, der nach allen Seilen hin allmfihlig ver- 
schwindet. Der Aufsenrand ist ziemlich scharf. Tief innen am 
Gaumen liegt links nahe der Columella eine starke hakenförmige 
nach dem Rande za concave Schwiele, %vclche ohne Zweilel zur 
Einlenkung und Befestigung des Deckels dient. Obgleich bei den 
meisten, vielleicht bei allen Nerllinen, wenn auch in verschie- 
dener Form, und besonders bei iV. gagales Lam., der unsere'Spe- 
cic9 am nächsten sieht, eine Andeutung dieser Schwiele vorhan- 
den ist, so ist sie doch bei der in Rede stehenden Art mehr als 
bei irgend einer andern entwickelt. 

'•• Der Deckel ist auf der äufsern Seite glalt und glänzend, und 
nur geringe Furchen, entsprechend dem fortschreitenden Wachs- 

III. J<>ir)i. I. R>n.I. 12 



178 

thum, sind bemerklich. Die innere Fläche ist ebenfalls glänzend; 
zur Seile steht ein starker platter oben abgestutzter Zahn, um 
den sich dicht eine erhabene Leiste im Halbkreise windet-, die 
n^ch der geraden Seite des Deckels hin in einen fast eben so hohen 
Zahn ausläuft. In der Mitte des Deckels windet sich eine zweite 
Leiste entsprechend, die aber weniger bedeutend ist; dicht am 
gekrümraten Rande endlich ist die Spur einer dritten. Der Deckel 
von N. gagales hat mit dem vorliegenden aufserordentlich viel 
Aehnlichkeit, doch ist er bei gleicher Breite länger, und dei' 
Hauptzahn ist kleiner. Die Länge des Deckels hei iV. gagates 
igt 6-j-'", die Breite 3^;'"; die Länge des Deckels von N. hamuli- 
gera 51'", die Breite 3|"'. 

Länge des Gehäuses 12'", Breite 10'", Länge der Mündung 8'". 
Thier: — ? 

2) Neritina crepidnlaria Lam. 

Litler Conch. tat. 601. /. 19. 

N. testa oblonga, Naviccilae similis, immaculata, spira brevi, 

obliqua, margini postico incumbenle ; apcriura saturate flava, 

intus inerassata ; labro acuto^ margine columellari raedio 8 — rlO 

deotibus crennlatu. 

Die Sehale ist fein gestreift, länglich oval, oben stark con- 
vex, unten concav; sie ist dunkelbraun violett, immer ohne Zeich- 
nung, nur an der Spira zuweilen mit gezackten Linien verseben. 
Die Spira ist kurz, steht über dem hinlern Rande mindestens um 
1'" vor, und liegt anf dem Uinterrandc dicht auf. Sie ist sehr 
stark zur Seite gekrümmt, mehr als dies bei der folgenden Art 
der Fall ist. Die Mündung ist halbkreisförmig, klein, dunkel- 
gelb. Der Columellarrand ist ziemlieh scharf, mit 8 — 10 stum- 
pfen Zähnchen in der etwas ansgesehweiften Mitte besetzt. Die 
Colnmellarplatte geht nach hinten in einen freien Rand aus, der 
mit dem Vorderrande verläuft, und so dem Gehäuse ein Navicel- 
lenähnliches Ansehn giebt. Dieser Rand bildet ein längliches 
Ovak und ist scharf nnd schneidend ; der Vorderrand ist innen 
verdickt. Am Gaumen ist links eine kleine etwas gekrümmte, 
nach innen convexe Schwiele. Der Deckel ist fast eirund, auf 
der äufsern Fläche ziemlich glatt, auf der Innern glänzend ; zur 
Seite steht ein stumpf konischer Zahn, neben welchem sich eine 
kurze scharfe Leiste krümmt, die iu einen noch längern Zahn 



179 

ausläuft. Von diesen Zähnen aus verläuft in der Längsrichtung 
des Deckels eine fast S-förmige Linie. 

Lauge des Geliäuscs 8^'"; Breite 5i"'; Höbe 5'"'. 

Thier: — ? 

3) Neritina melanostoma nov. sp. 

N. testa ovala, Navicellae similis, spiia hrcvissima, mar- 
gini poslico nunquam incumbeiite; aperlura intus iucrassala; 
labro acutissimo, niargine coluuiellari circiter 25 dentibus denti- 
culato, alro-fusco. 

Die Schale ist sehr fein gestreift, oval, oben stark convcx, 
unten concav. Sie ist aufsen hellgelblich grün gefärbt, mit zar- 
ten schvearzen punktirten Linien, welche dem Runde entspre- 
chend verlaufen. Diese Färbung ist jedoch nicht ganz coustant, , 
denn es finden sich zuweilen Exemplare, welche eine fast schwar- 
ze, etwas ins Violette spielende Farbe haben. Die Spira ist sehr 
kurz; sie steht etwas über dem hintern Rande der MundöHniing 
hervor, doch berührt sie denselben nie, was bei der vorigen Art 
immer der Fall ist, und sie ist etwas zur Seife gebogen. Die 
Mündung ist halbkreisförmig. Der Columellarrand ist zienilich 
scharf, mit etwa 25 feinen spitzen Ziihnchen der ganzen Länge 
nach besetzt, und etwas ausgeschweift. Die Columellarplatte, 
welche ebenso wie bei der vorigen Art nacli hinten in einen 
freien sehr scharfen Rand ausläuft, ist bis zu diesem schwielig 
und glänzend schwarzbraun. Der Vordenand ist innen mit einer 
braunen Verdickung versehen. An der linken Seite des Gaumens, 
nahe dem Columellarrande flndct sich eine kleine sehr deutliche, 
fast punktförmige Schwiele. Deckel: — ? 

Länge der Schale Sf"; Breite 6^'"; IJölie 4'". 

Thier: — ? 

Anin. Unter den Neritinen findet sich eine GrUppt, welche sich 
dadurch von den übrigen sehr aufTatlend unterscheidet, d.ifs die Colu/nel- 
larplütte narli Iiintcn in einen freien Kand auslauft, der continuirlich mit 
dem Labrum zust-^niuieuhäinf^t , so dafs d.idurch ein melir oder weniger 
ovaler scliarfer Hand entsteht, der fast die ganze Basis der Schale ein- 
oinmit. llierdurcli hrliummrn diese Concliylien ein Anselin, welches sehr 
aafTallend an die Gattung y'arirelfa erinnert. Von ihr unterscheiden sie 
sich jedoch wesentiicli durch die kleinere Itlündung, welche, indem der 
Columellarrand quer liegt, höchstens die Iliilfte der Schale einnimmt, und 
dadurch, dafs der Apex sich in schiefer Uichtung. und zwar von linLs 

12* 



MO 

nach rechts zn, nach dem freien Hinterrande der Colaniellarplatte krümmt. 
Wahrscheinlich wird, wenn man die Thicre dieser Schalen kennen lernt, 
sich eine neue Gattung aus dieser Gruppe hilden lassen, was jedoch 
bis jetzt nur verrauthet werden kann. Hierlier gehören; 

1) Keritina ptumnta Mke. 

Menke Synops. melh. Moll. Ed. altera p. 48 et 139. 
Fundort: unbekannt. 

2) Neritina mitrula Mke. 

Menke; Synops. mefh. Moll. Ed. altera p. 48. 

Lepas neritoides Martini Conch. '/. tab. XIII. Jig. 133. 134. 
Serita violacea Linn. Gmelin Syst. nat. Ed. 13. p. 3686. 
Fandort: Ostindien. 

3) Jierita intermedia Dcsh. 

Belanger: Voy. aux Ind. or. Part. Zool. p. 420; Moll. PI. I.f.6.7. 
Fundort: Küsten von Malahar. Sie ist der vorigen ähnlich, unter- 
scheidet sich aber von ihr, wie es scheint, durch die Färbung und da- 
durch, dafs der Columellarrand der ganzen Länge nach crenulift ist, wo- 
gegen dies bei N. mitrula Wke. nur in der Mitte stattfindet. Ob die 
i-ßrmige Schwiele , welche bei A/. mitrula auf der linken Seite am 
Gaumen, ähnlich wie bei Seritina hamuligera Nob. vorhanden ist, sich 
auch bei S. intermedia Desh. findet, läfst sich nicht bestimmen, da Ex- 
emplare auf dem hiesigen Königl. zoolog. Museo fehlen, und die Abbil- 
dung nichts ergiebt. 

4) Neritina melanostoma Nob. Sie unterscheidet sich von A". crepidu- 
laria Lam., Nerita intermedia Desh. u. iV. jnitrula^lie. besonders durch 
die Färbung und dadurch, dafs die weniger gewundene und weniger nach 
rechts gekrümmte Spira nie auf dem Hinterrande aulliegl, sondern dafs 
dieser frei vorragt, durch die kleine fast punktförmige Ganmenschwiclö 
und die gröfscre Anzahl schärferer Zähne auf dem Colnmellarrande. 

5) Neritina crepidularia Lam. Sie unterscheidet sich von allen andern 
durch die schmälere längliche Gestalt, die gleichmäfsig braunviolette Far- 
be, die stark gekrümmte Spira, und die liochgelbe Farbe der Mündung. 

6) Neritina auriculata Lam. 

7) Neritina dilatata Brod. 

Obgleich Neritina lalissima Sow. den Uebergang zn dieser Gruppe 
bildet, 60 kann sie doch nicht in dieselbe aufgenommen werden, da die 
seitlichen Vorragungen des Labrum hinten unter der Spira nicht mitein- 
ander verOiefsen. 

U n i o Retz. 

1) Unio semipTicatus nov. sp, 
V. coiicha angulato-ovata, posterius altiore quam anterius, 
viridi, parle supcriore plicata, margine iuferiore intus incrassato; 
deutibus cardinalibus parvis, compressis, sinistrorum posteriore 
minore vel evanesceute. 



181 

Die Muscliel ist eiförmig, nach hinten höher werdend und 
dort drei slunipfe Ecken bildend. Sic ist grün gefärbt, doch 
nicht ganz gleich mäfsig, indem einzelne Stellen mehr oder we- 
niger ins Gelbe übergehn; von den Wirbeln laufen nach hinleii 
zu auf jeder Schale drei dunkelgrüne Strahlen, von denen die 
unterste auf einer Art stumpfem Kiel liegt. Der Oberrand ist 
vorn ziemlich gerade und wendet sich dann in einem stumpfen 
Winkel .schlag zur hinlern Spitze herab; der Vorderrand ist ab- 
gerundet; der Unterrand ist zuerst gerade und divcrgirt mit dem 
Oberrande nach hinten, dann macht er einen stumpfen Winkel 
und steigt schräg zu der hintern Spitze auf. Die Wirbel sind 
wenig aufgetrieben und mit dichten divergirendcn Falten bedeckt, 
deren mittleren die Mitte der Schale nicht erreichen; die vorde- 
ren bilden sich vor den Wirbeln zu ziemlich scharfen Ilöcker- 
chen und reichen bis zum Vorderrande; die hinteren sind weni- 
ger eng und erstrecken sich bis zu dem Hiuterrande, so dafs die 
ganze obere Hälfte der Muschel mit Fallen bedeckt ist. Das 
Schlofsband ist schmal und glatt. Innen ist die Muschel weifs- 
lich, etwas in Kegenbogenfarben spielend; der untere Rand ist 
gewöhnlich stark verdickt. Die Sclilofszähne sind klein, zusam- 
mengedrückt ; in der linken Schale ist der hintere immer der 
kleinere und oft bis zum Verschwinden klein. Der vordere 
Muskcleindruck ist doppelt: der gröfsere ist fast rund, hinter und 
onter demselben befindet sich ein zweiter ebenfalls runder fast 
puuklfürmiger Eindruck, der von dem crsteren ganz getrennt ist; 
der hintere Muskeleindruck ist ebenfalls ziemlich rund, wird 
aber durch einen nach vorn liegenden Einschnitt fast herzförmig. 

Länge der Schale 1.3'"; Breite 4i"'; Höhe 7'". 

Thicr: — ? 



Anfser diesen sind durch Hrn. Laniare Picquot noch fol- 
gende schon beschriebene Süfswusscr-Concbylien aus dem Ganges 
an das Königl. zonlogische Museum gekommen : 
1) I'hyaa uciita Drap. 

Diaparuaud : Hisl. nul. den Moll. 
'i) Platiorbi* ejnislus Desli. 

Belanger: Vinj. nnx Ind. or. pl. Ißg. II — 13. 



162 

3) Paludina Bengulensis I^ani. 

P. Bengalensis Dcsh. iu JJelaiigei' Voy. aux Ind. or. pt. I. 

ßS-U-lb. 
P. elongata! Swaius. Zool. IU. I. tob. 98. 

4) Paludina carinala Swains. 

Swainson : Zool. lll. I. lab. 98. 

5) Ainptitlaria globosa Swains. 

Swainson: Zool. IU. I. tab. 119. 

6) NaviceUa elliptica Lam. 

Lamarck: Anim. «. vert. l. Edit. VI. 2. p. 181. 

7) üjii'o marginalis Laoi. 

Lamarck: Anim. s. vert. 2. Edit. VI. p. 544. 

Enc. meili. II. pl. '2i7. Jig. 1, a. b. c. 
Unsere Exemplare haben eine zu grol'se Aehnlichkeit mit der 
eben ciliilen Abbildung und dem im Museum Torbandenen Ex- 
emplar, als dafs man daraus eine besondere Specics macheu sollte, 
zumal da der Fundort derselbe ist. Sie zcichneu sich aber da- 
durch vor denselben aus, dafs der Oberrand gerade ist, wogegen 
er sich bei dem ächten U. marginalis Lam. etwas krümmt. Auch 
die Gestalt Tveicht ab, indem das Hiuterende bedeutend ausge- 
zogen ist. weshalb ich eine Verglciclmng der Maafsc hier beifüge: 
■•U. marginalis Lam.: Länge 29'", Uühe 15'", Dicke 9i"'. 
U. marginalis var. rostratus Nob. : Länge 35"', Höhe 15^'", 

Dicke 9i — 12'". 
Aufserdem verschwinden bei sonst gleicher Farbe und Skulptur 
die gelben Randbinden entweder ganz, oder sind doch sehr un- 
deutlich. 

8) Unio coniigatns. 

' U. corrugula Lamarck. Aniin. s. vert. 2. Ed. VI. p. 542. 

9) C'yretia Bengalensis. 

Lamarck. Anim. s. vert. 2. Ed. VI. p. 276. 



Ueber südamerikanische Raupen, besonders über 
die dortigen Brenn- und Giflraupen 

von 

C. Moritz. 



VVer etwa die Ansicht hat, Ffaupeu köiiateu als unvoU- 
koinincne Larven etvra nur so viel Interesse haben, als eine in 
einen Blumentopf gepüanzle Zwiebel, deren Form und Farbe, 
Stengel und lilSItcr nicht in Betracht kommen, indem es nur um 
Erziciung der ßlunic zu thun i>!t, — der möchte als Reisender 
in einem fremden Welttheil die hier so unendlich mühsamere 
und milslichere Raupenzucht mit wenig Eifer, auf rein mechani- 
sche Weise und somit ohne erheblichen Nutzen für die Wissen- 
schaft selbst treiben. Um in einem fremden W'elllheile sich mit 
Liehe dieser mühevollen, in ihrem Erfolge hier so zweifelhaften 
Bescliäfligung hinzugeben, irufs man dieser selbst schon ein ge- 
wisses Intel esse abzugewinnen wissen. Obigen Vergleich mag 
man immer mit einiger Veräudernng anwenden. Man betrachte 
die Raupe als Pflanze, die Puppe als Knospe, den Schmetterling 
als Bliilhe, die Eier als Samen. Ein Botaniker wird die Blume 
nicht ohne die Blätter einlegen und eben die Blätter, der Wuchs 
u. s. w. mancher PHanzen, die selten nur oder unscheinbar blü_ 
hen, haben oft das grölseste Interesse für den Freund der Pflan- 
zenkunde. Und was wcifs oft der Entomolog von der grofsen 
Masse exotischer l^oMiii/ces, jVuctuae elc, ja was läfst sich über- 
haupt von den verborgen lebenden nächtlichen Lepidopteren mehr 
sagen als zwei griechisch-lateinische Worte, worunter sie viel- 
leicht in den enlomologischcu, unendlich längern Verzeichnissen als 
Don Juans grofse Liste, aufgeführt stehen! — denn ihre Blülhezeit 
ist kurz und einförmig, wie die Blülhezeit der Gewächse. Lange 
dauernd ist dagegen ihr Pflanzeuleben als Raupe uud Puppe, ihre 
Nahrung bestimmt, ihre Lebcnsarl, ihre Verwandlung eigentbüm- 
lich und oft selir merkwürdig. 



184 

Ferner wie in Europa jeder Forstmann und Garleiibesilzer. 
so kennt hier jeder Pflanzer, ludier oder Neger eine Menge Raupen, 
namentlich viele gesellschaftlich lebende Spinner- Larven, die er 
in lederfesten Beulein vor seiner Wohnung an den äufserstcu 
Zweigen der Fruchlbäume, oder in braunen Klumpen am Stamm 
derselben, oder beim Arbeilen in den Cacao - und Kaireepllanznn- 
gen auf den Ulättern der herabhaugcuden Krythriucn - Zweige 
oder wie grüne, bunte, schwarzem Pelzwerk ähnliche Massen 
am Stamme ruhend erblickt; er kennt die giftigen Eigenscliaften 
vieler und — fürchtet alle. — Kaum weifs er jedocli etwas 
davon, dals diefs nur unvollkommue Larven eines voUkummnern 
Geschöpfs sind, gescliweige dafs er diefs selbs.1 kennen sollte. 
Hierbei will midi bedünken, dafs ein Insekt in diesem allgemein 
bekannten Zustande seiner längejn Lebensperiode und seines ei- 
gentlichen VSirkeus, wo es durch sein zerstörendes Gebifs, und 
seine anderweitigen Eigenschaften so mächtig in die Räder der 
Natur eingreift, eben sowohl und genauer noch von dem Freunde 
der Entomologie beachtet zu werden verdient, als vom Indier 
und Neger. 

Aus diesem Gesichtspunkt betrachtet, abgesehen von dem 
oft wichtigen Einflufs, den die Enthüllung der ersten Stände der 
Lepidopicrcn auf deren sichere Bestimmung und Classification 
hat, holfe ich, dafs folgende Bemerkungen über einige Abiheilun- 
gen hiesiger Raupen nicht ohne Interesse sein dürften. 

Zuvorderst bemerke ich, dafs auch in dieser Zone Ueber- 
einslimmungcn mit den europäischen Raupen -Klassen sich 
finden, die gewissen Ordnungen Lepidopteren angehören. Z. B. 
die Raupen des Genus PapiUo (ein Theil der Linn. Eijuiles) haben 
auch liier im Nacken verborgene Schncckenhörner; die der Iles- 
pericu sind rundköpfig, in der Mitte meist verdickt und leben 
zwischen Blättern eingesponuen. Bürstenraupen geben Sphin- 
giden der Gen. SytUomis und Zygaetia. Die übrigen Ilaarrau- 
pen sind so wenig wie die europäischen einem beslimnilen Ge- 
nus eigen, dock geben sie einst, wie jene, Bombyces der Genera 
Gasiropacha, Callimorpha, Orgyia etc. Dagegen gehören kahle 
glänzende Porzellanraupen und Buckelraupeu dem Gen.jyolodonta 
(ein Repräsentant von ]\ol. Dictaea und einer von Chaonia et 
Cons.) an. Die spaunerartig auf 6 voUkommeueu Ful^paaren 



185 

(das Tte miltlcre ist unvollkommen) gehenden Raupen liefern 
Nocluen des Gen. Plitsia. Eine glatlc strohfarbene Längsstreifen- 
raupe, in Blattscheiden des Zuckerrohrs bei Tage versHcckt, giebt 
eine Leucania, der L. straminea und olsoleta nahe verwandt etc. 

Auf der andern Seite aber finden bedeuleudc Abweichun- 
gen und Eigenthümlicbkeiten Statt. 

Die sogenannten Schild-, bufser fufslosen Raupen, die in 
Europa, seitdem das Gen. Helerogenea von den Bombyces wegge- 
nommen, nur kl. Papiliüuiden, kl. Sphingiden u. Tortriccs liefern, 
sind hier, so weit meine Beobachtungen reichen, einer Ablhei- 
lung achter Bombyces eigen , die in der Verwandlung dem Gen. 
Helerogenea sich nähern und so dasselbe wieder mit den Bom- 
byces la vereinigen scheinen. Hierher gehören die runzlichen, 
eckigen, braunen und grünen, in der Form ganz denen von Zyg. 
Lonicerae et Cons. ähnlichen Gesellschaflsraupen (über ihre Ver- 
wandelung habe ich früher berichtet), deren Schmetteilinge sich 
durch einen starken Seideuglanz der meist düster gefärbten Flü- 
gel anszeichnen. Die Raupen selbst sind mit ganz kurzen feineu 
Haarbüscheln besetzt, die sie in ihrer gemeinschaftlichen Flor- 
deckc über den Coccons, und in diese selbst locker einweben, 
und deren Wiikungen dieselben sind, wie bei Bomb, processio- 
nea etc. 

Hierher gehört die sonderbarste mir bisher vorgekommene 
Raupe, deren Gestalt aber so eigeuliiümlich ist, dafs ich sie durch 
einen eben so sonderbaren Vergleich vielleicht am dentlichslen 
machen kann. Man denke sich, d. h. im sehr vcrkleinerlen Maafse, 
etwa von 1 Zoll Länge, einen Fuchs- oder Eichhörnclieubalg flach 
ausgebreitet, den Schwanz hinten abgenommen und dafür au 
jeder Seite 5 dergleichen Schwänze, mit etwas nach hinten um- 
gelegter Spitze, augcselzt, zwischen denselben kürzere Schwänze 
eiogcscboben, so dafs diu Ereile der Länge fast gleich kommt, 
den Rücken entlang 2 Reihen schwarze Uaarknüpfe, einen braun 
verbrämten Halskragen — so etwa sieht dieses Thierchen aus, 
nur muis die Farbe heller rothgelb gedacht werden. Heber die- 
ser kurzen dichlen Behaarung erheben sich lange braune, oben 
mit einem Knopf (wie bei der Raupe von IV. Abu) versehene 
Haare; wogegcu jene kurzen Haare vielästig und durch Vergrö- 
ücrung wie Moos erscheinen. Dieser ganze Pelz löst sich beim 



186 

Einspinnen der Raupe stückweise (wobei dieScilenscliwänze ganz, 
bleiben) ab und hängt um das niil einem Deckel sich öffnende 
Gespinnsl. Nach etwa 3 Wochen ersclieint der Scbmelterling, 
ein achter Bombyx; es erschienen in diesen Tagen 2 cT und 1 2, 
bei denen die Gcscblechtsverschiedenbeit so grofs ist, dafs c^ und 
2 fast nichts mit einander gemein haben als — das erste Kufspaar 
mit 2 rotben Wülsten versehen. Diese Raupe lebt im Septem- 
ber und Oclober auf der Oberseite der Rlätter von Malpighia 
crassifolia et coccolobaefolia auf dürren sonnigen Höhen wach- 
send. 

Auf lelxtcrm Baume traf ich auch, jedoch leider nur in ei- 
nem einzigen Exemplare, das nacliher beim Einspinnen vertrock- 
nete, eine noch etwas gröfsere Raupe ganz von derselben Gestalt, 
doch pechschwarz wie die Stockflecke der Rlälter, worauf sie 
sitzt, die Seitenschwiin?e noch etwas länger und au den Spitzen 
etwas unigerollt. 

Sehr cigcntbümlich in Gestalt und Lebensart ist ferner eine 
Abtheilung Raupen, deren Schmetterling sich am nächsten dem 
Gen. Pygaera O. Tr. anschliefst, und die uach Art der Sacklräger 
jedoch in einer von jenen Säcken durchaus verschiedenen, Kap- 
sel wohnen, deren hintere Ocfl'iiuug sie mit ihrer ungeheuren 
Schwanzklappe verschlossen halten. Diese Klappe kaun gewis- 
sermafsen als Basis des langen Kegels gelten, dcu ihr hinten un- 
förmlich ilicker, uach vorn alhnälilig verschmälerter Körper bil- 
det. Die Haut ist chagrinirt, die ersten Gelenke nach Art der 
Sackträgerraupen mit hellem Streifen oder Flecken ausgezeichnet, 
die Klappe dagegen graubraun wie ihre Wohnung. Eine Raupe 
dieser Abiheilung, die au( Maljiighia a-assifolia lebt, verfertigt 
ihre Woliimng auf folgende Art. Sic sucht die Seitenränder eines 
Blattes ihrer Nahrungspflanze, die ohnehin schon etwas nach 
oben gebogen sind, oberhalb zusarauienzuspinneu, gelingt diefs 
wegen Steiflieit des Blattes nicht, so nagt sie davon einen Theil 
ab und fügt uuu ein anderes wohlabgepai'stcs Blatlstück der Länge 
nach ein, so dafs hiernach die Kapsel bald 1 bald 2 Längsnähle 
bekommt, die jedoch so genau schliefseu, dal's dieselbe, zumal 
da innen die Wände durch eine dicke Lage Excremente und 
darüber gelegte innere Decke siellenwcis bis zu | Zoll stark 
werdeu, besonders von oben, wo man die starke Biallrippe nicht 



187 

bemerkt, fast wie eine Nufsart aussieht. An beiden Enden ist 
diese Kapsel schräg abgestutzt und hier jederseils mit einer niemals 
geschlossenen runden Oellnung versehen, aufscr dafs die hintere 
durch die Aflerklappe verdeckt ist. $ie wird so an beiden Enden 
mit einigen kurzen aberstafken Bändern zwischen den ßlälleru in 
der Schwebe wie eine Hangmatte aufgehangen. Die Raupe ver- 
puppt sich darin, indem sie beide OelTnungen nur ein klein we- 
nig verengt. Die Puppe liegt völlig frei, so dafs sie durch Um- 
kehren der Kapsel, bald nach oben, bald nach unten fallend das 
Kopf- oder Schwanzende vor der üeffnung der Kapsel zeigt. — 
Eine besondere Eigenthiimlichkeit dieser Raupe sind noch 4 auf 
der runzeligen Siirn im Trapez stehende kolbige Borsten etwa so 
lang als der Kopf breit ist. Der nach 14 Tagen bis 3 Wochen 
sich entwickelnde Bombyx von sanfter Chokolatfarbe hat nichts 
mit der Gattung Psyche, dagegen mehr mit der Gattung Pygaera 
gemein, unterscheidet sich aber von letzterer wiederum durch 
seine Stellung in der Ruhe, indem er nicht wie P. Curtula et 
Cons., die Flügel dicht um den Leib schliefst, sondern nach Art 
der Cidaria pi-unala, dieselben seitwärts ausstreckt und eben so 
den Leib aufwärts gebogen halt. 

Ich übergehe eine zweite hierher gehörige Art, um noch 
Einiges über die in Europa gänzlich unbekannte Klasse der 

Brenn- oder Gift-Raupen 
mitzutheilen. Es kann hier natürlich nicht von der Menge 
hiesiger llaarraupen die Rede sein, deren kurzbrüchige Haare 
mit feinen Aestcn oder Widerhaken versehen, sich in die 
Poren der zarleren Hauttheile einbohren, und Jucken, selbst 
kleiue Geschwüre z. B. an der Handwurzel in der Pulsgegend 
erregen. Dergleichen kennt man unter deu europäischen Raupen 
ebenfalls. Ich meine hier diejenigen, dieser Zone cigenlhüiuli- 
chen Haar- und Doi-n-Raupen, die mit ihren feinen Haar- oder 
Dornspitzen willkührlich *) stechen uud durch einfliefsendes 
Gift (gleich dem Stich der Aculeata unter den Hymcnoptcren oder 
dem IJifs der Schlangen) einen heftig brennenden Schmerz und 
anter gewissen Umständen Fieber zu Wege bringen können. Es 



*) Mit dem Todv und nach Zuiammcntrocknen dieser Giflrüfarcken 
bSrt ailc Wirltun;: auf. 



188 

wurde mir von letzlerm Falle das Beispiel eines jungen erwach- 
senen Mädchens angeführt, welches durch Verwundung von einer 
solchen Giflraupe unmiltclbar ein hefliges Fieber bekommen hat- 
te *). Wenn gleich ich selbst sehr oft beim Einsammeln und 
Füttern von einer Menge solcher Railpcuaricn gestochen wurde, 
zuweilen selbst, um zu erfahren, ob eine neue Art zu den soge- 
nannten guzanos hravos gehörte, mich absiclitlich stechen oder 
brennen liefs, so habe ich nie wirklich Fieber davongetragen. 
Allein dessenungeachtet finde ich es sehr erklärbar, dafs, bei der 
gröfsern Reizbarkeit der Nerven in diesem Klima, der sich hier 
ungewöhnlich stark anhäufenden Galle, namentlich bei schwachen 
Constitutionen, unter Mitwirkung des Schrecks — , Fieber in sol- 
chem Fall erfolgen kann. Nach meinen bisherigen Erfahrungen 
bringe ich diese Klasse in drei Ordnungen, nälimlich: 1) Gift- 
Doruraupen, 2) Gift - Haarraupen, 3) fufslose (nur mit 
3 schwachen Paaren Brustfüfsen begable) Giftraupen mit kry- 
stalliscben Seilendornen; wovon ich kürzlich die wich- 
tigsten beschreibe. 

1) Gift - Dornraupen, die zahlreichste Abtheilung, tra- 
gen auf jedem Gelenk queerüber 8 mit 10 — 30 und mehr Neben- 
ästen besetzte dornähnliclie, mehr oder weniger lange Spitzen; 
ausgenommen, dafs auf jedem der 4 ersten Bauchfufsglieder nur 
6 Dornen stehen; so dafs der ganze Körper der Raupe mit 88 
dergleichen Slachelbündeln besetzt ist. Diese Dornen sind nicht 
hornartig, wie bei den Raupen mancher Tagfalter, sondern flei- 
schig (trocknen über dem Feuer beim Aufblasen der Raupe zu- 
sammen), hohl, der Hauptstamm so wie die Nebenäste, alle für 
sich an der Wurzel beweglich. Mit den Giftzähnen der Schlan- 
gen dürfte vielleicht noch eine Analogie in der Bemerkung 
liegen, dafs nur ein Theil der Seilenäsle, und zwar diejenigen, 
welche am Ende gleich dick bleiben und abgeslumpft sind, die 
eigentliche etwa 1 Linie lange (zuweilen längere) feine Stechbor- 
ste trageu, die man am häufigsten auf dem Vorder- und Hinter- 
körper, und an den weniger ästigen Seitendornen über den Fü- 
fseo, höchst einzelne aber nur auf den mittlem Rückendoruen 



*) Selbst ein sonst starker Manu versicherte, einst dasselbe Schick- 
>iA gehabt zu haben. 



189 

antrifft; dagegen die meisten Dornenäste des Mitlelliürpers nod 
einzelne ohne liestimnile Regel an den vordem und hintern Dor- 
nen blofs gleichförmig nadclartig zugespitzt sind. Diese letzlern, 
die ich unbewaffnet nennen will, sind au ihrer Spitze braun, 
doch heller gefiirbt, als die dunkelbraune stumpfe Spitze der be- 
waffneten unterhalb ihrer Stechhorste, welches stumpfe Ende 
stets durch dunkle Färbung stark absticht, so dafs man leicht 
die Spitze der erstem für schwache unreife Knospen halten 
möchle, während bei letzfern aus der gerciflen, angeschwollenen, 
geöffneten Knospe die Stechborste hervorgetrieben wurde. Somit 
würden Tielleiclit die noch uubewaffDelcn Dornen bestimmt sein, 
bei ctwanigem Verlust der Vcrtheidigungswaffe der übrigen, diese 
zu ersetzen, gleich den Keimen zu neuen Giflzähneu, welche 
die Schlangcu neben ihrem ausgebildeten Giftzahn besitzen. Hier- 
her gehören : 

a) eine grofse an 4 Zoll lange und -i Zoll dicke Raupe (von 
Bomb. Janus! Ct.): grün wie das Laub der grofscn Erylhrinen, 
der sogen. Bucares, die als Scbaltenbäume in allen Kaffee- und 
Cacaoplautagea von Venezuela stehen, auf welchen sie gcsell- 
Echafllich lebt. Ueber den Gelenken stehen eine Anzahl kleiner 
brauner Quecrstricbe und solche Flecke in den Einschnitten. Die 
Dornen stehen glcichmälsig nach allen Seiten gerichtet und ihr 
Stamm ist roscnrotli. Sie verpuppt sich am Stamm in einem 
weitläufigen netzartigen schwarzbraunen Gespinnst u. der Schmet- 
terling erscheint unregclmäfsig in 4 W'ocbcu bis in eben so vie- 
len Monaten. Uui sich zu vertheidigen, rollt sich die Raupe 
nach Art des Igels zusammen und dreht sich so, dafs auf die 
Seile, wo sie berührt wird, möglichst viel Dornen mit ausge- 
spreizten Aestcn sich hinsträubon. 

b) Etwas kleiner als die vorige, blau- auch gelblichgiün mit 
fleischfarbnem Seilcnslrcif, von wclcliem nach unten bis zwischen 
die Bauchfüfse 6 eben so breite braune, fleiscbroth puuktirte 
Queeräste hinziehen. Ueber dem Scitenstreifc 6 schwarzblaue 
Spitzllecken zu jeder Seite. Die liaucbfüfse Ucischfarben mit blau- 
schwarzem Qucerflcck. Von den Dornen mit gleichfarbigem Stam- 
me stehen die vordem nach hinten, die hintersten aber besonders 
auffallend nach vorp gerichtet, so dafs sie auf dem Kücken gleich- 
mäfnig zasammengedraogi , eine Art langen Kamm bilden. Beim 



190 

Berühren schlägt die Raupe den Vorder- und Hinlerkörpcr auf- 
wärts, die Aeste der Dornen slräirbend und ein sonderbares Kni- 
stern hervorbringend, wobei man an das Rasseln der Stachehi 
beim Stachelschwein erinnert wird. Sic lebt auf dem Alcomo- 
que *) und Malpighia. Der Schmetterlinf; ist mit B. Janus etc. 
nahe verwandt. 

c) d) e) f) Der vorigen mehr oder weniger ähnliche, in der 
relativen Gröfse der Domen, wie in Zeichnungen der Seilen, 
Bauchfilfse u, e. w. unterschiedene, auf verschiedenen Pnanr.eu 
lebende Raupen, von grüner Grundfarbe, deren Schmetterlinge 
noch nicht zur Entwicl^elung gekommen sind. 

g) Ziemlich von der Gröfse der vorigen, schwarz, mit 8 wci- 
fsen Längs - und mehrera solchen Qucerstrcifcn gegittert, mit 
braunrotbem Kopf und Brnstfüfsen. Die Dornen vveifslich, auf 
dem zweiten und letzten Gelenk sehr lang. Lebt in kleinen 
Gesellschaften auf den Erylhrinen der Plantagen. 

h) So grofs wie die vorige, -weifslich mit vielen schwarzen 
gehäuften feinen Sirichcn und Punkten auf der Witte jedes Ge- 
lenks, worunter ein Wiukclzug in der Mitte und ein dickeres 
hieroglyphisches Zeichen zur Seite, besonders hervorstechcu. Der 
Kopf weifslich mit schwarzen Zügen. Die Scitendornen am läng- 
sten, die auf der Mitte des Rückens sehr kurz. Lebt auf Ery- 
lhrinen in kleinen Gesellschaften gleich der vorigen. 

i) Kleiner, schwarz, mit klaren rolhen Queergürtcln, breilem 
weifslichem Seitenstreif und wcifsliclien Dornen mit schwarzen 
Spitzen. Sie brennt heftig. Lebt auf einer strauchartigen Ery- 
Ihrina mit violetter Blüthe und weichen Biättern. 

Von den meisten besitze ich Puppen, deien Enlwickelung 
täglich zu erwarten steht. 

2) Gift- llaorraupen tragen queer auf jedem Gelenk 6 
pinselartig von einem Punkt ausgehende Haarhüsclicl. Die Haare 
sind theils kürzer und steifer (borstenartig), theils länger und 



*) Der in der Gegend von Valencia ^Krarno^iHC gen.nniite B.mm, den 
man fast nur liiüpptllialt auf sonuigeu llöhcn anlriirt, k.irin niclil der in 
v. Humboldl's Rcisin so binaunle Baum Sfin, ^velche r eine itfa/;»^Aio 
sein soll ; viogi-giMi der biesij;e Ate. gefiederte Blatter hat, die mir 
bei keiner Malpif^hia vorzukommen scheinen. Ich sah weder Dlütlien 
noch Früchte, daher ich den Baum nicht weiter beslimnien kann. 



191 

dann sehr fein auslaufend und oben gekrümmt, alle jedoch durch, 
Vergröfserung mit kurzen Seilenästcn erscheinend. Dieoe Haare 
erregen bei Berührung derselben brennenden Schnier;i wie die 
Dorucn der ersten Ordnung. Eine besondere Eigentluinilichkcit 
ist bei den mir bekannten beiden Arten, dafs vor dem ersten 
Paar Bauchfüfse und hinter dem vierten Paar derselben noch ein 
Paar, wenn gleich .schmälere, doch vollkommen ausgebildete Fiil'se 
sich finden, die von der Raupe wirklich zum Gehen und Fest- 
klammern gcbraucbt werden, so dafs diefs das erste mir vorge- 
kommene Beispiel einer zwanzigfüfsigen Schmctter lings- 
larve ist. 

a) Grofs, plump und dick, mit winzig kleinem, in die erM'/U 
Gelenke eingezogenem Kopf. Die Gelenke queerüber wcifslich- 
oder röthlichgclb mit pechschwarzen Einschnitten. Alle Haar- 
pinsel enthalten zuvörderst 2 — .3 Linien lange und äufserst feine 
kolbige Härchen, über welche sich sodann 1 Zoll lange, an der 
Wurzel braune, dann pechschwarze, nach der Spitze zu fablgraue 
und sich krümmende kurzo ästige Haare erheben. Es lebt die>e 
Raupe einzeln auf Akomotjue im September und October. Sie 
macht am Stamm gewöhnlich unter einem Höcker oder Ast ein 
weites, elastisches, kissenarliges Gespinnst, oft '2A Zoll lang und 
breit, von aufscn ueifsgrau wie die Rinde des Stammes, mit den 
eingewebten längern Haaren und klebt innerhalb das sehr enge 
etwa lA Zoll lange etwas flachgedrückte oben fast eben gewölbte 
nnd an der Seite des Bogens mit einer Nalit sieb öffnende pcr- 
gamcutarllge CocoQ am Stamme selbst allseitig fest an. ])cr 2/om- 
byx entwickelt sich nach etwa 4 Wochen und später, und kommt 
tbeils dem Genus Lipanis, Iheils Gastropaiha nahe. 

b) Der vorigen naiic verwandt. Das einzige mir voigckom- 
niene Exemplar, das ich noch füttere, ist von der glciclicn Ge- 
stalt der vorigen. Doch die Grundfarbe ist niilchvvcils mit feinen 
schwarzen Eiiischiiilten; in den Seiten und unten schwarz. Die 
Haarpinsel gehen aus sternförmigen goldgelben Kiiöpfen hervor, 
sind auf dem Rücken kurz (ohne die langen gekriimmtcn Hriaie 
der vorigen), rölblicbgrau und auch ohne Kuo|)l liärclicn. Da- 
gegen cutbalten die an den Seilen viele kleine Knopfhaare und 
einzelne lange, au den Spilzcn dunklere Uaaic. Sie fand sich 
Anfangs November, wie es scheint, erst halbem aih?cu, auf..'1/cor. 



192 

noque und frifst auch die BläHer^dcr Rlalpighien. (Ich zweifle bei 
meiner nahen Abreise, sie bis zum Verpuppen zu bringen.) 

Hierher gehört vielleicht noch eine in der Provinz Varinas, 
überhanpt im Innern, wie man versichert, voikonimcnde und von 
Maisblältern lebende Raupe, welclie als dicht weifsbehaart, da- 
bei kurz und nur von mittlerer (Jiöfse beschrieben wird. Diese 
soll von allen guzanos Iravos die gefährlichslc sein und ihre 
Stiche unmitlclbar und unausbleiblich das Fieber hervorbringen. 

3) Fufslose Giftraupen. Ich nenne sie fufslos. weil die 
Banehfiifse gänzlich fehlen, wie bei den sogenannten Schüdrau- 
pen, die Bruslfül'se zwar voihanden, aber ganz klein und wie 
verkümmert erscheinen. — Nur eine Art ist mir bisher vorge- 
kommen. Sie ist etwas flach gedrückt, vorn sehr breit. Statt 
der Bauchfüfse hat sie fcinhüutige, blasige, klebrige Wülste, wo- 
mit sie sich langsam forizieht. Sie ist grün, wie die BIdller der 
Malpighien, auf deren Oberseite (besonders der M. coccolobaefolia) 
sie lebt. Feine, mehr oder weniger geschlängcltc gelbe Linien 
laufen den Körper, besonders die Seiten entlang, bilden aber auf 
dem Rücken in der Mitte 4 kcllenartig verbundene viereckige 
Zeichnungen. Auf dem drillen und vorletzten Gelenke befindet 
sich ein solches weiteres Feld, jedes mit 2 niennigrolhcn Punkten 
bezeichnet. An jeder Seite stehen 12 lange, abwärts geneigte 
krystallhelle, farblose ästige Dornen mit dickem in einer gelben 
Knospe sich endigendem Stamm. Neben den durch zwei rolhe 
Punkte bezeichneten beiden gröfscrn Feldern stehen vorn und 
hinten jednrseits zwei stärkere, krystallhelle Dornen mit durch- 
scheinendem bimmelblauem Saft gefüllt. Die Dornen sind alle 
beweglich und eben so wie bei der 1. Ordnung mit Slechborslen, 
welche heftig brennen, versehen. Die Raupe lebt gesellschaftlich 
(doch auf einzelne Blätter zerstreut) auf den Malpighien. Sie 
spinnt sich nach Art des Genus Uelerogenea eiu enges, festes, fast 
kugelrundes Tönncben am Ende der Zweige. (Die meinigen sind 
nach etwa 3 Wochen seit dem Einspinnen noch unentwickelt 
geblieben.) 

N. Valencia, 15. November 1S.36. 



Ue- 



.i[ lilt l-i^lli ill.i.: 



lieber die mit Asterias.aurantiaca verwandten und 
verwechselten Asterien der sicilianischen Küste. 

Aus eiDem Schreiben 

des Dr. Phil. ippi in Cassel 

an den Herausgeber. 



JLlie kurzen Diagnosen der mit Asi'ekas awraritiaca Verwandten 
und vervvccliselten Arten, die Sie wünschen j erfolgen hierbei; 
was allen gemeinschaftlich ist, der Oiscus radiique co'mplänati 
und der Margo ardcitlatus ist dabei weggelassen. 

1. Alterias Jonstoni dclla Chiaj. vol. 2. 1. 18. f. 4. ' 

A. ralione diametri disci ad longitudinem radii ut 1 : 1, 3; 
articulis in margiiie radiorum circa 30, supra inermibus, 
infra spina simplici armalis, caeterum laeviusculis. Bhgn. 3". 

2. Aslerias spinulosa n. sp. 

A. ralione diamciri disci ad longitudinem radii ut 1:1,32; 
articulis in niarginc radiorum circa 25, omnino spinu- 
losis, infra spina simplici artüatis, supra spina distiHcIa nulla. 
Magn. 3" S'". ' 

3.' Aslerias plalyacaniha n. sp. 

A. ratione diametri disci ad longiludiuem radii ut 1:1, 4; 
articulis in margine radiorum circa 20—^24, supra ae- 
qüe atque infra spina simplici 'arfnatis, kiferibre 
majorfe lianceolata. Magn. 3"- ■ 9'"., • •• ' .j... _...!.; ^i;J..: 

4. Aslerias sulinermis n. spi'' nodioiJ ojl.ifile^inuilJad.iB'.'^ 

A. ralione diametri disci ad Ibitgiludincm- radii ut ) tiy'lS; 
sinubu.? inlcr radios roluhdatis; articulis in m'ai^ 
ginc radiorum circo 70 -t-.TB; gu.pra inerdiibus, iulra 
Spina minima simplici arniatis. — Magn. 14". 

5. Aslerias anranliaca L. 

A. ralione diametri disci mi longitudinem radii ut 1:2,12; 
articulis in niarginc radiorum circa .38, eupra spinis 
parvis 1 — 2, infra Spina simplici armalis. — Magn.9"J0"'. 

Ilt. Jihre. l.Iland. 13 



194 

6. Asterias pentacantha DelleChiaje Meni.vol.II.t.l8.f.3. 

A. ratione diame*ii disci ad longitudinera radii ut 1:2, 3; 
articulis in margine radiorum circa 40, supra inermibus, 
infra spinis quinis armatis. — Magn. 5" 3'". 

7. Asterias bispinosa Otto Nov. Act. Acad. Leop. Car. vol. 

XI. pars 2. p. 285. t. 39. 
A. ratione diamctri disci ad longitudinem radii ut 1:3,1; 
articnlis in margiue radiorum circa 50, supra aeque 
atque infra spina longa, ianceolata armatis. — 
Magn. 6" 9'". 
Ich Labe diese Arten nach dem wachsemien Verhällnifs der 
Länge der Strahlen zum Durchmesser der Scheibe geordnet, und 
(JieMs Verhältnifs lieber durch Z;»hlen als durch Worte ausdrük- 
kcn wollen, die BeschalTenheit der kalkigen Warze aber weg- 
gelafsen, weil deren Beschreibung nicht mit wenigen Worten 
gegeben werden kann. Eine sehr ausgezeichnete neue Art der 
Schultz'ischen Sammlung ist: 
.8,, Asterias ciliaris. 

A. disco parvo, radiisque septenis elongaiis, angustis, dcpres- 
sis, paxillis truncatis obsitis ; radiis non arliculatis, margine 
subtusque spinis numcrosissimis teietibus armatis. 
Diametcr disci 15'", longitudo radiorum 4" 9'"; allitudo 2- 
3"'. Pedes biseriaics; spinulae usque ad 3'" longae. 
Ich glaube, dafs eine sehr gute Unterabtheilung nach der Zahl 
der Fufsreihen in den Rinnen gemacht werden könne. Zwei 
Reihen FüTschen haben die 8 obeu erwähnten Arten, so wie lae- 
vigaia.uad variolaia, <L Reihen glacialis u. tenuispina und wahr- 
scheinlich alle Verwandte derselben. .Noch will ich bemerken, 
dafs Agassiz das Wachsthum der Seesterne wahrscheinlich un- 
richtig angegeben hat, wenn er sagt (Isis 18.34. p. 254 sq.): „die 
Wacbsthumsstiicke treiben sich immer in den Ton den Strahlen 
gebildeten Winkel ein, und tragen so die Strahlen hinaus, die- 
selben verlängernd." . Ich. bin fest überzeugt, dafs neue Gelenk- 
jglieder an der Spitze der Strahlen, nie am Grunde derselben 
gebildet werden. 



, 



Einige Bemerkungen über Guilding's Pen'patus 



vom 

Herausgebe 



Ljntcr den inannlgraltigeD BereicLerungen, welche unser Museam 
den eifrigen Forschungen des Hrn. C. Moriti^ verdankt, befand 
sich zu meiner grofsen Freude ein Exemplar des Peripalus, in 
ColunibicD in der Umgegend des Valencia -Sce's gefunden. Ob- 
wohl bereits seit 10 Jahren in die Wissenschaft eingeführt, ist 
dies Thier uns dennoch nach seinen merkwürdigen Eigcnthüm- 
liclikcilen noch kcineswcgcs gehörig bekannt, und ich bedauere 
dajicr um so mehr, dafs wir nur ein einziges Exemplar dessel- 
ben erhielten, und mir dies nur gestatten konnte. Einiges über 
seine äuTseren Organe zu berichtigen, ohne dafs es mir möglich 
wurde, durch eiue Anatomie des Thieres seine gesammtc Orga- 
nisation u.'ibcr aufzuklären. Bekanntlich wurde es zuerst von 
Lansdowu Guilding in den Urwäldern von St. Vincent ent- 
deckt (Inier ptanlas a me leclas ad radices monlis immensi „Bon 
homme'' unicum exetnplum attoiiiius forte delexi. Zool. Journ. 
1&26. Vol. II. p. 444.). Mcrkv.ürdiger Weise hielt er es für ein 
Mollusk. Suiregnum Mollusca liocce geliere purudoxo tnultum 
prrlurlialur. Vermia morilms Oncliidio lerreslri similis, at (quod 
inirabde) polifpwt. Oetiiis incertae seäis classcm proprium gasle- 
Topodis affinem reposcil , <piae pedilus mullis laterulilus dislin- 
guitur. Er niachle aI^u eine eigene Klasse dei' Mollusken daraus, 
die er Poli/poda benennt. .Seine (Isis ]S28. t. II.) copirle Abbil- 
dung des Thieres ist übrigens ziemlich naturgetreu ; sie giebt 
«elbtt eine richtigcie Vorstellung von demselben als die später 
von M ilnc • Ed wards und Auduuin. Als Charaktere seiner 
Gattung setzt Guilding folgende: 

13* 



196 

Corpus moUe, clongatuni, contractile, subrolundatum (subleres), 
poslice subattenualHm, corrugatum. Tenlacula 2 longa, semi- 
retractilia, subcjündracea. Os subtus loogiludinale, (in quies- 
ceute) clausuni; labiis (dum cxtenditui) papillosis. Mandibulae 
uuUae. Oculi ad ladiccs lentaculorum, obscuri, vcrrucosi. 
Clypeus nuUus. Anus posticus infra. Oiiücium gencrationis (?) 
dislincium, posticum, iufra. Ambulacra utrinque 33, paribus al- 
fcrnis cxtendantur. Ungues inultifidi. 
Die Alt P. iuliformis cbarakterisirt ei- folgendermafsen: 
P. atrofuscus, annulose flavido maculatus, ventre nigrcscenti- 
roseo ; corpore toto spinuloso - papilloso ; linea dorsali atra. 
Long. corp. 3"; lat. 3'". — Sacpe rctiogradus. Atterritus li- 
quorem glutinosum ab oie respuit. 

Unter den obigen Charakteren ist unrichtig die Zahnlosigkeit 
des Muudcs und was von den Augen und Krallen der Füfse aus- 
gesagt ist. Die Berichtigung des ersten Fehlers ist bereits von 
A u d u i n und M i 1 n e - E d w a r d s {Ann. des Sc. nat. Tom. XXX. 
(1&33) p. 411.) gegeben; in die beiden letzteren sind indessen 
auch sie verfallen. — Nach ihrer Ansicht gehört übrigens diese 
Thicrgattung ohne Zweifel zu den AnneliJes erruntes und bildet 
unter diesen den Typus einer besonderen Familie. Die gesainmte 
Körpcrgeslalt, das Vorhandensein eines geschiedenen (distinctej 
Kopfes, der mit sehr entwickelten Fühlhörnern versehen ist, die 
Bewaffnung des Hundes, die Bildung der Füfse lasse es nicht 
mit den Tubicolen, Tcrricolcn uud saugenden Annulaten ver- 
wechseln; andrerseits unterscheide es der gänzliche Mangel der 
Cirren, der Kiemen und aller weichen Anhängsel mit Ausnahme 
der Antennen von den übrigen Annelides errantcs. Sie charak- 
terisircn" deshalb diese Familie: Pieds saillans, garnis seulement 
de soies proprement dites, et ne poriant ni cirres, ni d'autres ap- 
pendices mons; tele bien distincle et potirvue d'anictmes (res de- 
reloppees: hauche armee de mächoires. — In der Definition des 
Genus nennen sie den Körper fast cylindiisch, stumpf an beiden 
Enden, in wenige Ringe gctheilt, deren jeder wieder in mehrere 
Segmente zerfalle (womit wohl nur die vielen Queerrunzeln der 
Haut gemeint sein können). „Kopf abgerundet, trägt 2 dicke und 
sehr lauge Fühler; Mund am untern Theile des Kopfes, verbirgt 
einen kleinen Rüssel, oer mit sehr entwickelten Kiefern bewehrt 
ist. Füfse konisch." In der Artbeschreibung wird die Länge des 



197 

TLieres auf 2 — 3'" angegeben. Der Körper zeige etwa 30 wenig 
deutliche Ringe. Der Kopf sei dick, rund; die Fühler lang, cy- 
lindrisch, geringelt, und es heifst weiter: sur les cötes deux Ut- 
beicules, qui paraissent representer les yeiix. Die Verf. meinen 
damit dieselben Erhabenheiten, welche Guilding als ociili vcr- 
rucosi benannt und abgebildet hat. Die Mundtheile beschreiben 
sie genauer : Trompe ires courie couronnee d'un cercle de pelits 
iubercules et armee de 2 muchoires grosses et crmoses, dans l'in- 
ierieur desipieltes s'en trouve d'aulres, qui sont sans doule desli- 
nees ü les reniplacer. Es ist eine vcrgiöfsertc Abinldung dieser 
beiden Kiefer gegeben. In der Arlbeschreibung werden dann 
auch die Beine umständlicher beschrieben. Es heilst hier pieds 
ires gros, coiiiqiies. und weiter ä leur extremiie on remarque un 
peiil appeiidice, du milieu duquel sortent deux ou irois soies, et 
en dessous 2 o» 3 ligties süillantes transversales, qui paraissent 
formees par l'asglomeralion de phisieurs des tuhercules dont 
ioute la surface de la peau est herrissee. Endlich \'('erden noch 
kleine Oefl'iiungen erwähnt, welche innen an der Basis eines 
jeden der Fül'sclien gelegen sind, von Guilding übersehen wur- 
den, von den Verf. aber mit analogen OelTnungcn, die sie bei 
IJipponoe wahrnahmen, verglichen werden. — Soviel über die 
Angaben der früheren Beobachter. Wenn gleich die Darstellung 
der beiden französischen Gelehrlen in den meisten Punkten mit 
der Natur übereinstimmt, so scheinen mir doch die wesenilicheii 
Eigenschaften, welche für die systematische Stellung des Thiercs 
entscheiden müssen, nicht gehörig hervorgehoben und ich halle 
daher einige hierauf bezügliche ßenierkungen keinesweges für 
überllüssig. ISochmals eine Abbildung des ganzen Thieres zu 
geben, möchle dagegen weniger nöthig sein, da die von Oken 
copirte Figur Guilding's bekannt genug ist und eine richtige 
Vorstellung des sich bewegenden Thieres liefert; ruhend und zu- 
sammengezogen ist es aber bedeulend kürzer. Der Körper ist 
länglich- linear, auf der Hückenseite convcx, auf der Bauchseite 
aber, mit etwa 3ü undeutlichen Gliedern. Die Länge unseres 
Exemplars beträgt 1" 2^'" Par. M., die Breite 2,;'". Die Oberseile 
mit dichlstehenden Quccrriin7.clii und dicht mit Warzen beselzl, 
au» deren Spitze eine kurze dornailige Borste hervorragt. Auf 
der Mille des Kückens verläuft eine seichte Längefurchc vom 



198 

Vorder- zum Hinterende. Der Kopf ist keineswcges so deutlich 
abgesetzt, wie ihn die Abbildung der französischen Zoologen dar- 
stellt; richtiger ist er von Guilding a.a.O. abgebildet. Die 
Antennen sind cylindrisch, an der Basis etwas verdickt, an der 
Spitze stumpf, undeutlich vielgliedrig, oder vielmehr geringelt 
und mit spitzigen stachelborstigen Höckern besetzt; sie sind da- 
bei weich, und wie es scheint, bedeutender Verlängerung und 
Verkürzung fähig (semirectractilia Guild.). Augen sind nicht die 
Itörnigen Höcker, welche Guilding und die franz. Naturforscher 
dafür nahmen, sondern es sind 2 einfache Augen (ocelli) vorhan- 
den, deren jederseits eins hinten am Grunde der Fühler liegt. 
Bei genauerer Ansicht sind sie leicht als ein runder, convexer, 
glänzend schwarzer Punkt wahrzunehmen. Was die genannten 
Naturforscher für Augen ansehen, ist vielmehr das rudimentäre 
erste Fufspaar, welches zur Seite des Mundes stehend, die Stelle 
der Taster zu vertreten scheint. Es kann bedeutend verkürzt 
werden, und erscheint in seiner gröfsten Verkürzung als ein rund- 
licher Höcker, was zu jenem Versehen Anlafs gab. Der Mund 
ist richtig von Milne - Edwards und Audouin beschrieben 
(s. oben), auch ihre Beschreibung und Darstellung der Kiefer 
stimmt mit dem überein, was ich davon bei blofser Erweiterung 
der Mundöffuung erblicken konnte. Minder genau ist ihre Schil- 
derung der Füfse, deren für jedes Körpersegnient ein Paar vor- 
handen ist ; bei unserem Exemplare mit Ausschlüsse des ersten 
rudimentären oder Tasterpaares, 30. Sie scheinen mir keineswe- 
ges den borstentragenden Fufsstummeln der wahren Anneliden 
vergleichbar, sondern haben eine viel vollkommncre Bildung und 
ähneln vielmehr den Bewegungs- Organen der Insekten-Larveu, 
jedoch nicht völlig, da sie zwischen den mcmbranösen Afterfü- 
fsen und den wahren Füfsen derselben gleichsam die Mille hal- 
ten. Sie sind nämlich weich und ungegliedert, wie jene, andrer- 
seits aber mit einem beweglichen, aber zweikralligcn Klauen- 
gliede versehen, wie diese. Jeder Fufs erscheint als ein fleischi- 
ger, stumpfkonischer Fortsatz, dessen Haut durch etwa 10 Queer- 
reiben kleiner spitziger Dornenwarzen geringelt ist. Er endigt 
mit einem treffleförmigen Klauengliede, welches an der Spitze 
seines mittleren Lappens die beiden gekrümmten spitzigen Krallen 
trägt. Unter der Spitze des Fufses zeigen sich quecrübereinauder- 



199 

liegend, 4 schmale körnig-kurzborstige SchwieleD *), deren äufse- 
rer das meist nach aufwärts umgeschlagene Klauenglied angefügt 
ist. Man könnte vielleicht diese Schwielen als Spuren einer Glie- 
derung, als Rudimente von Tarsusgliedern ansehen (s. Tab. IV. 
fig. 20.). Dafs 2 oderS Klauen vorhanden sein sollen, wie Audouin 
und Milne - Edwards augeben, beruht so gut wie Guilding's 
Angabe fung-ues niu^^i^di^ auf einer Täuschung. Ueberall habe ich 
nur 2 einfache, hakenförmige Krallen gefunden. Mit eben so wenig 
Rechte kann mau diese Borsten ^«o/e«^ nennen, indem dagegen 
einerseits ihre Auhcftung an ein wahres Klauenglied, andrerseits 
ihre Gestalt spricht, da die Hakenbuisten (uncinvli) denen allein 
man sie vergleichen köunle, nur Eigenthuui der Röhrenwürmer 
nod Arenicolen sind. Unser Exemplar hat, wie bereits erwähnt, 
bei geriugerei' Körperlänge nur -30 Fufspaare, es scheint daher, 
dafs ihre Zahl mit dem VVachsthume zunimmt, da das von Guil- 
ding beschriebene von 3" Länge 3.3 Fufspaare zeigte. Das letzte 
Paar steht am letzten Körpcrsegmeote, au dessen hinterem Ende 
der After sich findet, während eine andere längliche Oeffnung 
(Geschlechtsölfuung?) an der Unterseite des vorletzten Segmentes, 
hart an dessen Grunze mit dem letzten, bemerkbar ist. Innen 
an der Basis eines jeden Fufses findet sich ein kleiner Schlitz 
mit wulstigen, faltigen Lippen umgeben. Spiracula zu Tracheen 
sind dies indefs nicht, da ein ausgetrenntes Stuckchen des Kör- 
pers unter dem Mikroskope keine Spur von Tracheen zeigte; es 
sind also vielmehr die Oetlnuugeu vuu Absonderungs-Organen 
oder auch von Athmungs- Orgauen ähnlicher Art, wie die der 
Ilirudineen, was nur in einer vollständigen Anatomie des Thieres 
ermittelt werden kann. Die von Hrn. Moritz mitgesandtcu Pa- 
piere enthalten leider nichts Näheres über das Vorkommen des 
Thieres. Guilding fand es an Pflanzen, die er in den Urwäl- 
dern gesammelt; Lacordaire, nach Audouin und Milue- 
Edwards /. c, unter faulem, im Schlamme versunkenem Holze 
an den Ufern des Approuage im Brackwasser. Hiernach gewinnt 
et fast den Anschein, als ob das Tliicr beiden Elementen ange- 
höre. Die drei bisher beschriebenen Individuen scheinen nur 

*) Sie sind nämlich äufstrrst dicht mit kleinen Warzen besetzt, aas 
•leren jeder eine lurzc Borste ent8prin;;l. Aus Versehen sind in unserer 
Figur nur 3 S'hwlilen dargentelU. 



200 

Specimina einer ond derselben Art zu sein, und' diese würde 
mitbin über Columbien, Guyana und eine (St. Vincent) oder ineh- 
rere Inseln der kleinea Antillen ausgcbveitet sein. Fragen wir 
schiefslich nach der systematischen Stellung des Thicrcs, so scheint 
CS keinem Zweifel zu unterliegen, dafs es den Gliederwürmern 
zuzuzählen ist. Am meisten nähert es sicli allerdings den Anne- 
lides en-anles Aud. u. Edw.; aber der Mangel der Girren und 
Kiemea, seine Lebensweise am und auf(?) dem Lande, und be- 
sonders die höhere Eutwickelung seiner Bcwcgungs- Organe mit 
ihrer konischen mehr beinahnlichen Gestalt und ihrem bewegli- 
chen Klauengliede entferneu es von ihnen. Es scheint also, dafs 
die Familie der Peripatiden in die Ordnung der Antennalen oder 
erranten Anneliden zu stellen ist, aber als ciu üebergangsglied, 
welches dieselben deu höheren Gliederlhiereu, d. h. denen mit 
gegliederten Bewegungs- Organen, und vpohl zunächst mit den 
Myriapoden, verbindet. Dabei kann man aber nicht umhin, auf 
die Analogie mit einer Thfergatlung hinzuweisen, die ebenso 
räthselhaft in ihrer Stellung, in neuern Zeiten den Crustaceeu 
Bugewiesen ist, obwohl es fast den Anschein hat, als ob sie auf 
einer niederen Stufe der Organisation die Peripatiden wiederhole. 
Ich meine die Gattung Arctiscon Schrank, aus welcher Per ty 
die Familie der Xenomorphen bildete (s. d. Arch. Jahrg. I. Bd. 1. 
p. 380. u. d. Abbild, von Arctiscon UufelmuUi Isis 18.34. lab. XIV. 
f. 1.). Auch hei dieser Gattung ist das letzte Fufspaar dem letz- 
ten Körpersegmente angefügt, und steht unmittelbar neben dem 
After. Auch hier sind die ungegliederten Füfse mit Krallen ver- 
sehen. Auch hier ßndea sich einfache Augen und zwei Kiefer. 
Aber es fehlen die Fühler und die gleichfalls wenig deutlichen 
Körpersegmente sind abwechselnd fufslos. Hieraus ergiebt sich, 
dafs wir hier denselben Typus auf einer niedrigeren Stufe der 
Eutwickelung (der derErdwürmer Tcr»icofce Edw. Aud.) haben, 
und dafs also die Gattung ^rc<»«con richtiger den Gliederwür- 
mern zugezählt werden, und in der Gruppe der Terricolen der 
Pi'otolyp der Peripatiden sein möchte. 



l;t!S; 



Bemerkungen 

über das Voiicommen von Pflanzen in heifsen 

Quellen und in ungewöhnlich warmem Boden 

von 

H. R. G o e p p e r t. 



Lieber die Einwirkung niederer Wärmegrade auf die Vegetation 
gicbt CS mehrere Unfersucliungcn. Ich selbst habe mich lange 
mit dergleichen beschäftiget und sie in einer schon vor sechs 
Jahren erschienenen Schrift bekannt gemacht, jedoch über den 
Eiuflufs sehr hoher Temperatur mangelt es gegenwärtig fast noch 
gänzlich an experimentellen Forschungen. WicwoU ich der- 
gleichen auch noch zu unternehmen beabsichtige, will ich in- 
dessen nicht ermangeln, eine kleine hierher gehörende Beobach- 
tung mitznlheilen, die ich auf meiner letzten Reise in Sachsen 
{1&36) zu machen Gelegenheit hatte. Voran schicke ich eine 
Zusammenstellung der mir bekannt gewordenen Erfahrungen die- 
ser Art, die vielleicht dem künftigen Bearbeiter dieses Zweiges 
der Physiologie nicht unangenehm sein dürfte. Die ältesten fin- 
den wir über die berühmten Quellen, zu Padua. Schon Plinius, 
indem er der Eigeulhümlichkeiten der heifsen Quellen gedenkt, 
erwähnt, dafs in den warmen Quellen zu Padua grüne Kräuter 
wüchsen (Palavinorum aquis calidis lierhae virenies innascunlur. 
Plin. hisl. naiur. LA. secwid, cap. 106.), was auch später Clau- 
dia nus in seinem Gedicht Apoims (Carni. 42.) besingt *) und 

*) Cl. Clandiani Oper, edit Gesncr p. 165: IdjUiam VI. Aponus. 
Huniida n:iruniariim regio Vulcania^ terrae 
L^ber.i siiltureae fei'vid.1 regna pl.'igac. 
Quis strnlcm non crcdat liumumi' fumantja vcmant 
Pascu.i, tiixuriat grauiiiie rocu sitcx. 
Et cum air rigidae raiites trrvorr tl(|uC6Cail(, 
CoDtcnlis audax ignibus Itcrba virct. 



202 

Cassiodorus erwähnt (Cassiodorus variamm episf. LH. Il.J in 
dem berühmten Briefe des Königes Theodericli an Aloys den 
Baumeister *). Acht Jahrhunderte nachher fand der Marchcse 
Johann Dondi '*) zwar blos ein vegetabilisches Sediment; al- 
lein zwei Jahrhunderte nach ihm kam wiederum Fallopius, 
welcher üppige Gewächse sammt ihren Blüthcn und Saameu aus 
den Bächen hervorgeholt haben wollte ***). Baccius **") be- 
zweifelte die Tbatsache und meinte, man träfe Gewüchse nur 
längs der Ufer oder da an, wo sich wildes mit hcifsem Wasser 
vermische. Vallisncri pllichtete im Ganzen genommen dem 
letzteren bei f ) ; Vandelli ff) nber bestätigte hingegen, was 
Carlo Dottori fff) in seinem Gedichte so bezeichnet ausge- 
drückt halte. — Die Existenz der Crypiogamen ward in neuester 
Zeit auch von Erast v. Andrejowski bestätigt, welcher im 
Jahre 1829 Gelegenheit halte, die Quellen von Abano chemisch 
zu prüfen (Gräfe u. v. Wallher Journ. für Chirurgie u. Augenheil- 
kunde. 15r Bd. 18.31. S. 568.) und dabei auch ein interessantes 
Beispiel von dem Vorkommen von Phanerogamen in denselben 
anführt. Es entdeckte nämlich der General -Direktor Hr. G. 
M. Zechin elli in den ersten Tagen des Mai's 1820 zu Moute- 



*) Ride.it florentl gramine facies de'cora campestris, qaae etiam ar- 
dcnlis aquae fertilitale lactalur, miroqae modo dum proxinoe salera ge- 
nerat sterilem, nutriat pariler et virores. 

**) Jobannes de Dondis de fontibus agri Patavia (1388) abgedruckt 
in „de balneis omnia quae exstaut etc. Veiieliis apud. Juntas 1553." 

*•*) Fallopii Opera omnia. Venctiis 1606. Tom. I. Aract. VIII. c. 17. 
p. 312. Kursus fuit cckbris fons ille, eo quod in aqua illa ferventissima 
vivant planlae, quod a Pliiiio habetur pro rairaculo, ut prope habcndum 
est; et nunc etlam aluntur ipsae plantae, ut ego y'ii'i; nam extraxi ali- 
quondo planlas ex illis rivulis virentes ac pingues, cum floribus et semi- 
nibus ex quo colligcre possumus aquam ilbm (acere non ad corruptio- 
neni sed ad nutrilioneni planlaruni, atque ad sonltatein bumani corporis. 
G. Faloppii Iractat. de tbermis etc. cap. 17. in operib. omnib. Francof. 
1584. p.284 

****) Andreae Baccii libri Septem, opus in quo agitar de nniversa 
aquarnm natura Romae, 1622. 

•f) Opere fisicho. medidie. Venezia 1733. p. 43-3. 

ff) Vandelli tractatus de tbermis agri. Patavini 1701. 

■ftf) Ivoldo Crotta (Carlo Dottori) poema eroicocomico 1' Asino. 
Vemiia 1652. Canl. VI stanz. 79. 



203 

Grotto eine Salzpunge (Smnolus ValerantliJ, deren Wurzel in 
einem 54° K. warmen Schlamm steckte, vväbrend der Stengel 
mit noch heil'serem, darüber stehendem Wasser umspühlt wurde, 
dessenungeachtet aber frisch und kräftig vegetirte. Der Saame 
hatte sich wahrsclieinlich im Herbste bei der Füllung desSchlamm- 
servoirs verschleppt. Eine andere phancrogamische Pflanze, die 
Hr. T. Andrejo wski ebenfalls unter sehr hoher Temperatur er- 
blickte, war Zannichetlia pabisiris, die einen der kleinen 28° R. 
warmen Abflufsteiche des Montiron bewohnte. — Der Trcmel- 
Icn und Confervcu Ändet man eine sehr grofse Menge, die mei- 
sten bei 40° R., wo z. B. nahe der Mühle die Conjerva bullosa 
ganze Gräben anfüllt. 

Auch Hr. A. v. Humboldt (Versuche über die gereizte 
Muskel- U.Nervenfaser. 2 Bde. S. 2.33.) sah bei den heifsen Quellen 
V9n Abano aneinanderhängende Rasenstöcke, von denen ein Theil 
die gewöhnliche Erdtemperatur hatte, ein anderer, unter dem 
die heifse Quelle durcbslromte, bis zu 35 — 40° erwärmt war. 
Auf beiden wuchsen dieselben Grasarien: Andropogon Ischaemum, 
Lolium perenne, Poa caerulea, P. annua, in gleichem Wüchse 
und von gleicher Gröfse. 

Jener organische, in den heifsen Quellen vorkommende, un- 
ter verschiedenen Namen bekannte StolF (Baregine [Longchamp], 
G'lairine oder Schleimstoü' [Anglada], Zoogen [Gimbernat] , Zoo- 
thermin [Monheiui]) besteht höchst wahrscheinlich, wiewohl bei 
sorgfältigerer Untersuchung überall nachgewiesen werden dürfte, 
aus Pflanzen oder Thicren von mikroskopischer Kleinheit. Ich 
beabsichtige nicht die einzelnen Arten der bisher in den Quel- 
len entdeckten organischen Wesen aufzuzählen, sondern will nur 
eine Zusammenstellung der heifsen Quellen liefern, in denen jene 
Substanz entdeckt ward oder in deren Nähe in ungewöhnlicher 
Temperatur noch Pflanzen gedeihen. Lcmonnier (Examen de 
tfueU/ues fonlaines mineralea de France et parlicutierement de Celle 
de Barreges in der IJisl. de l'Acad. royale des sc. pour l'annee 
1747.) beobachti;tc jene Substanz zuerst in den Heilquellen zu 
fiartge, später cbcndort Borgella (Nouv. Eiern, de Therapie par 
Aliierl, Edil. 4. F. 2. p. 679.), Bordcu (Letlres sur les eaux 
Ihermalta de Beurn pur Borden p. 187), Pouniicr (Anutyses des 
eaux thermalen de Ptjrmeea par Poumier p. 73, 87 et 99.). Lelz- 



204 

terer auch noch zu Cautcrets und zu Bagnercs de Luchon, wo 
sie auch früher schon Bayen (Opusculea chymiques de Bayern. 
T. I. p. 40 — 50 et p. 135.) und Longchamp {Annales deChimie 
et de ikysique. T. XXII. p. 158 — 161.) aDgelioffen halte. Ra- 
niond (DeCandollc Pflanzenphysiol. Bd. II. p. 661.) sah inBagne- 
rcs am Ufer eines Baches von 31° T. Verbena offlcinalis, DeCan- 
dolle zu Balerac Exemplare von Aster Tripolhim, deren Wur- 
zehi von 30° wainien Wasser bespühll wurden. Barbut {Ma- 
nuel des eaxix minerales par Patlssier p. 116) fand jenen sogenann- 
ten Ihicrischen ExtraktstolT in den warmen Schvvefelwässern von 
Bagnols de Lozere. Bonvoisin (1785 in dem vorigen Werke 
p. 170.), Socquet (desgl. p. 189.), Saussure {Voyage dans les 
Alpes. T. III. p. 7. §. 1168, Jonrn. de Physique 1790. Dcbr. p.401.) 
fand denselben ncbsl 2 Tremcllen in den Bädern zu Aix in Sa- 
voyen, L aureus {Dict. des sc. medic. T. XI. p. 84.), zu Aix en 
Provence Dispan, MaguesLabers (vlna/t/se des eaux mineiales 
d'Ai.i- 1823.), Chaptal, Secondat, Pilhes {Traile analytlque 
etpralique des eaux thermales d' Aix par Pilhes p. 12.) u. Vauque- 
lin zu Aix, letzterer noch zu Coulonbrct, Ussal u. Ncris {Ann. 
de Chemie T. 39. p. 173 — 176, Dict. des sc. medic. T. XI. p. 47.), 
ein Ungenannter {s. Palissier I.e. ^>. 205.) in den Schwcfelwäs- 
scru zu St. lIoDore (N'ievrc), Fabas {Alibert l. c. T. 2.p. 683.) zu 
Sauveur, Anglada zu Molitz und in den Schwefelquellen der 
östlichen Pyrenäen {Mem. pour servir ä l'hist. generale des eaux 
minerales etc. pnr J. Anglada T. I. Mem. second.), Daubeny an 
der heifseu Quelle zu Greoulx in der Provence, zu Ai les in Rous- 
sillon {Trunsacf. of ihe hinnean Soc. XVI. Land. 1833. p. 587 — 
597, Annalcn der Pharuiacie Bd. X. p. 337. 1834.) und an meh- 
reren Punkten der Pyrenäen, De Candollc zu Valdiari in Pie- 
mont (l. c. p. 341.). Die beiden letzteren erkläreu sieh vorzugs- 
weise für die Algennatur jenes SlolVcs, wülirend Anglada noch 
in der neuesten Zeit bemüht ist, denselben als ein cbcniisches 
Erzeugnifs nachzuweisen, welches in den Wässern bei ihrem 
Entspringen aus der Erde in Auflösung gebalten und wcna es 
mit der äul'screu Luft in Berührung komme, von ihnen abgesetzt 
werde. In Aachen entdeckte ihn Gimbcrnat {Analyse cliymi- 
que d^s eaux therm, sidphvreuses d'Aix la Chapelle et de Borceiie * 
par Francois Lausberg p. 9S — 119.), Monheim (dess. Beschrei-^ 



205 

bung der Ilellqucllcii von Burtscheid, Aachen u. s. w. 1S29. S. 
238. überhaupt rcicli au literarischen Nach Weisungen). Ersterer 
auch noch iu Baden in Nicderöstreich zu Iscbin (Gilbert's Annal. 
B. 58. p. 21.3.), Kastner (Buchner u. Kastner's Repertorinm der 
Pharniacic, 14 Bd.) 1821 zu Wiesbaden, Brandes in Tattenhau- 
scn (Poggcndorf's Annaleu 19. 9-3.) und Edward Turner in 
den 160 — 180° F. heifscn Scliweielquellen zu Pinarkoon u. Loor- 
gotha in Ostindien (Edmb.Journ. qf Science n. Xf'III.p. 95 — 99. 
Journ. d. Physilc u. Chemie von Schweigger. Bd. 5.3. S. 479 — 483). 
In den heilsen Quellen zu Carlsbad (59° R.) hatte Springfeld 
schon früh die vegelabilische Natur der grünen daselbst bei dem 
Ausflüsse der heifscn Quellen in den Topl vorkommenden Sub- 
stanz erkannt {Tremelta thermalis gelatinosarelictilosa subslantia 
reliculosa; Mem. de l'Acud. loyale des sc. de Berlin T. VIII. Ann. 
1752.) Später untersuchten sie Schcrer (Abhandlungen der 
bühmischeu Gesellschaft der Wissenschaften 1786.) , in der neue- 
sten Zeit die Herren Agardh, Kützing, Corda, Ehrenberg, 
Fischer und Schwabe. 

Nicht minder licstimmtc Beobachtungen finden wir auch iu 
den Schriflcu verschiedener Reisenden. So iu der Reise durch 
Island vou Eggert Olaffen über die in der Nähe der heifseu 
Quellen wachsenden Pflanzen (des Vjce-Lavmands Eggert Olalfens 
und des Landjibysici Biarne Povelsens Reise durch Island, ver- 
anstaltet von d. Soc. d. Wisseusch. zu Kopenhagen u/ beschn von 
bemcldteni Egg. Olaffen. Aus d. Dan. übers. Mit 25 Kupferlafeln. 
1 Karle. 1. u. 2. Th. 1774., 2r Tb. S. 31 u. 181.). Die Pflanzen, 
die dort in der Nähe des Geiser und um andere auf der Insel so 
häufig vorkommende heil'se Quellen PFUchsen, gedeihen vorzikg- 
Kch gut, tbeiis wegen der unterirdischen Wärme, thcils weil sie 
täglich von den warmen Dämpfen befeuchtet werden. Aus den 
Felseurilzcn des Geiser wächst so häufig, wie nirgends iu Island, 
der wilde Tliymian, Thymus Serpyllum. Die Vrunella erreicht 
auf dem heifscn Boden in der Nähe des Bades Badstofa eine be- 
-deulcnde Gröfsc (S. 181.), auf ähnlichem Boden hei Thcslaryka 
Achillea MillefiiUum mit Fchoiicr Purpurfarbe. Angelica Archan- 
gelica faiiil er in den Nallferrcvigcn 1756 d. 6. Sept. in slarkec 
Kälte und in 7,ugcfroriier Erde hocli hinauf in den Klippcu im 
be«lcn Wüchse stehen (S. 31.). in dem heifsen Buden bei Kri- 



206 

suvük blühet Murar, Argentina ( Potent illa Anserina), Soly 
Ranmiculus acris u. Tormentilla erecta. Die warmen Bäder zu 
Laugürnes haben folgende Pflanzen {Mtira!), welche gemeinig- 
lich und vorzüglich um die heifscn Quellen wächst, desgleichen 
Plantago major, Sisymirium Nasturtium (Katter-Balsam). Leider 
veraiifst man bei diesen Beobachtungen die nähere Angabe über 
die Temperatur des Bodens. In neuerer Zeit soll ein Hr. John 
Dauby, der Bruder des Vorstehers des bolanischen Gartens zu 
Liverpool, eine Art Chara aus Island milgehracht haben, die er 
in einer der heilsen Quellen, in denen ein Ei binnen vier Minu- 
ten gekocht ward, blühend und saanieulragend fand (Fror. Nol. 
36 Bd. n. 3. Febr. 1833. S. 38.). Nach Daubeny's Angabc sah 
Dr. Hooker (AnnaL der Pharm. 1834. a.a.O. S. 345.) nahe am 
Rande des Geiser und wenige Zoll von siedendem Wasser die 
Conferva llmosa Dillw., eine neue Art Osciltatoria und die schön- 
sten Exemplare von Jungermmmia anguloap. Auch wurde im 
Wasser von einem sehr hohen Wärmegrade in Menge üppig 
wachsend die Conferva ßavescens Rolh und eine neue Art, die 
der C. rlvularis nalie steht, gefunden. 

Georgi (Bemerk, v. J. G. Georgi, 1775. L Bd. S. 75. 93 u. 141.) 
besehreibt mehrere heifse Quellen um den Baikalsce. An einem 
lauwarmen Wasserbecken auf Steinen und am Baude wuchsen 
Conferva fontlnalis u. C gelatinosa, Mnlum pellucidum u. fon- 
tanum, Marchanlia, Cardamine, u. mehrere Quellpllanzen (S. 93.). 
In einem aus mehrereu 53° Del. warmen Quellen enispriugenden 
Bache Conferva fontinalis, Mnium fonlanum (S. 140.). Auch 
ist die Bemerkung, dafs es hier keine besondere von der benach. 
harten Flora verschiedene Pflanzen gäbe, die er noch an einem 
andernUrte wiederholt (S. 7.3.), wichtig. Güldcnstädt (Reise 
nach Georgien und Imarethi, herausgegeben von Klaprolh. ßcri. 
1815. p. 66.) sah eine Wasscrgallcrte oder Viva am Ausflufs der 
Bäder des heiligen Peler zu Bragun am Fusse des Kaukasus in 
einem Bache von 30°. Im Sande von Seucgamljien steigt das 
Thermometer nach Adanson (Sennebier Physiol.vegel. T.Ssieme 
p. 284. Adans. Reise, übersetzt von Schreber) auf 60°, und doch 
wachsen mehrere Pflanzen in dieser Hitze. Barrow (Foja- 
ge to Cochinchina, p. 43.) und Stanton (in seiner Beschreibung 
der Gesandtschaft des Grafen v. Rlacartney nach China auszüglich 



207 

in Voigt's Magazin für den neaesten Zustand der Naturkunde. I. 
2. St. 1798. S. 22.) bemerkt auf der Insel Amsterdam eine heifse 
Quelle Ton 186° Fahrh., auf deren Schlamme Marchantien und 
Lycopodien wucbcrien. Forskai (Flora aegyptiaco-arabica, Haf- 
niae 1775. p. 189.) sah Conferva thermalis in einer 49° R. war- 
men Quelle Arabiens. Unbestimmt sind die Angaben von Spar- 
mann (Sparmann's Reise. Berlin 1784. S. 142.) und Thunberg 
(dess. Reise Bd. I. Tb. I. p. 149., Tb. II. p. 17.) über die Vegetation 
in der Nachbarschaft des bottentottisch- holländischen Bades am 
Vorgebirge der guten Hoffnung, desgleichen von dem schon oben 
genannten Barrow über diese und andere Quellen desV.d.g.H. 
(Barrow Reise in das Innere von Südafrika in dem Jahre 1797 — 98. 
Leipz. ISOl.S. 93.94.411.). die von Stephan Kraschcnnikoff 
über die heifsen Quellen Kanitschatka's (Beschreibung des Bades 
Kamtschatka elc. Lemgo 1766. p. 91.), die von Labillardiere. 
Nach des Letzteren Angabe wachsen auf der Insel Kuruka unfern 
von Aniboina um siedendhelfse Quellen Bäume, denen diese Däm- 
pfe nichts zu schaden scheinen (Labitl. relat. de Voyage « la re- 
chercJie de la Perouse T. I.). Auch aus Forster's Beschreibung 
der Insel Tanna geht keineswegcs hervor, dofs eine Art Feigen- 
bäume oder andere Pflanzen in einem 212° heifscn Boden wüch- 
sen, wie sich aus den genauen Vergleichungcn (S. 107. For- 
ster's Reise um die Welt etc. hcrausgeg. von Georg Forster 3 Bde. 
1784. 120 u. 142.) ganz klar ergiebt. Es ist an erstercm Orte nur 
von einer heifscn Quelle die Rede, wo Feigenbäume standen, aber 
nirgends wird erwähnt, dafs dieser Punkt mit dem Thermometer 
gemessen worden wäre. Es muls daber diese Stelle künftig in 
den Ilandbücbero wegfallen, wohin sie nach Sprengel 's und 
Anderer Vorgange gerallicn ist und auch schon von Agardb 
(det». Biologie S. ] 73.) mit Recht bezweifelt wird. In Ostindien 
sah Sonncrat (Oliserval. d'un Phenotn. slngul. sur des Poissmis 
yui vivenl dana un eau, ipii a 67 degres de clmteur, par M. Sonnerat : 
Joum. de Plnjaii/ue, Avrit, p. 256. 1774.) P'Uex ytgnns caslxis und 
2 Arien Aspalalhut bei einer Quelle von 61°, und Desfontai- 
Des mehrere Gewächse in der Nähe der heifsen Quellen von 
Bona in der Barbarei, ungeachtet die Wärme derselben 77° cr- 
reicltlc. 

Auf der Insel Trinidad in der Nähe des berühmten Pechsee's 



208 

ganz nahe an dem kochenden Pech wachsen Bäume (J.E.Ale*-^ 
ander James. Edinb.N. Phil. Jmtrn. 1833, XXVJI. 94— 97., Leonh. 
n. Bronn. Jahrb. 1833. S. 129.); nach Lyons sollen (Lyons Joum, 
ofd Residence cnul Tour in ihe Repvhllce Mexico in the Year 1826. 
Vol. IL p. 60., Fror. Not. S. 70. u. 643. n. 5. 30 Bd. März 1831) Mi- 
mosen und andere kleine Sträucher an einigen Stellen über den 
kochenden Quellen zu Istlan hängen, dicht neben welchen sich 
die Wurzeln befauden. Am Rande kommt feines obgleich sehr 
kurzes Gras ipfor. Nach B r e i s 1 a k (Inslil. geolog. Fror. Nat. Febr. 
1833. n. 774.) fanden Dnnbar und Huntcr in ihrer 1804 längs 
des Waschita oder Anachita einem Flusse in Louisiana gemach- 
ten Reise über dem Fort IHeiro an der Grenze der vereinigten 
Staaten Quellen von 40 — 45' R., worin angeblich nicht allein 
Conferven, sondern auch Siräucbcr und Bäume wuchsen. 

Die Beobachtung, die ich zu machen Gelegenheit halte, be- 
zieht sich auf die Vegelation, welche sich auf einem in der Tiefe 
brennenden Ko.ilenQölzc bei Plaenitz unweit Zwickau befindet. 
Dieser Brand soll nach der Angabe des Hrn. v. Gutbier in sei- 
ner trefflichen Beschreibung des Zwickauer Schwarzkohlengebir- 
ges, Zwickau 1834. p. 81., im Jahre 1641 entstanden sein, als der 
kaiserliche General Borry Zwickau besetzte „da man vorsätzlich 
Feuer in die Schächte geworfen habe." Dieser Brand, der im 
Jahre 1670 besonders heftig gewülhet haben soll, dauert noch 
fort, und nimmt ein Terrain von 400 Ellen Länge im Streichen 
und 200 Ellen Breite ein. Das Feuer hat daselbst eine Tiefe bis 
90 Ellen unter der Oberflüche erreicht, und die dadurch entwik- 
kelten Dämpfe brechen aus mehreren Spalten und Oeffnungen 
hervor. An ein paar Punkten kömmt das Flötz auch zu Tage. 
Das Ausstreichen derselben bezeichnet nach Hr. v. Gutbier im 
Sommer ganz verdorrter, im Winter durch die unterirdische Hitze 
von Schnee cntblöfsler, schön grüner Rasen. Als ich diese inter- 
essanten Gegenden am 20. Oct. v. J. besuchte, fiel mir schon 
in der Ferne, noch ehe ich den an einzelnen Stellen hervorbre- 
chendeu Rauch bemerkte, die von der gesammten Umgebung ab- 
stechende Färbung des Rasens auf. Die Strecke, auf der man 
dcnEinflufs der uulerirdischen Hitze nach der Tiefe des darunter 
liegenden brennenden Flölzes mehr oder minder bemerkt, ist 
etwa 1800 Fufs lang, 900 Fufs breit, meistens Jlach, und, wie es 

scheint. 



209 

scheint, in Folge von alten Grubenarbeiten, schwach hü^elich. 
Es wird von einer Fahrstrafse durchschnillen und zur Linkern von 
derselben von einem Hügelrande eingcfafst. Nach rechts erhebt 
sich die Gegend zu einer niäfsig abfallenden Bergwand. Links 
von der Strafse scheint das brennende Flötz in der gröfsten bo- 
rizontalen Erslreckucg zu sein, wiewohl sich auch hier in deif 
Entfernung von wenigen Schritten grofse Temperaturdifferenzen 
linden, wie z.B. an einer Stelle 35° und acht Schritte davon 
nur 16°. Gegen den Hügcirand verliert sie sich allmShlig, und 
hier kommen auch wieder grüfsere Bäume vor, die auf der übri- 
gen hcifsen Fläche fehlen. An einer Stelle, wo das FJöIi,,ot; 
Tage streicht, so wie an den Hauptausgangspunkten der heilen 
Dampfe beobachtete ich 50-54° R., auf den vorzugsweise mit 
Moos bedeckten hügeiicbcn Erhabenheiten .35 — .36°, in dem mit 
üppigem Grase bewachsenen, gegen deu erhabenen Band hinlie- 
genden Theile 14-30°. Folgende PJlanzcn fand ich überhaupt 
auf der Fläche, deren Boden in höherem oder geringerem Grade 
die Wirkung des unterirdischen Brandes spürte. Akotyledo- 
nen: Bryum cespilicium H., ßr. argenieum IJ., Dicranvm pur- 
pureum, Climacium dendroides VV. et M., Funarla hygromeMca, 
IlypuumvelulmumH., U. rulahulum, U. spiarrosum U. , II. spien'. 
de,is U., Polylriclmm undutatum H. _ Monokoly ledonen: 
Agrostia vulgaris, Juncus effusus, Poa annua. — ])ikolyle- 
doncu: AcMllea Millefolium, Alsine media, Apargia hastilis, 
Campanula rohmdi/olia, Carlina acaulis, CentaureaJacea,a,eno- 
podium album, Chrysanthemum Leucanthemum, Erica vulgaris, 
Erodium cicularium, Ervum lürsutum, Fragaria vesca, Oulium 
tylvaücnm, Geranium mulle, Hypericum humi/usum, perfwatum, 
Leoniodon Taraxacum, Ilypochoeris radicaia, Polygala vulgaris, 
Polygonum aviculare, Pimpinella Sari/raga, Planlago tanceola- 
la, media, Prunus spinosa, Hosa canina, liumex Acelosa, R 
Acelosella, Hanunculus ac-ris. R. repens, Serralula an^Lsis, 
Solidago firgaurea, Tormnililla reptans, Thymtu SerpylluJ, 
Trifolium yiexuosum Je.,., T. repens, Urtica urens, Veronica 
Chamaedrys. Alle diese Arten sah ich auch in den nächsten 
Umgebungen dieser heifscn Stelle, nur waren sie viel weniger 
entwickelt und nicht in voller Vegetation, wie dies hei «Ion gc- 
nanuten der Fall ist, namenllich blühte noch Tormenlilla replaus 

ni.J<krg. I.Bond. J4 



210 

sehr reichlich, Erodium cicutarium, nnd das überall verbreitete 
mit den Moosen an den heifsesten Stellen vorkommende Hype- 
ricum humifusum zeigte 6 — 8 Zoll lange Sprossen und eine IMeoge 
reife Kapseln, woraus ich, wie auch aus dem Zustande der oben 
erwähnten gröfstentheils pcrcnnirenden Pflanzen mit Recht schlofs, 
dafe auch im heifsen Sommer diese Stellen keineswegcs der~Ve 
getation gänzlich entbehren. Der wärmste Punkt war ein mil 
6 Zoll dickem Rasen und einer leichten hölzernen Verkleidung 
bedeckte Schachtenmündung ; nm Dicranum purpureum, Bryum 
cespUicium und argentettm, Funaria hygromelrica , und junge 
Pflanzen von Hypochaeris radicaia, Poa annua, Polygonum avi- 
culare, Agrostis vulgaris, waren hier in einem Boden, der durch 
50' warme, ans der Tiefe aufsteigende Dämpfe erhitzt ward und 
selbst noch in 3 Zoll Tiefe 4S° maafs. Ich bedaure nur, nicht 
fortdauernd das Verhalten der Vegetation dort beobachten zu 
können, doch bat mir Hr. Apotheker Laurentius In Zwickau 
versprochen, dies namentlich im Winter zu thun, wo, wie begreif- 
lich, auf jener Gegend der Schnee nie liegen bleibt, also nicht 
niedere Temperatur des Bodens, sondern nur die der Atmosphäre 
hemmend auf die sonst gewifs sehr weit vorsclireitendc Vege- 
tation einzuwirken vermag. Wenn es nun erlaubt ist, aus die- 
ser allerdings nur vereinzelten Beobachtung einige Resultate zu 
ziehen, so ergiebt sich übereinstimmend mit andern ähnlichen 
Erfahrungen, z. ß. mit der des Hrn. A. v. Humboldt (s. oben), 
dafs die hohe Temperatur des Bodens, da in der Umgebung die- 
selben Pflanzen vorkommen, keinen Einflufs auf die Qualität der 
Arten ausübte, was hier um so eher hätte hervortreten müssen, 
da jene Gegend schon so lange Zeit in so hohem Grade erhitzt 
ward : so wie ferner, dafs auch hier an den wärmsten Punkten 
nur Moose, also Pflanzen niederer Organisation gedeihen, was 
sich an die oben erwähnte Beobachtungen anschliefst, welche die 
E&istenz von den dieser Familien verwandten Algen in noch 
höherer Temperatur nachweisen. 



Ueber die Epidermis der Geivvächse 

i*on 

J. M c y e n. 



JL)ie Epidermis der Pflanzen besteht aus Parenchym- Zellen von 
vielfach verschiedener Form, die mehr oder weniger tafelför- 
mig zusammengedrückt, durch seilliche feste Vereinigung aus- 
gebreitete Haute darstellen, welche als Intcgumente die ganze 
Oberfläche der Pflanzen überziehen. Die Zellen dieser anfseren 
Schicht, vpelche die Pflanze bekleidet, zeichnen sich nicht nuv 
durch ihre eigenlhümlichc Form aus, sondern auch durch be- 
sondere Festigkeit ihrer Häute, welche meistens eine gröfsere 
Dicke darbieten, so dafs man auf gut ausgeführten Queefsehnit- 
ten den grofsen Unterschied der Zellen der äufsercn und der dicht 
darunter liegenden Schicht ganz besonders deutlich sehen kann. 
Ja es sind noch viele andere Erscheinungen aufzuführen, welche 
eine besondere Betrachtung dieser Zellen der äufseren Schicht 
rechtfertigen ; als solche führe ich hier noch den besonderen, 
von den darunter liegenden Parenchym- Zellen ganz abweichen- 
den Inhalf jener Zellen auf, so wie den Mangel an Intercellular- 
Gängen , welche sonst den Parenchym - Zellen fast immer zu- 
kommen. _ 

Es ist eine bekannte Thatsache, dafs die äufsereZcIlcnscbicht 
von sehr vielen weichen und saftigen Pflanzen, und besonders 
von einzelnen Pflanzenthcilen, als von den Blättern, mit Leicb. 
tigkeit abgezogen werden kann. Man erhält durch dieses Ab- 
ziehen der äufseren Zellcnschicht von äin darunter liegenden 
Zellen ein feines, wasscrhclles Häulchen, welches dem blofsen 
Ange als einfach erscheint, doch bei hinreichender Vergröfserung 
iit die Zusammensetzung desselben aus plattgedrückten und 
'leitlich fest verbundenen Zellen deutlich zu beobachten. Die- 
ses feine Häutcben führt die Benennung: Oberhäutchen oder 
Epidermia. 

14* 



212 

Da sich die Zellen der Epidermis oder überhaupt der äufse- 
ren Zellenschicht der Pflanzen seitlich vereinigen und zwar so 
fest, dafs man sie weder durch mechanische Gewall, noch durch 
Kochen oder durch Maceration Ton einander trennen kann, so 
bleiben natürlich keine Interccllular- Gänge zwischen denselben 
übrig. Die doppelten Linien, welche man auf der horizontalen 
Ansicht der Epidermis zwischen den neben einander liegenden 
Zellen erblickt, sind nicht etwa als die Einfassungen von beson- 
deren Kanälen oder Gefäfsen anzusehen, wie dieses wirklich von 
vielen Phytotomen geschehen ist, sondern es sind nur die Begren- 
zungen der neben einander liegenden, und mit einander ver- 
wachsenen Seiten wände der Zellen; der helle Streifen, welcher 
zwischen den beiden schattigen Linien liegt, deutet die durch- 
schnittene Substanz der neben einander liegenden Zellcuwändc 
an. Die Vereinigung ist hier gewöhnlich so innig, dafs die Flä- 
che, wo die Zusammenwachsung der neben einander liegenden 
Zellenwände stattfand, nur in seltenen Fällen zu erkennen ist. 
Wenn die Wände der Epidermis- Zellen sehr dick sind, dann ver- 
mag man diese Vereinigungslinic zuweilen zu erkennen, wie 
z. B. in der Epidermis der oberen Blaltfläche von Begonia ma- 
culcUa. Diese Doppellinien, welche zwischen den Zellen der 
Epidermis so allgemein zu beobachten sind, wurden schon seit 
der Mitte des vergangenen Jahrhunderts bald als Fibern, bald als 
besondere Gefäfse angesehen. Hedwig nannte diese angeblichen 
Gefäfse : lymphatische Gefäfse, und darin siud ihm die Herren 
Kieser, Amici und einige Andere gefolgt. Beobachtet man 
indessen die Verbindung der neben einander liegenden Zellen der 
Epidermis auf gutgelungenen Querschnitten, so wird man sich 
gewifs vollkommen überzeugen, dafs zwischen den Scileuwänden 
der Epidermis- Zellen durchaus gar keine Spur eines durchschnit- 
tenen Gefäfses oder eines Kanales vorhanden ist, dafs also die 
Annahme der lymphatischen Gefäfse in der Oberbaut beseitigt 
werden mufs. 

Wir haben bisher unter Epidermis die äufsere Zellenschicht 
der Pflanzen verstanden ; der Begriff der Epidermis ist indessen 
TOD anderen Phytotomen verschieden festgestellt. Man wollte 
E. B. nur das feine, abziehbare Häuteben als Epidermis gelten 
lassen, welches fast immer auf der unteren Fläche der Blätter 



213 

zu beobachteo ist; iiidessefa man sah' sehr bald ein, dafs die £i- 
genscliaft der Oberhaut, sich von den darunter liegenden Zellen 
abziehen zu lassen, nicht zur Begriffs -Bestimmung dienen kann; 
denn sehr häufig ist die Oberhaut auf der oberen Blattfläche mit 
derjenigen der unteren Blatifliiche von einem und demselben 
Baae und läfst sich dennoch nicht abziehen. Andere Botaniker 
erkennen zwar in der Epidermis die äufserste Zellenlage, indes- 
sen sie beschränken dieselbe nur auf die, über der Erde wach- 
senden Thcile der voUkommueren Pflanzen, wozu auch einige 
Familien der Cryplogamen gehiiren sollen. Indessen ich glaube, 
dafs man auch die äufserste Zcllenscbicht, welche die Wurzel 
umkleidet, eben sowohl als Oberhaut anerkennen kann, denn auch 
sie unterscheidet sich in mancbcr Hinsicht von den darunterlie- 
genden Zellenscbichten, und Abziehbarkeit, Farbe und Daseiu 
oder Fehleu derSpallöQ'nungen kaun wohl nicht bei derBegriffs- 
Bestimmung mit in Betrachtung gezogen werden. 

Einige Pflanzen-Analomen, als F. Bauer und L. Trevira- 
nus, haben von einer doppelten Epidermis gesprochen, d.h. von 
einer solchen, welche aus mehreren Zcllenlagen bestehen soll, 
und mau kann selbst von einer drei- und vierfachen Epidermis 
der Art sprechen. Da wir im Vorhergehenden nachgewiesen 
haben, dafs sich die Selbstständigkeit der Epidermis von dem 
darunter liegenden Zellengewebc einmal durch eigen thümliche 
Form der Zellen, so wie durch besondere Festigkeit und innige 
Yerbindung der Zellen auszeichnet, und da es sich zeigt, dafs in 
verschiedenen Pflanzen die Zellen der zwei uud der drei aufser- 
«tea Schichten von gleicher Form und gleich fest mit einander 
■verwachsen sind, so raufs mau diese verschiedenen Zellenschich- 
ten zusammen genommen als Epidermis betrachten. In derglei- 
ebea Fällen, wo die Zellen in den einzelnen Schichten der Epi- 
dermis zu gleichmäl'sigen Flächen vereinigt sind, da kann man 
immerhin eine solche Zusammensetzung der Epidermis aus ver- 
schiedenen .Schichten annehmen, in anderen Fällen aber, wie 
!• B. auf der oberen Ulaltfläche der Zamien, findet man eine 
ganze dicke S.;hicht von Zellen, welche mit denen der änfserslen 
Schicht übcrcinstinmicnd sind, uud hier könnte man von sechs- 
facher und siebenfacher Epidermis sprechen, wenn die Zellen 
' Ibst rcgcluiäfsig schichtweise georduet wären, was aber nicht 



H 



214 

der Fall ist. Iq anderen Fällen sind die verschiedenen Zellen- 
lagen einer solchen doppelten Epidermis aus verschieden geform- 
ten und aus ganz verschieden gelagerten Zellen bestehend, und 
sie haben nur gleiche Dicke und gleichartigen Inhalt gemein. 
Dergleichen Fälle sind übrigens wohl die gewöhnlichen, denn 
meistens sind die Zellen in den verschiedenen Schichten der Epi- 
dermis verschieden geformt und älmeln sich nur darin, dafe sie 
keine festen Stolle enthalten, oder auch darin, dafs ihre Mem- 
branen gleichmäfsig dick sind, was schon Dr. Amici (Att. della 
Soc. ICal. T. XIX.) angiebt. Es kommt dieses fast allgemein bei 
Blättern von harter und ledcrarliger Struktur vor. Auch ver- 
gleiche man J. Krocker's (De plantanim epidermide olserva- 
itones. Vrailsl. IS33. p. 2.) Bemerkungen über diesen Gegenstand. 

Die Dicke und Festigkeit der Epidermis ist auf verschiede- 
nen Theilen der Pflanze sehr verschieden, so wie auch nach dem 
Alter und den verscbiedenen Gattungen, denen die Pflanze ange- 
hört, grofse Verschiedenheit darin vorkommt. Zarler ist die Epi- 
dermis in der Jugend des Gewächses und dann läfst sie sich 
häufig sehr leicht von den darunter liegenden Zellen abziehen; 
straffer ist dagegen die Epidermis in höherem Alter der Pflanze 
und überhaupt bei Gewächsen von fester, lederarligcr und per- 
gameutarliger Textur. Mit Leichtigkeit trennt man das Ober- 
häutchen von einem jungen Stengel und von den Blättern der 
Monokotyledoneu, während sich dasselbe bei den Dikotylcdonen 
im Allgemeinen nur von der unteren Blattfläche abziehen läfst. 
Auch von dem Kelche, der Blumenkrone saftiger Blülhen. den 
Gemmen, den Antherea und zuweilen auch von saftigen Früch- 
ten, kann man die Epidermis abziehen. Dagegen ist die Epi- 
dermis auf der Wurzel der Gewächse meistens mit den darunter 
liegenden Schichten so stark verwachsen, daCs man die einzelne 
äufserstc Zcllenschicht wohl nur selten abzuziehen vermag, und 
hier unterscheidet sich auch diese äufsere Schicht von den dicht 
darunter liegenden Zellen viel weniger. 

Die Zellen der Epidermis sind fast immer platt zusammen- 
gedrückt, aber ihre seitliche Einfassung ist von sehr verschiede- 
ner Form. Am häufigsten sind die Zellen der Epidermis rauten- 
förmig und sechseckig. Den Monokolyledonen ist diese Form 
fast ausschliefslich eigen; complicirter, ja fast unregelmäfsig ist J 



215 

dagegen niclil selteu die Form der Epidermis- Zellea bei den 
Dikotyledonen , doch kommen bei jenen wie bei diesen grofso 
Ausnahmen Tor und selbst Cryptogameu, wie die Farrnkräuter, 
zeigen dergleichen Zellen, wie sie so hänfig bei den Dikotyledo- 
nen vorkommen. Die vier- und sechseckige Form der Epidcrmis- 
Zellcn bei den Monokotyledouen ist mehr oder weniger gestreckt 
und sehr regelmäTsig verlaufend. Bei der sechseckigen Form 
wechseln meistens die Zellen in nebeneinander liegenden Reihen 
sehr regelmäfsig, ganz wie bei dem dodekaedrischen Parenchym. 
Von den mehr unrcgelmälsigen Formen, welche den Zellen der 
Epidermis zukommen, sind die sogenannten geschlängelten Epi- 
dermis-Zellcn am bekanntesten geworden; dergleichen Zellen sind 
zwar im Allgemeinen 3-, 4-, 5- und 6-seitig, aber diese Seiten 
derselben sind höchst unregelmiifsig , dabei aber öfters sehr zier- 
lich gewunden. Diese Form der Epidermis -Zellen kommt bei 
8ehr verschiedenen Pllanzenfamilien, sowohl bei den volikomm- 
nereu, als bei den uuvoUkommneren vor, und findet in sehr ver- 
schiedenem Grade Statt. Hr. Unger (Die Exantheme p. 30 etc.) 
ist dadurch veranlafst worden, drei verschiedene Formen der 
gescblangclten Epidermis - Zellen aufzustellen und dieselbe mit 
besonderen Namen zu belegen; er unterscheidet nämlich wel- 
lenförmige, buchtige und faltige Epidermis- Zellen. 
Bei den wellenförmigen Epidermis -Zellen sind die Seitenwände 
dieser Zellen nur leicht wellenförmig geschlängelt, wie z. B. bei 
der Epidermis von Succharum ofßcinarum, von Lilium candidnm 
u. fi. w., ja diese Form kommt bei den langgestreckten Zellen in 
der Epidermis der Gräser sehr häufig vor. Bei den buchtigen 
Zellen sind die VViuduagcu der gcschläugelteu Zellenwände viel 
bedeutender, wie es z. B. ia der Epidermis von Glaäiolus com- 
munis zu sehen ist, und bei den faltigen Epidermis- Zellen ver- 
laufen dieSeitenwändc der Zellen so uorcgclniärsig, dafs sie mehr 
oder weniger tiefe Eiiifalluiigeii bilden. Letzteres ist besonderti 
schön bei der Paeotiia q//Icma/i4, Maranta- Arten, bei Rheutn pal- 
nuäum und vielen Auderen zu sehen. Auch verweise ich auf 
die schönen Abbildungen, welche Ilr. Unger, als Beispiele zu 
den angcfulirlcn Zcllcufurmen niitgelbcilt hat. Die früheren Ab- 
bildungen solcher faltigen EpidcrniJE- Zellen waren von H. Amici 
{Stern, tlella .See. Ituliuna. T. XIX. pl. H-ßg- 1, 5 elc.) mitgctiicill, 



2i6 

doch weniger treu der Natur nachgebildet. Derselbe hat diese 
gcschlängelten Epidermis -Zellen vou Portulaca oleracea, \on Ita- 
nunailus repens u. s. w. dargestellt. la einer gröfsern Anzahl 
von Pilauzeu wurde diese Form der Epidermis -Zellen von H. L. 
Treviranus (Vermischte Schriften. IV. p. 16.) beobachtet, doch 
liam derselbe nicht zu allgemeinen Resultaten. 

Noch führe ich hier die eigenthiimliche Wellenform der 
Epidermis-Zellen an, wie sie sich auf den Illätlern von Carex- 
Ärten darstellt. Zwar zeigt die Epidermis auf beiden Blatiflächen 
dieser Pflanze dergleichen wellenförmige Zellen, doch sind die 
der oberen Blattfläche stärker ausgebildet, als die der unteren. 
Das Merkwürdigste hierbei ist, dafs diese seif lichen Scheidewände 
der Epidermis-Zellen nur an ihrem oberen und äufsercn Rande 
eine solche J/Vellcuform zeigen , während der untere Rand ganz 
glcichmäfsig ist. Hr. Ungcr f7. c.p. 136.) scheint diese Art von 
Vereinigung der Epidermis-Zellen rosenkranzförmig zu nen- 
nen. — Die Form der Epidermis-Zellen ist nicht nur bei ver- 
schiedenen Pflanzen verschieden, sondern sie ist häufig auf den 
verschiedenen Flächen der Blätter sehr abweichend, ja selbst auf 
einer und derselben Blallfläclie in neben einander liegenden Rei- 
hen. Waren die Epidermis-Zellen auf dem Diachym der Blätter 
unrcgelmälsig oder wellenförmig gestaltet, so 'treten sie in den 
Zellenrcihen, welche unmittelbar auf den Blattnervcn liegen, re- 
gelmäfsiger und stets länger gestreckt auf. In solchen Fällen 
müssen alle Erklärungen, über die Entstehung der Form der 
Zellen aus einer äufseren gemeinschaftlichen Ursache iliren Un- 
tergang finden ; wäre der gegenseitige Druck auch nur eine der 
Uauptursacben, wodurch die Form der Zellen entsteht, so wäre 
hier nicht abzusehen, weshalb neben einander liegende Zellen so 
ganz verscliieden grofs und ganz verschieden geformt sind, aber 
hauptsächlich spricht hiergegen die groise, sich immer wieder- 
holende Regelmäfsigkeit in der verschiedenen Form der Zellen, 
welche auf keine Weise einer mechanischen Ursache zugeschrie- 
ben werden kann. Ein solcher Bau der Epidermis, wie bei dem 
Zuckerrohre, wo einzelne kleinere und viereckige Zellen zwi- 
schen den gröfseren gelagert sind, kommt sehr allgemein bei den 
Gräsern vor, und bei solchen Gewächsen dieser Familie, wo die 
Blätter oder der Stengel rauh nnd mit Haaren bekleidet erscheint. 



217 

da sind es gerade diese kleineo und einliegenden, viereckigen 
Zellen, welche in diese Haare aaswachsen, wie man es an der 
Epidermis einer grofsen Mais -Pflanze beobachten kann. 

Im Allgemeinen sind die Zellen der Epidermis auf der oberen 
Blatlflächc kleiner, als die auf der unteren, dagegen sind Letztere 
auch fast immer platter gedrückt, als die der oberen Blattfläche. 
Eine ganz aufserordentliche Abweichung in der Form der Epi- 
dermis - Zellen kommt auf der oberen Blattfläche der Begonia 
maciäata vor. Bei dieser Pflanze sind die Seitenwände der Epi- 
dermis- Zellen ganz besonders dick uud an den Kanten, mit wel- 
chen die^e Zellen zu drei und drei neben einander liegen, bilden 
sie durch ihre starke Dimension förmlich 3 -seitige Prismen, was 
auch mehr oder weniger auf der unteren Blaltfläche dieser Pflanz^ 
vorkommt. Sicht man die Epidermis dieser Pflanze in der ho- 
rizontalen Lage an, so bemerkt man jen,e dreiseitigen Figuren 
überall an den Kauten, wo die Zellen der Epidermis zusammen- 
stpfscn, und betrachtet man Verlikalschnitte, die durch diese 
Epidermis geführt sind, so sieht man durch Vergleichuug mit der 
borizonlalen Ansicht, dal's jene Zellen von der Epidermis der 
oberen Blaltfläche aufserordeutlich grofs und ganz prismatisch 
gestaltet sind. Hier ist also ein Fall, wo die Epidermis- Zellen 
nicht tafelförmig zusammengedrückt erscheinen, uud wo besonders 
die Seiteuwände eine auffallende Dickendimension erlangen, wäh- 
rend sonst nur die oberen Wände der Epidermis -Zellen so au- 
ßerordentlich dick werden, dafs man dieselbe sogar für eine 
eigene Membran ansehen will. 

Die Zellen der Epidermis verändern bei sehr vielen Pflanzen 
mit vorsclirciteniiem Aller ihre Form, und auch der Inhalt der- 
selben, so wie. ihre Wände bckommeu allmählig eine gröfsere Fe- 
sbgkeit. Fast allgemein nimmt die obere Wand dieser Epidermis- 
Zellcn an Dicke zu, und aufserordcnilich häufig verschwindet der 
Salt dieser Zellen uud es bleibt nur eine, mehr oder weniger 
feuchte Luft in derselben zurück. Sehr häufig erhebt sich die 
obere VVand der £]iidermis- Zelle in Form eines kleinen Wärz- 
chens, welches von der Mitte der Wand ausgeht, und in der 
Lorizootalcu Darstellung der Epidermis -Zelle als ein kleiner Kreis 
cracheinl. Bei sehr vielen Pflanzen bleiben diese Wärzchen oder 
Papillcheu sehr klein, nährend sich dieselben bei andern Pflanzen 



21« 

immer mehr und mehr vcrgröfsern, und zwar kann diese Ver- 
gröl'scrung auf doppeltem Wege staltCiideu; einmal nämlich durch 
blofsc Verlängerung des Papillchen, und hierdurch entstehen dann 
die ungcglicdcrlen Haare, womit so viele Pflanzen auf ihrer Ober- 
fläche bedeckt sind. Die ungegliederten Haare, sie mögen noch 
so lang sein, wie z. B. bei der Baumwolle, sind nur dergleichen 
Auswüchse der oberen Wand der Epidermis- Zellen. Bei der 
Baumwolle sind es die Zellen der Epidermis der tetta des Saa- 
mens, welche mit ihrer oberen Wand in solche lange ungeglie- 
derte Fäden auswachsen, wie sie die Baumwolle zeigt. Dabei 
ist in diesem Falle uoch zu bemerken, dafs in der <f«/adcsSaa- 
mens der Baumwollpflanzc nicht alle Zellen in Ilaare auswachsen, 
gondern nur eine gewisse Anzahl, vielleicht nur der öle Theil, 
und die librigcn Zellen stehen dann rund um solche, in Ilaare 
ausgewachsene Zellen, gleichsam radial geordnet, wodurch zu- 
weilen, wie bei der gelben chinesischen BaumwoUpüanze, nied- 
liche Sterne geformt werden. 

In anderen Fällen vergröfscrt sich das Papillcheu auf der 
oberen und äufseren Wand der Epidermis- Zelle nicht nur nach 
oben, sondern auch seillich und dadurch kommt es endlich da- 
hin, dafs sich die ganze obere Wand der Zelle gleichsam blasen- 
förmig erhebt. Diese so bedeutende Erhebung der oberen ZcUen- 
wändc der Epidermis dieser Pdanze, findet nur im höheren Alter 
Slalt, ganz juuge Pdäuzchen zeigen sie noch nicht, doch zeigt 
sich der Anfang dieser Bildung ebenfalls schon sehr früh. Durch 
diese letztere Formveränderung der Epidermis -Zellen erhält die 
Oberlläche solcher Pllauzcu ein rauhes Ausebn, gleichsam als 
wenn sie ganz mit kleinen Körnchen besetzt wären. — Das Vor- 
kommen der kleinen papillenförmigen Auswüchse auf der obern 
Wand der Epidcrmis-Zclleu, ist eine sehr allgemeine Erscheinung, 
auf welche besonders Ur. Link ( Element a phil bot. p.%i^. und 
au andern Stellen seiner Schriften) die Aufmerksamkeit der Bota- 
niker gerichtet hat, auch Jurine (Joiirn. de Phtjs. b6. p.Vtb.) 
kannte schon die konischen Erliabenlieitc|i auf deu Zellen der 
Blumenbläller, wodurch der schillernde Farbenglanz derselben 
veranlafst wird. 

Ilr. Ungcr hat die interessante Beobachtung gemacht, dafs 
sich auf den Epidermis -Zellen des Gladlolus communis mehrere 



219 

Papillen, zu zwei und zu drei, und auch noch in gröfserer An- 
zahl zcii;CD. welche zugleich ganz regelmäfsig gestellt sind. Wir 
könnten hier eine giofse Anzahl von Pflanzen aufführen, welche 
dergleichen Papillen auf den Epiderr^- Zellen zeigen, die zu- 
weilen sehr eigenlhünilich geformt sind; doch es möchte genü- 
gen zu bemerken, dafs die Erscheinung sehr allgemein ist, be- 
sonders bei saftigen Pflanzen mit fester Oberhaut, wie z. B. bei 
den Cactos-, Aloe-, Crassula-, Mesembryanthemum-, den para- 
sitischen Orchideen -Arten, nnd fast bei allen Blüthen. 

Schliefslich bemerke ich noch, dafs man dergleichen grofse, 
mit wasserheller uud ungefärbter Flüssigkeit gefüllte blasenför- 
migc Auswüchse, wie sie auf der Oberfläche von Jtlesembryan- 
ihemum cryslalUnum, bei den Tt/rogonia-Artcn und andern Pflan- 
zen mehr vorkommen, nicht etwa für solche Epidermis -Zellen 
halten dürfe, deren obere Wand blasenförmig erhoben ist, wie 
ich selbst diese Erscheinung früher deuten zu können glaubte, 
sondern diese Wasser- oder Zcllensaft-halleudcn Blasen sind offen- 
bar als ganz eigenlhümliche Sckretions- Organe anzusehen, wel- 
che später auf besonderen, durch eine grofse Masse von Zellen 
gebildeten Stielen stehen. Wahrscheinlich wird es aber, dafs 
auch diese, oft so aufserordentlich grol's werdenden Organe eben- 
falls aus den Zellen der Epidermis hervorgcbildet werden. 

Es wurde im Vorhergeheuden die Entstehung der ungcglie- 
derlen Ilaare aus papillcnlörmigen Auswüchsen der oberen Epi- 
dermis- Zellenwand nachgewiesen; hier noch Einiges über die 
Entstehung der gegliederten Haare. Die gegliederten LIaare be- 
steben wie die Coiifcrvcn- Fäden aus linicnförmig aneinander ge- 
reihelcn cylindrischen Zellen; auch sie entstehen durch papillen- 
funnigc Auswüchse der oberen W'ände der Epidermis- Zellen, doch 
bildet dieser Auswuchs immer nur das unterste Glied oder die 
unterste Zelle des Haares, und aus der Spitze dieses Gliedes 
wSchst dann die zweite Zelle uud aus dieser die dritte Zelle 
hervor, u. s. w. — Die Membran, welche die Epidermis -Zellen 
bildet, tritt ebenfalls getüpfelt auf, und diese Tüpfelung giebt 
oflmals einer solchen Epidermis ein sehr niedliches, punklirtes 
An.selin, wenn man dieselbe unter dem Mikroskope betrachtet, 
wie z. B. bei der Epidermis von der oberen Blatllläche von Cyras-, 
Epiäendrum - A\-len u. g. w. Hier stehen die Tüpfel in Kcihcn 



220 

dicbt neben den Seilenwänden der Epidermis -Zellen, In man- 
chen Fällen treten die Tüpfel- Kanäle selbst in der oberen dicken 
Wand der Epidermis -Zellen auf, wie z.B. in der Epidermis von 
Cactits grandi/lorus. Ini|ndcrn Fällen zeigen sich die Tüpfelka- 
näle nur in den Seitenwänden dieser Epidermis -Zellen, was in 
Cactus grandi/lorus ebenfalls zu sehen ist, und überhaupt gar 
nicht seilen bei Blättern von lederarliger Struktur vorkommt. 
Aber noch häufiger kommen die Tüpfel auf den unteren Wänden 
der Zellen vor und communiciren hier mit den dicbt darunter 
liegenden dickhäutigen Zellen, wie z. B. auf der oberen Blatt- 
fläcbe von Nerium-Arten, bei den Banksien u. s. w. Ich fübre 
noch einige Pflanzen an, bei denen die Epidermis getüpfelt ist, 
z. B. Dracaena cemua und aufserordentlich stark bei Epiden- 
dendrum fvscutn u. s. w. 

Bei sehr vielen Pflanzen mit festen und lederartigen Blättern 
kann man verleitet werden , die obere gemeinschaftliche Wand 
der Epidermis -Zellen für eine eigene Membran zu ballen, welche 
glcicbsam die Epidermis -Zellen uniscblicfst, denn diese äufseren 
Wände der Epidermis- Zellen werden zuweilen ganz aufserordent- 
lich dick, sie sind dabei so innig mit einander verschmolzen, dafs 
meistens keine Spur einer Vereinigung der Wände aneinander- 
grenzender Zellen darin zu bemerken ist; ja es kommt sogar der 
Fall vor, dafs diese gemeinscbaftlichen dicken Wände der Epi- 
dermis- Zellen eine eigenthümliche Färbung erbaltcn, wie z. B. 
auf der oberen Blattfläcbe der Ci/ca«- Arten, bc^ Phormium, bei 
Orchideen u. s. w., wo sie schön grüngefärbt werden, und wo- 
durch man um so mehr veraulafst zu sein glaubte, diese äufseren 
Wände der Zellen für eine eigene Membran zu ballen. Von der 
Dickcndiraension dieser äufseren Wände der Epidermis - Zellen 
kann man sieb nur durch gutgeführte Vertikalscbnilte überzeugen. 
Führt man einen gutgeleiteten Schnitt parallel der Blattfläcbe 
durch diese dicken Wände der Epidermis -Zellen, so bemerkt man 
an einzelnen Stellen, besonders an den Rändern des Schuittes, 
dafs daselbst die Membran ganz einfach erscheint, indem hier die 
Anheftungslinien der Scitenwände der Epidermis -Zellen gänzlich 
abgeschnitten sind. 

Der erste Botaniker, welcher die Ansicht aussprach, dafs 
die Epidermis der Gewächse, nämlich die äufscre Zcllenschicht 



221 

noch durch ein eigenes sehr dünnes und durchsichtiges Häutchen 
überzogen wäre, war Ludwig; er nante es Cuiiaila, und gal» 
schon an, dafs es durch die Maccration nicht aufgelöst werde, 
auch könne man keine Fibern in demselben entdecken. Der äl- 
tere De Saussurc kannte diese Cuiicula Ludwig's ebenfalls, 
denn er sagt, dafs die Oberhaut der Pflanzen aus zwei Lagen be- 
siehe! die üufscre dieser Lagen wäre die eigentliche Oberhaut, sie 
bilde eine Membran ohne alle weitere Oi'ganisation u. s. w. Die 
folgenden Pflanzen - Anatomen kannten die Cuiicula ebenfalls, 
doch man erklärte sie ganz allgemein für die verdickten äufse- 
ren Wände der Epidermis -Zellen. Hr. Brongniart (Ann. des 
scienc. not. Tom. XVIII. p. 427.) hat auf diesen Gegenstand von 
Neuem aufmerksam gemacht ; er stellte wiederum die Meinung 
auf, dafs diese äufseren dicken Zellenwände der Epidermis eine 
cigentbümliche Membran wären, welche man durch Maceration 
von den Zellen der Epidermis trennen könne. Zugleich belegte 
Hr. Brongniart diese angeblich besondere Membran mit dem 
alten Namen: Cuiicula, und diese Benennung ist in der That zur 
Bezeichnung dieser dicken Epiderniiswände sehr bequem, wenn 
auch, wie ich glaube, nachgewiesen werden kann, dafs die Cu- 
iicula keine eigene Membran ist. Hr. Link (Elem.phil.bol. Ed. 
all. I.p. 81 el 107.) nennt in seinem neuesten Werke die Cuiicula: 
Oberhaut, die Epidermis dagegen: Oberschicht, und um künfti- 
gen beständigen Verwechselungen und langen Umschreibungen zu 
umgehen, ist es durchaus nöthig, dafs man sich allgemein über 
diese Begrille verständigt '). 

Hr. Brongniart schied äieCttlictda von den angrenzenden 



*) Es ist hierbei zu beachten, dafs Hr. De Canilolle (Organa- 
graph. vcgel. T. l. p. 67 elc.J unter Cuticula die wahre Epidermis der 
Blüllf r und überliaupL der krautartigen TJieile versteht, während er un- 
ter Epidermis die ausgetrocknete ZellenscLicht begriffen wissen will, 
welche die älteren Theile der Pflanze, wie z. B. die Rinde der Baume 
überzieht. Was Hr. De Candolle unter Epidermis versteht, ist kei- 
neswej;» seine aus vertroclneteu Zellen bestcbende Cuticula, sondern 
die«« ist längst abgefallen, und die darunter liegenden Zellensiliirbtcn 
bilden die neue Oberbaut. Die wahre Epidermis (die Cuiicula D. C.) 
der jungen Triebe der üäume besleljt aus Zellen wie die Epidermis der 
Blätter, nur sind sie innen etwas länger gestreckt, gleichsam wie die 
Cpidtnnis- Zellen auf den Blattnervcn. 



222 

Zellen, woraus tue Epidörmis bestellt, durch Maccralion, worüber 
man sich nicht wundern darf, da dieselbe immer sehr fest, oft- 
mals selbst homartig ist; sie mufs demnach übrig bleiben, wenn 
die seitlichen Wände der Epidermis -Zellen schon längst verfault 
sind, dagegen sah dieses Ilr. Brongniart und die meisten übri- 
gen Botaniker als einen Böweis für die Selbsiständigkeit der C«- 
ticula an. Ja Hr. Brongniart (JVouveltes recherches sur la struct. 
de l'Epiderme des Vegetaux. — Ann. des scienc. na<. 1834. T. //. 
p. 65 — 71.) hat spater diesen Gegenstand nochmals uniersucht 
und behauptet, dafs das Vorkommen der Cuiicula, welche die 
Sufscre Oberfläche derEpidermis-Zellen überzieht, ganz allgemein 
6e:i, dafs sie aber immer nur durch Maccralion dafgeftellt werden 
könne. Auch will llr; Brongniart beobachtet haben, dafs sich 
die Epidermis- Zellen Ton der Culictäa durch Maceration trennen 
liefsen, und zwar so, dafs sie ihre ganze Conlinuilät behielten, nur 
mehr abgerundet erschienen. Die Versuche sind mit Blättern von 
Agapiuilhus untiellaltis , Allium porrutn, Beta vulgaris u. s. w. 
gemacht; auch ich habe dieselben zu wiederholen gesucht, doch 
es ist mir nicht gelungen, die Epidermis-Zellcn aus ihrer festen, 
seitlichen Verbindung, ohne Zerrcifsen der Wäude zu trennen, 
weun die Cuticula nicht ganz besonders dick war. Die Cutlcula 
\on Agapanihus erschien Hrn. Brongniart in Folge der Mace- 
ration ganz körnig und er glaubt, dafs diese Körner zwischen 
der Cuticula und den darunter liegenden Epidermis -Zellen gela- 
gert waren. Auch bei den Wasserpflanzen behauptet Hr. Bron- 
gniart die Gegenwart der Cuticula, wo bekanntlich fast allge- 
mein diese dicken obern Wäude der äufscrcn Zellenschicht fehlen. 
Auch hat Hr. Henslow zu Cauibridge eine solche Haut auf der 
Corolla, auf den Staubfäden und auf dem Stylus gefunden, wo er 
dieselbe durch Salpetersäure getrennt hat, welche aber, nach un- 
serer Ansicht, immer nichts weiter, als die, mit einander ver- 
wachseneu äufscrcn Wände der Epidermis-Zellen sind. Als Re- 
sultat jener augcführteu Beobachtungen stellt Hr. Brongniart 
die Meinung auf, dafs die Cuticida alle Orgaue der Pflanze be- 
kleide, bis auf die Narbe und die Wurzelspitzc, wo die Zellen 
der Epidermis frei liegen sollen. 

Im gegenwärtigen Aufsatze werden wir die Erscheinungen 
etwas näher erörtern, welche tbeils für, theils gegen die aufge- 



2^ 

fülirtc Ansicht des Hrn. Brongniart und seiner Vorgänger spre- 
chen ; im Allgemeinen vrill ich nur noch hemerkcn, dafs dieser 
Gegenstand einer von denjenigen ist, welche zwar leicht ..als 
factisch behauptet werden können, die aber sehr schwierig durch 
positive Gründe zu widerlegen sind, daher über diesen Gegen-^ 
stand nicht so leicht die Physiologen zu einer und derselbea 
Ansicht gebracht werden können. Ja man findet es sehr be- 
quem eine solche CiUicula anzunehmen, welche die Zellenmasse 
umschlicfst, und für manche Hypothesen über die Organisation 
der Pflanzen sehr passend ist. 

Wenn mau die Epidermis von einem Agapanthus oder Ilya- 
cMMis der Macoralion hinreichende Zeit unterwirft, so faulen 
die Seitenwiindc der Ejiiderniis- Zellen ab und es bleibt bekannt- 
lich nur noch das äufserst feine Hiiulchen übrig, welches vorher 
die äufseren Wände der verfaulten Epidermis- Zellen bildete. In 
dieser feinen Haut erkennt man mit einem guten einfachen Mi- 
kroskope den Verlauf der Längenstreifen noch sehr wohl, selbst 
wenn schon die Quersticilen verschwunden sind uud m;m mit 
einem zusammengesetzten Mikroskope nicht mehr, als eine ein- 
fache strukturlose Haut zu sehen glaubt. Weshalb sind hier die 
Langenstreifen, diese Linien, wo früher die Seitenwände der Epi- 
dermis-ZcUen befestigt waren, noch zu sehen, wenn die Cuticula 
eine eigene Membran ist? Ich kann dafür keinen Grund finden, 
wohl aber erkenne ich in diesen, der Membran einliegenden 
Streifen diejenigen Stellen, wo ursprünglich das Zusammenwach- 
sen der Epidermis -Zellenwände stattfand. Aufserdem ist es ja 
bekannt, wie die obere Wand dieser Epidermis- Zellen auf den 
Illättern der meisten Liliaceen und verwandter Familien so äU' 
berst zart ist, und diese zarte Membran bleibt in Folge derMa 
ccralion zurück; eine zweite Haut ist hier nicht zu beobachten, 
und äuliicic Wände müssen doch auch diese Zellen der Epidermis 
gehabt haben. Die Cuticula soll die ganze Pflanze aufser den 
Stielen und aufser den Wurzelspitzen überziehen, doch man kann 
•ich durch Maccralion der Epidermis überzeugen, dafs auch die- 
jenigen Zellen, welche die Spaltöflnung zwischen den Epidermis- 
Zellen bilden, eben so leicht, als das darunter liegende Diachym 
wifaiilcn; über diese Zellen der Spallöirnung, setzt sich also die 
»ugenankitc CWiVu/a nicht fort, doch zeigt sie daselbst besondere 



Eigen thümlichkeitca. Auf der Oberfläche der Wurzelspitzcn, wo 
die Cuticula ebenfalls fehlt, sind die Zellen der äufsercn Schicht 
haarförniig ausgewachsen; es ist aber auch nicht schwer, wenig- 
stens bei manchen Pflanzen, dnrch den verschiedenen Grad Ton 
Feuchtigkeit, welchen man der Wurzel dieser Pflanzen darbietet, 
dieselbe gleichsam zu zwingen, dafs sich ähnliche und noch län- 
gere Härchen aus den oberen Wänden der EpiiieAnis-Zellcn ent- 
wickeln und die sogenannten Wurzelhaarc bilden, welche oft 
aufserordcntlich lang und ungcgliederlcrl sind. Hier müfstc man 
annehmen, dafs die Cuticula bei der papillenförmigen Erhebung 
der äufsern Wand der Epidermis-Zellen, so wie bei dem späte- 
ren Auswachsen derselben in lange Haare, nicht nur sich mit 
erhoben, sondern sich auch sogar um das ganze lange Haar her- 
um ausgedehnt habe. So etwas wäre möglich, ist aber nicht 
wahrscheinlich, ja es möchte sogar als unrichtig nachzuweisen 
sein, denn es läfst sich beweisen, dafs die Membran, woraus ein 
solehes Härchen besieht, nicht als eine ausgedehnte obere ZcUen- 
wand anzusehen, sondern für eine neue Bildung zu halten ist! 
Man untersuche übrigens jungen Individuen solcher Pflanzen, 
welche später eine sehr lederarlige Struktur zeigen; man wird 
sich gewifs sehr bald überzeugen können, dafs in der frühesten 
Zeit- Periode nur die feinen Häute da sind, welche die oberen 
Wände der Epidermis-Zellen bilden, und allniählig werden diese, 
auf das Innigste verwachsenen ZelJenwände so dick, dafs man 
sie für eine eigene Membran zu halten sich berechtigt fühlt. Die 
Cuticula bildet sich also erst mit fortschreitendem Wachslhume 
der Pflanze; sie ist aber nicht ursprünglich, daher mufs man sie 
doch für eine Bildung halten, welche von den Zellen der Epi- 
dermis dargestellt oder hervorgerufen wird , und dieses ist auch 
ganz damit übereinstimmend, wenn man die Cuticula für die ver- 
dickten, äufseren Wände der Epidermis-Zellen hält. Glaubt man 
annehmen zu müssen, dafs eine solche Membran nöthig sei, um 
selbst die äufsere Zellenschicht genau zu umkleiden, damit die 
äufsere Luft nicht ungehindert und die Pflanzensubstanz eindrin- 
gen kann, so möchte ich hierauf antworten, dafs die seitliche 
Vereinigung der Epidermis-Zellen nach allen Beobachtungen so 
fest und innig ist, dafs die Trennung dieser Zellen durch ge- 
wöhnliche Mittel gar nicht zu bewerkstelligen ist. Gerade dieses 

Mit- 



225 

Mittel hat die Natur erwählt, um die Pflanzenmasse Sufserlich zu 
umschliefscu. Es ist freilich eigenthümlich, dafs gerade nur die 
änlseren Wände der Epidermis -Zellco so sehr verdicken, indes- 
sen warum dieses geschiebt, ist eine ganz andere Frage, und sehr 
oft findet man, auch an der enigegengesctzteo inneren Wand der 
Epidermis -Zellen solche Verdickungen, wenn auch nicht in dem 
Grade und so regelmäfsig wie an den oberen Wänden. Bei der 
Begmiia maculala, wie ich schon früher angegeben habe, findet 
gerade die besondere Verdickung der Seilcnwände Statt, wogegen 
die obere oder äufsere Wai;d verhältnifsmäfsig zurückbleibt. Auch 
betrachte man die Quccrschnille aus der Epidermis von Agaven-, 
von Phormium- und einigen Aloe- Arten, wo die Verdickung der 
Wände schon in der oberen Hälfte der Seitenwände beginnt, so 
dafs diese verdickte Masse einen Keil zwischen zwei neben ein- 
ander liegenden Epidermis-Zelleu bildet, welcher mit seinem 
breiteren Ende in die Verdickung der oberen Wände, der soge- 
nannten Cuticula sich gleichmäfsig fortsetzt. Wie will man auch 
hier eine wirkliche Scheidung der Cuticula von den oberen Wän- 
den der Epidermis-Zelleu erklären, ganz abgesehen davon, dafs 
sich die Vereinigungsliuie selbst auf den letzten Queerschnitten 
ganz der Beobachtung entzieht, und unsere Instrumente gegen- 
wärtig doch so vollkommen sind, dafs sie überall an den dicken 
Uäuten selbst die verschiedenen Schichten zu unterscheiden ver- 
mögen. 

SchlieCilich ist denn hierbei auch noch die Analogie zu be- 
achten. Alle Membranen, welche in der Pflanzen -Substanz vor- 
kommen, bilden stets geschlossene Behälter, als Zellen, Rubren, 
Gefäfse und hier, bei der Cuticula, wäre der einzige Fall, wo 
eine Membran als blofses einhüllendes, an vielen Slellen durch- 
brochenes Gebilde aufträte. Die eigeiilhümliche grüne Färbung, 
H ivelche Ate Culictda auf der oberen Blatlfläche der CJ^ca*- Arten 
und hei andern Pflanzen zeigt, kann eben so wenig als ein 
Beweis für die Selbständigkeit der Cuticula gellen, denn diese 
grüne Fälbung erscheint zuweilen auch in der Zelleumembran 
ganz im Innern des Gewebes der Ct/cas- Blätter. 

Ganz neuerlich ist die Ansicht über die Verschiedenheit der 
Cuticula von den oberen Wänden der Zellen durch Hrn. Mobl 
(Erläuterung u. Vertheidigung meiner Ansicht von derSlruklur der 

III. Jjlirf;. I. Lanii. 15 



226 

Pflanzen-Substanz. Tübingen 1836. p. 13. ) nicht nur bestätiget, 
sondern dieser Gegenstand hat eine ganz andere Bedeutung er- 
halten. Herr Mohl hat nämlich in der genannten Schrift zu 
zeigen gesucht, dafs das Gewebe der Pflanzen nicht aus einer 
Zusammenhäufung von unmittelbar mit einander verwachsenen 
Zellen bestehe, sondern dafs eine homogene Masse, gleichsam ein 
orgauischer Leim vorhanden sei, in welche die Zellen eingesenkt 
und durch welche sie untereinander verbunden seien. Nachdem 
ich dieses vorangeschickt habe, wird man die Ansicht verstehen, 
welche Hr. Mohl in angeführter Schrift (p. 13.) über die Cuii- 
cula ausspricht; sie besteht nach demselben „böclist wahrschein- 
lich in nichts anderem, als in der aufscrsten, die Epidermis-Zel- 
len überziehenden Lage der Intercellular-Substanz." Wäre diese 
Ansicht richtig, so wäre es ganz unerklärlich, weshalb und auf 
welche Weise diese Intercellular-Substanz, welche die Culicuia 
darstellt, mit zunehmendem Alter der Pflanze sich verdickt. 
Hr. Mohl bemerkt noch, dafs die Gründe, welche ich früher 
(S. dieses Archiv 1835. p. 158.) gegen Hrn. Brongniart's An- 
sicht aufstellte, ihm dieselbe nicht zu widerlegen scheinen, und 
dennoch giebt derselbe eine andere Deutung über diesen Gegen- 
stand, so dafs also gegenwärtig drei verschiedene Ansichten über 
den Ursprung der Cuticula vorhanden sind. Nach dem Erschei- 
nen der Mo bischen Schrill hat Hr. Valentin in einer beson- 
deren Abhandlung (Ucber den Bau der vegetabilischen Membran, 
insbesondere der secundären VerholzungsSchichten. Repertorium 
für Anatomie u. Physiologie. Berlin 18.36.) die Ansicht des Hrn. 
Mohl über die Intcrccllularsubstanz in mancher Hinsicht modi- 
ficirt, aber in Bezug auf die Cuticula beibehalten. Hr. Valen- 
tin bestäligl die Beobachtung Brongniart's, dafs sich die Cu- 
ticula, welche er ebenfalls Intercellular-Substanz nennt, allniählig 
abschuppe, dafs überhaupt hier ein ähnlicher Häutungs-Prozefs 
vorgehe, wie an den äufseren und inneren Oberflächen des thie- 
rischen Organismus. „Im jungen Zustande, sagt Hr. Valentin, 
läfst eich dieses an sehr vielen Blättern unserer dikotyledoni- 
schen Bäume ganz bestimmt wahrnehmen. Eben so gehört das 
feine mehlarlige Wesen, welches sich auf der Oberfläche der 
Blätter von Agave, Aloe, Cacalia, Cuclus u. dgl. so sehr häufig 
absondert, hierher. Es ist, wie man sieh leicht überzeugen kannj. 
jene verhältnifsmäfsig dicke Schicht, welche die Oberfläche der 
Epidermis -Zellen bedeckt. Bald folgt sie, wie z.B. bei Agave 
americana, Aloe intermedia, A. Lingua u. dgl., in ihrem Vcr- 



227 

laufe den meLr kuppeaarflgen Hervorragnngen der einzelnen 
Oberhaut -ZellcQ uud hüllt diese rings herum ein, so dafs sie 
in der Seiten -Ansicht lauter wellenförmig verlaufende Linien 
darbielet; bald hat sie eine mehr ebene Oberfläche, so dafs sie 
die Zwischenräume, welche sich nach aufsen zwischen den 
Epidermis-Zellcu vorfinden, ausfüllt, wie bei Cachis u. dergl. 
mehr. Von oben betrachtet zeigt sie eben so sehr, als von 
der Seite angesehen, ein von der Intercellular-Substanz in den 
übrigen Theilen ganz verschiedenes Wesen. Sie erscheint als 
eine fallige, halbdurchsichtige, bisweilen mit einem graumelirteu 
Wesen versehene Membran- oder läfst, wie bei Aloe intermedia, 
sogar deutliche Kürnchen erkennen. Es fehlt ihr das glasartige, 
helle und klare Aussehen, welches die Intercellular-Substanz sonst 
charakterisirf. — Noch deutlicher wird alles da, wo diese Masse 
nicht blofs als feine Linie auf den Zellen erscheint, sondern sich 
auch in die auf der Oberiläche zwischen den Zellen befindlichen 
Räume hinein begi.:'bt, wie z. B. an den Blätlern der meisten 
Conifereu, an den Bläitern der Hoya, u.s.w." — Um ferner noch 
zu zeigen, wie sehr die Dicke der auf der äufseren Oberfläche 
der Epidermis- Zellen aus Intercellular-Substanz bestehenden Iläu- 
tungslamelle sowohl in ihrer absoluten Stärke, als im Vcrh.'ilt- 
nisse zur Höhe der Zelle wechselt, giebt Ilr. Valentin einige 
mikrometrische Messungen, welche sämmtlich an feinen pcrpen- 
dikulären Queerschnillen veranstaltet sind; sie beziehen sich auf 
die Dicke der InIcccIlularSubslanz und auf die Höhe der darun- 
terliegenden Zelle, woraus dann das Verhältnils zwischen der 
Dicke der Intercellular-Substanz und der Höbe der darunterlie- 
genden Zellen angegeben wird. Zu diesen Messungen erlaube ich 
mir folgende Bemerkungen, welche man Iheil weise allgemciu 
auf dergleichen mikromelrische Messungen anwenden kann. Ich 
habe dergleichen Messungen ebenfalls angestellt, und stets habe 
ich die gröfslcn Versrliiedcnlicilen in den Kcsullalen wahrge- 
nommen, j.i Hiesc Verscliieilcnbeiten betragen zuweilen das Dop- 
pelle der ursprünglich angetjchcnen Messung. Bei der Messung 
der C'uliciila niufs man aber wenigstens das Aller der Pflanzen 
angeben, denn die Dicke derselben ist hiernach doch sehr vcr- 
Khie<len. Wr. Valentin giebt z. B. an, dafs sich die Dicke der 
Culifiiln zur Höhe der darunter liegenden Zelle =1:2,7.9 ver- 
halle; irh liahc dagegen Verhältnisse von 1:6 und noch weni- 
ger gefunden. Bei Alois iulermeilin ist das Verhiillnifs der Cu- 
licuia zur Zellenhöhe iiacdi Hrn. V. gleich 1:2,71 und ich habe 

15* 



228 ' 

es in einigen Fällen gleich 1 : 4 beobachtet. Demnach wird man 
diesen mikrometrischen Messungen niemals einen zu hoben Werth 
beilegen dürfen, wozu noch die Ungleichheit der Mefsinstrumente 
ganz besonders zu beachten ist. Alle jene Messungen geben nur 
Andeutungen von der mittleren Dicke der sogenannten CtUicula, 
doch beweisen sie nichts für die Ansicht, dafs dieselbe der In- 
tercellular- Substanz zuzuzählen sei, auch möchte diese Ansicht 
unhaltbar sein. Die Interccllular- Substanz, wie sich Hr. Mohl 
dieselbe vorstellt, mufs ursprünglich sein, wenigstens mufs sie 
mit der Bildung der Zellen zu gleicher Zeit auftreten und an 
Dicke verlieren, um so gröfser sich die Zellen ausdehnen, wenn 
sie überhaupt vorhanden ist. Bei der Entwickelung der Culicula 
wird jedoch gerade das Gcgentheil beobachtet ; die Zellen der 
Epidermis sind hier das Ursprüngliche, aus deren oberen Wänden 
sich die Culicula entwickelt und mit zunehmendem Alter immer 
dicker wird. Dieses allmählige Wachsen der Culicula ist oflmals 
sehr leicht zu verfolgen; meistens sieht man, dafs die Substanz 
derselben durch und durch gleichmäfsig dicht ist, oft sieht man 
aber auch, dafs dieselbe um so dichter wird, je näher der äufsc- 
ren Oberfläche, doch zuweilen findet man auch, dafs die Sub- 
stanz der Culicula, welche zwischen den äufserslen und den in- 
nersten Schichten derselben gelegen ist, etwas heller erscheint 
und in noch wenigem Fällen ist eine Zusammensetzung der Cu- 
licula aus einer grofsen Menge von dünnen Schichten zu beob- 
achten. Sehr deutlich habe ich diese Schichtung an der Culicula 
auf einem Queerschnitte aus der Epidermis eines allen Blattes 
von Aloe intermedia wahrnehmen können, und gerade durch 
diese Schichtung wird das Abschälen der Culicula möglich, was 
mau zuweilen auf der Oberfläche mancher Pflanzen beobachten 
kann. Diese Schichtung zeigt aber auch, wie die Substanz der 
Culicula allmählig durch die Zellen der Epidermis abgesondert 
wird, nämlich ganz auf dieselbe Weise, wie alle übrigen Ab- 
sonderungen der Art. 



Berichtigung 
einer Stelle der Isis von Oleen für 1836 

von 

Prof. J. van der Hoeven. 

(Schreiben an den Herausgeber.) 



In der Isis Ton Oken 18.36. Heft 7. giebt der Herausgeber eine 
Anzeige des Aufsalzes von Milne-Ed wards über die Farben- 
veränderung des Chamäleons, worin ich mit Verwunderung las 
(S. 496.): 

„Ein neuerer Schriftsteller meint, das violettblauc Blut scheine 
„bald mehr, bald weniger durch die gelbe Haut. (Warum ver- 
..schweigt der Verfasser, dafs dies vaii der Hoeven ist?)" 
Da nUD die Zeilschrift von Okcn sicher in die Hände vieler 
kommt, die meine Icones ad iltustrandas coloris mutationes m 
('liamaeleonle. Lugduni Balav. 18-31. 4. nicht kennen, so ersuche 
ich Sie, in Ihrem Archive für Nalurgcscliichte diesen meinen Brief 
zu überselzen, da ich hiermit erkläre, so etwas kcinesvveges ge- 
sagt zu haben. Ich werde deshalb die bclrcITcnden Stellen hier 
wörtlich anrülnen. 

Auf pag. 9. sage ich geradezu das Gcgentheil von dem, was 

mich Okcn sagen liifst: „Non prohimda ridetur eorum sen- 

ient'in, ijiii slaluunl adauclum sanguinis afjluxum, i/ui pellu- 

cida tule cerni jwsaH, coloiis mufali caussum eise." 

pag. lü. : „r.uussa jnoxima mulali coloris esl in mutalo pig- 

num/o. " 
nnd |/ag. 11.: ..sedein coloris in jiigtnenlo culaneo esse, cuius 
mutalio ifuulisc-unque diversi coloris causa sil.''' 
Warum Milne - Ed ward« meine Abhandlung uiclil erwähnt, 



230 

weifs ich nicht. Die hcste Erklärung davon ist, wie mir scheint, 
die, dafs er sie nicht kennt, obwohl dieselbe in Paris wohl zu 
finden war, und auch von Bibron in seiner Erpetologie heniilzt 
ist. So viel ist gewifs, dafs die Erklärung von Milne-Edvvards 
der meinigen am nächsten steht und ich auch bereits unter den 
Schuppen Pignienlkörner gesehen habe (puncia sive granula quae- 
dam nigra distincta p. 9.). Ob die Erklärung von Milne- Ed- 
wards zureichend ist, um die Erscheinungen durch zwei Pig- 
mente, ein graues und ein vioicttef, aufzuhellen, wage ich nicht 
zu entscheiden. — Auch die früher von Okcn gegebene An- 
zeige meiner Icones beweist, dafs er meine Meinung nicht recht 
verstanden hat uud sehliefst noch überdies mit paithciiscbcn, für 
die achtungswerthe Regierung des Königs der Niederlande liöchst 
schmühlichen Bemerkungen, in Folgen einer Aeufserung meiner 
Gefiilile, welche mir bei Abfassung jener Schrift durch den Gang 
der Umstände abgenölbigt wnrde. 
Leiden, den 25. Dec. 1836. 



Ursprung des Wuraly- oder Urary- Giftes. 
Notiz. 

JNach einer Mittheilung des Hrn. R. Schomburgk au die jLiji- 
nean Society wird das Wuraly- oder Urary -Gift von den In- 
dianern des Orinoko aus einer unbeschriebenen Strychnos- 
Art gewonnen, welche auf dem Canocon- Gebirge in der Nähe 
des Aequalors wild wächst. Hr. S. nennt sie : Sirychnos 
toxifera. 

S. foliis ovato-luuceolatis , acuminatis 3 — 5 nei'viis nlrhi- 
(jue rumutlsipie femigineo - lomentosis, liacca polysperma. (L</nd. 
and Eäinh. Piniol. Magai. 1837. Vol X p. Tl.) | 



Einige botanische Bemerkungen 

von 

C. S. K u n t h. 



üebcr Myosurus Liun. 

L)ic Gattung Myosurus wird von De Candolle, Lindley, 
Bartling, Reiclienbach, Koch u. a. neben Ranunculus ge- 
stellt, unil Ton Hin. v. Schlechtendal, welcher die letztere 
Gattung kritisch bearbeitet bat, sogar mit derselben gänzlich 
vereinigt. Schon bei einer oberflächlichen Betrachtung dieser 
Pflanze drängte sich mir eine Vermuthung über ihre eigentliche 
Verwandtschaft auf, welche ich später bei genauerer Untersu- 
chung der Frucht vollkommen bestätigt fand. Die an der Basis 
verlängerten Kelchblätter, die Form und Anheftungsweise der 
FVüchtc nämlich erinnerten mich sogleich an Adonis annua, es 
blieb mir blofs noch zu ermitteln übrig, ob die Befestigung des 
Samens in beiden dieselbe sei. Ungeachtet seiner Kleinheit über- 
zeugte ich mich sehr bald, dafs derselbe, wie in Adonis aufge- 
hängt ist, was aufserdem mit Gärtner's Abbildung übercin- 
stimmt, welche den Embryo an dem nach oben gerichteten Ende 
des Albumcns eingeschlossen darstellt. Hiernach ist Myosurus 
von Ranunculiu zu entfernen, und unter die Anemonccn zu 
setzen, oder vielleicht selbst wegen des abweichenden Frucht- 
baucs mit AdouU zu einer besondern kleinen Gruppe zu erhe- 
ben. In den eigi'iitlichcn Anemonecn uämlich ist das Pericar- 
pium mit dem Samen verwachsen, in den Adouidecn dagegen 
von demselben vollkomnieD getrennt. 

Ucbcr die Narben der Gattung Papaver. 

Hr. Lindley schreibt den Papavcraccen wandstäudige l'la- 
ccntcn zu, welche mit den Narben abwechseln. Dies letztere 



232 

würde aber nicht auf Papaver passen, wo die Tlicile, welche 
hisher für die Narbenlappeo gehalten worden sind, ofTcnbar den 
Placcnten entsprechen. Die Gattungen Glaucium und Argemone 
haben mich zu einer Ansicht geleitet, welche jenen scheinbaren 
Widerspruch zu besciligcn geeignet ist. In den erwähnten bei- 
den Gattungen sind nämlich die Narben nach oben gebogen, und 
zeigen sich aufserdem in den dazwischen liegenden Buchten ei- 
genthümlich erweitert, so dafs man diese Erweilerungen leicht 
bald für kleinere, bald auch für die eigentlichen Narben halten 
könnte. Bei Papaver ist dies letztere in der That geschehen. 
Die eigentlichen Narbenlappen erscheinen nämlich in dieser Gat- 
tung jederzeit nach oben gesehlagen, bedecken den Scheitel des 
Fruchtknotens, und sind aufserdem mit demselben innig ver- 
wachsen. Die Strahlen, welche vom Mittelpunkte der grofseu 
schildförmigen Narbe ausgehen, werden von den papillösen Rän- 
dern je zweier neben einander liegender Lappen gebildet, erschei- 
nen daher deutlich mit einer Mittelfurche versehen, und sind die 
Stellen, wo die Befruchtung vor sich geht. Am leichlesleu kann 
man sich von der Richtigkeit dieser Angabe bei Papaver Arge- 
mone überzeugen, wo die Buchten, nicht, wie in den meisten 
übrigen Arten, hervortreten, die Narbe daher stumpf fünfeckig 
erscheint, und die Lappen sich vom Ovarium leicht lösen lassen. 
Ich beabsichtige, obige Beobachtungen, welche bis jetzt blofs an 
trocknen Pflanzen gemacht worden sind, in der Folge an leben- 
den zu wiederholen und ihnen überhaupt eine gröfsere Ausdeh- 
nung zu geben. 

Ueber den Embryo der Cruciferen. 
Schkuhr war der erste, welcher die Samen einer grofsen 
Anzahl von Cruciferen mit der ihm eigenen Genauigkeit abbil- 
dete, und hierbei auf die verschiedene Lage der Radicula zu 
den Cotylcdonen, so wie auf die mannigfaltigen Formen der 
letztem aufmerksam machte. Nachdem später Hr. Brown den 
Bau des Embryo bei Feststellung der Galtungen mit Erfolg be- 
rücksichtigt hatte, ging Hr. De Candolle hierin noch weiter 
und bildete nach der Form der Cotyledonen und ihrer Lage zur 
Radicula seine Uauptablheilungeu der Familie der Cruciferen. 
Man hat mehrmals versucht, die Beständigkeit jener Charaktere 



233 

in Zweifel zu ziehen und hierbei behauptet, dafs die Cofylc- 
«lonen zuweilen in ein und derselben Art eiuc Tcrschiedeue Lage 
im- Radicula zeigen könnten. Weit cnifcrut, hier in eine vveit- 
liiulige Kröilcrung dieses wiciiligeu Gegeuslandes einzugelien, 
bescbräniic ich mich gegenwärtig blol's darauf, obige Behauptung 
durch eine Ucobacbluug zu beleuchten. In mehreren von mir 
untersuchten Cruciferen, welche zur Abtheilung der Notorrhi- 
zecn geboren, z. B. Erysimum cheiranlhoides Linn. und E. (Si- 
srjmbriumj ojfic'male Linn. fand ich nämlich in dem jungen Sa- 
men die Radicida jederzeit den Cotyledonen seitlich gelegen, 
und erst bei vorschrciteuder Reife stellten sich die letztern durch 
ein allmäbliges Verschieben vor die Radicula und wurden in- 
(nimlenles. Uiernacb lassen sieh also in einer und derselben 
Pilanze Colyledoues accumheiUes und incumhenies gleichzeitig 
uachweiscu, wenn man Samen in verschiedenen Zuständen der 
Reife nimmt. Sehr gering erscheint der Unterschied zwischen 
dem Embryo der Noiorrhizeen und Ortlioploccen und besteht 
bckanutlicb blols darin, dafs die Cutyledoncn in diesen der Länge 
nach gefallet sind und die Rudlcula umgeben, während sie in 
jenen flach ausgebreitet bleiben. Dcmungeachlet läfst sich schou 
im jungen Samen ein orthoplociscber Embryo leiclit an der un- 
gleichen Grüfse seiner Cotyledonen erkennen und von dem der 
andetn Abtbeilungen unterscheiden. In dergleichen jungen Sa- 
men von Rajitiamis salivus fand ich nämlich den Embryo noch 
fast gerade, blofs an der Radicida schwach gekrümmt, die Co- 
tyledonen flach ausgebreitet, an der Spitze tief ausgerandet und 
von ungleicher Grofsc, welcher letzterer Umstand mit ihrem spä- 
tem Verhalten, wo der äufserc den inneren grüfstcntheils um- 
liüllt, zusammenhängt. 

Aus obigen Bemerkungen scheint hervorzngelien, 1) dafs der 
Embryo der Cruciferen erst bei.ni Hcifvvcrden des Samens in 
Folge äufserer Ursachen die verscliiedcnen Formen annimmt, 
welche wir an ihm im vuUkummcn ausgebildeten Znstande wahr- 
nelinicn, und 2) dafs jene Verschiedenheiten, da die Ursachen, 
welche »ie erzeugen, bei derselben l'danze jederzeit wieder ein- 
treten müssen, sehr beständige und wichtige Charaktere liefern. 

Eine äbniiche Veränderung der ursprünglichen Lage der 
Tbcilc während des Ueifvvcrdcns läfst sich gleichfalls an den 



234 

Früchten der Crueiferen wahrnehmen. Das Ovarium liegt näm- 
lich bei allen Gewächsen dieser Familie jederzeit so zur Achse, 
dafs diese der Scheidewand entspricht. Jene Richtung erhält 
sich blofs bei den Früchten, wo das Dissepimenlnm schmal 
bleibt, sobald sich aber dieses ausbreitet, was bei der gröfsern 
Anzahl derselben Statt findet, kommt es der Achse seitlich zu 
liegen. 

Ueber die Gattung Teesdalia. 

Es ist zu verwundern, dafs sowohl Hrn. Brown, dem 
Gründer der Gattung Teesdalia, als allen andern Botanikern, 
welche dieses Genus angenommen und beschrieben haben, ein 
wichtiger umstand im Blüthenbau derselben gäuzlich entgangen 
ist. Die beiden hierher gehörigen Linnc'schen Pflanzen, Ueri« 
nudicanlis und Lepidium nudicaule. nämlich sind die einzigen 
mir bekannten Crueiferen, deren Kelchblätter an der Basis^ napf- 
artig verwachsen sind und die Blumenblätter, Staubgefäfse und 
Nektardrüsen tragen oder mit andern Worten die eine deutliche 
perigynische Insertion zeigen. Der freibleibende Theil der Kelch- 
blätter fällt in der Folge ab, der verwachsene dagegen bleibt 
mitcr der Frucht in Gestalt eines kleineu Näpfchens stehen. 



J 



Ichlhyologische Beiträge zur Fauna Grönlands v 



Prof. J. Reinhard. 

I. 

(Kongclige Damhe Videmkabernes Selikahs Program 
for Aaret 1835 — 36.) 



JNcuc im Herbst 1634 von Gröiil.ind angelangte Naturalicii-Sen- 
duugcn setzten den Verf. in den Sland, seine Unlersucliungcn 
über die grönlandischen Fische fortzusclicn uud gewälirten eine 
genauere Bc'.liinmuug der von ihm iiacli einem Individuum auf- 
gestellten Gattung Lycodes, einer Mitlelgaltung zwischen Zoar- 
cetis und Anarrliichat: Erst drei Jalir nachher glückte es ihm, 
eiüeu Fisch derselben Gattung von Fiskenässel zu erhallen, wel- 
cher grofsc Aelinlichkeil mit Lycodes Vahlii zeigte, aber doch 
in einiger Hinsicht abwich; da inzwischen dieses letzferhaltene 
Exemplar ein Weibchen, das früber beschriebene ein Männchen 
war, und da die Geschlechts - Verschiedenheit in der Klasse der 
Fische »ich bis jetzt noch nicht hat unter bestimmte Hegeln brin- 
gen laüseo, schion es das richtigere zu sein, neue Materialien ab- 
zuwarten, um nicht verleitet durch eine in Farbe und Maafs sich 
ausdrückende Versi hicdenheil, zwei Arten aufzustellen, wo die 
Natur nur eine gcschatlen, oder auf der andern Seite zwei ver- 
schiedene Arten unter einem Namen zusaninicnzuwerfen. Im vo- 
rigen Herbste wurden von Omenak (etwa unter dem 71° n. Br.) 
zwei wolil erhaltene Fische derselben Gattung, beide männlichen 
Gescblccbts, eingesandt, von denen der eine im relativen Maafsc, 
.Straldenzahl und Zeichnung mit dem in der grönländischen Samm- 
lung des Museums aufgestellten Weibchen, der andere dagf-gcn, 
welcher eine von jenem ganz abweicliende Zeichnung besafs, 
dieselbe Sirahlcnzahl, dasselbe relative Maafs uud dieselbe Lage 



236 

der AfleröfTnung hatte, wie Lycodes VahUi. Es ergab sich also 
aus dieser Verglcichung, dafs die Gattung Lycodes im grönländi- 
schen Meere zwei Arten zählt, welche vom 60 — 70° n. Br. ver- 
breitet sind. Von der einen dieser Arten besitzt das Museum 
Männchen und Weibchen, von der andern nur zwei Männchen. 
Hie neuen Uni ersuchungen wurden zu schärferen Bestimmungen 
der Gattungs- und Artkennzcichen benutzt. 

Genus Lycodes. 

Corpus elongatum antice incrassatnm, rostro conieo, trunco 
compresso, cauda cnsiformi. Squamae corporis rolundae mi- 
nulae tcnuissimae, cuti iraniersae. Os denlibus validis, inler- 
maxitlai'ilius, mandibularibus, vomerinis et pnlatluis armatum; 
rictus mediocris. Membrana brancbiostega utriusque aper- 
turac cum jugulo conuata, vadiis 6; apertura branchiali an- 
gusta postica. Pinnae ventrales obsolctae, brevissimae, la- 
tiusculac, jugularcs. Pinna dorsalis et analis longissimae 
apicem caudac circumdantcs; radiis articulatis divisis. Vesica 
natatoria nuUa. lulcr Zoarceum et Anarrhicham Genus medium. 
1) Jjycodes Vahlii. 
Corpore faseiato ; capile parum dcpresso ; pinnis dorsali et 
anali squauiis minulissimis adspersis; illa radiis 117, hac radiis 
91; ano ante medium gastraeum sito. 

Ilabitat in mari grünlaudico, prope Julianehaab et prope 
Omenak. 

2) Lycodes reticulaius. 
Corpore reliculato; capite comprcssinsculo; pinnis dorsali et 
anali nudis, illa radiis 95, hac 75; ano fere in mcdio gastraeo sito. 
Habitat iu mare groenlandico ad Fiskeuacssct, et ad Omenak. 

Derselbe Natuiforscher Ihcille der Gesellschaft eine vollstän- 
dige Beschreibung eines andern unbekannten und in seiner Ge- 
sammlgestalt ebenso merkwürdigen Fisches mit, von welchem er 
das einzige Individuum in einer von Fiskenaesset im Herbste 1834 
überscliicktcn Sendung antraf. Dieser Fisch gehört zur Dorsch- 
familie (Oadini Cuv.); aber unter den zahlreichen Untergattun- 
gen der Gattung Gadus L. giebt es keine einzige der bisher auf- 
gestellten, zu welcher diese Art einigermafsen pafst. 

Mit der UnlcrgattungÄro/ufa (Enchelyopus barhalus Bl.Schn.) 
stimmt sie uohl darin überein, dafs Rücken- und Afterflosse sich 



I 



237 

in einer Spitze zu einer nicht gesonderten Sclivranzflosse ver- 
einigen und dafs die verliällnifsmäfsig lange Baucliflosse einstrali- 
lig ist und voi' der Brustflosse sitzt; aber sovrol von dieser Gat- 
liing, als von der gauzeu Dorsclifamilie unterscheidet sich der 
Fisch dariu, dais er 8 Strahlen in der Kiemeuhaut besitzt, und 
Zähne auf den Gaunienheiuen hat und dafs er hinter dein After 
ein merkwürdig gebildetes äufseres Glied trägt, vpelches vermu- 
then läfst, dafs eine Paarung bei der Befruchtung Statt findet, 
und dafs das Weibchen wahrscheinlich lebendige Junge zur Welt 
bringt. Er besitzt eine mit Diiiscn versehene Schvfimmblase, 
Vielehe in Form und Lage nichts Auffallendes zeigt. Aus diesen 
und andern Gründen sclieint es, dafs diese Art eine besondere 
Gattung bilden müsse, für welche Hr. R. den Nanicu Bythi- 
tes vorschlägt, weil sich dieser Fisch nach Angabe der Grön- 
länder in grofsen Tiefen aufhallen soll. Das beschriebene Indi- 
viduum ist ein Männchen von 6y" Länge; sein Hode ist bereits 
ausgebildet; weshalb man die Aussage der Grönländer, dafs diese 
Art die Grüfse einer ausgewachsenen Phoca hispida erreiche, in 
Zweifel ziehen müehle. 

Genus Bythites. 
Corpus breve, antice incrassatum, ore fere truncato, abdomine 
compresso, cauda ensiformi. Sqnaniae corporis niiuulac im- 
bricatae. Os dentibus aculis iutcrmaxillaribus, niandibulari- 
bus, vomerinis et palalinis armatum. Rictus mcdiocris. Mem- 
brana branchi ostcga ulriusque aperturae iuviccm connata, 
sub ingulo libere suspeusa ; radiis 8; apertura anipla infcro- 
postica. Pinnae ventrales obsoletae, filiformes, longiuscu- 
lae, iugulares. Pinna dorsalis et aualis longae, apicem 
caudae circunidantes; radiis articulalis et divisis. Membrum 
conicum, crassum pone anum situm, apicc triphyllo papilli- 
gero. Specinicn unicuni huius gencris in marc Grünlaudico 
prope Fiskcuaesset captum. 



Ueber eine neue Ordnung der Myriapoden 



J. F. Brandt. 



(Vorgetragen ia der St. Petersburger Atadcmic der Wissenschaften 

den 2. Dec. 1836. Bullet Scicnt. de lAcad. Imp. de Sc. de 

St. Petersb. T. I. n. 2.3. p. 182.) 



V or einigen Jaliren stellte Hr. B. eine neue sehr anffallcndc 
Gattung der Myriapoden Polyzon'mm auf, wclclic er damals als 
Typus seiner /-weiten Familie der Glomeridicn oder Pentazouieu 
benutzte. Spätere noch sorgfältigere Untersuchungen über die 
Mundlheile haben in ihm die Ansicht hervorgebracht, dafs die 
Polyzonicn keine liarte Subslanzcn zu sich nehmen können, da 
ihnen Organe zur Zcrkleineruug der Nahrung fehlen, und dafs 
sie sich vielmehr von flüssigen Stollen, welche sie saugend vcr- 
scblingeUj nähren. Während seines letzten Aufenthaltes in Berlin 
fand er in der reichen Myriapoden -Sammlung des zoologischen 
Museums zwei, dem I'olyzonivm in der Kiirperbildung sehr nahe 
stehende Arten, deren Mundlheile noch mehr zu Saugorganen aus- 
gebildet waren. Die bereits früher von Brandt niodificirte Ein- 
theilung der Myriapoden scheint ihm deshalb einer neuen Ab- 
änderung zu bedürfen ; denn Abwesenheit oder EntwicUelung 
eiues Kau-Apparales sei in dci; Physiologie der Thiere zu wich- 
tig, so dafs sie eins der ersten Principe der Classification sein 
müsse. Unter diesem Gesichtspunkte können die Pohjzonia nicht 
mehr eine Abiheilung der Chilognathcn bilden, sondern uiiissen 
vielmehr eine besondere Ordnung ausmachen. Verf. schlägt da- 
her folgende Eintbcilung vor: 

1. Ord. Myriapoda mandncanlia od. Onathogena Br. 

2. Ord. JiT. sugeiit ia od. Siphonizanl ia Br. 



I 



239 

1. Ord. Gnathogena 
entspricht den Myriapoden Latreillc's und kann nach dessen 
Vorgange in 2 Sectionen: A. Chilopoda, B. Chilognaiha 
getheilt werden. 

Die Chilognalhcn zeigen in der Struktur der Körperringe 3 
sehr verschiedene Typen, nach welchen Br. bereits früher 3 ver- 
schiedene Familien aufgestellt hat. 

a) Farn. Moiu>zonia s. PolydesmcUa. 

b) Farn. Trizonia s. Julidea. 

c) Farn. Penlazonia s. Glomeridia. 

2. Ord. Siphonozantia. 
Mandibulae et maxillae, nee non labia in proboscidem plus 
minusve evolulam coalita. Corpus valde elongaluni, anguslum. 
Corporis media cingula singula ut in Pentazoniis e partibus quio- 
que composita. 

Sect. 1. Ommatophora. 
Oculi parvi simplices in fronte inter antennas, conspicui. 

Gen. 1. Polyzonium Br. (Isis 1834. p. 704.) 
Oculi 4, qunrum bini approxiniali. Capitis infeiioris faciei pars 
labio inferiori analoga appeudice palpiformi quovis lalere aucta. 
Rostrum antennis fere duplo brevius, ncutum. Antennae genicu- 
latae. 

Sp. P. germanicum Br. — Germania. 
Gen. 2. Siphonatus Br. 
Oculi duo distincti. Appendix palpiformis iiulla. Roslruni clon- 
gatum,apice obtusiusculum, anleunis longiludine fere aequale. 
Antennae subrcctae, clavatae. 

Sp. S. hrasiliensie Br. — Brasilia. 
Sect. 2. Typhlogena. 
Oculi nuili. 
, Gen. 1. Siphonophora Br. 

Capatparvum, anguslum. Kostrum aculissimum, tcnuissimum, 
clongatum. subul.ilum. siibdcncxiim, antennas .'ubüeciuaiis. An- 
tennae satis clongalae. subcurvatae. Appendix palpiformis nulla. 
Sp. .S. porloricensia Br. — Portorico. 



240 



Ueber die Benennungen des Tapir 

enthält die an gclcliiicn Untersuchungen reiche Schrift von Rou- 
lin (Memoire suT le Tapir etc. Paris 1S35. 4. ) mehrere interes- 
sante Angahcn. Danla, sein gewöhnlicher Name hei den Spaniern 
ist ursprünglich Bezciclmung des Elenn, bei den Portugiesen ^n- 
ta, und nach Weise der europäischen Ankömmlinge auf das gröfste 
Thier des Landes übertragen (p. 54 fg.), dessen dicke Haut sich 
ähnlich wie die dcsElent, Elanl (daraus ^n<a, das B für deu 
Artikel genommen) gebrauchen liefs. — Nach La Condaminc 
liiefse das Thier bei den Peruanern Vagi-a, richtiger wohl Uuac 
hra., contrahirt aus huaca kara (aufserordcntliches Fell). Das 
Wort Tapir findet sich in den Guarani- Dialekten unter verschie- 
denen Formen (p. G8.) Tapii, Tapiiei-eie, Tapiroussou. Ta ist 
eine Contraction aus Tala oder Talai (dick, stark) und pi oder 
pil (Leder), welches Wort vor eiuem andern die litjuida r an- 
nimmt. Die Silben ele sind Verstärkung ;= vorzüglich, oussu 
ist grofs, Tapiroussou das grofse Thier mit dickem Fell. — 
Maypuri, in der Galibi- Sprache deutet auf die nächtliche Er- 
scheinung des Tapir. Mae, mbae: Ding, Fantom; puru Geräusch. 
In der Guarani-Sprachc von Paraguay litifst das Tapir Mhorebi. 
Nimmt man die Ableitung iUiae rabi an, so würde es chose relue, 
fantome velue bedeulcn; doch scheint es natürlicher den Namen 
von Mbo Fufs und raba trennen, welches auf den vielzelli- 
gen Fufs hindeuten würde, abzuleiten '). 



') Deal Verf ist hier eine .\ng.ibe von Rcngger (Natargesch. der 
Säugelliiere von Paraguay p. 312., welches Buch er überhaupt nicht be- 
nutzte) unbekannt geblieben, welche den Schlüssel zur Bedeutung des 
Wortes liefern müchte. Rengger sagt dort: „In der Guarani -Sprache 
T\'ird der Tapir Mhorevi genannt, ein schmutziger Name, dessen Ueber- 
setzung ich hier weglasse.'* Ist vielleicht Mborevi Bezeichnung des männ- 
lichen Gliedes? Wie denn auch unser Verf. (p. 25.) Piso's Worte an- 
führt: Mas membrinn genitale lange exserere potest instar cercopitheci, 
und hinzufügt: Comme le Tapir est le seiil (?) des quadrupides ameri- 
cains gut le presente, les indigenes eiix-nicines Vavaient remarques ainsi 
qu'un peilt le voir par le nom qu'ih dunnaient au caneficier etc. 

Herausgeber. 



Beschreibung zweier mifsgebildeter See-Igel, nebst 
Bemerkungen über die Echiniden überhaupt 

von Dr. P h i I i p p i in Cassel. 



(Hierzu T a f . V.) 

1) Monströser Echinus Melo. 

Im Januar 1832 bekam icb auf der Insel Lipari ein schönes 
trockenes Exemplar von Echinut Melo, welches sich durch eine 
merkwürdige Monstrosität auszeichnet. Es ist Fig. 1. 2. 3. in 
Zweidrittel der natürlichen Gröfse abgebildet. Die Gestalt ist 
nicht kugelförmig, sondern schief, indem der After nach hinten, 
der Mund nach vorn gerückt isl, und derXheil über dem Munde 
in Gestalt eines Buckels hervorragt, der kurz vor seinem Auf- 
hören eine Dache Grube hat (s. Fig. 2.). Die beiden Seiten sind 
vollkommen symmetrisch. Die obere oder After- Seite zeigt nur 
vier Paar Fühlergänge, 4 Felder dazwischen, 4 Eierstocksplatten, 
ohne die mindeste Unregelmöfsigkeit; die Zickzacklinien, welche 
die Felder zwischen den Ambulakrcu in zwei Uälflen theileu, 
kreuzen sich unter rechten Winkel und zwei derselben bilden 
die Mittellinie, welche unseren See -Igel genau in zwei symme- 
trische Hälften theilt («. Fig. 1.). Auf der untern oder Mand- 
Seile finden wir aber fünf Fühlergänge, und zwar bildet der 
fünfte, der obere fehlt, den vorhin erwähnten Buckel, indem er 
sich zwischen die beiden Hälften des einen Feldes eindrängt. 
Die Poren dc^^elllen sind längere Zeit ganz regelmäfsig und wer- 
den errt kurz vor ihrem gänzlichen Verschwinden uorcgclmäfsig. 
Dieter fünfte Fühlcrgang be^tchL aus 12 Plätteben jederseits und 
endigt mit «'ineni unpaarcn fünfundxwnnzigstcn, grofsen Plättclicn. 
Die regclmäfgigen Ambulakrco haben cioige und fünfzig Plat- 
teupaare. 

III.J>l.rg. l.Iiioil. 16 



242 

Da, wie Hr. Agassiz (Isis 1834. p. 254.) zuerst bemerkt 
hat, die Echinits -Ailea durch Bildung neuer Täfelchen in der 
Aflcrgegend wachsen ; so niufs in vorliegendem Falle das fiinltc 
Ambulakrum verkümmert sein, nachdem das Thier etwa den 
vierten Theil seines Wachslhums erreicht halle, und zwar mufs 
dies durcti innere Ursache geschehen sein, da alle Spuren einer 
äufseren Verletzung fehlen, wobei die dadurch entstandene voll- 
kommene Symmetrie in der äufseren Gestalt noch besonders auf- 
fallend ist. 

Da die fünf Fühlergängc nach Agassiz I.e. aus einem vor- 
dem, einem hintern Paare und einem uupaarcn vorderen be- 
stehen, so sollte man bei der äufseru Symmetrie unseres Mon- 
strums erwarten, es sei der vordere, unpaaie Fühlergang ver- 
kümmert. Allein dem ist nicht so. Dieser unpaare Fühlergang 
liegt nämlich der gröfseren porösen Eierstocksplafle gegenüber; 
im gegenwärtigen Falle liegt diese Eierslocksplaltc aber auf der 
Seite (s. Fig. 1.) und es ist demnach der linke vordere paa- 
rige Fühlergang der verkümmerle. 

Ueberhaupt scheint bei den regclmäfsigen Echiniden die 
Natur nicht selten wenig auf die Symmetrie der eirmial vorkom- 
menden Organe zu geben. So ist z. 15. meist die Afferöffnung 
der Schale unregelmäfsig (s. z. B. auch Fig. 8. u. 9.) und bei einer 
Abiheilung £cA(7«»« durch vier Schuppen verschlossen (s. Fig. 8.); 
und bei den ovalen See-Igeln, die man neuerdings zur Gattung 
Echhmmeira erhoben hal . nämlich bei E. Quoi/i Blainv. und E. 
aeij/Vr Blainv. finde ich den unpaaren Strahl nicht in der langen 
Axc der Ellipse, auch nicht, wie es in diesem Archiv (I. p. 37. 
Note) angegeben ist, in dem Qucerdurchmesser, sondern in einem 
schiefen Durchmesser. 

2) Beschädigter und geheilter Spatangus. 
Wir haben eben einen aus inOern Ursachen monströs gebil- 
deten See-Igel betrachtet; Fig. 6. u. 7. zeigt uns dagegen einen 
in Folge äufserer Gewaltthätigkeit verkrüppelten Spatangus. Er 
gehört wohl Lamarck's Sp. arcuarius an , unterscheidet sich je- 
doch hinreichend von dem unter diesem Namen von Goldfufg 
vorlrefilich abgebildeten fossilen. Diese Art ist gemein an den 
sandigen Ufern Siciliens, und Fig. 4. u. 5. geben zwei Ansichten 



1 C< 

«i 



1 



243 

von oben nnd Ton hinten, von einem jungen normal gebildeten 
Exemplare, zur Vergleichung mit dem verkrüppelten. Dieses ist 
in seinem liintern Tlieile duich einen Schlag vou oben gequetscht, 
so dafj der hintere Theil viel niedriger ist, als im normalen Zu- 
stande (vgl. Fig. 7. mit Fig. 5.). Es ist ein gewaltiger Rifs auf 
der linken Seite in der kalkigen Kürperbedeckung entstandeu 
(s. Fig. 6. 7.), der noch zum Tlicil uuverheilt, und an mehreren 
Stellen nur durch ein dünnes, durchsichtiges Uautchen geschlos- 
sen ist. 31il Substanzverlust ist die Verletzung nicht verbunden 
gewesen, es hat sich im Gegentheil auf beiden Seilen des Risses 
zu viel erzeugt. Denn es haben sich nicht nur die beiden Schen- 
kel des lanzctlförmigen, die Oell'uungea der Eierleiter einsclilie- 
Iseodei], Verlikalfcldes (s. Fig. 4, a.) in Fig. 5. bedeutend ausein- 
ander begeben, und das Infiaanalfeld (s. 4. in Fig. 5.) ist viel 
breiter geworden, sondern der After (c. in Fig. 7.) ist ganz aus 
der Hiltclliuie heraus iu die rechte Seite verschoben. Damit 
hängt die abweichende Geslallung der beiden hintern Fühler- 
gänge (vergl. Fig. 6. mit Fig. 4.) zusammen. Gleichzeitig mit den) 
grofsen Längsrifs scheint ein Queerrifs entstanden zu sciu. Er ist 
in Fig. 6. und 7. durch die gesähnelte Linie angedeutet, deren 
Zähuchcn durch die hervorragenden, stachellragenden Höcker 
entstehen, und die Hiuterseite zeigt eine eben so breite längli- 
che, Hache Vertiefung, in deren rechtem Ende der Aller liegt. 
Dieser Queerrifs scheint einfach zusammengeheilt zu sein, oline 
Erzeugung neuer Schale, denn in der Richtung vom Risse nach 
unten, ist eher weniger als mehr Schale, verglichen mit dem 
gleich grotsen normalen Exemplar. 

Dieser Fall beweist, dafs die, die innere Fläche der Schale 
auskleidende. Haut bei Spalungus im Staude ist, überall neue 
Schale heivorzubringeu, dies zeigt nicht nur die abnorme gröfseie 
Breite der Schale iu der Gegend des Risses, soudcrn auch der 
Umstand, dafs man an beiden .Stellen, wo der Rifs erst durch 
ein blufses durchsichtiges lläutchcn verschlossen ist, kleine rings- 
um ahgcsondeilc Seh lenstüi'kcheu in dieser Haut wahrnimmt. 

Ich habe vorhin die Ausdrücke Vertikal- und InfraanallVId 
gebraucht, lireile, glattere Linien schliefsen bei den Spatangeu 
Räume ein, deren verschiedene Gestalt ein vorlrefiliches Mittel 
abgieht die Arten zu unterscheideu. Es sind folgende : 1) das 

16* 



244 

Verlikalfeld area verticalis, zwischen den Fiihlei'gängen , die 
Oeffnungen der Eierleiter einschliefscnd. 2) Das Ambulakialfeld 
area ambulacralis , wenn sämmtliche Fülllergänge des Rückens 
durch eine sternförmige Figur scharf begränzt sind (Es fehlt un- 
serer Arl). 3) Das Analfeld, area anatis, welches den After ein- 
schliefst, 4) das Infraanalfeld area in/raanalis, 5) das Bauchfeld 
area veniralis. Diese Felder kommen nicht sämmtlich hei allen 
Arteü vor; ihr Vorhandensein oder Fehlen und ihre Gestalt ga- 
ben sehr beständige und scharfe Kennzeichen der einzelnen Arten. 

3) Ueher das Wachstliura der Echiniden. 
Die Echiniden wachsen durch Vermehrung der Täfelchen, 
ans denen ihre Körperschalc besteht, und zwar entstehen, wie 
Agassiz zuerst angegeben hat, die neuen Täfelchen um den After 
herum. Derselbe hat über die Art, wie die einzelnen Täfelchen 
wachsen, nichts gesagt. Diese wachsen, wie man sich leicht 
überzeugen kann, nur am Rande, und nicht in allen Dimensionen 
gleich stark. Die gröfste Ungleichheit in der Gröfse zeigen di? 
Exemplare, welche ich von Echinus lirldtis Blaiuv. besitze; denn 
das kleinste hat einen Durchmesser von 6 Linien, die gröfsten 
von 29 Linien. Das erstcre hat 10 bis 11 Täfelchen in einer 
Längsreihe, die ausgewachsenen 25. Die Breite des gröfsten Tä- . 
felchens beträgt bei dem jungen 1,2'" ; bei dem Erwachsenen 
6\"'\ die Breite bei dem erstereu 0,66'"; bei dem letztern 1,66'". 
Während also die horizontale Dimension des Tälelchens sich ver- 
fünffacht hat, hat sich seine senkrechte Dimension nicht ein Mal 
verdreifacht. Dafs die Täfelchen nicht in der Mitte, nur an den 
Rändern wachsen, ist leicht a priori einzusehen, allein es wird 
unumstöfsllch dadurch bewiesen, dafs die Tuberkeln, welche auf 
einem Täfelchen stehen, gleich weit von einander entfernt sind, 
die Täfelcheu mögen alt oder jung sein. Deshalb bilden ein Mal 
die Tuberkeln parallele Längsreihen, keine Meridiane, und 
zweitens ist die Zahl dieser Längsreihen nach dem Aller ver- 
schieden. Das Kennzeichen der Arten, welches von dieser Zahl 
hergenommen ist, ist daher immer etwas unsicher, da man einem 
Echinus es nicht ansehen kann, ob er ausgewachsen ist, oder 
nicht ; sicherer wäre es beinahe die absolute Entfernung von je 
zwei Längsreihen zu bemerken. 



245 

Bei den regclraäfsigen Ecbiuiden flndet ein doppeltes Gesetz 
in Bezicliuug auf das Waclistlmni der einzelnen Täfelchen Statt. 
Um dies deutlirhcr aussprechen zu können, unterscheide ich bei 
jedem Täfelchen den den Poren zugekehrten oder Poralrand. den 
der Mitlellinie des Feldes oder des Ambulakrums [ich folge La- 
ma rck, welcher sagt: ces bandelettes toujours au nomhre de dix, 
et disposees par pairee, cottsliluent entre elles des compartimenis 
allonges, t/uon a nommes amhulacres. hist. d. an. s. vert. III. p. 40.] 
zugekehrten Medianrand, so wie den Anal- und Oralrand; IWe- 
ridian nenne ich aber die Linie, welche von IMund zu After 
durch die Mille der Täfelchen geht. Das häufigste Gesetz ist, 
dafs die Reilien der Höcker in den Feldern parallel 
dem Meridian derselben gehen. S. Fig. 9. von Echimts II- 
vidus Blainv. Dies Gesetz findet sich bei allen Cidariles (C. 
Hyttrix. imperialis, n. sp.) Ecliinonietra (E. Quoyi u. acujerj und 
bei den meisten der eigentlichen Eilihtus. Die ächten See-Igel 
aber mit schmalen Ambulakren, wo die Porenbänder gerade, nicht 
gezähnte [..inien bilden (Blainville's erste Abtheilung), zeigen das 
zweite Gesetz; die Höcker in den Feldern gehen dem 
Poralrand derselben parallel. S. Fig. 8. von E. aequilidter- 
culatus Blaiuv. Die Höcker der Ambulakren scheinen 
allemal dem Poralrand parallel zu laufen. Bei den Tä- 
felchen der Ambulakren findet das Wac.hsthum also allemal am 
Medianrand am slärksten Statt; bei den Täfelchen der Felder aber 
findet meist ein gleiches Wacbslhum am Poral- und Mediaurand 
Stall; nur bei der ersten Abtheilung der ächten Echbms, wie sie 
Blaiovillc Diel. d. Sc.nal. aufslellt, findet das Wachslhum der 
Täfelchen der Felder nur am Meridianrand Statt. Wenn Klein's 
Figuren in dieser Ilinsiclit Zutrauen verdienen, so findet sich dci' 
letztere Fall auch bei C'idarites diadema i. 37. y. 1. 

Dafs die Schale durch Entstehung neuer Täfelclicn vcrgröfscrl 
werde, gilt nur von den rcgclmäfsigi'n Kchiiiiilen. Bei Spatangus 
«cheiiit von Anfang an die gehörige Zahl von Täfelchen vorhan- 
den zu sein, wcnigatcns finde ich bei meinem kleinsten 9'" lan- 
gen Sp. (ircuuriuK eben so viel als hei meinem griil'stcji, welcher 
'Z'"' mifsl. Sic scheinen überall am Hände zu wachsen, und 
die Zahl der Höcker und Stacheln nimmt au(^li bei ihnen mit 
dem War.hslhume zu, so ilafs z. B. zwischen den zwei Puren 



246 

jeder Seile des Infraaoalfeldes (s. Fig. 8.) bei einem jungen Exem- 
plare ein einziger Höcker stellt, wälirend in demselben Räume 
bei einem Ausgewachsenen deren drei angetrolTeo werden. 

4) Ueber die Füfschen der Echiniden. 

Cuvier in den Legons d'annt. comp. 1. edit. vol. I. p. 467. 
beschreibt die Füfschen also: .,Leur forme est ä-peu-pres celle 
d'une ampoute a long lube, remplie d'une humettr ires -Jluide, 
dont les parois sont formes pur des ßbres circulaires. La porlion 
tuiuleuse ou alongee de ces umpnuhs est la setde, ijui paraisse 

au dehors de l'animal, quand il a le pied alonge D' apres 

celte Organisation du pied il eit facile d'e.rpliquer le mecanisme 
de son aclion. L'humeur contenue dans l'interieur de l'ampoide 
devieni par 807i deplacement la cause du mouveTuent ^'^ u. s. w. 

Es geht hieraus hervor, dal's Cuvier die Ansicht gehabt 
bat, die Wände des Organes bcsäfscn nur Kreisfasern. In diesem 
Falle ist eS nicht möglich, sich die enorme Verlängerung und 
Verkürzung der Füfschen zu erklären. Die blofsc Coniraclion 
der iiinern Blase kann die Verlängerung nicht bewirken, denn 
eine kurze und weite Röhre enthalt eben so viel Flüssigkeit als 
eine lange und enge. Die ungeheure Verkürzung der Füfscheu 
erklärt Cuvier so: ,.Le pied rentre-t-ill c'est alors la imtique 
du iube, qiii se coniracte, et qui chasse l'humeur dajis l'ampoide.^'' 
liies ist aber noch weniger zu begreifen. Die Contraction der 
Röhre d. i. des Füfscheus kann allerdings die Flüssigkeit in die 
Blase aber nicht das Füfschen selbst in deu Körper des See-Igels 
hineintreiben. Die Contraction der Krcisfasern wird im Gegen- 
fheil eine Verengerung und Verlängerung der Röhre bewirken. 

Mau kann sich, wie ich glaube, die Aktion der Seeigel-Füfs- 
chen nur dann erklären, wenn man annimmt, dafs sie nicht blofse 
Kreisfasern, sondern auch Längsfasern besitzen. Von dem Dasein 
dieser letzteren habe ich mich auch beim E. lividus Blainv. über- 
zeugl. von dem ich ein paar Füfschen abrifs und unter dem Mi- 
kroskop boliachtete. Bei mäfsiger Vergröfserung stellten sie sich 
dar, wie Fig. 10., nachdem ich sie zwischen zwei Glasplatten 
gclind gequetscht. Sie bestehen deutlich aus zwei Schichten, 
einer oberen schwärzlichen, die bei der durch den Spiritus be- 
wirkten Contraction tief geranzelt ist, und gröfstentheils aus . 



247 

Kreisfasern besteht , wie ich sehr schön am untern Theil einmal 
sah. Tou welclicm sie gröfstenlheils entfernt war und nur ein- 
zelne Fasern hinterlassen hatte. Die I>ängsfasern sind gelblich 
gefärbt, scheinen in mehreren Bündeln zu stehen, und enden 
sich, strahlenförmig divergirend in den Saugnapf, der frei von 
Quccrfascrn zu sein scheint, und ebenfalls eine blasse gelbliche 
Farbe besitzt. Diese Lüngsfascrn sind viel feiner als die Queer- 
fascro, und erst bei einer 240maligcn Vergröfserung meines Pi- 
stor- Schickschcn Mikroskops erkannte ich die einzelnen pri- 
mitiven Fasern mit grofser Deutlichkeit *). 

Von derselben BeschaD'enhelt finde ich auch die zehn Füh- 
ler, welche kreisförmig in der Mitte der Mundhaut stehen, nur 
ist an ihrem Ende die Saugnapfgeslalt weniger deutlich, und sie 
sind daselbst ebenfalls mit der äufseren, dunklen, hauptsächlich 
aus Queerfasern bestehenden Haut überzogen. 



Ueber Gor gonia p ar ado xa 
von Demselben. 



Fjsper beschreibt in seiner Fortsetzung der Pflanzenthiere I. Th. 
Nürnberg 1797. p. 167 sq. die zweifelhafte Hornkralle Gorgonia 
jiaraJoxa, und bildet sie Tab. XLVlll. ab. Er sagt p. Ifi9 : er 
hätte vcrmuthct, es sei das unbekannte, macerirte Skelett der 
holzigen Thelle einer Pflanze gewesen, die angewachsenen Ser- 
tularicn. Tang und Concbylien, brachten ihn aber von diesem 
richtigen Gedanken ab. Seine Gorgonia paraJoxa ist nämlich 
nichts weiter als ein Theil des Skeletts von einem Gliede einer 
Opuntia. Ich habe dergleichen hundert Mal in dem Caclus Jlcus 
indka (C Opunlia Guss.) u. C amyrlaeiis Tenore gefunden, wenn 
fcic faulten, und bewahre noch ein Exemplar in meinem Herba- 
rium auf. Die glatte Seile, von welcher Esper spricht, warder 
Obcrlläcbe, die rauhe der Mitte des Gliedes zugekehrt. — Es ist 
mir nicht bekannt, dals Jemand die höchst sonderbare Vertbci- 
lun^ der lloUbündel bei den Opuntien, wie .sie Esper's Figur 

') l.arJ^^tnaslelfa■em fand «cbon Tiedemann: Aiiatomi« derRöh- 
ri-nliDluttmrie *lc. [i. 85. Ileransgebcr. 



248 

recht gut zeigt, beschrieben habe, was sie wohl verdient, da sie 
von der gewöhnlichen Struktur der Dikolyledonen- Stämme, und 
selbst der andern Caclus- Galtungen so sehr abweicht. 

Erklärung der Abbildungen auf Taf. V. 

Fig. 1. 2. 3. monströser Echinus Meto, zwei Drittel der natür- 
lichen Gröfse von oben, von der Seite, und von unten. 

Fig, 4. Junger Spatangus arcuarhis von oben, 

Fig. 5. derselbe von hinten gesehen. 

Fig. 6. Verkrüppelter Spatangus arcuarius von oben, 

Fig. 7. derselbe von hinten gesehen, a. bezeichnet in diesen 4 
Figuren die area verlicalis, b. die area infraanalis mit 
vier Fühlerporen, c. der After. 

Fig. 8. Theil von Echinus aequUuberculatus Blainv. nr. 1. (der 
Name kommt bei B 1 a i n v i 1 1 e Dict. d. Sc. nai. art. Oursin 
zwei Mal für zwei verschiedene Arten vor), wo die Längs- 
reihen der Tuberkeln in den Feldern dem Poralrand der 
Felder parallel laufen. 

Fig. 9. Theil von Echinus lii^idtis Blainv. wo die Längsreiheu 
der Tuberkeln in den Feldern dem Meridian parallel laufen. 



V. Bär: 

Ueber die Entstehungsweise der Schwimmblase 

ohne Ausführungsgang. 

(Bullet. icieiUif. de l'Acad. de St. Petersbourg Tom. Lp. 15.) 



öeine Vermuthung, dafs dieSchwimmblase ohne Ausführungsgang 
auf gleiche Weise wie die mit einem Ausfühiungsgange versehene, 
entstehe, und dieser aus der Schwimmblase in den Darmkanal füh- 
rende Gang im Fortschritte der Eiitwickelung oblilerire, hat Verf. 
durch Beobachtungen am Barsche völlig bestätigt gefunden. Wenn 
der Embryo das Ei verläfst, ist er noch ohne Schwimmblase; bald 
darauf tritt sie aber hervor. Der Gang ist schon am 4. Tage merk- 
lich enger, als in Ci//>rmM«- Arten, obgleich noch deutlich hohl; 
am 5lcu und 6len Tage wird er noch enger, am 7ten und Sien 
Tage fängt die Schwimmblase an rascher zuzunehmen und der 
Kanal wird so eng, dafs man nicht mehr mit Gewifsheit be- 
haupten kann, dafs er hohl sei. 



Beilrag zurKenntnils der Gattungen Campanularia 
und Syncoryne 

"von 

S. L. L o w e u. 

(UeLersctzt ans Jen Verhandlungen der Königl. Schwedischen Akademie 
der Wissenschaften f. d. J. 1835.) 



\. Campanularia. 
(Hierza Taf. VI.) 

JliS findet sich vielleicht in der ganzen Klasse der Polypen keine 
Ordnung, welche öfter — und dazu von ausgezeichneten For- 
schern — untersucht worden wäre, als die, zu welcher wir jene 
eben gcnanntcu Gattungen rechnen. Aufser den älteren Schriftstel- 
lern, welche deren thicrische Natur erkannten oder läugneten, 
und darüber einen hitzigen, nun längst geschlichteten Streit 
führten, haben ein Pallas, Ellis, Cavolini, ein Grant *), 
Listcr ") und Rud. Wagner '**) ihnen besondere Abhandlun- 
gen gewidmet und Ehrenberg -j-) hat auf neue, durchgreifende 
Ansichten ihre Systematik gegründet. Es möchte deswegen zum 
mindesten überflüssig sclieinen, einem von solchen Männern be- 
bandclteu Gegenstande noch etwas hinzuzufügen, sofern nicht 
eine Vergleichung ihrer Schriften gewisse Verschiedenheiten der 
Beobachtungen darböte, über welche es nothwcndig war, die 
Natur zu Käthe zu ziehen. Aus dieser Quelle entsprangen die 
Beobachtungen, welche im Folgenden dargelegt werden sollen. 

l>ic Gattung C'ampannlariu Lam. ist nach ihren Charakteren 
völlig bekannt; ihre glockenförmigen Zellen und knotigen, aus 
dünnem und farblosem Ilornc gebildeten liührcn sind eben so 

*) Edinburgh Xew Phito». Journ. I. 
") miu: Traiuaclioni, lü^l. 
"') Um 183.3. 

■f) Die Corallcnlhiere des rnthen Meeres pli)'ainl. unters, u. eysle- 
inatiHch vrrzi'ithnet von C. G. Ehrenhcrg. ßcri. 1S31. 



250 

bekannt, als leicht zu beobachten. Es bleibt daher nur übrig, 
einige geringere, übersehene oder unzureichend beschriebene Eiu- 
zelnheiten hinzuzufügen, welche an der an unseren Küsten ge- 
meinen Serlularia geniculata Müller *) wahrgenommen worden 
sind. 

Man kann den ganzen Polypen in zwei Theile theilen, wel- 
che, wie weiterhin gezeigt werden soll, schon wälirend seiner 
Entwickelung angedeutet sind, den Stamm niimlich CSlirps) und 
die Sprossen (Stolones), welche beide röhrenförmig und im Durch- 
schnitte zirkclrund sind **). Der Stamm trägt am Ende seiner 
Zweige und in den Axillen Zellen zweier Art, männliche (Fig. 1.) 
und weibliche (Fig. 11.) ***), welche letzteren, che Ehrenberg 
ihre rechte Bedeutung nachwies, bald Ovarien, bald Bläschen ge- 
nannt wurden. Jede männliche Zelle hat einen Buden (Seplum 
Lisler; Fig. 2, 3, a.), und dieser ist in der Mitte mit einem run- 
den Loche {Foramen sepli f), Fig. 2, J.) verschen. Der Rand 
dieser Ocflnung springt eiu kurzes Ende weit in den umgekehrt- 
konischen Raum zwischen ihr und dem Anfange des Zweiges 
(Fig. 3, 6.) vor und bildet so eine kurze Röhre -j-f ). Die obere 



*) Zool. danica, Tab. CXVII. — Es ist dieselbe Art, welcbe 
List er ?,u seinen llDtersiichiingen benutzte und die er sehr gut abge- 
bildet hut a. a. 0. Tab. X. Fig. 1. 

**) Bei den Sertularleo, deren Zellen nicht aat Stielen stehen, son- 
dern sitzend oder in die Rühre eingesenkt sind, sind diese im Durch- 
schnitte (Linnen) ungleich und nie rund. 

***) Sclinn im Jahresberichte für 18.36 (II, 2. p. 192.) habe ich be- 
merkt, dafs die Benennungen niännliclie und weibliche Polypen 
nicht passend scheinen. Es ist dies auch schwerlich Ehrenberg's Mei- 
nun", welcher, indem er die fruchtbaren Individuen Weibchen nannte 
(l. c. p. 9.), sie den geschlechtslosen entgegenselzle. Die Griinde, 
welche sich gegen des Veif. Deutung anführen lassen, habe ich a. a. 0. 
bereits auseinander gesetzt, worauf ich deshalb hier nur verweise. 

Herausgeber. 

f) Das Septiim und sein Foramen, welche zuerst von Lister, 
a. a. O., beschrieben wurden, finden sich an allen Sertularien, die ich 
untersucht habe, und ihre Gestaltung liefert sehr gute Charaktere. 

ff) Lister, a.a.O. S. 372, sagt nur: a tiän cohimn of soft mat- 
ter between it and Ihe base of the cell, und deutet etwas davon an in 
Tab. iX. Fig. 4, a. 5, a. Es ist indessen eine Hornlamelle, die sich 
Dnter mehreren verschiedenen Formen bei' allen Sertularinen wiederfindet. 



251 

FIScbe der Scheidewand ist etwas convcx, und ilire Periplierie 
zeigt einen Kranz von Ideinen Punklen, welche durch das Mikroskop 
ai)j;e.-clicn, den Belracliler in Ungewllsheit lassen, ob sie für Er- 
Labcnhoitcn oder für Eindrücke iu halfen seien. Der Rand der 
Zellcnötl'nung ist bei dieser Art völlig glalt, nnd alle Zellen sitzen 
in der Längcnacbse ihrer Stielchen (Pedicelli) *). 

Die weichen Theile des ausgewachsenen Zoophyten bestehen 
bekanntlich aus einem gcmeinscliafllichen Organe, der Darmröhre, 
welche von Stamm zu Stamm zusammenhängt und fortgesetzt 
wird durch Sprossen und Zweige, und aus den durch sie ver- 
eiuigten Individuen (CapUxdu mict.), welche von den Zeilen um- 
geben werden, entweder während ihres ganzen Lebens — Männ- 
chen — , oder blofs währenil ihn-r Entwickelung — Weibchen. 
Von den Erstcren findet sich in jeder Zelle nur Eines, von den 
Letzteren mehre (Feminae ConceilHae). 

Mit Leichtigkeit unterscheidet man zwei Membranen, wel- 
che alle weichen Theile des Thicres bilden, eine üufsere und eine 
innere. Die äufsere (Fig. 1, 9, 10 etc. a.), durchsichtig und un- 
gefärbt, begränzt dieselben und giebt die Bänder ab, welche sie 
an der .Schale bcl'estigen. Sie allein bildet die Fühler der männ- 
lichen Polypen und den grüfsern Theil des weiblichen Körpers. 

Die innere Membran (Fig. 1, 9, 10 etc. 4.), weniger duruh- 
eichlig und von einer körnigen Textur, wird überall von der 
äüfsern bedeckt, bekleidet die Wände der Darmröhre und der 
Mägen der Thierc, mit einem Worte, so viel ich weil's, alle 
Höhlen, in welchen sich eine Flüssigkeit bewegt, fehlt aber in 



*) Bei anderen Arten von Campannlaria isl der Zellcnrand mit 
Stacheln bcsctzl, und diise sind niituntrr so rulwiekelt, dafs sie, sich 
ZD finvr Spitze zusammcnnri^ind, «ie Zilie zu.'schliirseii, wenn sich das 
Thier hini'ln<;f7,og<'n hat. So hii Vamp, clausa Nuh., und, obgleich in 
gpringcrtm Grade, hei C. fiyringa Lanik , welche letztere auch durch 
eine schiele Stellinij^ der Zellen von ilir<'n Gftltungs\'erivaiiillen abweicht. 
— Camp, clausa nohi». TrilincnriH, gracilliwa , tuhuli» -j'.'" cranniSf 
htfatina, ßexuosa, tiodono -annitlata j atlrnic ilintanter ramonn., ramis 
iimptirihuM, hrcrihun; cc(l. jiiasculiii räum» lonf^itudine acfjuanlibus, tuV' 
binatitf rlftngatU (li.'ij), apertura itentilnin H nmiticcittibuSj tunf^is 
r= I ctllaej , aculit clauiili. — Ifal/. in fucis J'undi pelroni niarU 
iiahutiam athteutit, rara. 



252 

den Fühlern des Männchens und dem gröfsern Theile des weib- 
lichen Körpers. 

Bei der folgenden speciellen Beschreibung dürfte es passend 
sein, denselben Weg zu verfolgen, welchen die Entwickelung des 
Thieres nimmt, nachdem die erste Zelle — welche allemal eine 
männliche ist — sich geöffnet hat, also erst den männlichen Po- 
lypen und die Darmrühre, dann die KnospcnbildiiDg, dann das 
Weibchen und sclilicfslich die Entwickelung zu beschreiben. 

Die Fühler des Männchens (Fig. 1, c; Fig. 4.). Ander 
Zahl fand ich sie von 16 bis 28, aber, vielleicht nur zufälliger- 
weise, niemals gleich lang , und die Ursache dieser Veränderlich- 
keit liegt, wie es den Anschein hat, nicht in einer mit dem Aller 
zunehmenden Anzahl, sondern vielmehr in geringerer oder reich- 
licherer Nahrung während der Eutwickclung. Sie sind durch- 
gichtig, hohl und werden von einer düuucn Schicht der äufsern 
Membran gebildet. Auf ihrer Oberfläche sitzen unregelmäfsige, 
hier und dort in unvollsläudiger Spirallinie gewundene Kränze 
von stachelähnlichen aufwärts gerichteten Wärzchen (Saugwärz- 
chen?), welche gegen die Spitze zu ausgebildeter sind und ge- 
gen das unterste Viertel fast ganz verschwinden. Die innere 
Höhle ist durch kleine Quecrhäutc in Zellen getheilt. An der 
Basis sind die Fühler in einem Ilalsbande {CoUure) (Fig. 1, d.) 
vereinigt, welches den Mund umgiebi. In ihrem Innern findet 
man keine mit der in den übrigen Theilen des Thieres überein- 
stimmende Bewegung von Flüssigkeiten, und ihre Verrichtung 
ist nur die von Fangorganen. Sic werden meistens in der Stel- 
lung gehalten, dafs der Eine mehr aufgerichtet, der Andere mehr 
herabgebogen ist *), und sind übrigens nach mehreren Richtuu- 



') Diese Stellang, die nnregelniafsige Bewegung und die geringere 
Lebendigkeit des ganzen Thieres geben einen Habitus ab, welcher es 
einem eiDigermafsen geübten, auch unbewalTneten Auge leicht macht, ein 
Sertularin von einem Bi'jozoon zu unterscheiden. Die 13i-yozoen halten 
die Fühler in einer regelmäfsi^en, umgekehrt konischen Stellung ganz 
still, oder biegen sie plötzlich in scharfe Winkel. Auch ist hier die Ver- 
richtung eine andere. Der Raub wird nicht unmittelbar mit dem Fühler 
erfafst, sondern mit Hülfe des Strudels, welche ihre Wimpern (Ci'ia) im 
Wasser erregen. Im Innern der Fühler geht aufserdem eine beständige 
Bewegung von Flüssigkeit mit eingemengten Kömchen vor sich, welche 
in Verbindung mit einem Ringgefäfse steht, das den Bland umschliefst 



25S 

gen hin biegsam, so dars die Spitze eines jeden Fülilers rück- 
wärts zam Munde liinab geführt werden kann. 

Der Mund (Fig. 1, e; Fig. 5, 6, 7), umgeben vom Haläbande, 
ist bei allen Campanularien, welclie ich gesehen habe, mehr oder 
weniger stark vorstellend, doch bei dieserl Art am meisten. Er 
ist hier boch, bisweilen bcinabe von der Höhe des halben Ma- 
gens, und an der Basis stark zusammengezogen, so dafs der Zwi- 
schenraum zwischen ihm und der Innern Fläche des Halsbandes 
bedeutend ist. Der obere, weitere Theil bildet gleichsam Lippen. 
Er kann bald völlig geschlossen, bald trichterförmig ausgebreitet 
und auf mancherlei Weise gefaltet werden, ja, wenn der Polyp 
recht hungrig ist, wird er wie ein Kragen niedergelegt (Fig. 7.) 
Der unterste, zusammengczogeue Theil dürfte als Speiseröhre zu 
betrachten sein. 

Der Magen (Fig. \,f.J ist eine weite Röhre, welcher an 
der Basis des Halsbandes anfängt und von da bis zur Scheide- 
wand hinabsteigt. Er kann zusammengezogen und bedeutend 
verkürzt werden. So wie das Haiband, ist er nach allen Seiten 
in der Zelle vollkommen frei, und nur seine Basis ist an der 
Scheidewand befestigt. An dieser breitet sich sein Pförtncrtheil 
ans, befestigt sich durch strahlige Bänder (Fig. 8.) dci' äufsern 
Membran in den Eindrücken (7), welche wir oben beschrieben 
haben, schlägt sich zurück und steigt durch dasI,och der Schei- 
dewand als Darm hinab. 

Die Darmröhrc (Fig. X, g.) füllt nicht völlig den Raum 
der Uornröhre aus, ist ausdehnbar, demzufolge hier und da er- 
weitert und durch Bänder von der äufsern Membran an der 
Schale befestigt. Diese Bänder sitzen höchst uurcgclmäfsig, bald 
dicht, bald mehr auseinander, und man sieht bisweilen ein Sol- 
ches von der Stelle, an welcher es erst war, verschwunden, und 
ein Andere» an einer andern Stelle entstanden, an welcher erst 
Keines war. 

Im Magen, und noch deutlicher und minder unterbrochen 
in der Darmröhre dieses Tbieres, zeigt das Mikroskop, wie bei 
allen Scrtularinen und Tubularinen, eine Flüssigkeit, in welcher 
beigemengte Körnchen in unaufhörlicher Bewegung sind, — eine 
Encheinung, welche, schon von Cavolini wahrgenommen, bald 
aii «in, entweder dem der höheren Thierc oder auch der Ge- 



254 

Tvächse (CTora) analoger Kreislauf, liald aber, von Ehrenberg*), 
als eine durch einen Malus peristaUiais eulslandene Bevvegung 
der aufgenommenen Nahrungsstoffe betrachtet ward. Sorgfältige 
Beobachtungen haben letztere Ansicht auch zu der oieinigeu ge- 
macht. : •. 

Die Campanularie nährt sich meistens von Tliieren, vTfJche 
zum mindesten eine gleiche Gröfse mit der Weite ihres eigenen 
Magens haben, wie kleine Entoniostraka (Ci/c7oj)s u. ähnl.), wäh- 
rend sie kleinere, wie Bacillaricn u. s. w. zu verschmähen scheint. 
Im Magen, welcher von solchem F'utler auch oft stark ausgedehnt 
erscheint, werden die halten Theile abgeschieden und durch den 
Mund wieder ausgeworfen. Die weiclien gelien in den Darm und 
sind in demselben sogleich unter der Gestalt kleiner uniegelniS- 
fsig geformter, selten runder, meistens eckiger, knotiger und mehr 
uder weniger stark gelbbraun gefärbter Körnchen siclttbar. Diese 
schwimmen in einer klaren Flüssigkeit und sind in ununterbro- 
chener Bewegung. Diese ist jedoch zweifach : erstens so, daJs 
viele Körnchen, z. B. alle in einem Zweige, auf einmal und mit 
ebenmäfsiger und gleiclier Schnelligkeit, wie ein Strom, dahin 
iliefsen ; zweitens so, dafs jedes Körnchen für «ich, innerhalb 
eines kleinen Raumes kleine Bewegungen macht, die von denen 
der nächstumlicgenden Körner mehr oder weniger verschieden 
sind. Die erstere Art der Bewegung ist die, welche Lister 
meint, wenn er eine Strömung besrlireil)t, deren „Ebbe und Fluth" 
zu bestimmten Zeiten und zugleich nach derselben KicJituog hin, 
wiederkehre. Ohne einigen Zweifel an der Genauigkeit dieses 
Schriftstellers — welche an vielen Stelleu seiner schouen Abhand- 
lung für sich selbst spricht — erwecken zu wollen, mufs ich 
dennoch anführen, dafs ich nie eine solche Regelniäfsigkeit mit 
hinreichend überzeugender Gewifsheit gesehen habe. Theils schien 
mir die Schnelligkeit des Stromes sehr ungleich, indem die Kör» 
ncr bald so lebhaft fortgetrieben wurden, dal's ihnen das Auge! 
kaum folgen konnte, bald wieder nur langsam vorwärts schli- 
chen. Ferner war die Richtung fast nie in allen Zweigen gleich. 
So z. B. stand der Strom vor einer Axille still, während er zi» 
gleich in dem einen Zweige aufwärts, in dem andern abwSrIft 
:l 

*) a. a. O. S. 75. 



255 

lief. Bisweilen wandle sich der Strom des Hauptslammcs ganz 
am und strömte heftig rückwärts lierab ; daou folgte der Strom 
des eiuen Zweiges derselben Wendung, aber in dem andern wur- 
den die Körnchen fast ununicrhrochen aufwärts geführt. Indes- 
gen' ist es klar, dafs diese, wenn gleich unrcgclmäfsige, Bewe- 
gung doch von einer allgemeinem Kraft, einer Tis a tergo, ver. 
ursacht wird, welche zu gleicher Zeit auf den ganzen Inhalt 
eines Stammes oder Zweiges einwirkt — und diese Kraft ist die 
abwechselnde, bald liier, bald dort erfolgende Zusammenzichung 
und Erweiterung des Darms. Diese aber mufs immer unregel- 
mäfsig werden, da jedes Individuum, von dessen Darm oder Ma- 
gen ein solcher Antrieb ausgeht, seine Nahrung unabhängig von 
den übrigen einnimmt und verschluckt. Ferner füllen die Theilc 
des Polypen, w-^lche iu der Eni Wickelung begrifl'cn sind (die 
Knospen), die Kölire völlig und zeigen keine Zusammen^iehun- 
gen, «ondern sind besläudig erweitert, — woraus folgt, dafs sie 
auch mehr Flüssigkeit aufnehmen, als die bereits ausgebildeten 
und sie nie zurückschicken, sondern vielmehr absorbiren. Des- 
wegen ist auch der Zullufs immer überwiegend in den Knospen. 
So viel von der allgemeinen Bewegung, der Strömung. 

Die andere Art der Bewegung, welche dagegen den eiuzcl- 
neo Körnchen zukommt, besteht darin, dafs — die Slrümuiis mae 

' ■ DO 

fortgehen oder slillstehn — jedes Körnchen sich unablässig herum- 
schwingt und hin und her wirft, vorwärts oder rückwärts, gegen 
ein nahe liegendes stöfst und von ihm eine Strecke weit fortge- 
führt wird,oder auch dieses aus seiner Bahn treibt, und solcherweise 
auf unzähligen Umwegen weiter gefördert wird. Dabei vereinigen 
eich mitunter zwei oder mehr zu einem kleinen, unregelmälsigcn 
Körper, welcher auf dieselbe Weise, während einer unuulcrbro- 
chcnen Drehung um seine Achse, hin und her geworfen wird. 
Geht nun, bisweilen, die allgemeine Strönmng sehr slark vor 
lieb, so liörl diese Bewegung wohl bei einigen Körnern auf, wel- 
che dann gerade vorwärts geführt werden ; aber nimmt die all- 
gemeine Strömung ab, und, wie es mir schien, wenn das eine 
oder andere Korn den VVänden der Darniröbre nalie kommt, so 
langt jene Bewegung sogleich von neuem an. Indessen linden 
^ich Punkte, auf welchen sie nie aufhürl, nämlich in den Thci- 
Ico, welche noch in der Ausbildung bcgrilTeu sind , und in wcl- 



256 

eher die Absonderung der Schale vor sich geht, ferner in den 
Röhren der weiblichen Zellen. Dort sind die Körnchen ohne 
Vergleich zahlreicher, als an irgend einer Stelle, und bilden ein, 
durchs Mikroskop betrachtet, gan-i dunkles und so dichtes Ge- 
wimmel, dafs es ganz unmöglich ist, den Bewegungen eines ein- 
zelnen Kornes mit dem Auge zu folgen. Von solchen Stellen 
scheint sich kein Korn zurückzuwenden — alle scheinen aufge- 
sogen zu werden. Diese, so zu sagen, individuelle Bewegung, 
welche bis auf einen gewissen Grad von der allgemeinen Strö- 
mung unabhängig ist, mufs auch eine andere Ursache haben und 
von einer Kraft herrühren, welche an der Fläche der inneren 
Darmwand so vertheilt ist, dal's sie auf jedes Körnchen anders, 
als auf dessen Nachbar, einwirken kana, — denn so zeigt sich 
diese Erscheinung. Es findet sich eine Kraft von dieser Be- 
schaffenheit nicht weiter, als in den schwingenden Wimpern, 
diesen kleinen Organen, welche zufolge der Entdeckungen neue- 
rer Zeiten als wichtige Mittel zur Bewegung der Flüssigkeiten in 
den Organismen und an deren Oberfläche auftreten *). Es glückte 
mir zwar nicht, die Wimpern selbst hier wahrzunehmen; — aber 
je öfter ich sie vergebens suchte, desto fester wurde dennoch 
meine Uebcrzeugung, dafs sie zu finden sein müssen; so voll- 
kommen glichen die Bewegungen der Körnchen denen, welche 
von Wimperu, die man sehen kann, hervorgebracht werden. 

Die Knospcubihlung (Fig. 1, A.). Diese ist zwiefach, 
indem sie männliche Knospen hervorbringt, welche durch Bil- 
dung von Zweigen nach dem für die Art geltenden Gesetze, 
ihnen den Habitus dieser verleiht, oder weibliche, welche hier 
in den Axillen der ersteren sitzen. Die männliche Bildung ist 
hier, wie bei allen Sertularinen, die überwiegende; dagegen aber 
sind die Knospen der Weibchen gröfser und ihre Zellen enthal- 
ten mehrere Individuen. liier ist es bemcrkcnswerth, dafs bei 
Campanularia und Plumiäaria ") die weiblichen Knospen mehr 

ent- 



*) Die Wimpern vibriren an den Kiemen der meisten Ringelmfir- 
mer, nra den Fufsrand der Gasteropodon, im Magen imd hauptsächlich 
in der Kloake der Brjozoen, ja, sie fehlen nicht einmal bei den Hy- 
drinen. 

**) Man vcrgl. Pliimiitaria setacea. — Plumularia falcata weicht 
hiei'iii, so wie in vielem Andern ab. 



257 

entfernt von den Männchen ausgebildet werden, während bei 
Serlularia die weibliche Zelle am häufigsten unmittelbar neben 
der Basis der männlichen silxt. — Der Fortgang der Knospenbil- 
dung verhält sich folgendcrmalsen : Au der nach dem Verzwei- 
gungsgesetze der Art bcslimmten Stelle sieht man, dafs die nicht 
mehr in der Schale freistehende, noch blofs mit Bändern an ihr 
anfgehängle Darmröhre jetzt dicht an ihr anliegt, und dafs der 
Zuflufs der Körner dort stärker ist, als anderwärts. Dort sieht 
man auch bald eine im Anfange geringe Ausbiegung an der äa- 
fsern, harten Schale, welche allmählig zunimmt und zu einem 
kleinen, kurzen Zweige wird. Dieser wächst imn auf die Weise, 
dafs die in der geschlossenen Spitze des Zweiges angeschwollene 
Darmröhre eine grofse Menge Flüssigkeit mit eingcmeDglen Körn- 
chen aufnimmt und aus ihnen die Hornschale bildet, innerhalb 
welcher sie selbst wächst. Ueberall, wo die Schale ausgebildet 
worden ist, zieht sich die D^irniröhre von ihr zurück und bleibt 
an ihr nur durch Bänder befestigt; aber ihre angcscliwollene 
Spitze, welche jetzt wie eine Matrix für die weitere Bildung der 
Schale wirkt, liegt fortwährend der neuen Ilornlaraclle, welche 
gebildet wird, dicht an. So bildet sich der Zweig nahe am 
Stamme mchientlieils durch Anschwellungen und Einschnürungen 
ausgezeichnet, dann glatt, endlich tou neuem knotig, bis die 
letzte Anschwellung gröfser als die vorhergehenden, und der An- 
fang der männlichen Zelle wird. Nun bildet sich deren Scheide- 
wand (Fig. 1, Ä-.), während der Darm eine ringförmige .Ausbrei- 
tung macht, lieber dieser schiefst sie kegelförmig auf und nimmt 
allmählig an Weile aufwärts zu, so daTs das Ganze am Ende die 
Form dnr bleibenden Zelle, nämlich die eines umgekehrlcn Ke- 
gels, hekomint (Flg. 9.). Ihr oberer Hand wird scharf, aber die 
'ganze Oelfnung ist durch eine in der Mitte convexe, näher dem 
Rande coucavc Haut gcschlu.sscn. Wenn diese fertig ist, zieht 
•Ich der angeschwollene Darm, welcher die Zelle hervorgebracht 
bat, zurück, sieht frei in ihr, und nun erst bilden sich die Füh- 
ler (Fig. 10.) aus. Wenn sie ausgewachsen sind, und das Thier 
dcnniach vollsländig ist, durchbricht dieses mechanisch die die 
Zelle bedeckende Haut, schlägt die Fühler heraus und lebt filr 
«ich selbst. 

Die weihlichen Knospen (Fig. 11.) bilden sich, wie 

III. Jilirg. I.ilind. 17 



258 

schon bemerkt, in den Axillen der Zweige. liire Slielchen sind 
kürzer, und die Zelle ist beinahe 2y Mal so grofs, wie die der 
Männeben. Ihre Bildungsgeschichte ist dieselbe, bis dahin, wo 
die Darmröhre die Zelle fertig gebildet hat und noch unter der 
deckenden Haut eine grofse Anschwellung macht (a). In dieser 
Stellung bleibt sie stehen, uud ihr dünner Tbeil, welcher, unge- 
fähr in der Achse der Zelle, gerade abwärls steigt, ist an der 
einen Seite durch Bänder an der inneren Oberlliichc der Zelle 
befestigt. Diese ganze Röhre und ihre obere grofse Erweiterung 
unter der Oeffnung der Zelle lassen ein starkes Gewimmel von 
Körnchen sehen. Nun zeigt sich auch bald — und mehreniheis 
an einer Seite der Darmrohre, von welcher keine Bänder ab- 
gehen, — eine kleine Erhöhung (4.), in deren Ilühlc sich auch 
der ZuHufs der Körner gleichsam zu concentriren scheint. Dies 
ist ein werdendes Weibchen. Die Erhöbung wird immer gröfser, 
kugelförmig, ihre Verbindungsstelle mit der Darmröhre schmäler, 
ihre Höhle gröfser, ausgebreitet, gleichsam in mehrere Buchten 
getheilt (c, d, e; Fig. 1.3, a.). Diese Höhle steht jedoch immer 
durch eine enge Röhre mit der Darmröbre in Verbindung, gleich- 
wie eine aus ihr ausgezogene Blase, inwendig bekleidet mit dei 
ren innerer Haut und ein dichtes Gewimmel von Körnern um 
schliefsend. Aufsen an dieser Blase erscheint, mit zunehmender 
Ausbildung, ein kleiner kugelrunder Körper Cf.J von einer dun- 
keln, körnigen Materie, an dessen nach aufsen gewandter Seite 
man wieder einen hellem, cirkelrunden Flecken (g.) erkennt, 
welcher ziemlich deutlich, doch so umschrieben ist, dafs er eher 
einer unter der Körperoberfläche verborgenen Blase mit hellerem 
Inhalte gleicht. Alles dieses wird wieder von einer glashellen, 
äufkerst dünnen Hülle (A.) umgeben, an deren oberer und äufserer 
Seite man einen Kranz von kleinen Erhabenheiten (k.) sieht. 
Dies ist der Körper des Weibchens, die Erhabenheiten sind seine 
Fühler, der kleine kugelförmige Körper ist ein Ei mit dem 
Purkinjc'schen Bläschen, und der aus der Darmrohre ausgezo- 
gene Sack entspricht dem Magen des Männchens. Es bilden sich 
allezeit auf einmal mehrere Weibchen, aber nicht iu denselben 
Stadien aus. Zu äufserst bedenkt sie alle die äufsere Membran 
des Darmes, und ihre Entwickelung geschieht demnach blofs durch 
die innere. 



r 

4 



259 

Das Weibchen, welches zu oberst liegt, ist immer am mei- 
sten ausgebildet, und sein Ei zuerst reif; die tiefer sitzenden sind 
nach der Reihe jüngere. Inzwiscjien ist der aus der Darmröhre 
hervorgelrelene Sacl<, an dessen Oberfläche das Ei gebildet wurde, 
da er früher diesem an Gröfsc überlegen war, nun viel kleiner, das 
Ei aber gröfser geworden. Der Flecken des letztem ist auch ver- 
schwunden. Das zwischen den beiden Häuten ausgebildele Weib- 
chen hat nur die äufsere zu durchbreclwn. Dies geschieht nun so, 
dafs der Kanal, durch welchen sein Sack mit der Darnnöhre in 
Verbindung steht, verlängert wird, so dafs, wenn das ausgebil- 
dete Weibchen jene äufsere Haut und die dünne Hornlamelle 
durchbricht, welche die Zelle zuschliefst und deren Fragmente 
man dann auch abfallen sieht, wie dies Lister beschrieben hat, 
sein Zusammenhang mit dem gemeinschaftlichen Stamme (Fig. 12, 
1.3.) damit nicht aufhört. Hat das Weibchen sich sonach hin- 
ausgedrängt, so sitzt es, wie eine beinahe kugelrunde, glashellc 
Blase, mit einem kurzen Stiel aufsen am Deckel der Zelle be- 
festigt, wo die Ocffnung, welche es sich gemacht hat, sich dicht 
7.uschliefst. Die Fühler, ungefähr 12 an der Zahl, sind bei eini- 
gen ausgestreckt, fast von gleicher Länge mit dem Durchmesser 
des Körpers, bei anderen sehr stark verkürzt. Bei allen sind sie 
mehr zugespitzt, als die der Männchen, und mit Spitzchen ohne 
Ordnung besetzt. Von ihrem Kranze gehen in die dünne Mem- 
bran, aus welcher des Weibchens Körper zu äufserst gebildet wird, 
vier entsprechende Gefiifse ab, welche sämmllich sich in den jetzt 
bcdeatcnd verkleinerten Sack an dessen Basis endigen. Nun sieht 
man auch, dafs die äufsersic dünne Eihülle an diesem Sacke 
befestigt ist (Fig. 12.). Diese Hülle platzt und es kommt ein 
Junges hervor, welches seiner Mutter ganz unähnlich ist (Fig. 
12, a: Fig. \'i. !>.). Es liat die Gestalt eines kleinen Wurmes, 
einen cllipti.'irhcn limrifs und ist etwas flach gedrückt. Seine 
Oberfläche ist allcnllialben mit vibrirenden Wimpern besetzt, 
mittelst deren es sich im Körper der Müller bewegt. Nach einer 
Weile Ircibl es sein eines Ende zwischen den Fühlern derselben 
vor und gleitet hinaus, indem es zugleich eine mehr verlängerte 
Geiitalt arniinunl (Fig. 13). 

Jede« Weibchen trügt gewöhnlich zwei Eier, und eben so 
viele Jungen schlüpfen aus. Nur ein Mal habe ich drri Junge 



260 

gesehen, und vermutbe, dafs sie auch aus eben so viel Eiern 
gekommen seien. Indessen findet hierbei eine Abweichung Slalt, 
welche bemerlccnswertb ist und eine Monstrosität genannt wer- 
den mufs. Mehrere Male beobachtete ich nämlich, dafs in Weib- 
chen, welche die Zelle verlassen hatten, ein in seiner Hülle schon 
frei gewordenes Junges, durch eine Einschnürung erst getheilt 
und dann allniählig in zwei Hälften zertrennt wurde, welche 
später, jede für sich, sich auf dieselbe W eise vervielfältigten, uud 
zwar bis zu einer Anzahl von mehr, als dreifsig (Fig. 13, c). 
Wie weit diese frühzeitig begonnene Selbsttheilung gehen kann, 
und welches Schicksal diese Thiertheilchen erwarte, habe ich 
zwar nie sehen können; aber ohne Zweifel ist es dasjenige, was 
Lister a.a.O. S. .376. beschreibt und daselbst abzeichnet (Tab. 
X, 6, 4.). Ihm, welcher die Weibchen für die Jungen ansah, 
blieb jene Ausströmung einer Menge von Körnchen unerklärt. 

Nachdem die Muller sich ihrer Jungen entledigt hat, zieht 
sie sicli immer mehr und mehr zusammen, hängt geneigt und 
leblos da, und die Fühler verschwinden fast. Lister's treffliche 
Beobachtungen überzeugen hinreichend, dafs sie wirklich ver- 
schwindet („absorbirt wird,'') *), und damit stimmen auch 
meine Beobachtungen völlig überein. Ob sie etwa, nachdem sie 
sich auf's äufsersle zusammengezogen hat, in die Zelle zurück- 
geht? — Für jedes Weibchen, welches hinaustritt, verringert 
sich die Ausbreitung der Darniröhrc in der Oeffnung der Zelle, 
nachdem der Zullufs der Nabrungssloil'e nicht mehr so stark 
geblieben ist. 

Wenn das Junge aus dem Körper der Mutter liervorgekom- 
men ist, fängt es an, mittelst Schwingungen seiner Wimpern nm- 
her zu schwimmen. Seine Bewegung ist dabei gleichmäfsig und 
gleichsam gleitend. Dabei dreht es sich beständig um seine 
Achse, bald horizontal liegend, bald lothrccht aufgerichtet ste- 
hend, wobei auch die Form des Körpers veränderlich (Fig. 14,18.), 
bald eiförmig, bald mehr verläugert, nach vorn abgestumpft, nach 
hinten gleichmäfsig verschmälert, bald verkürzt und birnförmig 



*) a. a. O. S. .376. Er war völlig überzeugt, dafs das, was er sah, 
die Jungen wären, und konnte sich natürlich nur hücblich verwundem, 
dafs sie ,, absorbirt würden," nachdem sie mittelst einer so langen Pro- 
cedur in ihr Element hinausgetreten waren. 



261 

ist. Seine Farbe ist wcifs und unter dem Mikroskope ziemlich 
opak, docli so viel durchscheinend, dafs man eine innere Uühle 
unlerscLeidet, welche von einiger in ihr enthaltenen Flüssigkeil 
dunkel ist und von zwei Membranen, einer äufseren glashellen 
und einer inneren undurchsichtigeren umgebeu wird. Erneuerte 
Beobachtungen verschaU'tcn keine Wahrscheinlichkeit, dals diese 
Jungen sich durch eine Mundöffnung ernähren. 

Dieses Stadium der Entwickelung der Campanularia ist lange 
unter dem Namen der .,be weglichen Eier" hekanut gewesen, 
weil es schien, dafs die Jungen eine Analogie mit dem Samen 
gewisser Algen haben. So sind auch die Weibchen Kapseln ge- 
nannt worden *). 

Nachdem die Jungen eine Zeit lang frei umher geschwom- 
men, befestigen sie sich an irgend einem grofseren Körper, 
einem Tangblatle u. s. w. Der Körper wird dabei platter und 
cirkelrund, wde ein kleines Küchelchen (Fig. 15.) und die Wim- 
pern, welche aufgehört haben, zu vibriren, legen sich rund um 
ihn, wie durchsiclitige Fransen. In der Mitte der inneren Höhle 
erscheint ein dunkler Flecken, dessen Durchmesser ziemlich ei- 
nem Fünftel des ganzen Körperdurchmessers gleich ist und von 
Körnchen herrührt, die um den Punkt concentrirt sind, aus wel- 
chem der Stamm des Thiercs hervorgehen soll, die äufsere Mem- 
bran ist jetzt etwas dicker, als bei dem ausgebildeten Thicre, 
und, wie es scheint, von Gefafscn (?) aus der inneren Uöhle 
durchzogen. Nun entsteht über dem dunkeln Mittelfelde eine klei- 
ne halbkugeligtc Erhöhung (Fig. 16.), und zugleich zeigt es sich, 
dals die innere, nicht mehr zirkelrunde Höhle sich in vier oder 
fünf unrcgelmäl'sigc Uuchlen, und die üufserc, cellulösc Haut, mit 
Beibehaltung des runden Umfangs des Ganzen, in eben so viele 
Lappen gelheilt haben, welche letzteren nur durch schmale, con- 
rentrisclie Einsrhnitlc getrennt sind. Diese Lappen sind Andeu- 
tungen der bleibenden horiy.uiilalen 'l'lieilc dieses l'liylozoon's — 
der .Spros.'.en. Schon i>t die Bekleidung des Gan/.cn lioinartig 
^worden; aber man überzeugt sich nicht leicht davon eher, als 
hit (ich, wahrend des Stammes weiterer Entwickelung, die Höhle 



*) S. («rant's Abhandlung im Edinhiirgh Sem Philo$ophical Jour- 
nal I i>. 1.50 



262 

\ 
so vermindert, dafs ihre äufserste Haut sich in vier Lappen zu- 
rückzieht (Fig. 17.). Sic befestigt sich dann durch zerstreute 
Bänder an der hornartigen, glashcllen Scliale, welche mit ihren 
tiefen Einschnitten den ursprünglichen Umfang beibeliall. Der 
Stamm, welcher jetzt allmühlig lolbrechL aufscbiefst, bekommt 
zuletzt an der Spitze eiue männliclie Zolle, und zeigt während 
seiner Ausbildung dieselben Erscheinungen der Bewegung der 
Körnchen in der Darmröhrc u. s. w., wie die Knospen bei dem 
schon entwickelten Phylozoon. Nachdem solchergestalt das pri- 
märe Thier, welches jederzeit ein männliches ist, sich vollkom- 
men ausgebildet hat, ist auch dessen äufscre Membran bedeutend 
dünner geworden, als sie bei dem Jungen war. IMan möchte 
deshalb vielleicht annehmen können, dafs sie, während die Ent- 
wickelung innerhalb der HornbüUe ohne Uinzukommcu einer 
Nahrung von aulsen her vor sich ging, die absorbirten StoUe 
zurückgehalten habe. 

Die Campanularia (und wir können demzufolge, was wir 
wissen, hinzufügen: alle Sertulariuen) fängt sonach ihr Leben als 
ein frei umherschwimmendes, seiner künftigen Gestalt ganz un- 
ähnliches, Thier an. Dieses befestigt sich und umgiebt sich mit 
einer unbeweglichen, hornartigen Hülle. Nachdem diese gebildet 
worden ist, ist sie ein Abgeschiedenes und todt, denn von jedem 
Punkte derselben, welcher fertig ist, ziehen sich die bildenden 
weichen Theile zurück und ernähren sie nicht mehr. Innerhalb 
ihrer bildet sich der Poljp nach allen seinen Tbeilen, wie nach 
Anzahl, so nach Gestalt, aus, durchbricht mechanisch seine Hülle 
und wächst nachher nicht mehr. Fafst man diese Erscheinun- 
gen zusammen, so möchte man wagen, ihre Gesammtheit eine 
Metamorphose zu nennen, den ersten Zustand mit dem der Larve, 
den zweiten mit dem der Puppe zu vergleichen und zu sagen, 
dafs der in seiner Zelle ausgebildete männliche Polyp die von 
ihrer Puppe umgebene /mogo sei , welche erstere auch fortbe- 
stehe, obgleicli durchbrochen von dem Gebilde, welches sie ge- 
schützt hatte. Das Weichen tritt dagegen aus seiner Puppe her- 
vor, thut seiner Fortpflanzungsverrichtung Genüge und — stirbt? 
(Der Sclilufs, die Bcsclireibung der St/ncorynCy folgt nächstens.) 
■M<>i, . 



Ichlhyologische Beiträge zur Fauna Grönlands 



Prof. J. R e i n li a r d. 

II. 

(Kongeltge Danike Videnskalerne» Selikabs Program 
for Aaret 1835 — 36.) 



X^rofessor Kcinliard hal eine Besclireibung nebst Abbildung von 
dem isliindi.scljcn Trachyplerus Hogmarus Valeno. mifgetheilt, der 
bei den Faröcrn im Sommer 1828 gefanf;en wurde, und von dem 
die Gesellscbafl eine vorläufige Nachricht im Winter 1829 erhielt. 
Da das in Brantwein aufbeveabrte Exemplar bis auf die Rücken- 
und Baucbflosseu ganz vollständig ist, und bei seiner Empfang- 
nahme, 10 Tage, nachdem es gefangen, die unpaarigen Flossen 
uobcschädigl und noch ruiligcfärbt waren, so hat die von Um. 
Scbousboe verfertigte Zeichnung eine Genauigkeit erhalten, der 
sieb keine der bisher gefertigten nähert. Seit 1829 scheinen die 
Beschreibungen dieser Art nicht durch Untersuchung besserer 
ENcniplare vervollständigt worden zu sein. Ur. Yarrell liat In 
geiner hintonj of brUiali Jislies p. 191 nach eigenen Unteisuchun- 
gen keinen Beitrag liefern können; er hat in Beziehung auf die 
englische Fauna nur Flemming's Beschreibung und Abbildung 
eines Exemplars benutzt, welches an den schottischen Küsten 
gefangen war; aber ist die Heslaiiiatlon des verslümmeltcn Ex- 
emplars in derselben richtig ausgcfi'ibrt. so kann dies Individuum 
nicht einmal zum (iCUMs Traclnjpterus gerechnet werden. 

ilr. Valcncicnucs hat in seinem gründlichen Artikel über 
diese» (ji'ijus im 10. Tbeil der kintoire naturelle des poiasons zu 
den älteren Beschreibuiigeti dieser Art, einige Bemcrku:igcn liin- 
zugefügl, welche von seiucii eigenen Untersucliuugen eines treck 
neu Exemplars vom Nordcap lieri-ührcn. Es ist einige Verschic- 



264 

denlieit in den angegebenen relativen Kennzeichen dieses und 
des Faröerschen Exemplars vorhanden, welche jedoch wohl von 
dem Rintrockeiien herrührt. Die Strahlenanzalil in den Kücken- 
flossen beider stimmt fast ganz übereiri, aber bei dem lelzicrn 
sieht mau durchaus niclils Schaifes an der Obernäcbc der ein- 
zelnen Strahlen, wie es Hr. Valenciennes bei dem seinigen 
angiebt, denn die einfache Reihe sehr kleiner Spitzen, welche 
sich längs der Basis der Riickeullosse erstrecken, kann hier 
wohl kaum gemeint sein. Dagegen sind .sehr kleine und zer. 
streute Spitzen sichtbar und fühlbar auf den Sirabicn der 
Schwanzdosse. Herr Valenciennes besrhreibt den lelzicn 
Stachel an der Wurzel der Schwanzflosse als auf dem letzten 
Schilde der Seitenlinie (bei seinem Exemplar) sitzend; dies ist 
nicht der Fall bei dem Faröerschen Exemplar; jener gabiige 
kurze Stachel sitzt mit seinem auf beiden Seilen schildfürniig 
ausgebreiteten Grundtheilc im scharfen Rande des Schwänz- 
endes, und die Schilderreihe der Seitenlinie setzt ihren Lauf über 
denselben und weiter nach hinten gegen die Wurzel der Schwanz- 
flosse fort; hinter diesem und dicht an demselben silzt noch 
ein dünnerer, aber beweglicher Stachelstrahl ; beide zusammen 
könnten eher als eine gegen das Ende des Schwanzes liegende 
rudimentüre Analflosse betrachtet werden, welche sich in eine 
andere unter (kr Schwanzflosse unmittelbar liegende Partie von 
4 sehr kurzen und dünnen, gewöhnlich übersehenen Sirnhien fort- 
setzt, welche gleichsam wie die verkrüppelte andere Hälfte der 
Schwanzflosse aussehen. Das abgebildete Exemplar hat nur 2 
grofse schwärzliche Flecke auf seiner silberblankcn Seite, welche 
noch uacli 8 Jahren eben so deiillich sind, als beim Fange des 
Fisches. Die Tolallänge dieses Exemplars von der Spitze des ge- 
schlossenen Mundes bis zur Wurzel der Schwanzflosse ist .34" 6'", 
der Kopf ist 1\ Mal, und die Schwanzflosse 6-J- Mal in der Total- 
lange eut ballen. Die gröfstc Höhe, welche an das Ende des er- 
sten Drittels der Tolallänge fällt, ist 5^^ Mal in derselben eiilbal- 
ten. Die Kienicnmembran hat 6 Strahlen, die Brustflosse 10 — 11; 
die Bauchllosse C; erste Rückenflosse 5, zweite 172, und die 
Schwanzflosse 8 Strahlen. 

Dasselbe Milglicd hat die Forlsetzun;: seiner ichlliyologischen 
Beiträge zur Fauna Grünlands eingeliefert, von denen die erste eine 



• 265 

Beschreibung und Abbildung einer von vcrscbicdenen üandels- 
plälzcn sowohl in Nord- als Siid-Giüiiland 1834 eingesandten 
neuen Fischart enthält, die sich auszoiclinet durch 4, Schleiniöff- 
nungci) führende Linien an jeder Seile. Er gab ihr bis wei- 
ter den Namen C'linus unimaculalus , und helrachlete sie als 
nahe mit Ctinus piinctalus verwandt. Später hat Hr. Kröyer, 
unbekannt mit jener vorläuGgen IJestimmung, dem Verf. mltge- 
thcilt, dals er auch eine Beschreibung einer solchen Fiscliart von 
Grönland entworfen habe, die er wegen der grofsen Anzahl der 
Seitenlinien zu Cuvier's Geschlecht C/iiras gerechnet und prae- 
cisus *) genannt habe. Die Abhandlung beschäftigt sich deshalb 
zuerst mit der Untersuchung der Frage, ob die gröfsere Anzahl 
von Seitenlinien (hier Richtungslinien für die schleimausführenden 
Oelluungeu) bei einer Fisehart diese von der Gruppe entfernen 
müsse, zu welcher sie die üebcreinstiramung in den meisten übri- 
gen Organssyslemcn hinstellt. Die Systemaliker scheinen z. B. 
bei der Classilication von Bairachus punciatissimus den Seitenli- 
nien nicht diese Wichtigkeit eingeräumt zu haben. Nun ist die neue 
Art in wichtigen Theilen verschieden vom Geschlechte Chirus, 
obglcicli in Hinsicht der Anzahl der Seiteuliuien eine interessante 
Aehnlichkeit zwischen dem grönländijrhcu Fische und dem Genus 
Chinis vom Meere bei Kamtschatka besteht, dagegen herrscht 
gov.'ohl im ganzen Habitus, als in den meisten Organen eine voll- 
kommene generischc Ucbcreinstimmung zwischen ihm u, Blennius 
jnmctalus Fabric. Dies hat den Verf;is.ser auf eine durch die 
wichtigsten Organe ausgeführte Vergleichung sämmtlicher bekann- 
ter Arien der Familie der Schleimlische (ß/enn/us) geführt, wel- 
che im griinländischcn Meere vorkommen, woraus er den Schlnfs 
zieht, dafs diese Arien, in Hinsicht des Zahnbaues, der Kiemen- 
haut, der Schleimölfnungeu. des Üigcstionskanals und der Eicr- 
■löckc in drei Gruppen oder Unterordnungen gelrennt werden 
können: nämlich die f^'unet/u« -• Gruppe mit einer wie eine 
Querfalte unter dem Halse verwachsenen Kiemenhaul, mit fünf 
Strahlen versehen, kciue oder sehi' wenige Zähne auf dem Os 
vomer, imd keine Art von Seitcnliijic'ii ; diese Unlerablheilung 
enthalt die Ai Icu : dunellu» grünlmidicu« (fuscialtis Bloch) und 



•) Ji'tzt tTBcliii'neri In: Kalurlii.slMrisk Tidssln'ft Hill I. p. '25. 



-•?:■ 



266 

G. offinis; die Xumpcnus- Gruppe mit ciuer hinten freien Kie- 
menhaut mit 6 Strahlen, einer Seitenlinie ohne Schlei mölTnung, 
und mit Zähnen auf dem Os vomer; hierhin gehören Lttmpenus 
Fabricü (Btennhis LutnpeiMS Fauna 0'rÖ7il.J, Lump, medius Mus. 
Reg.., und L. aculeatus Mus. Reg. ; heidc sind neue Arten; und 
endlich schlägt er für die dritte Gruppe den Namen Stichaeus 
vor, welche ehenfalls 6 Strahlen in der freien oder ganz vorn 
verwachsenen Kiemenhaut, Zähne sowohl auf J'omer als auf dem 
Kiemeuhogen, und eine oder mehrere mit Schleimiüfnungen ver- 
seheneSeitenlinien hat; hierhin rechnet er Btennius ptinciaiusVabr. 
und die in der Abhandlung beschriebene neue Art Slichaeus uni- 
maculalus, deren 6 der Beschreibung zu Grunde liegende Exem- 
plare zwischen einer Länge von 7" 2'" und 8" 10"' variircn. 

In einem anderen Beitrage theilte der Verf. Abbildungen und 
Beschreibungen zweier neuen Fischarten mit, von denen die 
eine mit der von Ström zuerst in die nordische Fauna einge- 
führten Art des Geschlechtes Scopehis (Sc. hwealis Nils.) nahe 
verwandt, aber in der Anzahl der Strahlen und der Stellung 
der Schleimöffnungen etwas von jener verschieden ist. Sie hat 
den Namen Sc. glacialis erhalten. Sie hat 12 Strahlen in der 
Rückenflosse, die Ström'sche Art soll nur 9 haben. Die 
Analflosse zählt bei der ersten Art 17, bei der letztem sind 
von .Ström 10 angegeben; von Nilsson dagegen 15. Die 6 
Exemplare, welche das Museum nach und nach erhallen hat, sind 
alle aus den nördlichsten Kolonien, wieOmenak, Kitesbauk und 
Jacobshavu. Die Gröfse varilrle zwischen 2 — 3^". 

Die andere Art gehört zum Genus Motella, und unterschei- 
* ^el eich von allen übrigen bckannlen uordischcu Arten oder 
Abarten dieses Geschlechts durch ihre silberblaukc Farbe, ihren 
forelloiiarligen, stumpfen Kopf, und besonders durcli die schwach 
ausgeschnittene Schwanzflosse. Sic war zuerst im Museum als 
Motella uniclrrata aufgestellt, unter welcher unpassenden Be- 
nennung sie vor einigen Jahren mehreren Museen mitgethcilt ist. 
Sie heifst jetzt in der grönländischen Sammlung Motella argen- 
lata, Die seit 18-31 zahlreich eingesandten Exemplare dieser Art 
«ind fast alle von derselben Gröfse, und gewifs ganz jung. Sie 
kommen nur im Süden vor, und besonders im Distrikt Julia- | 
neusbaab. Sic sind 2+ — 3" lang. Das nördliche Grönland i 



267 

scheint auch eine unbeschriebene grofse Molella-Krt zu besitzen, 
nach z\'vei aus dem Magen einer Klappmütze bcrausgenomme- 
nen, und sehr beschädigten Exemplaren zu urtheilen, wclclie 
1S34 aus Oiiieualv eingesandt, und in derselben Sanmtlung nuter 
dem Nameu von JMotella Ensis aufgestellt wurden. Sie zeich- 
nen sich aus durch die Länge dcc ersten Strahls der vordersten 
abortiven Rückenflosse, welche last ebenso lang wie der Kopf 
ist, und dadmcli am After weiter zurücksitzt als bei Motella 
Muslela. 

Endlich sclilofs dieser Beitrag mit der IJemerkung, dafs es 
in dem gröuländiscben Meere aufser Cyclopterus IJparis Fabric, 
welchen man wegen des besonders losen Anhängens der Ilaut 
Liparis iunicala nennen könnte, uoch eine andere Art giebt, wel- 
che in ihrer Zeichnung viele Aebnlichkeit mit der Tou Yarrel 
in seinen Iritish fmhes abgebildeten europäischen Art hat, aber 
da das Museum nur ein einziges unvollständiges Exemplar besitzt, 
so kaun eine sichere Bestimmung noch nicht Statt finden. 



Gebier: Perdix altalca. 

(Auszug aus dem Bullet, »cienlif. de VAcad. de St. Petersb. I.p. 31.) 



P. capite, collo pectoreque cinereis, dorso uigro, griseo un- 
dolato, gula abdoniineque albis, pcdibus nigris, tarsis subauran- 
tiacis, intus callosis, rectricibns 24. 

Die Geschlechter sollen nach Angabe der Jäger wenig ver- 
schieden sein. Ganze Länge 26" engl. Die Art wurde im ka- 
tunisclien Gebirge, namrnllich am Flusse Argut gefunden. — 
Als Nahrung dienen ihr die Zäpfchen von Betula nana, Beeren 
von Uir/jn-if ailirira. Sie hält sich Sommers in den liüchsten 
Schlucblcn auf, kommt aber im Winter in Truppen bis zu 10 
Stück herab. 



Ueber den Zubr oder Auerochsen des Kaukasus 
von V. Bär. 

(Bullet. Scient:/. de l'Acad. de St. Petersb. 1. Ao. 20. p. 153.) 



JL/cr Generalmajor Rosen hat einellaut des Zubr oder Auer- 
ochsen (Bos mnis auf.) der Akademie eingesandt und dadurch 
die Zweifel über dessen Existenz am Kaukasus gehoben. Freilich 
geben die Uandbücher aufser Lithauen auch den Kaukasus, die 
Moldau und oft selbst Preufsen als sein Vaterland an, aber nur 
als Wiederholung dessen, was in der Vergangenheit der Fall war. 
Bojanus sagt im Eingange seiner Abhandlung : Fahulosae sunt, 
quae de MoUlaviae et Caucasi Uro hodierno passim dicuntur; worin 
er zu weit ging, denn es ist gewifs, dal's der Auerochs lange 
Zeit in der Moldau existirle und dafs er sich dort noch im An- 
fange dieses Jahrhunderts in den waldigen (JrSnzgebirgen fand. 
Das Exemplar zu Schönbrunn stammte aus dieser Gegend. Seit 
dieser Zeit hat man nichts weiter von ihm gehört, und Perso- 
nen, welche davon unterrichtet sein konnten, versicherten Hrn. 
V. B., dafs er dort nicht mehr existire. — In Hinsicht des Kau- 
kasus beruhte die Meinung, dafs der Zubr in dessen Gebirgen 
lebe, nur auf zwei von Pallas im Archive der Akademie gefun- 
denen Noten, deren eine von Lowitz, die andere vonGülden- 
städt ist. Der ersterc scheint aber nur vom Hörensagen darüber 
zu sprechen; der andere, welcher nur Schädel sah, hat diese für 
die des Zubr genommen. Zu Güldcnstädls Zeit war es indes- 
sen fast unmöglicli, Arten durch die vergleichende Osleologie zu 
unterscheiden. Pallas giebt uns davon einen Beweis, indem er 
den Auerochsen für den Stammvater unseres Hausochsen hielt. 
Angenommen aber, dafs Güldenstädt die Schädel der verschie- 
denen Ochsenarteu kannte ; so hatte er diese Schädel iu einer 
Höhle mit anderen gefunden, und Niemand konnte angeben, seit 



269 

wann sie sich dort vorfanden. Ilr. Steven erwähnt des Zubr's 
nicht in seiner Aufzählung der westlich vom kaspischeu Meere 
belegenen Provinzen. In unseren Tagen hat Eichwald berich- 
tet, dafs Kaukasier, welche das zoülogiscbe Museum der Univer- 
sität Wilua besuchten, dcu Zubr als ein kaukasisches Thier er- 
kannten. — Es unterliegt keinem Zweifel, dafs Veränderungen 
in der Verbreitung der Thitre Statt haben. Die einen ziehen 
sich auf allen Seilen zurück, sind im Begriff zu verschwinden, 
oder verscliwiudcn von unserer Erde in den historischen Zeiten; 
die andern dehnen ihren Wohnsitz aus, wie gewisse Volker. 
Nehmen wir uiclit auf die unter die Herrschaft des Menschen 
gekommeneu Thiere Rück-ichl, so sind es immer schwache, zu- 
weilen kaum sichlbaie Thiere, welclie ihr Reich erweitern: einige 
Insekten z. B. und besonders die, mit denen der Mensch täglich 
im Kriege begriffen ist, oline ihrer Vermehrung Abbruch thun zu 
können. Die einen reisen mit den Pilanzcn, die andern mit dem 
Menschen. Es giebt einige, welche Amerika unserem Wellthcile 
verehrte, und andere, welche die neue Welt zur Vergeltung 
von der alten erhallen hat. — Es giebt auch Eroberer unter den 
Säugthiereu, aber immer sind es die kleinsten, Nager oderln- 
sektivoren. Die Zwergspitzmaus {Sorex pygmaeus Pall.), 
das kleinste Siiugclbier, welche mau zuvor nie in Deutschland 
gesehen, wurde vor wenigen Jahren in Schlesien und Mecklen- 
burg beobachtet. Mehrere Arten von Mäusen und Ratten rücken 
fortwährend von .'Vsieu aus in Europa vor. Es scheint, dafs die 
Ratte in allen Zeilen niibckannl war. Seit langer Zeit besitzt 
man sie in ganz Europa. Aber in unsern Tagen ist diese schwarz- 
graue Ratte (MuD rallua) nicht mehr die gemeine. Eine andere 
•tärkere Art, die Wanderrat le {Mus decumanusVM.^ Buflon's 
Surmulol), noch so neu, dafs i-ic Linnc noch nicht kannte, und 
Pallas als die Zeil ihrer .Ankunft zu Astrachan das Jalir 1727 
anzeichnet, macht die andere überall verschwinden, wo sich der 
Handel etablirl. .Sic ist in unseren Tagen durch die Nadejäa 
nach Kamlscliatka cingefilhrl, wie überall, wohin Civilisalion und 
Handel dringen. Sie ist in Wahrheit das lebendige -Symbol des 
Handels und man kann sagen, dafs ein Ort ohne diese Rallen 
eiu Ort ohne Handel ist. Ganz im Gcgentheil ziehen sich die 
grofsen Thiere zurück und verschwinden endlich ganz, ein deul- 



270 

lieber Beweis, dafs der Kampf zwischen dem Menschen und einem 
Thicre, es mag dies noch so grofse Kraft und Muth besitzen, fast 
nie zweifelhaft ist. So ist der Löwe, welcher nach Ilerodot und 
Aristoteles noch zu ihrer Zeit in Macedonien existirle, welcher 
lange Zeit Klcinasien und Syrien inne hatte, in einige wüste 
Gegenden Arabiens und der Grunzen Persiens und Indiens zurück- 
gedrängt, und herrscht nur noch in Afrika. Eben so existirt der 
Krokodil nicht mehr in Unter-Aegypien. Ebenso haben sich 
das Flufspfcrd, die Giraffe und andere kolossale Tbiere in 
das Innere von Afrika zurückgezogen. Aber es gicbt auch Aiteu, 
die in hislorisclien Zeiten verschwunden sind; denn ich rede hier 
nicht von denen, welcbe vor den historischen Zeilen ausgerottet 
wurden. Der Urus der Allen, welcher zu Cäsar's Zeit in 
Deutschland gemein war, existirle dort nicht mehr im 16. Jahr- 
hundert. Herberstain fand noch ein Uebeibleibsel von ihm in 
Polen, und er existirle in Preufscn unter der Regierung des Mark- 
graf Albert. Seitdem hat er aufgehört zu existiren *). Die 



*) Hr. V. Bär versteht unter dem Urus nicht den Boa urus aut., 
den jetzt fälschlich so genannten Auerochsen, welcher Lei den Germanen 
"V\Mseni liiefs, sondern den Vrus des Cäsar's, der neben jenem früher 
in Germanien und dem östlichen Europa lehte, und von Cnvier rait 
Kecht für den Stammvater unseres Rindes angesehen wird, da seine im 
aufgeschwemmten Lande sich findenden Schädel mit denen des Rindes 
im Wesentlichen übereinstimmen. Plinius 11. N. Vlll. §. 15. fiihrt neben 
einander iubatos bisonles excelkntique vi et velocitate uros, quibus im- 
peritum rulgus bubalorum nomen imponit in Germanien auf. Auch das 
Wihelungeniied erwähnt beider in der Jagd des Siegfried: ,, Darnach 
schluch er schiere einen ^Vizend und ein Elle, Starker Ure viere und ei- 
nen grimmen Schelle (v. 375.3, 54.)." Herberstain sah 1558 noch 
beide in Polen, gieht von beiden eine rohe Abbildung und hcmerltt schon, 
dafs man beider Namen verwechsele. Unter das Bild des (Jrus setzt er 
die Worte: L'nts sunt, Polonis T/iur, Germaiiis Auerox, ignari Bisoiilis 
nomen dederant ; und unter das Bild des Wisent: Bison sum, Polonis 
Suher, Germanis Bisont, ignari L'ri nomen dederant. — Ein aus dem 
Anfange des 16. Jahrhunderts stammendes Bild eines schwarzen Stieres, 
mit der Beischrift TAwr, fand Harn. Smith bei einem Händler in Augs- 
burg und giebt davon eine Copie in Griffillt Anim. Kingdom IV. zn 
p. 411. Vgl. den von mir bearbeiteten Text zu Bürde's Abbildung und 
Beschr. merkwürdiger Säugethiere. Lief. 2. (Berlin 1832) p. 115. nud 

H. V. Meyer Xoc. Act. Leop. Carol. XFII. Lp. 103 fg. 

Herausg. 



271 

Seekuh des kamlschatkiscben BIceres hat eine noch kürzere Ge- 
schichte. Nur im Anfange des 18. Jahrhundeils hat man Kennt- 
Difs von ihr gcliahl. Siellcr hat sich ein ewiges Denkmal durch 
die umständliche lieschreibung errichtet, welche er 174.3 von ihr 
gab und schon 17CS, '25 Jahie später, ist das letzte Individuum 
getödlet. Steller ist der einzige Naturforscher geblieben, der sie 
ge.'sehen hat. — Kehren wir zum Z üb r zurück, dem Auerochsen 
der Deutschen und Franzosen. Duich Cuvier's und Anderer 
Untersuchungen ist es aufscr Zweifel gesetzt, dafs er der Bison 
der Allen, der Wisent der Deutsclien ist. Es ist gewifs, dafs er 
in früherer Zeit fast über ganz Europa verbreitet war. Viele 
Ortsnamen (wie Wisantenstcg u. a.) haben sein Andenken in 
Schwaben bewahrt. Im Nibelungenliede wird die Jagd dieses 
Thieres besungen. Aber zur Zeit der Wiedergeburt der Wissen- 
schaften gab es ihn in Deutschland nicht mehr, nur in Preufsen 
und in einigen Tlieilen Polens, wo er von Uerberstain beob- 
achtet und gezeichnet wurde. In Pieufscn wurde der letzte im 
Jahre 1755 getödlet. Zur Zeit des jungen Forster fand ersieh 
in Polen in dem grofsen Walde von Hialowieza. Aufserdcra exi- 
gtirte er in einem andereu entfernteren Walde des alten Polens 
an der Gränze der Moldau. Er ist vielleicht in diesem Walde 
ansgcroltet, und er würde auch in dem Walde von Uialowieza 
ausgerottet sein, wenn die Regierung nicht mit Strenge über seine 
Erhaltung wachte. Es ist daher interessant, aus sicheren Bewei- 
sen zu wissen, dafs er sich im Kaukasus gcliallen hat, wo noch 
in unseren Tagen ein Uebcrrest der Künigstieger und der Panther 
vorhanden ist. 

Bei Vergicichung der Zubrhaut, welche vom Kaukasus ein- 
gesandt ist, uiit dem ans^cstopflcn Exemplare aus dem Bialowie- 
zer Walde, Jindct man, dafs bei jener die Iliirncr merklich dün- 
ner fgrrlesj und kürzer sind, und dafs der Absland der Ilürner 
oder die Breite der Stirn geringer ist. Diese Verschiedenheiten 
(cheinen aber vom Gesclilechte abhäugig, denn die vom Kauka- 
mu eingesandte Haut ist die einer Kuh, wie die denilichcn Zit/.en 
beweisen. Die Farbe des Felles ist bei der kaukasischen Haut 
weniger dunkel und sichtlich mit grau gemischt. Auch ist die 
Behaarung am Vordcrthcilc kürzer und nur auf der Stirn und 
einem Thcile de» Nackens gekrfiusell. Diese Versckiedenheilcn 



«i 



272 

hängen von der JahieszeJt und dem Alter ab, denn die langen 
Haare am Vorderllieile des Körpers fallen auch bei dem litbaui- 
Bchen Zubr im Friilijahr aus, und die Farbe des Pelzes ist im 
Jugendalier mit Grau gemischt. Die Hufen und Aflerhufen sind 
sehr viel kürzer an der kaukasischen Haut, was ohne Zweifel 
mit dem Leben in einer Gebirgsgegend zusammenhängt. Es üuden 
sich keine andere Verschiedenheiten so weit man aus einer ein- 
zigen Haut schliefsen kann, als eine etwas verschiedene Krüm- 
mung der Hörncr, und ein sehr deutlicher Streif, welcher 
sich über den Rücken erstreckt. Die Spitze der Hürner scheint 
etwas mehr nach hinten gerichtet zu sein , als mau es bei dem 
lithauischeu Zubr sieht, und was den Streif bctrill't, so findet sich 
davon bei den Schriftslcllcrn. welche ausführlich die Haulbehaa- 
rung der verschiedenen Jahreszeit beschrieben haben, bei Gili- 
bert, Bojanus, ßrincken, Jarocki keine Erwähnung. Ge- 
wifs reichen diese Unterschiede nicht bin, um den wilden Och- 
sen des Kaukasus, den -man dort Demiei nennt, mit Eich wald 
als eine verschiedene Art anzusehen. Viellciclit sind dies selbst 
individuelle Verschiedenheiten. Psur nach mehreren Häuten und 
Skeletten wird sich cutscheideu lassen, ob diese beiden seit län- 
gerer Zeit getrennt lebenden Ra;en des Zubr, von denen die 
eine beträchtliche Gebirge, die andere einen vertieft liegenden 
V^'ald inmitten einer ausgedehnten Ebene bewohnt, in der Reihe 
der Generationen Verschiedenheiten erfahren haben. 

Man hat vor eiuigen Jahren die Existenz eines wilden Och- 
sen, Gaour genannt, im Innern Indiens, zwischen der Küste Co- 
romandel und der Bay von Calcufla angekündigt. Die Beschrei- 
bung, so ungenügend sie auch ist, konnte muthniafsen lassen, 
dafs es ein Zubr sei; seitdem aber dessen Existenz im Kaukasus 
bewiesen, ist nicht mehr darau zu zweifeln. Die vortretende 
gewölbte Slirn, das krause Haar derselben, die Maafse sind die- 
selben, und die Reihe von Dornforlsätzen über den Rücken hin, 
von der Major Roughsedge spricht, kann nichts anders als der 
sehr erhabene Widerrist desZubr sein. Aber dasselbe Thier findet 
sich auch vielleicht jenscit des Ganges. Capt. Low hat vor 
kurzem in dem Jom-n. of the Royal Asialic Soc. ofGreat Britaln 
and Ireland Nr. F. eine Liste derThiere von Tenasserim, einer 
neulich durch die Engländer erworbenea Provinz, gegeben. Er 

nennt 



273 

nennt dort den Bison, von dessen Kopfe er eine Zeichnung gicbt. 
Die Hörner sind genau dieselben, -mie die des lithauischen Zubr, 
nur ist das Fell zu glatt, was indessen Fehler des Künstlers sein 
kann. Endlich zweifelt Herr von Bär nicht, dafs der Zubr 
auch selbst mitten in Centralasien lebe. Nach Angabe des Aka- 
demiker Schmidt findet man in mongolischen Schriften einen 
wilden Ochsen erwähnt, welcher in der Umgegend des See's 
Kokkonoor und in der chinesischen Provinz Khansi lebt. Mau 
unterscheidet ihn immer vom Yak (Bos gnmniensj und nennt 
ihn im Mongolischen „Boukha gueureugueusun." Ein mongoli- 
sches Wörterbuch beschreibt ihn folgendermafsen : „Er gleicht 
dem gemeinen Ochsen; der obere Theil seines Körpers ist hoch, 
der Ilintertheil ist abschüssig und schmal. Das Haar ist dunkel 
schieferfarbig, dunkelbraun oder schwärzlich." Der Zubr lebt 
demnach noch heute zerstreuet in einigen sehr von einander 
entfernten Tribus. In dem Walde von Bialowieza hat er den 
nordischen Viclü'afs zum Nachbar, an der Küste von Teuasserini 
den Elephanten und das Rhiuoceros. 



lieber die fossilen Infusorien-Gattungen 
Xanthidium und Peridinium. 



C. G. Ehreuberg. 
(Aaszug a. d. gedruckten 38. Bogen des gröfseren Infasorienwerkes.) 



xlerr Turpin in Paris hat 1837 mein obiges Urtheil über die 
fossilen Formen der Xanthidien und Peridinien ganz auf die Seite 
geschoben und sie für Polypeneicr der CrUtatella vagans erklärt. 
Derselbe mikroskopische Beobachter hat auch früher die Eier der 
Salpina mucroitaCu, eines Hüdcrlhierchcns, welche anConfcrvcn 
•ingclicitct »lud, unlor dem Namen Ilursella olivmea als eigene 
Pflanzengallung bci^chricben, und im Dielion. des sc. nat. Tab. XI. 
Fig. 18. abgebildet. Auch die Eier der Triarihra, eines andern 

III. t^hrg. I. Band. 18 



274 

Rädcrlhiorchens, hat er als Pflanzengaltung. Erytlirynella annu- 
laris, cbcuda beschrieben und Fig. 17. abgebildet. Das erstere 
wurde uebeubei schon im Jahre 1S31 bei Gyges (.\bhandl. d. 
berl. Akad. der W'iss. 18.31. p. 61.) augezeigt. Man sieht daraus, 
dafs auch eine vielfache Ucbuug im mikroskopischen Beobachten 
ohne gute iCrilik zu starken Fehlgriffen leitet. Im Ucbrigen ist 
es erfreulich, dafs Hr. Turpin die fossilen Formen keineswegs 
als Fragmente, sondern als wohl erhaltene geschlossene Organis- 
men uülerkaunt und gezeichnet hat. Die Täfelchen des Feuer- 
steins, wonach Herr Turpin seine Zeichnungen gemacht hat, 
halte ich auf den Wunsch des Hrn. v. Humboldt, Hrn. Arrago 
und der pariser Akademie, wie es auch Herr Turpin meldet, 
überreicht, aber ich hatte auch vorher, was dieser nicht meldet, 
sowohl Berichte als noch weit detaillirtere Zeichnungen, sowol 
im September 1S36 der Versammlung der deutsehen Naturfor- 
scher in Jena, als im Dccember der berliner Akademie vorgelegt 
(s. den Bericht der Akad.). Die Besorgnifs des Hrn. Turpin, dafs 
die damals von mir gegebenen Namen das Schicksal rascher Ver- 
gänglichkeit mit andern theilen und der Wissenschaft lästig wer- 
den möchten, weswegen ihm nöthig dünkt, noch andere (unver- 
gängliche) Namen zu geben (!), scheint nicht nahe zu liegen. 
Die Vcrgleichung mit Cristatellen- Eiern, deren Form nicht, wie 
es dort scheinen könnte, Hr. Turpin 1S37 entdeckt hat, son- 
dern welche der englische Gelehrte Graham Dalzell im Jahre 
1834 (Jameeons New Edinh. Philos. Joum,XVII. p. 411.) zuerst 
beobachtete, ist deshalb unstatthaft, weil die fossilen KörpcrcheiT 
des Feuersteins eine viel geringere und sehr variable Gröfse ha- 
ben, wie nie bei Eiern nur als seltene .Ausbildung vorkommt, 
auch nicht linsenförmig und nicht blofs am Rande, sondern über- 
all stachlig sind (wie überhaupt die Genauigkeit von Hrn. Tur- 
pin's Abbildungen der Fossilen keineswegs genügend ist), end- 
lich weil sie öfter doppelt vorkommen. — Durch eine Mifs- 
deuluiig der kleinen Federzeichnungen, welche ich auf die Cou- 
verte der Täfelchen zur Orieutirnug entworfen hatte, hat Herr 
Turpin vermutliet, dafs ich die mit seiner Fig. C. C. bezeich- 
ncteu Köipur ebenso Peridinium genannt habe, als die mit sei- 
ner Fig. E. bezeichneten. Das wird ihm aber Niemand glauben, 
da nur Fig. E. das glatte Peridinium, Kranzthierchen, und Fig. C. 



275 

das stachlige Xanthidium, Klettenthicrchen, sein kann. Das Pe- 
ridinium hat Ilr. Turpin veikehit abgebildet, wodurch es aller- 
dings einer (Bischofs)Mülze (!) sehr ähnlich geworden. Ein ihm 
wichtiges äufseres Organ bei Fig. C. , das er mit a bezeichnet 
hat, nnd wohl unter dem mit dem Penis des vegetaux (!) p. 307 
zu vergleichenden Organe milversleht, scheint mir nur einer der 
Stacheln zu sein, dessen Widerhaken abgebrochen sind. Ich er- 
wartete von einem Referenten einer Akademie eine gerechlere 
Anerkennung, und sehe in Zurücksetzung meiner Mittheilungen 
nnd in diesen neuen von Hrn. Turpin, den von ihm nicht eul- 
deckten und nicht verbesserten Dingen gegebenen Namen kei- 
nen Vortheil für die Naturwissenschaft. 



C. G. Ehrenberg: 

Ueber fossile Infusorien. 

1. 

( Bericht der Akad. d. Wissensch. vom 9. Febr. ) 



I 



Uie an Um. Berzelius gesandten Proheu der fossilen lufu- 
»oricn haben Hrn. Prof. Retzius veranlafst, die mehlartige Erde 
mikroskopisch zu uniersuchen, welche 1832 im Kirchspiele De- 
gcroä, an den Gränzcn Lapplands (64 — 65° n. Er.), während de» 
unglücklichen Mifswachses jenes Jahres mit anderm Mehle und 
Baumrinde vermischt, zu Brod vctbackeu worden war, und wel- 
che Ur. Berzelius analysirt und als mit organischen Bestaud- 
Ihcilcu vermischte Kieselerde erkannt hatte. Ilr. Retzius hat 
auch dieses Bcrgnichl als aus bis 19 verschiedenen Formen voü 
Infusorien bestehend erkannt, und die von ihm entworfenen 
Zciclinungcu sammt einer Probe des Mehls an Ilrn. Ehrenberg 
ccAandt. Dieser fand, dafg es bei weitem reicher an ausge- 
zeichneten, bisher unbekannten Furmea ist, als das ihm sonst 
ähnliche \oti Sani ii/iora oder als irgend einer di'r bckaniili'ii Kio- 
»elgnlire. Es cnlliäll '24 verschiedene Arten ; bei vyeileiu die 
uieislcn sind Infusorien -Panzer aut der Familie der Bacillarirn. 

18* 



276 / 

äufscrst sparsam sind darin Schwammnadeln von Spongien oder 
Spongillcn, den überall fossil vorkommenden und denen der le- 
benden Spongilla lacusMs ähnlich. Endlich liegen nicht gar 
selten Pollenkörner einer Pinus-Art dazwischen. Von den 22 
fossilen Bacillarien sind etwa 3 — 5 den jetzt lebenden bekann- 
ten so völlig ähnlich, dafs sie vorläufig dafür angesehen werden 
müssen; uämlicb: 1. Navicula viridis, 2. N. gracilis, 3. Gom- 
phonema acuminaium, vielleicht auch 4. iV. phoenicenteron und 
5. Bacillaria vulgaris, Formen, welche theils in allen Kicselguh- 
ren vorkommen, theils wie Nr. 3. nur im Bergmehle von Santa- 
fiora, oder wie Nr. 4. in dem von Is!e de France, die auch alle 
hei Berlin im Sumpfwasser gefunden sind. Von nur fossil schon 
bekanuten Formen ist die ausgezeichnele, einem Schnellradchcn 
ähnliche 6. JVaviaila follis des Casseler Polirschiefers vorhanden. 
Alle übrigen 16 sind nie gesehene, meist höchst auffallende und 
ausgezeichnete Formen, deren Namensverzeichnifs folgendes ist: 
Eunotia (siiväiTOt;, eine neue Gattung der Bacillarien, wozu 
aus den früher bekannten Arten von Navicitla nun auch N. Iiir- 
gida, Zebra und einige andere gehören, und welche durch eine 
flache und eine convexe Seile, so wie eine andere Stellung der 
Panzeröffunngcn ausgezeichnet ist) mit 7 neuen Arten, deren 
convexe Rückenseite, wie bei keiner bekannten Form, meist tief 
gezahnt ist. 7. Eunolia serra mit 13 Zähnen, 8. E. Diadema mit 
6 Zähnen, 9. E. Pentodon mit 5 Zähnen, 10. E. Triodon mit 3 
Zähnen, 11. E. Diodon mit 2 Zähnen, 12 E. Arcus mit einfach 
gewölbtem, flach -einzahnigem Rücken, der JV. iurgida ähnlich, 
13. E. Faba mit zahnlosem, einfach gewölbtem Rücken. Ferner 
fanden sich .3 gestreifte neue JVavictdae: 14. N. stiecica, der iV. 
siriatula ähnlich, 15. N. dicephala, der ]V. plalysloma ähnlich, 
16. N. macilenta, der N. viridis ähnlich, schmaler, enger gestreift 
und eine glatte Navicula! 17. N.l irinodis, der langstreckigen 
N. follis ähnlich. Es fanden sich ferner 18. Fragilaria pecli- 
7iatisi doch könnte es auch Bacillaria vulgaris sein. 19. Synedra? 
Hemicyclus. 20. Cocconema? Fusidium. 21. AcJmanihes? inaequa- 
lis. 22. Cocconeis unbestimmbar. Navicula gracilis sammt den 
übrigen Navioilis bilden die Hauptmasse, welche mithin ein 
Süfswassergcbild seiu könnte. — Eine besondere Bemerkung ver- 
dienen noch die Pollenkörner der Fichte. Sie könnten zufallig 



277 

iu der neuesten Zeit in das Bcrgmelil eingeweht tciu. Es haben 
sich zwar ähnliche Körper neuerlich auch in den Feuersteinen 
von Delitzsch gefunden, die sich jedoch nun wahrscheinlicher 
als Polylhalamicn angehörige ganze Formen oder Fragnienlc zu 
erkennen gegeben haben. 



2. 

In der Sitzung der naturf. Gesellschaft zu Berlin v. 21. Mürz 
berichtete Ur. Elirenberg, dafs er ganz neuerlich im Königl. 
Mineralien -Kabiuet eine aus Klaproth's Sammlung slamincnde 
Erde von Kymmene-Gard bei Helsingfors in Finnland vorgefun- 
den, welche so ganz aus denselben höchst eigeuthümlichcn schwe- 
dischen Infusorien bestand, dafs von den 24 Organismen 18 der 
ausgezeichnetsten dieselben sind. Auch hier fand sich in der 
Masse viel Pollen von Fichten verstreut. Eunoiia teiraodon und 
Navicula glans waren 2 ganz neue charakteristische Arten iu 
dieser Erde. 



3. 

In der Sitzung der Akademie v. 13. April. legte Hr. Ehren- 
berg eine briefliche Nachricht des Ilrn. Agassiz in Ncuchalel 
über den ebenfalls aus mikroskopischen Kiesel -Organismen ge- 
bildeten Polirschiefer von Oran in Afrika vor, welchen derselbe 
als aus scbeibenfürmigcn, sehr rcgelmüfsig zelligen Körperu be- 
stehend, erkannte, und in dessen Mitte er Abdrücke eines van 
ihm benannten Fisches, der Atosa elongala, fand. Hr. Ag. halte 
eine Probe dieser Substanz, und von Hrn. Schimper entworfene 
.Skizzen der beobachteteu zelligen Scheiben beigefügt, welche 
die Uegcl der Zcllenorduung erläutern. Die weiteren Untersu- 
chungen des lirn. E. gaben folgende Kesullale. Die Masse wird 
vorherrschend von kleinen zelligen flachen Schüsseln (.Scheiben) 
gebildet, welche der bisher nie fossil gesehenen Familie der ge- 
panzerten Wechselthierc (Arcellina) angehören könnten, da sie 
sich ungezwungen in ihrerPorni und zclligen Bildung na Aredia 
uijgariii der Jclzlwcll anschliefsea (Aredia! l'nlinu), welche 
entterc aber einen Hornpanzer, keinen Kieselpanzer besitzt. Aus- 
ser dieser Aredia licfsen sich noch 9 verschiedene organische 



278 

Formen milerscheideu. Besonders merkwürdig ist das erste Vor- 
komnicn mehrerer Formen, für die es keine lebende Galtungs- 
Typcn giebt, die also neuen, nnr fossilen Gattungen angeliörrti; 
eine bisher bei den fossilen Infusorien unerhörte Erscheinung. 
Zwei derselben, welclie Ilr. E. Aclinocycluis nennt, gleichen grofsen 
Gallionelleu mit stralilcnartigcn inneren Kammern, deren Zwischen, 
wände, wie Speichen eines Rades, von 2 seillichen runden und 
xelligeu Plauen eingeschlossen sind. Diese Bildung der fossilen 
wirft ein neues Licht auf die Organisalion der mit mehrfachen 
OefTuungen im Kreise verseheneu kleinen lebenden Gallionellen. 
Mit 6 Zwischenwänden erscheint 1) Actinocychis senarius; mit 8 
2) A. octonaritus. Ganz auffallend sind ferner zwei durchbro- 
chene und strahlige Formen, deren eine dem lebenden Arlhro- 
desmus iruncahis nahe kommt, sidi aber durch eiu netzartiges 
Kieselgeripp ganz und gar unterscheidet. Sie werden als 3) Di- 
ctyocha Speculum, und 4) D. Jibula bezeichnet. Eine 5tc Form 
ist Galtionella sulcala, eine ausgezeichnete neue Art der bekann- 
ten Galtung. Ueberdies fanden sich selten zwei iVauici//««, und 
eine Synedra, welche nicht genau bestimmbar waren, mit Kie- 
selnadeln von Spougillcn. 

Die Arcellal Patina als Hauptform fand Hr. E. schon früher 
iu einem mergelartigen Polirscliiefer von Zanle, aber nur als 
Fragmente. Dieser griech. Polirschiefer ist daher wohl identisch 
mit dem sogenannten venetianischcn Tripel der früheren Zeit. 
Seine Hauptmasse sind unregelmälsig punklirte sehr feine Blätter 
(einer S/JOiigia?) mit Kieseluadeln von Spongillcn und vielleicht 
noch eiuer dritten Art von Dictyocha, welche einer Navicula 
ähnlich ist. 

Der Polirschiefer scheint darüber zu entscheiden, ob der 
"Name Terra iripolilana des Mittelalters sich auf das Tripolis der 
Barbarei oder das in Syrien beziehe. Von Syrien kennt man 
noch keinen Polirschiefer in seinen gcognostischen Verhältnissen, 
und es ist demnach durch den bei Oran vorkommenden entschie- 
den, dafs es in der Barbarei dergleichen giebt. Die Venetianer 
sollen ihn (nach Fougeroux) später aus Corfu bezogen haben, 
wodurch der tripolitanische ganz iu Vergessenheit gerieth. 



Notiz über die Einwirkung freier Kohlensäure 
auf die Ernährung der Pflanzen 

mitgetheill 



Dr. M. J. S c h I c i <l e ii. 



lu C. L. Treviratius Physiologie der Gewächse ßd. I. p. 403. 
findet sich folgende Stelle: 

„Auch müfste in der Nähe und am Rande kolilenaauici' Quel- 
lten , so wie in einem von Kohlensäure dHrchdrringcncii Bo- 
„den die Vegetation üppiger sein, was man docli ebenl'alU 
..nicht wahrnimmt." 
Dieser Ausspruch veranlafst mich zur öffentlichen Millheilung der 
folgenden Thatsache, indem ich glaube, dafs eine genauere Un- 
tersuchung hier wohl von Interesse wäre. Ich kann nur riarauf 
aufmerksam machen, da meine Erinnerung daran aus eiupr Zeit 
herstammt, wo ich Botanik noch mehr als Nebeasachc betrach- 
tete. 

Dan Thal von Güttingen, welches bekanntlich fast ganz, von 
Muschelkalk -Bergen gebildet wird, hat eine Mcngr Oiicllcn, die 
Ibcils aus dem IMuschelkalke selbst. Ilieils auf dt-r Sulile dessel- 
ben, auf dem bunten Sandstein entspringen. — Alle, besonders 
aber die Ersicren, enthalten viele freie Kolilcnsäiire. Vorzugs- 
weise merkwürdig ist in dieser Ilinsiclit die Oiielle. deien Ab- 
flufs die VVehiidcr Papierraüblo Ircibl. In einem c!nL;cii Kessel 
bilden sich durch dieselbe 4 — 5 kleine Bassins, in ciiieni Um- 
kreise von etwa 50 Schritt im Durchmesser, und ilir Gewässer 
lallt unmiltelbar darauf vereinigt auf die Mülilcnriidi r. — Dies 
Wasser enlbält grol'sc Mengen kiiliicnsauren Kniks in übei'schüs- 
siger Kohlensäure gelost, und derselbe wird hcIkiii nnlcibiilb det^ 
Miihlengcfälles als sogenannter Duckstein abgesetzt, in gröl'screr 



280 

Menge jedoch nach weitcrm Verlauf des Baches beim Dorfe 
Wehnde, wo er zu Bausteinen gebrochen wird. Diese Quellen 
entwickela nun eine solche Menge Kohlensäure, dafs das Wasser, 
zumal in dem einen Becken, fast zu kochen scheint, und man 
in wenigen Minuten mehrere Cubikfufs Kohlensäure auffangen 
kann. 

Was nun sogleich jedem Laien schon in die Augen fällt, 
ist das saftige, üppige Grün, und die reiche Vegetation sowohl 
in den Becken selbst, als in der nächsten Umgebung auf dem 
vom Quellwasser zum Theil versumpften Boden, eine Vegetation, 
die im Frühling um ganze Wochen früher erscheint, und im 
Herbst länger dauert als sonst in jener Gegend. Unter den Pflan- 
zen erinnere ich mich besonders des Sium angusiifolium, das 
mit auffallend frischem und schönem Grün, zumal den !ßoden 
des Bassins überzieht, in welchem die Entwickelung von Koh- 
lensäure am stärksten ist, so dafs die Pflanzen von der brodeln- 
den Bewegung des Wassers beständig hin und her geschüttelt 
werden. Am Ufer und im Sumpf sind Rammculus lanuginosiis 
(2 Fufs hoch und höher), Ficaria verna^ Callha palustris und 
Primula elatior mir durch ihre üppige Entwickelung im Früh- 
jahr besonders erinnerlich; auch wcifs ich nicht schönere Exem- 
plare von Hijpmim riparioides (beständig fructificircnd) und von 
Bafrachospermum moniliforme gesehen zu haben, alj in dem mit 
Brettern gefafsten Mühlcngrabcn. Es scheint hier allerdings die 
freie Kohlensäure im Wasser einen vortheilhaften Einflufs auf 
die Organisation auszuüben. Aehnliche Erscheinungen, nur nicht 
in so hohem Grade, zeigt auch die Quelle der Rasenmühle, in 
deren sehr grofsem und tiefem, sehr kaltem, aber im Winter 
nicht frierendem Becken besonders Hippuris vulgaris ausneh- 
mend kräftig entwickelt ist. — Es genügt hier, die Aufmerk- 
samkeit auf diese Thatsache gelenkt zu haben, eine genauere 
Beobachtung aber würde gewifs nicht ohne Resultat für die 
Wissenschaft bleiben. 



Diagnosen einiger neuen Conchylien- Arten 

von 

«'i, A n t o 11 in Halle. 



Uie BekanntmacLung einiger neuen Conchylien aus meiner 
Sammlung bedarf um so mehr der Nachsicht, als ich den Con- 
chyliologen bis jetzt Töüig unbekannt bin, und es auch nicht 
unmöglich wäre, dals die eine oder die andere Art, trotz mei- 
nen ziemlich reichen literarischen Hülfsmitteln,, in neuester Zeit 
bereits bekannt gemacht wäre. 

Ich beabsichtigte eigentlich, den ziemlich spcciell ausgeführ- 
ten, mit vielen, vielleicht nicht ganz uninteressanten Bemerkun- 
gen versehenen Calalog meiner Sammlung drucken zu lassen 5 
meine überhäuften Geschäfte machten aber, mindestens für jetzt, 
diesen Plan scheitern. Ich mufs es daher dabei bewenden las- 
sen, einige neue Arten anzuzeigen. 

1. Solen macrodon. 

Tcsta ovali-oblonga, medio coarctata, inaeguilatera ; trans- 
verse striata, antiquata, striis longiludinalibus obliquis inscul- 
ptis; sub epidermide albida; naiibus minimis; in valva dextra 
dentibus card. duobus, magnis, coarctatis, in valva sinistra rudi- 
mento dentis unlus. Long. 9'", Lat. 1" 10'". 

Das Epidcrm ist grünlich grau, ins gelbliche fallend. Ist we- 
der mit Solen cuarctalua Gm., nocli mit .S'. coarct. Desh. (Encycl.) — 
wo der Wirbel in der Mitte steht — , noch mit S. sanclae Mar- 
lliae Chcmn., zu verwechseln. Vaterland unbekannt. 

2. hulraria vtaclroiäes. 

Tcsta ovali- trigoua, gubaequilatera, solida, Iransverse slria- 
la, hiante, albida; dcnlibus card. in utraque valva quatcrnis, 
fovca magna, rccta; intu» alba. Long. 3" i'", Lal. 4". 



■) Ich Blelle dir Divalvtii wie Ut'sbayes, niclil wii' Lamarck. 



282 ' 

Dies Exemplar ist nicht gut gehalten. Es hat noch Reste 
eines f;rünbiaunen Epidernis. IVIuskeleindruck äufserst flach. 
Viilerland unbekannt. 

•3. Maclra diaphana. 
Tcsta ovata-subtetragona, subrosirata, subgibba, pallide-alba, 
diaphana, tcnui, transversc plicata, plicaruni inteitiliis teuuis- 
sime reliculalis; uatibus niinimis; auo ovato-oblongo ; vulva 
niilla, Long. 1" 2'", Lat. 1" T". 

Die Falten dichter und minder flach, als bei M. plicataria; 
gegen die Wirbel ziemlich bauchig, an den Räudern zusammen- 
geprefst ; äufserst diinnschaalig, so dafs die Falten innen eben 
so stark hervortreten, als aufseu. Muskeleindruck äulserst flach. 
Vaterland: Brasilien. 

4. Macira cojimbensis. 

Testa ovali-trigona, solida, subantjquata, transversa subtili- 
ter, longitudinaliter sublilissime striata; deutibus lateralibus bre- 
vibus, laevibus; intus alba, exfus albida cum epidcrmidc ferru- 
giuca. Long. 1" 4'", Lat. 1" 9'". 

Steht der M. soliJa sehr nahe, ist aber mehr gerundet, hat 
feine Längsstrcifcn, und kürzere, nicht gekerbte Scitenzähne. 

Vaterland: Cojimbo. 

5. Amphidesma (rigonella, 

Tesla trigona, albida, solida, trausvcrse dense striata; liati- 
bus minimis, curvatis; sine ano et vulva; dentibus cardinali- 
bus tribus in valvula dcxtra, duobus in valvula sinistra, den- 
tibus lateral, nullis ; intus alba ; imprcssionibus ut in Mactra 
stultorum. Long. 9'", Lat. 11'". Vaterland: rolhes Meer. 
Es hat diese Muschel das doppelle Band der Amphidcsmen, 
die Zähne und den sonstigen Charakter der Erycinen. Genau 
genommen müfste sie ein neues Genus bilden, da die Anzahl der 
Zähne nicht mit der von Amphidesma harmouircn. Da aber die 
Stellung, besonders aber die Anzahl der Zähne selbst bei ein- 
zelnen Arten dilTerirt; so glauble ich genügenden Grund zu ha- 
ben, sie zu Amphidesma zu ziehen. Es möge mir vergönnt sein, 
hier einige Beispiele von Abweichung der Zähne anzuführen. 
Abgesehen davon, dafs be! den Geschlechtern Tellina und Psam- 
mohia (meX. Psammolaea) im Allgemeinen eine grofsc Vcrscliic- 
dcuheit obwaltet, ist besonders die Lage der Zähne bei den ein- 
zelnen Individuen von Cijlherea coibicula (incl. C. tripla) I.,am. 



283 

sehr abweiclienrl : die Anzahl der Zähne aber, nach Beispielen 
aus meiner Sammlung, unter andern bei folgenden : Sanguinu- 
laria rtigosa findet sich 1) mit zwei Zähnen in jeder Schaale; 
2) eben so, wo aber die beiden griifseren bifid sind; .3) in der 
rechten mit zwei, in der linken mit einem einfachen Zahn; 4) 
in jeder Schaale nur ein bifider Zalin. Tellina ungulaia Linn. 
hat bei mir nur einen Zahn iu der linken Schaale, die rechte 
ist ohne Zähne. Donar epidei-mia hat in einem Exemplar 3, 
im zweiten Expl. 2 Zähne in der rechten Scliaalc, die linke 
zeigt in beiden blos Rudimente, djlherca arabtca Lam., die Var. 
bicolor Chemn. hat gar keine Seiteuzähnc, weshalb dies Exem- 
plar unter Venus Lam. zu stellen wäre. Venus yiexuosa Linn. 
hat bei mir theils in jeder Schaale 2, theils 3 Zähne. Venns 
granulata Lam., von der ich 19 Exemplare besitze, jedes in 
Zeichnung und Färbung anders, hat 1) 3 Zähne in jeder Schaale, 
2) 3 Zäbue in einer, 2 in der andern, mit dem Rudiment eines 
dritten, endlich 4) 2 Zähne in jeder Schaale. Es raiigen diese 
Beispiele genügen, mich aber rechtfertigen, wenn ich die obige 
Muschel uolcT AmpIiiJesma stellte, statt ein neues Geschlecht zu 
begründen. 

6. Tetlina iridentata. 

Tcta ovali, inaerpiilalcra, anlice roluiidata, postice suban- 
guiata, transversc subtililer, longitudinaliter subtilissime striata, 
alba, obscure roseo zuuata et radiata, diapliana; dcutibus card. 
in valva dextra tribus, terlio plicato-caualiculato, in valva si- 
oislra duobus, allero biddo, altero miuimo, dcutibus lat. uullis; 
inlus alba, Long, l" 1'", Lat. 1" 10'". 

.Sic sieht der Psammobia laevigaiii Lam. (was iiljiigens eine 
Teilinc ist) nahe, uuterscheidct sich aber durch das Srhiofs, und 
den sehr geraden unlcra Rand; cbcu so wenig ist sie mit Tel- 
lina nymplialig Lam. ZU verwechseln. 

7. Donax tieminnda. 

Tcxla ovalo- trigona, comprcssa, Iransverse sulcata, anticc 
Rublacvi, longiludinalilcr cl transversc siiblilissime striata; 
albidü-rusca, lincis roscis et ]mnclis lividis reliculatis picta; 
vnlra cxcavata ; iu valva dextra dcnle cardio, uno, in valva 
ninislra duobus; dcutibus lateral, duobus. Long. 11'", Lat. 1" 4'". 
Der Hand ist ge/,älinell, innen ist sie weif», unter den Wir- 
beln lu-cniuth. Die Zahl der Ziüinr, besonders aber die starken 



284 

Querfurchen, die auf der vordem Seite verschwinden, unterschei- 
den sie von Donar metoc. Nahe sieht sie der fossilen Cylherea 
semisulcala Lam., aus dem Grobkalk des Pariser Beckens, kann 
aber nicht mit ihr verwechselt werden. Vaterland unbekannt. 

Ich stelle übrigens in meiner Sammlung diese Muschel mit 
Don. meroe u. scripta Lam., unter Venus Blaiov. (Cylherea Lam.) 
S. Cyclas maculaia. 
Tcsta cordato-obliqua, inaequilatera, fragili, transverse stria- 
ta; natibus protubcrantibus; epidermide olivacea, nigro macu- 
lata. Long. ^"', Lat. li'". 

Sic ist wenig bauchig, vordere Seite sehr breit, sehr un- 
gleichseitig. Vaterland: Südamerika. 

9. Cyclus modioliformis. 

Testa oblonga, ventricosa, rostrata, rosfro curvato, diaphana, 
nitida, laevi; natibus minimis, vix couspicuis. Long. 1^'", Lat. ^-"'. 
Vaterland : Südamerika. 

10. Venus obliqua. 

Testa solida, oblique -cordata, inaequilatera, umbonibus et 
anlice posliceque transverse sulcata , in medio laevi ; pallide- 
alba , maculis et lincis trigonis brunueis radiatim picta ; nati- 
bus obliquis; ano siriato, lanceolato; Vulva alba, castaneo ma- 
culata; ligamento subinterno ; intus albo-flavicante ; margine 
crenalo. Long. 1" 9"', Lat. 2" 2'". 

Die Furchen bilden fast Lamellen; sie stehen an den Seiten 
sehr eng bei einander, über Wirbel und Schild aber sehr ent- 
fernt, Mitte glatt. Steht der Venus mercenaria nahe. 

Vaterland unbekannt. 

11. Venus impresso. 

Testa cordata- trigona, latere postico productiori , transverse 
sulcala, poslice longitudinaliter striata et canccUata ; umboni- 
bus maguis ; natibus obliquis ; ano et pube valdc impressis; 
dcntibus cardinalibus in utraque valva duobus, dentibus lat. 
nuUis; margine laevi; intus alba, c. radio rosacco, extus ci- 
nerascens cnm radiis tribus olivaceis; natibus roseis. Long. 11'", 
Lat. 1" .3'". 

Von Cy(h. ßexuosa Lam. unterscheidet sie sich durch die 
nicht gekielte hinlere Seite, durch den nicht gekerbten Rand, • 
durch die tiefere Einpressung von Amis und Vulva, durch die 
zum Thcil gegitterten und enger siehenden Furchen, durch den 



285 

inwendig befindlichen rosenrotben StraLI vom Wirbel zum Rand. 
Dafs sie in jeder Schale nur 2 Zähne bat, ist kein Grund, sie 
aus dem Geschlecht Veiius zu entfernen, da auch Vemis ßexnosa 
mit 2 Zähnen vorkommt. Vaterland unbekannt *). 

12. Perna quadrata. 

Testa longitudinali-subquadrata, compressa, sine rostro: na- 
iibus minimis, dentibus ocfo, intus violascenle, estus rubro- 
violascente. Long. 1" 3'", Lat. 11'". 

Der Schlofsrand und die beiden Seitenränder sind gerade, 
der untere ist abgerundet. Der Rand um den Muskelcindruck 
ist violett -schwarz. Vaterland: Californien. 

13. Anomia aenigmaiica. 

Testa membranacea, ovali-oblonga, inaeqnivalvi, iuaequila- 
tera, fragili, diaphana, concentrice subtilissime striata; valva 
superiore operculiformi, plana; vertice incumbente, laterali; 
valva inferiori alveata, affixa ; supra rubra, iufra argentea. 
Long. 6'", Lat. 1" 1'". 
Tellina aenigmatica. Chemn. llr Bd. Taf. 199. f. 1949. 1950. 
Chemnitz kannte blos die obere Schale. Dieser sorgfäl- 
tige Beobachter würde sie sonst gewifs gleich als eine Anomia 
Linn. erkannt haben. Die obere Schale ist weit schmäler, so 
dafs die unlere weit übersteht, und sich nur in der Nähe des 
Wirbels die Ränder beider Schalen berühren, an welcher Stelle 
zugleich ein kleiner Einschnitt ist. Ich wagte nicht, diese Mu- 
schel zu öfTnen, um sie, bei ihrer äufserst zarten Natur nicht 
der Gefahr des Zerbrecbens auszusetzen. 

Vaterland, nach Chemnitz: Ostindien*'). 

14. Parmophorus gibbosus. 

Testa oblonga, rostrata, gibbosa, fenui, diaphana, albida; 
.strii» cunccntricis; marginibus acutis; a vertice ad margincm 
anteriorem sulcis duobus, ad marg. posteriorem suico uno; intus 
mcdiocriler concava; cum siuu piano ad margincm anteriorem, 
cariiia ad margincn) posicriorcni. Long. 1" 1'", Lat. 7'". 

Die gebogene sclinabelarlige Form , und der Kiel an der 
liinlereu Seite unierscheidcu sie genügend von audcrn bekanii- 



') Die Exemplare der hifsiscn Siiiniiilung stammen aus dem iiidi- 
■dien Ocran. llerau.sg. 

'•) Üalii-r «l.immcn auch unsere Exemplare. llerausg. 



286 

tea Arten, Vaterland unbekannt. — Ich verbinde übrigens das 
Genus Parmophorus nach Sowerby mit Emarginula, da die 
schönsten Uebergänge beide Gattungen verknüpfen. 

Ich bleibe, mit Ausnahme des Parmophorus bei den Con- 
chifercn stehen, und gebe die Diagnosen neuer Mollusken in 
einer späteren Zeit. Erwähnen wollte ich nur noch schlicl'slich, 
dafs die Patella mamülaris Lam. eine Siphonaria ist, was bis 
jetzt noch Niemand bemerkt zu haben scheint. Eine Menge sol- 
cher und ähnlicher Nötigen befinden sich in meinem Catalog, 
mit deren Aufzählung ich aber zurückhalten muTs, soU ich nicht 
befürchten, lästig zu werden. 

Halle im November IS36. 



Bemerkung über das Thier der Argonauta 

von Rang. 
(Sitzung der Akademie zu Paris d. 30. Jan. 1837. Inttit. Nr. 195.) 



.Herr Rang bestätigt die Angabe der Mifs Power, dafs dieses 
Mollusk die Fähigkeit besitze, einen Schaden seines Gehäuses 
auszubessern; er beobachtete im Hafen von Algier ein Indivi- 
duum, welches mit zerbrochener Schale 6 Tage lang lebte. In 
dieser Zeit war das Gehäuse ausgebessert und vollständig ge- 
schlossen. Gleichwohl scheint ihm diese Entdeckung nicht als 
entscheidender Beweis dafür zu dienen, dafs der Bewohner der 
wahre Eigenthümcr des Gehäuses ist. Das ersetzte Stück ist 
nur eine dünne, durchsichtige Lamelle, welche weder die Tex- 
tur, noch die Festigkeit und VVeifse der übrigen Schale besitzt. 
Es hat eine unregelmäfsige Gestalt, als ob es nicht durch die- 
selben Organe hervorgebracht wäre, kurz es hat hier derselbe 
Vorgang Statt, wie bei den Schnecken, wenn deren Gehäuse 
zerbrochen ist; und man weifs, dafs in letzterem Falle es die 
Halskrause des Thieres ist, welche allein die Schale producirt 
hat, bei dessen Ausbesserung aber nicht mitwirkt. — Hr. Rang 



, 287 

suchte die eigenlliche Function der elliptischen, eehr ausdehn- 
barea Lappen, welche am Ende zweier Arme befindlich sind, 
zu erforschen. Dafs das Thier sich ihrer zum Segeln bediene, 
wie mau angegeben, fand er an lebenden Exemplaren, die er im 
Meere und auf einem Wasserbecken beobachtete, nicht bestäligt. 
Mehrcrc Schriflsleller (früher auch der Verf) haben das Thier ver- 
kehrt iu seinem Gehäuse dargestellt. Die beiden gelappten Arme 
sind immer hiuten, d. h. sie liegen nahe am Gewinde desGehäuses. 
Ilr. R. belrachlet den Theil des Thieres, den sie vorn begrän- 
zen, als die Bauchseite, und den entgegengesetzten Thcil, wel- 
cher den Sack und die zu den Kiemen führende Spalten be- 
greift, als die Rückenseite '). Wenn das Thier kriecht, lassen 
die gelappten Arme das hintere Armpaar vermissen, denn sie 
endigen nach hinten die Bauchscheibe. Hr. R. beobachtete, dafs 
diese gelappten Arme von ihrem Austritt aus der Schale an, 
sich umfassen, indem sie sich längs den beiden Seiten des Kieles 
hin erstrecken, während ihre häutigen Lappen sich an den Sei- 
leuflächen der Schale entfallen, die sie bis zum Rande der Mün- 
dung völlig bekleiden. Fragt man, wie es der freien Bewegung 
seiner Arme beraubt, sich zur Oberfläche des Meeres erheben 
könne, so geschiebt dies einfach auf dieselbe Weise, wie bei Octo- 
jnu, Sepia. Loligo u. s. w. durch Ausstofsen und Aufnehmen des 
im Sacke enthaltenen Wassers, wodurch eine zuweilen sehr 
rasche Bewegung von vorn nach hinten hervorgebracht wird. 
Wenn eins dieser Thiere am Gruude des Beckens kroch, hatte 
es ganz das Ansehen eines kammkiemigen Gasteropoden. Die 
Mundscheibe, welche leicht einer ziemlich grofsen Ausdehnung 
fähig ist, war wie der Ful's eiues Gasteropoden ausgebreitet. 
Darüber zeigte sich der Kopf mit seitlichen Augen und Tenta- 
keln versehen, der Körper darüber verbarg sich in ein Gehäuse, 
dessen äiifserer Rand vorn den dem After entsprechenden Trich- 
ter schützte, welcher, ähnlich der Alhciiirölire der Kamnd<iiMiier, 
nacli aufscn hervorragte. Die beiden vordersten Arme stellten 
die Fühler vor, die vier seitlicheu Arme die füblerälinlicheu 



•) Der Vrrf hat dabei, «ic aas dem Folgenden crliellt, die ziemlich 
fenic Analogie der GdStero|i(>dea im Sinne, deren Bauclisclieibe er den 
»on iljni alt üaucliseitc betrachteteu KörpertLeil epSlcr vergleiilil. 



288 

Anhänge, welche bei Monodonia, lAtiopa sich während der Be- 
wegung des Thiers um dasselbe schlängeln. Die beiden hinte- 
ren Arme endlich liefscn, indem sie mit ihren Lappen die beiden 
Seiten der Schale bekleideten, nur einen schmalen Zwischen- 
raum zwischen sich auf der Linie des Kieles. Aber diesmal 
wurde seine sehr langsame Bewegung von hinten nach vorn be- 
werkstelligt. Wurde das Thier durch irgend etwas beunruhigt, 
so trat sogleich das Ganze in das Gehäuse zurück, welches da- 
durch sein Gleichgewicht verlor, und sich umkehrte. Hr. Rang 
macht dann auf die Verwandtschaft zwischen Cephalopodeu und 
Gasteropoden, welche einerseits durch Argonauta, andrerseits 
durch Carinaria und Atlanta bewerkstelligt werde, aufmerksam. 
Endlich scheint es ihm, als ob die Kenntuifs von der eigentli- 
chen Function der lappigen Arme die Ansicht derer bekräftige, 
welche das Thier als den Urheber des Gehäuses ansehen. Wel- 
che Folgerungen werde man nicht gern ableiten 1) aus den so 
genauen Beziehungen zwischen dem Thiere und dem Gehäuse, 

2) aus der Gestalt der Lappen, welche sich bei keinem andern 
Cephalopoden, sondern nur bei den Thieren der Argonauten- 
Arten linden, und bei keiner der bekannten fehlen, was hinrei- 
chend beweise, dafs diese Einrichtung eigens für das Gehäuse ist; 

3) aus dem Gebrauche dieser Lappen als eines das Gehäuse be- 
deckenden Mantels, indem diese Lappen unnölhig sein würden, 
wenn das Thier nicht von seiner Geburt an ein Gehäuse gehabt 
hätte, endlich 4) aus der merkwürdigen Färbung des Grundthei- 
les dieser gelappten Arme, welche sich so vollständig an der 
entsprechenden Stelle des Gehäuses wiederholt. 



Einige Blicke auf die Entwicklungsgeschichte des 
vegetabilischen Organismus bei denPhanerogamen 

von 

Dr. M. J. S c h 1 e i d e n. 



( Hierzu Taf. VII.) 

^uUo modo generationem expUcaise , judicare pos- 
tum, eos, rjui ne ullam guidein partem, ne ullum 
attrihutum quidem corporis ex traditis suis princi- 
piis expficuerunt, scd sermotietf »altem de ea re fe- 
cisse, utcttnque doctos, veroa et elegantes. 

C. Fr. Wolff Theoria generationis. 

Wenn es sich auch nicht in Abrede stellen läfst, dafs schon 
Linne die Melamorphose der Pflanzen ziemlich klar aufgcfafst 
halte, so ist es doch eigentlich Göthc, von dem an die höhere 
Botanik die Einführung dieser Lehre in die Wissenschaft dalirt. 

Aber schon lange vor Göthe hatte der geniale C. Fr. Wolff 
gezeigt, was sich mit dieser Idee anfangen lasse; er wurde aber 
leider von Botanikern kaum gelesen, gar nicht verstanden und 
bald vergessen. So überkam die Wissenschaft zu ihrem grofsen 
Nachlheil nicht von ihm, sondern von Göthe diesen Gedaukcn, 
der so fruchtbar für sie hüüc werden können, und doch in Folge 
der Art, wie Göthe ihn einführte, verhältnifsmäfsig so wenig 
genutzt hat. 

Verstehen wir nämlich unter Metamorphose , die ThalsacUe, 
dafs die Pflanze nur eine gewisse geringe Anzahl diffcrculcr 
Organe liabc, und dafs sich alle übrigen von diesen Grunduiga- 
nen nur dynamisch so unterscheiden, dafs in ihnen die Tendenz 
liegt, pine beslimmle cigcuthümliche Aus- und UmMldung zu 
erleiden, welche Tendenz aber nicht so absolut ist, dafs sie nicht 
unter Umständen unterdrückt werden und die gewöhnliche Ei- 
•cbciuungsform des Organs wieder eintreten könne; — legen 
wir, sage ich, diesen Bcgiitf zum Grunde, ho ist für sich klar, 
dal« eine fiulchc Lehre die wichtigsten Resultate für die ganze 

III. Jahrs I.Dinil. 1!) 



290 / 

Wissenschaft haben müsse, und ihr eine innere Einheit geben 
l^önne, deren sicli noch keine empirische Naturkunde erfreut, — 
wenn nämlich dieser Gedanke sich auch als iu der Wirklichkeit 
begründet nachweisen läfst und dann auch nur so weit, als die- 
ses möglich ist ; denn was von der Sache nicht in der Natur 
selbst vorhandeü und sinnlich anschaulich verfolgt werden kann, 
ist auch kein Gegenstand der wahren Naturwissenschaft, und 
kann nie dazu dienen, unsere Erkenntnifs der Erfahrungswelt 
in ihrem Wesen zu fördern. 

Uen einzig richtigeu Weg, die Beobachtung der Entwicke- 
lungsgeschichte, halle nun C. Fr. Wolff eingeschlagen und für 
den gröfsten Theil der Foliartheile ihre Identität recht gut nach- 
gewiesen. Er wurde aber ignorirt, und erst Göthc führte die 
Lehre von der Metamorphose iu die Wissenschaft ein, aber nicht 
als eine Abstraction aus erfahruugsmäfsiger Anschauung des Ent- 
wicklungsganges, sondern als speculatives Resaltat der Ver- 
gleichung der verschiedenen Formen des Entwickelten. Nun 
kann allerdings eine solche Vergleichung wohl dazu führen, uns 
ein Gesetz ahnen zu lassen, aber nie dahin, es vollständig zu 
begründen. Göthe selbst sagt anderswo: 

„Alle Gestalten sind ähnlich, doch keine gleichet der Andern;" 
„Und so deutet der Chor auf ein geheimes Gesetz." 

Auf diese Weise empfingen die Botaniker ihre wichtigste 
und folgenreichste Lehre mit einem falschen Empfehlungsbrief 
nur als eine philosophische Idee, und ziemlich' allgemein scheint 
sich damit auch der Glaube eingenistet zu haben, dafs ein Nach- 
weisen des Wahren in dieser Lehre gar nicht thunlich sei. — 
Zwar maclUe später ein Mann, der ebenfalls, wie Wolff, kein 
Botaniker war, ich meine Francis Bauer, wieder Gebrauch 
von der allein richtigen Methode, indem er einzelne Organe bis 
auf ihren ersten Anfang verfolgte, um so ihre eigentliche Natur 
aufzuklären, aber leider sind seine Untersuchungen zuwenig be- 
kannt geworden, und kaum von Jemand anders als von Rob. 
Brown mit Glück benutzt. 

So bildete sich denn in der wissenschaftlichen Botanik all- 
mälich eine eigene Abtiieilung aus, nämlich die Lehre von der 
Metamorphose, oder über die morphologische Bedeutung der ' 
Pilanzeuorgane, und diese wurde nächst dem Felde, auf dem i 



1 



291 

sich die ausgezeichnetsten Männer mit Ruhm bedeckten, zugleich 
auch recht eigentlich der Spielplatz für alle Freunde vom Rath- 
selrathen, für Träumer und Paradoxenkrämer, auf dem oft die 
allervvundcrlichstcn Sachen ausgeheckt wurden, die man wohl 
gar mit dem stolzen Namen Philosophie, oder Spcculation be- 
legte. — Speculation aber, die ächte nämlich, hat nur da ihr 
Gebiet, wo die Erfahrung uicht hinreicht, macht sie sich aber 
unnütz breit und will an die Stelle der Anschauung trclcn, so 
thut man am besten, ihr, als einem überlästigen Gaste, die Thüre 
zu weisen. Um wie vieles könnten wir weiter sein in Allem, 
und selbst in den speculativen Wissenschaften, wenn die Specu- 
lation nicht so oft ihre beste Zeit und besten Kräfte an Plätzen 
verschwendete, wo man ihrer gar nicht bedarf, ja ohne sie viel 
besser fertig wird. Gerade bei der Lehre von der Entwicke- 
lungsgeschirbte liegen die Beispiele dafür nur allzu nahe. 

Soll die Bearbeitung dieser Lehre aber Erfolg haben und 
soll sie in allen Theilen fest begründet sein, so darf man sich 
freilich nicht damit begnügen, etwa mit einer Bohne anzufan- 
gen, die sich bequem im Vetturino auf einem Her italicum mit 
dem Taschenmesser ailalysiren läfst, sondern man mufs viel wei- 
ter zurückgehen auf den ersten Ursprung des Embryo. — Am 
reifen Saamen zeigt die junge Pflanze schon so mannigfache Or- 
gane, dafs hier der blofscn Träumerei ein Feld geoiTnct wird, 
weil genug, um alle folgenden Befrachtirngen vage und unsicher 
zu machen. 

Beim ersten Auftreten erscheint nun der Embryo, als ein 
membranOser Cylindcr (Fig. 9 u. 1.3.) nach oben abgerundet und 
geschlossen, nach unten offen, indem die Haut, die ihn bildet, 
stetig in die des Embryosackes übergeht (von dem er nur eine 
Einstülpung zu sein scheint) und erfüllt mit organisirbarcr, meist 
wasserheller flüssiger Masse, die sich allm.ilicli von oben nach 
unten in Zellen verwandelt (Fig. 6 u. 10.), wobei sich die bei 
der Zellenhilduiig überall eine höclisl wichtige Rolle spielenden 
Zcllcnkcrne zeigen (Fig. 12 u. 24.). Hier findet nun gleich eine 
wesentliche Erscheinuug im Pflanzcnlcben ihre Deutung. Der 
Embryo (ritt nänilirh auf als ein .Axengebildc, welches nach 
oben geschlosfien nur eine fernere Entwickelung von innen 
heraus gestattet, nach unten aber nicht begrenzt ist und 

19- 



292 

und durch Ausscheideu organisirbaren Stoffes und dessen allmä- 
liclies Ucbergclien in Zellen eine blofse Verlängerung ins Un- 
endliche zuläfst, woraus sich einfach der so verschiedene Wacbs- 
thuni des Stengels und der Wurzel der Richtung sowohl, wie 
der Art nach zu erklären scheint. — Auf der zweiten Stufe der 
Fortbildung schwillt nun das obere Ende des Keimes kugelför- 
mig an (Fig. 6, 7, 11, 12, 14 u. 15.) und aus den Seiten der Kugel 
entwickeln sich mit mehr oder weniger deutlichem Frei blei- 
ben der Spitze ') (Fig. 16 u. 17.) bei den Dikotyledonen die 
beiden Herzblätter, als zwei zelligc Auswüchse, in denen, wie im 
Stengel selbst, immer erst sehr spät die länger gestreckten Zel- 
len und Spiralgefäfse sich bilden und zvvar auf eine Weise, die 
schon von C. Fr. Wolff im Wesentlichen ganz richtig geschil- 
dert worden. Bei den Mouokotyledonen dagegen bildet sich 
um die Spitze des cylindriscben Enibryo's eine uuglcicbseitige 
Erhebung (Fig. 8.), die zum stengclumfassendcn Kotylcdonarblatt 
auswächst, welches späterhin die Teruiinalknospe (plumulu) melu" 
oder weniger einschliefst '*). Mit diesem Vorgang ist nun die 
zweite und höchste Dilfcrenz gegeben, zu der sich die Pflanze 
überhaupt erhebt, nämlich der Gegensatz zwischen vertikaler 
Längsbildung und horizontaler Flächenausbreitung. Alle folgen- 
den Entwickelungen der Pflanze, alle ferneren Organe sind nun 



*) Punctum regetationis nach C. Fr. Wolff 

**) Aus diesem Entwickelungsgange ergiebt sich, dafs nrspriinglicb 
jeder monoLolyledonc Endirjo eine plumula cxscrta hat «od dafs, wo 
dieselbe eirigescblosseD wird, überall eiue Spalte, wenn auch noch so 
klein, vorhanden sein miifs. Zu den Familien mit einer pJumula exacrta 
zählt man gewülinlich auch die Gräser, welche aber durchaus nicht 
hierher gehören. Die Ptumula bei dieser Familie wird nämlich voll- 
stündig durch eine Erhebung des Kotjledons bis auf eine schmale 
Spalte eini;esclilossen (das äulseie geschlossene Blatt der Auetoren), und 
dieser Tlieil des Kolyledons wiederholt sich, wie jede Eigcnthümbchkeit 
desselben, an den spätem Blättern durch ein analoges Gebilde, die iigulay 
während das sngen. sculcl/ujitf die ei<;eiilliche Hauptmasse des Kotyle- 
dons, dem Blatte selbst entspricht. Zuv\-eilen faltet sich nun der Ko- 
tyledoD noch einmal zusammen >vie bei Zca Mays, was man ganz falsch 
der Spalte des Kotyledons bei den Aroideen verglichen hat, oder er 
bildet nach vorn kleine Auswüchse, die aber schon deshalb nicht als 
zweite Kotyledonen betrachtet werden können, weil sie tiefer mit der 
Axe zusammenhängen, als der Kotyledon selbst. Ein zweites Blatt kann 
sich aber unmöglich unterhalb des frühem bilden. 



293 

nur Modificalionen dieser beiden Theile der Ase, des Stengels, 
und der seillichen Organe, der Biälter. Dieser Gegensatz er- 
scheint also als etwas Ursprüngliclies, ja die Axe ist sogar früher 
vorbanden als die Kotyledonen, und damit crgiebt sich sogleich 
die Verkehrtheit der Ansicht, den Stengel als verwachsene Blatt- 
stiele und die Tcrminalknospe als eine axillare anzusehen, wie 
es z. B. Agardli thut. Die wichtigsten Verschiedenheiten der 
Cotyledonen wiederholen sich nun auch bei den Blättern, die 
nur Nachbildungen jener sind, so findet man z. B. bei Stapelien, 
wo die Blätter verkümmert sind, auch die Kotyledonen nur sehr 
klein, und bei Cusenta deutet schon der kotyledonlose Embryo 
den spätem Habitus der Pflanze au. Der grofsen Uebereinstim- 
mung des Kotyledons und der Blätter bei den Gräsern wurde 
schon in der Note erwähnt. 

Einen eigenen interessanten Abschnitt dieser Untersuchun- 
gen bildet nun die Verfolgung der Ge.-ctze der Blattstellnng, wie 
sich aus den ursprünglich opponirten und durchaus gleichzeitig 
ersclieinendcn Kotyledonen die mannigfachen Verhältnisse der 
Laubblätter entwickeln, bis sich die Natur endlich am Ende der 
Pflanze häufig wieder zu ihrem ursprünglichen Typus zweier 
oppouirter Blätter zurückzufinden scheint. Doch dieses würde 
mich zu weit über die Grenzen dieser kurzen Bemerkungen Lin- 
ausführen. 

Ueber die Bedeutung von Kelch und Blumenkrone, als 
Blattorgancn, brauche icli hier nichts zu sagen, da sie allgemein 
anerkannt ist. Nur bemerke ich, dafs bei allen sogenannten ein- 
blätterigen Kelchen und Corollen die später verwachsenen ein- 
zelnen Tlieilc hei ihrer Eulstehung überall ohne Ausnahme ge- 
«ondert sind, und ihre freie sclbstständige Existenz lange genug 
fortsetzen, um jedes Räsonnemcnt, über die Zahl der einzelnen 
Stücke völlig überflüssig zu machen, da es Sache der Unlcrsu- 
clinng ist, dieses mit Evidenz nachziiweisen. .^ucli eischeint 
jede Blume in ihrer ersten Anlage cbculalls durchaus ohne Aus- 
nahme, als rcgelniäfsig und der Abort, mit dem so entsetzlicher 
Mifsbraucli gelilehen ist, besonders ehe man anfing, besser auf 
die Maunigralligkeit der Zahlengeselze zu achten, die bei den 
Blall^tl'linllgen stattlinden, ist daher überall unbcgrüadct, wo er 
»ich nicht in der Wirklichkeit nachweisen läl'sl. 



294 

Die Euphorbien hat man, weil man die Entwickelung 
nicht verfolgte, ganz ungerechter Weise auf ein Pflichtthcil ge- 
setzt, statt ihnen ihr Intestaterbe ungeschmälert zu lassen. Das 
Involucrum derselben bildet sich nuuilich nicht aus 5 Blaltstük- 
ken, sondern aus 2 füuftheiligen Wirtein, von denen der äufscre 
die sogenannten Drüsen entwickelt ; diese zeigen auch sogar 
früher, als die fünf innern Blätter, einen Mittclnerven mit deut- 
lichen Spiralgefäfsen, die daher nicht von jenen, als vasa recur- 
renlia, abgeleitet werden könneu. Für die ursprüngliche Regel- 
mäfsigkeit der BlUthe giebt es kein besseres Beispiel, als die 
Gräser, deren Blüthe nachher durch ungleichseitige Entwicke- 
lung, Verwachsung und Unterdrückung einzelner Theile so sehr 
verdreht wird, dafs man an ihr alle möglichen Erklärungen, 
aber wohl kaum die in der Natur begründete versucht hat. Bei 
secale cereale z. B. besteht die Spiciila aus einer seitlichen rachis, 
an der sich ohngefabr 5 alternirende Blüthen bilden. An diesen 
bleiben die obera drei mit dem ihnen angehöiigen Stücke der 
Ase gänzlich rudimentär, die beiden Untern dagegen werden 
anlanglich vollständig regelmäfsig entwickelt. In der Achsel 
einer jeden Bractee näralicb (ghima Auci.J findet sich eine Blu- 
me, bestehend aus drei ganz getrennten, gleich grofsen 
und auf gleicher Ilohe stehenden Kelchthcilen, wovon die 
zwei innern allmälich verwachsen und mit der äufsern, über- 
mäfsig vegetirendcn die spätem paleas Auct. bilden. — Natürlich 
zeigt die innere dann die beiden Mittclnerven der anfangs ge- 
trennten Biälter. Mit diesen Kelchl bellen alterniren 3 Corollen- 
blättor (squamulae Auci.J, einem innern Kreise angehörig und 
ebenfalls auf gleicher Höhe stehend , von denen erst später das 
der Axc zugewendete wegen des Druckes abortirt. Ferner mit 
diesen Blumenblättern ganz regelmäfsig abwechselnd findet 
man 3 Staubfäden, von denen aber die beiden innern, jedoch 
erst später, gleichfalls durch den seitlichen Druck mehr zur Seite 
des Fruchtknotens geschoben werden. Endlich kann sich die 
Basis der ganzen Blume, der sehr kurze pedunculus, wegen des 
Andrängens an die sccuudäre Rachis nicht horizontal ausdehnen 
und mufs dalier an der innern Seite in die Höhe steigen, wo- 
durch die der rachis spiculae zugewendeten Theile der Blume 
eine obwohl nur scheinbar höhere Stellung, als die äufsern an- 



295 

nehmen. Auf diesem Wege werden sich die anscheinend so sehr 
verwickelten Gräser vielleicht höchst einfach erklären lassen. 

Gehen wir nun la den Staubfäden über. Diese sind ei- 
niger Worte mehr werlh, weil einige (unter andern Agardh, 
jedoch nach C. Fr. Wolff, den er aber nicht anführt, obwohl 
er ihn doch sonst recht gut kennt) ihnen die Bedeutung von 
Knospen haben beilegen wollen, und man auch über die Anthe- 
rcuhildung noch nicht allgemein ganz einig ist. 

Dafs die Stamina modificirte Blätter sind, ist nun ebenfalls 
aus ihrer Entwicklungsgeschichte deutlich, denn sie erscheinen 
stets später, als die pelala (obwohl sie sich nachher rascher 
entwickeln), stehen im Anfang, wo sich wegen Kleinheit der 
einzelnen Theile die relativen Verhältnisse deutlicher beobachten 
lassen, höher an der Axe, als der vorhergehende Kreis der Blu- 
menblätter und mit diesen durchaus immer alternirend '), und 
können deshalb nicht Axillarknospen der Kelchtheilc sein. 

Die Falschheit der Agardh'schen Ansicht geht auch schon 
einfach aus einer Betrachtung der Blumen hervor, wo das lu- 
ternodium zwischen pelala und stamina vollständig entwickelt 
ist, wie bei einigen Capparidcen. 

Es besteht nun das regelmäfsig entwickelte Blatt aus einer 
Mittelrippe und an beiden Seiten aus einem doppelten Zellge- 
webe, zwischen dem die Nerven verlaufen. Daraus bildet sich 
natürlich eine Anthere, deren oberes und unteres Zellgewebe ") 

*) Bei linigen F.imilien beskliin (wie es Lei den Staubfadcu so 
häufig ist) auch die petafii und seiiala , oder sor.stigen Pcrigonial- 
tbeile aus nielir, als einem Blatlkrois z.B. bei drn Berberideen aas 
je 'i 3-bläHrigen, bei den Tliytnelein aus 2-l)lätlrigen Kreisen, und man 
kann daher hier eben so wenig von Opposilion sprechen, als bei den 
Liliaceen etc.; wo >valire Opposilion des äufsern Staubladenkreises 
gegen den iiinern Kreis der yctala Statt ßndet, wird sich immer ein 
dazt^iscbenliegender Slaubfadenkreis als abortirt ergeben. 

**) Oas norni.ile ßtalt zeigt Iiekannllieli auf di-r obern und utilern 
Blalliläche verschieden gebautes Zillgewelie und diesen) entsprli lit der 
Pollen der vordem und liiiilern Zelle jedes Loculaiuenls. Ks w.'irc niüg- 
lich und gewÜN niclit uiiinleressant, durch Experimente auszuniaelien, ob 
Ticlleietit der Nullen einer von beiden , nur der Form nach Pullen sei, 
und bei der Befruclilung sieh verschieden verhalte, nAvT gar bei Uiöi-i- 
•tea die eine Art vorzugsweise raünnliclie, die andere wi'ihliehe Em- 
bryonen hervorrufe. 



296 

zu beiden Seiten des Hanptnerven sich in Pollen verwandelt, 
also eine 4 -zellige Authere, die wir auch als allgemeines Gesetz 
antreffen. Bei mehr als 100 Familien fand ich die Antfaere vor 
dem Aufspringen 4-zcllig und darunter sind die Gräser, Cy- 
peraceen, Liliaceen, Labiaten, ßorragincen, Scrophu- 
laiinen, Synanthejeen, Umbelliferen, Ranunculaceen 
mit den Verwandten, Rosaceen (Juss.)und Leguminosen, wel- 
che allein schon fast die Hälfte der ganzen irdischen Vegetation 
ausmachen. Man führt häußg an , die Anthere könne nicht ur- 
sprünglich 4-zellig sein, weil sie nur mit 2 Spalten aufspringt; 
das hiefsc, zwei Zimmer für eins erklären, weil sie nicht Flü- 
gelthüren, sondern nebeneinanderliegende einfache ThUren haben. 
Eigentlich springt jede Anthere wirklich mit 4 Spalten auf, die 
aber, weil sie je 2 an der Seite der gemeinschafilichcn Scheide- 
wand liegen, nur wie zwei erscheinen. Der Unterschied zwi- 
schen 4-fächrigcn uikI 2-fächrigcn Antheren der beschreibenden 
Botanik besteht (die Aniherae dimidiaiae und wenige andere aus- 
genommen) einzig darin, ob sich die Klappen etwas früher oder 
später von der Scheidewand losreil'sen, wo man denn hinsicht- 
lich des Zeitpunkts alle möglichen Uebergäuge beobachten kann. 

Nur selten scheint die ursprüngliche mittlere Schicht nicht 
entwickelt und dann auch die Trennung in je 2 seitliche Zellen 
nicht vorhanden. Noch seltener entwickelt sich nur die eine 
seitliche Hälfte des Blattes zur Anthere und die andere bleibt 
blaltartig, wie es bei den Marantaceeu Typus ist und sehr 
häufig, als Monstrosität, bei Umwandelung der Blumenblätter in 
Staubfäden, oder dieser in peiala beobachtet wird. In beiden 
Fällen beweist aber der Verlauf der Oberhaut unwidersprechlich, 
was auch schon die Eutwickclungsgcschichtc crgicbt, dafs sich 
der Pollen im Innern des Blattes bilde, dafs also die Anthere 
nicht als ein rückwärts, oder vorwärts eingerolltes Blatt zu be- 
trachten sei, welches auf seiner Fläche den Pollen erzeugt. 

Verfolgen wir die Anthere bis zu ihrem ersten Erscheinen, 
so finden wir, dafs alle in ihren früheren Zuständen dieselbe 
Forraenreihe durchlaufen und dafs alle so abweichenden Erschei- 
nungen bei Orchideen, Asclepiadeen, Cucurbitaceen, 
Stylideen etc. nur spätere Entfaltungen desselben Grundtypus 
sind und nur physiologisch unwesentliche ModiCcatiouea auf 



297 

einen) Gebiete, auf dem sich die Natur, wie überall, wo es sich 
nur um äufserliche Fornieudiü'erenzcu handelt, das bunteste Spiel 
der Mannigfaltigkeit vorbehalten hat. 

Die Ausbildung des Pollens geschieht nun auf die Weise, 
dafs sich die vier für den Pollen bestimmten Zellcngruppen von 
dem übrigen Gewebe des Blattes absondern, ihre einzelnen Zel- 
len sich vergröfscrn und im Innern jeder derselben sich wahr- 
scheinlich meist vier andere Zellen bilden, in deren jeder ein 
Pollcnkorn erzeugt wird, worauf die MutlerzcUen sanimt und 
sonders resorbirt werden. Oft schciucu sich auch die 4 Pollcn- 
körncr in einer Zelle zu entwickeln, wenn man nicht annehmen 
will, dafs die zarten sie eng umschlicfsenden Zellen nur über- 
sehen worden sind. Zuweilen, obwohl selten, finden sich nur 
zwei Pollenkörner in der gröfsern Mutterzelle z. B. bei Podo- 
slemon Cerulophytltim, die denn nachher beide aneinanderhäagcud 
bleiben ( Fig. 29 u. 30.). Doch ist die Vierzahl gcwifs der all- 
gemeinere Fall, woraus sich das so häufig vorkommende pollen 
ifuaternarium erklärt. 

Geschieht indefs die eben erwähnte Resorption der Mutter- 
zellen nicht, oder nicht vollständig, so zeigt sich eine eigen- 
thümlichc Ucmmungsbildung, die, typisch bei Orchideen und 
Asclepiadcen, den Botanikern so viel zu schaffen gemacht 
hat, während die Sache doch ganz einfach die ist, dafs die Pol- 
lenentwickclung in einem frühem Stadium stehen bleibt. Man 
kann dieselbe Erscheinung, als vorübergehende Bildungsstufe, z.B. 
im Januar und Februar bei Picea und Abies, im F'cbruar nnd 
März bei Pinus bcobaoliten, wo in jeden) Antlicrenfach eine 
wachsartige Policaniasse lose eingebettet liegt. Etwas später 
»ieht man bei Picea und Abies noch die 4 Zellen, in denen sich 
die einzelnen Polienkörncr bcnndcn, eng verbunden, und es ge- 
währt ein hübsches Schauspiel, wie sich dann auf ileu) Objekt- 
träger des Mikroskops durch Eiiisaugung Acs Wassers jedes Pol- 
Icukuru ausdehnt und seine Hülle sprengt, um hervorzulreleii, 
nurauf die 4 Zellen leer zurückbleiben (Fig. '25 bis 28.). 

Auf diese Weise erkennen wir in der Anthcrc nur eine Enl- 
wickelungsstufc der seitlichen Organe der Pllanze. 

Gehen wir nun weiter, eo treffen wir zunächst auf den 
Fruchtknoten, den Endpunkt de» ganzen vegclabilischeu Or- 



298 

ganismas. In ihm sind alle constituirenden Theile so eng zusam- 
mengedrängt, dafs die UnterscheiduDg äufserst schwer erscheint, 
und hier ist denn auch der weiteste Spielplatz für Hypothesen 
aller Art gewesen, ja manche haben es selbst bis zu den exorbi- 
tantesten Träumereien gebracht, weil sie statt zuzusehen, sich 
aufs Rathen legten, wobei freilich zuweilen auch ganz zufällig 
das Rechte getroffen wurde, wofür Agardb's Organographie 
eine Reihe der vortrefflichsten Beispiele liefert. 

Nach der gewöhnlichen, jetzt ziemlich allgemein angenom- 
menen Ansicht besteht das Ovarium aus Knospen (ovulisj, 
die an den Rändern von Blättern (carpellis) sich bilden. 

Prüfen wir einmal diese Ansicht von dem gewöhnlichen 
Standpunkte aus, so ergiebt sich leider eine logische Mangelhaf- 
tigkeit des Räsonnements, welche diese Ansicht allein hinstellen 
nnd haltbar linden konnte. Es ist dies nicht der einzige Fall, 
wo sich in die Wissenschaft eine ganz unbegründete Annahme 
vor Jahren Eiugang verschalft hat, und durch Tradition fortge- 
pflanzt gleichsam als heilig und unantastbar angesehen worden 
ist, so dafs es keiner gewagt hat, der angeblichen Gottheit den 
Schleier zu eutreifsen und zu zeigen, dafs es nur eine hohle, 
selbst- geschnitzte Puppe sei, die man angebetet. Man scheint 
sich immer vor den hohen Autoritäten gefürchtet zu haben, die 
eine solche Lehre zuerst einführten, während doch in der Natur- 
kunde die einzig gültige Autorität die Natur selbst ist und alle 
andern nur als Zeugenaussagen über Thatsacheu einen Werlh 
gewinnen, wo man sie selbst nicht befragen kann. 

Betrachten wir den ganzen Complex der Pflanzenwelt, so 
finden wir es als durchgreifendes Gesetz, dafs sich niemals eine 
Knospe an einem Blatte bildet, sondern nur an der Axe und 
den von ihr abgeleiteten Organen. Sicht man nun die Ovula 
als Knospen an, so hätte man auch conseqaent weiter schliefsen 
müssen, dafs die Placenta eine umgebildete .\se sei. Was hat 
man aber, um diese einfache und nothwendige Folgerung um- 
zuwerfen, angeführt? 

1) Die bekannte Erscheinung hei Bryophyllam; 

2) Eine zweimal beobachtete monströse Gemmenbildung an 
dem Blatte einer Malaxis und eines Omilhogalum. 

Der letzte Fall ist eben eine Abnormität und daher am we- 



nigsleo geeignet, eine Regel zu begründen, die allen bekannten 
Erscheinungen widerspricht, auch wird er in dem später vorzu. 
tragenden, ebenso wie der folgende, seine genügende Erklärung 
finden. Der erste Fall aber ist eine singulare Ausnahme, wovon 
noch dazu selir zweifelhalt ist, ob es wirklich eine Ausnahme 
sei oder ob nicht vielmehr das angebliche Blatt von ßri/ophyl- 
lum ein blattartig ausgebreiteter Stengel ist. Seit wann sind 
aber solche Gründe genügend, um eine allgemeine Regel, die 
natürlich aus dem Princip der Einheit folgt, unizustofscn? Es ist 
ferner ein bekannter Satz der Logik, dafs eine Hypothese um 
60 mehr gerechtfertigt erscheint, je leichter sie alle Erscheinun- 
gen erklärt, und je weniger sie Hülfshypotheseu zu ihrem Be- 
steben bedarf. Nun aber frage ich, um gleich einen extremen 
Fall zu nehmen, welche abnorme Voraussetzungen erfordert nicht 
nach der gewoholicben Ansicht die Erklärung der ächten pla- 
cenla centralis Ubera z. B. bei den Plumbagineen (Fig. 20 
bis 23.); hier iiättcn sich 5 Carpellblätler eingebogen, wären mit 
den Rändern ver%vacbsen, ballen sich dann von ihren Rändern 
getrennt, wieder ausgefaltet, und wären aufs Neue mit einander 
verwachsen, und endlich sogar an dem Mittelsäulcheo von we- 
nigstens 10 Eicrcben 9 abortirl, und das einzig übrigbleibende 
habe noch dazu die ganz Wunderbare Stellung auf der Spitze 
des Säuleheus angenommen, und wohlgemerkt, das alles ohne, 
dalg man in der Wirklichkeit auch nur eine Spur dieses ganzen 
complicirten Vorganges entdecken könne. Ueberhaupt wäre man 
schon gezwungen, bei allen uniovulaten Ovarien zu einem an- 
geblichen Abort seine Zulluclit zu nehmen, den die Natur nicht 
im geringsten angedeutet hätte. 

Der zweite entgegengesetzte Fall ist aber fast noch gefähr- 
licher für die gcwühuliche Ansicht, wenn nämlich, wie bei den 
Gcutianecn, Ny mphaeacecn, Butomeeii etc. die ganze 
Fläche des Carpellblatles eicrlragend ist, und ich wüfste wirk- 
lieb gar keine nur irgend haltbare Erklärung dieses Phänomens 
aus der gewöhnlichen llyjiolliesc herzuleiten. Man hat nun auch 
eben deshalb zu vielen Hülfen seine Zuflucht genommen, und 
ISbt die Ovula bald am Rande des Carpcllblattes, bald an der 
Miliclrippc *), bald an beiden entstehen. 

•) In dem Werke eioes Herrn Eiaengrein: „Die Familie der 



300 

Auf diese Weise hat man mil wabrlicL sehr schwachen 
GrÜQdcn eine exorbitante Ansicht der Wissenschaft aufgezwun- 
gen, sich selbst die Sache unendlich schwer gemacht und die 
natürliche Auffassung ganz und gar vernachlässigt. Wir werden 
weiterhin sehen, wie leicht sich aus der Annahme, dafs die pla- 
cenia ein Axengebilde sei, die einzige scheinbar entgegenstehende 
Thatsachc der placenia parieialis, und zwar ohne alle Hülfsbypo- 
thesen aus ganz bekannten Modificalioncn des Stengels erklären 
läfst. — Gehen wir aber jetzt zur Anschauung der Natur selbst über, 
so finden wir, um mit dem leichtern anzufangen, im Anfange 
jedes einzelne Carpellblalt isolirt, jedem jungen Blatte oder seit- 
lichen Organ der Pflanze gleich gebaut. Erst bei ziemlich weit 
vorgerückter Entwickclung fängt es an sich mit den Rändern 
einwärts zu schlagen, wenn das CarpcU geschlossen ist, oder mit 
den Rändern des benachbarten zu Terwachsen, wenn es ein uni- 
loculares vielblättriges Pistill ist. 

Zu den Familien, die hierdurch wieder zum Theil eine an- 
dere als die gewöhnliche Deutung erhalten, gehören auch unler 
andern die Gräser und Cyperaccen. Bei beiden Familien 
ergicbt die Entwickelungsgeschichte, dafs das Ovarium nur 
aus einem Carpellblatt besteht. Bei beiden Familien sind die 
zwei vordem *) Stigmata für das Carpellblalt nur eine weitere 
Entwickelung der ligulä., das hintere dagegen, welches hei den 



Sclimetterlingsblütliigcn mit besonderer Hinsicht aufPflanzcn-Phy- 
siologie" «ird als Gesetz aufgestillt, d.ifs sich bei den Legumino- 
sen die Ovula an der i)Iiltelrippe bildeten. Abgesehen davon, dafs scbon 
ans der Stellung der Blütlicntheile sieh klar ergiebt, dafs beim Legumen 
die eingeschlagenen Ränder des Blattes die eiertragenden siud, so hätte 
Hr. Eisengrein an einigen Bolnicnknospen sich Von der Nutzlosij^keit 
seiner mehrere Seiten langen Erörterung mit einer mäfsig starken Loupe 
überzeugen kütmen Ich mücliie das Buch iiherhaujit für ein pathologi- 
sches Symptom des Zeitgeistes erklären. In widerlicher Breite wird die 
sterilste Spielerei mit leeren Vergleichungsformehi nach Art einer neuern, 
jetzt Gottlob allniälich ausst<;rbetiden Schule als Philosophie vorgetragen. 
Lebendige jNaturanschauung zeigt das Buch eben so wenig , wie die. uar 
auf dem Titel paradirenden |)h)siologischen Pi'incipieu, und selbst mit 
der alltäglichsten Lileratnr dieses letztern Zweiges der Botanik ist der 
Verfasser zwar nur um etwa 30 Jahre zurück, aber doch noch nicht 
einmal au niveau von Grew und Malpighi. 

*) Wenn man das Ovarium von der Axe aus betrachtet. 



301 

Gräsern so oft verkümmert, der BlattfiSchc, das Ovarium 
selbst aber dem Scbeidenthcil des Blattes analog. 

Wir können hier nun stufenweise die ganze Ausbildung des 
Pistills vom ersten Erscheinen, als flaches Blaüorgan, bis zur 
Diü'erenzirung im Ovarium, Stylus und Stigma verfolgen. 
Für diese Theile wird sich dann ein bestimmter Begriff aufstel- 
len lassen, wofür bis jetzt wenig geschehen ist, indem die ihrer 
Bedeutung und Function nach verschiedenartigsten Theile oft mit 
demselben Namen belegt sind. 

Ovarium wird dann der Theil des Blattes, so weit es die 
Ovula einschliefst, Stylus so weit es aufgerollt ist, ohne Ovula 
zu entfalten, bestimmt die Pollenschläuche zu leiten und Stig- 
ma endlich die freie Ausbreitung des obcrslea Theiles, bestimmt 
den Pollen aufiufangen. 

Dieses Ergebnils wird dann wiederum vielfach folgenreich. 
Für die Benennung der Theile linden wir zum Beispiel, dafs 
ganze Familien, denen man bisher .S/^?i zuschrieb, wie den Grä- 
sern , nur Sligmata sessllia haben. Ein wirklicher Stylus 
findet sich in dieser Familie nur bei wenigen Gattungen, z. B. 
Lygeum und Zea. AulTallend ist es mir immer gewesen, dafs 
dieselben Botaniker, die auf der einen Seite, den Satz aufstellen, 
dafs die .S7i;/t das sicherste Kennzeichen für die Zahl der Car- 
pclle sei, indem jedem Carpclle jedesmal nur ein Stylus ent- 
spreche, auf der andern Seite aber auch den Gräsern nur ein 
CarpcU zuschreiben, doch bei dieser Familie von mehreren 
Stylis reden. Eben so wenig kommt bei den meisten Euphor- 
biaeeen ein wahrer Stylus vor und namentlich sind bei Eu- 
phorbia. Hicintu, Andraclinc, Crozophora clc, wo man von meh- 
reren Slaubwcgcn gesprochen, entweder gar keine, sondern nur 
Sligmala sensilia hißila. oder mir eii:er vorhnnden, wie z.B. bei 
Euphorbia., wo ilic drei (/aipellblätlcr nach oben noch zu einer 
obwohl kurzen ](ührc verwachsen. So giebt es bei den meisten 
Alismacccn, Malvacecn, Phytolacceen keinen Stylus, 
sondern nur .Stigmata; ja bei einigen dieser Pflanzen z.B. bei 
Ricinus und Phyloltircn gehl die sogenannte stigmalisehe Fläche 
mit ihieii Papillen sogar bis an die Basis der Carpcllblaltcr herab. 
Eben 80 wenig sollte man bei den Coropositcn von ramia 
SttjU reden, soadcrn nur von Formen des zwcilappigcn Stigmas. 



302 

Es hat bisher den Worten Stylus nnd Stigma fast nur 
eine traditionelle Bedeutung zum Grunde gelegen, die zum Theil 
vielfach durch angeblich logische Unterscheidungen noch mehr 
verdorben ist. Es ist aber leicht einzusehen, dafs, wenn die 
Botanik wahrhaft wissenschaftlich behandelt werden soll, den 
terminis Begriffe zum Grunde gelegt werden müssen, die, aus 
der Natur der Pflanze hergenommen, wirklich wesentliche orga- 
nische Differenzen bezeichnen und dann auch auf solche concise 
Weise gefafst werden könucn, dafs man nicht Gefahr läuft, die 
verschiedensten Dinge in demselben Worte zusammenzufassen 
und wiederum identisclie Theile durch die Bezeichnung zu tren» 
nen. — Es ergiebt sich ferner aus dem Verfolgen dieses Enlwik- 
kelungsganges sehr einfach die Erledigung des alten Streites, ob 
der Stylus einen Canal habe, oder nicht. Da der Stylus abei' 
entweder aus der Zusammenrollung eines einzelnen Blattes (apo- 
carpe Frucht Liudl.), oder durch das Zusammenwachsen der 
Ränder mehrerer Blätter (syncarpe Frucht Lindl.) entstan- 
den ist, mufs er immer einen Canal haben, der freilich bei der 
geöffneten Blume nicht immer noch auf dem Querschnitte als 
scharf umschriebene Höhle erkennbar ist, da die innere Zellge- 
webe-Schicht (Tissu condncleur Brogniart , eigentlich die Ober- 
haut der obcrn Blaltlläche) durch Umbildung der ZcUenform und 
Ergiefsung von Schleim in die IntcrccUularräume so ausgedehnt 
wird, dafs selbst die einzelnen Zellen sich ganz aus ihrem Zu- 
sammenhange trennen und lose im Schleim eingebettet liegen, 
z. B. bei den Orchideen, vielen Liliaceen etc 

Dies wären nun wiederum die wesentlichen Momente, die 
die Natur überall beim Pflanzenorganismus festhält, während sie 
sich in Hinsicht der aufserwesentlicben Formverschiedenheilen 
wieder eine grofse Mannigfaltigkeit erlaubt. Die wunderbarsten 
Formenspiele zeigen sich besonders in der Geslalhing des Slig- 
ma's, nnd deshalb ist gerade dieser Theil am häufigsten mifsver- 
standen. Doch bietet auch der Stylus und selbst das Carpell- 
blattj letzteres besonders bei Bildung der falschen Scheidewände 
durch cellulösc Excrescenzen, z. B. bei den Aroideen, viele 
Eigcnthümlichkeiten dar. Wir finden ferner das Carpellblatt bei 
den Conifercn gar nicht geschlossen; drei zu einer oben offe- 
nen Becherform vereinigt bei den Resedaceen; enggeschlossen 



303 

bei den meisten Fiiniilien ; oft aber auch sogar gegen die Axe 
zu eingebogen und dann wieder rückwärts geschlagen, so dafs 
der eicrtragende Theil einen Bauch bildet und der Stylus von 
der Basis zu entspringen scheint, wo sich dann die Uebergänge 
beim Studium der Entwickelung von den Euphorbiaceen, 
durch die Phytolacceen, Alismaceen bis zu den Borra- 
ginecn und Labiaten und in der ganzen Familie der Drya- 
deen stetig verfolgen lassen. Das junge Ovarium bei den La- 
biaten, Borragineen z. B. ist ein gewöhnliches 2-hlätfrige8 
CarpcU (Fig. 2.), die Blaltränder verwachsen aber sehr früh zum 
Stylus und bei der Entwickelung des Ovnli wird der dasselbe 
umschliefsende Theil bauchig nach oben und aufsen ausgedehnt, 
während die obere Hälfte des Blattes, der Stylus, dieser Er- 
bebung und Ausdehnung nicht mehr folgen kann. Eine ganz 
ähnliche Erscheinung bietet die Frucht der Palmen dar, wo 
ursprünglich bald nach der Befruchtung der Embryo vollständig 
erect ist. Die innere Seite des Ovariums wächst aber beim rei- 
fenden Samen nicht mit in die Höhe. So wird die Spitze des 
Embryo fixirt und zum Mittelpunkt, um den die Radicula bei 
der einseitigen Entwickelung einen Quadranten beschreibt, wo- 
durch der Embryo horizontalis lateralis entsteht. — Ueber eine 
Menge solcher scheinbaren Abnormitäten sind viele Worte ver- 
loren, die man sich hätte sparen können, wenn man statt zu 
rathen, lieber untersucht hätte. 

Wenden wir uns nun zur Placenfa und zum Ovulum, so 
wird es zweckmäfsig sein, mit dem einfachsten Falle anzufangen 
ond das ist ohne Zweifel derjenige, welcher für die gewöhnliche 
Theorie die unübersleiglichstcn Schwierigkeiten darbietet, näm- 
lich wo gar kein Carpcllarblatt vorbanden ist. Dieser Fall tritt 
«. B. bei Taxus ein. Die ganze weibliche BUilhc ist hier nichts 
anderes, als die terminale Blattknospe der NcbenaNe, welcher 
•ie angehört. Die Blätter setzen ihre gewöhnliche spiralige Blatt- 
itellung fort bis zur äul'serslcn Spitc, und keines deutet auch nur 
im Enircrntcstcn an, dafs es dem wirklichen Thcile mehr ange- 
börc, als ein anderes (Fig. 1.). Wie gcwölinlicli endigt sich hier 
die Axe mit einer kleinen Warze (dem punctum vegelationis 
Wolff) und diese ist der Nucleus des Eichcns. Es ist also die 
zweite Dillcrenz der Pflanze die Axe, welche den sogenanolen 



304 

weiblichen Tbell bildet, und wir sehen jetzt schon ein, dafs die 
Befruchtung und Zeugung in Nichts besteht, als in einem Zu- 
sammentreten und Ausgleichen der beiden wichtigsten Differen- 
zen, die in der Pflanze gegeben sind, der horizontalen und ver- 
tikalen Gebilde. 

Doch verfolgen wir den Gang der Untersuchung ruhig wei- 
ter. Das Ende der Ase also ist der JVucleus des Eicbens und 
dieser ist der allein wesentliche, nie fehlende Theil des 
ganzen weiblichen Organs, wahrend alle übrigen theilwclse bald 
bei der einen , bald bei der andern Pflanze vcrmifst werden. 
Dieses Ende der Axe erleidet nun häufig eine Krümmung, so 
dafs seine Spitze auf sich selbst zurückgebogen wird (Ovulum 
annlropum) und mit dem gerade bleibenden Theil (raphe) ver- 
wächst ; ein Vorgang, der leicht in der Wirklichkeit zu verfol- 
gen ist. In diesem Zustande (ovulum ex nucleo mido constans) 
finden wir das Eichen in mehreren Familien z. 6. den Santa- 
laceen, Rubiaceen, Dipsacecn, Cuscuteen, Asclepia- 
dcen '). Es ist zwar kein Grund vorhanden, warum der Nu- 
clens nicht auch, ohne diese Umdrehung zu leiden (als Ovulum 
atropum ex nucleo nuclo conslans), vorkommen könnte, indefs 
ist mir bis jetzt doch noch kein Beispiel davon bekannt ge- 
worden. 

Auf diesem iiufsersten Punkte der Vegetation concentrirt sich 
nun aber die Bildung so, dafs, was sonst als gesonderte seitliche 
Organe erscheint, hier zu einer scheidenartigen Hülle zusammen- 
fliefst. Diese siengelumfasscnden Hüllblätter der letzten Knospe 
werden nun hier Eihäute genannt und unterscheiden sich durch 
gänzlichen IMangel aller Spiroiden, welche immer nur der Raphe 
oder dem nicht in ISucleus und Intcgumente geschiedenen Theil 
des Eichens angehören, und ihre Anwesenheit giebt immer einen 
bestimmten Beweis, dafs man es mit einer nur scheinbaren Ei- 
haut zu thun habe. Erst in späterer Zeit nach der Befruchtung 

ent- 

*) R.Brown zählt auch die Apocyneen hierher. Sie haben aber 
ein einfaches Integameut. Bei diesen sowolil wie Lei den Asclepi.T- 
deen ist es nicht der Nticleus, der sich nach der Befriichtang im In- 
nern bildet, sondern der Embryosact, der sich frühzeitig mit opakem- 
Albumen ausfüllt, welches dann als ein dunkler durchscheinender Kern 
nach der Befruchtung sichtbar wird. 



305 

cntwickelD sich in einigen seltenen Fällen in den wirklichen 
lüteganienlen Gefiifsbündcl. 

Eine solche einfache Hülle ( integumenium simplex mihi) *) 
findet sich nun: 

1) Ohne dafs die Axe gekrümmt ist (Ovulum airopum cum in- 
iegumento simplicij bei Taxus zur Zeit der Blüthe, bei den Cu- 
pressinecn, den Juglandeen, Ceratophylleen, 

2) oder die Axe erleidet die oben erwähnte Krümmuug, wo- 
bei die nüllc mit der verlängerten Axe verwächst (raphej (Ovu- 
lum anatropum cum integumenlo simplicij. Hierher geliürcn die 
Abietineen, Synanthereen, Lobeliacecn, Campauula- 
ceen, Goodenovieen, Lcntibularien, Scrophularinen, 
Orobancheen, Gesncrieen, Sesameen, Labiaten, Big- 
noniaceen, Polemoniaceeu , Con vol vulaccen , Sola- 
ncen, Borragineen, Geniianeen (einschliclslich der Men- 
yantbeen, welche ebenfalls nur ein Integument haben, denn 
die am reifen Samen xu trennende äulsere harte Haut ist nichts, 
als die Epidermis des Integuments, deren Zellen stark verbolzt 
sind), ferner die Apocynecn, Umbclliferen, Ranuncu- 
leen, Loaseen etc. 

Endlich bildet sich auch noch eine zweite Hülle, die die 
Spitze der Axe uniscliliefst (Integ^imenlum externum, ei inlemum 
mihi), wobei wieder beide Modilicationen vorkommen können. 

1) Die Axe bleibt gerade z.B. bei den Polygoneen (Fig. 4.), 
Cystincen, Urticecn, einem Theile der Aroideen, 

2) oder die Axe krümmt sich und verwächst mit dem äufsern 
lotegument (Fig. 20 — 2.3.). Hier sieht man besonders bei den 
übrigen Aroideen alle möglichen ücbergänge von einer verlän- 
gerten Axe, von der das gekrümmte Stück mit seinen Häuten 
frei herabhängt (wie es nach H. Brown auch bei üafßesia der 
Fall ist) bis zur gänzlichen Anwachsmig, wo denn der ungebo- 
gene Thcil der Axe als Raphe erscheint. Ferner gcliüren hierher 
wohl alle übrigen Monokotylcdonen; bei den Orchideen 



') Dil' \Vortc Tetta u. Memlirana interna, so wie die andiTii, vom 
reifpD Samen licr;i*'noiiiiiienf!n und nirgend p;isscnden Ansdriickc niufste 
irh aufgeben, da me wegen der viebn, lilblnrisch ihnen anidcbundeu Irr- 
tliiimer nur dazu dienen konnten, die liegrilTe za verwirren. / 

III. Jitirg. I. Diad. 20 



306 

drückt sich zwar R. Brown nicht hestimmt darüher aus, sie 
haben indefs deutlich beide Integumente, die aber nur in ihren 
jüngsten Zuständen zu erlfennen sind (Fig. 5.), da der schon früh 
auftretende Embryosack zur Zeit der Befruchtung den Nucleus 
meist spurlos verdrängt hat und man leicht versucht wird, das 
sehr dünne innere Inlegument für die Membrana nuclei zu neh- 
men. Von den Dikotyledonen will ich nur beispielsweise die 
Nyraphacaceen und Cabombecn, die Plumbagineen, Re- 
sedaceen, Passifloren, Caryophylleen und Cruciferen 
nennen, um den Raum nicht nutzlos mit Pflanzen - Namen zu 
füllen. 

Ueber die Bildung dieser Integumente des Nuclens im Allge- 
meinen hat zuerst Mirbel etwas Ausführlicheres publicirt, da 
er aber zwar die Erscheinungen , die dabei vorkommen , zum 
Thcil gesehen, aber keineswegs selbst richtig verstanden hatte, 
so konnte er die Sache auch nicht deutlich vortragen und es ist 
kaum thunlich, aus seinen Worten sich mit Sicherheit abzuleiten, 
wie er sich den Vorgang gedacht. Die erste richtige Darstellung 
der Art der Bildung gab der, hier, wie überall, neue Bahnen 
brechende R. Brown 18.31 für die Orchideen und später 1834 
ia seiner Abhandlung über die weibliche Blüthe der Rafßesia, 
wo er seine Beobachtungen schon über mehrere Familien aus- 
gedehnt hatte. Am Ausfülirlichsteu hat sich über diese Sache 
Pritsche in diesem Archiv ausgesprochen, doch hatte er seine 
übrigens höchst vortrefflichen Beobachtungen nur an einer ein- 
zigen Specics angestellt, die noch dazu wegen des zusammenge- 
drängten Baues und des anatropen Eies am wenigsten günstig 
für solche Untersuchungen war. Auch halte er versäumt, die 
hierbei höchst nötbigen mikroractrischen Messungen anzustellen, 
wodurch er einige Irrlhümer hätte vermeideu können. So z. B. 
sind eine Verdickung an einem Cylinder unterhalb einer gege- 
benen Linie und eine Einschnürung oberhalb derselben bei so 
kleinen Gegenständen, zumal da man nicht alle Stadien zugleich 
übersieht, nur durch vergleichende Messungen zu erkennen und 
doch ihrem Wesen und ihrer Bedeutung nach so sehr verschie- 
den. Einestheils ist Pritsche auf diese Weise zu der unrich- 
tigen Ansicht von der simultanen Bildung heider Integumente 
durch Einsenken der ersten Palte in die Masse des Ovulnm 



307 

gekommen, uod andrerseits hat er die Bildung des innern Inte- 
guments als einer blofsen Falte der Epidermis nuclei zu einseitig 
aufgcfafst. 

Der Gang, den die Natur nimmt, ist einfach folgender, wenn 
wir bei dem atropen Eichen z. B. der Polygoneen (Fig. 4.) 
als dem einfachsten Falle stehen bleiben. In gewisser Entfer- 
nung unterhalb der Spitze der ursprünglichen Warze niarkirt sich 
eine ideale Linie als Basis des Nucletis (Fig. 4, b.), welche fer- 
nerhin nicht mehr in der Dicke zunimmt. Oberhalb derselben 
bildet sich die Spitze in den Kucleus aus, unterhalb derselben 
schwillt die Substanz an und bildet eine Wulst (Fig. 4, b.), die, 
sich als eine Art von Hautfalte ausdehnend, allmälich den Nu- 
cleus überzieht (Inlegumenium primum auf inlernum mihi; Se- 
condine Mirb. ,■ Membrana interna Aucl.J. Oft bald nachher, ja 
fast gleichzeitig, oft erst spüler (am auHallcndstcn bei Taxus, 
wo das zweite lutegunient (Fig. 1, b.) erst nach der Befruchtung 
sich ausbildet [Cupula Auct.^) oft unmittelbar unter der ersten 
Wulst, oft in einiger Entfernung darunter (so namentlicli bei 
vielen Polygoneen und Cystineen) bildet sich denn eine 
zweile Anscliwellung, welche als zweites Integument (Inlegu- 
menium tccundum sive externum mihi ; Primine Mirb. ; Tesia 
auclor.) das erstere überzieht *). Das zuerst sich bildende In- 
tegument besteht freilich häufig nur aus einer Falte der Ober- 
haut des IVucleus, aber in last allcu Familien, die gar kein zwei- 
tes Integument bilden und auch in einigen, die beide Eihüllen 
haben, z. B. bei den Euphorbiaceen, Cystineen und Thy- 
melecn nimmt auch ein ziemlich dickes Parenchyma an dieser 
Bildung Tlicil. Bei den diei genannten Familien Irill der cigen- 
tbümlicbe Fall ein, dafs beim Iteifcn des Samens das iiulVere In- 
tegoment allmälich bis auf eine dünne Membran absorbirt. wird, 
die denn gewöhnlich bei Samcnbeschrcibungcn als epidermis te- 
flae, oder bei den Euphorbien wohl gar als Arillus angpge- 



•) Daiselbc beobachtete ich ei'lir scljün liii Jlijdrorhari» uriil Val- 
limrria, und Wie. aus Iticlianrs Analjst> sich «■r;;iilil, li:ibrn .nucli alle 
ülirigi-n üf-titc'ii llyilrorliarideen .'jlroptt EicIifMi. Einl li<!lif:r's An- 
gabc rin**« anatrfip»'ri Eii;Ii<-iis für diese Familie (i^riieni ytantnriiin /*. HIO) 
Ut «olil 7,u einseilij; von Siruliolei (welrlies vielleicht überall nicht hicr- 
li«r gehSrt) auf dl« übrigen ausgedehnt worden. 

20* 



308 

ben wird, wogegen iu andern Fällen die wirkliche modldcirtc 
epidermis iestae wieder als Arillus beschrieben worden ist z. B. 
bei den Oxalideeu. Die Spitze der ursprünglichen Papille, wel- 
che als nucleus auftritt, ist ihrer Gröfse nach im Verhältuifs zur 
Masse des ganzen Eichens bei Tcrachiedenen Familien äufserst 
verschieden. Oft ist es ein sehr langes, fast cyiindrisches Stück, 
z. B. Loasa, Pedicularis, oft kürzer, so dafs diejenige Masse des 
Ovuli, wo keine DilTerenzirnng in Nticleus und Integumente 
eingetreten ist (gleichsam ein fleischig angeschwollener Stengel), 
bei Weitem überwiegt z. B. alle Synanthereen, Canna, Phlox, 
Polemonium; oft ist es nur die äufsersle Spitze der Papille selbst 
z. B. Convolvuhis, oder es bleibt nur ein idealer Punkt, der als 
eigner Körper gar nicht mehr zu unterscheiden ist, über den 
sich aber noch eine Wulst erhebt, und so eine Micropyle bil- 
det z.B. bei den Dipsaceen. 

Uebrigens wird der hier geschild»rle Vorgang im Einzelnen 
vielfach durch die einseitige Entwickelung des ovuli (ovul. cam- 
pylotropum MUh.) oder durch die oben schon auseinandergesetzte 
Umdrehung (ovul. anairopum) modificirt. Es würde aber die 
Grenze dieses Aufsatzes überschreiten, wollte ich mich hier auf 
eine detaillirte Ausführung aller der unzähligen von mir beob- 
achteten Einzelheiten einlassen. Nur beiläufig kann ich hier 
noch bemerken, dafs Mirbel's Quarline gar nicht exislirt und 
nichts als ein transitorisches Endosperm ist bei Familien, bei 
denen der Embryosack frühzeitig den ganzen Nucleus verdrängt, 
gleichwohl aber nicht bestimmt ist, durch ein persistentes En- 
dosperm späterhin ein Albumen zu bilden. 

Beim Reifen des Samens erleiden nun diese Integumente 
mannigfache Veränderungen, so dafs man am reifen Samen sel- 
ten oder nie ihre ursprüngliche Zahl noch unterscheiden kann. 
Oft verwachsen alle Integumente zu einem, oft und zwar am 
häufigsten trennt sich ein Integument in verschiedene Schichten 
verschieden ausgebildeten Zellgewebes, wo denn natürlich das 
homogene Gewebe von dem heterogenen sich leicht trennen läfst. 
Auf diese Weise kann man das Integument des reifen Samens 
oft sogar in 5 Schichten zerspalten, während nur eine oder zwei i 
Häute, oder wie bei Canna im gröfsten Umfange des Samens 
gar keine vorhanden waren. 



309 

Da nuu oft iu derselben Familie ') die gröfsten Verschiedenhei- 
ten in dieser Beziehung am reifen Samen vorkommen, wie oben 
schon Ton der Gruppe derMenyantheen erwähnt wurde, beim 
Ovulum dagegen das Vorkommen von keinem, einem oder zweien 
Integomenten für Familien uud Gruppen durchgehends sehr con- 
slant erscheint, so möchte es zweckmäfsiger sein, bei Beschrei- 
bungen überall zur alten Richardscken Terminologie zurückzu- 
kehren nnd beim reifen Samen nur von einem Episperm zu 
reden, dessen verschiedene Lagen man denn ja näher charakte- 
risiren kann, dafür aber desto genauer in der Beschreibung des 
Ovulum zn sein. Wahrscheinlich werden noch manche inter- 
essante Resultate sich herausstellen, wenn diese Untersuchuugen 
erst über alle Pflanzenfamilien ausgedehnt sind ; schon der ge- 
ringe Umfang meiner Beobachtungen giebl manche Andeutungen. 
Auffallend ist es z. ß., dal^ keine einzige monokotyledone 
Familie weniger als zwei Integumente zeigt, und bei der oben 
gegebenen Uebersicht mufs es Jedem auffallen, dafs unter den 
Dikotyledonen die meisten monopetalcn Familien nur ein 
lotcgumcnt haben, die meisten Polypetalen dagegen zwei. 

Doch kehren wir zum ruhigen Gang unserer Betrachtungen 
znrück. Wenn wir nun freilich bei Pflanzen mit ächter pla- 
cenia centralis lihera, oder noch auflallender bei solchen, wo, 
wie bei den Polygoncen, Taxus, Juglans, Myrica von einer 
Placenta als einem besondern Organ gar nicht die Rede sein 
kann, nicht einen Augenblick in Zweifel sein können, dafs der 
Nucleus des Eichens nur die Spitze der Axe ist, so fragt sich 
nun aber, wie denn die wandständige placenla zu erklären sei; 
doch scheint mir die Sache so schwierig nicht. Wir finden 
«cbon bei vielen Aroideen, das Ende der Axe scheibenförmig 
ausgebreitel, und auf dieser Fläche eine Menge Knospen als Ei- 
chen tragen, ähnlich wie es bei den Synan Ihcrcii und andern 
Familien unterhalb der Blumenknospen etwas Gewöhnliches ist; 
wir iiudco diese Scheibe dann in lappige Fortsätze ausgezogen 



') Ja selbst im sflbcn geniiM. Su iidt r.. B. ein Theil dcrSalvicu 
Spiralzellüu in der Kpidermit des Samen - InU'gnmcntes , ein .nnderer 
Tbeil nicht. 



310 

und mit den Rändern der Carpellarblätter verwachsen bei allen 
wandständigen oder pseadocentralen Piacentcn, eine Modification 
des Stengelgebildes, die man z. B. bei Dorstenia findet; auch 
könnte man die wandständigen Placenten eben so gut und viel- 
leicht einfacher und naturgemäfscr als eine blofse Verästelung der 
Axe deuten. Es kann dabei nicht aufl'allen, dafs die Knospen 
dieser Aeste (fivxila) nur an der iunern der Axe zugewendeten 
Seite sitzen, da man dasselbe bei vielen Infloresceuzen z. ß. bei 
Aesculus findet. Endlich finden wir die Axe becherförmig aus- 
gedehnt bei den PHauzen, wo die ganze Wand des cinfächrigen 
Ovariums mit Ovulis besetzt ist, wie wir eine ähnliche Umbil- 
dung des Stengels bei vielen Rosaceen und hei Ficus sehen. 
Es ist aber kein Grund erfindlich, warum man solche Formab- 
weichungen der Axe bei einem tiefern lutcrnodium zwischen 
Laubblatt und Blüthenknospen annehmen wollte, wenn man sie 
bei einem höhern zwischen Carpellblatt und Eiknospen leugnet, 
oder für unthunlich erklärt. Nun findet sich aber auch in der 
Natur selbst, dafs bei wandsländigcn Placenten die Blatiränder 
sich nie in ihrer ganzen Länge an einander legen und verwach- 
sen, sondern von unten auf durch einen nachwachsenden oft 
mehr oft weniger deutlichen Zwischenkörper verbunden werden. 
Sehr deutlich ist dieser Zwischenkörper z. B. bei den Fumaria- 
cecn und Crucifercn, wo er viel später als die Carpellblätter 
erscheint, gradezu innerhalb derselben steht, und bei der letzten 
Familie durch seine allmäliche Ausbreitung gegen die Mitte und 
späteres Verwachsen die falsche Scheidewand bildet. Am deut- 
lichsten zeigt sich aber die Placenta als ein von dem Carpellblatt 
in seinem Wachsthum völlig unabhängiger Thcil bei den Abie- 
tineen. Meine Untersuchungen der frühesten Zustände haben 
mir nämlich gezeigt, dafs das, was man seit Rob. Brown als 
offenes Ovarium ansieht, nur eine schuppcnförmig ausgebreitete 
Placenta ist, dafs aber, was Rob. Brown hractea genannt 
hat, das wirkliche Carpellarblatt (Fig. 18.) ist. Auf das glän- 
zendste wird dieses Ergebnifs durch einen Zapfen von pinus 
alba bestätigt, den ich in diesem Frühjahr fand, an welchem die 
untere Hälfte der Blüfhen männlich, die obere weiblich war. — 
Bei den Ahietineen entwickelt sich nun die durch nichts ge- 
hinderte Placenta, so sehr, dafs sie zuletzt selbst das Carpellblatt 



311 

nur als einen untergeordneten Nebenfbeil erscheinen liifst. Die 
weitläufigere Ausführung dieser Untersuchungen ist hier nicht 
am Orte, und ich raufs daher vorläufig auf ein späteres Werk 
verweisen, an welchem ich schon seit Jahren mit grofscr Liebe 
arbeite und das die Entwickelungsgeschichte der Pflanze in ihrem 
ganzen Umfange zum Gegenstände hat. 

Bei alle den FormverschiedcDlicitcn der eiertragenden Axe, 
wo dieselbe an den Carpellblätteru in die Höhe wächst, oder 
wo sie frei in der Mitte sich erhebt, kommt nun oft noch die 
Eigenbeit vor, dafs dieselbe aufser der früher schon erwähnten 
Umbieguug noch eine andere erleidet, indem nämlich der Raum 
nach oben zu für die Entwickeluug der Eiknospcn zu beschränkt 
ist ; hieraus entsteht nun das Ovulum horizontale und pendulum 
mit den mannigfachsten Zwischenstufen. Diese Modification ist 
aber eben, weil sie nur aus einer äufseru Nolhuendigkeit, der 
Form des Raumes, hervorzugehen scheint, bei weitem weniger 
wesentlich, als jene zuerst erwähnte Umkehrung, und wir finden 
wobl hängende und aufrechte Eiercbcu in derselben Familie 
z. B. bei den Dryadeen, selten aber in einer höher cutwik- 
kelten Familie und überhaupt wohl nur bei den Aroideen, 
atropc und anatrope Eier vereinigt. Die blofse Angabc einer 
Todicula supera oder infera in Pflauzenbeschreibungen ist daher 
an sich wenig oder gar nichts werlh, wenn nicht zugleich auf 
die innere Eibildung Rücksicht genommen ist. 

Hatten wii- nun aber bei den Aulheren eine eigcnlhümliche 
Entwickeluug des Zellgewebes bcobacbtct, wodurch eben das 
Blatt zum l'ollcutragcudcn Organ wird, so finden wir wiederum 
eine besondere Modification des Zellgewebes in der 
Spitze der Aue, dem JXucleus, wodurch er sieh für die Aufnabuie 
eines neuen Organismus vorbereitet. Es bildet sich nämlich in 
demselben eine einzelne Zelle unvcrliällnifsmäfsig gegen die an- 
dern Parenchymazellen aus, indem sie sich zum Embryosack 
eolwickell. Dieser ist bei allen Plianerogamcn stets vorbanden 
und immer lange vor der sogenaonlen Befruchtung. Aber auch 
nur so viel i»l hier das Woeulliclie. Im übrigen ist er den 
nianuigfacbbtcn VerBchiedciiheileu unterworfen, in Bezug auf Form 
(indem er bald rund bald oval, bald cylindriscb, nasclienfijrniig, 
oder selbst geigeufürmig wird, oder ganz formlose Aussackungen 



312 

zeigt, wie bei Lathraea sqtiamaria), Lage zur Spitze des Nucletts 
(der er bald näber, bald ferner ist), Inbalt (der bald wasserhell, 
homogen und flüssig, bald opak und granulös, bald sogar zellig 
ist), die Zeit seines Entslehens (ob längere, oder kürzere Zeit 
vor Entfaltung der Blume) und endlich das mehrere oder min- 
dere Verdrängen des Nucletu. Allein über die Verschiedenheiten 
des Embryosackes vor der Befruchtung könnte man eine lange 
Abhandlung schreiben. 

Wir sind nun dem Entwickelungsgange der Pflanze so weit 
gefolgt, dafs wir an dem Thore zum Allerhciligslen stehen. Der 
Vorgang, durchweichen sich der neue Organismus aus der Mut- 
terpflanze bilden soll, war lange Zeit ebenfalls nur Gegenstand 
träumerischer Spiele der Phantasie, oder unpassender Analogieen 
aus dem Thierreich gewesen, zum Theil weil Mangelhaftigkeit 
der Instrumente eine wirkliche Beobachtung unthunlich mach- 
ten, bis endlich die glänzenden Entdeckungen von Amiei, 
Brogniart und Roh. Brown ein ganz neues Licht auf die 
Sache warfen. Doch blieb noch immer der wesentlichste Theil 
des Geheimnisses unerrathen. Mit lebendigem Eifer habe ich die 
Entdeckungen jener grofsen Männer verfolgt und nicht nur das 
Wesentliche ihrer einzelnen Beobachtungen als allgemeines Ge- 
setz für die Phancrogamen bestätigt gefunden, sondern glaube 
selbst noch einen nicht unwichtigen Schritt weiter gethau zu 
haben. Die Pollenschläuche habe ich jetzt bei so vielen 
(über 100) verschiedenartigen Familien, freilich oft nur nach lan- 
ger mühevoller Untersuchung vom Stigma bis ins Ovulum 
verfolgt, dal's wohl kein Zweifel mehr obwalten kann, dafs dies 
der allgemeine Vorgang bei allen Phanerogamen ist. Scliou R. 
Brown erwähnte mehrerer Pollenschläuche die in eine Micro- 
pyle eintreten, ich fand bei sehr vielen Pflanzeu 2 — .3, bei Phor- 
mhtm tenax 3 — 5, bei Lathraea s^iamaria aber fast nie weni- 
ger als 3 und einmal sogar 7. 

Verfolgt man nun, was allerdings zu den delicatesten Un- 
tersuchungen gehört, die in der Botanik vorkommen, den Pol- 
lenschlauch weiter im Ovulum (Fig. 3 u. 24.), so findet man, dafs 
von den in dieMicropyle eintretenden Schläuchen gewöhnlich 
nur einer, selten mehrere, wie bei den regelmäfsigen oder zu- 
falligen Polyembryonatcn (zu welchen letztern besonders die 



313 

Cynanchum- Arten gehören *), die lulercellulargänge des iVa- 
clevs durchkriecht und den Embryosack errcichl, diesen vor sich 
lierdräii^end in sich selbst hineiuslülpt und dann selbst^ als der 
im Eingange dieser Belraclitungen beschriebene cylindrische 
Schlauch, den ersten Anfang des Embryo bildet, der auf diese 
Weise nichts anderes ist, als eine auf die Spitze der Axe ge- 
pfropfte Zelle des Blaltparenchymas. Er wird also mit Ausnah- 
me des nicht geschlossenen Radicularendes von einer doppelten 
Membran gebildet, von dem eingestülpten Embryosackc und von 
der Haut des Pollenschlauches selbst (Fig. 12, 13.). Zur Bestä- 
tigung dieser Thatsache kann ich mich erstlich auf dirccte Beob- 
achtungen berufen an Taxus,Abics. Juniperus, I,alhruea,Phormium 
tenax, Canna Setlowii, Oenoihera crassipes, Mlrahilis tongi/lora u. 
Jalappa, Veronica serpyllifoUa, Limnanthes Douglasii und min- 
der gut bei Marlynia diandra und Cynanchum nigrum, dagegen 
am ausgezeichnetsten bei Orchis Moria und lalifolia. Bei allen 
diesen Pflanzen beobachtete ich das Ilincintrctcn des Pollenschlau- 
chcs in den Embryosack und die allmälicbe Umbildung des Endes 
desselben in den Embryo unmittelbar und bei Taxus, und leicht 
bei Orchis konnte ich sogar den Theil des Schlauches, der die 
erste Grundlage des Embryo darstellte, uoch in ziemlich später 
Zeit wieder aus dem Embryosack herausziehen **). 

*) Bei Cynanchum nigrum et fiiicatum fand ich im Sommer 1835 
«enigstco» in jedem dritten Samen 2 — 5 Embrjonen. 

**) Vm liier etu'anigen Einwürfen von Seiten derer zu begegnen, 
die nicht Gelegenheit hatten, sich selbst mit diesen Gegenständen ge- 
nauer 7.0 beKcliiifti};en , bemerke ich nur beiläufig, diifs Hrn. Corda's 
angebliche EntwicUungsgescIiiciite der Coni leren (Acta Leop. Carul, 
Xl'll- I'art II.J in den wenigsten Punkten mit der Natur überein- 
stimmt, und fast miiclile ich hier eine der vor einiger Zeit in lUode ge- 
kommenen wis.senschariliclien Mj.stillcationen vermutlien. Es hat mir die 
Sache recht sehr wehe getlian, der ausgezciclinelen Männer wegen, die, 
ohne Gelegenheit, oder Zeit zu eigner Prüfun;; zu haben, von ihrer eig- 
nen Gewlmenhaftlskeit in wissen.scliaftjichen Dingen auf Andere schlics- 
■eod, »ich zu voreiliger Bewunderung lialien hinreirseii lassen. — hidefs 
kann ntan Hie hier doch nicht von aller Schuld freisprechen, da der 
Anfsatz olTen genug seinen Charakter an der Stirne trügt. — Gleich auf 
der ersten Seite lieifut es: „Seil dem Ersilieincn der 15. Brownschen 
Schriften und dessen Keine durch Ueutschland kennt man »uhl so all- 



314 

IndcFs ist nicht bei allen Pflanzen die Verfolgung des Pol- 
lensclilauclis ins Innere des Embryosacks so leicht, da gewöhn- 
lich die Zellen des Nucleus um die Spitze des Embryosaclis her- 
um sehr fest und opak sind, so dafs sich dieser und der Pollen- 
schlauch nicht ganz frei darstellen lassen. Es spricht aber in 



gemein die Resaltalc seiner UntersacLungen, dafs ich eine genaue Dai- 
stelluDg hier überflüssig halte." Nun ist bekannt, dafs Rob. Brown 
schon 1832 seine Entdeckung des Eintretens von einem oder mehreren 
Pollenschläncben in die Micropyle publicirte, und Jedem, der das Glück 
halte, mit Rob. Brown auf seiner damaligen Reise durch Deutschland 
zusammenzutreffen, wird erinnerlich sein, dafs derselbe befruchtete 
Ovarien in Spiritus mit sich führte und mit gewohnter Gefälligkeit 
Jedem, der Interesse für die Sache hatte, das Eintreten der Pollen- 
schiäuche ins Ovulum zeigte. — Dessenungeachtet afTectirt Hr. Corda 
einige Zeilen weiter eine auf jeden Fall unverzeihliche Unwissenheit 
dieser Tliatsacbe, um sich eine Entdeckung anzumafsen, die lange vor 
ihm Araici (schon 1830) und Rob. Brown gemacht. Da Hr. Corda 
sich zur Zeit von R. Browns Anwesenheit in Berlin aufhielt, erscheint 
es doch etwas fabelhaft, dafs ihm von alle dem nichts sollte zu Ohren 
gekommen sein. — Etwas weiterhin sagt Hr. Corda: „Meine Unter- 
suchungen über das Coniferen-Ei weichen keineswegs von denen de.^ 
grofsen Engländers, noch von Mirbcl's Untersuchungen ab." Bekannt- 
lich sind aber die Ansichten MirbeTs und R. Browns über das Co- 
niferen-Ei, wie über Eibildung im Allgemeinen die direkten Gegensätze. 
Solche Schwachheiten (z.B. pag. 5 (603) eine Verwachsung, die nur 
in der Jugend innig ist, später aber lose wird) kommen auf jeder Seile 
des Textes vor, aus dem man überhaupt schliefsen mufs, dafs Hr. Corda 
weder Mirbel noch R. Brown verstanden, oder sie nicht gelesen hat, 
da er Beiden in jedem einzelnen Punkte geradezu widerspricht. Die- 
selben AVidersprüche liegen aber auch in den Zeichnungen klar zu Tage. 
Fig. 14. z. B. heilst der Embrjosack 7tiicula (soll heifsen 7iiicleiis) und 
die Pollenscbläuche gehen in ihn hinein, um durch ihr Aussprühen Gott 
weifs welches Phantasiegebilde zu erzeugen, Fig. 22. aber heifst eben 
dieser Embryosack gar Embryo (E) und die Pollenscbläuche laufen 
um ihn herum. Doch es wäre eine bekannte Herkulesarbeit, den Auf- 
satz Punkt für Punkt durchzugehen. Es genügt hier vorläufig zu ver- 
sichern, dafs, mit Ausnahme einiger Nebensachen, alles fast über die 
Grenzen des mü»;Iichen Irrlhuras hinaus unwahr und nicht im entfern- 
testen der Natur entsprechend ist, und verweise ich Jeden , der nur ir- 
gend einige Uebung in solchen Untersuchungen hat, auf die Natur selbst, 
da die Beobachtungen keineswegs zu den übermäfsig schwierigen ge- 
hören. ' 



315 

solchen Fällen für die Identität des Embryo's mit den PoUen- 
8clilauch : 1) der stels gleiche Durchmesser des letzteren dicht 
aufserhalb des Embi yosacks und des eisteren dicht innerhalb des- 
selben; 2) der slels chemisch -gleiche Inhalt beider, wie es sich 
durch die Keactionen bei Anwendung von Wasser, süfsem 
Mandelöl, Jodine, Schwefelsäure und Alealien ergicbt. 
Der Inhalt des PoHcnkorncs besteht im wesentlichen aus Stärke. 
Diese steigt nun entweder unverändert durch den Pollenschlauch 
herab, oder geht schon vorher durch lebendig -chemische Pro- 
cesse in eine wasserhcllc Flüssigkeit über, die sich nach und 
nach mehr oder weniger trübt, durch Alcohol coagulirbar wird 
und aus welcher sich durch eiueu orgauisircnden Procefs dann 
Zellen bilden, die das Ende des Pollenschlauchcs hei Orchis Mo- 
ria selbst bis weit aus dem Eichen heraus, ausfüllen und so das 
Parcnchyma des Embryo's bilden. Doch ich würde die Grenzen 
dieses Aufsalzes überscbreiteu, wollte ich auch die Zellenbildung 
hier weiter verfolgen. 3) Endlich spricht noch für die Identi- 
tät des Embryo's und des Pollenschlauchs, dafs bei den Pflanzen, 
die mehrere Embryonen haben, stets gerade so viele Pollen- 
schläuche vorhanden sind, als sich Embryonen zeigen. 

Die höchst wichtige Folge dieser Thalsache, die ich hier 
aber nur andeuten, nicht in ihrem ganzen Umfange ausführen 
darf, ist nun, dafs man bisher die beiden Geschlechter bei den 
Pflanzen geradezu falsch benannt hat. Versieht man nämlich 
bis jetzt in der Pi)ysioIogie unter Ovulum diejenige materielle 
Grundlage, aus welcher sich das neue Wesen unmittelbar ent- 
wickelt, und nennen wir den Theil, wo diese materiellen An- 
(Soge, che sie zur Entvvickclung kommen, deponirt sind, das 
weibliche Organ, — während dir Theil, der nur durch dy- 
namische Einwirkung die Entwickclung des Keimes hervorruft, 
oder befördert, das männliche Organ genannt wird, so ist 
die Anlliere der Pflanze oifenbar nichts anders, als ein weibli- 
cher Eierstock, indem jedes Pollcnkorn der Keim eines neuen 
Individuums ist. Dagegen wirkt der Einbryosack nur dynamisch 
die Organisation und Entwickclung der materiellen Grundlage 
bestimmend, und wäre also als das männliche Princip zu be- 
trachten, wenn man nicht vielleicht richtiger annehmen will 
(alle ohnehin hinkenden .\nalogiccn aus der Thicrwclt bei Seile 



316 

gesetzt) dafs der Embryosack nur durch TranssudatioD neue or- 
ganisirbare Säfte zurübre und so nur ernährt *). 

Zweitens ergicbt sich aber aus der vorgetragenen Geschichte 
der Embryobildung leicht die höhere Einheit für die Phanero- 
gameu und diejenigen Kryptogamen, bei denen die Sporen oQen- 
bare Umbildungen des Zellgewebes der Blattorgane, oder blatt- 
artigen Ausbreitungen sind, indem bei beiden Gruppen derselbe 
Theil die Grundlage der jungen Pflanze abgiebt und der Unter- 
schied nur darin besteht, dafs bei den Phanerogamen erst 
eine vorläufige Ausbildung im Innern der Pflanze dem Zeitraum 
der ruhenden Vegetation vorangeht, während bei deu Krypto- 
gamen sich die Spore (das Pollenkorn) sogleich ohne jene Vor- 
bereitung zur Pflanze entwickelt. Schwierigkeiten machen hier 
noch die Laub- und Lebermoose, und ganz besonders die 
räthscihaften Rhizocarpeen. Doch scheint mir, dafs auch ge- 
rade bei dieser letzten Familie noch vieles zu beobachten ist. 

Endlich erklärt dieser Vorgang der Embryo -Entwickelung 
eelir leicht und natürlich das, obwohl doch nur höchst selten 
vorkommende, Knospcnbilden an Blättern (mag ihnen dies nun 
immer eigen sein, oder als Abnormität zukommen), als ein blofses 
theiUveises Zurücksinken auf eine niedere (kryptogamische) Bil- 
dungsstufe. 

Zum Schlufs dieser kurzen Darstellung mufs ich mir noch 
einige Bemerkungen erlauben , theils um ungerechten Beurthei- 
lungen zuvorzukommen, theils um ein richtiges Verständnifs die- 
ses Aufsalzes zu veranlassen. 

Erstens bin ich weit entfernt, alle im Vorstehenden vorge- 
tragenen Ansichleu, als meine eigenen neuen Entdeckungen, iu 



*) Diese ernährende Fuuclion behält auch der Embryosack bei den 
meisten albuminösen Samen noch in einer spätem Periode, in der des 
Eeimens, bei, indem sich NahrungsstofT in den allmälich;den Embryosack 
auskleidenden Zellen anhäuft, der nachher zum Behuf der ersten Ernäh- 
rung der jungen Pflanze theilweise wieder verflüssigt und derselben zn- 
geführt wird. Bei den Samen mit centralem Albumen (beim soge- 
nannten emhryo perip/tericus) ist das Albumen aber ein Kesiduum des 
Nucleus, und der Raum, den in früheren Stadien der Embryosack ein- 
nimmt, wird beim reifen Samen vollständig vom Embryo selbst aus- 
gefüllt. 



3i: 

Anspruch nehmen zu wollen. Ich gönne gern Jedem das Seine 
nnd bin ohnehin nicht sehr versessen auf Priorität, da ich es 
fQr ehrenvoller halte, eine Ansicht durch unermüdele, oft lang- 
vreilige Untersuchungen über das ganze Gebiet der Wissenschaft 
aaszndehucn und unumstöfslich zu begründen, als irgend etwas 
Nenes aufzufinden, wobei oft ein glücklicher Zufall das meiste 
thnt. Auch war nicht Mangel an Kunde von dem, was vor- 
treffliche Männer vor mir schon geleistet, sondern nur die eng« 
Grenze des Aufsatzes der Grund, warum ich mich auf die hi- 
storische Entwicklung jener Lehren fast gar nicht eingelassen 
habe. Diese, so wie die vollständige Ausführung der Untcrsu- 
chnngen selbst bleiben dem oben schon erwähnten Werke vor- 
behalten, von dem ich hier nur einen kleinen Theil der Resul- 
tate geben konnte und wollte. 

Im Gegensatz dazu mufs ich aber zweitens bemerken, dafs 
alles Vorstehende auf eigenen Untersuchungen beruht und dafs 
ich auch nicht den geringsten Nebenpunkt selbst auf die beste 
Auctorität hin angenommen habe, ohne selbst zuzufeben. 

Endlich drittens mufs ich noch erklären, dafs alles Gesagte 
das Resultat wirklicher Beobachtung in der Natur ist, 
und nirgends der Specnlation (unmittelbare Folgerungen im eng- 
sten logischen Sinne ausgenommen) auch nur der geringste Au- 
theil gebührt. Alles was etwa Neues von einiger Bedeutung 
vorkommt, lag schon vor Jahren klar vor mir, ich verschob 
aber mit Bedacht die VeröiTentlichung, um meinen Untersuchun- 
gen durch möglichste Benutzung der reichen in Berlin mir erülT- 
oeten Mittel eine solcbe Ausdehnung zu geben, dafs die Ergcb- 
oisee nicht als vereinzelte Tbatsacben, sondern als Gesetze für 
den ganzen vegetabilischen Organismus begründet erscheinen 
möchten. 

Ea lag in der Natur der Sache, dafs ich hier nur einige 
wenige Abbildungen geben konnte, um noihdürftig einige der 
wichtigsten l'unktc meiner Unicrsucliungen zu erläutern, und ich 
will wünschen, dafs ich durch diesen Mangel nur nicht allzu- 
hfinfig unverständlich gewurden bin. 

Ais Bcurlbciler wünsche ich nur solcbe Leute, die die Natu.' 
•elbut als Kichlerin befragen, nnd keinen andern Zweck vor 
Augen haben, als die Wahrheit, das einzige würdige Motiv 



318 

aller wissenschafnichen Bestrebungen, welches auch mich allein 
bei allen meinen Forschungen geführt hat ; sollte ich dadurch 
die Wissenschaft auch nur um ein kleines gefördert haben, so 
würde ich mich unendlich glücklich schätzen. 

Si quid his rcctius novUti, Candidas imperti, si non, 
his utere mccum. — 



Nachtrag. Ich habe in Vorstehendem mich mehrfach auf 
Lalhraea squamaria berufen und zwar vorzugsweise gern, weil 
ich manches gerade an dieser Pflanze besonders klar ond deut- 
lich gesehen. Nun finde ich so eben, dafs Unger (Beilrüge 
zur Kenntnifs der parasitischen Pflanzen. Ann. d. Wiener 
Mus. Bd. II. p. 50.) dem Embryo der Lathruea die Kotyledonen 
und das Würzelchen abspricht und man könnte mir leicht ein- 
wenden, dafs eine solche Pflanze schlecht geeignet sei, gerade 
da als Beispiel aufgeführt zu werden, wo ich sie gebraucht. Ich 
mufs aber gestehen, dafs ich Unger's Ausspruch nicht begreife, 
da der Embryo von Lathraea so deutliche Kotyledonen hat, «lafs 
man sie schon mit einer 6 — 8 Mal vergröfserndcn Loupe, ein 
scharfes Auge aber selbst ohne alle Hülfe erkennen kann. Die 
Kotyledonen sind mindestens eben so lang, als der übrige Tbeil 
des Embryo, wie es schon Gärtner abgebildet hat. Ohnniög- 
lich kann ich jnir denken, dafs Unger den Embryo ganz über- 
sehen und das allerdings sehr feste Albumen dafür genommen 
haben sollte. Ucbrigens sind überhaupt die sogenannten Ako- 
tyledonen nicht etwa als ein dritter Gegensatz zudenMono- 
und Dikotyledonen anzusehen und ist die Wichtigkeit dieses 
Merkmals nur sehr untergeordnet. Bei jeder Art von Pflanzen 
kann die Erscheinung vorkommen. Die Sache ist nämlich nur 
die, dafs der Zeitpunkt der ruhenden Vegetation etwas früher 
eintritt, indem die Ausbildung des Embryo in der Frucht nur 
bis zu dem Punkte fortschreitet, wo er kugelförmig wird, die 
fernere Entwicklung aber aufser der Frucht stetig in die Kei- 
mung übergeht, wie dies bei der ganzen Familie der Orchi- 
deen der Fall isf. 

Pag. 51 will Unger die Orobanchecn zu den Labialen 
gezogen wissen. Gerade der einzige Differenzialcharakter der 



319 

Labiaten, der Bau des Fruchtknotens, geht aber den Oro- 
banchccn ab. Dagegen stimmen Lathraea (die beiläufig be- 
merkt, ebcufalls Spaltöllaungen liat) und Orolanche in allen ße- 
ziehiugen mit Ausnahme des lediglieh dem Standorte zuzuschrei- 
benden Habitus so völlig mit deu Scrophularinen übcrein, 
dafg ich durchaus auch gar keinen haltbaren Grund finden kann, 
sie von jenen zu trennen. Es würde doch gewifs keinem Zoo- 
logen einfallen, ein Thier blos, weil es als Schmarotzer lebt, 
von seiner natürlichen Familie zu trennen ; warum will man es 
bei den Pflanzen anders halten? 



Erklärung der Kupfertafel. 

Fig. 1. Blüthcnknospe von Taxus haccafa im Längsschnitt ffe- 
mina). aa. Blätter. J. Grundlage des zweiten Integuments, vvel- 
ches die Beere bildet, c. Erstes, inneres Integument. d. Nucleug. 
Bei dem Ovulum und den beiden innersten Blättern ist (luich 
eine feine Linie der Verlauf der Oberhaut angedeutet, ebenso 
später in Fig. 4, 18, 22 u. 2.3. 

Fig. 2. Längsschnitt eines ganz jungen Pistills von Saivia Clusii. 
a. Carpellblälter. b. Ovulum, c. Styluskanal. 

Kg. 3. Unleres Ende eines kürzlich befruchteten Eirhens von 
MtTalilis lougißora, Läugssclinitt. a. Funicnlus. h. Best des 
Nucleus. r. Itilegumentum Simplex, d. Enibryosack. e. Pollen- 
schlaucb, dcsseu Ende zum Embryo anschwillt, f. Aboilirter 
Pollenscblauch. 

Fig. 4. Junges Ovulum von Polygonmn Orientale^ Längsschnitt. 

. a. A'ucleus. b. Wulst, aus welcher sich das Inlegumenlum iii- 
lemum bildet, c. Anfang des Integ. e.rlerniim. 

"ig. 5. Sehr kleines Eichen von Goodi/era proceru. a. Integnm. 
extern, b. Inleg. hilem. c. Rest des J\ucleiis. d. Enibryo.-:ick. 

Fig. 6 u. 7. Jugendliche Zustände des Embryo's von I'olamoge- 
lon luceits. 

Pig. 8. Ein späteres Stadium für Pulamog. lielerophylhis. a. J'lu- 
mula. b. Cultjlcdnn noch ungescblosscn. 

Fig. 9 — II. Eiitwieklungsslulen des Embryo's bei Echium vul- 
gare, a. Enibryosack. b. Embryo. 

Mg. 12. Spitze des Enibryosacks von Phormlum tenax mit 
dem eiitslchendcu Embryo, o. Embryosack. b. Pullenschlauch. 
c. Embryo. 



320 

Fig. 13 — 17. Bildung des Embryo's bei Oenolhera crassijtes. 
a. Embryosack. b. Pollcnscblaucli. c. Embryo, d. Terminal- 
trieb (punclum vegelalionis Wolff.). e. Kotyledonen. 

Fig. 18. Weibliche Blütbe von Pinus Alles im Länfjsschnitt, aus 
einem etwa \" langen Zapfen, a. Carpellblatt (spätere Bractee 
R. Brown), h. placenta (später offenes Ovarium R.Brown). 
c. JVucleus. d. Beginqendes Inlegtiment (Cupula auct.). e. Em- 
bryosack. Um diese Zeit ist das Carpellblatt schon grün, die 
Placenta aber aus wasserhellem saftigem Zellgewebe gebildet. 

Fig. 19 — 2.3. Zur Bildungsgeschichte von Slalice airopurpurea. 
Fig. 19. Innerer Theil einer ganz kleinen Knospe aa. Stamina. 
i. Carpellblätter. Fig. 20. Etwas späterer Zusland. a. Vier noch 
getrennte Carpcllblälter. i. Anfang der Eibilduug. c. Steile des 
fünften abgeschnitlnen Carpellblattes. Fig. 21. Junges Ovtilum 
bei welchem die erste Anschwellung zur Bildung des innern 
Intcgumenfs schon angedeutet ist. Fig. 22. Späterer Zustand 
im Längsschnitt. Das innere lulegumcnt a. hat schon den gan- 
zen Nucleus b. überzogen, das äufsere Integument c. fängt kaum 
an sich zu zeigen. Fig. 2-3. Noch später a, 4, c wie vor. 

Flg. 24. Ovulnm von Lathraea squamaria bald nach der Befruch- 
tung im Längsschnitt, a. Iniegumentum Simplex, b. Rest des 
Nucleus (Membratia Nuclei B.. Brown), c. Embryosack schon 
mit Zellen ausgefüllt, d. Pollenschläuche, e. Embryo, y. Blind- 
darmähnlicbe Aussackungen des Embryosacks im Parenchyma 
des Eichens. g. Funicidtis. 

Fig. 25. AntherenzcUc von Pinus Abies, vier poUcnbildende Zel- 
len umschliefsend. 

Fig. 25. Pollenbildende Zellen ebendaher nach Absorption der 
Muttcrzelle. Man sieht in jeder ein Pollenkorn. 

Fig. 26. Dieselben nach Einwirkung von Wasser. Zwei Pollen- 
körner sind noch im Austreten begriffen. 

Fig. 28. Ansgetretenes Pollenkorn ebendaher. 

Fig. 29. Zwei pnllenbildende Zellen aus Podostemmi Ceraio- 
phyllum, 

Fig. 30. Pollen von Poäostemon Gerat ophyllum vom Stigma ge- 
nommen mit einem Pollenschlauch. 



Beitrag zur Kenntnifs der Gattungen Campanu- 
laria und Syncoryne (Schlufs. ) 



von 

L. Löwen. 



1. S y n c o r y n a. 
(Hierzu Taf. VI. Fig. 19—28.) 

Von dem Geschlechte Syncoryna Ehrb. kommen an unserer 
Küste zwei Arien vor, S. ramosa Ehrb. (Stipula ramosa 
Sars) u. S. Sarsii nob.') Von beiden erhält man im Anfange des 
Monats Juni gute Exemplare, die Folgendes bcobachlcu lassen. 

Syncoryna ramosa Ehrb. ist durch Sars's Beschreibung 
hinlänglich bekannt; es dürften nur folgende Details hinzugefügt 
werden. Der männliche Polyp (Fig. 19. a.), versehen mit einem 
ganz kleinen Munde, der nicht jene Art Lippe hat, welche wir 
bei der Campanularia bemerkten, trägt 16 Tentakeln um den 
kenlearormigcn Kopf zerstreut, welche von der Länge des letz- 
teren sind. Ihr Bau (Fig. 22.) ist ziemlich unähnlich dem bei 
den Scrtularinen geltenden. Sic sind zwar, wie bei diesen, von 
der äufscrn Membran gebildet, und in ihrer Höhle findet mau 
keine Bewegung einer Flüssigkeit, aber ihre Oberfläche ist voll- 
kommen glatt, und die Iltickerchen sind nicht über ihre ganze 
LSnge zerstreut, sondern an der Spitze gesammelt, so dafs sie 
die Form einer Knopfnadel haben. Die innere Höhle ist, wie 
dort, in Zellen gclheilt, aber die kleinen Querlamellcn, welche 
diese bilden, sitzen mehr unrcgelmäfsig, fast in einer Spirale, 
und sind durch eine schmale, der Länge nach laufende, nicni- 
branösc Coluincllc vereinigt. Au dieser sitzen hier auch die 
kleineu, gcf/iibtcn, aber unbeweglichen Körner. Der Endknopf 
ist ganz bedculcnd, sphärisch, inid nur aus Papillen zusammen- 
gesetzt, deren Natur als Saugwarzen hier deshalb deutlicher zu 
sein scheint, well jede in der Mitte einen kleineu Knopf hat. 

*; Dil- DiaifiiuscD bridrr Art«o siebe am Schlüsse. 
III. JiloK I. n>n.i. 21 



322 

Aufscn um das ganze Capifulum legt sich die äul'sere Mem- 
bran sehr nahe an die innere, welche die Cavität selbst bildet; 
unterhalb des Magens dagcgeu aufsen an dem Stücke, welches 
noch nicht von einer Horniöhre umschlossen ist, verschmälert 
sich der Darm bedeutcud, und hier ist die äufserc Membran durch 
ein cellulüses Gewebe damit vereinigt. 

Die Weiheheu (Fig. 19,4. Fig. 20.), deren eins oder zwei 
an der Basis eines jeden männlichen Capitulums safsen, sind von 
einer höchst merkwürdigen Gestalt. Gleich unter dem untersten 
Fühler des Männchens geht ein kurzer Stiel ab, ein Ausläufer 
aus dessen Darmröhre. Dieser trägt eine glashelle, vier- oder 
fünfeckige Glocke, in deren Innerem ein freistehender, keulen- 
förmiger, gegen die Spitze schmälerer Körper beündlieh ist, wel- 
cher eine mit der Darnirühre deutlich in Gemeinschaft stehende 
Höhle enthält. Dieser Körper ist des Thieres Magen ; er ist in 
der Spitze mit einem sehr kleinen Munde (Fig. 20, a.) verschen, 
welcher von etwa 10 kleinen Erhabenheiten (Fig. 26.), Rudi- 
menten von Mundfühlern, umgeben wird. Er ist seiner ganzen 
Länge nach von einer gelbbraun gefärbten Hülse umgeben, wel- 
che, wie eine genauere Untcrsuclmng crgiebt, aus Eiern besteht, 
die reihenweise dicht hinler einander liegen. Wendet man deu 
l'refsschieber an, so springen sie durch die Haut, welche sie be- 
deckt, mitten auf der Stelle, an welcher sie liegen, heraus, drän- 
gen sich aber nicht nach oben. Die äufserste, glockenförmige 
Hülle besteht aus einer sehr dünnen, glashellen Membran, deren 
iiufsere Fläche ein unregelmäfsiges Netz von feinen, wenig zu- ( 
sammcnhangendcn Maschen (Fig. 24.) und kleine, ohne Ordnung 
und nicht sonderlich dicht verstreute Papillen zeigt. Der obere 
Rand der Glocke ist in vier, bisweilen fünf, Abtheilungen ge- ' 
Iheill, welche durch eben so viele knopfförmige, nach innen und 
unten in Lappen verlängerte Erhabenheiten — Fühler, Randcirri J 
(Fig. 20, b. Fig. 21, o. ) geschieden sind. Von der Basis des Ma- ' 
gens gehen eben so viele Gefäfse ah (Fig. 20, c. Fig. 21, 4.), wel- - 
che entsprechender Weise aufwärts laufen und innerhalb der 
Fühler sich zu kleinen Cavitäten erweitern. An der ganzen 
Länge eines jeden Gefäfses ist die Substanz der Glocke etwas 
dicker, so dafs sie davon ein eckiges Ansehen bekommt. Vom 
Magen des männlicheu Polypen aus durch das Slielcheii des : 



I 

I 

i 



323 

Weibchens in den Ihrigen, und aus diesem durch jene Gefäfsc 
in deren obere Erweiterungen hinein geht eine beständige Be- 
wegung von Kügelehen, derjenigen gleich, welche wir bei der 
Campanularia beschrieben haben, vor sich. Vorzüglich stark ist 
das Gewimmel und sind die vibrircndcn Schwenkungen der Körn- 
chen lebhaft in den letzteren. Unter dem Rande der Glocke, 
und z\viscbcn jenen, lauft rund herum ein Band (Fig. 21, c), 
weiches man für ein Ringgefäls ansehen möchte; aber ich sah in 
ihm nie die Bewegung sich fortsetzen, und betrachte es daher 
vielmehr als einen Muskel. 

Die lebhaften Bewegungen der Glocke bestehen in h.iufigen 
transvcrsellen und seltneren longitudinellen Zusammcuziehungen 
und Erweiterungen, eine Abwechselung der Systole und Diastole, 
denen der Akalcphen völlig gleich. Der Magen bewegte sich 
dagegen unbedeutend. 

Syncoryna Sarsii nob. Einige Tage später, als die eben 
angefübrien Beobachtungen gemacht worden waren, erhielt ich 
diese Art, auch mit Weibchen, deren zwar wenigere da waren, 
aber dagegen in solcher Gestall, dafs ich beinahe vermuthete, 
e» wären die vorher beobachteten, nur nicht ganz ausgebildet. 
Was mir zuerst bcmerkenswerth vorkam, war, dafs sich die 
Weibchen nicht blofs an den männlichen Capilulis befestigt fan- 
den, sondern auch von Bohren ohne Männchen (Fig. 25.) ausgin- 
gen. Bei allen war die GlocUe mehr kugelrund und niederge- 
drückt, und der Magen, ilaschcnfürmig und ohne Eier, machte 
lebhafte Bewegungen, indem er sich bald ausstreckte, bald nach 
den Seilen bog. Die Glocke war oben nicht ganz olTcn, son- 
dern mit einer in der Mitte durchbohrten, der bei Oceania, 
Thaumantias etc. gleichen, llaul (Fig. 25, a.) bedeckt, welche, 
wie es bei diesen (Quallen gesci)icht, sich mit jeder Diastole 
der Glucke einwärts zog. Ferner waren die Randcirrcn hier zu 
langen. l<noligcn. sehr bewegliclien, ausdeiinbaren, hohlen Fäden 
auRgebildel. und an ilcr Basis eines jeden von diesen erschien. 
Ober der Erweiterung des Ijängsgefäfses, ein Punkt von glänzend 
rother Farbe (Fig. 25, b. Fig. 28, «.), ein A uge. wie Ehrenberg 
uns gelehrt hat, dergleichen Organe bei den Eehinodernien und 
Akalephcn zu ilculen. 

Die Arr;6ahl der Weibchen war hier im Verhältnisse zu der 

21 * 



324 

der Mäonchen viel geringer, als bei S. ramosa, und keines der- 
selben hatte Eier. Ich vermuthe deswegen, dafs sie sich, nach- 
dem die Eier entwickelt worden sind, freiwillig ablösen und 
ihr Leben als freie Tbiere fortsetzen. Indessen ward es mir 
nicht möglich, dies zu beobachten; denn alle ferneren Beobach- 
tungen wurden unglücklicherweise abgebrochen, und die Hoff- 
nung, sie erneuern zu können, wurde getäuscht. Zur weitem 
Erklärung mufs ich daher anführen, was zwei ausgezeichnete 
, Forscher von hierher gehörenden Beobachtungea berichten. ^ 

Rud. Wagner*) fand an vielen Individuen der Coryne 
aculeaia Wagn. hinter den Fühlern gröfsere und kleinere ge- 
stielte Knospen, welche, — man vergleiche seine Beschreibung 
mit der nnsrigen — nichts anderes, als Weibchen waren. Seine 
Zeichnung (Fig. 26. ) insbesondere läfst hierüber keinen Zweifel 
übrig. Die Lage der Eier, die vier „Hörner" und die Bewegun- 
gen, „welche ganz denen der Medusen glichen," sind völlig die- 
selben. Als Resultat der Beobachtung ging die folgende Ansicht 
hervor: der Polyp treibt, sobald er selbst so weit ausgebildet 
ist, dafs er fünf Fühler hat, aus seinem Innern nach der Seite 
gerichtete Fortsätze oder Kapseln hervor, welche allmählig durch 
eine Einschnürung gestielt werdcu und inwendig aus dem Schleim 
Eier oder Gemmen hervorbringen; wenn diese reif siud, so fallen 
die Kapseln ab, bewegen sich, die Eier treten heraus, fallen auf 
den Boden und befestigen sich. 

Sars beschreibt in seiner Ictzlen vortrefflichen Arbeil **) 
ähnliche Knospen an Corymorpha nutans Sars. Dicht über den 
langen Fühlern stehen dichotoniiscli verzweigte Fäden, „Eier- 
stöcke," an deren Enden die („uneigeutlich so genannten'-) Eier 
traubenweise sitzen. Diese sind gestielt, oben breiter, und ent- 
halten in ihrem Innern die „wichtigsten Theile eines werdenden 
Polypen," nämlich in der Mitte einen Theil, welcher nach Form 
und Bedeutung der „Keule" (dem männlichen Capitulum) ent- , 
spricht, und am obern, breiten Ende vier Knoten, die sich in- - 
wendig nach unten als Röhren fortsetzen. Der eine von diesen j 



•) Isis 1833, S. 256, Tab. XI •' 

**) Beslfrivelser og Jagttagelser over nogle mäikclige eller nye i 
Havel vtd den Bergenske Kyst Icvende Djr etc. Bergen, 1835. 



325 

Ul allezeit grul'sei-, als die anderen, und endigt sich mit riiuT 
runden Knospe. Diese soll sich, nach des Verfassers Ansicht, 
zum Stiele entwickeln, während der innere Theil zum Polypeu- 
kopfc wird. Denen, welche wir beschrieben, gleichende Bewe- 
gungen bestätigten diese Deutung. 

Wagner'ä Beobachtungen stimmen völlig mit den mciul- 
gen überein, und, hätte er die von Ehrenberg hervorgerul'ene 
Deutinig der ,. Kapseln" gekannt, so würde siclier nichts binzu- 
zufügen gewesen sein. Sars, dessen Erklärung des von ihm 
Gesehenen durch die Ansichten älterer Schriftsteller veranlal'sl 
worden zu sein scheint , hat überdies die vier Gefäfse in dei' 
Glocke gesehen. Beide erwähnen die, denen der Akalepheu 
äliulichen Bewegungen. Aber noch ist übrig, genau zu beob- 
achlen^ wie die Weibchen sich frei machen und die Eier sich 
entwickeln. 

Lebhaft erinnern diese Gestalten der Weibchen an verschie- 
dene Medusen, z.B. Cylaeis ieirasli/la Eschsch. '); sie sind viel- 
leicht bisweilen mit ihnen verwechselt worden. Die Analogie 
der äufscrn Glocke mit der „Scheibe" der letzteren, die vier 
Geföfse, die Uandcirren, die Lage des Magens, Alles ist gleich **). 

Die Vergleichuug mit den Weibchen der Cumpanularla bietet 
folgende Aehnlichkcilen und Verschiedenheiten dar. Beiden ge- 
mcinsehalllich sind: eine äufsere, sackförmige, glaslielle Hülle, 
deren Rand Fühler (Cirri) trägt, und in deren Wänden Gefäfse 
dcu ^alirungssaft ans dem Magen führen, wclclicr selbst ent- 
standen ist durch ein liervorsprossen aus des Thii'res gemeiu- 
sbaftlicher Darmröhre und von Eiern umgeben viird. Aber die 
unähnlicbe Form der äufscrn Hülle, die verschiedene Anzahl der 
PBhIcr, die Anwesenheit von Augen, wenigstens bei Syncorytia 



•) Sjstpm der Acalcphen, Tab. 8, Fig. 2. 

**) Noch merkwürdiger crsclicint uns diese Afhnliclikeit, wenn wir 
die Slrohila ocloradiala San. nach Sars's neui-steii Beobaclitungeu, 
(. a. O. S Iß, Taf 3., vergleichend betrarhlcn. l)ie«K vülli^ acalcplicn- 
Ibnlirhen Thicri', welch« in Menge aus diin Kürpcr eines Polypen lier- 
vorvrai liaen, «■elrliir das ganze Anstlin und dii- Organisation lini'S Ily- 
Hrin'« bat, -- selii-n wir nirlil in ihnen finr so anlorkiride Analogie mit 
Hyncori/na, daf« wir nicht ander», als njit grofsir ScIinRuclit, der Kennt- 
aih iliri-r tvritrrrn Entwickelung rnIgegi'nKi-lien fcönnt-n? 



326 

Sarsii, die Lebhaftigkeit der Bewegungen bei dieser Gattung, 
die fast völlige Unbeweglichkeit der Campmmlaria , das wahr- 
scheinliche Freiwerden der Erstcren , das rälliselhafte Verschwin- 
den der Letztern — Alles deutet auf wichtige Veischiedcnheiten. 
Wenn einmal die Entwiekclungsgeschichte der Tubularinen be- 
kannt sein wird, dann wird eine künftige Systematik von ihr 
und von den oben erwähnten Unähnlichkeiieu die Charaktere 
für neue Ordnungen entnehmen. 

Diagnosen der beiden Arten. 

1. Sy ncoryna rainosaFAivh. Sesquipollicaris, tubutis y,,'" crassis, 
rugnsis, gemmis arrectis, flexuosis fruticiifosa et iritricata; ^ tentaculis 16; 
Q elongato-campaniilatis, coecis, campaniila aperta cirris evynidis. Hab. 
io fundo pctroso inter ostreas et algas, piofunilit. 12 — 16 org. 

2. Syitc. Sarsii Low. SeiTiipollIcari.s, capiliacea, tubulis ,^"' — -j^"' 
crassis, laevibus, gemmis elongatis arrectis parce raraosa, ^ tcnt. 10 — 16; 
9 globosis, cirris elongatis, ocalis exquisite rubrisj campanuja membraDa 
perforata clausa. Hab. in tissuris rupiam, ctiam in aqua stagnante ad in- 
sulam Masskür etc. Bahusiae. 



Erklärung der Figuren auf Taf. VL 

Campanularia geniculal a (Serlidaria genicttluta Müll.) (f. 

tig. 1, männliche Zelle mit einer mänuliclieu Knospe. 2, leere 
männliche Zelle mit ihrer Scheidewand. .'3. die Scbcidewand 
von der Seite. 4. ein Fiililer. 5, 6, 7, der Mund in verscliie- 
deneu Stellungen. S, der auf der Scheidewand ausgebrcitelc 
Pyloruslbeil des Magens. 9, eine neugebildctc Zelle. 10, eine 
ähnliche, noch mit einer buchtigen Haut bedeckte, wäbrend 
das eingeschlossene Tliier sich ausbildet. 

Campanularia geniculata 2 und Junge. 

Fig. 11. weibliclie Zelle. 12, der obere Tlioil einer solclien, 
nachdem die Weibchen hciaus sind. 1.3. eine ähnliche. 14, ein 
freies Junges oder Larve. 15, ein Junges, welches sich kürz- 
lich fcstgct/.l hat. 16, ein ähnliches mit neu angefangenem 
Stamme. 17, ein ähnliches, mehr entwickeltes, IS, verschie- 
dene Formen von Jungen. ^ 

Syncoryna ramosa Ehrenb. ^f $ und Syncoryna Sarsii 
nob. $. 
Fig. 19, Synvor. ram. Ehrenb. cT 2- 20, dieselbe $ 21, der 
Rand der äufseren Hülle des Weibcheus. 22, ein cT Fühler. 
2.3, die rudimentären Mundfühlcr des Weibchens. 24, ein Stück 
der äufserstcn Haut. 25. Syncm-. Sars. nob. $. 26. 27, deren 
Mund mit den Fühlern. 2S. die Basis eines Kandeirrus mit 
dem Ansc. 



Ueber die 
Fortpflanzung des Pteroptus l'espertilioms Dul'our 



von 

Chr. L. N i t z s c h. 



(Hierzu Taf. VUI. Fig. I— III.) 

illaii findet auf der nackten Flugbaut unserer Fledermäuse 
sehr gewölmlicli, jedoch meist nur sparsam, eine, das haarige 
Fell durchaus meidende Schmarotzer - Milbe, welche seit 
Frisch von mehreren Schriftstellern, tbeils unter dem Namen 
Acaru» Vesjjerlilionis beschrieben und abgebildet, von Latreille 
zur Gattung Gamasus gezogen, von Leon Dufour aber Ptero- 
plus Vesperlilionis genannt vfurde *). 



*) Friscli, Infekten VII. 12. tab. 7. Fledermaas-Laus. 

Linne, Fauna suecic. edit. sec. Pediculu» Vesperlilionis. 
— Sy*tema natnrae edit. XII. /. AcaTus T'eapertifionis. 

Baker, BiMtr. z. Gebr. d. Mikrosk., aus dem Engl, übers. 528. lab. 
XV. E. F. G. Die Laus einer Fledermaus (Lotise uf Ihe Bat). 

Güzc, in Beschäftig, d. Berl. Ges. naturforscii. Freunde. II. 259. 
Üb. 7. lig. 3 — 7. 

Schrank, Fauna buica III. 207. Fledermaasmilbe (Acorus 
Vapertilionii). 

Herman, .Wem. aplerologii/ue. 84. tah. 1. f. 14. Acaru» Veiper- 
tUimit. 

Latreille, Venera Crutlac. et Inscct. I. 147. Gatnasus Vesper- 
lilionis. 

Leon Dufour, in Annales des scienv. naliir. XXVI. 98 u. 257 
Pleroptus Venpfrlilivnis. 

Audouin, ebenda lume XXV. 402. iah. IX. f (i— 10. Pleropte 
dr C/uinre - »ouris. 

Duf^<--s, Itei/ifrchcs sur Vordre des Arariens rU\ in den .tnnttles 
dti Mfienr. nat. Zool. litme I. 5 u. 144 . wo ,-imi:Ii der Cr.'iUung l'leroptus 
gedacht wird, habe ich leider ndclt iiieliL benutzen können. 

.Sundcv.'iil. Cuntperliis .■traiitnidiim p.^il. Pleroplus. 



f 



328 

Wiewohl ich diese Fledermaus -Milben einigemal ziemlich 
häufig auf Vespertilio Myotis uod V. Daubetilonii vorfand, so bin 
ich doch bis jetzt nicht im Stande gewesen, mich mit ihrer Un- 
tersuchung ernstlich zu beschäftigen uud derselben so viel Zeit 
zu widmen, als nöthig gewesen wäre, um manche in den vor- 
handenen Beschreibungen gebliebene Lücken auszufüllen, beson- 
ders die erheblichen Verschiedenheiten, welche die gegebenen 
Darstellungen solcher Milben bemerken lassen, nach Aller und 
Geschlecht gehörig bestimmen und über ihre sehr wahrschein- 
liche specifische Ucbereinstinifnung entscheiden zu können. 

Indessen habe ich vollkommen ausgemillelt ; dafs der 
Pteroptus vespert ilionis keineswegs eicrlegend (wie 
Göze glaubte) *), sondern Icbendig-gebäreud ist; dafs 
derselbe nur ein Junges auf ein Mal gebiert; dafs die- 
ses gleich mit acht Füfsen zur Welt kommt, aber als 
jüngerer Foetus oder Embryo nur sechs Füfse hat, 
also im Mutterleibe schon eine Verwandlung erfährt, 
welche bei vielen andern, namentlich auch parasitischen Milben- 
gattungen erst nach der Geburt oder dem Ausschlüpfen aus dem 
Eie vor sich geht. 

Ich hatte diese Vcrhällnisse vermntliet, insofern der Wohn- 
plalz dieses Parasiten die genaueste Untersuchung erlaubt, ich 
aber niemals eine Spur von Eiern oder sechsfüfsigen Jungen auf 



Koch, in Panzer's Deutschlands Insekt, fortges. von Herrich- 
Scliliffcr, Heft 137. lab. 21. Pteroptus acuminatm, und lab. 22. Pte- 
roptus ahominahilU. 

Ich uiilirhisse Geoffroy, Scopoli, Fabricius U.A. anzofUlircn, 
welche diese Milbe nicht selbst gesehen zu haben scbeiiii-u, und nur 
eine entlehrilc .sehr dürftige Bezeichnung derselben oder wenig mehr als 
den blofsen Namen geben, was freilich auch von Linne, Schrank und 
Latreille gilt. Die Gallungsnaraen (^amasKS unA Pteroptus anlangend, 
so bekenne ich, lücht zu wissen, wober der erste genommen ist, und 
wie Pteroptus nacb Hrn. Leon Dufour (a. a. O. S. 98. ) „suceur de 
l'aiie^' bedeuten kann. Da aber der letztere Name, vielleicht eine an- 
dere aii;j:emessene Deutung (gui in ala conspicitur) erlaubt, so habe 
ich denselben niclil ändern wollen N. 

*) Göze nahm unglücklicherweise die schwarzen kugeligen Ex- 
oremcnte für Eier, und bildete sich ein, dafs eine junge Milbe, die er 
daneben fand (und am angef Orte in einer verzerrten Figur dargestellt 
lial) aus eiucm solchen vermeintlichen Ei ausgewachsen sei. N. 



329 

der nackten Flughaut der Fledermäuse wahrnahm, wenn selbige 
auch zahlreich mit alten und jungen Milben besetzt war. Eben 
diese Vermuthung veranlafste mich, im Juni des Jahres 1S25 
einige auf f'esperl llio Dauhentonü gefundene Individuen, welche 
wegen ihres angeschwollenen Leibes trächtige Weibchen zu sein 
schienen, zu öffnen. Wirklich fand ich in jedem dieser Indivi- 
duen zwei bis drei, ein Mal sogar vier als solche leicht erkenn- 
bare Foetus, und zwar theils unreife sechsfiifsige von ver- 
schiedener Grofse, theils meist aufserdem noch einen ausgetra- 
genen, zur Geburt reifcu, mit acht Füfsen, dergleichen in einer 
trächtigen Milbe aber nie mehr als ein einziger vorhanden war, 
welcher freilich fehlte und fehlen muTste, wenn die Muttermilbe 
eben geboren, oder noch keine Frucht so weit ausgetragen hatte. 

Die sech sfüfsigen Embryonen sind weich, milchwcifs 
und durchaus ohne Haare. Ihre eingekrümmten, an die Brust 
angelegten Föfse sind ungegliedert, konisch und am Ende abge- 
stumpft, indem sie des Uaftapparats noch gänzlich ermangeln. 
Die von olien wie von unten gut sichtbaren Palpen ebenfalls 
gliedcrlos, dick, kurz. Der hintere Theil des Rumpfs ragt fufsloa 
und frei gleich einem Abdomen nach hinten hervor und endet 
mit geringer Abnahme der ziemlich gleichen Breite, bei jungem 
und kleinem mehr abgerundet, bei den gröfsern wie queer ab- 
geschnitten, mit einer stumpfen, den Iliulcrraud begrenzenden 
Seilcneckc. 

Bei einem der jüngsten Individuen schien der weiche Pan- 
zer auf der Kückseile noch nicht geschlossen zu sein, wie denn 
u priori schon anzunehmen ist, dafs der Dotter von der Rück- 
Keile eindringt. 

Der ausgetragene achtfüfsige Foetus hat den Rumpf 
nindlich und auf dem Rücken am Rande denilich begrenzt, was 
bei den vorigen noch nicht der Fall war. Jedcrseits sind drei 
stumpfe Ecken desselben angedeutet, eine spitze uujiaare ist 
hinten (diese statt des breiten abdominalarligen Ilintertheils der 
unreifen Individuen). Die Füfse zeigen Gliederung; aber die Zahl 
der Glieder, deren sieben sind, ist, so wie die der eiiigekrünini- 
leii Palpen, schwer genau zu erkennen. i>er llaflapparat ist am 
Ende aller vier Fiiffcpaare deutlich und beslehl, wie bei den allen 
Milben dieser Gattung, aus zwei Krallen und einem breiten, fast 



330 

dreieinigen aber veränderlichen Haftlappcn. Auch die, den sechs- 
füfsigen Embryonen mangelnde Behaarung ist vorn an den Füfseu 
sehr augenfällig. Die Farbe ist gelblich -weifs; die dunkle Zeich- 
nung älterer geborner Individuen, welche nur von einem durch- 
scheinenden Nahrungskanal herrührt, fehlt noch. 

Mehr als die angegebenen beiden Foefusformen hat mir die 
Anatomie dieser Fledermausflügelmilben, welche, im CoUegio vor 
vielen Zeugen auf gut Glück in der Eile unternommen, bei dci' 
Kleinheit der Thicre und der pergamentartigeu Härte ihres Pan- 
zers sehr roh sein mufste, damals nicht eingetragen. Ich bedauere 
zumal, die frühern Bildungsstände nicht untersucht zu haben; 
denn es ist durch die fortgehende successive Ausbildung einzel- 
ner Früchte die Möglichkeit gegeben, in einer Muttermilbe dieser 
Gattung alle Stufen der Entwickelung von der Wagnerscheii 
Keimschicht au bis zur ausgebildeten achlfüfsigen Form zu glei- 
cher Zeit vorzufinden und zu verfolgen. 

Die Abbildungen auf Taf. VIII stellen drei in eiuer träch- 
tigen Milbe beisammen gefundene Embryonen vergröfsert dar. 

Fig. I, ein jüngerer Embryo von der Bauchseite gesehen; vorn 
die Palpen; an jeder Seite drei nach unten gekrümmte stumpfe 

Füfse. 

Fig. II, ein älterer unreifer Embryo, ebenfalls noch mit sechs 
Füfsen, von der Rückseite gesehen. 

Fig. III, ein aasgetragener achtfüfsigcr Foelus von der Rück- 
seite; die Beine, welche wie bei den vorigen, eingekrümmt und 
au die Brust angelegt waren, sind hier hervorgezogen, um sie 
von der Rückseile sichtbar zu machen. Die Nebenfigur stellt ein 
stärker vergröfsertes Fufsende mit zwei Krallen und einem drci- 
cinigen Ilafllappcn desselben Foelus dar. 



f 



Neue.s Genus von Wasserschlangen 

beschrieben 
Ton 

Joli. Jakob Tschudi. 



( Hierzu Taf. VIII. Fig. 1-7.) 

In einigen Sendungen von Amphibien, die Hr. Prof. Seh önicin 
aus Cclebcs erhielt, befanden sich auch mehrere Hydern aus den 
Genera Hydrophis Wagl., Plalums Latr., Pelamys Daud., Acro- 
chordus Hörnst., aufser diesen aber auch eine neue Species tou 
Wasserschlangen, die ich als Typus eines eignen Genus betrach- 
tete und hier näher charakterisiren will. 

Wesentliche Charaktere des Genus: Der Kopt der Schlange 
ist mit Schildern bedeckt, die den Wirbelschild kreisförmig um- 
geben. Die Nasenliicher sind im liinlcrn Hufsern Winkel der 
Nasenschilder *) grofs, balbmondfürmig. schliefsbar. Die Augen 
ziendicli klein, Pupille rund. Zvrei vordere Augenschilder und 
eia Zügehchild sind vorhanden. Der Rumpf ist seitlich zusam- 
mengedrückt, einen Kiel längs dem Hiickcn und dem Bauche 
bildend ; in der Mi*te am dicksten gegen den After zu abneh- 
mend. Die Schuppen äind hcsagonal, auf dem Rücken in die 
rhombische Foim übergehend und lieccn zicgelfurmig über ein- 
ander. Die .Schuppen des Halses sind am kleinsten, werden 
gegen den Kücken zu gröfscr, und am breitesten am Bauche, 
wo sie das Ansehn von kleinen Schildchcn erhalten. Ihre Zahl 
!.4t daselbst 166. Im Oberkiefer sind 2 durchbohrte Giftzähoc, 
hinter diesen kleine, derbe nach hinten gebogene Zäbnchen. 

*) Hirr ilnilirt sich auTsi-r din 'i l'aar Sliniscliilclpr. aucli nucli ein 
Paar >vlrLliclipr IS.iscnKi bililiT, dir aber, nirlit "ic bei de» Coliibroidftii 
■flllirb, Himilcrri zirihchiin dmi Lip|ii-iiscliild und drii vorcbrii Slirn- 
schildiTn lirgiii. also ihrer Lag«' natli Kirilcrale Stinibcliildcr hcifsun 

■«llllMI 



332 

Beschreibung der Species : Der Kopf ist nicht anterschie- 
den, von oben zusammengedrückt, stark nach vorn abfallend, 
sehr kurz und stumpf. Die Maulwinkel gegen das Hinterhaupt 
rasch emporsteigend. Nasenlöcher nicht weit von der Mund- 
kaule abstehend im hintern äufsern Winkel der Nasenlöcher. 
Die Augen sind seitlich, doch hoch oben, miltclmäfsig grofs, 
wenig hervorstehend, rund mit runder Pupille. Ihre Entfernung 
von den Nasenlöchern gleich weit, wie von den Mundwinkeln. 
Eine Linie von einem Mundwinkel zumNasenloche auf der näm- 
lichen Seite gezogen berührt die untere Seife des Auges kaum *). 

Schilder. Das Rüssclschild, sc. rostrale, ist vieleckig, 
ziemlich grofs, unten ausgebuchtet. Die Nasenschilder, sc. 
nascUia, unregelmäfsig sechseckig, die Seiten, mit denen sie ans 
sc. rosirale stofscn , abgerundet; die vordem Stirnschilder, 
sc. front, mit., ziemlich klein, ebenfalls unregelmäfsig hexagonal. 
Die hintern Stirnschildcr, sc. front, post., bedeutend klei- 
ner, als die vorigen, unregelmäfsig viereckig. Das Wirbcl- 
schild, sc. vertebrale, polygonisch, fast rund, ziemlich grofs; 
die Hinterhauptsschilder, sc. occipitatia, ablang pentagonisch. 
Auf diese folgt eine unregelmäfsige Schuppenbildung, neben ih- 
nen liegen die Schläfenschilder, sc. temporalia, länglich un- 
regelmäfsig vieleckig. Die Zügclschilder, sc. lorea, auf jeder 
Seile eins, sind ziemlich klein, fünfeckig, die vordem Aogcn- 
schildcr, sc. ocul. anter., zwei, von deuen das obere länglich, 
das untere mehr quadratisch ist. Die hintern Augenschil- 
dcr, sc. ocularia post., zwei, ziemlich gleich grofs, fünfeckig. 
Die Augenbraunschilder sehr stark entwickelt, ablang pen- 
lagonisch. Von den Ran dsch ildcru der Oberlippe, scut. 
marg. lab. snp. sind die äufscrslen sehr klein, schuppenartig, 
fast cylindrisch, die übrigen länglich rliouibisch oder fünfeckig, 
die Unterlippenschilder, scut. lab. med., herzförmig, schmal. 
Eigentliche Raudschilder des Unterkiefers viere, wovon 
das den Lippenschildern nächste, das längste und rhombisch. 



*) Ich fand fast immer, als sehr constanles generisclies Kennzeichen 
bei den oft sehr schwierig zu unterscheidenden Sippen der Schlangeu, 
das Verhältnifs drs Auges zu einer Linie, die man sieb von einem Mund- 
winkel zum entsprechenden Nasenlochc gezogen denkt. 



Das zweite ist klein, das dritte ond vierte füst gicichlang qua- 
dratisch. Von der Mitte des Unterkiefers l)is zum Maulwinkel 
sind noch vier Schuppen, von denen die ersten regelmäfsig fünf- 
eckig, die nächsten viereckig sind. Die Kinnschilder, scul. 
meniulia, sind grofs, fast rund. Durch die kreisförmige Anord- 
nung der sctil. occip., (empor., supercill., front. post. el an(., um 
das Wirhelscbild bekömmt der Kopf das auirallende Ansehn, als 
wäre er mit einer Krone geziert, wozu die mehr oder, weniger 
rundliche Form eines jeden dieser Schilde bedeutend beiträgt. 
Eben so ist die Anordnung der Scliilder um die Augen mehr 
oder weniger kreisförmig, was dem Kopfe ein sehr schönes An- 
sehn giebt. Die Nasenschilder (siehe Profil Fig. 4.) bilden einen 
Absatz, indem der Kopf bis zu den vordem Slirnschildern eben 
fortläuft, dann schnell abßllt ; was dem Profile den tückischen 
Ausdruck, der den meisten Giftschlangen eigen ist, verleiht. Die 
Schuppen an der Kehle sind ziemlich klein, der Rumpf ist drall 
bis last gegen die Mitte, wo er anfängt zusammcugcdiiickt za 
werden und anschwillt, seine Dicke nimmt gegen den Afler zu 
ab, die Compression bleibt. Die Schuppen am Halse sind klei- 
ner, als am Kücken, wo sie, wie an den Seiten, eine ziemliche 
Gröfse erlangen. Der Typus derselben ist ein regelmäfsiges Sechs- 
eck, sie verschieben sich aber in einen Rhombus mit fast abge- 
rundeten gegenüberstehenden Winkeln. Sie liegen übereinander. 
An den Seiten liegen mehrere Reihen solcher Schuppen, deren 
jede mit einem kleinen hervorspringenden Punkte versehen ist. 
Die Bauchscbildchen sind gegen den Hals zu sehr regelmäfsig, 
schmal, weiter nach der Mitte des Leibes zu werden sie gröfser 
und an der hintern Seite ausgebuchlet , und bilden auf diese 
Weise einen Kiel nach der ganzen Länge des Rauches. Jedes 
dieser Schildchen ist gewöhnlich mit 7 kleinen Punkten bedeckt, 
von denen .3 von jeder Seile her gegen die Mitte des Kiels kom- 
men, das siebente auf dem Kiele selbst steht, oberhalb der sechs 
andern, woduich die Kante, der liänge nach das Ansehn der 
Schenkclpapillen der Eidechsen erhält. Der Afler ist mit zwei 
rhombischen Schildchen bedeckt, die seitlich über einander lie- 
gen. Der Schwanz ist ziemlich kurz, sehr stark zusammengc- 
drückl, ruderförmig. und wenig niedriger als der Rumpf. Die 
Höhe beim After ist die geringste des ganzen Kör|)crs. Die ßc- 



schuppung des Schwanzes ist sehr regelmäfsig. Sie wird von 
grofscn Sechsecken gebildet, die niclit, wie am übrigen Körper, 
aufeinander, sondern nebeneinander liegen. Es sind auf jeder 
Seite sechs Reihen, von denen die oberste und unterste sich um 
die Schwanzkante herumbiegt, und auf der andern Seite fort- 
setzt, im Ganzen also nur 10 voIUtändige Reihen. Das Schwanz- 
ende nimmt ein grol'scs uuregelmäfsiges Schild ein. Die untere 
Schwanzkante ist ausgebuchtet. 

Farbe. Diese Schlange gehört zu den einfarbigen Wasscr- 
schlangeu, deren auch Peron in seiner Reise nach Australien 
Erv^ähnung thut. Sie ist am ganzen Körper braun, scheint die 
Sonne auf sie oder wird die Schlange trocken, so schillert sie 
ins stahlblaue und hernach ins silberweifsc. Die Seiten des 
Kopfes und die Kelile sind gelbllchbraun, die Punkte auf den 
Schuppen sind dunkler als die Schuppen selbst. Ilaulet sich die 
Schlange im Weingeist, so wird sie schmutzigweifs. 
Länge der ganzen Schlange von der Schnauze 

zur Schwanzspitze 30" C" par. 

Länge des Schwanzes 4" 6'" 

Länge des Kopfes 9|"' 

Breite des Kopfes gerade vor den Augen 5J-"' 

Umfang des Leibes bei seiner gröfstcn Dicke 3" 4'" 
Höhe des Schwanzes llj"' 

Höhe des Leibes beim After 9^'". 

Den Zahnbau dieser Schlange anbelangend bemerke icli Fol- 
gendes : 

Im Oberkiefer befindet sich auf jeder Seite ein langer, stark 
rückwärts gebogener sehr fein auslaufender durchbohrler (jifl- 
zahn. Hiulcr jedem derselben sind acht kleine, dcibc, nach hin- 
ten gebogene Zähnchen. Zwei Reihen Gaumenzähne sind vor- 
handen, von denen jede aus 10 bis 12 dünnen, langen Zähuen 
besteht, von denen die ersten stark nach hinten gebogen sind, 
die folgenden mehr, so dafs die vom fünften au unter einem 
äufserst spitzen Winkel mit dem Gaumenbeine zusammenstofsen. 
Die Unterkicferzähne sind zahlreich, derb, kurz, gedrängt, nach 
hinten gebogen. — Von der Lebensweise, Nahrung und Fort- 
pflanzung dieser Hyder ist weiter nichts bekannt. Ihr Vaterland 
ist der ostindische Ocean. 



335 

Genus *) SIeplianohydra mihi. 
Caput subdistinctura, in fronte decÜTe, nares superae, ma- 
gnae, semilunatae, in sculorum nasalium angulo poslico externa. 
Scutum loreum unum. Scuta ocularia anteriora 2. In medio 
truDCO compressa. Squaniae notaei parvae dorsi laterunr- 
qne majores, hexagonae seu rhomboideae imbricatae, gastraei 
magnae hexagonae punctulis pluribus prominulis. caudac uia- 
gnac oblongo- hexagonae postposilae. Cauda lemiformis. Post 
longum telum utrinque dcntcs parvi, densi, leflexi. Dcntes 
palatioi 10 — 12 utrinque reflexissimi. (Corpus in medio in- 
tamescens.) Asia. 

Species. SiepJianoJiydra fusca. mihi. 
St. corpore supra fusco, iufra helvolo-fusco. Long. corp. 30" 6'". 

Erklärung der Figuren. 

I"ig. 1. Stephanohydrii ftisca Tsch. natürliche Gröfse. 

Kig. 2. Kopf derselben von oben — — 

Fig. 3. Kopf derselben von unten — — 

Fig. 4. Profil des Kopfes — — 

Fig. .5. Durchschnitt der Schlange am Hals — 

Fig. 6. Durchschnitt der Schlange am Körper in .seiner gröfs- 

Icn Hübe. 

Fig. 7. Durchschnitt des Schwanzes. 



Filaria? im Gehini eines Eidechsen -Fötus. 

(Briefliche MittheÜung vom Prof Hatlikt'.) 

I In den nachfolgenden Zeilen will ich Ihnen über ciucu Fall 

' Bericht geben, der deshalb, weil bis jetzt, so' viel mir wcnig- 

k oleDs bewufsl, kein ihm ähnlicher bekannt geworden ist, wohl 

' werth «ein dürfte, dem gclehrlen Publikum vorgelegt zu werden. 

I . ■ , . . 

*) Ich zt'igR liier nicht an, ^vclche Stelle dieser Genus im ii.itiiili- 

chen Systeme einnehmen niufn, incleiri ich es, d.'i ilie Sjslein.'ttik der 

Wai»er8clilan(;en, so wie ihre Einreüiung in die Systeme, noch liöilist 

anliefriedi';end ist, später in einer Monographie dieser Familie thun 

werde. 



336 

Wollen Sie ihm eine Stelle in Ilirem Archive gestatten, so wür- 
den Sie mich recht sehr erfreuen. 

Als ich vor einigen Tagen die Eier einer trächtigen Xacsrfa 
agilis untersuchte, und aus dem einen Eie den Embryo, der vom 
Scheitel bis zum Schwänzende gemessen 1^ Linie lang war und 
erst zwei Kiemenspallen besafs, unter dem Mil^roskope betrach- 
tete, bemerkte ich in der wassrigcn Flüssigkeit des Gehirnes, 
das noch eine sehr dünnwandige Blase darstellte, sehs oder sie- 
ben wcifse und überaus kleine, mit blofsem Auge kaum wahr- 
nehmbare Rundwürmer, die sich in der erwähnten Flüssigkeit 
sehr lebhaft bewegten und schlängelnd in dem Gehirne herum- 
krochen oder vielmehr wohl herumschwammen. In dem Ge- 
hirne eines andern Embryo's derselben Mutter fand ich zwei 
solche Würmer, in dem der acht übrigen aber keine. Es waren 
alle diese Würmer von ziemlich gleicher Gröfse, kaum zum drit- 
ten Theile so lang, als das Geliirn der Embryonen, beinahe al- 
lenthalben gleich dick, gegen das eine Ende stärker, als gegen 
das andere zugespitzt, durchaus drehrund, ohne alle Spur von 
irgend einer Hervorragung an der Oberfläche, und im Verhält- 
nifs zu ihrer Dicke etwa so lang, wie Oxyurls vermicularis. In 
der Ruhe wie in der Bewegung zeigten sie sich geschlängelt, 
nie zusammengerollt. Wohl ohne Zweifel gehörten sie zu der 
Gattung Filaria. Leider kann ich weder eine Zeichnung, noch 
auch eine nähere Beschreibung von ihnen mit [heilen : denn der 
eine Embryo, den ich ganz frisch und unversehrt an Hrn. v. .Sie- 
bold nach Danzig absandle, war sammt seinen Würmern durch 
einen unglücklichen Zufall unterwcges ganz zerstört worden, 
aus dem andern aber, den ich anderer Untersuchungen wegen 
vorläufig bei Seite gestellt hatte, waren Tags darauf seine beiden 
Würmer herausgeschlüpft und liefscu sich in dem Glase, worin 
der Embryo aufbewahrt worden war, nicht mehr wiederfinden. 
Offenbar hatten sie sich bei diesem letztern Embryo durch das 
Gehirn und dessen Decken an einer Stelle, und zwar nahe am 
Scheitel, wo diese Theile die geringste Dicke besafsen, durch- 
gebohrt. — Obgleich ich bis jetzt mehrere Hunderte von sehr 
jungen Wirbellhicr- Embryonen untersucht habe, ist mir doch 
früher niemals ein solcher Fall, wie dieser, vorgekommen. 



Beitrag zur Kenntnifs der Trilobiten, mit beson- 
derer Rücksicht auf ihre bestimmte Gliederzahl. 

VoD 

A. Quenstedt. 



JtJetracbtet man die Decke eines Molukkenkrebses (Limiilus). so 
ilodet sieb, dal's die beiden kalkig bornigen ücbildplattrii (KopF- 
and Scbwanzscbild), rings an ibrem äufsern Rande uacli inucii 
unigescblagen, unterbalb nocb eine Zeillang als feste Piaitc fort- 
geben, dann sieb aber in eine dünne Membrane verwaudclii, die 
mit den in der Mitte gelegenen Organen des Tbieres in Verbin- 
dung steben. Zvviscben diesen obern und untern ScbildlamcUen 
befinden sich viele weicbe Theile. Aebnlich ist aucb dasScbwanz- 
und Kopfscbild des Trilobiten gebildet. Die obere ScbildJccke 
des einfachen Trilobiten - Schwanzes schlägt sich nämlich rings 
an ihrem elliptischen hintern Aufsenrande nach unten um, läuft 
noch eine Strecke als feste hornigkalkigc Masse fort, bis sie in 
der Spiudelgcgcnd sich als dünne Membran im Gestein verliert. 
Dasselbe findet auch am vordem geraden Rande so weit Statt, 
als sich die Flossen an das Schild anlegen, vro aber die mittlere 
Spindel des Rumpfes sich mit dem Schwanzschilde verbindet, ist 
es geöflnet. so dals der ganze Schwanz oben voilsländig, unten 
nur zum Thcil vom Schilde bedeckt war, indem die Mitte des 
Vorderrandes und der mittlere Vorderlheil der ganzen untern 
Schildplattc keine Spur einer kalkigen Lamelle zeigt. In dieser 
Gegend waren die weichern Thcile des Tbieres an das Schild 
geheftet. Die iinlcie nnvollsländige .Schildplatfe zeigt auf ihrer 
(Jntcrllächc sehr regclmäfsigc, hin nnil wiericr dicholiiniiicnile, 
Streifen, die dem elliptischcM Aufsenrande seiir genau |iarallel 
lauCcn. Aul dem humugenen Kalke driicklcn sich diese Streifen 

in .litir«. I.B.»ld. fi 



338 

vollkommen ab. Sie geben uns ein Bild von der Membrane, wel- 
che die UnlerscLildplattc auf der Unterseite überzog. So veeit 
die Streifen gehen, so weit geht auch das untere Schild. Die 
zwischen den beiden Platten liegende Bergmassc ist oft gar nicht 
unbedeutend, sie erreicht bei Schwanzschildern von 2 Zoll Durch- 
messer 2 — 3 Linien Dicke. Am Rande des Schildes sind die 
Platten am weitesten von einander cutferni, nach der Mitte hin 
nähern sie sich gegenseitig. Vorbesagte Thatsachen finden sich 
bei den Tnlobiten mit glattem Schwanzschilde, wie Isotelus, 
Trilobites Esmarkii etc. auf das deutlichste vor. Ist die obere 
Schildplatte gerippt, so kann man, die untere Platte schwieriger 
finden, da dieselbe alsdann meist sehr dünn wird, und nur wenig 
Kalk enthält. Vorhanden Ifct sie aber bestimmt. Das zwischen 
den Platten liegende Bergmittcl erscheint auf der Oberfläche 
ebenfalls gerippt, und es ist sehr zu warnen, diese Oberfläche 
des Bergmittels nicht mit der Oberschildplatte selbst zu ver- 
wechseln. Bei Trilobiten mit glatten Schwanzschildern sieht 
man den Abdruck der gestreiften Unterfläche nur so weit, als 
die Unterplatle schliefst, die Mitte der Vorderseile beobachtet 
man nie von derselben, weil hier die weichen Theile vom um- 
hüllenden Gestein aufgesogen wurden. 

Wie das Schwanz-, so zeigt auch das Kopfschild eine obere 
halbmondförmige Platte, welche durch die Gesichtslinicn in das 
Stirnschild und die seitlichen Wangenschildcr gelheilt wird. Ob- 
gleich bei manchen Individuen die Wangen vollkommen durch 
jene Linie von der Stirn getrennt erscheinen, so hängen diese 
Theile doch bei andern derselben Species so genau mit eluander 
zusammen, dafs man glauben mufs, jene Trennung sei durch geo- 
logische Processe erst künstlich herbeigeführt. Diese ganze obere 
Kopfplatte schlägt sich nach vorn um, und bildet eine, vorzüg- 
lich mit den Wangenschildern zusammenhängende untere Platte, 
denn von dem Stirnschilde ist sie durch die Gesichtslinien ge- 
trennt, die sich an der vordem Spitze des Kopfes vereinigen. 
Diese untere Schildplatte zeigt auf ihrer Unterseile wieder die- 
selbe Streifung, wie die analoge am Schwänze, doch laufen die 
Streifen nicht immer genau den äufscrn mehr gebogeneu Rändern i 
genau parallel; zuweilen mufs sie wohl noch durch eine beson- 
dere Naht von den Wangen getrennt sein , denn man findet, 



339 

z. B. von EntomolUhes paradoxissimtisWaU., diese untern Kopf- 
schildplattcn isolirt im Gesleine liegen, aus denen hin und wie- 
der besondere Trilobiten gemaclit sind, obgleich schon die Slrei- 
faug allein uns hinlänglich belehrt, dafs sie keine Oberschild- 
plalten sein können. ( Walilenberg's ßifom. bucephalus iab.l. 
flg. 6. ist die zu Ent. paradoxissimus iah. 1. ßg. 1. gehörige 
Unlerplaltc. ) Zwischen der untern und obern Schildplalte ist 
ein grofser mit ßergmiltel erfüllter Raum für die weichen Theile 
des Kopfes, und um diesen Kaum so geräumig als möglich zu 
machen, schwoll der mittlere Theil des Slirnschildes noch zu ei- 
ner Wulst empor (Glabclta, Stirnerhöhung). Bei Isoietus gigas 
findet sich hinlerhalb der Unterplatte ein scheinbar rings von 
hornigen au ihrer Oberfläche gestreiften Kalkplalten umschlosse- 
ner Apparat, der sich durch mehrere säulenartige Fortsätze der 
überlicgcnden Stirnplatte zu nähern strebt; sein allgemeiner Ura- 
rife ist in der Bigsbyschen Fig. 1. iab. 27. der Tratisact. qf tJie 
Geol. Soc. Vol. I. 2 Scr. ungefähr dargestellt, doch sind die ein- 
zelnen Forlsätie nach oben nicht gezeichnet, über die mich ein 
einziges Exemplar aus Nordamerika nur unvollständig in Kennt- 
nifs seilte. Ob dieses innen hohle Organ frei im Fleische des 
Thicres lag, oder ob es sich durch Fortsätze mit den übrigen 
Scbildplattcu verband, konnte nicht ermittelt werden. Von Mund- 
thcilen ist noch nichts ausfindig gemacht. 

Eines der wichtigsten Organe auf der Oberfläche des Kopf- 
schildcs sind die sich mitten auf den Gesichlsllnicn erhebenden 
Augen, die mit den weichen, zwischen den Kopf-LamcUeu lie- 
genden Substanzen in Verbindung standen. Nach Johannes 
Müller (Meekcl's Archiv 1&29) zerfallen die zusammengesetzten 
Augen der Krustaceeu in zwei Abtheilungen: 1) zusanmienge- 
selzte Augen mit glatter, 2) zusammengesetzte ,\ugen mit f.i- 
cettirter Hornhaut. Beide Arten finden wir auch bei den 
Trilobiten. I>ic IJornhaut gelbst ist eine unmittelbare Fortsetzung 
der obern .Schild -Lamelle des Wangcnschildes. Sie cfliebt sich 
liemlich ^cnkrcchl ai»i der Ebene des Schildes, und wird durch 
die (jesicblslioie genau von dem Stirnschildc getrennt. Bei der 
I erilcn Abtheilung (zusammengesetzte Augen mit facettirler 
Honibaut z. B. Cnlijmene mricroiilipthatma treten auf dieser Ober- 
haut der .\ugengegcnd die grofsen Facetten sehr markirl hervor, 

22* 



340 

und da dieselbe bedeutend dick und wie das ganze Schild mit 
Kalk imprägnirt ist, so kann man die Facetten, so fern das 
Schild des Trilobiten nicht zerstört ist, stets beobachten. Dafs 
über die Facetten sich noch eine glatte Oberhaut hinweggelegt 
hätte, hat man gar keinen Grund anzunehmen, da diese sich 
gleich den übrigen unversehrten Schildthcilcn erhalten haben 
müfste. Sprengt man die dicke facetlirte Ilornhaut weg, oder 
ist sie, wie in manchen märkischen Gesteinen, schon durch geo- 
logische Processe weggeführt, so sieht mau auch noch im ver- 
steinerten Auge die deutlichste Facettiruug, indem jeder Facette 
ursprünglich eine Krystalllinse und ein dahinter liegender Glas- 
körper entsprach, welche tief in das Auge eindringen. Da die 
Facetten bei dieser ersten Abtheilung bedeutend gröfser sind, als 
bei der folgenden, so fallen sie dem unbcwalVneten Auge viel- 
mehr auf. Die zweite Abtheiluug (zusammengesetzte Augen 
mit glatter Hornhaut z. ß. Trilohites Esmarkü) zeigt uns Augen 
mit einer Oberfläche, die von der des Schildes nicht zu unter- 
scheiden ist, nur dafs die Augengegend etwas lichter und durch- 
sichtiger erscheint. Ein Querschnitt darauf zeigt bei sehr wohl- 
erhalteneu Exemplaren, wie sie in den Marken und dem Kam- 
brischen Systeme des Nordens vorkommen , deutlich , dafs die 
Hornhaut in 2 Lamellen zerfällt, von denen die äufsere durch- 
aus glatt, die innere hingegen sehr fein netzartig gestreift ist. 
Denn auf der schmalen Durchschoittsfläche mufs mau eine solche 
Struktur aus den feinen Querstreifen erschliefsen, die sich nur 
auf der untern Lamelle vorfinden, wo das Netz durchschnitten 
wurde; wo hingegen die obere Lamelle beginnt, setzen sie ab, 
und gehen nicht hindurch. Bei der Durchsichtigkeit der obern 
glatten Lamelle sieht man daher in manchen günstigen Fällen 
die feine netzartig gestreifte unlere Lamelle hindurch schimmern, 
nie aber zeigt die Oberfläche der Oberlamelle solche Zeichnung. 
Sprengt man die ganze Hornhaut hinweg, so tritt die Oberflä- 
che des versteinerten Auges fein chagrinartig hervor, mit blofsem 
Auge nur schwer erkennbar, weshalb ich lange der Meinung 
lebte, die Augen dieser Abtheilung seien glatt. An der bei wei- 
tem gröl'sern Klciuhcit der Facetten kann man diese zweite Ab- 
theilung leicht von otsterer unterscheiden. Wunderbar ist es, 1 
wie eine so feine Zeichnang sich auf dem verkalkten Auge er- 



341 

halten konnte. Diese Tliatsachc erlangt dadurch noch gröfseres 
Interesse, dafs Burmeister bei BrancMopas denselben Augen- 
bau nachgewiesen hat, wo zwischen der glatten Hornhaut und 
den Krystalllinsen noch eine feiugegitterte membranöse Haut sich 
vorfand, die unserer gegitterten Lamelle entsprechen würde. 

Der Rumpf zwischen dem Schwanz- und Kopfschilde besteht 
aus Gliedern, die in keinem Tlieile mit einander verwachsen sind, 
sondern im ursprünglichen Zustande durch Membranen in der 
Mitte zusammen gehalten wurden. Zwei Längsfurchen, welche 
den Rumpf zu einem Trilohus machen, theilen die einzelnen Glie- 
der in dveiTheile: den mittlem Spindel theil und die äufsern 
Seitentheile. Solche Glieder waren durch ihre freie Verbin- 
dung geeignet, zu Bewegungs Werkzeugen zu dienen, deshalb 
nennt man auch die Seitentheile Flossen, die an ihrem Ende 
zu einem platten Ruder ausgebreitet sind. Die Flossen sind in- 
nen hohl, bestehen daher auch aus 2 Lamellen, von denen die 
untere in der Spindelgegend wahrscheinlich membranös wird. 
Mau findet die Flossen gewöhnlich in einer übereinandergescho- 
bcnen Lage, und dadurch kann mau sie leicht von den ähnli- 
chen Streifen des Schwanzschildes unterscheiden, die an ihren 
Enden innig mit einander verwachsen sind. Besonders niufs 
man sich hüten, den vordem aufgeworfenen Rand des Schwan- 
zes, so wie den hintern des Kopfes, mit zu den Gliedern zu 
zählen. Dicfs kann leicht geschehen, da diese Theile, so weit 
die Flossen sich anlegen, Gestalt und Ansehn der Flossen zeigen. 
Bewahren wir uns vor solchen Irrungen, so finden sich dieZah- 
Icoverhültnisse der Glieder bei den Trilobiten auf das Bestimm- 
leslc ausgesprochen. 

Ucbcr weitere Organe der ßrucbscile des Tliiercs sind nur 
Vermulbungen vorhanden. Mit Bestimmtheit sind weder Ten- 
takeln, noch Fül'se, noch Frefsvverkzeugc nachgewiesen. Wir 
dürfen dieselben auf der Uiilerscite nur da vcrmuthun, wo die 
untern Schildlunicllcn membranös gi.'wurden sind. Daher müssen 
alle tystcinatisiheri .Slcllungon dii'ser Tliiere nur Vcisuclic blei- 
ben. Jedoch sind die von verschiedeneu Kurschcrn schon längst 
nachgewiesenen Analogieen mit dem indischen Limultis, mit der 
auf ticfcin Meeresgrunde lebenden Seroli* des südl. atlantischen 
Oceaus und mit den l'hyllopudtu unserer Sümpfe unverkennbar. 



342 

Dreizelingliedrigc. 

Trilobites Blumeniachii Brongn. {Calymene). Die hohlen 
Glieder auf der Oberseile ihrer Länge nach tief gefurcht. Rippen 
des Schwanzschildes gespalten. An mehr als zwanzig, beson- 
ders englischen Exemplaren, zählte ich stets bestimmt nur 1.3 
Glieder, gewöhnlich wird, wie die Zeichnungen beweisen, der 
aufgestülpte Rand des Kopfschildcs als 141es gerechnet. Die 
wenig gelungenen Zeichnungen Dalman's Palaeaden Tab. 1. 
Fig. 2. gehen sogar nur 10 Glieder, in der Beschreibung spricht 
Dal mann aber von 12. Es ist dieses der berühmte Dudleij- 
Tritobit für die Silurischc Uebergangsformation von Schweden, 
' England, der Mark bezeichnend. Seine sehr kleinen Augen He- 
lgen zwischen zwei klafTenden Augenlidern, ihr Bau ist aber 
nicht mehr erkennbar. 

Green's Modelle von Calymene calticephala , selenocephala 
und platys aus Nordamerika zeigen deutlich nur 13 Glieder, ob- 
gleich der Schriftsteller ihre Zahlen ganz anders angibt. Alle 
schlicfsen sich durch ihre typische Form, namentlich durch die 
Gestalt ihrer gelobten Stirnerhöhung und durch die klaffenden 
Augenlider sehr eng an Tr. Blumetibachü an. 

Schlotheim's Tr. tenlaculattts, Nnchträge I. Tab. 29. Fig.9. 
auf einem Geschiebe von Ohcrwiederstedt (im Mannsfeldschen), 
den Märkischen Geschieben gleich, ist ein Kopfschild des Tr, 
Bliimenbachü, neben welchem mehrere Individuen von Tenta- 
culites scataris Schi, liegen. Schlotheim war bekanntlich der 
Meinung, dafs diese sonderbaren Tenlakuliten auf den Tuberkeln 
der Stirnerhöhung des Trilobiten gesessen hätten, da es zufällig 
6 Slück sind, die in der Nähe der 6 Tuberkeln liegen; eine 
Meinung, die jetzt kein Forscher mehr mit ihm Ibeilcn wird. 

Vielleicht machen Trimertis delphinocephalus Green, Caly- 
mene polyloma Dalm., Calymene lellatula Dalni. und Asaphus 
fiscÄcr« Eichw. eine zweite Abiheilung unter den 1.3-gliedrigen, 
ihre Glieder sind glatt und nicht gefurcht. Sie sind mir nur 
durch die Zeichnungen bekannt. 

Zwölfgliedrigc. 
Trilobites Ilof/ii Schi, mit tief gefurchten Flossen. Stirn 
sehr breit, Wangen schmal. Daher liegen die Augen sehr seitlich 



343 

unter den meist nocb sichtbaren Augenlidern des Stirnschildes. 
Die kleinen Wangeu, im lebendigen ZustQude wahrscheinlich nur 
wenig mit Kalkmasse imprägnirt, sind meist durch Bergmasse 
verhüllt, sie wurden daher lange für bliud gehalten. Wegen der 
elliptischen Stirnerhöhung machte Zenker ein besonderes Ge- 
schlecht Ellipsocephalus daraus, und allerdings steht die Form 
sehr isolirt. Von der wirklichen Oberschale des Trilobitcn sind 
alle Spuren verschwunden, man sieht daher nur die Oberfläche 
der zwischen die Lamellen eingedrungenen Grauwacke. Die Au- 
gen waren sehr flach, und wahrfcheiulich weich, sonst müfste 
man noch die netzartige Streifung (von den Glaskörpern und 
KrystalUinsen herrührend) in günstigen Fällen beobachten. Denn 
wenn man an einem Trilobiten-Auge die Hornhaut wegsprengt, 
so tritt auch auf dem Auge selbst, die Nelzzeicbunng noch her- 
vor, wie wir oben gezeigt haben. Cambrische Formation von 
Giuez. 

Wahlenberg's Eni. scaraboidis iab. l- Jig- 2. soll eben- 
falls zwölfgliedrig sein, zeigt aber aniHofßi wenig gemeinsame 
Kennzeichen. 

Elfgliedrige. 

Nach den bisherigen Beobachtungen fand sich, dal's alle 
Trilobitcn mit 11 Gliedern stets grofsc zusammenge- 
setzte Augen mit faceltirter Hornhaut hatten, und ich 
kenne umgekehrt noch keine Tbalsache, wo ein Trilubit mit 
solchen Augen eine andere Glicuerzahl zeigte. Hierzu gesellt 
sich ein grofscs stark geripptes Schwanzschild, das sich oft zu 
einer langen Spitze verlängert. Die Rippen des Schwanzschil- 
des nicht dichotom. Sie bilden eine der natürlichsten Gruppen 
unter den Trilobilen, und scheinen sämuitlich mehr dem Siluri- 
scbeu Systeme anzugehören. Denn bei Dudicy, aufGotbland, in 
der Eifcl, dem DillcDburgischeo, auf dem Harze sind sie bekannt, 
deshalb dürften auch die böbniischcn Ucbergangskalke, die mit 
diesen Trilobitcn erfüllt sind, dem Siliirischcii Systeme angehö- 
ren, wenigstens liiidet sicli mit ihnen nie ein Trilobit aus der 
dortigen Kainbrischen die Kalke unlerläufcudcn Grauwacke ver- 
einigt. 

TrilttljUe/i mucroplUhalmits Broiign. (Calyniene). Eifel, Dil- 
lenbnrg, Jlari. Die fcorgfältigc Vcrgicichuug vieler E.xtmplare 



344 

zeigte nie mehr oder weniger als 1) Glieder, was auch alle 
neuern Schriftsteller bestätigen. 

Greeu's Modelle von Calymene bufo und microps zeigen 
deutlich facellirte Hornhaut und 11 Glieder; anchiops und diops 
wahrscheinlich auch hierher gehörig. 

Calymene variolaris Brougn. tob. 1. Jig. 3. A. zeigt 11 Glie- 
der nebst facetlirter Hornhaut. 

Trilohiles caudaUis Brunn., ein Modell desselben deutlich 
11 Glieder und facellirte Hornhaut. Schuan/, - und Kopt'schil- 
der finden sich häufig in den Silurischen Kalkplatten von Dudley 
in Begleitung von Tr. Blumenbachii, so wie auf gleiche Weise 
in den Produktenkalkeu der ölarkcn. Den Asaphvs Hausmanni 
Brongn. halle ich davon nur wenig verschieden, denn die grofsen 
Augen nebst dem gestreiften Schwanzschildo und der feingelob- 
ten Stirnerhöhung sind in beiden durchaus gleich. Asaphus cau- 
daius Brongn. iab, 2. ßg. 4. zeigt deutlich die Trennung der 
Glieder vom Schwaniscbilde an, wo aber der Rumpf sich mit 
dem Kopfschilde verbindet, ist das Thier beschädigt, und hier 
möchte auch wohl das elfte Glied mit verletzt sein. 

Asaphus IVelherilli Green, von Rochester in New-York, elf 
Glieder, aber die Augen verletzt. 

Calymene sclerops Dalm. tub. 1- fig- 1- deutlich 11 Glieder 
und Augen mit facettirter Hornhaut. 

Mehrere Gyps- Modelle bestätigen das Gesetz, darunter das 
eines Trilobiten aus dem Thonschiefcr des VVesterwaldes vom Ka- 
luerkopf iu der Dietzhalze, ohnweit DiUcnburg, dessen Stirn- 
erhöliung gelobt ist. 

Asaphus iimcronatus, selenurus Eat. mit doppelter Schwanz- 
spitze, scheinen elfgliedrlg. 

Calymene arachnoides des Uöninghaus vou Gerolstein mit 
grofsen faeettirlen zusammengesetzten Augen, ist aus 2 Stücken 
ideal zusammengeseizt, daraus wird denn auch die Zahl von 1.3 
Gliedern in der Figur erklärlich; hätte man ihr 11 Glieder ge- 
zeichnet, so würde das der Wahrheit bestimmt näher gekom- 
men sein. 

Zehnglicdrige. 

Trilobiles Esmarkii Schi. (Eni. ciassicauda Wahl.. II- 
laenus Dal,). Glieder, Kopf- und Schwauischild glänzend glatt. 



345 

Unter der glatten Hornhaat treten die niedrigen Augen mit 
cbagviiiarliger Oberilächc deutlich hervor. Ein Querschnitt der 
Hornhaut zeigte zwei Lamellen, von denen die innere netzartig 
gestreift, die obere aber durchaus glatt. Der Bau des Schwanz- 
und Kopfschildcs bei dieser Abtheilung sehr gut beobachtbar, 
uamentlich auch die Slreifung der Unterseite der Unterlamelle. 
Sehr bezeichnend für das Kambrische System des Nordens (Rufs- 
land, Mark, Skandinavien, Nordamerika). 

Eichwald's Cryplonymus JVahlenbergü, Rndolphii, Par- 
A-insonü und lioseniergü bejeichncn denselben Trilobiten. Tri- 
lobites Schroeteri Schi, ist das Schwanzschild desselben. 

Calymene concinna Dalm. schliefst sich zwar durch ihre 10 
Glieder hier an, aber die gefurchten Füfse, das gerippte Schwanz- 
schild, die hervortretende Slirnerhöhung, nähern sie mehr der 
Btumenbachü. Augen stellen sehr hervor mit glatter Hornhaut, 
würde sie weggesprengl. so müfsten bei wohl erhaltenen Exem- 
plaren die Spuren der frühern KrystalUinsen chagrinartig her- 
vortreten. Ob Asophus Dalmanü Goldf. sich von ihr unter- 
scheidet'.' 

Zeuker's Olarion diffraclum soll auch 10 Glieder haben, 
doch nach Stern berg sehr willkührlich aus Bruchstücken zn- 
sammcngcsetzt sein. 

Asupims ceittroTsus Dalm. mit gehürntera Kopfschilde ist 
der einzige, von dem bestimmt 9 Glieder angegeben werden, 
dem Habitus nach ist er übrigens dem Esmarkii sehr verwandt. 

Ach tgliedrige. 

Trilohites corniger«« Schi. (in/. ejyonsM« Wahl.). Gc- 
forchte Glieder, glatte wie Horncr hervorstehende Augen. Die 
obere Hornhaullamelle dünn, läfsl oft die darunter liegende fein 
facellirle durchscheinen. Für das Kambrische System eben so 
bezeichnend, wie Esmarkii, dessen sicligcr Begleiter er ist. Bau 
der .Schilder t^ehr deutlich. 

I/alman's Atupims anguslij'rons uwA frontalis unterschei- 
den »icti wohl nur individuell, und nicht specifisch. Eichwald's 
Cryplonymus Sihlollteimii, It^eissii, I'anderi und JAchtensleinii 
unter sich gleich, von rornif^erus niclit verschieden. 

In ISorilamerika ist Isotelus gigus Dck. glcicli /. megalops 



346 

Green, die Ersatzforni, au welchen sich /. siegops Gr., planus Gr., 
Tril. grandis Boeck., Asaphiis exienualus etc. sehr eng auschlies- 
sen. Der Unterkiefer der vereinigten Wangen ist sehr hreit, 
I nach hinten ausgebuchtet, in dieser Bucht liegt mehr nach oben 
jener vielleicht mit den übrigen Kopfplatten nicht zusammen- 
hängendende Apparat, ebenfalls aus Lamellen bestehend, der 
hinten wieder ausgebuchtet ist, wo Buckland den Mund ver- 
muthet. 

Alle bilden eine sehr natürliche Gruppe, ihre Stirnerhöhung 
ist glatt, läfst sich von den Wangen gänzlich abl.-eben. Die tief- 
gefurchten Glieder sammt dem glatten Schwänze bedeutend hohl. 
Die Streifung auf der Unterseite der Uulerschildlaraelleu sehr 
deutlich. 

Asaphiis laeviceps, palpekrusiis und armadillo Dalm. (ab. 4. 
stehen durch ihre Gliederzabi in dieser Abtheilung, die Glieder 
selbst siud aber, wie bei Esmarkii, glänzend glatt und die Stirn- 
erhöhung flach. Sie gehören ebenfalls, uutcr sich von einander 
nur wenig verschieden, dem Kambrischen Systeme an. Wenn 
bei Armadillo mit breitem Rücken die Längsfurchen nicht sehr 
ausgezeichnet sind (vorhanden sind sie aber gewifs), so ist die- 
ses ein schwacher Grund, den allen eingebürgerten Namen Tri- 
lobiten durch einen viel unzweckinäfsigern Palaeadcu verdrän- 
gen za dürfen. 

Siebengliedrige. 

Asaphus Buchii Brongn. tab. 2. ßg. 2. a. zeigt richtig 
7 Glieder, während mm Jig. 2. c. deren 8 zählt. Das Königl. 
Kabinct hat ein deutliches Exemplar unbekannten Fundortes 
ebenfalls mit 7 Gliedern. Nach Boeck soll es Trilobiles düa- 
lalus Brunn, sein, den Dalman tab. 3. Jig. 1. auch richtig mit 
7 Gliedern gezeichnet hat. Das breite Schwanzschild zeigt we- 
nig markirte, wie Radien von einem vordem Punkte nach dem 
Rande strahlende, Streifen ; die Stirnerhöhung fein und schwach 
gelobt, aber keine facctfirte Hornhaut. Silurische Formation? 

Ogygia Guettardi Biongn. hat wahrscheinlich auch nur 7 
Glieder, denn das erste Glied dürfte nichts anderes als der über- 
geschlagene Hinterland des Kopfschildcs sein, wie Haudstücke 
beweisen. Das Schwanzschild ist durch seine radialen Streifen 
dem des de BucliU sehr verwandt. Silurisch. 



_x 347 

Offi;i»ia Desmareglii Brongn., sclir unbestimmtes Bruchstück, 
üb liieilier gebüiigV 

Einen T-gliediigen Trilobiten aus dem Dudleykalke legte 
V. Deeben im Königl. Kabiuette nieder. 

Die 7-giiedrigen Trilobilen bilden durch die flache feinge- 
loble Sliinerliübung, durch das radialgestreifle Schwan^schiid 
eine sehr naiiirliche Gruppe. 

Sechsgliedrige. 

Asaphiis gramtlaius Wahl. — Asaplms nasulus Dalm. {Am- 
pyx). — Trilohiles Dalmanii Boeck (BIspt. ). — CryptolUhus 
tesselalus Green, sind mir sehr unvollständig bekannt. 
Vierglicdrige. 

Triarthrus Beckii Gr. cast. 34 von Cahooesfalls im 
Staate von New -York und an vielen andern Orten Nordameri- 
ka'«. Es sollen mehrere Species daselbst vorkommen, die nach 
Harlan sich alle durch ihre 4 Glieder auszeichnen. 
Gliederlose. 

Wahrscheinlich ist es, daCs den Agnosten Brongn. (Battus 
Dalm.) die Glieder ganzlich fehlen, wenigstens bat man sich 
von dem Dasein derselben noch nicht bestimmt überzeugen kön- 
nen. .Auch kann mau ihre Augen nicht nachweisen. 

Bis jetzt fehlen denmach in der von den gliederlosen zu 
den drcizcbngliedrigcu Trilobiten aufsteigenden Reibe, die ein-, 
zwei-, drei- und fünfgliedrigcn bestimmt, während von den ncun- 
gliederigen nur Dalmann als einzige Species Uten Asaphxis cen- 
trorstts auffübrl. Aber die bei den Trilobiten vorkommende 
Gliederzahl übersteigt noch die Zahl 1.3. 

V i e r z e b n g 1 i e d r i g e. 

Trilobites SutzeriSuhX., dessen Gliederzahl meist als 16 
aogcgcbeu wird, doch sind die markirtcn Rippen des Schwanz- 
schildes dann stets mit Gliedern verwccbscll werden. Rlehrerc 
deutliche Exemplare aus dem Grauwackcnscbicfer von Ginez 
zeigen nur 14 ticfgefurclilc Flossen und Rumplglieder. Wie alle 
Trilobiten aus der Grauwacke jener Gegend, so sind auch diese 
blolsc Sleinkernc, eine wul.iligc Linie, im hinlern Winkel desWan- 
f;cn<tcliilde.H ciilBpringeiid, und vorn sich zu Tuberkeln erbebend, 
könnte man für die Ge.iicbtsliiiic halten. Zenker siebt diu kcgcl- 
föiniig bcrvoi-stchcudcn Tuberkeln zu den .Seilen dcrSlirucrhuhung 



348 

für Augen an, und machte deshalb sein neues Geschlecht Conoph- 
ihalmus daraus. Mit dem wahren Tr. Sitlzeri kommen zugleich 
Kopfschilder vor, wo unzweifelbare Gesichtslinien seillich Wan- 
genschilder ahtrcnnen, diese Species darf mit jenen nicht verwech- 
selt werden. Dafs die Flossen mit den Uiugeu der Spindel in der 
Gegend der Furche wirklich articulirten, ist rielleicht nur Täu- 
schung, die durch die Steinkerne veranlafst wird. (Wenigstens 
ist hei allco übrigen erhaltenen Trilobiten noch nie eine solche 
Arlicülation bemerkt worden.) 

Calymene Tristani Brongn. schliefst sich durch ihren 
Habitus und durch ihre gelobte Slirncrhöhung eng an. Ihre 
Gliederzahl wird gewöhnlich auch als 14 angegeben. 

Entomolithes gihhosua Wahl, ist wahrscheinlich vier- 
zchngliedrig, obgleich Wahlenberg 15 angicbt. Asaphus 
teiragonocephalus Gr. ist ihm sehr verwandt, und zeigt im 
Modelle, wiewohl nicht ganz evident, 14 Glieder (Green gibt 
l'i an). Beide kommen im bituminösen Alaunschiefer des Ueber- 
gaugsgebirges vor, ersterer in Norwegen, letzterer in New- York. 
Sie bilden unter den vicrzehngliedrigen eine besondere Gruppe. 
(Schliefsen sich vielleicht noch mehr an die folgenden an.) 

Grceu's Dipleura mit 14 tief gespaltenen Gliedern, wie sie 
Green selbst angibt, hat wenig mit den vorhergehenden ge- 
mein. Das Geschlecht ist durch die nur schwach angedeuteten 
Längsfurchen des Rumpfes merkwürdig. 

Hubes timmtgliedrigc. 

Der gröfstc Theil der sogenannten Paradoxiden ist durch 
eine bedeutende Anzahl von Gliedern und durch ein sehr kleines 
Schwauzschild ausgezeichnet. Man zählt gewöhulich mehr als 
14 Glieder. Allein bei vielen ist es wegen Unvollkommenheit 
der Exemplare mit grolsen Schwierigkeiten verbunden, die An- 
zahl bestimmt zu ermitteln. Der schon von Liune gekannte. 

Entomostr. paradoxissimus Wahl. iab. 1. Jig. 1. ist 
nach einem wohl erhaltenen Exemplare aus dem Bjelkiauischea 
Museum gezeichnet. Brongniart iab. 4. Jlg. 1. copiitc als 
Paradoxides Tesshü die Wahlenbergische Figur. Nach diesen 
Zeichnungen (denn leider gibt Wahlenberg die Zahl nicht 
genau an) hätte die Rachis 21 Glieder, und das kurze Schwanz- 
schild mit seiuem Flosseufortsatzc wäre das 22stc. Dalman's 



349 

Beschreibung stimmt damit überein, wiewohl dessen ZcicLnuiig 
lab. 6. Jlg. 3. nur 20 Glieder zeigt. Besonders wichtig wäre 
OS demnach (wenn anders man sicli auf die Schwedischen For- 
scher verlassen darf), dafs das Schwanzschild, wie die 
übrigen Glieder, mit einem Fortsatze Tersehen ist. 
Durch dieses Kennzeichen würde der schwedische sich streng 
vom böhmischen Par. toyigicuudalus Zcnk. unterscheiden, denn 
dieser hat bestimmt nur 20 Glieder und ein Schwanzschild ohne 
Fortsatz, wie nicht nur Zenker's und Boeck's Zeichnungcu, 
sondern auch mehrere Exemplare des Königl. Kabinets beweisen. 
Die Unterschild[)lalte ist eine gerundetquadratische Fläche, von 
deren vordem Winkel seitlich zwei grolse Hörner fortlaufen, die 
Boeck scheu richtig gedeutet hat. Die Streifung des Abdrucks 
zeigt, Oafs wir es mit einer Unterilächc der uuterii Platte zu 
tbun haben, und nicht etwa mit dem Schilde eines neuen Tri- 
lobitcn. VVahlenberg's Eniomolith. bucephalus iah. \. Jig. 6. 
ist, wie schon erwähnt, das entsprechende Uuterschild von Eni. 
paradoxissimus. Da der Umrifs und die Eindrücke dieses Schil- 
des von denen des böhmischen verschieden sind, so könnte die- 
ses einen Grund mehr abgeben, beide als Species zu sondern. 
Die Augen sind sehr flach, aber gewifs vorhanden gewesen, wie 
das Augenlid des .Stirnschildes andeutet. 

Puradoxides pyramidalis Zenk. iah. 4. ßg. T, 17, y würde 
20 Glieder und 21 Flossen zeigen, so dafs wie bei den schwedi- 
schen das .Schwanzschild einen Fortsatz hätte. Jedoch sind die 
Exemplare so unbestimmt, dafs darauf kein sonderliches Gewicht 
gelegt werden darf, ja ich bin im Gcgcniheil eher geneigt zu 
glauben, dafs das Schwauzschild analog deu lotigicaudatus kei- 
nen Furlsalz habe. 

ParaJ. lahm Zcnk. nur unvollkommen, in der Zeichnung 
19 Glieder angegeben, Zenker vermutbct sogar 22. 

Triloli. gracilis Boeck, 20 Glieder? 

Enlomulil lies apinulosus W.ihl. luli. \. ßg. 3. .Spindel 17 
Glieder und 1 .Schwanzscbild, aber nur 17 Flossen, demnach eins 
Schwauzschild keinen Flossenanhang. Dalmann, lab. 6.ßg. 4., 
bildet dieselbe Giiedcrzahl ab, analog dem paraduxianim^ui , was 
zo glauben man ntn geneigtesten sein (iiöchlc. AulTallcnd f^cniig 
■prichl er aber im 'l'cxtc p. 5t) : segmentorum uumei-u» videlur 



350 

clrciier 15, sed ullerhis indaganchis. Brongniart copirl /aJ. 4. 
Jig- S- Wahlcnberg's Figur, und Jig. 2. ein anderes Exemplar. 
Im Texte sagt er: on cample douze atficulalions sur ce qiifon 
peut regarder comine Vahdomen, et six en tout sur la reiniioji 
du porl - ahdomen avec la veritable (jtieue. Er zählt dcuiuacli 
ebenfalls 17 Glieder und ein Scliwanzscliild. Nach der Figur 
zu urlheileu, vTÜrde man freilich nur 16 Glieder und ein Schwanz- 
schild, so wie auch 16 Flossen zählen, so dafs das Schwanzschild 
keine Flosse hätte. Nacli Schlothcimischcn Exemplare darf man 
auch nur 15 — 16 Glieder annehmen. 

Wir können vielleicht bei dieser letzten Abtheilung, die 
zwar eine unbestimmte Zahl, aber doch stets mehr als 14 Glie- 
der hat, gerade diese Unbestimmtheit als gemeinsames Merkmal 
fcsthallcu. Ein verkümmerles Schwanzschild findet sich hei 
ihnen immer, das bei den schwedischen einen Flossenanhang 
haben soll, der den böhmischen zu fehlen scheint. Doch bedarf 
diese Vermuthung noch sehr der Bestätigung. Sämmtliche ge- 
hören dem Kambrischen Systeme an. 

Tvilohites probleniaticus Schi. //. tab. 22. Jig. 8. aus dem 
Zechstein von Glücksbrunnen, ist ein in seiner Sammlung nicht 
mehr vorgefundenes Exemplar. Die Zeichnung ist jedoch einem 
Trilobitcn nicht eben ähnlich. 

Trilobiles bitnminosus Schi. //. tab. 22. ßg. 9. aus dem bi- 
tuminösen Kupferschiefer ist bestimmt kein Trilohit, sondern fällt, 
wenn nicht etwa den Fischzähnen, mehr der Pflanzenwelt aubeim; 
wenigstens scheinen die dicken, oblongen, auf beiden Seiten ver- 
tieften Täfelcben nach Art der Schuppen der Tannenzapfen an- 
einander gereiht. Schlotheim's Figur ist sehr idoalisirt, die 
zwei Furchen haben ihn auf den Gedanken an einen Trilobitcn 
gebracht, die Schuppen gehen jedoch tief hinein, und sind, wie 
bei einer Frucht, um eine innere Axe gelagert. Dafs Conifereu- 
zapfeu im Kupferschiefer vorkommen, darf uns um so weniger 
Wunder nehmen, da sämmtliche sogenannte Fucoiden desselben 
Schiefers, wie die Frankenbcrger Kornähren, bestimmt nicht 
Fucoiden, sondern Coniferen angehören möchten. 

Wäre es zur Zeit schon Bediirfnifs geworden, die noch leicht 
übersehbare Familie der Trilobitcn iu Geschlechter zu Iheilen, 
so dürfte eine gute Systematik in keiner Weise die Zahleuver- 



351 

hältnisse der Glieder verletzen. Auf jeden Fall könnic ein Ge- 
schlecht nurSpecies begreifen, die durch gleiche Gliederzahl mit 
einander verwandt sind. Wie wenig dieses bis jetzt berücksich- 
tigt ist, lehren die verscliiedenen systematischen Zusamrncustel- 
lungen. Ja wir dürfen nicht ein Mal alle Trilobilcn von glei- 
cher Gliederzahl zusammenbringen, sondern müssen selbst aucli 
unter diesen wieder Untcrabtheiluugcn machen, wenn wir 
in der Pcirefaktenkunde consequent dieselben Eintheilungsprin- 
cipe befolgen wollen, welche schon längst von den Zoologen in 
der lebenden Fauna eingeführt sind. Allein abgesehen davon, 
dafs wir eine Menge Organe der untergegangenen Fauna viel- 
leicht niemals werden beobachten können, sind auch selbst die 
möglicher Weise zu beobachtenden noch nicht einmal in so weit 
bekannt, dafs wir darauf ein sicheres Schema gründen könnten. 
Wir behalten daher gegenwärtig noch den allgemeinen iN'amcn 
Trilobiten bei, untergchciden sie nur durch ihre specifische Be- 
nennaug, ohne die schon vorhandenen Geschlechtsnanien zu ver- 
werfen, die auf andere gemeinsame Merkmale begründet sind. 
Welchen EinDufs die Zahlcnvcrhältnissc der Glieder auf die Ge- 
sammlurganisaliou des Tbiercs überhaupt hatten, zeigen einige 
Gruppen auf das bestimmteste. So z. B. die elfgliedrigen, ihre 
Augen sind sämmilich mit einer tubcrculös facettirfen Hornhaut 
überzogen, die einzelnen aus Krystalliuse und Glaskörper be- 
stehenden Facetten verhällnifsmärsig viel gröfser, als bei irgend 
einem Trilobiten mit Gliedern verschiedener Anzahl. Sie haben 
alle ein grofses st4rk gestreiftes Schwanzschild, das meistens in 
einer bedeutenden Spitze endigl. die Glieder selbst sind gefurcht. 
Sic scheinen mehr auf das obere System d-'is Uebergangsgebirges 
lieb zu beschränken. Geschöpfe mit solchen gemeinsamen Kenn- 
zeichen sehen wir dennoch getrennt, die einen unter CnUjmene, 
die andern unter Asaphts aufgeführt. Der sicbcngliedrigc Asa- 
phut de Jluc/iii mit seinem breiten radialgestreiften Schwanz- 
schilde, seiner feiu gelobten Stirnerhöhung ist der Ogygia (,'tiel- 
lurdi wohl verwandt, hat aber mit dem achlglicdrigen Asaphus 
comigerua Schi, wenig gemein '). Dieser beginnt vielmehr wic- 



') LiKiTC Autorität, die »vir dem Namen hinzufügen, wie z. 15. 
Scbl., Duliii. etc., bezieht sich nie auf den gcnorischcn, sondern nui' auf 



352 

der eine neue Reihe, <Icr sich eine Menge achtgliedri^c aii- 
schliefsen. Unoatüilich würde es auf der andern Seite wieder 
sein, wenn man alle Trilobiten mit gleicher Gliederzahl iiuter 
ein Geschlecht bringen wollte. So unterscheidet sich der zchn- 
gliedrigc Trilobites Esmarkü Schi, mit seinen verwandten gene- 
risch von allen bekannten, woUlc man aber den ebenfalls /.ehu- 
^liedrigen Trilobites concinnus Dalm. mit ihm vereinige», so 
würden sich aufser der Gliederzahl wenig gemeinsame Merk- 
male darbieten. Er steht bis jetzt ziemlich isolirt, zeigt mit 
keiner der andern genaue Ver wandschaft, denn er hat die Au- 
gen des Isotelus gigas Dek., die Stirnerhohung des Tr. Uofßi 
Schi., und nur im Allgemeinen die Form der Glieder und des 
Schwanzschildes der Calymene Blumenbachü Brongn., weshalb 
man ihn zu den Calymenen gestellt hat. Allerdings kann man 
zwischen Trilobiten mit verschiedener Gliederzahl zuweilen die 
Verwandtschaft nicht läugncn, so ist der zchngliediige Asaphus 
Esmarkii Schi, dem achlglicdiigen Asaph. laeviceps, palpebrosus 
und armadilto durch das glatte ObcrOächenansehn seiner Schilder 
sehr verwandt, überhaupt der Tolalciudrnck beider sehr ähnlich, 
doch mag uns die Gliederzahl andeuten, noch Kennzeichen zu 
suchen, die auf der Bauchseile des Thicres von der Bergmasse 
verhüllt sind. 



den specifischen Namen, ond anders sollte es billig von keinem Schrift- 
steller genommen werden. Schlotlieim nannte uiisern Asaphus cor- 
nigerus freilich Trilobites cornigerus ; dafs nun Brougniart aus die- 
ser Species einen Asaphus, Dekay einen Isotelus machte, niufs jeder 
Pelrefaktologe wissen, und braucht ihm nicht erst durch Autorität ange- 
deutet zu werden, die Species beifst darum immer Asaphus cornigerus 
Scbl., Isotelus cornigerus Schi. 



Ueber die Gattung P r o c y o n 

vom 

Herausgeber. 



L)ie Gattung der Waschbären ist, so weit unsere jetzige Kcnnt- 
nifs reicbt, nur auf die westliche Hemispliäre beschränkt. Auf 
dem Festlande von Amerika kannten wir seit Büffon nur iwei 
Arten, den Procyon lotor und cancrivorus, von denen der er- 
stere die nördliche, der letztere die südliche Hälfte Amerika's 
bewohnt. W a g I c r lehrte uns eine dritte, mexikanische Art 
(P. Hemandesü), den Mapach des Hernandez, unterscheiden, 
welchen man bisher auf den Lotor bezogen halte. Sie ist dem 
gemeinen nordamerikanischen Waschbären sehr ähnlich, und 
hauptsächlich nur durch die dunkelbraune Färbung derFüfse ver- 
schieden, welche bei jenem beständig schmutzig weifsgrau sind. 
F.lne genauere Kenntuifs dieser Art ist sehr zu wünschen. 

Durch Büffon, welcher die erste Abbildung de» Aguara- 
pope oder Itaton crabier gab, lernten wir dies Thier aus Cayenne 
kennen, durch Azara und Rengger aus Paraguay, durch den 
Prinzen von Neuwied aus Brasilien. Nach Rengger (Naturge- 
schichte der Säügelb. von Paraguay. S. 370.) reicht der Procyon 
ctmcrivortu etwa bis zum 26sten Grade in Südamerika herab. 
Wie weit sich das Gebiet des Map ach erstrecke, bissen wir 
nicht, da man ihn mit dent nordanierikanischen Kuccuon bisher 
verwcchselle. Ueber die geogr.ipliischc Verbreitung des letzte- 
ren liegen uns beslimmlere Na(-Iiriclilen vor. Harlan in seiner 
Fauna ammVuna/'/itVat/.] 8-35. kann hier als keine Autorität gelter», 
da er als das Vaterland des tlaccoon Noidumerika, Mexiko und 
Wesliiiilien angiebl. .Auch zieht er mit Desniaresl nicht nur 
den Mapacli liierlier. sondern .inch den Af^iarnjmpe des A7.ara. 
AI» nördlit'ha Gränzo der Verbreitung giebt er den Onlario-See 

III. Jihrf. I.Dan.l. 2.'i 



354 

an. Richardson, welcher die geographische Verbreitung der 
Säugethiere sorgfältigeren Untersuchungen unterwarf, giebt in 
seiner Fauna boreali - americana ( Pol. I. p. 36.) über den JLotor 
Folgendes: „Das Thier bewohnt die südlichen Theile der Peli- 
distrikte, wo es bis zum Sed River unler 50° Breite gefunden 
wird. An 100 Felle erhält die Iludsonsbay Company jährlich 
aus jener Gegend. Wenn nicht hinsichtlich der Identität der 
Art ein Irrthum stattfindet, so reicht der Raccoon an den Kü- 
sten des stillen Meeres höher nach Norden hinauf, als an der 
Oslseite der Roclcy Mountains. Dixon und Portlock erhiel- 
ten Mäntel Ton Waschbärfcllcn von den Eingeborenen am Cooks- 
River, in 60° n. Br., und Pelze, welche man für die des Raccoon 
hielt, wurden vom Capt. Cook am Nutka-Sund gesehen. Le- 
wis und Clarke sagen ausdrücklich, dafs der Raccoon an der 
Mündung des Columbia -River identisch sei mit dem der Verei- 
nigten Staaten." 

So viel von der geographisclien Verbreitung der 3 bisher 
bekannten Arten. Unsere Sammlung besitzt aufser diesen dreien, 
noch zwei andere Arten, die bisher nirgend erwähnt sind, aber 
sich sehr bestimmt unterscheiden. Die eine derselben, nenne 
ich wegen der aufTallenden Kürze des Schwanzes, welcher etwa 
halb so lang als der des gemeinen Waschbären ist, Procyon 
brachyurus. Sie befand sich sclion in. zwei Exemplaren im Be- 
sitze des hiesigen zoologischen Museums, als ich bei demselben 
angestellt wurde. Da sie lange Zelt als die einzige Art die 
Gattung Procyon in unserer Sammlung repräseutirte und dem 
gemeinen Waschbären bis auf die verschiedene Sehwanzcslänge 
ausnehmend gleicht, so ist es nicht zu verwundern, dafs sie 
Anfangs für diesen genommen wurde. Sic ist es auch, welche 
der kurzen Cbarakteristik des Waschbären in meinem Handbu- 
chc der Zoologie zu Grunde liegt, wo die Kürze des Schwanzes 
als besonderes Kennzeichen hervorgehoben ist. Die viel bedeu- 
tendere Länge des Schwanzes in Büffon's, von Schrcber co- 
pirter Abbildung fiel mir freilich auf, doch hielt ich sie für ein 
Versehen des Künsllers und unterliefs es die Beschreibungen der 
Schriftsteller zu Ratbc zu ziehen, deren angegebene Maafse mich 
sogleich von der Richtigkeit jener Abbildungen überzeugt haben 
würden. Erst als im Jahre 1S35 der Steuermann, Ilr. Philipp!, 



3S5 

dessen Elfer für die Nafurgescliichte wir so manche interessante 
Bereicherung unserer Sammlung verdanken, zwei lebende Wasch- 
bären aus Neu-Oileans für die Königl. Menagerie auf der Pfauen- 
Insel mitbrachte, ward ich auf eine specifische Verschiedenheit 
beider Formen aufmerksam, und das Absterben eines dieser 
Tfaicrc und eines andern Exemplares derselben Menagerie, machte 
es mir später möglich, mich durch genauere Vcrgleichungen von 
der Richtigkeit meiner früheren Muthmafsungen zu überzeugen. 
Nicht allein die relative Länge des Schwanzes, sondern auch 
dessen Behaarung und Bindenzeichnung, und die Form der 
Schnauze ist bei beiden Arten ganz verschieden. Bei Pr. bra- 
chyitnu ist nämlich die Behaarung des Schwanzes äufserst dicht, 
bei Pr. loior ungleich lockerer. Bei Pr. lotor sind die Binden 
vollständig, umgeben den Schwanz auf der Ober- und Unter- 
seite, bei Pr. brachyurus finden sieb nur halbe Binden, d. b. 
sie amgeben nur die Oberseile des Schwanzes, sind auf dessen 
Unterseile unterbrochen. J)a überdies die Zahl der Binden bei 
beiden Arten dieselbe, nämlich 6, ist, so folgt daraus ferner, dafs 
die Binden auf dem kurzen Schwänze des Pr, brachyurus viel 
dichter zusammen stehen. Hiermit fällt zugleich die Besorgnifs 
weg, dafs der Schwanz der kurzschwänzigen Waschbären nur 
verstümmelt sei. Endlich ist auch die Schnauze derselben un- 
gleich dicker and stumpfer. Sie stammen aus der Menagerie ei- 
nes Hrn. Boisset, und haben auf der Etiquctte, wahrscheinlich 
nach Aussage des früheren Besitzers. Westindien als Vaterland 
angegeben. Ist dieser Angabe zu trauen, so hätten wir in die- 
Art den von Hans .Sloane erw.ihnlcn Waschbären der An- 
tillen •). 

In tieferes Dunkel gehüllt ist dag Vaterland der andern no- 
beschriebeneo .Art, von welcher das hiesige zoologische Museum 

') Hans Slaone {Sal. Hill, of Jamaica p, .329.) s.igt: „T)ie liac- 
eooiu are commonly here in llie Moiinlains aiiil live in liollow ßddlc- 
Vüod treety frttm whent-e thftj mähe patht lit go to teek xugar caneg., 
vhirh is their rAi'r/", if n»i onli/ tuileTtanrr.^* — llicrbci ist .tbor nicht 
aafMT Ai.Ui zu laNAi'n. ilafa Slonii«* Uay's Synopsis ritirt drssen Be- 
•cbreiliun^ IIiiIIh aus rif;i'iji-r Auscliauun^, tljcils aus Marl [^r als Be- 
•clireibiin;; tlcn Conti zuHaiiinifn^fwf-lit iijt. Das VnrliandciiKcin finer 
froryon Arl in ^V'cstindien ist nach dirtcr yudle iairncr nur prgble- 
matiirli 

'23* 



356 

nur ein Exemplar durch den verstorbeneu Naturalienliändler 
Becker in Leipzig mit der Bezeichnung : TJrsus lotor empfing. 
Er stimmt mit dem Pr. lolor in der Länge des Schwanzes ziem- 
lich iiberein. aber dieser ist ebenfalls viel dichter behaart und 
besitzt eine minder deutliche, auf der Oberseite fast verloschene 
Biudenzeichnung. Ueberdies hat er eine kürzere Schnauze, kür- 
zere Ohren und schlankere Beine als Procyoti lotm; und zeicii- 
net sich durch die einförmige, glänzend dunkelbraune Fär- 
bung seines reichen Pelzes aus. Eben weil der Pelz so auüal- 
lend schöner ist, möchte ich kaum glauben, dafs es diese Art 
sei, welche sich im Westen der Rocky Mounlains findet, da die 
Verschiedenheit und ungleich schönere Beschallenheil des Pelzes 
den von Richard so n erwähnten Reisenden sicherlich aullallend 
gewesen wäre. 

Hauptsächlich in der Absicht, die Aufmerksamkeit der Na- 
turforscher auf diesen Gegenstand zu lenken, und in der HolT- 
nung, über das Vaterland der Arten nähere Auskunft zu erhal- 
ten, welche die geographische Verbreitung der Arten, diese Haupt- 
aufgabe der speciellen Zoologie, feststellen könnte — theile ich 
diese Bemerkungen hier mit, indem ich eine ausführliche Mono- 
graphie der Gattung einer späteren Zeit vorbehalte. Die Abbil- 
dungen der beiden neuen Arten habe ich Hrn. Prof. A. Wag- 
ner für die Fortsetzung von Schreber's Säugethieren mitge- 
theilt, wo sie bald erscheinen werden. Um jedem RlifsgriU'e 
vorzubeugen, füge ich die Diagnosen und kurzen Beschreibun- 
gen der fünf Proci/o«-Arten hinzu, ohne mich auf die mancher- 
lei Irrthümer ciuzulassen, die sich hinsichtlich der Synonyniie 
der Arten in den zoologischen Schriften linden, da sie sich aus 
meiner Auseinandersetzung von selbst ergeben. 
1, Procyon Lotor. 
P. flavcscenti-griseus, nigro variegatus, pcdibus ilavcscenli- 
griseis, cauda mediocri, laxa, Inlveseeuti, apice aunulisque sex 
integris fusco-nigris. America septemtrionalis. 

Fischer Syn. Mamni. p. 148. excl. Syuonymo Mapach. 

Kürperfarbe gelblicbgrau mit schwarzbrauner Beimischung. 

Die Borstcnliaarc au der Basis braun, in der Milte graugelblich, 

von der Hülfte ihrer Länge bis zur Spitze schwarz, wodurch 

die schwarzbraune Farbe auf dem Rücken und den Seiten des 



367 

Rumpfes die vorherrsrhcnde wird. Nur in der Gegend des Vor- 
derarmes sind die Borstenhaare einfarbig gelblich weifsgrau, so 
auch ein Busch in der Ohrgegend, der hinter dem Ohre von 
einem braunschwarzen Flecke begränzt wird. Der Wollpelz ist 
graubraun, der von der Stirn zur Nasenspitze verlaufende Streif 
und der das Ange umgebende Fleck sind schwarzbraun, die 
zur Schläfe verlaufende Binde über den Augen, die Seiten der 
Schnauze und dag Kinn sind nicht reinweifs, sondern mehr 
gelblich wcifs. Vorderbeine und Vorder- und üinterfüfse sind 
bräunlicligelbgrau, die langen IJaare des Unterschenkels und der 
Unterarme über der Fufswnrzcl tief dunkelbraun. Der Schwanz 
ist bis zur Spitze fast gleichförmig dick (etwa 3" im Durchmes- 
ser), locker behaart, graugelb, endigt mit schwarzbrauner Spitze 
und ist von 6 schwarzbraunen Querbinden vollständig umgeben, 
von denen nur die der Basis zunächst stehende auf der Unter- 
seile unterbrochen ist. Die Schnauze ist ziemlich spitz, die ver- 
kehrt eiförmigen Ohren haben fast die halbe Kopfeslänge. 
Länge von Kopf und Rumpf beim Männcheu 2 F. a"/ 
Länge des Schwanzes 10" 

Länge des Kopfes von der Schnauzenspitze bis hin- 
ter das Ohr 5" 
Länge der Schnauze vom vorderen Augenwinkel 

zur Nasenspitze 2" 

Breite der Schnauze vor den Augenhöhlen 1" 6'" 

Breite der Schnauze am Hundszähne 1" 1'" 

Länge der Ohren 2" 1'" 

Weibchen. Länge von Kopf und Rumpf l F. 8" 

Länge des Schwanzes 9y" 

2. Procijon liernandesii Wagl. 
Alhido-griseus, fusco varicgalus, pedihus fuscis, cauda mo- 
diocri, fulvescente, apicc annulisquc 6, infra subiuterruptis (.') 
fusco -nigris. l'atria: Mexico. 

Pronjmi llernantlesii Wagl. Isis 1831. p. 513. Schrebcr's 
Säugclliicrc. Taf. 143. A. Suppl. 

Die Körperfarbe ist wcifslichgrau mit Schwarzbraun mclirt, 
fälll nach di^- Mille iIcs Rückens mehr ins Schwarzbraune, au 
den .Seilen mehr ins Wcifsc, denn das lange Borstenhaar des 
Kückens ist an der Baitis braun, in der Mitte wcifs, und von der 



368 

Hälfte seiner Lauge bis zur Spitze schwarz, an den Seilen des 
Rumpfes, besonders am Obeiarnie und Oberschenkel ist es seiner 
ganzen Läii^c nach, bis zur Spitze hin, schniulzigweifs. Der Woll- 
pelz ist gi'aubraun. Die Spitzen und die dicht behaarte Innen- 
seite der Obren, die Seiten der Schnauze, das Kinu und die 
Binde über den Augen siud nicht gelblichweils, sondern schnee- 
weils ; der Streif auf der Schuauzeumilte und der Fleck um 
das Auge und auf der Wange fällt mehr ins Ka.-^tanienhraune. 
Am meisten unterscheidend ist die tief braune Färbung der 
Füfse. Auch würde der kürzer behaarte, nach der Spitze zu 
merklich dünner werdende Schwanz, welcher mit einem schwar- 
zen Haarbüschel endigt, die Art gut von Pr. lotor unterschei- 
den, iTeoii sich dies als couslante Eigenthümlichkeit aller Indi- 
viduen ausweisen sollte. Die Abbildung in Schreber's Säuge- 
Ihieicn stellt indessen den Schwanz so buschig dar, wie beim 
Pr. lolor. Die fast schwarzen Ringel sind an unserm Exemplar 
anf der Unterseite des graugelblichen Schwanzes unterbrochen, 
und nVo sie fehlen, wie bei P. brachyiti-us , durch eine etwas 
dunklere Färbung angedeutet. Die Schnauzenbildung wie bei 
Lotor, die Ohren mehr länglich, etwas schmäler, so lang, als 
die Entfernung der Schaauzcnspitze vom vordem Augenwinkel. 
Die Art bedarf einer genaueren Prüfung nach mehreren Exem- 
plaren. Das einzige Exemplar unseres Museums empfingen wir 
aus München. Das Gebifs giebt es als eiu junges Thier zu er- 
kennen, welches noch im Zahnweclisel begriffen war. Die Eck- 
zähne sind noch nicht gewechselt, die Vorderzähne sind es zum 
grofsen Theil, uud diesem Umstände mag es zuzuschreiben sein, 
dafs sieh die crenulirte Schneide derselben noch erhalten hat, 
welche dem verstorbenen Wagler so auffiel, dafs er hierdurch 
eine eigene Gruppe der Gattung Procyoti angedeutet glaubte. 
Schon die geringe Gröfse der erst eben durchbrechenden äufse- 
ren Schneldezäline des Unterkiefers, die Anwesenheit eines Milch- 
vorderzahnes und die krüppefige Gestalt der Eckzähne, hätte 
ihn eines besseren hierüber belehren können. 

Länge des Körpers bis zur Schwanzspitze (beim nicht aus- 
gewachsenen Thiere) 17", des Schwanzes 7", des Ohres 1" 6'". 
Ebensoviel beträgt die Entfernung vom vordem Augenwinkel zur i 
Schnauzenspitze. 



3. Procyon irachyurus u. sp. 

Albido-griseus, nigro-fusco variegatus, pedibtra 'griseo-albi- 
(lis, caada bievissima, dcnsissimc piiosa, fulvescent«, auriulis 6 
confcrtis, nigro-fuscis, inferne intcrruptis, apice cxtus fulves- 
centi, medio nigra. Patria: Anlillac? 

Auch diese Art hat im Allgenieiuen die Färbung doä gemei- 
nen Waschbären. Die Korperfarbe ist wcifslichgrau niitSchwarx- 
brauii mclirt, auf dem VorderrUcken ins Gelblicbgrauc, auf dem 
liiulcrnickcn mehr ins Schwaribraune fallend; die Conturhaarc 
des Rückens in der Mitte \veifsgrau an der Spilxe schwarzbraun 
ivie beim Lotor und P. Uernandesü, am Vordcrriickcn nimmt 
das Weifsgrau der Mitte, am liintcrrückea das Schwarzbraun der 
Spitze einen grüfseren Raum ein, daher die oben angegebenen 
Nuancen. An der Unterseite des Halses, am Bauche, an den 
Vordeibeinen , am Oberschenkel sind die Conturhaare einfarbig 
weifs. Vorder- und Uintcrfiil'se siud hell weifsgrau. Der Uu- 
lerschcukel hat, wie bei den beiden verwandten Arten eine 
schwarzbraune Farbe, theils von dem durchscheinenden schwarz- 
braunen Wollpelze, thcils durch die langen schwarzbraunen Enden 
der Conturhaare; aber diese Farbe hat nicht die Ausdehnung, 
wie beim P. lotor, sondern reicht in völliger Reinheit kaum 
einen Zoll über dem Hackcngelenk hinauf. Der Längsstreif auf 
der Schnauze, der das Auge umgebende Wangenfleck siud 
schwarzbraun, dieSpitze der.Scbnauzc, das Kinn, die Binden über 
den Augen, die Inneuseile und der obere Aufscnrand der Ohren 
weilsgrau. Besonders aud'allend ist die Form der Schnauze, wel- 
che kürzer, dicker, stumpfer und flacher Ist als beim Pr. lotor. 
Der änfscrst kurze, fast gleicbmäfsig dicke Schwanz ist dichter 
behaart, mit dichter anliegenden Haaren, daher viel dünner als 
bei Pr. lotor (etwa 2" im Durchmesser), hell ockcrgelblich, mit 
6 sehr dichlstehenden Uinden -zur Hälfte umgeben, indem diese 
auf der gelblichwcifsen Unterseite unterbrochen und nur durch 
einen dunkler ockergelben (^uerfleck aiigedculrt sind. DieSpitze 
des Schwunzeb ist ockcrgelblich, in der Mitte schwarzbraun. 
EntCui'uung vom Auge zur Schnauzenspitz« 1" 10'" 

Breite der .Schnauze am Ilund-.zaliiK- 1" •£" 

Breite der Schnauze vor den Augciihühlcu l" 10"' 

l^iingc der Ohren 2" 1'" 



370 

Länge des Kopfes 4j", Kopf und Rumpf 1 F. 9", Länge des 

Scliwanzcs 5". 
4. Procyon oiscurus n. sp. 
Supra e badio nigricans subunicolor, nitore pilorum exiniio, 
infra cineieo-fuscus, pedibus fuscescenli-griseis, cauda mc- 
diocii, densaj supra unicolorc, subtus ciucieo-fusca annuliisque 
uigris sursum evanesccntibus seiniciucla. Palria ignota. 
Die Körperfarbe oberhalb clofach dunkelbraun, auf Hinter- 
kopf, Nackeu, Schulter und Vorderrücken mehr ins Schwara- 
braunc, auf dem Hinterriickcu und Kreuze durch Beiniischung 
vieler kastanieubrauuer Haare mehr jus Kastanienbraune fallend. 
Die Couturhaare des Rückens einfarbig schwarzbraun oder ka- 
stanienbraun, mit äufserst lebhaftem Glänze. Der VVoUpelz dicht, 
graubrauu. Die Innenseite der Ohren und deren oberer Aufsen- 
rand oeifslicli behaart. Der Streif über den Augen zur Wange 
gelbbräuulicbgrau. Der Mittelstreif auf der Schnauze uud der 
das Auge uuischliefsendc, bis zur Kehle hinabreichende Wangeu- 
fleck schwarzbraun; die Seiten der Schnauze uud das Kinn grau- 
lich weifs, mit gelbbräunlicher Beimischung. Vorder- und Iliu- 
terbeine dunkelbraun. Die Vorder- und Ilinlerfiifse hell bräun- 
lichgrau. Der Schwanz hat nicht völlig die halbe Körperlänge, 
ist cylindrisch, dicht behaart, erscheiut dadurch dünner als der 
des geuicinen Waschbären. Oberhalb hat er die Farbe des Rük- 
kens, mit Einmischung vieler einzelnen langen, lebhaft fucbs- 
rolhcn Haaie; unterhalb ist er graubraun, mit vier schwarzen 
an der Oberseite minder deullichen Binden umgeben, deren letzte 
mit dem schwarzen Ende des Schwanzes fast verfliefst. Die 
Schnauze ist kürzer als beim Lolor, ohne deshalb dicker und 
breiter zu sein. Auch die ovalen Ohren sind kürzer, messen 
nur j der Kopfeslänge. Die Vorder- und Hinterbeine sind dün- 
ner, zierlicher als beim P. lotor, daher erscheint er hochbeiniger 
als die grauen Arten. Die Sohlen der Hinterfüfse nicht bis zum 
Hacken nackt, schmäler, als bei jenen; der Hacken behaart. 
Länge von Kopf und Rumpf 2 F. 1" 4'" 

Länge des Kopfes bis hinter die Ohren 4f" 

Länge der Obren 1" 8"' 

Länge der Schnauze vom vordem Augenwinkel 

gemessen 1" 8"' 



i 



371 

Länge des Schwanzes 9\" 

Umfang des Schwanzes in seiner Mitte 7" 

Breite der Schnauze vor den Augenhöhlen 1" 10'" 

Breite der Schnauze am Hundszähne 1" 

Länge der llinterfüfse zum Hacken 3i". 

5. Procyon cancrivorus III. 
Supra cincreo-fulvus, fusco irroratus, sublus albicans, capite 
nuchaque cancscentihus, macula oculum cingcnte fusco-nigra, 
parva, in gcnam haud porrecta, cum opposita supra naribus 
in roslro nicdio conflucnle, fascia siipcrciliari alba fuscescenli- 
cincreis, antibracliiis cruribusque fuscis, pedibus digitisque 
subrasis (parce pilosis) e fusco -cincreis, cauda gracill, griseo 
iiigroque aunulata. America nicridionalis. 

Fischer Synopsis Mumm. p. 149. dessen Citalen noch Rcng- 
gcr's Naturgeschichte der Säugclhlerc vou Paraguay p. 11.3. liin- 
zuiufiigen ist. Körperlänge 2 F., Schwanz etwas über 1 F. 

Die Beschreibungen, welche uns die Scbriflsteller von Pro- 
cijoti cancrivorus geben, sind keinesweges übcrciustimmend. Das 
Exemplar unserer Sammlung pafst in allen Punkten zu der von 
Sr. Durcblauclil dem Prinzen vou Neuwied gegebenen Beschrei- 
bung dieses Thicres. Mit dem Procyon lotor verglichen erscheint 
er hochbeiniger; hat, wie der Prinz bereits bemerkt, ein weit 
kürzeres Ohr, kürzere mehr abgcnutzic Krallen und sehr schwach 
behaarte Füfse, welche letztere Eigeaschaft vom Prinzen dem 
Gclicn im zähen Schlamme der Mangc- Sümpfe zugeschrieben 
wird. Auch die Behaarung des Rumpfes ist eine andere, der 
graue Wollpriz ist weniger entwickelt, das Borsteuhaar kürzer, 
starrer. Die Vorderbeine vom Ellbogengelenke abwärts und der 
Uolcrschenkel sind ganz dunkelbraun, was Kcngger (Naturge- 
schichte derSäugethiere von Paraguay p. 114.) nicht allein nicht 
erwähnt, sondern den Extremitäten bis zum Fufse hinab die 
Farbe des Rumpfes zuschreibt. Die 4 Fül'se sind mehr bräun- 
lichgrau. ]>cr Kopf und Nacken haben eine greise, stark mit 
Schwarz geniisclilc Farbe. Der Umkreis des Mundes ist wcifslich. 
Eine wcifse Binde zieht sich von der Stirn über das Auge zur 
Wange bin. Von einem weifscn Flecken hinler dem Auge, des- 
icu Nichicrwähnung Rengger dem Prinzen von Neuwied vor- 
wirft, zeigt auch uuser Exemplar keine Spur, eben so wenig 



872 

den von Büffon erwähnten weifsen Stirnfleck. Besonders cha- 
rakteristisch für die Art ist, wie schon Fischer bemerkt, die 
Kleinheit des die Augengcgend umgebenden schwarzbraunen 
Fleckes, der bei den andern Arten über die Wangen hinahreieht, 
hier aber über derselben aufhört, dagegen auf dem Schnauzen- 
rücken mit dem der andern Seife verschmilzt, indem der weifse 
Superciliarstreif hier nicht, wie es bei den übrigen Arten der 
Fall ist, das Auge innerhalb umgiebt. Nach Büffon's Beschrei- 
bung reicht der Wangenfleck fast zum Ohre, doch ist er in sei- 
ner Abbildung noch weit davon entfernt. Auf der Wangen- 
gegend hat das greise Kopfhaar eine mehr bräunliche Beimi- 
schung, SU dafs sich in dem dadurch entstehenden, bräunlich- 
grauen vierseitigen Wangenflecke der schwarzbraune Augenfleck 
bis zur gewöhnlichen Gränze verloschen fortzusetzen scheint. 
Der Schwanz hat in unserem Exemplare von seinem Wurzel- 
ende die Farbe des Rückens ; dann folgen 6 schwarze Ringe, 
welche mit eben so viel gelblichweifsgrauen Ringen wechseln. 
Das Ende ist schwarz. Der Prinz von Neuwied giebt 4 — 6 
schwarzbraune Ringe, Fischer 8 — 9 an. Büffon nennt den 
Schwanz verhältnifsmäfsig kürzer als beim Lolor. was nicht der 
Fall ist, aber giebt ihm 6 schwarze Binden. Nach Cuvier 
Regne animal 2. Ausg. /. p. 138. wären die Schwanzringe wenig 
deutlich. Nach Rengger (/. c.) ist der Schwanz schwarz und 
hat von der Wurzel bis zu seinem letzten Drittheile 3 — 4 gelb- 
lichweifse Ringe. Es scheint also die Zeichnung des Schwanzes 
sehr variabel. Obwohl die Haare des Schwanzes länger, als die 
des übrigen Körpers sind, so ist doch der Schwanz ungleich dün- 
ner als bei den vorerwähnten Arten und nimmt gegen die Spitze 
merklich an Dicke ab. Bei 2 Fufs Körperläoge mifst er etwas 
über einen Fufs. 






Fossile Q u a d r u m ;i 11 e n. 



Xjisher halle man bekanntlich keine sicheren Beweise, dafs es 
in der Voiwelt AlTen, oder überhaupt nnr Quadrumanen gege- 
ben habe. Die neueste Zeit hat die eutschiedenslen Beweise 
für ihr fossiles Vorkommen geliefert. Nachdem Hr. Larlet im 
Januar dieses Jahres der Akademie zu Paris die Entdeckung 
eines fossilen .Allcn-Unlerkielers in der Terliärformation von San- 
saa bei Auch angekündigt und später auch (am 7. April) eine 
vollständige Beschreibung und Abbildung einj^csundt halte, sind 
von ihm auch die in seinem Schreiben erwähnten Gegenstände 
der Akademie zugestellt worden, und eine Comniission derselben 
aus den Herren Dumeril, Flourens und Blainville beste- 
hend, hat am 26. Juni darüber Bericht erstattet {Compte rendu 
etc. 18.37. JVr. 26. p. 981 fg. mit Abbildung des erstgenannten 
Unterkitferfragmcntcs). Die fossilen Reste bestehen 1) aus einem 
fad vollständigen Unterkiefer, an welchem nur der Endtheil der 
uufsleigendci Aeste fehlt, 2) aus einem Backenzahne, .3) dem 
Vorderende eines Unterkiefers, gebildet von der vordem Hälfte 
der Aesic ncbsl der ganzen Synipliyse mit den Zähnen und ih- 
ren Wurzeln, 4) aus einem os cuboideum des rechten Fufses, 
5) einem zweiten Fingergliedc. Die beiden Obcrschenkelkuo- 
eben, welche Hr. Lartet ebenfalls in seinem Schreiben als ei- 
nem Quadrumanen angehörig angekündigt halle, sind von ihm 
nicht cingC8an<lt. l>cr zuerst erwähnte Unterkiefer hat vom 
Ende der Vorderzähue bi» zur vorderen Wurzel des aufetcigen- 
dea A»le» 1^^ Zoll. Die breiten Aeste vereinigen sich unter 
einem Winkel von 25", die Länge der Symphyse beträgt 9'". 
Die Seitenaunicht derselben ist schief, weil sie mit der Ebene, 
auf welcher der Kiefer ruht, einen Winkel von 50» bildet. Die 
iuiteet Stile zeigt am Vorderlhcile ein Kinnloch. Die innere 



374 

Seite zeigt eine ziemlich liefe Aiishöblung für Jen JH. genta 
hyoldeiis, obue deutliche Kinnapophyse. Der Uiiteriaiid der Kie- 
feräste ist sehr dick, abgerundet, ganz glatt. Die Zähne schlies- 
sen cu° au einander ohne Zahnlücke, sind fast von gleicher 
Hübe und bilden eine wenig geölTncte parabolische Figur. Sie 
zeigen durch ihren wohl erhaltenen Zustand und durch ihre Zahl, 
dafs sie einem ausgewachsenen Thicre angehörten. Ihre Zahl ist 
die der nienschlicben und der Alfen der alten Welt. Die Vor- 
derzähne vollkommen einander gleich, ziemlich schief, zeigen die 
bei den bekanuteu Allen sich nicht findende Besonderheit, dafs 
sie bis zum Nivöau der Spitze der Eckzähne erhoben sind. Sie 
sind keilförmig, haben eine lange, spitze, nach der Quere zu- 
sammengedrückte Wurzel und eine kurze Krone mit abgestutz- 
ter Schneide. Da sie unter der Krone etwas eingeschnürt sind, 
so lassen sie an der Mitte ihrer Länge eine sehr merkliche Lücke, 
während sie sich mit ihrem Kronenende berühren. Die Eckzähne 
winklig gclreiint von den übrigen Zähnen und kurz, da sie die 
übrige Zaiinlinic, und besonders die Vorderzähne, kaum überra- 
gen, sind von Konischer Form, sehr wenig gekrümmt und nach 
aufsen gelegt, haben hinten einen gehörig deutlichen Vorsprung 
und eine Art liefer Furche an der Hinlerseite, weiche, indem 
sie an dem Vorsprunge aufhört, zu erkennen gicbt (?), dafs der 
entsprechende obere Eckzahn sich mit dem untern kreuzend, 
nicht über ihn hinausreichte, wie bei den meisten Aücn. Die 
beiden falscbeu Backzähne sind fast von gleicher Höhe; der erste 
ein wenig höher als der zweite ist. ganz vertikal gestellt, ohne 
im geringsten nach hinten gedrängt zu sein. Seine Krone bildet 
einen dreiseitigen ziemlich spitzen Höcker, während der zweite 
Backenzahn deren zwei zeigt, von denen der vordere etwas 
stärker als der hintere ist , beide mit zwei obsoleten Spitzen. 
Die drei wahren Backenzähne, noch dichter stehend als die an- 
dern, in Höhe, Breite, Dicke einander last gleich, sind dies 
nicht in der Länge. Der hinlere, welcher leicht ein wenig 
schmäler ist als die übrigen, ist merklich etwas länger, obwohl 
die Differenz etwa nur ein Millimeter beträgt. Die beiden 
ersten zeigen aufser den beiden Paaren zitzenförmiger Höcker, 
welche ihre Krone in ziemlich schiefer Richtung darbietet, »och 
cincu fünften hinteren und äufseren, wie Hr. Lartet richtig 



375 

bemerkt, und was diesen zu der Ansicht bewogen hatte, dafs 
der fossile Alle deu Gibbons angehöre, obgleich dieser Höcker 
weit weniger ausgebildet ist als bei den Langarmen. Der hin- 
terste, etwas schmälere, und merklich längere Backenzahn hat 
aiifser deu vier Höckern in zwei selir schief gestellten Paaren, 
deutlich einen ziemlich kräftigen, last in z\Tei oder drei Höckern 
getheilteu (hinteren) Anhang, etwa wie bei den Makaken, nur 
minder deutlich als bei diesen. Der Unterkiefer gehörte also 
ofl'enbar einem Affen des alten Continents der obersten Genera 
an, wofür sowol die gleiche Breite der Vorderziihne, ihre fast 
vertikale Stellung in einer fast geraden Querlinie, und die kurzen, 
vertikalen Eckzähne sprechen, die sich kreuxlcn, ohne einander 
zu iiberrageu, als auch, dafs der erste falsche Backenzahn kei- 
neswegcs durch den Druck des oberen Eckzabues nach hinten 
gedrängt, sondern ganz Tcrtikal ist, dafs die Backenzähne eine 
JCrone mit stumpfen in schiefen Paaren gestellten Höckern ha- 
ben. Die Deutung des Hrn. Lartet konmit also der ^Vahrheit 
sehr nahe, besonders durch den lür die Gibbons eharaklcristi- 
schen fünften Höcker, da jedoch dieser in dem fossilen minder 
ausgeprägt ist, und der hiuterste Backenzahn desselben eine ver- 
schiedene Proportion zci^l, wie sie sich bei denen der Semno- 
pitheci und Magol's ßndel, so scheint es, als ob der fossile Affe 
eine besondere kleine Abtheilung bilden müsse, es sei denn, dafs 
er hierin mit der Gattung Cololnis, welche die indischen 8eumo- 
pithekca in Afrika ersetzt, übereinstimmt '), deren Gebifs die 
Berichtei stalter nicht vergleichen konnten. 

Der citr/.clnc Backzahn, welchen Hr. Lartet für den eines 
Aflen aus der Familie der Jjapaju hielt, bat allerdings in der 
Totalform und den Proportionen einige Aehnlicbkeit, scheint 
aber eher ein hinterer HiicUerzahn eines bäreuarligca Kaubthie- 
I re» zu sein, und der hinlcre obere Backenialin der Gnllung 
Arclitis zeigte die meiste Aebniichkeil, vier sehr niedere Höcker, 
aber den (aul'scrcn) Ansatz viel mehr entwickelt. Dafs er dem 

*) Am R0|iptir8 freilich «ein- kurzen Bi-scluciburig des Gebisses 

j von Cololjai Guercza hcbi'iut in Jessen bi'rvor/.u,;i licn, dul's zu ilirscr 

I Gattung das Gtbifii df» fu8«ilpn Alfcn niclit |i;ifsl Er scliciiil daher 

eine cigi-ni^ zwiachcn den Gibbons und Senmopilliclcifu mitten Inue 

•tcbcndf Gnippi: zu bilden. Uurausg. 



376 

grofsen jüngst bei Sansan von L artet entdeckten RaublLier« 
angehört habe, läfst seine grofse Kleinheit nicht zn. Auch das 
Os cuboideum wird von den Berichterstattern einem Raubtbiere 
zugeschrieben, desgleichen die zweite Phalanx. Der zuletzt er- 
wähnte Unterkiefer soll keiuesweges einem iMaki angehören, wie 
Hr. Lartet glaubte, sondern entweder einem insectiToren Raub- 
tbiere oder einem schweineartigen Pachydermen '). 

Fast gleichzeitig wurde auch am Uimalaya in den Hügeln 
unweit Sullej ein Fragment der rechten Oberkiefcrbiiirte eines 
Affen von den Lieutenants Baker und Durand gefunden. (Aus 
dem Jotirnal ofihe Asiat ic Society of Bengal. Toi. V. p. 7.39., in 
Land, and Edinburgh Philosophical Mag. Vol. II. Nro. 64. Juli 
1837. p. 33.) Die Backenzähne sind der Zahl nach vollständig, 
nur am Schmelz etwas beschädigt, der 2le und 3le stark abge- 
nutzt. Der Eckiahn ist klein, aber sehr vcrslümmell. Schon 
die Gestalt der Zähne beweiset, dafs sie einem Aifen angehör- 
ten, noch mehr der untere Thcil der Orbila, und der Anfang 
des Jochbogcns, welcher an dem Fragmente erhalten ist. Die 
Vcrgleichung des Gebisses spricht dafür, dafs auch dieser fossile 
Affe der Gattung Semnopit/iecus am nächsten stand. Der tiintersic 
Backenzahn soll indefs nach den Angaben der Entdecker, die 
nur F. C u V i e r's Abbildungen des Gebisses der SemnopUheci 
verglichen, eine kleine zwischenlicgende Spitze von Schmelz 
finterstitial point of ennmelj an der Innenseite der Krone zeigen, 
den sie in jener Abbildung nicht fanden. Die Vorderzähoe feh- 
len ganz, aber der Zwischenkiefer ist deutlich zu unterscheiden. 
Aus dem Umfinge, den die Backenzähne einnehmen (2,15 Zoll), 
scbliefsen sie, dafs der vorweltliche Affe die Gröfsc des Orans- 
Utang gehabt habe. Eine Abb Idung im Uolzschuittc ist a. a. 0. 
gegeben. 



*) Da dieses fossile Bruchstück fast nur aus der Symphyse bestand 
und nur die Vnrderzähne erhalten, Eckzahne und falsche BackcMzähne 
aber bis zur Wurzel abgebrochen and ausgefallen waren, so erklärt sich 
bieraas diese seltsame Alternative. Die gegebene Beschreibung spricht 
mehr für die letztere Deutung, za welcher sich auch die Bericiiterstat- 
ter mehr hinneigen. Heransg. 



377 



Ehrenberg's neuere Entdeckungen über die 
Bacillarien. 

L)afs die mikroskopischen Thierformcn dieser Familie noch im- 
mer ein Gegenstand des Streites sind, sofern sie von mehreren 
Botanikern noch immer dem Pflanzenreiche vindicirt werden, 
ist den Lesern aus dem Jahresberichte (s. diesen Jahrg. Bd. 2. 
]». 25.) des Hrn. Meyen, welcher derselben Ansicht beilritt, 
bekannt. Für diese Meinung schien auch zu sprechen, dafs jene 
Wesen bisher nicht zur Einnahme farbiger NahrungsstolTe, gleich 
den übrigen Infusorien, zu bringen waren. Neulich ist dieses 
indessen Hrn. Ehrenlierg bei den Gattungen JX'avicula, Gom- 
phonema. Arihroilesmus {Scenodesmns MeyeD),ClosteTium acerosum 
gelungen, worüber er in der Sitzung der hiesigen Gesellschaft 
natuvforscbcnder Freunde vom 20. Juni, mit Vorzeigung der dies 
beweisenden Exemplare Bericht erstaltete. Es zeigen sich hier 
ganz dieselben blasenförmigen Magensäckchen, wie bei den 
übrigen polygastrischen Infusorien. Mit der gröfsten Ueutlich- 
keit zählte ich im hellen Mitteltheile einer Navicula gracilis, 
welche Hr. Ehrenberg zeigte, 6 — 7 von blauem Farbesloffe 
strotzende Magensacke. Es ist also mit dieser Entdeckung der 
vollständigste Beweis ihrer Ucbcreinstimmung mit den polyga- 
»Irischcn Infusorien geführt, wofür schon früher die cigenlhüm- 
liche gleitende Bewegung hinreichend sprach, welche sich bei 
mehrern derselben deutlich genug zu erkennen giebt, und sich 
weder den lebhaften Bevvegungen der Algensporen, noch den 
Bewegungen der Oscillatorien vergleichen läfst. Die fufsähnli- 
chen Papillen, welche diese Thierchen ans besonderen Oelfnun- 
gcn licrvorstreckcn und zurückziehen, bemerkt man an mehre- 
ren derselben z. B. ßi'avicula bei Trübung des \\'asscrs ziemlich 
leicht, ebenso sieht man an den leeren Panzern der fossilen die 
erwähnten OefTiiungen mit der gröfscsten Deutlichkeit. 



Elektrische Erscheinungen am Zitterrochen. 

Kleklristhe Funken erhielt Herr Santi Linari, Professor 
zu Siena, mittelst des Zillerrocheus. Auch hat er mit Hülfe 



378 

eines sehr empfindlichen Condensators deutliche elektrische Span- 
nungen wahrgenommen. Der Rücken des Thieres giebt posi- 
tive EIcktricilät, der Bauch dagegen negative. Bei den Entla- 
dungen geht der Strom vom Rücken zum Bauche. Mittelst sehr 
feiner Golddrähtc hat Hr. S. L. in einer Glasröhre salpetersaures 
Silberoxyd und Wasser durch den Strom des Zitterrochens zer- 
setzt. Endlich hat ihm das Galvanometer das Dasein eines Stro- 
mes in der vom Elektrometer angezeigten Richtung nachgewie- 
sen, und wie bei den früheren Versuchen hat er auch Spuren von 
W'armewirkung wahrgenommen. (Näheres 8. ia den C'ompt. rend. 
1837. /. p. 326. u. Poggeudorf 's Annalcn Bd. 40. p. 642.) 



Notiz Über das Gebifs des Moco {Cavia rupestris 
Neuw. Kerodon Fr. Cuv.) 

vom 

Herausgeber. 

iVuf meine Bemerkung*), dafs die vom Prinzen Mas von Neu- 
wied gegebene Abbildung des Gebisses der Cavia rupestris von 
der Darstellung Fr. Cuvier's sehr abweiche, hat Sr. Durchl. 
die Gewogenheit gehabt, mir den abgebildeten Schädel zur Ver- 
gleichung zu übersenden. Aus dieser ergiebt sich, dafs jene Ab- 
weichung auf einer zufälligen Beschädigung des Gebisses beruht, 
durch welche die charakteristischen Eigenthümlichkeiten ganz 
verloren gingen. Es fehlt nämlich der vorderste Backenzahn des 
Unterkiefers auf der einen Seite ganz, an dem der andern Seile 
ist der vordere Anhang abgebrochen; eben so i.it aurh der cha- 
rakteristische Anhang am letzlen Backenzähne des Oberkiefers 
abgestofsen. Hiernach mufste folglich die von Sr. Durchlaucht . 
gegebene Beschreibung und Abbildung des Gebisses unvollständig : 
werden. 



*) S. dUs. Archiv Jalirg. 1. 2. p. 21.3. 



raniilien unter den Kamm-Muscheln. 

Von 
A. Rocmer, Amts -Assessor. 



ijle Arien der schönen Gaüung Peclen liabcn sieb in neuster 
Zeit und natnontlicli durch Auffinden vieler fossiler Formen so 
gemehrt, dal's schon zur Erleichterung der Bestimmung eine Zu- 
sammenstellung derselben in uatürliclie Familien gewifs sehr wün- 
Bchcnswerth crsehcincu dürfte. _;_ 

lu den bisherigen Naturgeschichten sind die einzelnen Spe- 
cies stets nur in zwei Abiheilungen gebracht, je nachdem die 
Obren gleich oder ungleich sind; es finden sich indessen so all- 
roähligc Uebcrgänge vom einen Extreme zum andern, dafs häu- 
fig nahe verwandle Arten dort getrennt werden; einem gleichen 
Uebelstande begegnen wir bei fast allen übrigen , Merkmahlen, 
wenn wir sie einzeln zur Sonderung benutzen wollen, und nur 
zwischen den Formen, deren rechte Schale ganz flach oder con- 
cav, und denen, wo sie gewölbt ist, sind Uebcrgangsformcn mir 
nicht bekannt. 

Durchaus erforderlich scheint es daher, den ganzen llabitus 
der einzelnen .Spccics ins Auge zu fassen und den InbegrilV aller 
einzelnen Verscbicdenhoilen utis zu verdculiichcn. Manche, bis- 
her bei Ucscbrcibuug der Arien, benutzte Mcrkmahic müssen 
biebei durchaus bei Seite gesetzt werden, da sie bei den For- 
men derselben (iatlung vielen Abiinderungen unterworfen sind; 
ich rechne hieber die F'aibn, Anzahl der ausstrahlenden Falten 
und Sireilcn, so wie , ineist auch die .Sliirkc der conceolrischen 
AiiwacliniinghKiroifen und liundiiiig der .Srliürle der liippen. 

Sieben: Keiinzciciien scheinen die Wölbung der Schalen, 
llichtung der Schlodlinien . (i'rörse des .Schlorskontcuwinkels, 

III. J^l.rK. 1. Bind. 24 



380 

gröfste Breite über, unter oder in der Mitte der Länge, gleiche 
oder ungleiche Gröfse der Falten, Dichotomie und Nebcncinaa- 
dcrlegen der Rippen und Form der Ohren zu seyn. 

Es hat mir bei meinen Untersuchungen über diese Gattung 
leider kaum ein Dnttheil der bekannten Arten vorgelegen, ich 
hoffe aber detinoch, dafs in die folgenden Familieu auch die 
übrigen Spccies sich einordnen lassen werden. 
I. Pleuronectides. 

Die Sclialen sind kreisrund, beide flach gewölbt, aufsen glalt 
uurt der Länge nach weder gefallet noch gerippt, nur seilen feiu 
gestreift; auch die Anwachsungsstreifen sind meist sehr fein, sel- 
ten als zarte blättrige Linien bemerkbar. Die rechte Schale ist 
oft heller gefärbt. Der Schlofskanlenwinkel ist gröfser als ein 
rechter; die Ohren sind glatt, meist klein, die hinteren und das 
vordere der linken Schale stumpfwinkelig; der Byssusausschnilt 
des vordem rechten Ohres fehlt ganz oder ist doch sehr klein; 
Zähne scheinen in ihm auf der vordem Schlofskantc ganz zu 
fehlen. Die Schlofslinie der linken Schale ist gerade und hori- 
zontal, die der linken Schale ragt beiderseits über jener etwas 
hervor. Im Innern der Schalen finden sich häufig ausstrahlende, 
scharf hervorstehende, leislenähnlichc Rippen. 

Die Anzahl der in diese Familie gehörenden Arten ist ziem- 
lich bedeutend; sie finden sich im Lias und allen jüngeren Bil- 
dungen. Ich kenne vou ihnen: P. comeus Sow; subulutus v. M.; 
calvus Goldf ; cingulalus Phillips, parudoxus v. M.; peisonaltis 
Goldf; vitreiis u. solidtis Roem. ; membranacevs Nils.; Nilssoni 
Goldf.; laminostis Mont.; circularis Goldf.; semiclngtilaliis v. M. ; 
crisialtis Bronn.; pijgmaeus v. M. ; pleuronectes L. ; Japonicus 
Lam.; ohlUteratus Lam. 
II. Arcuati. 

Die Schalen sind kreisrund oder (bei jüngeren Arien) oval; 
beide flach bis stark gewölbt, innen glatt, aufsen aber mit mehr 
oder minder starken Streifen bedeckt, welche nur zum Theil an 
den Buckeln entspringen, gegen den Umfang bin an Zahl sehr 
zunehmen, dichotome Zwischenräume bilden und so gebogen 
sind, dafs sie den Schlofskanten nicht parallel laufen, wie diefs 
bei allen übrigen Arten der Fall ist, sondern auf alle Kanten in 
fast rechtem Winkel aufstofsen. Die Ohren sind häufig nur durch 



881 

eine sanfte Niederbiegnng vom übrigen Tlieile der Schale ge- 
trennt, immer ungleich; die hinleren slnmpfwink'clig; die vor- 
deren viel gröfser und das der rechten Schale meist mit deut- 
lichem Byssusausschnitte versehen, auf dessen unterer Kante 
kleine Zähne zu sehen sind. Der Schlolskantcnwinkel ist ein 
rechter oder gröfser. Die Schlofslinieu beider Schalen sind ziem- 
lich gerade und horizontal. An'.vachsungsstrcifen sind meist we- 
nig und oft nur dadurch bemerkbar, dafs sie im Grunde der 
Streifen zarte Punkte bilden, selten schneiden sie die Zwischeu- 
räunie der Streifen tief ein. ' 

Angedeutet ist der Typus dieser Familie bereits bei einigen 
Arten der vorhergehenden, indem wir auf ihren Schalen büschel- 
förmige Linien bemerken, welche die Richtung der eben be- 
schriebenen Streifen theilen; auch bei einigen Arten der folgen- 
den Familien hat sich das Organ, welches diese Streifen gebil- 
det, noch zwischen den Rippen ausgesprochen. 

Es finden sich die hieher gehörenden Arten vorzugsweise 
im Müschclkalke, Jura und in der Kreide; von lebenden ist mir 
nur eine bekannt: P. discUes Hehl, veslitus Goldf.; lens Sow; 
svlcomalus Koem., comatus v. M ; annulalus Sow, ohsciirns Sow, 
gulßlaevis Koem.; arcualus Sow, crinitus v. ftl. und Teslae Phi- 
lipp!. 

III. Pusiones. 

Die Schalen sind eirund, flach gewölbt, ipnen gefurcht, 
aussen mit geraden ausstrahlenden Hippen bedeckt, zwischep 
welche sich im Verlaufe oft scliwächere y.wischenle'gen; die vor- 
dere SchloiVkante ist meist sehr deutlich ausgebuchtet und bil- 
det mit der hinteren einen stets spitzen Winkel. Die Ohren 
Hiid immer geripjit und sehr ungleich; die hinteren äusserst 
klein und stumpfwinkelig: die vorderen sehr giol's und spitz- 
winkelig; das der rechten Schale ragt über dem der linken be- 
deutend hervor, ist mit einem weiten Bysausausschnitle versehen 
lind stölst im rechten Winkel auf die vordere Schlofskantc, auf 
der sieh darunter mehre spitze Zäliiie btliiidcn. Die Schlofs- 
linic is1 gerade und steigt nach vorn auf(alleiid schräg in die 
Höhe. Die concentrisclie Slreifiiiig ist meist sehr deutlich und 
oft werden dadurch die Kippen scharf und rauh. 

Aus den älteren Schöpfungen hIikI mir keine Arten mit IJe- 

24- 



382 

stimmtheit bekannt; aus den jüngeren gehören hicbci': P. lima- 
tus Goldf.; elongahis Lani.; varius Pennant, imiricatus Lara.; 
Pusio, omatus, sauciatits, pes felis, sulphureus und lividm Lam. 

IV. Plicati. 

Di& Schalen sind ziemlich kreisrund, bisweilen breiter als 
lang, beide flach gewölbt, innen gefurcht, aufsen mit fünf bis 
dreizehn ausstrahlenden, geraden Falten bedeckt; von diesen 
wechseln auf der linken Schale immer eine stärkerei und eine 
schwächere ab, wäbrcud auf der rechten Schale immer zwei 
gleichstarke Falten genähert und von den benachbarten durch 
einen breiten Zwischenraum getrennt sind. Gegen die Basis hin 
werden die Falten oft schwächer oder verschwindeu gan/.; end- 
lich werden sie, wie auch ihre Zwischenräume, gewöhnlicii von 
ausstrahlenden Streifen oder Furchen bedeckt; die conccntrische 
Slrcifung pflegt sehr fein und regclmäfsig zu sein. Die langen 
Schlofskanten bilden einen ziemlich rechten Winkel. Die Oii- 
ren sind gewöhnlich ziemlich grofs und gleich; die hinteren 
' sind etwas stumpf-, recht- oder selbst spitzwinkelig-, die vor- 
deren etwas gröfser; das rechte vordere hat einen spitzen Bys- 
susausschnitt und zeigt darin kleine Zähne. Die Sclilol'sliuic der 
linken Schale ist gerade und hoi'izontal; die der rechten Schale 
steigt beiderseits etwas an. 

Es gehören hicher von lebenden Arten: P. hyalinus Plii- 
lippi; polymorphus Bronn, glaber Chemn.; Plica, distans, ad- 
spersus und »ulcalus et griseus Lam. 

V. Islandicoides. 

Der Umfang beider flach gewölbten Schalen ist. ziemlich 
kreisrund; sie sind aufsen mit zahlreichen, geraden ausstrahlen- 
den Rippen und Linien bedeckt, neben welche sich im Ver- 
laufe feinere zwischenlcgen; auch findet sich auf dchi Kücken 
der Rippen wohl eine Furche ein, diese wird aber nicht so lief, 
dafs sie eine wirkliche Dichotomie herbeiführte. Die voiui sauft 
ausgebuchteten Schlofskanten bilden einen rechten Winkel; die 
mit ausstrahlenden Bippen ver.schcneu Ohren sind ungleich; die 
hinteren klein und stumpfwinkelig; das vordere rechte hat einen 
tiefen, spitzen Byssusausschnitt, in dem man mehre kleine Zähne 
bemerkt. Die Scblolslinie ist horizontal und gerade, iHur wenig 
steigt sie ,an der rechten Schale nach beideu Seilen an. 



383 

Es liegen mir niii- wenige Arien vor, »aeh denen ich diese 
Familie gebildet habe und mag daher ihre Umgränzung leicht 
noch in einigen Stücken geändert werden müssen. Ich kcnce 
von ihnen: P. Irigeminalus Gn\ä!.; siriaio-costaitis y. M.; irian- 
gularis Goldf. und Islumlicus Lara. 
/ VI. Tranquebarini. 

Der Umfang der Schalen nähert sich ilem Kreisrunden; beide 
sind ziemlich flach gewölbt, in der Mitte der Länge am breite- 
sten und aufsen mit gleichstarken, zahlreichen, ausstrahlenden 
Rippen bedeckt, welche bisweilen wieder längsgclurcht sind. 
Die Schlofskanten bilden einen rechten Winkel; die Ohren sind 
meist ungleich; die hinteren bald stumpf-, bald rechtwinkelig; 
das vordere rechte hat einen spitzen, liefen Byssusausschnilt, in 
dcni man einige kleine Zähne bemerkt. Die Schlofsliuie der 
linken Schale ist gerade und horizontal; die der rechten Schale 
steigt vorn etwas an. HäuGg finden sich scharfe, oft hlätlrige 
Anwachsungslinien, wenn auch nur in den Zwischenräumen der 
Kippen sichtbar. 

Die hieher zu z.^hlenden Arten finden sich im Lias und 
allen jüngeren Bildungen; ich kenne von ihnen: P. priscus 
V. Schi.; ambigmis v. M.; suisphiusus v. Schi.; strictus v. W.; 
Hansmaiiiti, Menkei. Münsteri Goldf.; hijidus, pectoralis \. IM.; 
scubrellus Lam.; asperrimtis, Tianiftehariciis , Radida und Pal- 
lium Lain. 

VII. Opercularini. 

Die Schalen sind kreisrund, meist etwas breiter als lang, 
bisweilen sehr ungleich gewölbt und aufsen mil zahlicichen. 
gicichslarken, ausstrahlenden, oft gcsirciflen Kippen verschen. 
Die Schtofskanicn bilden einen stumpfen Winkel. Von den 
Ohren sind die hinleren bisweilen die grölsereu und stiunpfwin- 
kclig; das vordere linke ist etwas spilzwinkelig, das vordere 
rechte mit liefcni ISyssusausschnille und daninler mil einigen 
kleinen Zähnen versehen. Die linke .Schlol'slinie ist gerade und 
horizontal, die rechte steigt vorn etwas an. 

K» gehören hieher: P. ucnliradiuhui v. IM.; aei/uivalvit Huw ; 
miipiiinldliis V. !M.; mnllirostalus Nilfs.; serialo-puncliittui v. M.; 
gilihuK, »ntitturht», targidua, opercuturi«, tifieuluii, irradiatns und 
jnirpurulux \.:>m. 



384 

VIII. Jacobaei. 

Die Schalen sind ziemlich kreisrund, oft breiter als lang 
und uiigleicli; die rechte ist stark gewölbt; die linkfe ganz (lach 
oder selbst concav; beide werden aufseii von ziemlich zahhei- 
cheti, geraden, gleichstarken, oft gefurchten Längsrippen bedeckt 
und zeigen innen Läugsfurchen. Die Ohren sind alle gleich 
grofs und spitz- oder rechtwinkelig; der Byssusausschnilt des 
rechten Vorderohres fehlt ganz oder ist doch sehr undeutlich 
und sind auf der vorderen Schlofskantc keine Zahne zu bemer- 
ken. Der Schlofskantenw iukel ist ein spitzer, rechter oder 
stumpfer. 

Diese Formen Undeu sich zueist in den obersten Lagen des 
Oolühengebirges, dann in den jüngeren Bildungen; ich kcune 
von ihnen: P. versicosiafus Lam.; sirialo-costaius Goldf.; no- 
tabitis V. M. ; Zickzack, Laurentii, maximus, medius uud Jaco- 
baeus Lam. 



Diefs sind die Familien, welche sich bei Beschauung der 
vorliegenden Arten mir hervorstellteu und nur für eine, nämlich 
den tertiären P. striatus v. M. würde ich vielleicht eine neunte 
Familie gebildet haben, wenn ich vollständige Exemplare oder 
ähnliche Formen bcsesen hätte; charakteristisch würden für sie 
geworden sein: stumpfer Schlofskanteuwinkcl, sehr zahlreiche 
ausstrahlende Linien und deren wirkliche Dichotomie. 

Besitzer gröfserer Sammlungen mögen diesen flüchtigen Ver- 
such einer Eintheilung der Kamm -Muscheln einer Verbesserung 
werth halten. 

Hildesheim, den 1. Juli 1837. 



P o d o d e s m ti s , 

ein neues Genus der Acephalen. 

Von 

Dr. Philippi in Kassel. 



(Hiezu Tab. LJC. Fig. I.) 



A.US Uavana Labe ich durch meinen Jüngern Bruder ein neues 
Genus der ausicrartigeu Aceplialen erhalteu, welches dort nicht 
eben selten zu sein scheint, aber wahrscheinlich bisher mit Au- 
stern verwechselt und defsbalb nicht erkannt worden ist. Es 
steht in der Mitte zwischen Ostrea und Anomia, und seine we- 
sentlichsten Cliaiakicre sind folgende: 

Tcsla sublamellosa, adhacreus, inaequivalvis, irregularis. 

apicibiis inaequalibus (apicc valvulac inTeiioris spirali). Cardu 
• edentulus; ligauientuni inicruuui, iu valvula inferiore lanicUac 

porrectae cum marginc vix cohaercnti afCxum, in valvula su- 

periurc fossulae transver^ae , margiui propinquae. Impressio 

inusculaiis uiiJca, ovala. 

Die dünne .Schale besteht wie bei Anomia aus feinen äuiscr- 
lich sichtbaren Lamellen, ist aulsun matt, inwendig porccllauar- 
iig glänzend. Die unlere Schale ist fesigewachscn und bat ei- 
nen spiraUünnigcn, wie bei den meisten .ScIinecUen, rechts ge- 
wundenen Wirbel, der buhl und durcli Kalklamellen successive 
verschlossen ist, so dafs inwendig an seiner Stelle nur eine mu- 
lmige Vertiefung bleibt. Der Wirbel der obcrn Schale ist nur 
als Ccnlrum der Anwachsstreifen sichtbar und liegt über dei' 
flachen Giubc des Liganienics, während der der untern von der 
das Ligament tragenden Lamelle weit enircrnl ist. Diese isl 
bei dem abgebildeten Exemplar \\"' hoch, schräg nach aufsen 
aufüteigend, oben I^'" breit, unten schmaler, und hängt nur an 
der dem Wirbel zujrekchrteu .Seite mit dem Haudc der Schale 



386 

zQsammcD. Ganz ebenso ist das Scblofs der untern duichboLr- 
ten Schale von Aiiomia beschallen; wo jedoch diese Lamelle 
mehr horizontal ausgcsireckt ist. Auch zeigt bei PoJodesmus 
die Lamelle auf ihrer ianern Seile eine tiefe nach oben schwä. 
eher werdende Furche, die aber vielleicht nicht zu den geucri- 
schen Kennzeichen gebort. 

Die obere Schale ist so genau wie bei Anomia gebildet, dafs 
ich kein Kennzeichen anzugeben weifs, wodurch sich die Ober, 
schalen dieser beiden Galtungen von einander unterscheiden. 

Eine malte ovale Stelle, die vom Ligament bis zur Hälfte 
der Schalcnlänge reicht und ungefähr den vierten Theil der 
Breite der Schale einnimmt, halte ich für den ManleleindrucU, 
für den Muskeleindruck eine in derselben befindliche, den drit- 
ten Theil so grofse, braune Stelle, die sich auf der oberii Schale 
nur durch ihren Glanz auszeichnet, auf der untern dagegen seil- 
lich mit scharfen erliabencn Rändern eingefafst ist, und auch 
diesen parallel ein paar erhabene Linien zeigt. 

Die folgenden Eigenschaften möchten wohl mehr sich auf 
die Eigenlbünilicbkeit der Art beziehen. Die Schale, wenn- 
gleich unregclmäfsig, ist doch bei den beiden Exemplaren, die 
ich vergleichen kann, schief oval, in der Gegend des Schlosses 
abgestutzt, beiderseits daneben mit einer Einbuchtung versehen,' 
und ziemlich flach. Zahlreiche, unrcgelmäfsige und schwach er- 
Iiabene Rippen befinden sich auf der oberu Schale, und indem 
sie etwas über den Rand hinauslaufen, roaclien sie diesen da- 
durch beinahe gezähuelt. Die Farbe ist weifs. Die Länge 
dos kleineren, besser erhaltenen Exeniplares ist 10'", die Breite 
Sy, die Dicke 2^'"; das andere ist in seinen Dimensionen imr 
um 1 bis 2'" gröfser. 

Der Gattungsname, von ttois, der Fufs, Stiel, und Jtir/ioe, das 
Band, gebildet, bezieht sich auf das gleichsam gestielte Ligament; 
die Art nenne ich P. decipiens, fiij'.e aber keine Diagnose bei, 
denn diese soll ja nur die Kennzeichen angeben, wodurch sich 
eine Art von der andern unterscheidet, und kann folglich nicht 
wohl aufgenommen werden, so lange nur eine Art existirl. 



387 

Erklärung "der Figuren. 

Vis:. 1. n. ist die Ansiclit der oliercn Scliale von aufsen; Fig. 
1. 6. dieselbe von iiiiien. Fig. 1. c. ist die untere Schale von 
innen gesclin, und Fij;. 1. li. zeij;! deo spiialföinjig gewunde- 
nen Wirbel dci' untern Schale. 



B c w e i .s , 
(lals die Nulliporeii Pflanzen sind. 

Von 

Dr. Pbilippi in Kasse). 
Hierzu Taf. IX. Fig. 2-6. 



JDis diesen Augenblick sind die Ansichten der ersten Naturfor- 
ticher über die Natur der Nulliporen sehr verschieden gewesen, 
indem sie deren Struktur entweder nicht untersucht, und nur 
nach iiul'seren Analogien über die Stellung derselben geurthcilt, 
oder ihren Bau nicht erkannt haben. So werden z. B. die Nul- 
liporeu von Link und Blainville für anorganische Absätze 
von kohlensaurem Kalk angeschn, und demnach in das Mineral- 
reich veiwiesen, während Ehrenberg sie, wie Lamarck, für 
Zoopbyten, und Rapp für Pflanzen hüll. Dafs der letztere Recht 
hiit. hat mich die sorgfaltige mikroskopische Untersuchung von 
9 Arten gelehrt, deren Resultat ich in der Kürze hier mitlhei- 
len will. 

Die Nulliporen zerfallen in zwei äufserlich sehr verschie- 
den gestaltete Gruppen, die man allenfalls Genera nennen kann, 
nämlich: 

I. Lilholhamnium mihi; stirps calcarea rigida, e ramis ey- 

lindricis veL eomprcssiu.sculis dichutomo ramosie conslans. 
II. LUliophijllum mihi; stirps calcarea rigida, ex •expansio- 
nibus fuliacei» conslans. 

Von Lilliolliumtiinm habe ich folgende Arten untersucht, 
gänimtlich aus dem .Sicilischcn Meere: 



388 

1) Lithothamnium byssoides. 
L. glomeratum, pulviDatum, ramosissimum; ramulis brevis- 
siniis cylindricis, subverrucosis.. 

Nullipora byssoides A. Lamk. Hist. nai. II. p. 203. 
„Fasciculus globosus, ramulis minus comprcssis". 

mUlepora polymorpha glohosa Esper. /. l. 13. bene. 

2) Lithot hamnium gracile n. sp. 

L. album, ramulis divergentibus, lioearibus, subiiliformibus 
, strictis, comprcssis. 

Von diesem ia seiner Gattung zierlichen Gewächs habe ich 
wegen seiner Zerbrechlichkeit nur Bruchstücke heimgebracht, die 
eineu 1 — 2" hohen Busch gebildet haben mögen; der Durch- 
messer der Zweige beträgt |"'; die Länge der Endzweigelchen 
bis 4'". 

3) LHhothamnium rubrum n. sp. 

L. roseum, ramis gracilibus, ßliformibns, teretibus, sub- 
flesuosis. 

Diese Art bildet ungefähr 1" hohe Büsche; die Dicke der 
Zweige beträgt hcichstens y", die Länge der Eudzweigelchen 
1 — 2'". 

4) Litholhamnium crassum n. sp.i 
L. album, fasciculare, ramis brevissiniis, crassis, rotundatis, 
uodiruriiiibus. 

Nullipora racemosa Goldf. Pctref.? 
Diese Alt bildet beinahe kugelige Massen, besitzt 1-J- — 2"' 
dicke Zweige, deren Länge zwischen den Verästelungen meist 
geringer ist, als die Dicke. 

5) Lilhothamnium ramulosum n. sp. 
L. album, fasciculalo-pulvinatum, laxum; ramulis teretius- 
culis, tenuibus, gracilibus, Hexuosis, apice sublobatis. 

Das grOfstc Büschchen ist 1^" lang, 1" breit, J-" hoch. Die 
krummen, gewundenen Aeste sind i — i'" dick. 

Von Lithophyllum besitze ich folgende Arten, ebenfalls aus 
dem Sicilischcn Meere: 

1) Litliophylhtm incrustana mihi. 
L. crusta crassa, rufo-albida corpora aliena incrustans, mar- 
ginc iutegro, vix lobato. 

EUis Corallin. t. 27. /. 2. d. D. p. 83 der deutschen Uebers. 



389 

2) Lithopliyllum expansum milii. 
L. supra pallidum, sublus discolor, album; lamellis maxi- 
mie, expansis, horizontalibus, subimbricatis, orbicularibus; mar- 
ginis lobis obtusissimis inlegris. 

Pocillopora agariciformis Eliicnb. Beitr. z. Kenntn. der Co- 
rallenlli. p^ 129? excl. syn. „membranacea, lalere affixa, libera, 
suborbicularifi". 

Mein giüfstes Exemplar ist 4|" lang und 3" breit. 
3) Ijithophyllum decussatum. 
L. lamellis crassis, suboibiculatibus, margine iatogerrimis, 
decussatis et varie congcstis. 

MiUepora decussala Soland. et EUis t. 23. /. 9. — Espcr. 
suppl. I. 25. f. 4. 

4) hithophyllum lichenoides n. spj 
L. lamellis tenuibus, conrcrtissiniis, varie congcstis, subse- 
micircularibus; margioe nndato, inclso-lobato. 

An MiUepora decussala var. Espcr. suppl. t. 25. f. 1. 2. .3 
rudis? — MiUepora sifuamosa Mus. Bcroliu. 

Diese Art bildet zusamnienbüDgende, mehrere Zoll dicl;e 
Massen, vrclcbe oft mehr als Fufsläuge und verhällnissmäfsigc 
Breite haben. 

So grofs auch der Unterschied in der äufsern Gestalt zwi- 
schen lAthot liamnium und lAlliophyllum ist, so ist doch ihre 
.Struktur genau dieselbe. Eine Epiilcrniis, gewöhnlich aus sechs- 
eckigen, ziemlich regelniäfsigeu Zellen bestehend, umschliefst eine 
markige Masse, die aus parallelen, gegliederten Kiihreu besteht. 
Die Glieder derselben sieben bei allen Arten genau in dersel- 
ben Hübe, und losen sich oft leichter iu der Quere des Gewäcli- 
fCä, als von einander, wie z. B. Fig. 4. d. zeigt. Defshalb er- 
scheint das Gewächs gegliedert, wie der Durchschnitt von Li- 
thop/iylljim derussalum (Fig. 4. a.) und ein Stückchen von Lilho- 
lliamniutii rubrum (Fig. 5. a,) bei schwacher Vergrijfserung sehen 
lassen. l>as Vcrhültnifs zwischen Länge und Breite der Glieder 
der Köhren ist bei den verschiedenen Arten auch verschieden 
(«. Fig. 4. d. u. Fig. 5. A. ), bei einer Art aber ziemlich gleich, 
nur pflegen die Glieder nach der Epidermis hin kürzer zu wer- 
den, üb die äufsere Wandung eine continuirllche cyliudrische 
Gestalt habe und uuc durch Einschnürungen inwendig in Glic- 



390 

der getheilt sei , wie ich dies bei Corallhia ofßchialis deutlich 
gesellen habe (s. Fig. 3. c. ), konnte ich bei Nullipora uiclit 
erkennen, möchte es aber der Analogie wegen glauben. Zuwei- 
len theilen sich die Röbien dichotomisch (s. Fig. 5. 4 * und 
Fig. 5. c). 

Uie Zellen der Epidermis, und desgleichen die Gliederröh- 
ren, wenigstens in den Jüngern Theilen, enthalfen' ungefärbte 
Chlorophyllkörner, die sich gegen die chemischen Keageutien 
gerade wie die mit Alkohol entfärbten Chlorophyllkörner der 
höheren Gewächse rcrhalten. In den Gliederröhreu sind sie 
meist zu beiden Enden der Glieder angehäuft. Bei vielen Ar- 
ten finden sich aber in den Gliederröhren der älteren Theile 
statt dieser Chlorophyllkörner Körner von Stärkemehl. Sie 
werden nämlich durch Jod blau, violett, oder braunroth gefärbt, 
lösen sich in kochendem Wasser auf, desgleichen in concentrir- 
ter Salpetersäure und kaustischem Kali; die durch Jod hervor- 
gebrachte Färbung wird durch verdünntes kaustisches Kali weg- 
genommen, konmit aber beim Zusat-i einer schwachen Säure 
wieder. Diese Reaktionen lassen keinen Zweifel übrig, dafs die 
Körner wirklich Amyluni sind. 

Auch die Früchte der Nulliporcn ghiube ich bei meh- 
reren Arten deutlich erkannt zu haben. Ich suche sie nämlich 
in den regchnäi'sigen, kreisförmigen, beinahe halbkugelförmig ge- 
wölbten, und meist mit einer kleinen zitzcnförniigen Erhebung 
im Cenlrum versehenen Körpern, die bei mehreren Arten Nulli- 
poren von mir beobachtet sind. Sie sind hohl und oft in der 
Mitte mit einer regelmüfsigen runden OelTnung durchbohrt. Ich 
habe sie (Fig. 5. a.) von hitliolhamnium ruhrum abgebildet. Bei 
lAtholhamnium crassum ragen sie wenig hervor, und hier zeigt 
der Boden ihrer Höhlung eine kegelförmige Erliabenhcit, an wel- 
cher wahrscheinlich die Sporen befestigt waren. Es sind mir 
auch ein paar Mal Körpereben vorgekommen, die ich geneigt 
wäre für Sporen zu halten. 

Da mehrere Naturforscher die Struktur der Nulliporen auf 
demselben Wege untersucht haben, wie ich, indem sie nämlich 
Stückchen, die durch Säuren von ihrem Kalkgehalt befreit wa- 
ren, unter dem Mikroskop betrachteten, ohne dasselbe Resultat 
EU finden, so will ich iu der Kürze den Grund augcbeu, wefs- 



391 

halb ihre Untcrsncliungcn niclit von Erfolg gekrönt wurden. Sie 
liegt iu der erslauulicbeu Durchsichtigkeit der Organe, uameut- 
lich der Gliederröhren, die fast nie eher zu sehen sind, als bis 
niao sie mit Jodtinktur gefärbt hat, und selbst dann noch oft 
nur bei halbem und wechselnden Licht deutlich erscheinen. Ja 
selbst dirs genügt zuweilen nicht; bei I^ilholhumninm crassum 
erblickte ich lange Zeit nichts, als reihenweise gelagerte Uäuf- 
chcn von Amylunikörneru, bis ich einen Tropfen kaustisches 
Kali darauf brachte. Nun verschwanden die Ainylmukörner, und 
die gegliederten Uübren, in ileneu sie enthalteu waren, kamen 
deutlich zum Vorschein. 

I-) Was die Stellung anbetrifft, welche die NuUiporcn im Sy- 
stem der Algen erhallen müssen, so erlaube ich mir darüber 
kein Urlhcil, indem ich die Struktur dieser Pilanzenfaniilie nicht 
Jiinlänglich kenne; nur bemerke ich, dafs sie noihwendig dicht 
ftehctt CoraUlna zu stehen kommen müssen. Diese unterschei- 
den sich lediglich durch die Gliederung, und die aus hornarti- 
gen Fäden (bohlen Höhren'.' s. Fig. 3. a.) gebildeten (Gelenke, 
gerade wie Inis von CoratliuiH. iiic haben dieselbe Epidermis, 
dieselben gegliederten Rühren (s. Eig. 3. c. ), dieselben Früchte, 
die schon £11 is erkannt halte. Die länglichen Körner nämlich, 
welche mein hochverehrter Lehrer Link dafür anspilcht, und 
welche Fig. 3. b. vorgestelli sind, geben sich bei der Behand- 
lung mit Jod und andern Keagcutien deutlich als Stärkemehl 
zu erkennen, wogegen die durchlöcherten liücker, die man zu- 
weilen an der Oberfläche siebt, wie sie Ellis abbildet, ganz so 
beschaffen sind, wie die ähnlichen von Nullipora. 

nicrvun etwas abweicliend gebildet sind die Galaxawrcn, 
von denen ich G. rugosa uutersuciit habe (s. Fjg. 2.). Unter 
der aus sechscekigcu Zellen gebildeten Epidermis («.) linden 
sich noch rundliche oder eilörniige Zellen (J.). und das im 
trocknen Zustande wergartige Innere bcslelil aus lockeren, nicht 
dicht anl|cgcndcu (iliedcrröhren, die duich die gan/.e Masse 
(nicht etwa btos an der ThcUung der Acste) dichvtuniieub ver- 
zweigt sind (b. Fig. 2. e. ). 

Noch ander« gebildet ist die Gattung Mclobcaia l.ianioiiioux, 
yon der ich ebenfalls m<'hrere .Arten untersucht und eine der- 
telbcn, M. membranmeu LaniN. (Fig. 6.), abgebildet habe. Die 



392 

ganze Substanz besteht nämlich dnrchvVeg ans Zellen, ohne Glie- 
denöhren, die aber bei andern Arten nicht So rcgelmäfsig ge- 
stellt und gebildet sind, wie bei der hier vorgestellten. Die 
Früchte scheinen ähnlich zu sein, wie bei CoraUina und NiilU- 
pora. 

Halimeila zeigt ebenfalls eine verschiedene, schon früher 
erkannte Bildung, an welche ich hier nur erinnern vvill. Die 
Rinde besteht bei ihnen aus sehr grofsen sechseckig -dodecaedri- 
schen Zellen, die mehrere Schichten bilden, das wergartige In- 
nere dagegen aus regclmäfsig trichotoniisch verästelten nnd nicht 
gegliederten Biindcrn, die lose nebeneinander liegen. Dafs sie 
sich zuletzt in eine Membran ausbreiten, welche die blasigen 
Zellen zwischen sich aufiiimnif, habe ich nicht gesehen. 

Es folgt hieraus, dafs die erwähnten Gattungen der Kalk- 
algen: Nuttipora, CoraUina (und Jania, die in ihrcnf Bau ganz 
mit CoraWma übereinkommt), Galaxaiira, Melubesia, Ilulimeda 
in ihrem Bau von einander so abweichen, dafs ihnen nichts Ge- 
nieinschaftliclics bleibt, als die sehr merkwürdige Eigenschaft zu 
verkalken, und dafs sie daher nidht füglicli in eine Familie ge- 
bracht werden können, wie BlainviUe dies versucht hat, in- 
dem er (Manuel d'Actinologie p. 5Ab.) die Familie iei-Calciphy- 
tae aufstellt. • 



Erklärung der Figuren. 

Fig. 2. Ein vergröfsertes Stück von Galaxaura rugosa tamx. 
a die Epidermis; b die daruntcrliegeuden Zellen von eiförmi- 
ger Gestalt; e die dichotomischen, gegliederten Röhien, wel- 
che das Innere bilden. 

Fig. .3. Ein Gpicnkstück von CoraUina officinalis L. vergröfse^t. 
a die hornarligen Fäden der Gelenke; 4 längliche Körper, wel- 
che nichts auder.s als getrennte, mit Amyluinköruern dicht er- 
füllte Glieder der Gliederröhren sind; c eine einzelne Glieder- 
röhre stärker vergröfsert. 

Fig. 4. Struktur von LithophyUum Jecussahim Ph. o im senk- 
rechten Durchschnitt, mäfsig vergröfsert; b die Epidermis; 
c 2 Schichten von Gliedern des Innern; d 4 an einander lie- 
gende Gliederröhren ; <? eine Gliederröbre stark vergröfsert; 
die punklirte Linie deutet die muthmafsliche äulsere Wandung 
der Röhre an. 

Fig. 5. LHholhamnium rubrum Ph. a da Stück schwach ver- 



393 

gröfscrt, man sieht von aofsen die Gliederung und 2 Frücbte; 
b GlIcderriilirCD slaik vergriifsert; bei * Spuren iliier dicboto- 
misclicn Tlieilunp; c dicliolomiscli getbeille Gliedenöhren aus 
der Nähe der E|iidermis. 
Fig. 6. Melobesia membranacea Lamx. a natiirlielie Griifse auf 
einem Stück Sphaerococcits nervosus; b eiii Stück schwach 
vergi'ofseit ; c ein Tlieii desselben stärker Tergröl'scrt. 



Zur Verbreitung von Cyprinus Farenus. 

Notiz von Kröyer. 



Iji Bezug auf die Mittheilung vom Herrn Dr. v. Sie hold, dafs 
Cyprinus Farenus sich in Wcsfpreufsen finde, bemerkf Herr 
Kröyer, dal's er ilm schon mehrere Jahre al.s einen dänischen 
Fisch kenne, obwohl er bisher in keinem Verzeichnisse der däni- 
scbeu Fische aufgeführt sei. Er. finde sich häufig auf Seeland, zum 
licisjiicl im Lyngby-Sec, in grofser RJcnge im INivaa u. s. w. 
Als Merkwürdigkeil verdiene aber angeführt zu werden, dafs er 
auch im nürdliehsicn Thcil des Sundes vorkomme. In der Samm- 
lung des naturhistorischen Vereins zu Kopenhagen findet sich 
ein ungewöhnlich grofses Exemplar, welches im Spütjahre 18.35 
bei Snedkerstecn in einer Aalreuse gefangen wurde. Der ge- 
meine Mann kennt den Fisch unter dem Namen Flirc. 

(Krüyer Nalurhiftorisk Tidfkriß. lieft 4. p, 414.) 



Ueber die Gattungen der Plagioslomen. 



Von 
Job. Müller und Henle. 



In (1er Sitzung der physikalisch -mathematischen Klasse der Ber- 
liner Akademie vom 31. Juli las Herr Müller über die Gattun- 
gen der Haifische und Rochen nach einer von ihm mit Herin 
Henle unternommenen gemeinschaftlichen Arbeit über die Na- 
turgeschichte der Knorpelfische. 

Die Verwirrung, welche noch in der Naturgescliichte der 
Knorpelfische herrscht, hängt theils von der mangelliaften Be- 
schreibung der Arten, theils von der Vernachlässigung wichtiger 
und in den Species sich wiederholender Gattungskcunzeichen ab. 
Indem die Verfasser bei ihrer Arbeit sicherere Prinzipien für die 
Bestimmungen der Gattungen und Species aufsuchten, schien ih- 
nen eine Vermehrung der bisherigen Gattungen und Untergat- 
tungen unabweisbar. Eben so nothwendig schien aber, die Gat- 
tungen nur auf durchaus wesentliche Kennzeichen zu gründen. 
Bei den Haifischen fanden sie die wichtigsten Gattuugscharaktere 
im Zahnsyslein. im Bau des Mauls und der Lippen, der Anwe- 
senheit der Nickhaut, der Spritzlöcher, der Grube an der Schwanz- 
wurzel und in der Siellung der Flossen; bei den Rochen, in der 
Form der Nasenklappeu und Kieferscgel, in der Zahl und Stel- 
lung der Flossen und im Bau der Zähne. Nur in der Gattung 
Raja sind die Zähne unzuverlässig, da sie nach Alter und Ge- 
schlecht sich verändern und daher nicht einmal zur Bestimmung 
der Species zu gebrauchen. Dies gilt auch in gewissem Maafse 
von der ßeschuppung der Haut und der Form der Schuautzc. 
Glücklicher Weise besitzen die Verf. durch die zwecbmäf>ige 
Art, in welcher Herr Dr. Schultz seine, dem anatomischen 
Museum geschenkte Sammlung sicilianischer Fische angelegt hat, 

die 



395 

die Mitfei, ganze Suiten von Individuen derselben Species zu 
vergleichen und so die Grenzen der Varialionea in den Rocben- 
arlen festzustellen. Die Arten der Verf. gründen sich durchgän- 
gig auf coustante Verschiedenheiten der Form und Farbe. So 
weit es möglich war, sind zu allen Gattungen die Skelele Iheils 
bereits angefertigt worden, Ihcils wird ihre Aufstellung fortge- 
setzt. Die Zahl der in den Familien der Haifische entlialtenen 
Gattungen ist 30. Haifische werden hier die Plagioslomen ohne 
Schädelflossenknorpel genannt; alle Rochen, Rhinobalus und 
Pristis eingeschlossen, haben Scbädelflossenknorpcl, welche die 
Brustflossen entweder erreichen, oder ihnen nahe kommen. In 
den Familien dieser Äblheilung befinden sich 24 Gattungen. Die 
Zahl der sichern Species, «'eiche die Verf. grörstcntbeil» in der 
hiesigen zoologischen und anatomischen Sammlung selbst gesehen 
haben und deren Stellung zu ihren Gattungen ausgemacht ist, 
beträgt 1.37. In mehreren Fällen mussten angenommene Species 
vereinigt werden. Es bleibt aber für den literarischen Theil ihrer 
Arbeit noch eine ziemliche Anzahl übrig, die cutvccder nicht hin- 
länglich sicher oder wegen mangelhafter Beschreibung nicht be- 
stimmbar, oder endlich zwar eigcnthümlicb, aber hinsichtlich ih- 
rer Stellung zu den aufgestellten Gattungen zweifclhuft sind, da 
die Verf. sie nicht gesehen haben. 

Die Gattung Scyllium Cuvier bildet die erste Familie der 
Haifische; sie zerfällt in 6 Gattungen. Dieser Familie ist eigen, 
dafs bei Sjiritzlüchern und Afterflosse die erste RückcnOossc nie 
vor den Bauchflossen steht. Der Cuviersche, von der Entfer- 
nung der Nasliichcr vom Maul hergenommene Charakter ist nicht 
streng und findet sich auch in ganz verschiedenen Familien hier 
und da wieder. Wir beschränken den Namen ScylUum auf die 
erste der 2 Abtheilungen der Scyllium von Cuvier (6 Species, 
worunter eine neue); die 2te Gattung, Chiloscyllimn M. et H., 
hat das 4tc und 5lc Kiemenloch fast vereinigt, die 'ite Rücken- 
flosse steht vor der Afterflosse. Charakteristisch ist eine häu- 
tige, breite Unterlippe, die von der Haut der Kehlgegend durch 
eine Furche abgesetzt ist. Ein Baitladen au der obcrn Nasen- 
klappe (5 Sp., eine neu). Die neue Gallung, Stegosloma, gleicht 
bis auf Maul und Nase der vorigen; der Oberkiefer ist von einem 
häutigen, dicken Wulst weit überragt und die Naseaklappen sind 

III. Jahrg. l.Baoil. 23 



396 

■iü Säumen dieses Wulstes reduxirt. Das Maul ganz quer, <lic 
Zähne in Form Sllicilicer Blätlclieii, stehen auf ganz, ebenen, 
qucien Hautplatten (Typus ist Sq. yascialus Bl. Sehn.). Die 
neue Gattung Qinglymostoma hat sehr viele Reihen Zähne; diese 
sind kegelförmig auf rhombischer Basis mit 2 — 4 Seitenxacken 
jederseils. Spritzlöcher sehr klein, die letzten Kiemenlöeher ge- 
nähert; die erste Rückenflosse über den Bauohllossen, die zweite 
Rückenflosse über der Afterflosse. Charakteristisch für die Gat- 
tuDf; ist, dafs die untere Hälfte der Muudwinkelfallc von der 
Haut des Unlerkiefers durch ciue senkrechte Furche vollständig 
gelrennt ist, während die beiden Hälften jeder Muudwinkelfalte 
selbst wieder wie durch ein Charuier vereinigt sind (Sp. 1 neu). 
Bei der neuen Gattung Crossorhinus ist das Maul fast am Ende 
der Schuautze; eine Menge lappcnförmiger Anhänge von der Nase 
bis gegen die Kiemenlöcher. Beide Kiickeuflosscu weit nach hin- 
ten, die vorderste etwas hinter und über der B3uchno,<sc (Sij. 
lobatits Bl. Sehn.). Die letzlc Gattung ist Pristiurus Bonap.; 
sie unterscheidet sich von Scyllium nur durch die verlängerte 
Schuautze und eine Säge auf dem Schwänze (1 Sp.). Diese erste 
Abtheilung der Haifinche scheint die eicrlegcnden zu umfassen. 
Alle besitzen Sprilzlöcher, eine spiralförmige DarmUlappc, keii'e 
Nickhaut und keine Schwanzgruben. Sic haben eine Afterflosse 
und ihre erste Rückenflosse sieht nie vor den Bauchflcissen, 

Eine zweite grofse Ahlheilung oder Familie der Hailischc 
hat mit den Scyllien das Vorhaudensciu der Afterflosse gemein, 
aber ihre erste Rückenflosse sieht immer zwischen Brust- und 
Bauchflossen. Die Spritzlüchor, nach welchen sich die Haifische 
tiicht ohne Zerreifsung der natürlichen Gruppen einiheilen las- 
sen, sind bald vorhandeu, bald fehlen sie. Sie bilden wieder 
mehrere Gruppen. Unter den Hailiscben ohne Spritzlöcher füh- 
ren die Verf., als den Scyllien zunächst verwandt, 2 neue Gat- 
tungen an, Triglochis und Triaenodon. Der Typus der ersten 
ist Carcharias Taurus Raf. , mit .3tlieiligen Zühncn, deren mitt- 
lere Spilze sehr lang; die erste Rückenflosse zwischen Brust- 
und Bauchflossen, ile Rückenflosse vor der Afterflosse, Schwanz- 
flosse wie bei Carcharias, aber ohne Grube. Kiemenlöcher alle 
vor den Brustflossen grofs. Triaenodon hat Scyllienzähne, näm- 
lich spitze Zähne mit einer Nebcnzacke an jeder Seite; die in- 



397 

nere Nebenzackc am Unterkiefer ist meist doppelt. Er besitzt 
eine Nickbaut uud Schwanzgrube. Die letzte KiemenölTnuDg 
über der Bruslllosse. Die erste Rückenllosse zwischen Brust- 
uiid Baucbllossc, die zvteile über der Afterflosse. Schwanzflosse 
wie bei Carcharias (1 Sp. neu). Diese beiden Genera unter 
scheiden sich von Carcharias Tvesentlicb durcii die Gröte ihrer 
2ten Rücken- und Afterflosse. 

Mciirere der folgenden Genera stimmen unter einander über- 
cin durch den Mangel der Nickbaut, die Aiiwesenlicit der Schwanz- 
gruben, die aufsei ordentliche Kleinheit der 2ten Rücken- und Af- 
terflosse, die übereinander stehen, und die Spiralklappe im Darm. 
Sie haben entweder keine oder sehr kleine Spritzlöcher. Es sind 
dies die Gattungen Alopecius, hamna und Setache. yilopecias N. 
ist Carcharias vulpes Cuv., mit Unrecht von ihm zu Carcharias 
gezogen. Er zeichnet sich aus durch seine sehr kleinen, bisher 
übersehenen Spritzlöcher und durch den aufscrordenllich langen 
oberu Schwauzlappen. Seine Zähne sind triangulär, schneidend, 
ohne Zähnelung (1 Sp.). Hci Selache Cuv. sind die Spritzlöchrr 
auch klein, aber die Zähne sind klein, kegelförmig und schmal, 
nach innen gekrümmt. Ihr Schwanz hat einen Scitenkiel uud 
der obere Lappeu desselben ist kaum gröfser, als der untere 
(1 Sp. ). Die Gattung Lamna Cuv. mit den Untergattungen 
Lamna (2 Sp.), Oäontuspi* .^gass. (1 Sp), Oxyrhina Agass. 
(1 Sp.) besitzt lange, spitze Zahne mit oder ohne Mebenzacken, 
einen Kiel zur Seite des Schwanzes und eine halbmondförmige 
Schwanzflosse, aber keine .Spritzlöcher. 

Die nächsten Gattungen haben gemeinsam die Nitkhaut, 
Schwanzgruben, kleine After- und 2tc Rückenflosse, übereinan- 
der stehend und eine gerollte Längsklappe im Darm. Die Spritz- 
löcher fehlen den meisten; bei andern finden sich im Fötuszustande 
Spuren davon, nricb andere haben auch, wenn sie erwachsen sind. 
deutliche, aber sehr kleine Sprilzlücher. liielier gehören die Gat- 
tungen Carcharias, Scoliodvut, Zyguena und fialeocerdo. Die CVir- 
charias haben iinmcr auf beiden Rändern gezäliiiclte, platte Zähne 
entweder in beiden Kiefern, oder nur im oliern, und niemals im 
erwachsenen, »elten im Föluszustande, eine .Spur von Spritzlöcheni 
(11 Sp. 8 neue). Die Gattung ScoliotUm N. unterscheidet sich 
nur durch ihre schncidcnüeu, mit der Spitze nach aufsen gewand- 

25* 



398 

ten, oben und unten gleiclien Zäline ohne Zäbnelung, mit einem 
stumpfen Absatz am änfsern Theil der Basis, der glnlt oder gekerbt 
ist (3 Sp. alle neu). Die unterscheidenden Merkmale von Zygaena 
sind bekannt. Sie habeu keine Sprilzlöchcr und Zähne wie Sco- 
liodon, ohne eigentliche Zäliuelung (3 Sp). Galeocerdo N. hat 
kleine Spritzlöcher; die Zähne sind am äufseru llande stark, am 
Innern sehr fein gezähnelt (1 Spcc. neu, eine 2te Species ist wohl 
der schon von Valenciennes angekündigte Septalus thalassi- 
nus mit gerader Darmklappe, womit Galeus arctictis Faber zu 
vergleicben). Diese Gattung bildet den Uebergang zu den Ga- 
leus, die sich nur durch die Form der Schwanzflosse, den Man- 
gel der Schwanzgrube und die spiralförmige Darmklappe von 
Galeocerdo unterscheiden. Die Zälinc sind am äufsern Rande ge- 
zackt. 

Die Gattungen Musielus und Cestracion mit Rochenzähnen 
sind unverändert geblieben; aufser dafs die beiden Species von 
JUustelus in eine vereinigt wurden. 

Die dritte Abtheilung der Haißsche mit Afterflosse aber nur 
einer Rückenflosse und mehr als 5 Kiemenlöchern, Gattung No- 
lidanus Cuvicr, zerfallen wir, Rafinesquc folgend, in 2 Gat- 
tungen, Hexanchus mit 6 Kiemenlöchern (1 Spec.) und Uepl- 
anchtis mit 7 Kiemenlöcbern (2 Spec). 

Die AbtheiluBg der Uaißsche, mit Spritzlöchern und Slacheln 
vor den Rückenflossen, ohne Afterflosse (Acan(hothimis Bl.) ist 
in 4 Gattungen zerfallen: Acanthias Bonap., Spina.tr Bonap., 
Centrina Cuv. und Cenirophorus N. Acanthias hat schneidende 
Zähne mit ganz nach aufsen gerichteter Spitze, oben und unten 
gleich (4 Sp. 1 neu); bei Spinax sind die Zähne des Unterkie- 
fers wie bei Acanlhias, die des Oberkiefers haben eine mittlere 
längere Zacke und 2 Nebenzacken jederseits (1 Sp.). Die Zähne 
von Centrina, deren sonstige Gattungscharakterc bekannt sind, 
sind unten fast gerade, schneidend, blattförmig mit aufwärts ge- 
richteter Spitze, am Rande fein gezähnelt; ein unpaariger Mit- 
telzahn. Oben sind sie schmaler, gerade, konisch, wenig schnei- 
dend, zu einem Ilaufen vereinigt auf dem vordersten Theil des 
Kiefers (1 Sp.). Bei Cetitrophorus (Sq. granulosus Bl. Sehn.) 
habeu die unlercn Zähne eine liegende Schneide mit undeut- 
licher Zähuelung und nach auswärts gerichteter Spitze. An 



399 

den oberen Zälineii stellt die Spilxe gerade nach abwärts. Die 
Zäboe sind gleichsclieuklich auf 4scitigcr Basis, ungezähiielt. Zu 
einer neuen verwandten Gattung gehört vielleicht der Sq. squa- 
mosus BI. Sehn. 

Die Abiheilung der Haifische mit Spritzlöchern ohne After- 
flose und ohne Rückenslachel, Scymnus Cuv., zerfällt in 3 Gat- 
tungen: Scymnus^i. Zähue sänimtlich gerade, die obern schmal, 
hakenförmig, die untern pyramidal, glcichschenklich leicht säge- 
förmig gezälinelt. Die erste Rückenflosse zwischen Brust- und 
ßauchflosseu, die 2tc Rückenflosse hinler den Bauchflossen (1 Sp. 
und 1 Sp. dubia). Laemargus ti. mit gleicher Stellung der Flos- 
sen, unteren breiten Zälincn mit liegender Schneide und nach 
aufwärts gerichteter Spitze und oberen schmalen konischen, we- 
nig scbijcidendeii Zälincn, die theiis gerade, theils nach aufsen 
gekrümmt sind (.3 Sp.). Echinorihinus Blüiuv. (fioniodus Agass.) 
mit sehr breiten, niedrigen Zähnen, die eine fast horizontale 
.Schneide haben, in beiden Kiefern gleich. Die Seitenränder ha- 
ben eine bis zwei horizontal abgehende Zacken. Erste Rücken- 
flosse über den Baucliflossen, die zweite zwischen Bauch- und 
Schwanzflosse (1 Sp.). 

Endlich bilden die Sqnatinae ohne Afterflosse mit Torstreck- 
barem Rlaule am vordem Thcil des Kopfes und der bekannten 
eigcntliümlicben Bildung der Brustflussen noch eine Abtheilung 
der Haili.'^chc. Die einzige Gattung Si/ualina (2 Spec). 

Die Pritlis schliefsen sich den Rochen an, da sie Schädel- 
flossenknorpcl besitzen, welche die Brustflossen nicht erreichen. 
Sie zcriallcn in 2 Galtungen: Pristis N. mit an der Bauchseite 
liegenden Kiemenöll'nungen, wie bei den Rochen (5 Sp.) und 
Prisliopliorus N., bei welchen die Kiemengpaltcn an den Seiten 
des llalkcs vor den liruslflossen liegen. Die 4te und 5te Kie- 
luenötluiing sind einander genähert. Die Brustflossen haben, wie 
bei den llailischen, eine schmalere Basis und sind sehr von de- 
nen der VriKlia verschieden. Die Zähne sind nicht, wie bei 
Pritlis, pflaslrriörniig, sondern g|)itz (Prislis cirrhalus Lath.). 

Die l-aniilii; der li/iitujialus enthält 3 Gattungen. Der 
Name Uliinobnliix wurde auf (^uvicr's 2le Abllieiluug seines 
iieiinx Hliiniiliulwi hrsclnänkt (9 Sp .{ neu;. Rbijnchobatus N. 
(\\. luviia) klebt /{/liiiu Sehn, näher, welche sich nur durch die 



400 

Schnautze, Nasenklappeii und die sliirkerii ßlaulbicguiigcn unter- 
scheidet. 

Die Zittciroclieii bilden 3 Gattungen, Torpedo im engcru 
Sinne (3 Sp.), Narcine Uenle (4 Sp.) und Astrape M. u. U. 
(T. cupensis und diplertjgia atit.). 

Die cigentliclieu lioclicn zerfallen in vier Abiheilungen. 
1) RajaCuv. (15 Sp. einige neu). 2) Symplerygiat^., bei die- 
ser Gattung vejciuigen sich die lirustflossen , welche bei Raja 
den Schnaulzenkiel nicht erreichen, an der Stelle des Schnautzen- 
kieis mit einander. Die Bauchllosse ist nicht, wie bei Itaja, in 
zwei Lappen getrennt (ISp. neu). 3) UrupleraN., unterschei- 
det sich von Raja nur durch den gänzlichen Mangel der Schwanz- 
flosse (1 Sp. neu). 4) Proplerygia Otto. 

Aus Cuvier's Gattung Trygon wurden 6 Gattungen: Trygon 
im eiigern Sinne unifafst die Stachelrochen, deren Zähne^in der 
Mitte einen Querwulst haben uud deren jchwanz oben und un- 
ten eine niedrige, das Schwanzeude nicht erreichende Flosse hat 
(9. Sp.). Plaoptafea^. enthält die Stachelrochen, deren Breite 
Tiel gröfser, als die Länge, deren Schwanz viel kürzer, als der 
Kürper ist und deren Zähne in eine oder 3 Spitzen auslaufen 
(3 Sp.). Die ebenfalls neue Gattung Hhnantura enthält die 
Stachelrochen ohne Spur einer Schwanzflosse, doch gehören 
nicht alle Rochen hierher, bei denen mau die Flossen -ganz zu 
vermissen glaubte. Die Abtheiiung der Trygon, bei welchen 
die obere SchwanzHosse fehlt, die un re bis zur Spitze reicht 
{Tr. ornalum Gray u. Hardw.) bildet die Gattung Taenium N. 
Diejenigen, welche man wegen ihrer hohen, scgclartigen, untern 
Schwanzflosse, die nicht bis ans Ende reirht, unterschieden, bil- 
den die Gattung Hypolopkus N. Endlich ist die Raja niiciaia 
Lacep. der Typus des Genus Urolophus N., welches sich durch 
eine Flosse an der Schwanzspitze auszeichnet. 

Eine andere Familie vereinigt mit dem Schwanz der Stachel- 
rochen den gänzlichen Mangel des Stachels. Dahin gehören 2 
Gattungen: Ehren berg's Gattuug Anacanthus, deren Charak- 
tere Cuvicr angicbt (ohne Spur von Flossen am Schwanz) und 
eine neue Galtung Gymnura N. mit einer saumförmigen untern 
Flosse am Schwanz (wie bei Trygon), die das Schwanzende 
nicht erreicht (Raja asperrima El. Sehn.). Die Galtungcn My- 



401 

liobatis Ciiv. (Aetobatis B\.), Bhinoptera Kulil und eine nfne 
Gallung geliiiren in eine Familie, die sich aus/.eichnel ilnrcli 
grofse, mosaikaitige Pflasleizähne, von den Brustflossen aligcselzle 
Kopfflossen, eine Flosse auf der Wurzel des Schwanzes und einen 
Stachel hinter derselben. Myliobalis N. hat iu der Milte brcilc 
Zahnplatlen, kleinere au den Seilen, eine gerade Nasenklappe 
und verbundeue Kopfflossen (3 Sp. 1 neu). Aclobatis N. hat 
bei gleichen Kopffiosseu einen weit vorspringeudcu Unterkiefer, 
nur eine Reihe Zahnplatlen ohne kleinere Seitenzähne und eine 
lief eingeschnittene Nasenklappe ('i Sp.). Rhinoplera verbindet 
mit der allgemeinen Foiin der Myliohatis abweichende Zähne 
und eine in der Mitte eingeschnittene Kopfflossc. 

Die letzte Familie machen die Cephalopteren aus: Gattung 
Cephaloplera Dum. Maul unten, Zähne klein und spitz in beiden 
Kiefern (mehrere Species, deren Synonjmie sehr verwini isl ) 
und Ceraloptcra N., deren Typus die von Lesueur beschriebene 
Cephaloplera ist; das Maul liegt vorn, die Zähne sind im Unler- 
kicler kleine, schuppenailige Blältchen, im Oberkiefer sind sie 
undeutlich oder fclilen. 



Notiz. 

VN . D. White erzählt in Loudon's Magaz, IX. p. 200. zwei 
Fälle, in denen eine Hauskatze Muttersielle bei Jungen anderer 
Thicrc verlrclen haben soll. Der .Stallknecht des Herrn Stokes 
warf einer Kalze, deren Junge vor .3 Wochen ersäuft waren, 4 junge 
Kalten vor; nach einigen .Slanilen fand er sie dieselben säugend. 
.Sic zeigte grofse Anhänglichkeit an ihre Pfleglinge. — Eine dem 
Vater des Hcf. angehiirige Katze, der man 3 von ihren .limgen 
kurz zuvor genommen, trug unbemerkt zwei junge Iläseln^n, wel- 
che der Knecht vom Felde mitgebracht, fort und saugte sie auf. 
Ucrr White cigölzle sich oll an dem lustigen Spiele des Kätz- 
chens und der beiden Hasen. Als lelzlere sich ilir Füller schon 
Kclbsl im Carlen und dem nahe liegenden P'cldc suehlen, sal( er 
die Kalze sie .Abends häufig suchen; sie folglen sogleich ihrem 
Hufe, und obwohl last eben so grof« wie jene, saugten sie noch 
an ilir. . 



Zur Entwictelungsgeschichte der Mollusken 
und Zoophyten 



M. Sars in Norwegen. 



(Briefliche Mittheilang an den Heransgeber.) 



I. 

1. Triionia Ascanii. 

Im Anfange Deceinbers zeigen sich gewöhnlich die Tritonien, 
Eolidien, Doris e(c. in Menge am Ufer der Westküste Norwe- 
gens; im Sommer dagegen hallen diese Thiere sich mehr in den 
Tiefen der Fjorde (Meerbuchten) auf. Zu jener Zeit sieht mau 
oft die Triionia Ascanii in der Paarung, und am Ende Januars 
oder Anfang Februars legt sie ihren Laich auf den Tangen, Fel- 
sen u. ij. w. Ich habe selbst mehrere Male dies gesehen. 

1) Der Laich ist wie ein rundes buchtiges Band, spiralför- 
mig aufgewunden, aus einer ungeheuren Auzahl Eiern bestehend, 
das Ganze von einer weichen Sclileimhülle umgeben. 

2) Die einzelnen Eier sind oval; die Eihaut umschlicfst 
immer mehrere Dotter (5 bis 11), nur in den beiden äufscrstcn 
Enden der Eierschnur sieht man ivenige (1 bis .3) Dotter in 
jedem Ei. Diese Dplter sind kugelig; man bemerkt daran die 
Vesicula Purkinje, die aber schon am zweiten Tage zu ver- 
schwinden anfängt. 

3) Vom 2lcn Tage an zeigt sich nun eine Reihe merkwür- 
diger rcgelmäfsigpr Theilungen des Vitellus oder Entwickelung 
von Gegensätzen darin. Im Anfange des 2ten Tages theilt sich 
nämlich der Vitellus in 2. am Ende desselben Tages viele schon 
in 4; am 3ten Tage sind alle in 4 getheilt und viele schon in 8. 
So geht CS nun niit den Theilungen fort, bis der VilcUus am 



403 

lOtcn oder Uten Tage an seiner kugeligen Oberfläche die fein- 
ste Granulation zeigt. 

4) Am 12ten oder 14tcn Tage zeigt sich ein Einschnitt in 
dem nunmehr zum Embryo umgestalteten Vilellus: es ist die 
Hervorwacl'sung der runden Lappen einerseits und der Conchy- 
lie andererseits. Doch wird dies nicht ganz deutlich eher als 
am 17tcn oder ISten Tage. Da aber wachsen die Cilien am 
Kande der zwei runden Lappen hervor, eiuige Embryonen fan- 
gen mit ihrer Hülfe an sich langsam im Kreise zu drehen. Do<'h 
werden die Lcwcgungcn nicht lebhalt und allgemein eher als 
am 25sten oder 26sten Tage, wo die Embryonen äufserst rasch 
in allerlei Directioneu durcheinander laufen. Man sieht nun deut- 
lich, dafs der Embryo in einer Couehylie steckt, die im Anfange 
schuhrürniig ist, später aber (23sten bis 26sten Tag etc.) in die 
Länge wächst und nautilusförniig wird. Der Embryo, in einem 
sackförmigen, durchsichtigen Mantel gelegen, der sich zuweilen 
ein wenig zusammenzieht, zeigt inwendig schon den Dann völ- 
lig ausgebildet; der Magen, von einer leberartigen, undurchsich- 
tigen kugeligen Masse umgeben, ist hinten durch ein Ligament 
an die Schale befestigt. Er streckt das Fufsrudimcnt, das mit 
einem kleinen Deckel zum Schliefsen der Schale versehen ist, 
saiiimt den runden, mit librirenden Cilien besetzten Lappen, aus, 
und schv\ininit so im fliissigen Eiweifs umher. 

5) Am 31slen bis 36slen Tage ungefähr sind die Embryo- 
nen so weit lierangc wachsen und so grofs geworden, dafs sie 
nur mit Mühe Platz im Ei finden; sie slol'seu immer gegen die 
sehr dünne Eihaut an, weiche zuletzt platzt: sie lieten nun her- 
aus und gcbwimmca im Wasser lustig und sehr rasch durch 
Hülfe ihrer Cilien herum. Dieses Ilcrausschlüpfcn der Jungen 
gehl aber nur sehr langsam fort; erst am 38sten Tage war die 
ganze Ei.<chnui- aufgelöst, und in dem mit Sccwasser angefüllten 
(jefäfsc uiinmclte es von Tausenden dieser hei herumschwim- 
menden Jungen. 

6) Nun wird die Conchylic, die früher weich war, hart, 
liornartig, glänzend und ausge/.eiihnel deutlich; sie ist in sich 
•elbst eingebogen, wie eine Nautilnsschale, die Oeü'nung länglirh 
rund; rührt man da» Thicr an, i>o zieht es sich in seine Schale 
ganz ein, wie eine wahre Cchiiusschneckc. So hielt ich diese 



404 

Jungen nocli eine Woche oder mehr lebendig in täglich erneuer- 
tem Seewasser; dann aber starben sie, ohne weitere Metamor- 
phose gezeigt zu haben, die weiclien Theile löstcu sich auf und 
die Couchylieu stiegen zu Tausenden an die Oberflüche des Was- 
sers auf. I 
2. Eolidia bodoejisis. 

Fast ebenso verliiilt es sich mit der Entwickclung der Eoli- 
dia, die auch zu selbiger Zeit ihren ebenso gestalteten Laicli 
legt. Auch hier sind mehrere Vitcllus (bis 7) in einer Eihaut 
eingeschlossen. 

3. Doris muricaia. 

Die Entwickclung ganz wie bei Tritonia. Im Anfange März 
legt die Doris ihren Laich, der bandförmig, stark zusammenge- 
drlickt ist und mit der einen scharfen Kante an Felsen etc. fest- 
klebt. Die Eier weichen darin von denen der Tritonia ab, dafs 
sie immer nur einen Vileüus eMlIiallcn. Die Theilungen der 
Vitcllus sind ganz wie bei Tritonia. Am 24steu Tage sieht man 
die beiden runden Lappen hervorwachsen; am 27slen Tage sah 
ich die Embryonen sich mit ilülfe ihrer Cilien im Ei herum- 
drehen , und am 36slen Tage war schon eine ungeheure Menge 
herausgeschliipft und schwamm frei im Wasser herum. Die 
Conchylic ist wie bei der Tritonia, nur kürzer, mehr eingerollt 
und die Mündung gröfser. 



IL 

Asterias sanguinolenta Müll. 
Unzählit;e .Male halle ich Seesterne unseres Meeres unter- 
sucht, um die bisher von Niemand beobachiele Entwickclung 
kennen zu lernen, immer aber ohne Erfolg. Ein Zufall ver- 
schaffte mir endlich die lange ersehnte Gelegenheil. Ich traf 
nämlich am 1. April d. J. an unserer Küste ein Exemplar von 
Asterias sanguinolenta Müll., auf dem Seegrunde liegend, mit 
allen seineu 3 Strahlen gegen einander zusammengeschlagen; dies 
fiel mir auf, und als ich die Strahlen von einander beugte, sah 
ich eine Menge (40 — 50) sehr kleiner rother Thierchen aufsen 
um uud iu der ftluudhöhlc. Als ich uutt den Seestern mit den 



405 

kleiuen Tliiercben in ein Glas mit Seewasser angefüllt warf, fie- 
len die leliteren ab und bewegten sieb langsam auf dem Boden 
des Gefälses umber. Noeb immer könnten aber diese Tbierchcn 
docb Parasiten sein; um darüber ins Reine zu kommen, scbuitt 
icb den Scestern auf und fand dann in dcu unter den bekauu- 
len licbtbrannen verästelten Blinddärmen in jedem Strable lie- 
genden, ebenfalls verästelten Ovarien eine grofse Menge Eier, 
Tou derselben scbonen rothen Farbe, wie die oben erwähnten 
kleinen Tliiercben; sie waren fast kugelrund, doch etwas llaeher 
;c:if der einen Seile, die convexe Fläche z.eigle sehr deutlich die 
^'esicuta Pur/cinji. Ich konnte nunmehr nicht länger daran zwei- 
feln, dafs die erwähnten Thierchen, obscbon der F'orm nach sehr 
vom Mullcrlbicre verschieden, eben ausgeschlüpfte Junge von 
dem Sceslorue waren, welches sieh auch im Fortgänge der Ent- 
wicklung derselben nur völligen Ucberzeugung bestätigt hat. — 
Die Jungen also sind rundlich, flachgedrückt; an dem Ende, das 
sich bei der Bewegung als das vordere zeigt, mit 4 kurzen keu- 
Icnfürniigcn Armen oder Appendices versehen. Bei einigen der 
grölslen £.Neni|iIare konnte man auf der oberen Fläche des Kör- 
pers einige in 5 aussirahlenden Reihen gcstelllc Warzen wahi'- 
uebmen: es sind die hcrvorwachscndcn Füfsclien. — Diese Junge 
bewegten sich langsam, aber gleichförmig, meistens in gerader 
Linie vorwär(s. immer mit den 4 Armen voran. Die die Be- 
wegung bewirkenden Organe habe ich nicht erkennen können; 
es sind aber zweifelsohne »cbr kleine Cilien, obscbon ich sie 
mit meinem IMikroskupe, das eins von den alten englischen ist, 
nicbl bemerken konnte. Mit den 4 Armen konnten sich die 
Thierchen fesllicften, auch ein wenig längs den Wänden des 
Gefäfscs beraufkriechen. — Nach Verlauf von 12 Tagen fin- 
gen die 5 Sirahlen des Körpers, der bisher rundlich war, an, 
bervorzuwachsen, und noch S Tage späler w.ucn die Füfs- 
cbeii, 2 Reiben in jedem Strahle, schon in lange Böhrcben, 
die sich aussirecklen und feslsauglcu und wieder einzogen, aus- 
gewachsen, 80 dafs die Thicrchcu mit ihrer Hülle auf dem Bo- 
den und läng« den Wänden des Gefäfscs hciumkrocben. (Die 
»cliwininicnden Bewegungen hallen nun gänzlich aufgehört.) 
Nach Verlauf eines Monats verschwandeu die 4 Arme nach 
und nach, und da» Thier, das im Aufaugc synunclrisch oder 



406 

binair war, ist nun völlig radiair geworden — eine retrograde 
Bildung, deren wir schon mehrere Beispiele in den niederen 
Thierklassen kennen. Uehrigens gleicht jetzt das Junge dem 
Mutterthiere in Allem, nur sind die Strahlen des Körpers noch 
ganz kurz und breit, die Fiifschen wenig zahlreich u. s. w. — 

Obige Beobachtungen sind zwar noch unvollständig, und 
vieles ist noch auszumitteln übrig; jetzt aber, da wir die Zeit 
der Fortpflanzung und die Umstände dabei kennen, wird es wohl 
bald, entweder mir oder einem andern Naturforscher, gelingen, 
die Entwickelungsfolge vollständiger darzustellen. — 

Auch war ich so glücklich, eine neue Art der Forlpflanzung 
bei einigen Acalephen, und namentlich bei meiner Cytaeis ocio- 
punclala, zu entdecken. Die Jungen wachsen nämlich aus dem 
Leibe des Muttcrlhiercs nach und nach hervor, ganz wie bei den 
Hydren, bekommen allmälig die verschiedenen, die Art charak- 
terisirenden Organe, fangen dann an, sich durch Systole und 
Diastole zu bewegen, reifsen sich endlich eins nach dem andern 
vom Multcrlhiere los, und schwimmen nun frei herum. 

Hinsichtlich der früher von mir aufgesiclllen Acalephen- 
Gattuug Strohila, die sich durch ihre sonderbare Forlpllau- 
zung so auszeichnet '), bin ich zu der Uebeizeugung gelangt, 
dafs sie nur der Jugendzusland der Medusa aurita ist, wel- 
ches ich durch eine Reihe von Abbildungen, die den allmäligen 
ücbergang von der Form und Organisation der fjjAi/ra- artigen 
Acalcplic bis zu denen der Medusa aurita darstellen, bei der 
Versammlung der Naturforscher in Prag beweisen zu können 
hoffte. Leider aber war die Zeit der Versanmilung von andern 
Rednern so in Anspruch genommen, dafs ich nur die obigen 
Beobachtungen über die Entwickelung einiger Mollusken, nicht 
aber die der Seeslerne uiiltheileu konnte. Auch war es mir 
nicht möglich, meine Abbildungen einer neuen Physopboride des 
Nordniccres vorzulegen, die eine Länge von 1 — 2 F. erreicht. 
Ich bedauere dies um so mehr, als nur wenige Naturforscher 
diese unglaublich leicht zerstörbaren Thiere in ihrer Integriiät 
bcobaclilct haben, und viele unhaltbare Gallungen und Ailcii 
nur nach Bruchstücken aufgestellt sind. Diese, -sowie eine ebeu- 



1) S. dieses Archiv. II. 2. p. 19». 



407 

falls im Nordmeerc gefundene Diphyes und mehrere andere 
Seelhiere werde ich in einer bald herauskommenden Schrift mit 
Abbildungen ausführlicher beschreiben. 



E l i g ni o d o n t i a , 

neues Nagethier-Genus 

von 

F. C u V i e r. 

(Ann. des Sc. nat. 1S37. März. Tom. VII. p. 1G9.) 



A.US der ausführlichen Charakteristik lassen sich folgende Daupt- 
cbaraktere hervorheben. Allgemeine Gestalt mäuseähnlich, aber 
die Hinterbeine sehr lang, äiual so lang als die vordem (bei Mus 
nur doppelt so lang); Tarsus besonders sehr lang, hat ^ der Kör- 
perläuge (bei Mus {-), zeigt auf seiner Unterseite nur eine mit 
steifem Haar bedeckte Schwiele. Vorderfüfse 4 -zehig, Daumen 
rudimentär, mit plattem, stumpfem Nagel. Hinlerfüfse 5-zehig. 
Krallen sichelförmig. Schwanz sehr lang, mit kuizeu platten 
Haaren bekleidet, und unter diesen schuppig geringelt. Augen 
mäfsig grofs; Obren dünn, oval, 1- der Kopfeslange; lange Schnurr- 
borsten; Backenzähne jedcrseits ^, mit deutlichen Wurzeln und 
alternirenden Einbuchten, deren der vorderste gröfsle Zahn aul'sen 
und innen 2, der zweite aufsen 2, iunen eine, der dritte sehr kleine 
jedcrseits eine zeigt. Schneidezähne glatt, gelb. — Die einzige 
Art, E, lypua, bildet eine kleine, oberhalb graulich braune, un- 
terhalb weifsc Maus von Buenus-Ayres (/. c. tob. 5. abgebildet), 
Körpcriaugc 2|", Schwanz 3" 4'". 



Auszüge aus den Schreiben des reisenden Natur- 
forschers C. Moritz in Süd -Amerika, 
/ 

mitgetlieiU 

von 

Herrn v. B r e d o w auf Wagenitz. 



Paejto-Cabello, im Juli IS36. 
L)ie Küsten-Cordillerc von Venezuela und die südlich dar.in 
liegenden Tl)üler enthalten in ihren Waldungen hauptsächlrch 
zwei Arten Affen: den kurzweg sogenannten Mono (Simia 
[Cebus] Capucina) und den Araguato (S. [Mycetes] seniculus), 
letzteren durch sein Geheul hekannt, das er Nachts und früh 
Morgens hören läfst. — Diese Aficngesellschaften richten in den 
Pflanzungen durch Abreifsen und Zerschlagen der Cacaofrüchle 
und des Mais zuweilen Ungeheuern Schaden an, indem sie das 
Meiste aus Muthwillen spielend zerstören. Doch wagen sie sich 
nur dann in die Pflanzung, wenn sie sich ganz sicher glauben 
und weit und breit keinen Menschen spüren. Zwei Mittel hat 
man als völlig bewährt gefunden, sie für immer nach dem er- 
sten Einfall zurückzuschrecken. Entweder, man sucht einen da- 
von zu schiefsen, so dafs die Uebrigcn den Getödtefen, den man 
ihnen zu zeigen und dort so aufzustellen wcifs, sehen, oder in- 
dem man ein Fafs mit fein zerstofsenem spanischen Pfefler (Capsi- 
cum) hinstellt. Sie greifen hinein, führen ihn nach Mund und 
Gesicht, das sie zum Theil damit beschmieren, fühlen bald 
die beizende Kraft desselben, fliehen den Ort und kommen nie 
wieder. — 

Unter den Vögeln aus der Gattung Cassicus zeichnen sich 
bekanntlich viele, wie meine Freunde sich dessen aus meinen 
Nachrichten vom Cassicus phoeniceiis von der Insel Puerto -Rico 



409 

erinnern werden, durch gesellscbaftlichcs Nisten ans. Eine ähn- 
liche, doch grilfsere und schönere Art mit ganz weilscm Schna- 
bel, Arrendajo genannt, ist hier sehr häufig und als Käfig -Vogel 
beliebig indem er zugleich der Drossel ähnlich flötet Ich sah 
an den äufscrsleu biiclisten Zweigen eines Astes einer hohen 
Erytfirtna in cioer Cacao-Pflanzung etwa 9 Nester fast dicht 
ocbcu einander bangen, künsli'icb, gleich denen des Trupials, ge- 
flochtene, über Fufä lange schmale Beutel. Allgemein wird be- 
hauptet, diese \'ögel nisteten nur da, wo sie ein Wespennest 
in demselben Baum ganz iialic halten. Ich durfte nicht lange 
umherspäbcn, um unter den Vogelnestern ein diesen ähnliches, 
jedoch kürzeres, dickeres, von feinerer, feslerer Slructur, heraus 
zu erkennen, das von Wespen umschwärmt wurde und mir da- 
her jene Erfabrung zu bcslätigen scheint. Diese einzelne ei- 
gene Erfahrung genügt mir, der ich in solchen Fällen sehr zwei- 
felhaft hin, freilich keiueswcges, da es ein hlofser Zufall sein 
könnte. — Sollte indessen durch vielfache ausnabmiose Fälle der 
.\rt die Sache sich wirklich besläligen, so würde als Grund 
wohl nur ein cigentbümliclier lustinet dieser Vögel anzunehmen 
sein, wodurcb sie, selbst wehrlos, geleitet würden, ihre Kolonie 
unter den kräftigen Schutz eines wohlbewallnctcn und keinen 
Feind in der Nähe duldenden Wcspenslaalcs zu stellen. 

Ein seltener, nur in den hübern Gebirgsregionen vorkom- 
mender Vogel ist der sogenannic Campanero (Glöckner, Läu- 
ter), Procnias variegala Cuv.; von der Gröfsc einer Am- 
sel, weifs, aschgrau überlaufen, mit schwarzen Flügeln und brau- 
nem Kopf, dem Schnabel der Schwalben ( bis auf die Einker- 
bung au der Spitze) übrigens den Seidenschwänzen (Ampelis L.) 
verwandt, daher von Linne auch dahin gerecbnet. Das Son- 
derbare an diesem Vogel ist der völlig nackte Vnrderlials, der 
■talt der Federn mit zum Tbcil zolllangcn, fast wunnäbnlirhen 
Fleittcbfädcn allcnllialben besetzt ist, welche wie sclilallc Pran- 
gen an demselben niederbanmcln. Voigt'», in der Uebersetzung 
dm Cuvier, wahrscheinlich nach einem getrockneten Exemplare 
gegebene Vcrgicicbung dieser FIciscbfascrn mit kleinen Rcgcn- 
würmcrn palVt durchaus nicht, indem dieselben schwarz und völ- 
lig platt sind, daher sie eher mit jungen Blutegeln (bei dunkler 
FSrbuug üerielbcn) zu vergleichen wären. Eben so wenig habe 



410 

ich von der von Cuvier angegebenen Nahrung des Genns 
Procnias, „Insecteu", die geringste Spur im Magen dieses 
Vogels, sondern jene gleich der vom Genus Ampelis überhaupt, 
in Früchten, besonders Beeren, bestehend, gefunden. Den Ma- 
gen eines Campanero, den ich vorgestern untersuchte, füllten 2 
rothe Beeren, gröfser als Kirschen, völlig aus und hatten zu- 
gleich durch ihren Saft die innere Magenhaut kirschbraun ge- 
färbt. Es schienen mir diese Beeren, obvvohl sie bereits zer- 
quetscht waren, von einer Art Amomum, wie ich es in meinen 
Nachrichten über Puerlo-Rico glaube beschrieben zu haben und 
unfern Valencia ebenfalls antraf, herzurühren , und würde da- 
durch zugleich die Angabe der Portorikaner über die acht fär- 
bende Kraft dieser Beeren vielleicht bestätigt. — Was aber die- 
sen Vogel den Landeseinwohnern hier besonders auffallend macht, 
ist seine sonderbare Stimme, die, nach vorhergegangenem knar- 
rendem Tone, dem einmaligen Anschlagen und allmäligen 
Verhallen einer Thurmglockc gleicht, so dafs man, getäuscht, 
in den einsamsten, enllegensten Bergen einem Dorfe nahe zu 
seyn glaubt. Da er gewöhnlich unten in den Felsschluchten 
sitzt, so könnte vielleicht der den Schall zusammenballende und 
verlängernde Ort den langen, immer schwächer werdenden Nach- 
hall, wenn auch nicht hervorbringen, doch verstärken. 

Einer der gröfsern und durch seine Form auffallenden Kä- 
fer dieser Gegenden, der durch Gröfse, langes Kopfhorn und 
scböngeformlen Thorax sich auszeichnet, ist der Scarabaeus Age- 
nor Ol. — Beachtet man aufmerksam alle Gegenstände, laugsam 
die üppigen Flufsgestade bei Valencia in den ersten Regenmo- 
naten durchschreitend, so kann man nicht umhin, den jungen 
Riesensprossen von Armsdicke am Bambusrohr, aus der Wurzel 
dem Spargel ähnlich hervortreibend, einige Augenblicke der Be- 
trachtung zu schenken. Den Entomologen gereut dies nicht, 
denn, ist er an der rechten Stelle, so bemerkt er grofse Seiten- 
Öffnungen, oft 3 — 4 an einem Schöfsling, alle nach oben hinauf 
gerichtet. Er haut mit seiner Machete hinein, die Oeffnuug zu 
erweitern, und schon bei den ersten blofsen Erschütterungen vor 
dem Loche kommt eiligst rückwärts ein solcher üornkärcr, zu- 
weilen ein Pärchen, heraus, die er erst völlig herausfallen läfst, 
denn will er sie rückwärts herausziehen, sie von binteu fassend, 

80 



411 

so halten sich die gehörnten Männchen mit ihrem gegcngeslämm- 
ten langen Hörn so fest, dafs es unmöglich ist, sie so heraus7,u- 
holen. Dies sclieint also der Zweck des Horus zu sein ('?). Die 
Weibchen waren Anfangs Juni wenigstens seltner, da ich bei 
circa einem Dutzend ^f nur etwa drei $ fand. — Die durch 
Zernagen des Marks in demselben hervorgebrachte Gährung lockt 
andere kleine Insekten herbei, so dafs man zugleich in solcher 
Höhlung schön glänzend schwarze Curculionen (von Gestalt ei- 
ner sehr kleinen Calandra), Braclielytera, JVilidulae, seltener 
einige kleine //i/fc/j/iagi etc. etc., auch Dipteren - Larven und die 
dazu vermutblicli gehörigen Syrphidcn, um die Wiege für ihre 
Brut umberschwänncnd, oft in Menge triflt. — Jener Hornkäfer 
richtet auch in den halbreifen Maiskolben, in die er sich ebenso 
hineinfrifst, bedeutenden Schaden an. 



Mapanare, vielleicht Coluber Lichtensfeinü? ' ) , eine der 
gefürchtetsten Giftschlangen feuchter Stellen. Ich sah eine solche 
auf den Steinen im Felsbache, wahrscheinlich den kleinen Frö- 
schen dort audauernd. Sie scheint indessen nur, etwa wenn 
sie getreten wird, zu beifsen; denn als einer der eben gegen- 
wärtigen Holzhauer darnach geschlagen und sie verfehlt, flüch- 
tete sie ins Gebüsch, ohne an einen AngrIiT zu denken. Nir- 
gend wird wohl eine Prophezeihung fortwährend so treu er- 
IBlIt, als in diesem Lande die mosaische von der ewigen Fcind- 
6chaft des Menschen gegen die Schlangen. Beim Erblicken einer 
Schlange scheint sich eine Mordwulh der hiesigen Landbewoh- 
ner zu bcmüchligcn, sie ruhen nicht, bis sie das cntllohene Thier 
aus seinem Vcr.sleck hcrvorgcsucht und todtgeschlagcn haben. 
So geschah es denn auch mit jener; es kostete jedoch Mühe, 
gie in dem zuvor zum Thcil abzubauenden dichten Gesiripp zu 
entdecken. Die angeblichen Schutzmittel oder Heilmitlei gegen 
den Scblanscnbifs bcsichen (ungerechnet das Tragen eines Cio- 
codilzahncs) in einer Menge Vegclabiilcn, worunter das Gimco 
alt da« sichei'stc empfohlen wird, und selbst Einimpfungen damit 

1) Wenn nirllich eine GifUchlaoge, wabrscbcinlicli eine Cophia». 

Herausgeber. 
III. Jihrg. I. Hand. 2(i 



412 

als Präservativ vorgenommen werden. Ein anderes ist die Raiz 
de mato, die Wurzel einer P'ejuco (Schling|jflaDze), wie mau 
versichert, daher nicht, wie Herr v. Humboldt vermuthet, von 
der baumartigen Cerbera Thevelia. Nach der mir gemachten 
Beschreibung der Liane scheint diese der Galtuug Aristolochia 
anzugehören uud wahrscheinlich die Aristolochia anguicida. Ich 
mufs gestehen, dafs ich kein sonderliches Vertrauen in diese ve- 
getabilischen sogenannten Contras (Gegengifte) setze. In San 
Estevan brachte man mir eine lebende Mapanare. Es kam dar- 
auf an, sie so in eine Flasche hineinzuprakticiren, und ein In- 
dier ward dazu beauftragt. Das Thier, das sich an einem um 
den dünnen Hals geschlungenen Vejuco gefesselt fühlte, war 
sehr böse. Der Indier bat daher um das Contra; es wurde ihm 
die getrocknete Wurzel Raiz de Mato gebracht; er kauelc daran, 
spie den Saft in den geölfneten Mund der Schlange, kauete dann 
noch ein Stück, bestrich die Finger damit und packte mit den- 
selben die Schlange ins Genick, die in demselben Augenblick, 
eben als wenn kein Contra angewandt wäre, den Rachen zum 
Beifsen aufrifs und die Giftzähne aufklappte, jedoch naiürlieh die 
Finger des Indianers nicht erreichen konnte, der sofort, gleich- 
sam als wenn er selbst an der Kraft seines Contras zweifelte, 
den Kopf der Schlange zerquetschte, wo es denn freilich leicht 
vrar, sie in die Flasche hineinzustecken. Dies Alles ist eben 
nicht geeignet, das Vertrauen zur Raiz de Mato zu stärken. — 

Psiltacus ochrocephalus L., unter den hiesigen Pa- 
pageien derjenige, den man am Besten und Meisten sprechen 
lehrt. Er gewöhnt sich, jung aufgezogen, gleich dem Hausge- 
flügel; Männchen und Weibchen sitzen gewöhnlich, ohne sich 
lange von einander zu entfernen, beisammen, doch nisten sie 
im zahmen Zustande nicht. Es wurde mir versichert, wenn man 
sich die Mühe gäbe, diesem Papagey nach und nach alle Federn 
auszurupfen, dies aber zu drei verschiedenen Malen nach der 
jedesmaligen Erneuerung des Gefieders wiederholte, dasselbe je- 
desmal heller gefärbt und zuletzt völlig gelb würde. Es scheint 
mir nicht ganz unwahrscheinlich, und sollte es wirklich gegrün- 
det sein, für die Bestimmung der Art von Wichtigkeit. 

In den hohem Savanen um Valencia — selten in den tie- 
fern Uanos des Innern — lebt als Stellvertreter unsrer Lerchen 



413 

ond Ammern ein Vogel von der Gröfse des Staars, outen schön 
goldgelb, hier, von seiocr Slimmp, Chinili genannt, von den Or- 
nitbologcn aber bald als Alauda magna, bald als Slurnus 
ludovicianus aulgeführL Letztere Benennung ist von Cu vi er 
und Voigt ailoplirt. Indessen bemerke ich hierbei, dafs vrenii 
der einzige Grund, diesen Vogel den Staaren zuzugesellen, sich 
nur in der Bildung des Schnabels finden möchte, letzterer 
denselben %vcit mehr den Cassicis nähert. Ferner ist in der 
ganzen Lebensweise des Cliirtili nicht eine Spur von der Lebens- 
art der Staare zu finden, dieselbe vielmehr ziemlich der von 
Emberiza miliaria gleich. Wie diese auf den Spitzen der ein 
zelnen Gebüsche der Wiesenplülze sitzend, zwitschert er dort 
eben so eintönig sein Tschirili, fliegt eben so mit hängenden 
Beinen und zitternden Schwingen, in der Luft fortzwifschcrnd, 
auf. Auf ähnliche Weise nistet er auf der Erde zwischen den 
Grasbüscheln. Das oben zugewülble, backofenförmigc Nest traf 
ich mit 3 bereits bebrületen Eiern, von Färbung wie bei denen 
des Grünfinken, d. h. milcbweifs mit braunen Fleckchen und 
Punkten. — Mir scheint dieser Vogel so viel Eigenlliändichcs 
za besitzen, dafs er, wenn gleich in verschiedenen Stücken 
verschiedenen Gattungen nahe kommend, doch keiner be- 
kannten Vogelgattung ausschliefslich angehört, sondern ein für 
sich bestehendes Genus auszumachen scheint, und etwa den \i>u 
seiner Stimme und vaterländischen Benennung entleholen Na- 
men: Cirulua (C. pratensis) verdienen möchte. 

Eine der wii^bligsten Mittbeilungen, die ich noch zu machen 
habe, ist vielleicht die Nachricht von dem unlängst in Vene- 
zuela vorgekommenen Gebären zweier weiblichen Maullhiere. 
Der erste Fall ist mir von dem Ohrist C i angeführt wor- 
den, als demselben vom Eigcnthümer jener Maulthierstute selbst 
|erz5hlt und unbezweifelt. Im Pao de Barcelona thcille uns spä- 
terhin ein ganz schlichter Mann, der sonst wenig sprach, eine 
auf seinem llato gemachte eigene Erfahrung mit, zugleich mit 
dem Bemerken: dafs alle ihn Besuchenden seine Maulthicrfüllcn 
gesellen. Wäre die Entfernung nicht zu grofs gewesen und hätte 
es unsere Zeit erlaubt, so würde ich selbst durch den Augcn- 
Kbcin mich überzeugt haben; dies war aber nicht möglich zu 
machen. Das Füllen der Maulthierstute beschreibt der Eigen- 

26* 



414 

Ihümer ganz der Mutler gleich, obwohl der Vater ein Esel war. 
Es ist schou einige Zeit alt ( ich erinnere mich nicht genau wie 
alt) und kräftig und gesund, da die Mutter ein tüchtiges Euter 
und. Fülle von Milch hat '). 



I) Dafs die Manlthierstuten nicht immer unfruclitbnr sind, nament- 
licli dafs sie, vom Pferdehengste befrachtet, Fiiilcn zur Welt bringen, 
ist durch zahlreiche Fälle bewiesen, deren A.Wagner in Scbreber's 
Säugethieren, Th. 6. p. 93. viele zusammengestellt bat. Dafs sie auch 
mit dem Eselbengstc eine fruchtbare Begattung eiugelien, war, obgleich 
an sich glaublich, durch kein Factum belegt. Herausgeber. 



Berichtigungeil 



Dr. M. J. Schlcideu. 



f lilchtigkeit bei der Reinschrift und Mangel au Uehnng heim 
Corrigiren haben in meinem Aufsalze über die Entwicl<liuigs- 
geschichte im laufenden Jahrgang dieses Archivs einige Fehler 
vcranlafst, welche gütigst zu entschuldigen uud zu bessern ich 
die Fjcser ersuche. 

Seite 301 Zeile 12 von oben lies enthalten statt entfalten 
>» 303 » 6 V. u. 1. Spitze 8t. Spite 
>j 303 »» 5 V. u. 1. weiblichen st. wirklichen 
>• 312 zwischen Zeile 16 u. 17 fehlt der Name Mir bei 
» 313 Zeile 8 v. u. in der Anmerkung I. „Mänuer wegen, die sieb 
öiTentlich über diese Arbeit ausgesprochen haben 
und ohne etc. 
>► 314 » 13 der Anmerk. 1. Breslau st. Berlin 
Im ganzen Aufsätze 1. Cislinea st. Cystinea. 



Ucber den Unterschied der Schalenbildung der 
männlichen und weiblichen Anodonten. 

Von .,;,^ 

Dr. C. Th. von Siebold. 



..•ial> 
JMachileui icli mich überzeagl halle, dafs Unio pictorum, tnml- 
JuSf crassns^ Anod&tita cygnea^ analina, Tichogonia po/ymoT~ 
pha , Mylilus e Julis, Cardium edule , Mya arenaria, Tellina frw' 
gilis uud ialtica gctrennlcu Geschlechtes sind (siehe Müller's 
Archiv. Jahrg. 18-37.), so versuchte ich es, oh es mir nichl ge- 
lingen künnle, die weiblichen und mäiinlicheji Individuen die- 
ser Muscheln schuu an einer äufscreu Verschiedenheit der Scha- 
lenhildung zu uiitcrsclieideii; es hat mir dieser Versuch bei Unio, 
Ticliogotiia, Mylilus, Cardium, Tellina und Mya bis jetzt nicht 
gelingen wollen, dagegen wurde es mir sehr bald ein leichles, 
bei Anodonta die IMännclien und Weibchen schon an der blolsen 
äufscreu Form der .Schalen zu erkennen. Zu gleicher Zeit bin 
ich aber auch zu der Ucberzeugung gelang), dafs Anodonta cygnea 
und cellensis nichts anderes als die versd'iedenen Geschlechter 
einer uud derselben Tcichmuschelart sind. Es bedarf von mei- 
ner .Seite keiner näheren Beschreibung der männlichen und weib- 
lichen Schalen dieser Muschelart, indem die Anodonta cygnea 
und cellmsis in den conchyliogischen Werken genugsam beschrie- 
ben und abgebildet sind; es ist daher ausreichend, wenn 'ich 
darauf aufmerksam mache, dafs Anodonta cygnea (co7trAa täte 
ovafn, siehe Kossmässler's Iconogra|iliie, llft. I. p. 111. lab. 3. 
lig. 67 ) das Männchen und Anodonta cellensis (conclia orato- 
oblongu, ». l{os>niässler, Uli. IV. p. 22. lab. 19. fig. 280.) 
üaB Weibclicu einer und derselben Species ist. Ich fand beide 
Muscheln im l)anzigcr .Sladigrabcn sicis bei einander, immer 
zeigten sich mir die Geschlechtsorgane der A. cygnea als Hoden 
mit lebhaften Sju-rmatozoen und die der A. cellensis als Ovarien 
mit Eierkeimen, iu dcucu das Purkinje'schc liluschcn mit dcu 



416 

Wagner 'sehen Keiinflecke nicht zu verkennen waren. Ano- 
donta cellensis, sulcala und cygnea sind demnach synonym, und 
dem letzteren N.unen, als der alleren Linne'ischen Bezeichnung, 
gebührt vsohl das Recht des Vorzugs. 

Einep jibiilichen Geschlechtsunicrschied bieten die Schalen 
der Anodonla anatina dar, da aber dieser nicht so grell hervor- 
sticht, mögen beide Geschlechter vor einer Trennung in zwei 
besondere Species bisher geschützt geblieben sein, und man hat 
die verscliicdencn Schalenbilduugen (was wirUlicli zu verwun- 
dern ist) nur als Varietäten gelten lassen. Wenn Nilsson 
(historiu nwlfuscorum Sueciae p. 115.) bei der Beschreibung der 
Schale, von jfaiod' anaihia sagt: iesia admodum rariat, ovalo- 
oblanga fiel elUplico-ovala, jam magis jam minus compressa etc., 
so gehört wiederum die (elliptisch) breit-eiförmige, weniger 
gewölbt^ Schale den männlichen Individuen, und die eirörniig- 
längliche, wielir gewölbte Scbalg den weiblichen Individuen der 
Entenniuschel an. 

Trifft den neueren Conchyliologeu übciliaupt der Vorwurf, 
mit Erricbtung i^cucr Species zu leicht umgegangen zu sein, so 
tritt dieser Fehler bei den Muscheln besonders hervor, statt dafs 
man gerade liier nur mit der gröl'sten Vorsicht neue Arten hatte 
einführen sollen, da man wissen konnte, dafs Alter und Aufent- 
haltsort der Muscheln so leicht Forniabweichungen der Schale 
bei einer und derselben Art hervorbringen ; jetzt, da nun nach- 
gewiesen ist, .dafs auch die Geschlccbtsvcrscbiedenheit auf die 
Schahjnbildcmg der Muscheln den gröfsten Eiiilhifs ausübt, scheint 
doppelt nülhig, die bisher aufgestellten Arten der Bivalven ei- 
nc^'. sgrgtälligeu Revision zu unterwerfen. Die Anodonia inter- 
media, eine Species, gegen welche schon mehrmals Verdacht 
erhoben wujde, .glaube ich vvirklich nur für eine noch nicht 
völlig ausgewachsene männliche Anod. cygnea halten zu müssen. 
Ich bin übrigens gern bereit, demjenigen, der es wünscht, männ- 
liche und weibliche Scbalen der Enten- und Schwanen -Teich- 
musclieln, für deren richtige Bestimmung des Geschlechts eine 
jedesmal von mir vorgenommene mikroskopische Untersuchung 
der Sexualorganu des Thieres bürgen soll, zu übersenden. 
Danzig^..(len .'{tcn Octobcr 18.37. 

1.1 irjdj'.. . 



Schreiben 

des Herrn Professor Meyeu 

an dea Herausgeber. 



llocbgechilesler Freund und College! 

rLs sind Lciiiiihe 10 Jahre verflossen, als ich jene kleinen nicd- 
liclien Algen entdeckte, welche im 14ten Band der Leopold ini- 
schcn Akten beschrieben und auf lab. XLIII. daselbst abgebildet 
wurden; ich glaubte damals nicht, dafs es möglich wäre, diese 
mikroskopische Plliiuzchcn für Tbicre halten zu können, und 
dennoch hat man dieses versucht und hat die Ansicht mit sol- 
cher Beslimmlheit ausgesprochen, dafs sich die mit dem Gegen- 
stande weniger bekannten Naturforscher wundern mögen, wie 
es möglich gewesen ist, Thicre für Pflanzen zu halten. Beruhte 
dieser Gegenstand auf blofsen Ansichten, so würde es nicht der 
t>Iiihc wcrlh sein, darüber Worte zu verlieren. Indessen das ist 
nicht der Fall, sondern der Botaniker, welcher mit der Struk- 
tur und den Lebenserscheinungen der Conferven (welche mau 
gegenwärtig noch ziemlich allgemein für wirkliche Pflanzen hält) 
vertraut ist, wild mit aller Bestimmtheit, welche die verglei- 
chende Naiur-Anschauung geben kann, nachzuweisen im Stande 
sein, dafs alle jene Geschöpfe unzweifelhaft zu den Pflanzen 
gezählt werden müssen. Eben von diesen Pflänzcheu sprach ich 
auf Seile 21 nicinca letzten Jahresberichtes, wozu Sie eine An- 
merkung zu niaclieu nölhig faiiilcu, welche nbrr uiclit dazu palst, 
denn Sie s|)rcclien von Bacillarieu, welche von meinen kleinen 
Algen gar Bchr verschieden sind '). 



I ) In iliT ;iiigi lulirli II NUlIc S. 'ZI int ülicr von ßacillarivn ilii: 
UiJc, und nicht von lIi:iTn Mcji-n's kleinen Alp-n; eben so S. '^6, 



418 

Seit den verflossenen 10 Jahren habe ich keine Gelegenheit 
vorübergehen lassen, um jene kleine Geschöpfe zu betrachten, 
welche die sj-stematischen Botaniker noch immer unter den Algen 
aufführen, uud manche neue Formen sind mir vorgekommen, 
welche ich ebenfalls nächstens zu publiciren gedenke. Es war 
meine Absicht bis dahin über diesen Gegenstand zu schweigen, 
doch die Nachrichten, welche Sie im vierten Hefte (p. 377.) 
Ihres Arcbives unter dem Titel: Ehrenberg's neuere Ent- 
deckungen über die Bacillaricn haben einrücken lassen, 
nöthigen mich sofort zu folgender kurzen Erklärung, damit nicht 
etwa die darin enthaltenen Angaben als unzweifelhafte That- 
sachen in das gelehrte Publikum übergehen. 

Sic führen in Ihrem Aufsatze Beobachtungen an, durch 
welche der vollständige Beweis geführt werden könne, dafs 
meine Gattung Scenedesmus und mehrere andere, von denen ich 
hier absichtlich nicht sprechen will, indem sie wenigstens zu 
einer ganz verschiedenen Gruppe von Geschöpfen gehören, zum 
Thierreiche gezählt werden müsse. Indessen erlauben Sie, dafs 
ich jene Angaben öffentlich für nicht richtig erkläre. Ich füge die 
Versicherung hinzu, dafs ich meine Erklärung vollständig erwei- 
sen werde, sobald das grofse Werk des Herrn Professor Ehren- 
berg über die Infusorien erschienen sein wird, und ob ich, aus- 
gerüstet mit den vorzüglichsten Mikroskopen, welche sich gegen- 
wärtig in Berlin befinden , es wagen darf, meine Ansicht über 
diesen Gegenstand auszusprechen, das werden diejenigen Natur- 
forscher richtig beurthcilen, welche mit denselben durch eigene 
Anschauung vertraut siud. 

Sein Sie versichert, dafs mich nicht vorgefafsle Meinungen, 
sondern nur die Liebe zur Sache, der ich mein Leben ebenfalls 
gewidmet habe, zu dieser Erklärung veranlafst. 
Mit gröfster Hochachtnng u. 8. w. 



wo sämmlllcbe von Herrn Ehrenberg beschriebene fossile Bacillarien 
von ihm für Pflanzen erklärt werden. Die von mir an ersterer Stelle 
gemachte Anmerkung würde also dorthin passen und dürfte dadurch ge- 
rechtfertigt sein, dafs die Worte, auf welche sie eich bezieht, einen 
indirecten Vorwurf gegen mich enthalten. Wicgmann. 



Beiträge zur Pflanzenphysiologie 

von 

J. M e y e n. 



(Hierzu Tat X. ) 



Ucber die Entwickelung des Getreidebrandcs in der 
Mays - Pflanze. 

J_)lc Beobachtung des ersten Auftretens des Brandes {Ustilago 
Link) I)ei unsern Cerealien hat aus verschiedenen Ursachen ihre 
grof?cn und meistens unüberwindlichen Schwierigkeiten aufzu- 
weisen, leiclit ist dasselbe dagegen bei der Mays- Pflanze zu ver- 
folgen, wo jene unheilbare Krankheit oft die sonderbarsten De- 
formitäten veranlafst, welche mitunter zu der aufserordentlichen 
Gröfsc eines Kinderkopfes anscliuellen. Es ist gegenwärtig eine 
ausgemachte Sache, dafs der Getreidchrand keine ansteckende 
Kraiiklieit ist, sondern zu den erblichen gebort, welche aber 
durch eine Stockung der Säfte, herbeigeführt durch übermäfsige 
und der Natur der Pflanze fremdartige Düugung, veranlafst wird. 
Es würde eine interessante Arbeit sein, alle die verschiedenen 
Formen aufzuzählen, unter welchen der Mays- Brand auftritt, und 
die krankhafte Umwandlung der verschiedenen Tbeile der Pflanze 
zu verfolgen, welche davon crgriircn werden; ein Land, wie die 
picmonlesische Ebene, wo derMays-Bau unsere Cerealien schon 
fast gänzlich verdrängt hat, würde dazu sehr leicht Gelegenheit 
bieten. Am aufl'allendslen erscheint diese Krankheit an den 
mSiinlichen Blüllien des Mays, welche bald tbcilwcise, bald bis 
auf die Kvichblätichcn gänzlich krankhaft zerstört sind und die 
aufl'allendslen Formen annehmen, welche durch Auflockerung und 



420 

krankhafte Wucherung des Zellgewebes (die SpiralröhreD laufen 
indefs ebenfalls hinein) veranlafst werden. 

Im ausgebildeten Zustande sind diese Auswüchse in ihrem 
Innern mehr oder weniger ganz zcrsfürl und mit der bekannten 
braunscbwaricn Masse gefüllt, welche Herr Link mit dem Gat- . 
tuugsnamen Uslitago belegt hat; untersucht man jedoch diese 
Auswüchse in ihren früheren Zuständen, so wird man, bei ge- 
höriger Vergröfserung, Gnden, dafs jene Masse im Innern der 
Zellen ihren Ursprung nimmt, sich daselbst anhäuft und, indem 
die Zcllwande allniälich durch Verjauchuug zerstört werden, 
endlich das Innere jener Auswüchse ausfüllt. 

Auf der beiliegenden Tafel habe ich in flg. 1. die Abbildung 
einer kleinen Masse jenes wuchernden Zellgewebes gegeben, an 
welchem in jeder einzelnen Zelle die erste Bildung der Brand- 
masse zu sehen ist. Nämlich an einer, oder an mehreren Stel- 
len der inneren Fläche der Zcllenwand zugleich erzeugen sich 
kleine Schleiuiablagcrungen, aus welchen fadenartige, sich ver- 
ästelnde Gebilde hervorwachsen, die ungefärbt und fast durch- 
sichtig sind, nur sehr starke Vcrgröfscrungen lassen ein feines 
körniges Wesen in der zarten Substanz dieser Fäden erkennen. 
Alsbald bemerkt man, dafs sich diese Fäden an einzelnen Stel- 
len abschnüren, worin aber nicht leicht eine Kegel zu finden 
sein möchte, denn bald beginnen die Abschnürungen unten, bald 
oben, meistens aber scheinen die kleineu Seilcnäste zuerst diese 
Umwandlung einzugehen. Die abgeschnürten Theile dieser klei- 
nen Pseudo- Organismen nehmen eine ellipsoidiscbe, endlich eine 
vollkommene Kngciform an und färben sich zuerst etwas gelb- 
lich; dann wird diese Farbe immer dunkler und, indem sich die 
Kügclchcn allmälich vergröfscrn, werden sie vollkommen braun 
gefärbt und trennen sich in den Ahschnüruugs- Punkten von ih- 
ren Stämmchen. Zuletzt zerfällt das ganze Pflänzchen in jene 
braun gefärbten, kugliclitcn Körper, welche den Brand bilden, 
und diese haben sich durch Erstarrung der weichen Substanz in 
eine feslere Membran, in Bläschen umgewandelt, welche stets 
ein gekörntes oder punkiirles Ansehen zeigt. Ist diese krank- 
hafte Bilduug erst einmal im Zelleugcwebe eingetreten, so vcr- 
grofsert sich mit zunehmenden Alter die Zahl imd Masse je- 
ner kleineu Pseudo -Organismen in den cinzelneu Zellen immer 



421 

mehr und mehr, und kurz vor der Zerstörung der Zellenwäude 
sieht man grofse uad uudurchsichlige Massea in denselben au- 
gclagert. 

Wieses sind die Erscheinungen, welche die Bildung des Bran- 
des in der Mays- Pflanze begleiten. Die Brandbläschen entste- 
hen also nicht aus den Zellensaft- Kügelchen, ja nicht einmal 
der grollse, kugelrunde, schleimige Kern, welcher in jeder dieser 
Zellen des Mays-Parenchyms enthalten ist, wird zu jener kranken 
Ablagerung verwendet. Eben so gewifs lälsl es sich hier nach- 
weisen , dafs die Brandbildung nicht in den InterccUulargängen 
aiiflritl, sondern nur im Innern der einzelnen Zellen, und daher 
iiiul's man dieselbe als Produkt der abnormen Richtung des Er- 
uähruugs- Prozesses ansehen. 



II. 

Ucbcr einige Eigenthümlicbkeiten in der Epidermis 
verschiedener Orchideen. 

Die Galtungen Slelis und Pleural liallis, welche in vieler 
llinsiclit sehr cigenlhüniliche Sirncfiir zeigen, haben in der Epi- 
dermis ihrer Biälter besondere Grübchen aufzuweisen, welche 
durch die ganze Schicht der Epidermis -Zellen durcligehen und 
zuweilen noch eben so tief in die darunter liegende Zellenmasse 
hineinragen. Die PleurothalUs und .S/('/i«-Bläller haben nicht, 
wie es sonst bei den Orchideen wohl ganz allgemein sein möchte, 
auf beiden Seilen Ilauldrüscn mit Spallön'niiugpn, sondern nur 
auf der untern Fläche, und hier sitzen die Hautdrüsen mit ihren 
Spitzen fast ganz. in der Ebene der Culicnla, so dafs sie mit 
dieser keine Grübchen von Bedeutung bilden, wie es auch die 
Darstellung der Durchschnitte der Hautdrüsen in fig, 8. und 9. 
zeigen. Dagegen kommen auf der Oberlläche der Biälter jener 
Plkmzcn eine Anzahl von eigenen (Jiübchcn vor. welche man 
als Slellvcrlrelcr der fehlenden llanidriiscn ansehen möchte. 

Beobachtet man zaric lioiizonlale Schnitt«! aus der Ejiider- 
mis der oberen Blatlllächc von l' Iturothallis ruscifolia, so bc 
merkt man eine grofse Menge von runden Oefl'nungeo, wie sie 
in den I>arslellungcu von fig. '1. und 5. zu sehen siixl . und in 



422 

den, der Oeffoung zunächst liegenden Zellen sind einzelne giofsc 
Oeltröpfchea zu finden, ja bisweilen sind diese Oeltröpfcheu sehr 
allgemein in den Epidermis -Zellen der Blätter dieser Pflanze. 
In fig. 4. zeigen die Zellen aaaa mit den dicken Wänden, 
welche durch doppelte Linien angedeutet sind, die Epidermis, 
und die Zellen ff ff liegen unmittelbar unter der Epidermis. 
h ist die OeCTnung, welche man gleichsam in der Tiefe eines 
Trichters sieht, dessen Rand duick den schattigen Ring cc gebil- 
det %vird, der rund herum von den Epidermis -Zellen h,h,h,h,h ein- 
gefafst wird. In der beistehenden fig. 5. sind die ähnlichen Theile 
mit gleichen Buchstaben bezeichnet. Verfertigt mau Querschnitte 
ans der obern Epidermis dieser Blätter, welche unmittelbar durch 
die Ocff'nung b laufen, etwas in der Richtuug der angedeuteten 
Linie de. so bekömmt man die nähere Erklärung über die Oeff- 
nung i mit ihrem Rande c c. Jene Oeü'nuug ist nämlich, wie 
es fig. 6. und 7. zeigen, nur der Eingang in die tiefe Grube _/, 
welche oftmals noch bis zu ihrer Spitze von der Cuticula e e 
der Epidermis -Zellen aa eingefafst ist; in andern Fällen, wie, 
bei g-, fig. 7., ist die Cuticnla in der Tiefe der Grube durch- 
löchert, und in noch anderen Fällen hat sie daselbst ein siebar- 
tiges oder nelzförmiges Ansehen erhalten, gleichsam als wäre 
sie durch zu starke Ausspannung hier und da durchlöchert wor- 
den. Meistens ragen diese Grübchen der Epidermis uiimillelbar 
bis auf die Spiralfaser-Zcllen, welche die oberen Zellen -Schich- 
ten dieser Blätter bilden, doch zuweilen ist unmittelbar darun- 
ter eine luflführende Höhle, wie in Cg. 4., wo dieselbe durch 
das Polygon ggg ggg angedeutet ist, ja öfters findet man meh- 
rere kleinere und ungleich grol'se Zellen mit grofsen Oeltröpf- 
cheu, welche rund um die Spitze des Grübchens gelagert sind. 
Einige wenige solcher Grübchen linden sich auch auf der untern 
Blallfläche der genannten Pflanze. 

Es möchte wohl erlaubt sein die Vermnthnug auszusprechen, 
dafs diese beschriebenen Grübchen gleichsam als Stellvertreter 
der Spaltöü'nungen anzusehen sind; sie werden niemals geschlos- 
sen, weil die beiden Zellen der Hautdrüsen fehlen, welche sonst 
die Spaltölfnung einschliefsen, auch bilden sie eine viel gröfsere 
Oelfnung als Letzlere, und möchten daher wohl noch einer Ne- 
bcnfuQction vorstehen. Da die Pflanzen, welche diese Gebilde 



^ 423 

aufzuweisen Laben, zu den parasitischen Orchideen gehören und 
ihre Nahrungsflüssigkeit grüfstentheils aus der Atmosphäre zie- 
hen, so kann der Zweck jener Vorrichtungen nicht fern liegen, 
ganz besonders deshalb, weil diese Grübchen unmittelbar auf 
die Spiralfaser -Zellen stofsen, deren Struktur ebenfalls eine stär- 
kere Einsaugung der Feuchtigkeit der Luft bezweckt, welche 
durch die Grübchen unmittelbar an das innere Zellengewebe 
treten kann. 

Man kann diese Gruben in der Epidermis der genannten 
Pflanze eigentlich als wirkliche Löcher in der Oberhaut be- 
trachten, denn grüfstentheils ist die einschliefsende Cuticnia an 
der Basis der Grube ganz durchbrochen. Dergleichen Oeffnun- 
gen in der Epidermis der Pllanzen sind aber wohl sehr selten, 
denn bei den vollkomnieucren Pflanzen sind dieselben stets mit 
den Hautdrüsen geschlossen, welche in ihrer Mitte die wahre 
Spaltötfuung besitzen. Nur bei den Marchanlien sind mir wirk- 
liche OcfTnungen zwischen den Zellen der Epidermis bekannt, 
denn was man Spallöffnungen bei denselben nennt, sind nur der- 
gleichen Oeffuungen von runder, drei- oder viereckiger Form 
mit hohem Walle, welche eine beständige ofTcne Communication 
zwischen der atmosphärischen Luft und den Lufikanälen im 
üiachym des Marcliaiilien - Laubes erhalten, die Hautdrüsen, 
welche sonst die SpallöHnuDgen bilden und ölTncn und schlie- 
fen, fehlen den Marchantieu und treten erst bei den Laub- 
moosen auf. Aber auch bei den Marchantieu ist Einathmung 
und Ausalhmung der feuchten Luft so sehr nüthig. 

Auch die wirklichen Hautdrüsen von Pleurolhallis rusci- 
Jolia haben einige Eigenlhümiiclikeitcn aufzuweisen, auf welche 
ich bei dieser Gelegenheit aufmerksam machen möchle. In fig. 8. 
und 9. sind zwei verschiedene Hautdrüsen dieser Pflanze nach 
Vcriikalschnillcn dargcslelll. aa die eine Zelle, 6 4 die andere 
Zelle der Haiildrüfie, c die Vereinigungsfläche derselben. d,d die 
mit grüner Substanz gefüllten Höhleu der beiden Hautdrüscn- 
Zellcn, und e, c wie /,/ sind örtliche Verdickungen der Zellen- 
Membranen. 



424 



in. 



Einige Worte iilier das Vorkommen von nralkiiospen 
bei den Laubmoosen. 

Es scheint mir noch immer zu wenig bekannt zu sein, dafs 
auch bei dett Laubmoosen eine Art von Gemmen- oder Brut- 
knospen-Bildung vorkommt, wie es fast bei allen Gruppen der 
Lebermoose beobachtet ist. 

Bei Mnium androgynum Linn. (Aulacomnium androgy- 
num Sebwaegr. ) tritt die Bildung von Brutknospen sehr häufig 
auf, und es sind diese Gebilde bei der genannten Pflanze auch 
schon lange bekannt, aber fast immer für Antberea gehalten 
worden, obgleich sie mit diesen in keiner Hinsicht Aehnlich- 
keit aufzuweisen haben. Seh waegrichen (Hedwig, species 
musc. Opus posih. Snppl. tert. vol. 1. p. 4. tab. CCXV. ßg. 3., 
4. et 5.) beschreibt die Brutknospen dieses Mooses ganz richtig, 
aber die Abbildung, welche er dazu gieht, ist nicht hinreichend, 
auch sagt er von ihnen, dafs man die Function derselben nicht 
keune, denn es sei durch Experimente noch nicht ausgemacht, 
ob es Gemmen wären. In fig. 3. der beiliegenden Tafel habe 
ich die Spitze eines solchen Brutknospen -tragenden Stieles abge- 
bildet; sie ist mit Hunderten von kleinen ungegliederten Här- 
chen bedeckt, an deren Enden die Brutknospen sitzen, wie es 
die Abbildung zeigt. Die Knospen selbst bestehen aus 3 bis 
5 Zellcben , sind meistens mehr oder weniger elliptisch , zu- 
weilen etwas zugespitzt und von grüner Farbe, welche durch 
die in den Zellchen enthaltenen grünen Zellsaft- Kügelchen ver- 
anlafst wird. Bei vollkommener Ausbildung werden sie bräun- 
lich und fallen ab, doch die haarförmigen Stielchen, welche eben- 
falls bräunlich gefärbt werden, bleiben sitzen. 

Das Vorkommen der männlichen Fructifications- Organe die- 
ser Pflanze ist ganz bekannt. 



k 



425 



IV. 

Ucl)cr auffallcudc Bewegungen in den verscliicdencn 
Pflanzen - Thcilchen. 

Schon vor 26 Jahren hat Herr Gruithuisen bcobachlcl, 
dafs sich die Saamenkörncr in den beiden durchsichtigen Ilör- 
nern des alten bekannten Vibrio Lunula Müll. (Closterium Lw- 
mtla Nitzsch) fortwährend bewegen, und später hat dieser 
vielerfahrene Gelehrte und rastlose Beobachter die Erscheinung 
mit dem Corti'schen Phänomen in den -Charen für identisch 
erklärt. (S. meine Abhandlung über selbstbewegliche 
Moleküle in Robert Brown's Termischten Schriften. 
Herausgegeben von Nees v. Esenbeck, Bd. IV. p. .358. 
bis .359., worin ich hierüber berichtet habe.) Ein we- 
niger gutes Mikroskop, mit welchem ich damals beobachtete, 
brachte mich jedoch nicht zu der Ueberzeugung von der ISich- 
tigkcit jener Beobacbtang. welche Herr Gruithuisen bei der 
Versammlung der Naturforscher zu München im Jahre 1827 mit- 
theilte, während mir ein neues Mikroskop von Ploessl, schon 
bei SöOmaliger ^'crgröfserung. dieselbe vollkommen bestätigt. 
Zar leichteren \'ersläinligurig über diese interessanle ßewegungs- 
Erscheinung habe ich in lig. 2. der beiliegenden Tafel die Dar- 
stellung eines Closleriums gegeben, welches so eben in der Thei- 
lung begriffen ist, die ich bei diesem Exemplare von Anfang an 
habe verfolgen können. Ich habe das Pilänichcn mit einer ein- 
zigen, etwas dickeu Haut gezeichnet, welche durch die zwei 
Linien ihre äufsere und inucre Fläche zeigt, denn ich habe hier 
niemals doppelle Häute gesehen, und was die dritte oder innerste 
Haut anbctrill't, wovon Herr Morren spricht, mufs ich bemer- 
ken, daf« dieselbe eigentlich ebenfalls gar nicht vorhanden ist, 
sondern nur als eine gleichsam zufällige und stets unvollkom- 
mene Bildung auftritt. 

In der angegebenen Abbildung ist ah cd das ursprüngliche 
PfUnzchen, weh^hes im Verlauf von wenigen Tagen die Schei- 
dewand bd quer durch seine Mitte bildete, wo bis dahin eine 
Tollkonimen offene Communikatiun zwischen den beiden Uür- 
neni stattfand. Nach vollendeter Bildung dieser Scheidewand 



426 

trennten sich die beiden Dörner, und in Zeit von 20 Stunden 
nahmen dieselben an iliren Enden e und J" die abgerundete Ge- 
stalt an. Das Innere dieses Individuums war durch eine ziem- 
lich gleichmäfsige, durch Chlorophyll grüngefarbte Masse ausge- 
kleidet, worin eine Menge gröfsere, grüne, mehr oder wcni 
niger ellipsoidische Kugeln enthalten waren, kurz ganz mit je- 
ner Masse gefüllt, welche das Innere der meisten Conferven er- 
füllt. Jene Zusammenballung der grünen Masse in regelmä- 
fsig gestellte grofse Kugeln , wie sie bei Closterien zu gewissen 
Zeiten so oft vorkommt, fand hier nicht statt. Die Enden der 
Hörncr sind dagegen mit einer durchsichtigen schleimigen Sülze 
gefüllt, welche auch den ganzen Kaum zwischen der Oberfläche 
der grünen Masse und der inneren Fläche der ganzen Membran 
ausfüllt. An diesen Enden findet man in der Schleimmasse die 
runden Höhlen g und A, welche eine gewisse Anzahl, 6, 8 bis 10 
und oft wohl noch mehr bräunlicher, elliptisch geformter Bläs- 
chen enthalten, die beständig eine sehr lebhafte Molekülen -Be- 
wegung zeigen; sie tanzen umher, wie es Herr Gruithuisea 
sagt, der diese Erscheinung zuerst beobachtet hat. Die schat- 
tigen Kreise, welche man in g und h sieht und welche jene Höh- 
len im Innern der Hörner begrenzen, sind keine Oeffnungen in der 
Hülle, denn sie verschwinden, sobald die Masse im Innern des 
Pflänzchens zerfällt oder herausgetreten ist; auch sind diese Höh- 
len nicht durch eigene Membranen umschlossen, denn in dem- 
jenigen Zustande, worin sich das abgebildete Closterium befand, 
sah man an dem Ende c ganz deutlich, dafs einige der braunen 
Bläschen aus der Höhle heraustraten und sich entweder in die 
grünliche Masse hineindrängten, oder, an den Seilen entlang, 
mehr oder weniger weil , selbst bisweilen über i und h hinaus 
sich bewegten, und diese fortschreitende Bewegung war bald 
schnell und gleichmäfsig, bald langsam und gleichsam stofsweisc; 
auch kehrten die Körperchen mitunter wieder bald zurück und 
bewegten sich dann wieder in der früheren Weise, welche ich 
mit dem Namen der lebhaften Mölekülen-Bewegung bezeichnen 
möchte, worüber ich auch sogleicli ausführlicher sprechen werde. 
Sobald die Theilung des Closteriums, wonach die Abbildung ge- 
fertigt wurde, begann, und die Zuspitzung der abgerundeten Ecken 
auftrat, zeigten sich auch sogleich an der Stelle / mehrere der- 

glei- 



427 

gleichen bräuuliche Bläschen, und es begann die besondere 
Hühle aufzutreten, worin sich dieselben bewegten, ja dieselbe 
schien mir durch die BevTCgung der Körperchen gebildet zu 
werden. Das Auftreten solcher selbstbeweglichen Körperchen in 
besonderen Höhlen ist nicht nur den Clostcricn eigen, son- 
dern es kommt noch bei mehreren anderen verwandten Pilänz- 
chen vor, wo diese Höhlen auch dicht an den Enden gelagert 
sind und oft mehr als 20 und 30 Bläschen enthalten. Auch 
werden die inneren Bewegungen in deu Zellen -Höhlen der Gat- 
tung Euastrum nur durch ganz ähnliche bräunliche Bläschen 
ausgeführt, welche man, wofür auch wirkliche Beobachtungen 
sprechen, für die Sporen ansehen mufs. 

So aufserordentlich lebhaft die Bewegung dieser bräunli- 
chen Bläschen in den Closterien und in ähnlichen Pilänzchen 
igt, so möchte diese doch wohl nur deshalb lebhafter als die 
gewöhnliche Molekülen -Bewegung erscheinen, weil die sich hier 
bei den Closterien bewegenden Körperchen bedeutend gröfser 
sind als jene Moleküle; indessen halte ich denuoch diese Bewe- 
gung für bedeutungsvoller, indem, wie es vorher angegeben 
wurde, die Körperchen aus ihrer tanzenden Bewegung 
in eine rein vorschreitende übergehen können, und 
80 auch wieder umgekehrt, was rair von besonderer Wich- 
tigkeit zu sein scheint. Es gicbt aber doch wohl häufig Fälle, 
wo man zweifelhaft bleibt, ob die Bewegungen kleiner vegeta- 
bilischer Partikelchen mit jener Molekülen -Bewegung zusam- 
menzustellen sind, welche Herr Robert Brown zur Sprache 
gebracht hat, oder ob man dieselben als eine Wirknng des Le- 
bens, d. h. als eine Lebcnsäufscruug ansehen darf; ja mir scheint 
es, dafg Uebergänge aus der einen Erscheinung in die andere 
wirklich stattfinden. Einige solche F'.'ille, wo in den Pflanzen 
eine der Molekülen- Bewegung sehr ähnliche Bewegung auftritt, 
will ich hier anführen. Fast alle Botaniker, welche anatomische 
Untersuchungen über Marchantia polyvtorpha angestellt, werden 
beobachtet haben, dafs in dem Diachyni dergleichen junger Pflan- 
zen hier und da einzelne Zellen vorkommen, welche nicht wie 
die übrigen mit grünen Zellcusaft- Kiigcichen gefüllt sind, son- 
dern grufse gelbbräunlich gelarbte Ballen enthalten. Eine jede 
diewr Zellen enthält einen einzelnen Ballen, welcher meisten« 

III. Jibig. 1. V„ad. 27 



428 

i so grofs als der Umfang der ganzen Zcllenliöble ist; die 
Oberfläche dieses Ballens ist ziemlich eben, und durch Einwir- 
kung von Alkohol wird ein Thcil der Substanz aufgelöst, wor- 
auf eine ziemlich ungefärbte Masse zurückbleibt. Herr v. Mir- 
bel hat diese Ballen sehr wohl beobachtet und in e, fig. 47. 
tab. IV., seiner berühmten Arbeit über Marchantia polymorpha 
abgebildet, doch sagt er, dafs sie TJelleieht von der Nalur des 
Amylums wären. Es ist auch in der Thal nicht schwer, die 
Bildung dieser Massen, besonders zu Anfange des Sommers, durch 
ZusammcnballuDg wirklicher Amylum-Kügelchen, welche zuwei- 
len sehr häufig in dem Diachym der Marchanlien vorkommeu zu 
verfolgen. Man sieht in solchen Zellen zuerst 8 — 10 und noch 
mehr einzelne grofse Amylum-Kügelchen, welche sich schnell 
vergröfscrn und endlich in einen glclchmäfsigen Ballen zusam- 
menfllcfsen. Hierauf nimmt der Ballen eine bräunliche Farbe 
an und wird durch Jodine nicht mehr blau gefärbt; ninunt man 
denselben alsdann aus seiner Zelle heraus oder berührt ihn auch 
innerhalb der Zelle mit der Spitze eines Instrumentes, so zer- 
fällt er fast augenblicklich in unzählbare kleine bräunliche Mo- 
leküle, welche, ganze Tage lang die lebhaftesten Bewegungen zei- 
gen, die aber doch ganz ahnlich der Bewegung der Moleküle 
in Indigo-, Gummigutt-Aullüsung u. s. w. erscheinen, nur etwas 
lebhafter. 

Ganz ähnliche Umbildungen des Amylums in lebhaft sich 
bewegende Moleküle scheinen zuweilen auch im Pollen -Bläsehen 
vorzukommen, doch ist hier diese Umbildung nicht so vollstän- 
dig zu beobachten wie bei der Marchontia, aber auf diese Weise 
ist der Zusammenhang der Amylum-Kügelcheu mit den soge- 
nannten Saamenthierchen der Pflanzen aufzunehmen, und so wird 
es erklärlich, wie man durch scheinbar sehr genaue Beobachtua- 
geu darthun wollte, dafs die sich lebhaft bewegenden Körper- 
chen in dem Pollen (welche ich der Analogie wegen Saamen- 
thierchen genannt habe, und dafs hierbei auch die Natur dieser 
Gebilde errathen ist, dafür scheinen mir täglich immer wichti- 
gere Thalsaehen zu sprechen) nichts weiter als Amylum- Kügel- 
chen, Oeltrüpfcben u. s. w. sein sollten. Ja noch ganz neuer- 
lichst gab Herr Schieiden an, dafs der gröfste Theil des In- 
haltes der Pollen -Bläschen und der Pollen -Schläuche aus Amy- 



429 

lum bestehe, während chemisch mikroskopische Beobachtungen 
das Gcgcnlheil lehrec. Es gehört vielmelir zu den Selleahei- 
ten, weun man im ausgebildeten Pollen Amylum in grofser Menge 
lindet; obgleich es mir sehr wohl bekannt ist, dafs zuweilen 
das ganze Bläschen mit Amylum gefiilll ist. In den Moos-An- 
Ihcren ist die die Saanientbieichcu umhüllende Substanz ein 
zäher Schleim, doch auch hier habe ich eiuigemal beobachtet, 
dafs die ganze Höhle des Autheren -Schlauches mit grofsen Amy- 
lum-Köroern rollständig gefüllt war, während in den anderen 
Fällen, wo die Saamenthierchen ausgebildet sind, auch nicht eine 
Spur von Amylum in den Moos- Anthercn enthalten ist. Auch 
bin ich nicht der Meinung, dafs sich die Saamenthierchen un- 
mittelbar aus Amylum bilden, sondern in dem einen Falle wer- 
den Saamenthierchen u. s. w., und in anderen Fällen wirkliche 
Amylum -Kügelcheu aus jener schleimigen Substanz gebildet, 
welche die Pollen -Bläschen im frühesten Zustande füllen. Au- 
fser den Saamenlliierchen, und was sonst noch in verschiedenen 
Fällen im Pollen enihallcn ist, findet man noch unendlich feine 
Moleküle, welche ebenfalls die Molekülen -Bewegung zeigen, und 
wenn man diese mit der Bewegung der Saamenthierchen ver- 
gleicht, dann sieht man recht den grofsen Unterschied, welcher 
zwischen den Bewegungen dieser beiden verschiedenen Körper 
herrscht. Es ist nicht weiter nöthig anzuführen, wie viele Bo- 
taniker sich vergebens bemüht haben zu zeigen, dafs es mit der 
Bewegung der Saamenthierchen (wofür sie jedoch Amylum-Kü- 
gelchen und Oeltröpfchen angesehen haben) eine blofse Täuschung 
wäre, indessen damit dieselben leichter zur Erkenntnifs ihrer 
vorgcfafsten Meinung kommen, will ich sie auf gewisse Pflanzen- 
Gattungen und auf ganze Familien aufmerksam machen, bei de- 
nen mau die fragliche Erscheinung schon mit Leichtigkeit deut- 
lich erkennt. Unter den Phanerogameu sind es die Oenothe- 
ren, welche durchgängig sehr grofse und ziemlich langgezogene 
Saamcnihicrchcn haben, deren Bewegung zur heifsen Jahreszeit 
grofae Aclinlichkeit mit der Bchlcicliendcn Bewegung der Bacil- 
laricn zeigte, aber unter den Cryptogamen tritt die Erscheinung 
sehr iutercKsant auf. Die merkwürdige Bewegung dieser Kör- 
perchen aus den Charen-Anthcren ist schon von vielen Bu- 
läuikcrn beobachtet ; die Bewegung der Saamenthierchen von 

27* 



430 

Sphagnwn hat Herr Nees von Esenbeck entdeckt und Herr 
Unger näher beschrieben, dessen Angaben über diesen Gegen- 
stand ich jedoch nur zum Theil bestätigen 1<ann, Ebea so auf- 
fallende Bewegungen zeigen die Saamenthierchen der Laubmoose, 
denen ein ähnlicher Bau wie bei Sphagnum ganz allgemein zu- 
kommt (wenigstens habe ich es bei allen, auf meiner letzten 
Reise durch die Schweizer- und Tyroler- Alpen mir vorgekom- 
menen Moosen mit männlichen Fructifications- Organen vorge- 
funden ). Hier sind die Saamenthierchen als ziemlich grofse lin- 
senförmig zusammengedrückte durchsichtige Bläschen zu erken- 
nen, worin jedesmal ein zartes wurmförmiges Gebilde mit dickem 
Kopfende und feinem Schwänze enthalten ist; es liegt gerade in 
dem Rande dieser Bläschen, und das Ende des Schwanzes ragt 
herum bis zum Anfange des Kopfendes. Ich habe weder hier 
bei den Laubmoosen noch bei den Sphagnen eine Theilung zwi- 
schen! dem elliptischen Kopfende und dem Schwanzende beob- 
achtet, wie es Herr Unger bei letzteren angegeben hat. auch 
habe ich niemals gesehen, dafs diese wurmförmigen Körperchen 
von etwas grünlicher Färbung ihre Blasen verlassen hätten, son- 
dern sie schienen mir darin befestigt zu sein. 

Die Anzahl dieser SaanieDtbierchen in den einzelnen IMoos- 
Anthercn ist aufserordenllich grofs; sie sind darin in einem zä- 
hen Schleime eingehüllt, der durch schnelles Einsaugen von Was- 
ser anschwillt, die Aulheren aber zum Oeifnen bringt und die 
ganze Masse allmählig aus der geöffneten Authere hervortreibt. 
Sobald sich nun dieser Schleim im Wasser aullöst, werden die 
Saamenthierchen frei, und nun beginnen dieselben eine fortwäh- 
rende Drehung in der Achse ihrer Scheibe, was ich nächstens 
durch Abbildungen näher nachweisen werde. Siebt man diese 
lebhaften Drehungen, welche bald nach einer gemeinschaftlichen, 
bald nach verschiedenen Richtungen in neben einander liegen- 
den Bläschen stattGudet, an einer grofsen neben und über ein- 
ander liegenden Menge dieser Saamenthierchen, so glaubt man 
eine thicrische Saamenfeuchtigkeit unter dem Rlikroskope zu 
beobachten; dieser Vergleich ist dann um so statthafter, indem 
man nur mit vorzüglichen Gläsern die Bläschen, welche das wurm- 
förmige, einem thierischen Saamenthierchen ähnliche Gebilde um- 
schliel^en, sehen kann, oft scheint es zu fehlen, und dann glaubt 



431 

. man zu sehen, dafs sich das Saamenthierchen in einer Spirallinie 
bewegt. Doch hierüber im zweiten Theile meiner Pflanzen- 

iFhysiologie ausrübriicher. 

Wir haben also kennen gelernt , dafs entschieden vegeta- 
bilische Korpercben sehr lebhafte selbstständige und sogar 
der thierischcn Bewegung ähnliche Ortsveränderungen zeigen. 
wobei ich noch bemerken mufs, dafs mehrere derselben sogar 
Krümmungen ihres Körpers während der Bewegung zeigen, eine 
Erscheinung, worauf sich die Bewegungen der Oscillatorien und 
Spiropyren gründen '). Schwerlich sind wenigstens die Bewe- 
gungen einiger Arten von Saamenthierchen viel bedeutender und 
freier, wie ich es nennen mochte, als die Bewegungen der Ba- 
cillarien und verwandter Geschöpfe, und demnach kann heuti- 
ges Tages eine selbstständige Bewegung nicht mehr für die thie- 
rische Natur eines Organismus sprechen. Es verslebt sich aber 
Ton selbst, dafs man die Saamenthierchen der Pflanzen nicht 
für wirkliche Infusorien ansieht, wenn auch Herr Unger die Saa- 
menthierchen von Sphagnum capillifotium Ehrh. als Spirillum 
liryotoon beschrieben hat, worin ich nur einen Scherz vermuthea 
möchte. 

Doch wir kommen wieder zu den Closterien zurück, deren 
braune selbstbewcgliche Bläschen in ihrer Ausbildung zu jun- 
gen Individuen durch Herrn Morren beobachtet wurden; ich 
selbst habe dieses noch niclit gesehen, aber wollt sind mir ganz 
jaoge Closterien vorgekommen, welche jedoch schon grünlich 
gefärbt waren und in der ganzen Länge ihres Körpers Krüm- 
mungen zeigten. Bald bogen sich die geraden krumm, bald wur- 
den die zusammengekrümmten wieder gerade, ja auch Sfürmige 
Krümmungen warca gar nicht selten, und diese Krümmungen 
sind gleich denen der Oscillatorien zu erachten. So wird es 
auch erkläjlich, dafs mau zuweilen ungekrümmte Closterien an- 
trilR u. g. w. 



I) Die Oscillatorien halte ich Piir vvirUiche PHanjen, wofür mir 
haapt«äcljllch ihre li-iclit zu beobachlcnde J'ortpllanzung spricht, wenn- 
gleich ihre krümmenden Bevveguii{;<n , besonders die an den Spitzen, 
welehc aicli oft regelmäfsi;; bald reclila, bald links krümmen, auf eine 
gnvisae thierische Willkfibr deuten machten. 



432 

Besondere Beachtnng verdient noch die Bewegung klei- 
ner Kügelclien in den Closterieii, welche eben Herr Gruit- 
huisen mit dem Charcn -Phänomen verglich. Diese Erschei- 
nung besteht in einer rcgelmäl'sigcn foiischrcilendcn Bewegung 
kleiner ungcfärblcr Moleküle, welche unmittelbar an der inne- 
ren Flüche der IJänder der Hülle zu beobachten ist. Eine Reihe 
dieser Kügelcbcn bewegen sich z. B. in Fig. 2. von a über b 
nach c, und eine andere Reihe von c über d nach o, ganz wie 
es in der Zcirhuung durch die Richtung der Ploüe augedeutet 
ist. Man sieht gcwifs nur seilen, dafs diese Ströme von einzel- 
nen laufenden Kügelchen in mehr als einer einfachen Reihe be- 
stehen, aber dicht daneben, oder vielmehr dicht darunter be- 
merkt man eine Strömung ähnlicher Kügelchen gerade nach ent- 
gegengesetzter Richtung, was ebenfalls in der Abbildung, so weit 
ich es habe sehen können, durch Pfeile angegeben ist. Diese 
Bewegungen sind hier schwer zu beobaehlcn, und niemals habe 
ich den Veilanf bestimmter Kügelchen durch den ganzen Um- 
fang des Closlcriums verfolgen können, daher kann ich auch 
nicht mit Bestimmtheit sagen, ob nicht etwa bei diesen Pllänz- 
chcn die Strömung der einen Seite an den Enden nach der aude 
reu Seite übergeht, so dafs alsdann zwei ganz für sich beste- 
hende, aber nach entgegengesetzter Richtung strömende Kreis- 
drehungcn in jedem Individuum vorkamen, denn ich habe nur 
einmal den Uebergang eines solchen Kügelchens aus der Strö- 
mung von bc nach der anderen Seite verfolgt, und zwar ge- 
schah derselbe an der Stelle l, wo die Richtung des Pfeiles den 
Verlauf desselben angieht. Mir scheint es wahrscheinlicher, dafs 
auf jedem der beiden Ränder des Closteriums eine besondere 
für sich bestehende Rotations -Strömung stattfindet, dafs näm- 
lich die fortlaufenden Kügelchen an den Enden einer jeden Seile 
umdrehen und wieder bis zum anderen Ende zurücklaufen. Strö- 
mungen von Flüssigkeiten finden hier nicht statt, denn davon 
kann man sich überzeugen, wenn einzelne der braunen Sporen 
aus der Höhle g-, den Rändern entlang, neben jenen kreisenden 
Kügelchen sich bewegen; obgleich sie in gerader Richtung fort- 
laufen, so geschieht diese Bewegung doch zuweilen absatzweise 
und mit einer geringen Schnelligkeit, auch können sie hier und 
da auhaltcn und wieder zu ihrem früheren Aufenthaltsorte um- 



433 

kehrcD, was nicht möglich wäre, wenn sich der Safl bewegte, 
woriü die Kiirpcrchen enthalten sind. 

Es liegt auch in dieser Annahme, dafs sich die Saflkügel- 
chen aus eigener Thütigkeit in einem rcgelmäfsigen Laufe fort- 
bewegen, nichts üiiwührsclieinücljcs mehr, denn wir haben vor- 
her kennen gelernt, dafs die braunen Sporen der Closterien aus 
ihrer tanzenden Bewegung unmittelbar in eine ganz ähnliche, 
nach bestimmter Richtung fortlaufende Bewegung übergehen 
können. Das Corti'scbe Pliänomcu bei den Cliaren und ande- 
ren Pflanxcn, wo dasselbe ganz in dem Typus erscheint, wie es 
bei den Charcn staltflndet, wurde bisher auf eine Weise erklärt, 
welche mir nicht mehr annehmbar erscheint. Ich war früher 
selbst der Meinung, dafs sich bei jener Erscheinung der Saft be- 
wege, und dafs die undurchsichtigen Körpereben in demselben 
mechanisch mitlreiben, und diese Erklärung reiclitc frülicr hin, 
um die vorhandenen Erfahrungen iti erklären. Indessen eine 
solche regelniäfsige Rotations. Strömung wie bei den Cbarea, bei 
Nujas, VaUi&neria und Hydrocharis ist nur in sehr wenigen 
Pflanzen zu finden, in den meisten Pflanzen dagegen ist eine 
Strömung zu beobachten, welche jener iu den Ilaar-Zellen der 
Tradescantien äbnlicli ist. oder sich doch auf einen solclien Ty- 
pus zurückfülircn läfsl, und diese Bewegungen, «elclic an den 
verschiedenen Zellen einer und dersrlben Pflanze so überaus- 
mannigfaltig auftreten, verlangen eine ganz andere Erklärung. 
la den wärmste-j Tagen des vcrg.mgenen Sommers und bei mei- 
nem kurzen .Aufenllialte in über- Italien während einer sehr hei- 
6cn Zeit, habe ich dergleichen Kolalions-Slrömungen in allen voa 
mir untersuchten vollkoninienen l'llanzcn, wenigstens doch in 
einzelnen Thcilen derselben aufgefunden, auch bemerkte ich die- 
selbe schon früher im Pollen, und ich bin jclzt der Meinunir. 
dafs alle die allen .Xnsiclili.n, wciclie bisher über diesen Gegcu- 
staad herrseilten, schwinden müssen, und dafs sieb die Erkenut- 
Difg desselben überhaupt noch in der tiefsten Kindheit belindet, 
woran meistens die allem und schlechtem Mikroskope Schuld 
Laben. Es läfsl sich sehr bestimmt nacinveiscn, dafs der Zel- 
leotaft ruhend ist, und dafs sich darin nur dasjenige strömend 
bewegt, wag wir wirklich sieb bewegend beobacbicn; eben diese 
Strömungen richten sich nicht nach der Riclilung der Zellen- 



434 

■wände, sondern sie laufen^ oft nach allen Richtungen hin, quer 
durch den Raum der Zellenhöhle, und zeigen selbst an den Um- 
drehungspunkteu' die gröfste Veränderlichkeit, so dafs wir in 
der sich bewegenden Masse auch das Prinzip der Bewegung su- 
chen müssen, und so wird es mir klar, dafs ein Zusammenhang 
oder gleichsam eine Verwandtschaft zwischen der iiiolekülen- 
Bewegung der Sporen und der Rotalions-Slrömung der Saftkü- 
gelchen in den Closterieu herrscht. Schon hei verschiedenen 
Gelegenheiten habe ich eine Molekülen -Bewegung der kleinen 
Zellensaft -Kügelcheu ganz vollkommen gesunder Pflanzen beob- 
achtet, ja auch einzelne der Kügelchen in dieser Bewegung, 
während andere in derselben Zelle auf gewisse Strecken eine 
regelmäfsige Strömung bildeten. Auch innerhalb der grünen 
Zellen-Masse einiger jungen gegliederten Conferven, so wie in 
den Zellen des Stengels frischer Sphagnwn-PHsiniea, habe ich 
mehrmals kleine bräunliche, elliptisch geformte Bläschen oder 
Kügelchen, ähnlich jenen Closterien-Sporen, in der lebhaftesten 
Molekülen -Bewegung beobachtet. 



Nachträgliche Bemerkung zu J. Müller's und 
Henle's Aufsatz über die Gattungen der Pla- 
giostomen. 

l_)a der Name Gymnura (S. 400.) bereits bei den Säugethic- 
ren vergeben ist, haben die Verf. den Namen ihrer neuea Rochen- 
Gattung in Urogymnus abgeändert. Mehrere neue Genera, 
welche von ihnen seit dem Drucke jener Abhandlung entdeckt 
sind, werden im folgenden Jahrgänge mitgetheilt werden. 




Gedruckt bei A. W. Schade. 



Aneurin 

FÜR. 

NATURGESCHICHTE. 



IN VERBINDUNG MIT MEHREREN GELEHRTEN 



IIERAUSGEGEBEK 



D»- AR. FR. AUG. WIEGIMANN, 

AUSSEUOaO. PBOFEaSOB AN DER FRIEDRICH -WILHELMS -ÜNIVERaiTÄT 




DRITTER JAHRGANG. 

Zweiter Band. 

IIEHICHT CllEK DIE LEISTUNGEN IM GEIilETE DEU NA1UK- 
GESCHICHTE WÄHREND DES JAHUES 1836. 



BERUN, 1837. 

IN UKH NICÜLArSGIIKN D U C II II A N D I. II N G. 



I 



Inhalt des zweiten Bandes. 



Seile 

1. Literatur der systematisclien Botanik vom Jahre 1836 1 

2. Jahresbericht über die Resultate der Arbeiten im Gebiete der 
plipiologxschcn Botanik wälirend des Jahres 1836 von J. Meyen, 16 

3. Bericht über die Leistungen im Gebiete der Zoologie w^ährend 

des Jahres 1836 vom Herausgeber 123 

4. Bericht über die Leistungen im Gebiete der Helminthologie von 

Dr. C. T. V, Sicbold 254 

5. Bericht über die Leistungen in der Entomologie während des Jali- 

res 1836 von Dr. Erichson. . . ■ 281 



Berichtigungen. 

•S. IJl Z. 9 von unten id durch ein Vergehen die Breite und Länge des 
ScUvea-Seei angegeben, rvÄhrcnil der Hegcnnce in 48** 40' nördl. Br. 
lind aos" r,0' ö»tl. LÜDge von Ferro gelegen ist. 

S. US Z. 5 *(in unten «t. demselben Naturforscher I. Marlin. 



I 



Literatur 

der 

systematischen ßotauik von dem Jahre 1636. 

1) Ilaudbüclier. 

H. F. Link, Elemenla p/tiloaophiae botanicae. Tom.I. c. tab. Hthogr. 

IV. Kditiu altera. Berolini 183". Laleiniscli u. deutsch. 
J. Lindletj, Inlroifuvlion to Botany. See. Edit. ipilh correctiuns and 

considcrable additions. hondun 1836. 8. 1 Vol. 
F. V. Raspail^ St^itrean Si/sleme de Pliyaiologie vegriale et de Bo- 

lanique, fonde sur le» methode» d'observation, qui ont ete deoeloppeee 

dam le nutireaii gynieme de chimie organique, accoinpagne d'ttji Attas 

de 60 planclies d'analyses. Paris 1837. 8. 3 J'ol. 

F. A. Puuclict, Traitr elementaire de botanique appliqitee, eontenant 
la descriplion de toutes les familles ve'getalps et Celles des gciires ci/l- 
iives en ojfrant les ptantes remarquahles par leur proprirtca oir par 
leur histoire. Honen 183.5 et 1836. Tom. I, II et III. 

G. Moretti, Gnida allo studio della ßsiologia vegetabile e defla bo- 
tanica. Paria 1836. 8. (Fortsetzuni;.) 

Douy, Soiireau mannet de botanique trniti' e'lewentaire et mfHhudique 

de pitysique regetale, vontenant la glossologie, la physiologie, la ta- 

xonomie de» regetaiix. Paris 1836. 8. 
W. L. Petcrraann, llandliucli der Gfivächskundc, zaiu Gebrauclie bei 

Vorlesungen so wie zum Selbststudium. Leipz. 1836. 8. 
M. Roemer, Handbuch der allg. Bot. etc. 3tc Abtb. niiinchen 1836 
A. Richter, Anleitung zur Ge%väcbskuude, zunächst für Seminaristen 

und Vollissehullehrer. C.iln 1836. 
E. NVinkler, Anfangsgründe der IJotanik, zum Gebrauche für Schalen 

'und zum Selbstunterricht. Zweite umgearbeitete und vermehrte Aufl. 

Mit 110 Abbildungen. Leipz. 18.)6. Vi. 
N(ott3r), Leitfaden der Botanik, und Einleitung über das IVöthige, was 

bei Prüfungen in der Pialurgeschichti' gefordert wird. Leipz. 1836. 
I'arlinglon'i, Iniroduclion lo tlie Science uf Ilulany. Land. 183G. 8. 

Wilh bux and II col. platet. ' 
V. Krassow und Leydc, Lehrbuch der INaturgescbicLte. 'Uvt Theil. 

Lehrbuch der Botanik. Berlin 1836. 
.V C. Heringe et (iuillard, Ktiai de formules bolaniijiies reprcteu- 

III. Jilir;;. 1.B^a:l. I 



tont le$ caracthes des plaiites par des iignes analyliques qni rem- 
placent les pkrases descriptices ; suiei d'uti vocabtdt/ire orgaiio^ra- 
phique et d'une synonymie des organes, Lyon tt Paris 1836. 4. 

F. A. H. J. Müller, Tabellarische Uebersiclil Jes Pllanzenreichs, nach 
dem natürlichen Pflanzen- Systeme von Jiissieu für angehende Mi'- 
diciner und Pharmaceuten bearbeitet. Stntlgart. 4 Folio-ßogen. 

— — — Tabellarische Uebersicht des Pflanzenreichs, nach dein 
Linneischen Sexual -System l'ür angeliende DIediciner und Pharmaceu- 
ten bearbeitet. Stuttgart. 1 grofses Blatt. 

J. N. Friese, Grundrifs der Plijtognosle. Innsbruck 1836. 

H. Mohl, Untersuchung der Frage: welche Autorität soll den Gattungs- 
namen der Pflanzen beigegeben werden. Tübingen 1836. 

C. A. Uofsmäfsler, Ueber die Nottwendigkeit eines Nomenciator ge- 
nerum aniinalium et pfantaruni. Dresden 1836. (Ein Sendschreiben.) 

A. Steinheil, de t'individuaUte consideree dans le regne tegelat. 
Strassbourg 1836. 

F. Unger, Ueber das Studium der Botanik. Grälz 1836. 

* * Adress ofEarl Stanhope, President of the medico-botanical Society. 
London 1836. 

2) Ueber Plianerogamen. 

J. Lindteyj A natural System of Botany^ or a Systematic view of 
the Organisation Natural Affinities and Geographical Distribution 
of the whole Vegetable Kingdom^ togeth^r with the uses of the most 
important spccies in Medicine^ the Arts etc. See. Edit. wilh nume- 
rous additions and corrections and a complete list of Genera with 
their Synonyma. London 1836. 8. 

J. C. Loudon, Kncyclopaedia of plants. Comprising the description 
specific Character, Culture , History , Application in the Arts, and 
every other desirable particulary respecting alV the plants indigenous 
to, cultivated in, or iniroduced into Britain. See. Edit. correct. con- 
taining nearly 1200 closehj-prinied pages, and 10,000 Engravings 
an leood, from Drawings by Sowerby. London 1836. Erscheint auch 
in das Deutsche übertragen von D. Dietrich.